Zwei neue Schriften zur Landfrage im Osten. 1893
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[220]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Im Jahre 1886 leitete Preußen aus nationalpolitischen Gründen eine intensive Kolonisationspolitik ein. Mit dem Ansiedlungsgesetz vom 26. April 18861[220]GS 1886, S. 131–134. sollte die Zurückdrängung der polnischen Bevölkerung in den Provinzen Westpreußen und Posen und die Stärkung des deutschen Volksteils erreicht werden. Unter der Leitung einer speziell zur Durchführung dieses Gesetzes geschaffenen Ansiedlungskommission wurde polnischer Besitz aufgekauft, parzelliert und zum Zweck der Ansiedlung deutscher Bauern und Arbeiter in Rentengüter umgewandelt. Zu Beginn der 90er Jahre wurde durch das Rentengutsgesetz vom 27. Juni 18902Ebd., 1890, S. 209f. und das Ergänzungsgesetz vom 7. Juli 18913Ebd., 1891, S. 279–284. die bereits in Posen und Westpreußen erprobte Errichtung von Rentengütern für ganz Preußen ermöglicht. Im Gegensatz zur Ansiedlungskommission waren jedoch die mit der Durchführung des Gesetzes betrauten Generalkommissionen nicht mit staatlichen Geldern ausgestattet und auch nicht befugt, von sich aus Land aufzukaufen und zu parzellieren. Vielmehr waren sie auf die Beratung von Gutsbesitzern bei der technischen Durchführung von Parzellierungen und der Schaffung von Rentengütern sowie auf die Prüfung von Anträgen bei den Rentenbanken auf Ablösung der Rente oder auf Gewährung eines Darlehens beschränkt. Sie konnten, ebenfalls im Unterschied zur Ansiedlungskommission, auch die Gründung von Rentengütern durch Angehörige anderer Nationalitäten fördern, waren also nicht an einen nationalpolitischen Auftrag gebunden.4Waldhecker, Paul, Ansiedelungskommission und Generalkommission. Ein Beitrag zur inneren Kolonisation des Ostens, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, 21. Jg., 1897, S. 207.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich zu Beginn der 1890er Jahre eine lebhafte Diskussion darüber, ob die staatliche Ansiedlungspolitik im Osten ausreiche, um sowohl die nationalpolitischen als auch die wirtschaftlichen Probleme auf dem Lande zu lösen. Dabei spielte zunehmend auch die Frage eine Rolle, wie man dem Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften abhelfen könne.

[221]Der Jenaer Agrarwissenschaftler Theodor von der Goltz, einer der besten Kenner der preußischen Agrargeschichte,5[221]Zu von der Goltz’ zahlreichen von Weber rezipierten Arbeiten siehe das Literaturverzeichnis, unten, S. 945. veröffentlichte Anfang 1893 eine Abhandlung über die Probleme der Landarbeiter im ostelbischen Preußen.6Goltz, Theodor von der, Die ländliche Arbeiterklasse und der preußische Staat. – Jena: Gustav Fischer 1893. Ausgehend von einer Analyse der preußischen Agrarreformen und deren Folgen für die Entstehung der modernen Landarbeiterschaft forderte er eine Intensivierung der staatlichen Kolonisation mit dem Ziel, die Ansiedlung von grundbesitzenden Arbeitern zu fördern. Unabhängig von dieser Studie erschien ebenfalls 1893 eine Abhandlung des Berliner Agrarwissenschaftlers Max Sering über agrarpolitische Fragen.7Sering, Max, Die innere Kolonisation im östlichen Deutschland (Schriften des Vereins für Socialpolitik 56). – Leipzig: Duncker & Humblot 1893. Im Unterschied zu von der Goltz setzte sich Sering nur mit Fragen und Ergebnissen der „inneren Kolonisation“ im Gefolge der Ansiedlungs- und Rentengutsgesetzgebung von 1886 und 1890/91 auseinander. Von der Goltz zitierte in seiner Schrift – grundsätzlich zustimmend – ausführlich aus Webers Landarbeiterenquete,8Goltz, Arbeiterklasse, S. 124–131. die 1892 als Band 55 der Schriften des Vereins für Socialpolitik veröffentlicht worden war.9Weber, Landarbeiter. Zudem hatte er im Mai 1893 Webers Untersuchung im Rahmen einer allgemeinen Besprechung der Enquete des Vereins für Socialpolitik rezensiert.10Goltz, Theodor von der, Die Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 3. Folge, Band 5, 1893, S. 752–762. Sering dagegen behandelte Webers Studie nur am Rande.11Sering, Kolonisation, bes. S. 10f., 76ff., 114, 147f., 160, 168, 179, 184.

Die intensive Beschäftigung mit der Landarbeiterfrage und den Kolonisierungsbestrebungen im Osten lenkte Max Webers Interesse auf die beiden Schriften. Die näheren Umstände, die den Anlaß dazu gaben, die im nachstehenden abgedruckte Rezension zu verfassen, sind nicht bekannt. Weber besprach die Studie von der Goltz’ an anderer Stelle noch einmal separat.12Siehe unten, S. 240–252.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Zwei neue Schriften zur Landfrage im Osten“, in: Das Land. Zeitschrift für die sozialen und volkstümlichen Angelegenheiten auf [222]dem Lande, hg. von Heinrich Sohnrey, Berlin, Nr. 15 vom 1. August 1893, S. 231–232, erschienen ist (A). Der Artikel ist gezeichnet mit „Max Weber“.