Landwirtschaft und Agrarpolitik. Grundriß zu 8 Vorlesungen im Evangelisch-sozialen Kursus zu Berlin. Oktober 1893
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[254]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Der Evangelisch-soziale Kongreß hatte die Absicht, vom 10. bis 20. Oktober 1893 in Berlin einen Kursus über soziale Fragen nach dem Vorbild ähnlicher Veranstaltungen in Mönchengladbach und Elberfeld durchzuführen.1[254]Vgl. hierzu im einzelnen den Editorischen Bericht zu Max Webers Artikel „Die Evangelisch-sozialen Kurse in Berlin im Herbst dieses Jahres“, oben, S. 229–232. Im Unterschied zu letzteren sollte jedoch die geplante Tagung einen streng wissenschaftlichen Charakter tragen, ausgesprochen kirchliche oder politische Gesichtspunkte sollten keine Rolle spielen. Ziel der Veranstaltung war es, an sozialen Problemen interessierten Geistlichen Einblicke in die Komplexität wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse zu vermitteln. Rückschauend charakterisierte Paul Göhre, der Generalsekretär des Evangelisch-sozialen Kongresses, den Zweck des Kursus folgendermaßen: „Einmal wollte man durch ihn eine tiefere Kenntnis der nationalökonomischen Wissenschaft für alle die Gesinnungsgenossen ermöglichen, die ernstlich und gründlich an den gestellten eigentümlichen evangelisch-sozialen Problemen mitarbeiten möchten; andrerseits wollte man alle die, denen es vorwiegend um das Mitreden, ja Mitschwatzen, nicht aber um energische Förderung der Sache zu thun ist, durch eingehende Vorführung des ganzen großen sozialpolitischen Gebiets von ihrer oberflächlichen und schädlichen Mitarbeit für künftig abschrecken.“2Göhre, Paul, Die evangelisch-soziale Bewegung, ihre Geschichte und ihre Ziele. – Leipzig: Fr. W. Grunow 1896, S. 149. Auch Max Weber sah den Zweck der Kurse in der Verbreitung und Vertiefung des nationalökonomischen Wissens bei denjenigen Geistlichen, die, der Not gehorchend, sich mit den sozialen Problemen der Zeit auseinandersetzten.3Weber, Max, Die Evangelisch-sozialen Kurse in Berlin im Herbst dieses Jahres, oben, S. 236f.

Das Interesse, auf das der Evangelisch-soziale Kursus stieß, war unerwartet groß. Anstelle der fünfzig erwarteten Besucher kamen fünfhundert; [255]die weit überwiegende Mehrheit waren Theologen; aber auch Lehrer und Juristen waren unter den Teilnehmern.4[255]Vgl. Göhre, Bewegung, S. 149.

Sieben Vortragsreihen von jeweils vier oder acht Stunden waren vorgesehen.5Vgl. für das folgende: Göhre, Paul, Unser bevorstehender nationalökonomischer Kursus, in: Mitteilungen des Evangelisch-sozialen Kongresses, Nr. 7 von Aug./Sept. 1893, S. 1. Gegenüber den ursprünglichen Plänen (vgl. oben, S. 231) wurde auf die Vorträge über „Die soziale Bedeutung der Inneren Mission“ und über „Evangelisch-soziale Bestrebungen“ verzichtet. Namhafte Nationalökonomen sowie der Braunschweiger Amtsrichter und nationalliberale Sozialpolitiker Wilhelm Kulemann boten Vorlesungen über die folgenden Themen an:

  1. „Elemente der Nationalökonomie“ (Adolph Wagner)
  2. „Systeme der Volkswirtschaft“ (Ludwig Elster)
  3. „Agrarpolitik“ (Max Weber)
  4. „Gewerbepolitik“ (Wilhelm Stieda)
  5. „Handel“ (Karl Rathgen)
  6. „Die deutsche Arbeiterbewegung“ (Karl Oldenberg)
  7. „Die deutsche Sozialgesetzgebung“ (Wilhelm Kulemann).

Wie im Stundenplan angekündigt,6Ebd., S. 2. Bis auf die Diskussionen, die entgegen den Ankündigungen im Programm stets nachmittags ab vier Uhr abgehalten wurden, wurde der Stundenplan generell eingehalten. Vgl. Göhre, Paul, Unser erster nationalökonomischer Kursus, ebd., Nr. 8 von Nov. 1893, S. 1. hielt Weber seine Vorlesungen in der zweiten Veranstaltungswoche. Insgesamt handelte es sich um acht Stunden: Montag und Dienstag, den 16. Oktober und den 17. Oktober, jeweils von neun bis zehn Uhr, Mittwoch, Donnerstag und Freitag, den 18., 19. und 20. Oktober, jeweils von elf bis dreizehn Uhr. Am Donnerstag schloß sich von sechzehn bis neunzehn Uhr eine Diskussion über das Thema „Agrarpolitik“ an.

Auf Veranlassung Paul Göhres erstellten alle Referenten mit Ausnahme des Breslauer Nationalökonomen Ludwig Elster7Göhre, Paul, Unser erster nationalökonomischer Kursus, ebd. eine stichwortartige Zusammenfassung ihrer Vortragsreihe einschließlich Literaturangaben, sogenannte „Grundrisse“, die den Teilnehmern zur besseren Orientierung bereits vor Vorlesungsbeginn Anfang Oktober zugestellt werden sollten.8Ders., Unser bevorstehender nationalökonomischer Kursus, ebd., Nr. 7 von Aug./Sept. 1893, S. 2. Zu diesem Zweck wurden die „Grundrisse“ zu einer in der Berliner Vaterländischen Verlags-Anstalt hergestellten Broschüre mit dem Titel „Grundriß zu den Vorlesungen im Evangelisch-sozialen Kursus zu Berlin. Oktober 1893“ zusammengefaßt; diese trug den Vermerk „Als Manuskript gedruckt!“ [256]Wann diese Broschüre fertiggestellt war, ist nicht bekannt,9[256]Da es sich um keine Veröffentlichung, sondern nur um ein „als Manuskript gedrucktes“ Papier handelt, ist das Erscheinungsdatum im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und die verwandten Geschäftszweige nicht angezeigt. doch hat sie mit Sicherheit spätestens zu Beginn des Kurses, also am 10. Oktober 1893, vorgelegen.10Vgl. Göhre, Unser erster nationalökonomischer Kursus, S. 1. Ob die Zusendung an die Teilnehmer noch vor Beginn des Kurses tatsächlich erfolgt ist, war nicht festzustellen.

Webers „Grundriß“ trug, in Abänderung und Erweiterung seiner Ankündigung, den Titel „Landwirtschaft und Agrarpolitik“. Er ist in der ersten Septemberhälfte 1893 verfaßt worden; darauf deuten einige Briefe an seine spätere Frau hin: am 5. September 1893 schrieb Weber an Marianne Schnitger: „Jetzt muß ich auch etwas für die Curse im October arbeiten.“11Brief an Marianne Schnitger vom 5. Sept. 1893, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Am 8. September ergänzte er: „Hier passiert nicht viel. Ich suche so etwas für die Curse vorzuarbeiten, doch wird nicht sehr viel daraus.“12Brief an Marianne Schnitger vom 8. Sept. 1893, ebd. Am 14. September 1893, kurz vor seiner Abreise nach Oerlinghausen, berichtete er: „[…] aber heut Abend werde ich soweit fertig, als ich es eben vor der Hochzeit überhaupt habe durchsetzen können“.13Brief an Marianne Schnitger vom 14. Sept. 1893, ebd. Am 16. September fuhr Weber dann nach Oerlinghausen,14Ebd. wo er am 20. September heiratete.15Brief an Emmy Baumgarten vom 2. Sept. 1893, Bestand Eduard Baumgarten, Privatbesitz. Die standesamtliche Trauung fand am 19. September statt. Erst nach der anschließenden Hochzeitsreise kehrte er am 9. oder 10. Oktober nach Berlin zurück.16Dies hatte er jedenfalls in dem Brief an Emmy Baumgarten, ebd., angekündigt. Am 11. Oktober 1893 wurde Weber auf einer Versammlung des Evangelischen Bundes im Anschluß an den zweiten Kurstag gesichtet. NZ, Nr. 578 vom 12. Okt. 1893, Ab.BI., S. 3. Zu diesem Zeitpunkt lag der „Grundriß“ schon gedruckt vor.

Über den Kursus selbst ist uns ein Bericht überliefert, den Friedrich Naumann für die Zeitschrift Martin Rades „Die christliche Welt“ verfaßte.17Naumann, Friedrich, Der evangelisch-soziale Kursus in Berlin, in: Die christliche Welt. Evangelisch-Lutherisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände, Nr. 45 vom 2. Nov. 1893, Sp. 1087f. Darin wurden die Vorträge Webers ganz besonders hervorgehoben:18 Da es sich bei dem Bericht Naumanns nicht um ein Referat der Vorträge Webers handelt, sondern eher um die Wiedergabe eines ganz subjektiv gefärbten Eindrucks von Webers Auftreten, wird der Bericht hier und nicht in Teil II des vorliegenden Bandes wiedergegeben. „Ende gut, alles gut. Das Ende sind die Vorträge von Dr. Weber über Landwirtschaft und Agrarpolitik, eine vortreffliche Gabe. In Weber vereinigt sich [257]Wissenschaftlichkeit mit praktischem Griff. Er weiß, was seine Hörer verstehen und was sie brauchen. Seine erste Stunde über die Vorgeschichte der deutschen Agrarverfassung war in unsern Augen die Perle des ganzen Kursus: munter, witzig, bisweilen fast übermütig keck, sachlich, anschaulich und dabei im Hintergrunde die gewaltige Tragik des Unterganges der freien deutschen Landgemeinden, eine Stunde voll Zorn, Wehmut und Lachens wie ein historisches Drama von Shakespeare. Natürlich konnten sich die weitern Stunden nicht in derselben Höhenlage bewegen. Es galt in das Detail einzugehen. Wir haben über Feldgraswirtschaft und Dreifelderwirtschaft, über Fruchtwechsel und ländlichen Maschinenbetrieb, über Export und Import, über Selbstbewirtschaftung und Verpachtung, Rittergüter, Bauern und Taglöhner, Dreschgärtner und Sachsengänger, Knechte und Mägde, Naturallohn, Geld, Silberwährung, Rentengüter und noch über viel andres gehört, und wo nur Weber hineingriff ins volle Menschenleben, da war es interessant. Er schaut das Leben gegenständlich an. Von allgemeinen weitgehenden Allerweltsmitteln will er nichts wissen. Wenn er von allgemeiner Bodenverstaatlichung hört, ergreift ihn ,körperliches Unbehagen‘. Er hat den Blick eines Politikers, er sieht die schlummernde Kraft in den kleinen Leuten des Ostens und fragt dabei, welche Rolle diese Kraft im Staatsganzen spielen soll. Er stellte den Kursus vor die Frage: sind wir es, die den deutschen Osten zu wecken berufen sind? Unter allen Vorlesungen war die seinige am meisten aktuell. Wir freuen uns, daß er ausdrücklich den evangelisch-sozialen Arbeiten seine Sympathie aussprach, solange die Theologen sich nicht streiten würden.“

Über die Diskussion, die sich über Webers Thema am 19. Oktober von sechzehn bis neunzehn Uhr angeschlossen hatte, berichtete Naumann: „Die Diskussion bei Dr. Max Weber gab viele wertvolle Einzelheiten. In landwirtschaftlichen Löhnen steht Mecklenburg am besten, Schlesien am schlechtesten. Viele Gedanken wurden wachgerufen durch die ungünstigen Zukunftsaussichten, die der Vortragende den Großgrundbesitzern zusprach. ,Ein Großgrundbesitz, der sich auf den Staat stützen muß, ist für den Staat eine zweifelhafte Stütze.‘ ,Ich würde den vollständigen Untergang des Großgrundbesitzes beklagen, aber es handelt sich darum, ob ein Viertel, die Hälfte oder gar drei Viertel einer Provinz in den Händen der Großgrundbesitzer sein soll.‘ ,lm Antisemitismus zeigt sich dasselbe Emanzipationsstreben gegenüber dem Großgrundbesitz, das früher in Gestalt des Liberalismus zum Ausdruck kam.‘“19[257]Naumann, Friedrich, Der evangelisch-soziale Kursus in Berlin, in: Die christliche Welt, Nr. 48 vom 23. Nov. 1893, Sp. 1154.

[258]Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Landwirtschaft und Agrarpolitik. Grundriß zu 8 Vorlesungen im Evangelisch-sozialen Kursus zu Berlin. Oktober 1893“, in: Grundriß zu den Vorlesungen im Evangelisch-sozialen Kursus zu Berlin. Oktober 1893. – Berlin: Vaterländische Verlags-Anstalt o. J. [September/Oktober 1893], S. 3–9, erschienen ist (A). Das Titelblatt von Webers Vortrag trägt (wie der gesamte Grundriß) den Zusatz „Als Manuskript gedruckt!“. Dem Namen des Autors ist die Bezeichnung hinzugefügt: „Assessor und Privatdozent der Jurisprudenz an der Universität Berlin.“ Die Zwischenüberschriften sind in der Vorlage in größerer Schrift und halbfett gedruckt.