Vertrauliches Anschreiben und Programmentwurf für eine neue Tageszeitung. 1896
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[885]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Friedrich Naumanns Versuche, eine von dem Evangelisch-sozialen Kongreß unabhängige christlich-soziale Gruppierung zu schaffen, sei es als Verein, sei es als Partei, begannen mit der Gründung der Wochenschrift „Die Hilfe“ Ende 1894.1[885] Die Hilfe. Gotteshilfe, Selbsthilfe, Staatshilfe, Bruderhilfe, hg. von Friedrich Naumann, Leipzig, seit 1897 Berlin: 1894–1919. Naumann bemühte sich, gleichsam um diese Zeitschrift herum einen Kreis gleichgesinnter, nicht dem konservativen Lager angehörender Christlich-Sozialer zu sammeln. Auch Max Weber gehörte zu dieser Gruppe. Obwohl er sich im Mai 1894 in der Besprechung der Schrift Naumanns „Was heißt Christlich-sozial?“2Oben abgedruckt, S. 350–361. über dessen politische Pläne höchst reserviert geäußert hatte, bot er ihm seine Unterstützung, namentlich bei der Gründung der „Hilfe“, an.3Weber bot eine Bürgschaft in Höhe von 3000 Mark an. Brief an Martin Rade vom 17. Aug. 1894, ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 106, BI. 116f. Darüber hinaus erklärte er sich mit der Veröffentlichung seines Namens im Mitarbeiterverzeichnis der „Hilfe“ einverstanden. Die Hilfe, 1. Probenummer, 2. Dez. 1894, S. 4. Anläßlich der Tagung des Evangelisch-sozialen Kongresses in Erfurt zu Pfingsten 1895 traf sich erstmals die Gruppe der sogenannten „Freunde der Hilfe“.4Die Hilfe, Nr. 20 vom 19. Mai 1895, S. 7. Da Weber dort an dem Evangelisch-sozialen Kongreß teilnahm,5Weber, Marianne, Lebensbild1, S. 232; Bericht über die Verhandlungen des Sechsten Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Erfurt am 5. und 6. Juni 1895. – Berlin: Karl Georg Wiegandt 1895, S. 147 (Verzeichnis der Teilnehmer). ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß er auch bei diesem informellen Treffen zugegen war, auf dem neben der „Lage der evangelisch-sozialen Bewegung“ auch Organisationsvorschläge besprochen wurden.6Die Hilfe, Nr. 21 vom 26. Mai 1895, S. 8. In dieser Sitzung wurde er zusammen mit seinem Freiburger Kollegen Gerhart von Schulze-Gaevernitz sowie den beiden Pastoren Martin Wenck und Gottfried Traub in das „Comité [886]der Freunde der Hilfe“ gewählt.7[886] Rundbrief Friedrich Naumanns an Martin Wenck, Gerhart von Schulze-Gaevernitz, Gottfried Traub und Max Weber vom 14. Aug. 1895, ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 232, BI. 99f. Die bereitwillige Aufnahme der Weber so wichtig erscheinenden nationalpolitischen Ideen durch Naumann8Vgl. in diesem Zusammenhang Naumanns zustimmenden Artikel über Webers Freiburger Antrittsrede, in: Die Hilfe, Nr. 28 vom 14. Juli 1895, S. 1f. Die Antrittsrede ist in diesem Band abgedruckt, S. 543–574. bestimmte ihn zur weiteren Mitarbeit in dem Kreis der jüngeren Christlich-Sozialen. Einem Appell Friedrich Naumanns zur Gründung bzw. Stärkung lokaler Vereinigungen folgend,9Rundbrief Friedrich Naumanns vom 14. Aug. 1895. Wie Anm. 7. beteiligte er sich am 4. Dezember 1895 in Frankfurt am Main an dem Treffen der „Freunde der Hilfe“ aus Hessen und Hessen-Nassau.10Vgl. den Bericht der FZ, Nr. 337 vom 5. Dez. 1895, 3. Mo.BI., S. 1. Eine Anwesenheitsliste mit der Unterschrift Webers befindet sich im ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 60, BI. 162. Hier äußerte er die Ansicht, „daß man sich erst im Vorstadium zu einer Gruppenbildung befinde, die allerdings, wenn die politischen Fragen herantreten, zu einer Partei entwickelt werden kann. Zunächst solle Pfarrer Naumann die Gelegenheit erhalten, sich nicht mehr so speziell wie bisher mit den Arbeitervereinen zu identifiziren, sondern sich mehr den Interessen der Gesammtheit zu widmen.“11Bericht der FZ, ebd.

Weber war auch Mitglied des Komitees, das die Gründung einer eigenständigen national-sozialen Tageszeitung, der späteren „Die Zeit“,12Die Zeit. Organ für nationalen Sozialismus auf christlicher Grundlage, Berlin: 1. Okt. 1896–30. Sept. 1897. vorbereitete.13Bei Weber, Marianne, Lebensbild1, S. 233, heißt es: „[…] und tritt in den die Zeitung vorbereitenden Ausschuß ein.“ Dieses Komitee arbeitete unter der Federführung Friedrich Naumanns14Auf der Sitzung des Ausschusses der „Freunde der Hilfe“, an der Weber nicht teilnahm, kündigte Naumann am 11. Januar 1896 die Ausarbeitung eines Programmentwurfs an. Siehe das Protokoll der Sitzung, ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 60, BI. 37. Grundlinien für die geplante Tageszeitung aus. Weber unterzeichnete die ersten beiden, im Januar und Februar 1896 vorgelegten Entwürfe dieser Grundlinien.

Diese Entwürfe bestehen aus einem Anschreiben an mögliche Förderer des Projektes, einer Anlage A („Zweck der Zeitung“, „Leitideen“) und einer Anlage B (einem Formular, in das der Adressat wahlweise eine Spenden- oder Darlehenssumme eintragen oder den Erwerb eines Anteilsscheins der zu gründenden Zeitung beantragen konnte). Der erste Entwurf trägt am Kopf den Vermerk „Vertraulich“ sowie die Datierung „Ende Januar [887]1896“.15[887] Ein Exemplar befindet sich im ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 60, BI. 80–82. Der erste Teil, das Anschreiben, ist unterzeichnet: „Das vorbereitende Komitee:“ Dann folgen die Namen der Mitglieder:

  • „Pfarrer Battenberg, Frankfurt a.Μ.
  • Pfarrer Foerster, Frankfurt a.Μ.
  • Landgerichtsrat Küchler, Darmstadt.
  • Pfarrer Naumann, Frankfurt a.Μ.
  • Landgerichtsrat a. D. v. Oertzen, Freiburg i. Br.
  • Professor v. Schulze-Gävernitz, Freiburg i. Br.
  • Pfarrer Rade, Frankfurt a.Μ.
  • Professor Trommershausen, Frankfurt a.Μ.
  • Professor Max Weber, Freiburg i. Br.
  • Professor Johannes Weiss, Marburg.
  • Direktor Heinrich Weizsäcker, Frankfurt a.Μ.
  • Professor Zimmer, Herborn.“

Auf dem Entwurf befinden sich Randnotizen, die, wie die Federzeichnung auf der letzten Seite, von Friedrich Naumann stammen. Sie wurden vermutlich anläßlich der Erörterung der Vorlage auf der Sitzung des „engeren Kreises der jüngeren Christlich-sozialen“ am 10. und 11. Februar 1896 in Erfurt vorgenommen; Weber nahm an dieser Sitzung nicht teil.16Im Protokoll der Sitzung heißt es: „Naumann berichtet über die Tageszeitung.“ Deutsche Staatsbibliothek, Berlin, Nl. Hans Delbrück, Kasten 123 (Briefe von Fr. Naumann). (Auch abgedruckt in: Kouri, E. J., Der deutsche Protestantismus und die soziale Frage 1870–1919. – Berlin: de Gruyter 1984, S. 215–219). Obwohl Weber an dieser Sitzung nicht teilnahm, wurde er in einen achtköpfigen Ausschuß gewählt, der die Aufgabe zugeteilt bekam, mit den älteren Vertretern der christlich-sozialen Richtung zu verhandeln „und mit ihr einen modus vivendi zu suchen.“ Ferner sollte der Ausschuß, in den u. a. auch Gottfried Traub, Wilhelm Kulemann, Friedrich Naumann, Gerhart von Schulze-Gaevernitz und Paul Göhre gewählt wurden, ein Vereinsprogramm entwerfen. Ob Weber die Wahl annahm, ist nicht bekannt.

Der überarbeitete zweite Entwurf17Exemplare befinden sich im ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 60, BI. 34–36, ebd., Nr. 248, BI. 88–90, sowie im BA Koblenz, Nl. Gottfried Traub, Nr. 41, unpaginiert. Das Exemplar im Nl. Traub trägt handschriftliche Notizen, die vermutlich von Traub stammen. vom Februar 1896 berücksichtigt die Randnotizen und noch andere Änderungen. Das wiederum als „Vertraulich“ gekennzeichnete Anschreiben ist unterzeichnet mit „Das vorbereitende Komitee“ und den Namen seiner Mitglieder. In dieser Fassung fehlt nunmehr Heinrich Weizsäcker, während neu hinzugekommen sind „Fabrikdirektor Dietze, Frankfurt a.Μ.“ und „Oberst a.D. v. Sydow, Clarens.“ Dieser Entwurf wurde an die in Frage kommenden Interessenten verschickt, die im zweiten Teil enthaltenen „Leitlinien“ in Tageszeitungen veröffent[888]licht18[888] So in der Freiburger Zeitung, Nr. 51 vom 1. März 1896. und im Anschluß daran noch mehrmals modifiziert. Eine Mitverantwortung oder sogar Mitverfasserschaft Webers an diesen späteren Fassungen ist nicht nachweisbar und auch nicht anzunehmen.19Ein Exemplar der vermutlich dritten Fassung befindet sich ebenfalls im BA Koblenz, Nl. Gottfried Traub, Nr. 41, unpaginiert. Das dazugehörige Anschreiben ist unterzeichnet: „I.A. Foerster, Pfarrer“.

Der spätere Programmentwurf zur Gründung des Nationalsozialen Vereins20Abgedruckt in: Protokoll über die Vertreter-Versammlung aller National-Sozialen in Erfurt vom 23. bis 25. November 1896. – Berlin: Verlag der „Zeit“ [1896], S. 6f. Vorveröffentlichungen in: Die Hilfe, Nr.40 vom 4. Okt. 1896, S. 2, und Nr. 44 vom 1. Nov. 1896, S. 2, sowie Die Zeit, Nr. 1 vom 1. Okt. 1896. beruhte auf den Programmentwürfen zur Gründung der neuen Tageszeitung. Der insgesamt sieben Punkte umfassende nationalsoziale Programmentwurf stimmte bis auf eine Wendung in Punkt vier bis einschließlich Punkt fünf wörtlich mit dem Teil „Leitideen“ (Anlage A) des von Max Weber unterzeichneten zweiten Entwurfs der Grundlinien für die Tageszeitung von Februar 1896 überein.21Zu Webers Haltung zu der am 1. Oktober 1896 erstmalig erscheinenden Tageszeitung „Die Zeit“ sowie zur Gründung des Nationalsozialen Vereins siehe den Editorischen Bericht zu seinem „Diskussionsbeitrag in der Debatte über das allgemeine Programm des Nationalsozialen Vereins“, oben, S. 612–618.

Ob und inwieweit Max Weber an der Ausarbeitung der Entwürfe von Januar und Februar 1896 direkt beteiligt war, ließ sich nicht ermitteln. Möglicherweise geht die Forderung nach Beschränkung der Macht des Großgrundbesitzes und nach Förderung der inneren Kolonisation, also der Ansiedlung deutscher Bauern und Landarbeiter in den Ostprovinzen, auf seine Anregung zurück. Die Streichung dieser Punkte und die Vorlage eines neuen Programms durch Naumann auf der Gründungsversammlung des Nationalsozialen Vereins in Erfurt im November 1896 war es ja, die Weber schließlich bewog, sich von diesem Unternehmen zu distanzieren.22Siehe dazu oben, S. 614f.

[889]Zur Überlieferung und Edition

Hier werden nur die beiden Fassungen berücksichtigt, die von Weber unterzeichnet und damit mitverantwortet wurden. Ein Druckexemplar der ersten Fassung von „Ende Januar 1896“ (A) befindet sich im ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 60, Bl. 80–82. Druckexemplare der zweiten Fassung von „Februar 1896“ (B) befinden sich ebd., Bl. 34–36, und Nr. 248, Bl. 88–90, sowie im BA Koblenz, Nl. Gottfried Traub, Nr. 41, unpaginiert. Der Abdruck folgt B unter Angabe der Abweichungen von A. Die nur durch den Wechsel in der Orthographie von – c – zu – k – konstituierten Varianten werden vernachlässigt.