Zur Polenfrage. . Diskussionsbeitrag auf dem ersten Alldeutschen Verbandstag am 9. September 1894 in Berlin
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[715]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Am 9. September 1894 fand in Berlin der erste Verbandstag des 1891 gegründeten Alldeutschen (ursprünglich: Allgemeinen Deutschen) Verbandes statt. Dieser Verband hatte sich die Stärkung des deutschen „Volkstums“ in der Welt sowie eine kraftvolle deutsche Weltpolitik zum Ziel gesetzt.1[715] Zur Geschichte des Alldeutschen Verbandes siehe: Kruck, Alfred, Geschichte des Alldeutschen Verbandes 1890–1939. – Wiesbaden: Steiner 1954; Chickering, Roger, We Men Who Feel Most German. A Cultural Study of the Pan-German League, 1886–1914. – Boston: George Allen & Unwin 1984, sowie die dort aufgeführte, weiterführende Literatur. Weber trat dem Alldeutschen Verband vermutlich in erster Linie deshalb bei,2Der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt und läßt sich auch aus den im ZStA Potsdam befindlichen Akten des Alldeutschen Verbandes nicht ermitteln. weil er sich von diesem eine Unterstützung der von ihm geforderten Intensivierung der inneren Kolonisation, verbunden mit einer Bekämpfung des polnischen Wanderarbeitertums in den preußischen Ostprovinzen, versprach.3Mommsen, Max Weber2, S. 58. Max Weber nahm am ersten Verbandstag teil und beteiligte sich an der Diskussion über die Polenfrage. Die Alldeutschen Blätter berichteten über die Debatte: „Die drei erstgenannten Herren [gemeint sind Max Weber, der Publizist Fritz Bley und Karl Kaerger] behandelten besonders die wirtschaftliche Seite der Polenfrage, und war es von hervorragender Bedeutung, wie Herr Prof. Weber ausführte, es sei der statistische Nachweis darüber erbracht, daß hier das nationale und wirtschaftliche Interesse vollkommen zusammenfielen. Der Redner konnte dies auf Grund besonderer Studien mit einem ausführlichen Zahlenmaterial belegen, dessen logischen Folgerungen in sozialer Beziehung sich auch die radikalsten Politiker nicht mehr verschließen könnten.“4Alldeutsche Blätter. Mitteilungen des All-Deutschen Verbandes, Nr. 38 vom 16. Sept. 1894, S. 153. Wenig später berichteten die Alldeutschen Blätter erneut über den Verbandstag: „Es soll [716]in dieser Beziehung hier nur kurz auf die Ausführungen des Professor Dr. Weber – wohl unzweifelhaft jetzt einer der besten Kenner der östlichen agrarischen Verhältnisse – auf dem Alldeutschen Verbandstage vom 9. September hingewiesen werden, wonach in dieser Frage das wirtschaftliche Bedürfnis mit dem deutsch-nationalen so vollkommen zusammenfalle, daß selbst der internationalste Sozialdemokrat von seinem wirtschaftlichen Standpunkt aus nicht umhin könne, einmal national zu sein.“5[716] Ebd., Nr. 42 vom 14. Okt. 1894, S. 173. In diesen äußerst knappen Berichten werden die Aussagen Webers entstellt. Denn seine These war ja gerade, daß die nationalen und wirtschaftlichen, d. h. unternehmerischen Interessen, im Osten auseinanderliefen.

In der ersten Flugschrift des Alldeutschen Verbandes „Die deutsche Ostmark“6Die deutsche Ostmark. Aktenstücke und Beiträge zur Polenfrage, hg. vom All-Deutschen Verbande (Flugschrift des All-Deutschen Verbandes 1). – Berlin: Priber 1894. wurde Webers Diskussionsbeitrag hingegen ausführlicher und präzise wiedergegeben. Dieser Bericht wird nachstehend mitgeteilt, während die bruchstückhaften Mitteilungen in den Alldeutschen Blättern vernachlässigt werden. Hier berichtete ein unbekannter Verfasser im Rahmen eines Artikels über „Die wirtschaftlichen Ursachen der Polonisierung der Ostmarken“ über Webers Äußerungen auf dem ersten Verbandstag. In diesem Zusammenhang verwies er auf die vom Verein für Socialpolitik 1891/92 durchgeführte Erhebung über die Lage der Landarbeiter und hob insbesondere Webers Beitrag hervor.7Ebd., S. 19f. Ausführlich zitierte er dann aus Webers Vortrag auf der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik von 1893.8Ebd., S. 20–24. Der Vortrag Webers ist oben abgedruckt, S. 165–198. Von der Flugschrift, in deren Rahmen der im folgenden abgedruckte Bericht über den Diskussionsbeitrag Webers auf dem ersten Alldeutschen Verbandstag erschien, wurden 10 000 Exemplare aufgelegt.9Beschluß des Geschäftsführenden Ausschusses vom 21. Oktober 1894 in Berlin, ZStA Potsdam, Alldeutscher Verband, Nr. 8, Bl. 1f.

Zur Überlieferung und Edition

Der Abdruck folgt dem Bericht in: Die deutsche Ostmark. Aktenstücke und Beiträge zur Polenfrage, hg. vom All-Deutschen Verbande (Flugschrift des All-Deutschen Verbandes 1). – Berlin: Priber 1894, S. 27–29 (A). Der Verfasser des Berichts konnte nicht ermittelt werden.