Die Erhebung des Vereins für Sozialpolitik über die Lage der Landarbeiter. 1893
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[120]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Der Enquete des Vereins für Socialpolitik über die Lage der Landarbeiter, in deren Rahmen Max Weber mit der Bearbeitung der Verhältnisse im östlichen Deutschland beauftragt worden war,1[120]Webers Beitrag erschien im Dezember 1892 als Band 55 der Schriften des Vereins für Socialpolitik (MWG I/3). Zur Vorgeschichte der Erhebung und der Einbeziehung Webers siehe: Riesebrodt, S. 1–33. wurde bereits vor der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse große Aufmerksamkeit zuteil. Neben vielen positiven Reaktionen gab es auch eine Anzahl von Stimmen, die sich vor allem mit der Erhebungsmethode kritisch auseinandersetzten. So beklagte der mit der Sozialdemokratie sympathisierende Journalist Max Quarck bereits im Februar 1892, daß sich die Fragebogenaktion nur an die Arbeitgeber gerichtet habe und damit „die eigentlich Betheiligten, die ländlichen Arbeiter, als Auskunftspersonen über ihre eigenen Verhältnisse mit völligem Stillschweigen“ übergangen worden seien. Quarck bezeichnete die formale und inhaltliche Gestaltung der Fragebögen als wenig gelungen.2Quarck, Max, Eine „Aufnahme“ der ländlichen Arbeiterverhältnisse, in: Sozialpolitisches Centralblatt, Nr. 6 vom 8. Febr. 1892, S. 79. Kritik dieser Art verstummte auch nach Erscheinen des ersten Bandes der Enquete3Die Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland, 1. Band (Schriften des Vereins für Socialpolitik 53). – Leipzig: Duncker & Humblot 1892. Angekündigt wurde der Band im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und die verwandten Geschäftszweige am 2. November 1892. nicht und wurde vor allem von sozialdemokratischer Seite in einigen Rezensionen wiederholt vorgetragen.4„Die Verhältnisse der Land-Arbeiter in Deutschland“, in: Vorwärts, Nr. 246 vom 20. Okt. 1892, und „Zur neuesten Untersuchung über die Lage der Landarbeiter“, in: Die Neue Zeit, 11. Jg., Band 1, 1892/93, Nr. 2, S. 51–56.

Max Weber war sich der prinzipiellen Einseitigkeit des gewählten Verfahrens sehr wohl bewußt. Er hatte bereits im Frühjahr 1892, als er mit der Auswertung des Materials beschäftigt war, die Möglichkeit begrüßt, die Kenntnisse über die Lage der Landarbeiter durch eine Erhebung unter den [121]Landgeistlichen zu ergänzen.5[121]Siehe Webers Artikelreihe „,Privatenquêten‘ über die Lage der Landarbeiter“, oben, S. 74–105. Dennoch war er überzeugt, daß die Enquete des Vereins für Socialpolitik das gesteckte Ziel erreicht habe; die Berichte der Arbeitgeber, auf denen die Untersuchung basierte, seien relativ zuverlässig und ermöglichten in Detailfragen auch untereinander eine Gegenkontrolle.6Weber, Landarbeiter, S. 5 (MWG I/3, S. 63). Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß sich Max Weber mit den methodischen Unzulänglichkeiten offen auseinandergesetzt und die komplexe Problemlage systematisch dargestellt hatte, wurde sein im Dezember 1892 veröffentlichter Band „Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland“ in nationalökonomischen Kreisen mit viel Beifall aufgenommen. Georg Friedrich Knapp, der renommierte Kenner der preußischen Agrargeschichte, fand die Arbeit „ganz vorzüglich“ und meinte, Weber sei „jetzt weitaus der erste Kenner“ auf diesem Gebiet.7Brief Georg Friedrich Knapps an Gustav Schmoller vom 22. Dez. 1892, ZStA Merseburg, Verein für Socialpolitik, Rep. 196, Nr. 37, BI. 30f.

Bereits zu Beginn des Jahres 1893 löste Max Weber sein in der Schlußbetrachtung des Landarbeiterbandes gegebenes Versprechen einer „umfassenden Würdigung“ des vorgelegten Materials8Weber, Landarbeiter, S. 775 (MWG I/3, S. 895, insbesondere Anm. 3). ein: In der im folgenden abgedruckten Artikelserie „Die Erhebung des Vereins für Sozialpolitik über die Lage der Landarbeiter“ beschäftigte er sich, unter Berücksichtigung der Kritik an der Erhebungsmethode, mit der Frage, welche wirtschafts- und sozialpolitische Bedeutung den Ergebnissen der Enquete zuzumessen sei.9Unabhängig von Webers Würdigung wurde von Kuno Frankenstein, der ebenfalls an der Bearbeitung der Erhebung beteiligt war, eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Enquete vorgelegt: Frankenstein, Kuno, Die Arbeiterfrage in der deutschen Landwirthschaft. Mit besonderer Berücksichtigung der Erhebungen des Vereins für Sozialpolitik über die Lage der Landarbeiter. – Berlin: Robert Oppenheim (Gustav Schmidt) 1893. Die näheren Umstände der Entstehung des Textes sowie der Publikation in der von dem Heimatforscher und Dichter Heinrich Sohnrey herausgegebenen Zeitschrift „Das Land“ sind nicht bekannt.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der in sechs Folgen jeweils unter der Überschrift „Die Erhebung des Vereins für Sozialpolitik über die Lage der Landarbeiter“, in: Das Land. Zeitschrift für die sozialen und volkstümlichen Angelegenheiten auf dem Lande, hg. von Heinrich Sohnrey, Berlin, Nr. 1 vom 1. Januar 1893, S. 8–9, Nr. 2 vom [122]15. Januar 1893, S. 24–26, Nr. 3 vom 1. Februar 1893, S. 43–45, Nr. 4 vom 15. Februar 1893, S. 58–59, Nr. 8 vom 15. April 1893, S. 129–130, und Nr. 9 vom 1. Mai 1893, S. 147–148, erschienen ist (A). Wie aus einer Anmerkung Webers, unten, S. 137, hervorgeht, sind in dem Text des 3. Artikels (unten, S. 132–137) „eine Reihe unliebsamer Druckfehler“ stehengeblieben, von denen Weber selbst nur den auffälligsten berichtigt. Die Anmerkung Webers bindet in A mit Sternchen an. Dieses wurde durch eine in offene Klammer gesetzte Ziffer ersetzt.