Zur Organisation von Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hülfsarbeit. 1893
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[861][A 117]Zur Organisation von Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hülfsarbeit

Der wirtschaftliche und kulturelle Notstand in großen Bevölkerungsschichten des Vaterlandes, die zunehmende Verbitterung innerhalb weiter Kreise des Volkes, rufen auch die Frauen gebieterisch zu sozialer Hülfsthätigkeit auf. Es darf nicht länger verkannt werden, daß gerade die Frauen und jungen Mädchen der oberen Stände eine schwere Mitschuld dafür trifft, jene Verbitterung durch Mangel an Interesse und Verständnis für die Anschauungen und Empfindungen der unbemittelten Klassen, durch den Mangel jedes persönlichen Verkehrs mit diesen Volkskreisen gesteigert zu haben.

Daß hier Wandel geschafft werden muß, haben die besten unter den deutschen Frauen vielfach erkannt. Jede Umsetzung dieser Erkenntnis in praktische Bestrebungen aber stößt unter den modernen, namentlich den großstädtischen Verhältnissen auf ernste Schwierigkeiten und erfordert um so dringlicher ein organisirtes Vorgehen.

Es handelt sich um keinerlei „Emanzipationsbestrebungen“, es handelt sich lediglich darum, Frauen und junge Mädchen zu ernster Pflichterfüllung im Dienste der Gesamtheit heranzuziehen.

Eine Organisation auf breiter Grundlage wird von Frauen Berlins unter Mitwirkung der Leiter der betreffenden Wohlfahrtsinstitute u.s.w. geplant. Beabsichtigt ist eine theoretische Ausbildung durch Vorträge, sowie praktische Thätigkeit der Frauen und jungen Mädchen. Die praktische Arbeit [A 118]soll durchaus im Vordergrunde stehen. Sie wird in der Thätigkeit in Wohlfahrts-Einrichtungen für das jugendliche Alter (Krippen, Knaben- und Mädchenhorte u.s.w.),a[861]A: u.s.w.); in Anstalten der Armenpflege, in Volksküchen, in Kranken-Anstalten, wie in anderweiter sozialer Hülfsthätigkeit (persönliche Fürsorge bei hülfsbedürftigen Familien u[nd] a[nderes] m[ehr]) bestehen. Einzelne dieser Thätigkeiten werden naturgemäß Frauen in reiferem Alter vorzubehalten sein. Der Umfang der Mitarbeit soll sich durchaus nach dem Maße der verfügbaren Zeit richten: es soll der individuellen Neigung und Fähigkeit der weiteste Spielraum gelassen werden.

[862]Bei dem theoretischen Teile der Ausbildung handelt es sich um keinen neuen gelehrten Ballast der Frauenbildung; die Vorträge sollen nicht Selbstzweck werden, vielmehr lediglich Mittel zu dem Zwecke sein, die Frauen und jungen Mädchen zu einer umsichtigen und planmäßigen praktischen Thätigkeit anzuregen. Es sollen aus diesem Gesichtspunkte lebendige Anschauungen geboten werden, indem leichtverständliche Vorträge über wirtschaftliche und soziale Verhältnisse nach Möglichkeit verbunden werden mit Besuchen in Musterstätten von öffentlichen oder privaten Wohlfahrts-Einrichtungen. Ferner soll eine geeignete Belehrung über öffentliche Gesundheitspflege und Verwandtes geboten werden. Eine Anzahl erfahrener Fachmänner hat sich für die Vorträge bereitwilligst zur Verfügung gestellt.

Berlin, im November 1893.