Herr v. Miquel und die Landarbeiter-Enquête des Vereins für Sozialpolitik. 1899
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[678]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Zu Beginn des Jahres 1899 lebte die Diskussion über den Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft der ostelbischen Gebiete erneut auf. Der Zentrumsabgeordnete Julius Szmula, Rittergutsbesitzer in Schlesien, brachte im preußischen Abgeordnetenhaus eine Interpellation „betreffend den Mangel an ländlichem Gesinde und landwirthschaftlichen Arbeitern“ ein;1[678] Sten. Ber. pr. AH, 19. Leg. Per., I. Sess. 1899, Band 1, S. 428. der freikonservative Abgeordnete Karl von Gamp(-Massaunen) stellte einen Antrag, in dem weitreichende staatliche Maßnahmen zur Behebung des Mangels an Arbeitskräften gefordert wurden, so z. B. die Konzessionspflicht für Gesindemakler und Arbeitsvermittler, die „Erschwerung des Kontraktbruchs“, die Reduzierung der Schulpflicht während der Sommerzeit und die „erleichterte Zulassung ausländischer Arbeiter“.2Ebd., Anlagen, Band 3, S. 1732f.

Gegen diese massiven interessenpolitischen Forderungen erhob sich während der Debatten im Abgeordnetenhaus vom 9. bis 11. Februar 18993Wie Anm. 1, S. 428–490 und 498–527. von seiten der Liberalen scharfer Protest. Zunächst ergriff Max Hirsch, der Führer der liberalen deutschen Gewerkvereine, für die Freisinnige Volkspartei das Wort. Die wichtigste Ursache für den Arbeitskräftemangel im Osten und für die Abwanderung deutscher Landarbeiter sei die von den Grundbesitzern bewußt forcierte Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte und die dadurch bewirkte Verdrängung deutscher Landarbeiter sowie deren schlechte materielle Lage.4Ebd., S. 483f. Zur Begründung zitierte er in diesem Kontext ausführlich aus Max Webers Beitrag zur Enquete des Vereins für Socialpolitik aus dem Jahre 1892.5Weber, Max, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland. Preußische Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen, Schlesien, Brandenburg, Großherzogtümer Mecklenburg, Preußischer Kreis Herzogtum Lauenburg (Provinz Schleswig-Holstein), in: Die Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland, 3. Band (Schriften des Vereins für Socialpolitik 55). – Leipzig: Duncker & Humblot 1892 (MWG I/3). Er führte insbesondere solche Passagen an, in [679]denen, sei es von Weber selbst, sei es von den ländlichen Arbeitgebern, deren Berichte Weber zitierte, die Verdrängung von deutschen Landarbeitern durch polnische Wanderarbeiter, die materielle und psychische Situation der Landarbeiter sowie das Verhältnis zwischen Grundbesitzern und Arbeitern geschildert wurden, wobei er besonders die Angaben für die Provinz Schlesien heranzog.6[679] Im einzelnen zitierte Hirsch Passagen aus den Seiten 628–631, 633 und 635 (MWG I/3, S. 735–739, 740f. und 742f.). Die Weber von Hirsch zugeschriebene Passage: „Ich muß aus voller Überzeugung sagen, daß durch unvernünftige Behandlung viele Leute aus der Landwirtschaft vertrieben werden“ (Sten. Ber. pr. AH, 19. Leg. Per., I. Sess. 1899, Band 1, S. 484), stammt aus einem von Weber zitierten Generalbericht. Weber, Landarbeiter, S. 633 (MWG I/3, S. 741). Ähnlich argumentierte auch Theodor Barth für die Freisinnige Vereinigung. Barth wies zunächst das Argument von konservativer Seite zurück, wonach diejenigen, die mit den Verhältnissen auf dem Lande nicht aus eigener Anschauung vertraut seien, diese auch nicht beurteilen könnten.7Sten. Ber. pr. AH, 19. Leg. Per., I. Sess. 1899, Band 1, S. 516. Sodann bekräftigte auch er den Wert der Enquete des Vereins für Socialpolitik über die Lage der Landarbeiter. Weder die Bearbeiter der Erhebung noch die Berichterstatter vom Lande seien freisinniger Bestrebungen verdächtig, sondern eher den „rechts stehenden Parteien politisch nahe“; zudem seien die Berichterstatter, auf deren Angaben sich die Erhebungen stützten, selbst Arbeitgeber.8Ebd., S. 516f.

Gegen den von Max Hirsch und Theodor Barth vertretenen Standpunkt wandte sich sodann der preußische Finanzminister Johannes von Miquel.9Ebd., S. 519f. Er erklärte, daß der Wert der Enquete des Vereins für Socialpolitik nicht so hoch einzuschätzen sei wie seine Vorredner dies getan hätten; den Referaten der lokalen Berichterstatter für die Erhebungen werde zu viel Gewicht beigemessen, da diese Berichterstatter den jeweiligen Bearbeitern der einzelnen Bände noch nicht einmal persönlich bekannt seien. Im Hinblick auf den Umstand, daß Max Hirsch Max Weber ausführlich zitiert hatte, fügte der Minister hinzu, daß es ihm zweifelhaft erscheine, „ein Buch [zu] lesen von einem einzelnen Menschen, der dem Leser garnicht bekannt ist, dessen Wissen und Zuverlässigkeit, dessen Stellung zu allen sozialen Fragen ihm vollkommen schleierhaft sind, und darauf ein solches Gewicht zu legen, wie man legen muß auf das Zeugniß eines Mannes, der die Dinge aus eigener Wissenschaft kennt, das ist eine Verwechselung, die ich garnicht begreife.“10Ebd., S. 519. Allerdings vermied er es, Max Weber als Autor explizit zu nennen.

Am 15. Februar 1899, d. h. vier Tage nach Miquels Rede, erschien im Organ des Zentralverbandes Deutscher Industrieller, der Deutschen Indu[680]strie-Zeitung, ein Artikel über die Debatten im preußischen Abgeordnetenhaus vom 9. bis zum 11. Februar.11[680] Deutsche Industrie-Zeitung. Organ des Zentralverbandes Deutscher Industrieller zur Beförderung und Wahrung nationaler Arbeit, Nr. 7 vom 15. Febr. 1899, S. 85f. In diesem Artikel wurde Miquels Beitrag ausführlich zitiert und daran die Schlußfolgerung geknüpft, daß es sich hier um „eine klare Absage der Regierung an jene ,wissenschaftlichen‘ Bestrebungen“ handle, „die angeblich nur unparteiisch gesammeltes Material liefern wollen, in Wirklichkeit aber in der Presse und namentlich auf den Generalversammlungen des genannten Vereins zu tendenziöser Zurechtmachung der Thatsachen und Zahlen führen.“12Ebd.,S. 86. Die Stellungnahme Miquels wurde an einem Punkte verfälscht wiedergegeben; statt: „Die Gesammtheit der Berichte macht gewiß einen richtigen Eindruck“,13Sten. Ber. pr. AH, 19. Leg. Per., I. Sess. 1899, Band 1, S. 520. hieß es hier: „Die Gesammtheit der Berichte macht gar nicht einen richtigen Eindruck“.

Max Weber hatte die Auseinandersetzungen um die Erhebung des Vereins für Socialpolitik im Abgeordnetenhaus und in der Presse mit wachsendem Ärger verfolgt. Der Angriff Miquels auf die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der von ihm bearbeiteten Enquete irritierte ihn umsomehr, als dieser ihn Anfang 1893, also kurz nach Erscheinen der Untersuchung über die Lage der ostelbischen Landarbeiter, im privaten Kreis eingeladen hatte, um ihm seine Anerkennung für die Enquete auszusprechen.14Brief an Clara Weber vom 7. Jan. 1893, ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 23, und Brief an Gustav Schmoller vom 2. März 1899, Hess. HStA Wiesbaden, Nl. Gustav Schmoller, Abt. 1088/10d: „(er hat mich s. Z. in intimstem Kreis eingeladen und zu der Enquete beglückwünscht)“. Weber plante zunächst, Miquels Angriffe auf der nächsten Ausschußsitzung des Vereins für Socialpolitik zur Sprache zu bringen. Es sei ihm zwar gleich, was „ein Schubiack“ wie Miquel über ihn und den Verein sage: „aber die Form – ,ein Mensch, dessen Zuverlässigkeit unbekannt ist‘ – kann, glaube ich, doch nicht wohl ignoriert werden, so unangenehm es mir wäre, irgend einen Eklat herbeizuführen. –“15Brief an Gustav Schmoller, ebd.

Da allerdings in nächster Zeit keine Ausschußsitzung bevorstand,16Vor September 1899 fand keine Ausschußsitzung mehr statt. Boese, Franz, Geschichte des Vereins für Sozialpolitik 1872–1932 (Schriften des Vereins für Sozialpolitik 188). – Berlin: Duncker & Humblot 1939, S. 87f. entschloß sich Weber dann doch, den Angriffen Miquels und ihrer propagandistischen Ausschlachtung in der Deutschen Industrie-Zeitung mit der unten abgedruckten Zuschrift an die Wochenschrift Soziale Praxis entgegenzutreten. Zunächst beanstande er die unkorrekte Wiedergabe der Rede Miquels durch die Industrie-Zeitung. Miquel habe nicht gesagt, daß die „Gesammt[681]heit der Berichte […] gar nicht einen richtigen Eindruck“ mache, sondern das Gegenteil. Im übrigen hielt er Miquel vor, die Vorgehensweise des Vereins für Socialpolitik bei der Erhebung über die Lage der Landarbeiter wider besseres Wissen verurteilt zu haben. Ihm, Weber, habe er zudem mangelnde Zuverlässigkeit vorgeworfen. Für Miquel war dieser Artikel Grund genug, in der folgenden Nummer der Sozialen Praxis eine Gegendarstellung zu veröffentlichen.17[681] Soziale Praxis. Centralblatt für Sozialpolitik, Nr. 25 vom 23. März 1899, Sp. 668f. Er habe weder von Max Weber gesprochen noch auch nur an ihn gedacht; er habe die Erhebungen des Vereins für Socialpolitik „nicht für unrichtig, sondern im Ganzen für richtig erklärt“; er habe sich nur gegen den in der Debatte gemachten Versuch wenden wollen, der Darstellung eines lokalen Berichterstatters (nicht der des Bandbearbeiters) „eine autoritative, vom Verein vertretene Bedeutung beizulegen und ihre vielleicht lokale Richtigkeit zu generalisiren.“18Ebd., Sp. 668. Weber habe sich nicht auf die amtlichen Protokolle, sondern auf „ungenaue Zeitungsberichte“ gestützt und in seinen, d. h. Miquels Worten, fälschlicherweise eine „klare Absage der Regierung an die wissenschaftlichen Bestrebungen des Vereins“ erblickt.19Ebd. Im Anschluß an diese Stellungnahme wurde Miquels Rede vom 11. Februar nach den stenographischen Protokollen des Abgeordnetenhauses wiedergegeben.

Miquels Darstellung in der Sozialen Praxis veranlaßte Weber, eine weitere Stellungnahme ins Auge zu fassen. Er sandte einen Entwurf an Ernst Francke, den Herausgeber der Sozialen Praxis, mit folgendem Wortlaut:

„Zu der Erwiderung des Herrn Ministers Dr. v. Miquel in der vorigen Nummer möchte ich nur noch folgendes beifügen:

Seine Äußerungen, die auch mir im amtl[ichen] Stenogramm vorlagen, sind innerhalb wie außerhalb des Hauses, soviel mir bekannt geworden ist, auf mich, da H[er]r Dr. Hirsch allein mich mit Namen citirt hatte, bezogen worden u[nd] konnten nach ihrem Wortlaut auch nicht gut anders verstanden werden. Nachdem H[er]r v. Miquel indessen erklärt hat, nicht an mich gedacht zu haben, habe ich kein Recht, meine daran geknüpften persönlichen Bemerkungen auch jetzt noch aufrecht zu erhalten – die von dem Herrn Finanzminister mit so erfreulicher Schärfe zurückgewiesene Behauptung, daß seine Äußerungen eine ,Absage‘ an den Verein f[ür] Sozialpolitik bezweckten, stammte, wie meine Erklärung deutlich ergab, nicht von mir, sondern, ebenso wie die Entstellung einer der Bemerkungen des Ministers in ihr gerades Gegentheil, von der ,Deutschen lndustriez[ei]t[un]g‘.“20Brief an Ernst Francke, undat. [23. oder 24. März 1899], Abschrift von Ernst Francke, BA Koblenz, Nl. Ernst Francke, Nr. 5.

[682]Inzwischen war ein weiterer Artikel in der Deutschen Industrie-Zeitung zur Auseinandersetzung über die Rede Miquels erschienen.21[682] Deutsche Industrie-Zeitung, Nr. 12 vom 22. März 1899, S. 163f. Die an die Adresse der Deutschen Industrie-Zeitung gerichteten Vorwürfe Max Webers wurden scharf zurückgewiesen; die Ausführungen seien nicht gegen ihn gerichtet gewesen, vielmehr habe man damit zum Ausdruck bringen wollen, daß sich in industriellen Kreisen eine gewisse Mißstimmung gegen den Verein für Socialpolitik ausgebreitet habe, denn dieser sei „zum Träger einer einseitigen Richtung“ geworden.22Ebd., S. 163. Teils hätten die wissenschaftlichen Arbeiten selbst die Frage dieser Richtung angenommen, teils würden sie in diesem Sinne ausgedeutet. An die Adresse Miquels gewandt, der Max Weber ja vorgeworfen hatte, sich auf „ungenaue Zeitungsberichte“ gestützt zu haben, schrieb die Industrie-Zeitung, sie habe Miquels Rede aus dem Abdruck im Deutschen Reichsanzeiger übernommen. „Wir können uns nicht entschließen“, fuhr sie fort, „die daselbst stets in gesperrtem Satz veröffentlichten Reden der höchsten Staatsbeamten als ,ungenaue Zeitungsberichte‘ aufzufassen.“23Ebd., S. 164.

Insbesondere diese Schlußbemerkung veranlaßte Max Weber, von einer erneuten Stellungnahme gegen Miquel abzusehen. Am 25. März 1899 schrieb er an Ernst Francke:

„Ich bitte Sie, nachdem nunmehr die ,Industrie-Zeitung‘ ihre Sache gegen Miquel führt, meine Replik unabgedruckt zu lassen, da ich dem par nobile fratrum das Waschen ihrer Wäsche nicht stören möchte, es mir auch doch widerstrebt, auf die skandalös unehrliche Erklärung Μ.’s mit einer mehr oder minder feindlichen Schlußbemerkung zu reagieren.“24Brief an Ernst Francke vom 25. März 1899, ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Gustav Schmoller, Nr. 191 a.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Herr v. Miquel und die Landarbeiter-Enquête des Vereins für Sozialpolitik“ in: Soziale Praxis. Centralblatt für Sozialpolitik, hg. v. Ernst Francke, Berlin, Nr. 24 vom 16. März 1899, Sp. 640–642, erschienen ist (A). Der Artikel erschien in der Rubrik „Allgemeine Sozial- und Wirthschaftspolitik“. Ihm war die redaktionelle Anmerkung vorangestellt: „Wir erhalten folgende Zuschrift:“. Webers eigene Anmerkung bindet in A mit Sternchen an. Dies wurde hier durch die Indizierung mit in offene Klammern gesetzte Ziffern ersetzt. Der Text ist gezeichnet „Heidelberg. Max Weber.“