Rezension von: Was heißt Christlich-Sozial? Gesammelte Aufsätze von Friedrich Naumann. 1894
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[346]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

1890 leitete Wilhelm II. eine Wende in der Sozialpolitik ein, der auch die preußische Landeskirche folgte. Mit der Ansprache des Evangelischen Oberkirchenrates vom 17. April 1890 öffnete sie sich für die sozialen Fragen und räumte den Geistlichen einen bislang nicht gekannten Spielraum in dieser Hinsicht ein.1[346]Pollmann, Klaus Erich, Landesherrliches Kirchenregiment und soziale Frage. – Berlin: Walter de Gruyter 1973, S. 81–84. Die gleiche Zeitströmung fand ihren Niederschlag auch in der Gründung des Evangelisch-sozialen Kongresses. Dieser war Ausdruck eines immer stärker werdenden Bestrebens unter der protestantischen Geistlichkeit, sich mit der Arbeiterfrage und der Sozialdemokratie und ihren Erfolgen auseinanderzusetzen. Im Evangelisch-sozialen Kongreß fanden sozialkonservative Geistliche der Richtung Adolf Stoeckers und sozialliberale Geistliche zusammen. Die sog. „jüngere“ sozialliberale Richtung lehnte die herkömmliche patriarchalische Behandlung der Arbeiterfrage ab und bemühte sich um eine sozialpolitische Neuorientierung auf der Grundlage der christlichen Weltanschauung. Die „Jungen“ wurden angeführt von Paul Göhre, der mit seiner Studie „Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche“2Leipzig: Fr. W. Grunow 1891. großes Aufsehen erregt hatte. In erster Linie aber war es Friedrich Naumann, der der neuen Bewegung Profil verlieh und Resonanz in der breiteren Öffentlichkeit verschaffte. Dazu trug auch Naumanns Rolle in der evangelischen Arbeitervereinsbewegung bei. Er hatte in Frankfurt a.Μ., wo er als Vereinsgeistlicher für die Innere Mission tätig war, einen Arbeiterverein gegründet. Seine sozialreformerische Einstellung brachte ihn rasch in Gegensatz zu dem rheinisch-westfälischen Arbeiterverband, der konservativ, kulturkämpferisch und antisozialdemokratisch geprägt war. Es geht auf Naumanns Einfluß zurück, daß in dem Programm des Gesamtverbandes evangelischer Arbeitervereine von 1893 entschiedene sozialpolitische Positionen Berücksichtigung fanden.3Theiner, Peter, Sozialer Liberalismus und deutsche Weltpolitik. Friedrich Naumann im Wilhelminischen Deutschland (1860–1919). – Baden-Baden: Nomos 1983, S. 27f.

[347]Naumann faßte seine bis dato erschienenen wichtigen Aufsätze zu sozialpolitischen Fragen und zum christlichen Sozialismus Anfang 1894 in der Schrift „Was heißt Christlich-Sozial?“4[347]Gesammelte Aufsätze. – Leipzig: A. Deichert’sche Verlagsbuchhandlung Nachf. (G. Böhme) 1894. zusammen. Darin legte er dar, daß die Sozialdemokratie eine politische und gesellschaftliche Kraft darstelle, die man ernst nehmen müsse und die schwerlich weiterhin umgangen werden könne.5Ebd., S. 4. Statt der Sozialdemokratie kompromißlos den Kampf anzusagen, wie es die ältere christlich-soziale Richtung und der Evangelische Oberkirchenrat auch noch nach der Wende von 1890 taten,6Pollmann, Kirchenregiment, S. 83f. forderte er zu einer maßvollen, eher abwartenden Haltung auf.7Siehe auch für das folgende: Naumann, Was heißt Christlich-Sozial, S. 3–6. Auf Dauer, so Naumann, werde die Sozialdemokratie die Bevölkerung nicht zufriedenstellen können. Die seit 1890 stets zunehmenden Erfolge der Sozialdemokratie würden bald an eine Grenze stoßen. Dann aber sei die große Stunde der Christlich-Sozialen gekommen. Sie hätten die Chance, die Sozialdemokratie zu beerben und die Arbeiterschaft für höhere, über den materiellen Aspekt hinausgehende Ziele zu gewinnen. Bis dahin müsse die Christlich-soziale Bewegung weiter an einer Erneuerung der evangelischen Lehre arbeiten, die auch die sozialen Fragen in den Blick nehmen müsse. In Anlehnung an das Urchristentum müsse sie eindeutig Partei für die Schwächsten nehmen. Naumann hatte dabei insbesondere jene sozialen Randgruppen im Auge, die von der Agitation der Sozialdemokratie nicht erfaßt wurden, wie die untere Beamtenschaft und zahlreiche Dienstleistungsberufe, z. B. die Kutscher, Portiers, Diener, Kellner. Für die nächste Zeit formulierte Naumann die folgenden konkreten Forderungen: Verbesserung des Arbeiterschutzes, die schrittweise Eindämmung der privaten Verfügungsgewalt über den Boden, Steuerreformen, die die Steuerlast stärker auf die Schultern der besitzenden Schichten verlagerten, sowie die Stärkung der Stellung der Gewerkschaften und beruflichen Fachvereine.8Ebd., S. 86.

Die Schrift Naumanns lud zur Auseinandersetzung geradezu ein. Daß es dabei zu scharfen Kontroversen kommen würde, lag auf der Hand. Denn Naumann lehnte sowohl die evangelische Amtskirche als auch die „bürgerliche Nationalökonomie“ entschieden ab. Zwar befasse sich die Nationalökonomie mit sozialen Fragen, doch von einem Standpunkt aus, der eine Betrachtung dieser Frage „im Sinne der armen Brüder“ unmöglich mache.9Ebd., S. 17.

Martin Rade, der Herausgeber der „Christlichen Welt“ und Schwager Friedrich Naumanns, wandte sich an den liberalen Theologen Paul Drews [348]und an Max Weber mit der Bitte, Naumanns Schrift aus theologischer respektive nationalökonomischer Sicht zu besprechen.10[348]Dies geht aus der Anmerkung Rades zu der im folgenden abgedruckten Besprechung Webers hervor. Max Weber akzeptierte, hatte er doch der Evangelisch-sozialen Bewegung von Anbeginn an mit großer Sympathie gegenübergestanden. Für seinen Vetter, den Theologen Otto Baumgarten, hatte er seinerzeit redaktionelle Arbeiten für die neugegründeten Evangelisch-sozialen Zeitfragen übernommen11Brief an Hermann Baumgarten vom 3. Jan. 1891, ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 7. und einen Beitrag über die Landarbeiterfrage zugesagt.12Brief an Hermann Baumgarten vom 28. April 1892, ebd. Paul Göhre hatte er gegen Angriffe aus dem orthodoxen Lager verteidigt.13Siehe Webers Artikel „Zur Rechtfertigung Göhres“. In diesem Band, oben, S. 108–119. Den antisemitisch verbrämten Sozialkonservativismus Stoeckers lehnte er auf das Schärfste ab.14Mommsen, Max Weber2, S. 20.

Webers Bindungen an die Evangelisch-soziale Bewegung waren anfänglich geprägt durch seine engen Beziehungen zu Otto Baumgarten und Paul Göhre; mit letzterem arbeitete er an der großen Landarbeiterenquete des Evangelisch-sozialen Kongresses zusammen. Mit der Übernahme der Besprechung der Schrift „Was heißt Christlich-Sozial?“ trat dann zunehmend die Beziehung zu Friedrich Naumann, dem unbestrittenen Vordenker der jüngeren Christlich-Sozialen, in den Vordergrund. Aber nicht nur in dieser Hinsicht bedeutete die Rezension Webers eine Wende. Zugleich formulierte er hier erstmals seine grundsätzlichen Einwände gegen die christlich-sozialen Positionen, die seine künftige Haltung in diesen Fragen maßgeblich bestimmen sollten. Trotz aller Sympathie für Naumann und größtem Respekt vor dessen persönlicher Integrität im Kampf mit den Kirchenbehörden15In einem Brief an Martin Rade zeigte sich Weber erschrocken über das Verhalten der Kirche gegenüber Naumann und stellte sich vorbehaltlos hinter ihn. Brief an Martin Rade vom 23. Dez. 1893, UB Marburg, Nl. Martin Rade. Offensichtlich aufgrund einer Fehlinformation von Paul Göhre ging Weber dabei davon aus, daß Naumann aus seiner Stellung entlassen worden sei. Tatsächlich war Naumann durch das Frankfurter Konsistorium nur gemaßregelt worden, weil er in einer Versammlung gemeinsam mit dem früheren Kandidaten der Theologie und Sozialdemokraten Theodor von Wächter aufgetreten war. Vgl. Theiner, Sozialer Liberalismus, S. 32f. scheute sich Weber nicht, seine Kritik an dem Programm Naumanns und den zugrundeliegenden ökonomischen Prämissen in aller Schärfe darzulegen.

Wie aus einer Anmerkung Rades zu der Besprechung Webers hervorgeht, sollte die Rezension ursprünglich schon in Nr. 19 der „Christlichen Welt“ vom 10. Mai 1894 zusammen mit einer vom theologischen Stand[349]punkt aus verfaßten Besprechung von Paul Drews erscheinen, also in der Nummer, die dem fünften Evangelisch-sozialen Kongreß gewidmet war. Zum Teil aufgrund des unvorhergesehen großen Umfangs wurden beide Besprechungen dann erst in der darauffolgenden Nummer gedruckt.16[349]Drews, Paul, Für und wider Naumann, in: Die christliche Welt, Nr. 20 vom 17. Mai 1894, Sp. 467–472. Webers Besprechung schloß sich unmittelbar an. Webers Rezension hat möglicherweise am 12. April 1894 als Manuskript vorgelegen.17Im Brief an Marianne Weber vom 12. April 1894, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446, heißt es: „ich habe heut ½ Dutzend Briefe hinter mir ([…] ferner Recensionen betr. etc. etc.)“.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Was heißt Christlich-Sozial? Gesammelte Aufsätze von Fr[iedrich] Naumann“, in: Die christliche Welt. Evangelisch-Lutherisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände, Leipzig, Nr. 20 vom 17. Mai 1894, Sp. 472–477, erschienen ist (A). Der Text ist gezeichnet: „Max Weber“. Webers eigene Anmerkungen binden in A mit Sternchen an. Diese wurden durch die Indizierung mit in offene Klammern gesetzte Ziffern ersetzt.