Herr v. Miquel und die Landarbeiter-Enquête des Vereins für Sozialpolitik. 1899
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[683][A 640]Herr v. Miquel und die Landarbeiter-Enquête des Vereins für Sozialpolitika[683] In A folgt der redaktionelle Zusatz: Wir erhalten folgende Zuschrift:

In der „Deutschen Industriezeitung“ (Nr. 7 vom 15. Februar d.J.) findet sich in einer Besprechung der Landtagsverhandlungen vom 9.–11. Februar d.J. über den Antrag Gamp, betreffend die ländlichen Arbeiterverhältnisse, Folgendes:

Besonders hervorheben möchten wir eine Äußerung des Finanzministers über den Verein für Sozialpolitik, auf dessen Erhebungen sich [A 641]die freisinnigen Abgeordneten Hirsch und Barth bezogen hatten. Herr von Miquel sagte nämlich wörtlich:
Ich habe mich aber nicht deswegen zum Worte gemeldet, sondern um Zeugniß abzulegen über den Verein für Sozialpolitik, dessen Mitglied ich selbst noch bin, obwohl nicht mehr ein thätiges, und daher genau weiß, was die Bücher, die der Verein herausgiebt, bedeuten. Man hat nun gesagt, diese Enquêten fänden statt unter der Autorität der Regierung. Davon ist mir nichts bekannt. Man hat dann auf einzelne Berichte von einzelnen Personen, die dem Vereinsvorstand und selbst den Dezernenten, die für bestimmte Gegenden das Dezernat übernommen haben, oft nicht mal persönlich bekannt sind, ein autoritatives Gewicht gelegt, als wenn den großen Wahrheiten dieser einzelnen Berichte überhaupt nicht widersprochen werden könnte. Herr Dr. Barth hat meiner Meinung nach ganz mit Unrecht diejenigen Redner getadelt, welche berichten aus ihrer eigenen Lebenskenntniß der Verhältnisse in bestimmten Gegenden. Meine Herren, ich bin der Meinung, die sichersten Berichterstatter sind die, die die Sachen selbst gesehen, gehört und erlebt haben. Aber ein Buch lesen von einem einzelnen Menschen,1)[683][A 641] Herr Hirsch hatte nur mich mit Namen citirt. | der dem Leser gar nicht bekannt ist, dessen Wissen und Zuverlässigkeit, dessen Stellung zu allen sozialen Fragen ihm vollkommen schleierhaft sind, und darauf ein solches Gewicht zu legen, wie man legen muß auf das Zeugniß eines Mannes, der die Dinge aus eigener Wissenschaft kennt, das ist eine Verwechselung, die ich gar nicht begreife. Wie wird das in dem [684]Verein gemacht? Es wird beschlossen, eine Enquête über die Lage der Landarbeiter in Deutschland. Ich halte es für im höchsten Grade wünschenswerth, daß diese Lage gründlich aufgeklärt wird. Jetzt vertheilt der Verein Dezernate für bestimmte Gegenden, und da übernimmt ein Dezernent einen bestimmten Bezirk und wendet sich nun an eine ganze Menge Personen,1[684] Im Bericht der Deutschen Industrie-Zeitung heißt es: „eine ganze Menge von Personen“. Deutsche Industrie-Zeitung. Organ des Zentralverbandes Deutscher Industrieller zur Beförderung und Wahrung nationaler Arbeit, Nr. 7 vom 15. Febr. 1899, S. 86. die ihm dem Namen nach bekannt sind, von welchen er annimmt, sie verstehen etwas, sie sind auch willig dazu, zu berichten. Er kennt diese Personen vielfach persönlich überhaupt nicht, und die Briefe, die nun diese Leute schreiben, werden in das Buch aufgenommen. Die Gesammtheit der Berichte macht gar nicht einen richtigen Eindruck, aber schwören wie auf ein Evangelium auf den Bericht eines einzelnen Mannes fällt dem Verein und dem Vereinsvorstand auch seinerseits niemals ein. Ich glaube daher, daß die Bedeutung der einzelnen Berichte gänzlich verkannt wird. Wenn die Herren keine besseren Beweise beibringen, kann ich nicht viel darauf geben.“
Das ist eine klare Absage der Regierung an jene „wissenschaftlichen“ Bestrebungen, die angeblich nur unparteiisch gesammeltes Material liefern wollen, in Wirklichkeit aber in der Presse und namentlich auf den Generalversammlungen des genannten Vereins zu tendenziöser Zurechtmachung der Thatsachen und Zahlen führen. Mit denselben Zahlen kann man je nach der Gruppirung die verschiedensten Beweise erbringen; die Zahlen des „Vereins für Sozialpolitik“ sind bis jetzt hauptsächlich zu dem Beweis gemißbraucht worden, daß die Arbeiter Deutschlands eigentlich eine rechtlose und unterdrückte Klasse seien. Diese Thatsache spricht ja natürlich nicht gegen diese Statistiken selbst, sondern nur gegen ihre Überschätzung und unbedingte Annahme als untrüglich. Sollte diese Ansicht durch die Worte des selbst als früher thätiges Mitglied dem Verein angehörenden Finanzministers einen Stoß erlitten haben, so wäre das ein erfreulicher Erfolg.
bPetitdruck in A; von Weber zitierter fremder Text.

Das Stenogramm ergiebt, daß an der zweiten der (von mir) gesperrten Stellen Herr v. Miquel das Gegentheil des im Bericht der „Industriezeitung“ Wiedergegebenen sagte.2Die entsprechende Passage hatte gelautet: „Die Gesammtheit der Berichte macht gewiß einen richtigen Eindruck“. Sten. Ber. pr. AH, 19. Leg. Per., I. Sess. 1899, Band 1, S. 520. Sonst ist die Wiedergabe korrekt. In Betreff des Werthes der citirten Enquete über die Landarbeiter darf ich die Rechte des Abgeordnetenhauses, deren „lebhafter Beifall“ die abgedruckten Worte begleitete, und die „Industriezeitung“ wohl auf den bald nach Erscheinen der Enquete erfolgten Leitartikel der „Kreuzzeitung“3[685] Gemeint ist der Artikel „Klagen des östlichen Großgrundbesitzes“, in dem die Kreuzzeitung Max Webers Band über die Lage der ostelbischen Landarbeiter positiv erwähnt und Weber zwar ausführlich, allerdings verzerrend und so für ihre politische Position vereinnahmend, zitiert hatte. Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung), Nr. 56 vom 2. Febr. 1893, Ab. Bl. und auf die Äußerungen des in diesem Punkte gewiß unverdächtigen früheren Abgeordneten v. Hammerstein im Reichstage4Der ehemalige konservative Abgeordnete und Chefredakteur der Kreuzzeitung, Wilhelm Freiherr von Hammerstein, hatte am 14. Februar 1893 den freisinnigen Abgeordneten Theodor Barth im Reichstag auf die Enquete des Vereins für Socialpolitik verwiesen, in der festgestellt sei, daß gerade da, „wo die alten patriarchalischen Verhältnisse auf dem Lande“ noch herrschten, der Nahrungsstand der Arbeiter hoch sei und durchaus den Vergleich mit dem der höher entlohnten Industriearbeiter aushalte. Sten. Ber. Band 128, S. 1037. verweisen. Diese hier nochmals abzudrucken, wäre zu weitläufig.

Was Herrn v. Miquel anlangt, so genügt es, auf seine nach Form und Inhalt gleich befremdlichen Bemerkungen Folgendes zu sagen:

  1. Es ist ihm hinlänglich bekannt, daß die Erhebungen des Vereins anders, als er sie schildert, vorgenommen wurden, daß insbesondere die Berichterstatter ausschließlich von den Interessenvertretungen der Landwirthe als die für die Berichterstattung geeignetsten Personen ausgewählt und dem Verein bezeichnet worden waren.5Der Leiter der Enquete, Hugo Thiel, hatte sich 1891 in einem Rundschreiben an die Generalsekretäre der landwirtschaftlichen Zentralvereine gewandt mit der Bitte, sowohl für die Beantwortung des speziellen als auch des allgemeinen Fragebogens geeignete Berichterstatter unter den ländlichen Arbeitgebern auszuwählen. Riesebrodt, S. 21. – Dieselben waren ausschließlich solche Personen, welche der Minister jetzt als die allein zur Beurtheilung der Landarbeiterverhältnisse berufenen bezeichnet hat.6Miquel hatte gesagt: „Meine Herren, ich bin der Meinung, die sichersten Berichterstatter sind die, die die Sachen selbst gesehen, gehört und erlebt haben.“ Sten. Ber. pr. AH, 19. Leg. Per., I. Sess. 1899, Band 1, S. 519.
  2. Herr v. Miquel gestattet sich, meine „Zuverlässigkeit“ anzutasten, indem er sie als eine (dem Abgeordneten Hirsch!) „schleierhafte“ bezeichnete. – Es ist für Herrn v. Miquel aus guten Gründen noch gewagter als für Andere, den Charakter irgend Jemandes in Frage zu ziehen,7Vermutlich handelt es sich um eine Anspielung auf Miquels schillernde politische Vergangenheit: Miquel war zur Zeit der 48er Revolution Republikaner und während der [686]Reaktionszeit Anhänger von Karl Marx; während der Bismarckzeit stieg er zu einem der profiliertesten Nationalliberalen auf und bereitete 1884 mit der Heidelberger Erklärung die Anlehnung der Nationalliberalen an die Konservativen vor; 1890 wurde er preußischer Finanzminister; als solcher führte er die preußischen Steuerreformen durch, die, was die Kommunalsteuerreform von 1893 anbelangt, zu einer erheblichen Entlastung des Grundbesitzes führten. auch wenn ihm derselbe, wie er dies bezüglich meiner [686]offenbar andeuten will, gänzlich unbekannt ist. Diese Unbekanntschaft mit einem so jungen Dozenten, wie ich es bin, wird ja Niemand Wunder nehmen, nur ist sie ziemlich neuen [A 642]Datums, da er seiner Zeit mir die – wie ich heute gestehe, höchst fragwürdige – Ehre einer persönlichen Einladung im „engsten Kreise“ angedeihen ließ zu dem ausschließlichen Zwecke, mir seine höchste Befriedigung über meine Enquetebearbeitung auszusprechen.8[686] Siehe den Editorischen Bericht, S. 680.

Was diese Enquetebearbeitung selbst anlangt, so brauche ich im Übrigen kaum hinzuzufügen, daß ich sie nicht etwa für eine besondere wissenschaftliche Leistung ansehe, sondern für sie lediglich den Charakter als einer unparteiischen Zusammenstellung und Verarbeitung der Angaben der Berichte in Anspruch nehme. Bei einem so ungeheuren Material wäre das Vorkommen zahlreicher Einzelirrthümer an sich nichts Wunderbares. Den größeren Theil der Arbeit habe ich selbst noch nach dem Druck, solange das Material mir zur Verfügung stand, daraufhin nochmals prüfen können. Nach meinen Notizen haben sich aber dabei, abgesehen von einigen sofort als solche in die Augen fallenden Druckfehlern in einigen Tabellen, nur so gänzlich gleichgültige Kleinigkeiten gefunden, daß es nicht den geringsten sachlichen Zweck hätte, sie, wie ich bei Vornahme der Prüfung beabsichtigte, bei etwaigen künftigen Arbeiten auf diesem Gebiete anzuführen. Die von Herrn Hirsch citirten Berichtstellen hatte ich zum Theil meines Erinnerns im Original in mein Manuskript eingefügt, so daß hier selbst Abschreibefehler ausgeschlossen sind.