Über Burschenschaften und Corps.. Rede am 20. Juli 1895 in Freiburg
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[731][Über Burschenschaften und Corps]

[A 2][Bericht der Breisgauer Zeitung]

Hiernach meldete sich Herr Prof. Dr. Weber (Allemanniae-Heidelberg) zum Worte.

Er behandelte die Frage der Existenzberechtigung der heutigen Burschenschaft nach der Seite der Freiheit hin, die sie im Wahlspruch führt.1[731] Der Wahlspruch lautet: „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Vgl. Wentzcke, Paul, Geschichte der Deutschen Burschenschaft, 1. Band. – Heidelberg: Carl Winters 1919, S. 253. Man sage oft, die Burschenschaft sei zwecklos, nachdem ihre Ideale erfüllt seien. Die Burschenschaft ist allerdings nicht der einzige akademische Verband, der vaterländische Gesinnung pflegt, aber daneben hat sie auch Freiheit im Wahlspruch. Freiheit im politischen Sinne haben wir Deutsche mit der Gründung des Reiches schon erreicht. Die Freiheit kann aber noch in anderem Sinne verstanden werden. Als der Redner vor 13 Jahren Student wurde, machte er die Bemerkung, daß man ihn für gewisse Corporationen damit zu „keilen“ versuchte, daß man ihm die Zahl der Geheimen Räthe und Excellenzen nannte, die jenen Verbindungen angehörten und die den Jungen zu Stellungen verhelfen könnten. Das sei der Hauptgrund gewesen, weshalb er dort nicht eintrat, sondern Burschenschafter wurde. Einer Burschenschaft wäre es auch niemals vorgekommen, daß sie einen Bismarck zuerst aus ihren Reihen gestoßen, und als er ein berühmter, einflußreicher Mann geworden, ihn demüthig eingeladen hätte, wieder einzutreten.2Weber stützt sich hier auf Berichte, denen zufolge Bismarck nach der Annexion Hannovers 1866 aus der Hannovera ausgeschlossen und erst etwa 1870 wieder aufgenommen worden sei. Gemäß der „Geschichte des Corps Hannovers zu Göttingen 1809–1959“, hg. von Franz Stadtmüller. – Göttingen 1963, S. 112f., gehen diese Berichte auf Mitteilungen eines Presseorgans der Welfen – der Deutschen Volkszeitung, Hannover – zurück; der Sachverhalt selbst lasse sich aus den Protokollen der Hannovera aber nicht belegen. Der Redner hofft, daß die Burschenschaft ein Hort der Freiheit bleiben und dem giftigen Reptil, dem Streberthum, einen unüberwindlichen Wall entgegensetzen wird. Die individuelle Freiheit des Einzelnen soll sich entwickeln können, und an der akademischen Freiheit soll die Burschenschaft bewußt festhalten. Die akademische Freiheit lebe hoch!