Zur Organisation von Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hülfsarbeit. 1893
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[859]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Der sozialpolitische Aufbruch zu Beginn der 1890er Jahre blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Frauenbewegung. Es entstanden zahlreiche sozialreformerische Frauenvereine, die sich gegen die herkömmlichen karitativen Frauenvereine abgrenzten. Diese neuen Vereine vermittelten anfänglich noch Frauen und Mädchen zu ehrenamtlicher Tätigkeit an Wohlfahrtsorganisationen; später bemühten sie sich um die systematische Ausbildung von Frauen für Tätigkeiten in den verschiedenen Bereichen der Sozialfürsorge. Dabei verfolgten sie das Ziel, staatlich anerkannte Ausbildungswege für bestimmte, im Zuge des Ausbaus des staatlichen Versorgungssystems an Zahl und Bedeutung zunehmende soziale Berufe zu schaffen.1[859] Greven-Aschoff, Barbara, Die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland 1894–1933. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1981, S. 78f. Diesen Zielen galt auch die Gründung der „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hülfsarbeit“ in Berlin 1893. Die Initiative zur Gründung dieser Gruppen ging von Minna Cauer, der Vorsitzenden des seit 1888 bestehenden Berliner Vereins „Frauenwohl“, aus.2Evans, Richard J., The Feminist Movement in Germany 1894–1933. – London: SAGE Publications 1976, S. 38f. Minna Cauer lenkte das Interesse dieses Vereins, der sich ursprünglich als reine Frauenrechtsorganisation verstanden hatte, zunehmend auf das Feld konkreter sozialer Tätigkeit.3Ebd., S. 39. Vgl. auch: Minna Cauer. Leben und Werk. Dargestellt an Hand ihrer Tagebücher und nachgelassenen Schriften von Else Lüders. – Gotha/Stuttgart: Fr. A. Perthes 1925, S. 71.

Die seit Ende 18924In einem Artikel der Zeitschrift „Frauenwohl“ heißt es: „Was vor einem Jahr […] begonnen worden ist, junge Mädchen zur Thätigkeit für das allgemeine Wohl nicht allein anzuregen, sondern auch vorzubereiten, hat sich nun zu einer größeren Organisation entwickelt.“ Frauenwohl. Zeitschrift für Frauen-Interessen, Nr. 16 vom 15. Dez. 1893, S. 125. in loser Form bestehenden „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hülfsarbeit“ sollten nach Minna Cauers Vorstellung straffer und als eigenständige Organisation unabhängig vom Verein „Frau[860]enwohl“ organisiert werden. Minna Cauer fand für ihre Pläne viel Zustimmung, insbesondere in Kreisen des Bildungsbürgertums und der Akademikerschaft. Den von ihr in der Zeitschrift „Frauenwohl“ veröffentlichten Aufruf „Zur Organisation von Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hülfsarbeit“ unterzeichnete neben zahlreichen anderen Persönlichkeiten, zu denen u. a. die Nationalökonomen Gustav Schmoller und Max Sering gehörten, auch Max Weber. Der Erklärung lag der Gedanke zugrunde, daß nur eine systematische praktische und theoretische Ausbildung sozialreformerisch interessierten Frauen die Möglichkeit geben könne, den sozialen Problemen unterbürgerlicher Schichten effektiv zu begegnen.5[860] Diese Beschränkung auf den rein sozialen Aspekt unter expliziter Ausklammerung der „Emanzipationsbestrebungen“ in der Erklärung führte wenig später zur Abspaltung des „Berliner Frauenvereins“ unter der Führung von Helene Lange. Evans, ebd., S. 39; Frauenwohl, Nr. 4 vom 15. Febr. 1894, S. 32a und 32b.

Auf welchem Wege und zu welchem Zeitpunkt Max Weber Kontakt zu dem Berliner Verein „Frauenwohl“ und den von diesem begründeten Gruppen bekam, ist unbekannt. Möglich ist jedoch, daß Weber über Gustav Schmoller, den Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik, geworben wurde. Ebenfalls ist wahrscheinlich, daß Weber bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erklärung (1. Dezember 1893) sein Einverständnis gegeben hatte, für die Vereinigung Vorträge zu halten, wie sie in der Erklärung angekündigt wurden. Bereits am 13. Januar 1894 erschien im Berliner Tageblatt eine entsprechende Anzeige, in der Weber als Referent genannt wurde.6Berliner Tageblatt, Nr. 23 vom 13. Jan. 1894, Ab. Bl., S. 2. Zu den Vorträgen Webers über „Grundzüge der modernen sozialen Entwickelung“ siehe unten, S. 910f. Manuskripte oder Berichte über diese Vorträge sind nicht überliefert.

Die Erklärung ist unterzeichnet von dem engeren Komitee des Vereins „Frauenwohl“. Dann folgt, davon abgesetzt, eine Unterschriftenliste mit dreiundfünfzig Namen, darunter an letzter Stelle Max Weber. Dieser unterzeichnete mit: „ Prof. Dr. Weber“.

Zur Überlieferung und Edition

Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Zur Organisation von Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hülfsarbeit“ in der Zeitschrift Frauenwohl. Zeitschrift für Frauen-Interessen, hg. vom Verein Frauenwohl, Berlin, Nr. 15 vom 1. Dezember 1893, S. 117f., erschienen ist (A).