Zur Polenfrage. . Diskussionsbeitrag auf dem ersten Alldeutschen Verbandstag am 9. September 1894 in Berlin
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[717][Zur Polenfrage]

[A 27][Bericht in der Flugschrift des Alldeutschen Verbandes]

Herr Professor Dr. Max Weber (z.Z. Freiburg i. B.) hat später ähnliche Ausführungen im Septemberhefte 1894 der Preußischen Jahrbücher (Entwickelungstendenzen in der [A 28]Lage der ostelbischen Landarbeiter)1[717] Weber, Max, Entwickelungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter, in: Preußische Jahrbücher, Band 77, 1894, S. 437473; siehe oben, S. 368462. und an anderen Orten gemacht, und endlich bei den Verhandlungen des Alldeutschen Verbandstages in Berlin am 9. Sept. 1894 bei der Beratung der Polenfrage seine Ansichten über die Polonisierung der deutschen Ostmarken durch neues Beweismaterial belegt.

Er führte bei dieser Gelegenheit aus, daß sich auf Grund des im „Gemeindelexikon“2Siehe oben, S. 605, Anm. 2. und im „Handbuch des Grundbesitzes“3Siehe oben, S. 604, Anm. 1. enthaltenen Zahlenmaterials folgendes nachweisen läßt:

  1. Es hat sich in Westpreußen die Landbevölkerung am stärksten in den Kreisen mit gutem Boden vermindert, in den Kreisen mit schlechtem Boden dagegen vermehrt.
  2. Deutschtum und Polentum verhalten sich in den Landgemeinden und Gutsbezirken je entgegengesetzt zu einander: in den unfruchtbaren Kreisen des westlichen Höhenrückens in den Landgemeinden starkes Überwiegen der Polen (Katholiken), in den Gutsbezirken annäherndes Gleichgewicht, oft Überwiegen der Deutschen (Evangelischen); in den fruchtbaren Niederungskreisen in den Gutsbezirken starkes Überwiegen der Polen (Katholiken), in den Dörfern ein für die Deutschen weit günstigeres Mischungsverhältnis. Grund der Erscheinung: in den unfruchtbaren Höhenkreisen ist das große Gut bis in die neueste Zeit Träger der Kultur gewesen, die Tagelöhner der Güter standen höher als die Kleinbauern, deshalb waren die ersteren in stärkerem Maße deutsch als die letzteren. In den Niederungskreisen stehen die Instleute als Proletarier unter den dort eine höhere Lebenshaltung bewahrenden Bauern, deshalb waren die Bauern dort in höherem Maße deutsch als die Tagelöhner: Deutschtum und Kultur sind identisch.
  3. Die einzigen Regionen Westpreußens, in denen eine – schwache – relative Vermehrung der Evangelischen (Deutschen) zu be[718]merken ist, sind die bäuerlichen Bezirke des Weichseldeltas (Kreis Marienburg). Fast überall sonst ist schon für 1885 eine relative Abnahme des Deutschtums (der Evangelischen) gegen 1871 zu konstatieren.4[718] Vgl. dazu Webers Ausführungen in der Freiburger Antrittsrede „Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik“, oben, S. 550f. Dieselbe ist, wenn man Gemeinden und Gutsbezirke scheidet, in den Niederungskreisen in den Gutsbezirken, besonders denen mit Zuckerrübenbau, stärker, während sie auf der weniger fruchtbaren Höhe in den Landgemeinden besonders stark ist. Der Grund liegt in der traurigen Lage der Landwirtschaft im Osten, welche nur der kulturniedrigsten Schicht der Landbevölkerung die Fristung der Existenz [A 29]gestattet. Diese Schicht stellen die polnischen Tagelöhner, auf der Höhe die polnischen Bauern dar. Die großen Güter der Ebene ziehen statt der in ihren Lohnansprüchen, ihrer Lebenshaltung und ihrem Selbständigkeitsgefühl hochstehenden deutschen „Instleute“, polnische Wanderarbeiter aus Rußland heran – was unter dem Fürsten Bismarck seit 1886 verboten war,5Weber bezieht sich hier auf die beiden Ausweisungsverfügungen des preußischen Innenministers vom 26. März und vom 26. Juli 1885. Siehe dazu: Mai, Joachim, Die preußisch-deutsche Polenpolitik 1885/87. – Berlin: Rütten & Loening 1962, S. 42 und 57f. seitdem aber seit 1890 wieder erlaubt wurde.6Mit den Erlassen vom 26. November 1890 und vom 18. Dezember 1890 wurde die Zulassungssperre für polnische Saisonarbeiter für die vier preußischen Grenzprovinzen wieder aufgehoben. Nichtweiss, Johannes, Die ausländischen Saisonarbeiter in der Landwirtschaft der östlichen und mittleren Gebiete des Deutschen Reiches. – Berlin: Rütten & Loening 1959, S. 43. Und auf der Höhe entstehen durch Ausschlachtung deutscher Bauernhöfe, Abparzellierung von Außenschlägen der Güter – jetzt noch durch die Rentengutsgesetzgebung begünstigt7Die mit der Durchführung der Rentengutsgesetzgebung von 1890/91 in Preußen betrauten Generalkommissionen konnten im Gegensatz zur Ansiedlungskommission in Westpreußen und Posen die Rentengutsbildung auch bei Angehörigen anderer Nationalitäten fördern. Waldhecker, Paul, Ansiedelungskommission und Generalkommission. Ein Beitrag zur inneren Kolonisation des Ostens, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, 21. Jg., 1897, S. 206f. – polnische Parzellenbauern, welche mit selbstgebauten Kartoffeln und Schnaps vorlieb nehmen und deshalb von den Getreidepreiskonjunkturen freilich so wenig berührt werden wie ein weltabgeschnittener Urwaldkolonist.

Zu fordern ist:

  1. Sperrung der Grenze gegen die russisch-polnischen Wanderarbeiter, denn kein großes Gut, welches nur mit polnischen Arbeitern [719]existieren kann, ist vom Standpunkt der Nation aus existenzberechtigt.
  2. Aufkauf der auf schlechtem Boden nicht mehr haltbaren Güter durch den Staat, Verwandlung derselben in Domänen[,] und andrerseits Kolonisation geeigneter Domänen unter Wahrung der nationalen und der hiermit identischen Kulturinteressen.