Rezension von: Wilhelm Vallentin, Westpreußen seit den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. 1896
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[604][Rezension von:]

[A 308]Westpreußen seit den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geschichte der Entwicklung des allgemeinen Wohlstandes in dieser Provinz und ihren einzelnen Theilen. Von Dr. Vallentin. Tübingen, H[ermann] Laupp. 1893. 225 S. (A[uch] u[nter] d[em] T[itel]: Beiträge zur Geschichte der Bevölkerung in Deutschland seit dem Anfang dieses Jahrhunderts. Herausg. von F[riedrich] J[ulius] Neumann. Bd. 4.)

Die verdienstliche Schrift muß an dieser Stelle mit einem kurzen Hinweis vorlieb nehmen. Die rein deskriptive Darstellung, vielfach den Charakter einer in fließende Rede aufgelösten Zahlentabelle in sich tragend, behandelt einleitend die Boden- und klimatischen Verhältnisse, Ernteerträge, Viehstand, Bodenerträge, Minimallöhne im allgemeinen, sodann in einem ersten Theil die Wohnungsverhältnisse, Verkehrsmittel, Gewerbe, Arbeitslöhne, Steuerergebnisse, Schul- und Sanitätsverhältnisse, Sparkassen, Kriminalstatistik, und in einem zweiten Theil die gleichen Gegenstände, örtlich gesondert nach ihrem allgemeinen Charakter und ihrer nationalen Besiedlung nach zusammengehörigen Gebieten, stets im Vergleich mit den entsprechenden Verhältnissen in den anderen Provinzen und im preußischen Staat. Neben der amtlichen Statistik sind Spezialwerke und gelegentlich handschriftliche Zusammenstellungen Neumann’s benutzt. Die durchweg sorgfältige Arbeit will nur eine Wiedergabe des zahlenmäßig Feststellbaren als Materialsammlung bieten und meidet offenbar geflissentlich alle mehrdeutigen oder nothwendig nur annähernd genauen Zahlen[A 309]darstellungen. Wohl deshalb hat der V[er]f[asser] – was mir bedauerlich erscheint – die Verarbeitung des Materials, welches die verschiedenen „Handbücher des Grundbesitzes“1[604]Das nach amtlichen Quellen bearbeitete „Handbuch des Grundbesitzes“ bezog sich auf das gesamte Deutsche Reich. Es verzeichnete sämtliche Güter, ihre Qualität und Größe, ihre Besitzer und Pächter. Darüber hinaus gab es u.a. auch Auskunft über Gewerbe, Poststationen und die Züchtung spezieller Viehrassen. Für die Provinz Westpreußen lagen Ausgaben von 1880, 1885, 1891 und 1894 vor. Siehe im Literaturverzeichnis, unten, S. 946. an die Hand geben, unterlassen. Ebenso sind die Gemeinde[605]lexika2[605]Das „Gemeindelexikon“ verzeichnete sämtliche Stadtgemeinden, Landgemeinden und Gutsbezirke im Königreich Preußen. Es gab Auskunft u. a. über die Größe der Kreise, die durchschnittlichen Grundsteuerreinerträge und die Bodenart sowie die ansässige Bevölkerung und ihre Konfession. Siehe im Literaturverzeichnis unter „Gemeindelexikon“ und „Die Gemeinden und Gutsbezirke“, unten, S. 944f. nicht in der Art, wie sie es verdienten, herangezogen. Sie bilden eine Quelle allerersten Ranges für die beschreibende Bevölkerungsstatistik nicht nur, sondern auch für die Ermittlung der Verschiebungen, welche innerhalb der kleinsten Einheiten – Gemeinden und Güter – vor sich gehen. Die Benutzung ist, namentlich zu dem letzteren Zweck, mühsam, aber dennoch sehr lohnend. Schon wenn der V[er]f[asser] die Landgemeinden und Gutsbezirke einmal für größere gleichartige Gebiete, z. B. inbezug auf ihre konfessionelle Zusammensetzung, getrennt betrachtet und dabei gefunden hätte, daß sie sich verschieden und zwar typisch verschieden verhalten, wenn er dann weiter die Verschiebungen der Konfessionen zwischen 1871 und 1885 beobachtet und bemerkt hätte, daß auch hier beide genannte Kategorien in charakteristischer Art von einander abweichen, würde er in der Beurtheilung der Frage nach den Gründen des Rückgangs des Deutschthums weiter gekommen sein, als es jetzt bei ihm der Fall ist. Freilich operirt man dabei mit Zahlen, welche durchweg der Interpretation bedürfen; allein wie steht es mit der „Exaktheit“ z. B. der Grundsteuer-Reinertragsziffern? – Die Zahlen Vallentins erweisen auch so den Zusammenhang der Grundbesitzvertheilung mit der Verschiebung der Nationalitäten, aber sie geben ein einseitiges Bild: es scheint nach ihnen so, als ob nur der Großgrundbesitz da, wo er vorherrscht, polonisirt. Das ist freilich der Fall, und zwar, weil dort die deutsche Bevölkerung sich durch Abzug vermindert. Aber dazu tritt ein ferneres Moment: die Polonisirung durch Neuansiedlung polnischer Kleinbauern, und dies Moment lassen V[allentin]’s Zahlen nicht erkennen. – Damit soll dem Werth der Arbeit nicht zu nahe getreten werden; es zeigt sich nur an diesem Beispiel, daß die m. E. doch etwas willkürliche Begrenzung des verarbeiteten Stoffs gelegentlich Nachtheile mit sich bringt.