Entwickelungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter 1894
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[362]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Bei der 1891/92 vom Verein für Socialpolitik durchgeführten, großangelegten Enquete zur Lage der Landarbeiter in Deutschland hatte Max Weber die Bearbeitung des politisch brisantesten Teils übernommen, nämlich der ostelbischen Provinzen. Damals zeichnete sich bereits ab, daß die 1886 eingeleitete Politik der Zurückdrängung des Polentums in den preußischen Ostprovinzen mit Hilfe der staatlich geförderten Ansiedlung deutscher Bauern nicht die erwarteten Erfolge hatte und, wenn überhaupt, eine erhebliche Erhöhung des der Ansiedlungskommission zur Verfügung stehenden Kapitals notwendig werden würde. Hinzu kam die sich seit geraumer Zeit abzeichnende „Leutenot“ in der östlichen Großgüterwirtschaft, bedingt durch die zunehmende Abwanderung von Landarbeitern in die rasch wachsenden Industriezentren in Sachsen, Berlin, Hamburg und Rheinland-Westfalen, die nur teilweise durch den Rückgriff auf polnische Wanderarbeiter aufgefangen werden konnte. Vor allem aber hatte Caprivis Übergang zu einer Politik der Handelsverträge, die auf eine Förderung der industriestaatlichen Entwicklung des Deutschen Reichs statt einer einseitigen Begünstigung des agrarischen Sektors hinauslief, zu erheblichen politischen Auseinandersetzungen geführt. Die im Zuge der Durchsetzung dieser Politik erforderliche Herabsetzung der Agrarzölle für die Handelsvertragspartner um 1,50 Mark pro Doppelzentner wurde von der großgrundbesitzenden Aristokratie in Preußen nicht nur als schwere Belastung der durch die überseeische Konkurrenz bedrohten Großgüterwirtschaft im Osten angesehen, sondern auch als akute Gefährdung ihrer durch die wirtschaftliche Entwicklung seit längerem erschütterten gesellschaftlichen Vorrangstellung in Staat und Gesellschaft. Unter diesen Umständen kam den Ergebnissen der Enquete über die Lage der Landarbeiterschaft in den ostelbischen Gebieten Deutschlands eine unmittelbare politische Bedeutung zu. Denn die Abwanderung deutscher Landarbeiter vom flachen Land und die Zuwanderung von polnischen Arbeitern waren unmittelbar verknüpft mit dem weiteren Schicksal der „inneren Kolonisation“, d. h. der Zurückdrängung der polnischen Bevölkerung durch Ansiedlung von deutschstämmigen Bauern und Landarbeitern; vor allem aber war der Zusammenhang der Landarbeiterfrage mit [363]der wirtschaftlichen Lage des Großgrundbesitzes, die sich infolge der zunehmenden überseeischen Konkurrenz, aber auch der durch soziale Faktoren vorangetriebenen Verschuldung der großen Güter rapide verschlechtert hatte, unübersehbar.

Dementsprechend groß war das Aufsehen, welches Max Webers Auswertung der Enquete in seiner umfangreichen Abhandlung „Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland“ in den Schriften des Vereins für Socialpolitik1[363]Weber, Landarbeiter. und dann deren Präsentation auf der der Landarbeiterfrage und der inneren Kolonisation gewidmeten Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik am 20. und 21. März 18932Referat und Diskussionsbeiträge Webers sind abgedruckt, oben, S. 165–207. in der Öffentlichkeit erregte. Dies war zunächst darin begründet, daß Weber in einer außerordentlich kurz bemessenen Frist einem höchst spröden Material bemerkenswerte Einsichten von weitreichender Bedeutung abzuringen verstanden hatte, ein Tatbestand, der ihm fast über Nacht zu großem wissenschaftlichen Ansehen verhalf; darüber hinaus aber hatte Max Weber aus den Resultaten Folgerungen abgeleitet, die von großer politischer Brisanz waren. Er erklärte, wenn auch mit einiger Zurückhaltung, daß die Existenz des Großgrundbesitzes in den ostelbischen Gebieten Deutschlands unter den obwaltenden Umständen mit den deutschen Nationalinteressen unvereinbar geworden sei. Allein die Intensivierung der Ansiedlung von bäuerlichen Betrieben von genügender Größe, verbunden mit der Schaffung neuer dörflicher Gemeinschaften, die dann als lokale Rekrutierungszentren auch von ländlichen Arbeitern dienen könnten, könne einen Ausweg aus der unter nationalpolitischen Gesichtspunkten unhaltbar gewordenen Situation eröffnen. Zu den für die Abwehr der „Polonisierung“ der deutschen Ostprovinzen erforderlichen behördlichen Maßnahmen gehöre insbesondere die rigorose Sperrung der östlichen Grenzen für polnische Wanderarbeiter, auch wenn dies bei Lage der Dinge auf Kosten der ökonomischen Interessen der Großgüterwirtschaft gehen werde. Auf längere Frist, so meinte er, sei es aussichtslos, in den östlichen Provinzen Deutschlands eine Landwirtschaft zu betreiben, die in großem Umfang für den Markt produziere, es sei denn, man wolle die allmähliche Verdrängung der deutschstämmigen landwirtschaftlichen Bevölkerung zugunsten der auf einem niedrigeren Kulturniveau stehenden polnischen in Kauf nehmen.

Unter diesen Umständen stießen Webers Darlegungen nicht nur auf große Zustimmung, sondern auch auf scharfe Kritik, nicht allein von wissenschaftlicher, sondern vor allem auch von politischer Seite. Bereits auf der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik hatte ihm der mit der [364]Sozialdemokratie sympathisierende Publizist Max Quarck vorgeworfen, er habe aus einem auf einer schmalen und ungesicherten empirischen Basis gewonnenen Material zu weitreichende Schlüsse gezogen; außerdem habe sich die Enquete ausschließlich an die Adresse der Arbeitgeber gerichtet,3[364]Verhandlungen der am 20. und 21. März 1893 in Berlin abgehaltenen Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik über die ländliche Arbeiterfrage und über die Bodenbesitzverteilung und die Sicherung des Kleingrundbesitzes (Schriften des Vereins für Socialpolitik 58). – Leipzig: Duncker & Humblot 1893, S. 88, 94 (im folgenden zitiert als: Verhandlungen). ein Umstand, den Weber freilich nicht selbst zu verantworten hatte. Ebenfalls hatte auch schon bei dieser Gelegenheit Karl Kaerger, einer der Mitarbeiter an der Enquete, der die Bearbeitung Nordwestdeutschlands durchgeführt hatte,4Kaerger, Karl, Die ländlichen Arbeiterverhältnisse in Nordwestdeutschland, in: Die Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland, 1. Band (Schriften des Vereins für Socialpolitik 53). – Leipzig: Duncker & Humblot 1892, S. 1–239. und der seit 1891 Privatdozent an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin und gut mit Weber bekannt war, einige der zentralen Argumente Webers angegriffen. Er bestritt insbesondere die These, daß unter den gegebenen Umständen eine fortschreitende Proletarisierung der Landarbeiterschaft und, verbunden damit, ein fortschreitendes Absinken ihres Lebensstandards und ihres Kulturniveaus zu erwarten seien.5Verhandlungen, S. 95f. Kaerger führte im Anschluß an die Bearbeitung der Enquete des Vereins für Socialpolitik 1893 eine eigene Untersuchung über die ländliche Arbeiterfrage und speziell das Institut der Arbeiterpacht durch.6Siehe Kaerger, Karl, Die Arbeiterpacht. Ein Mittel zur Lösung der ländlichen Arbeiterfrage. – Berlin: Gergonne 1893. Ziel derselben war es, zu prüfen, ob die westfälische Heuerlingsverfassung auch auf die ostelbischen Gebiete angewendet und damit Abhilfe für den chronischen Mangel an ländlichen Arbeitskräften geschaffen werden könne. In diesem Zusammenhang übte Kaerger scharfe Kritik an einigen von ihm mißverstandenen Schlußfolgerungen Webers, insbesondere an der – in dieser Form freilich von Weber nicht behaupteten – These, daß eine direkte Korrelation zwischen der Intensivierung der Bodenkultur und der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterschaft bestehe:7Ebd., Vorwort und S. 11f. Die ökonomische Lage der Arbeiter verändere sich weder in ihrem Charakter, noch verschlechtere sie sich zwangsläufig mit steigender Intensivierung der Kultur. Dort, wo eine Änderung stattfinde, im Sinne einer Umwandlung des anteilsmäßig gewährten Dreschanteils in feste Deputate oder Geldlöhnung, müsse dies nicht unbedingt eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage bedeuten.

Neben dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Webers Thesen hatte sich in der Öffentlichkeit schon nach der Generalversammlung [365]des Vereins für Socialpolitik, insbesondere aber im Anschluß an den Evangelisch-sozialen Kongreß vom 16. und 17. Mai 1894, auf dem Weber und Göhre in ihren Vorträgen zusätzlich auf die Ergebnisse einer an die evangelischen Geistlichen gerichteten Enquete über die Lage der Landarbeiterschaft hatten zurückgreifen können, eine scharfe politische Kontroverse ergeben. Insbesondere in der konservativen und deutschnationalen Presse waren Webers Darlegungen ungewöhnlich schroff angegriffen worden, obschon er sich hinsichtlich der politischen Schlußfolgerungen im engeren Sinne eher Zurückhaltung auferlegt hatte.8[365]Vgl. Referat und Diskussionsbeitrag Webers auf dem fünften Evangelisch-sozialen Kongreß, oben, S. 313–345; zu der sich anschließenden Kontroverse siehe Webers Artikel: „Zum Preßstreit über den Evangelisch-sozialen Kongreß“ unten, S. 467–479.

Vor diesem Hintergrund unternahm es Max Weber, die wesentlichen Ergebnisse seiner Untersuchungen zur ostelbischen Landarbeiterfrage unter dem Titel „Entwickelungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter“, d. h. die längerfristigen Trends und deren ökonomische, soziale und politische Implikationen, noch einmal in zusammenhängender Form darzulegen. Er tat dies in zwei an unterschiedliche Zielgruppen gerichteten, voneinander nicht unerheblich abweichenden Fassungen der gleichen Abhandlung. Die in einer einschlägigen Fachzeitschrift, dem Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, veröffentlichte Fassung richtete sich an das interessierte Fachpublikum; hier nahm Weber zugleich die Gelegenheit wahr, die fachliche Kritik an seinen Untersuchungen, insbesondere jene von Karl Kaerger, im Detail zu erörtern und zurückzuweisen. Er tat dies in ungewöhnlich scharfer Form, wohl auch deshalb, weil er einer Verwässerung seiner Ergebnisse durch fachwissenschaftliche Detailkritik ein für alle Mal einen Riegel vorschieben wollte. Wenig später erschien eine zweite Fassung in den damals von Hans Delbrück herausgegebenen, einflußreichen Preußischen Jahrbüchern, die innerhalb des Spektrums der periodischen Monatsschriften eine liberal-konservative Position einnahmen und insbesondere auch von den politischen Führungseliten gelesen wurden.9Hans Delbrück nahm wiederholt in den Preußischen Jahrbüchern zur Polenfrage und zu den Fragen der inneren Kolonisation Stellung. Siehe u. a.: Delbrück, Hans, Das Polenthum, in: Preußische Jahrbücher, Band 76,1894, S. 173–186. Vgl. auch andere Äußerungen Delbrücks zu dieser Frage in der Rubrik „Politische Korrespondenzen“. Diese, nur wenig später erstellte, Fassung richtete sich an ein breiteres Publikum. Demgemäß bemühte sich Weber hier um größere Allgemeinverständlichkeit und klarere Formulierungen und verzichtete auf die Fußnoten, in denen er sich mit der wissenschaftlichen Kritik an seiner Untersuchung auseinandergesetzt hatte. Außerdem wurden die Einleitung überarbeitet und verändert, der Schlußteil neu gefaßt, gemäß der Zielsetzung der Veröf[366]fentlichung in dieser prononciert politisch ausgerichteten Zeitschrift die politischen Aspekte stärker akzentuiert, und ein leidenschaftliches Plädoyer für eine verstärkte staatliche Ansiedlungs- und Kolonisationspolitik in den östlichen Gebieten Deutschlands hinzugefügt.

Zu welchem Zeitpunkt Weber die beiden Artikel niedergeschrieben hat, läßt sich nicht bestimmen. Seine Korrespondenzen geben hierüber keinen Aufschluß.10[366]Die Angaben Arthur Mitzmans, Weber habe die erste Fassung im Herbst 1893 und die zweite Fassung im Frühjahr 1894 verfaßt, lassen sich nicht belegen. Mitzman, Arthur, The Iron Cage: An Historical Interpretation of Max Weber. – New York: A. A. Knopf 1970, S. 120ff.; vgl. dazu auch: Tribe, Keith, Prussian agriculture – German politics: Max Weber 1892–7, in: Economy and Society, Band 12, 1983, S. 213f.

Zur Überlieferung und Edition

Manuskripte sind nicht überliefert. Der Artikel erschien in zwei Fassungen:

  1. Entwickelungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter. Von Dr. Max Weber, Professor an der Universität Berlin, in: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Vierteljahresschrift zur Erforschung der gesellschaftlichen Zustände aller Länder, hg. von Heinrich Braun, Berlin, Band 7, Heft 1, 1894, S. 1–41 (A), am 9. Juni 1894,1Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und die verwandten Geschäftszweige, Nr. 131 vom 9. Juni 1894, S. 3525. und
  2. Entwickelungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter. Von Max Weber, in: Preußische Jahrbücher, hg. von Hans Delbrück, Berlin, Band 77, 3. Heft, September 1894, S. 437–473 (B).

Der Text „erster Hand“ ist der ausführlichere; in ihm setzt sich Weber auch mit der wissenschaftlichen Kritik an seinen Landarbeiterstudien auseinander. Die zweite Fassung ist komprimierter und in ihrer Diktion vielfach schlagkräftiger und pointierter. Es ist eine gleichgewichtige Fassung, die zudem eine wesentlich breitere Publikumswirksamkeit gehabt hat als A. Beide Fassungen stellen im Grunde eigene Texte dar. Daher werden, abweichend vom sonstigen Verfahren der MWG, nicht nur der Text letzter Hand (B), sondern nacheinander beide Fassungen abgedruckt. Die Varianten werden nur bei Fassung A textkritisch annotiert. Auf eine Wiederholung des Erläuterungsapparats wird verzichtet.

Nicht eigens als Varianten ausgeworfen sind die Unterschiede in der Schreibweise, z. B. -t- (in A die Regel) statt -th- (in B die Regel). Das gleiche gilt für Wörter wie Verhältnis, Verhängnis und deren Verbindungen (in A die Regel) statt Verhältniß, Verhängniß (in B die Regel). Auch wurde darauf verzichtet, die Abweichungen -i- / -ie- anzumerken. Dies gilt für Worte wie [367]ignoriert, Ignorierung (in A die Regel) statt ignorirt, Ignorirung (in B die Regel), obwohl zahlreiche Abweichungen von der Regel Vorkommen. So heißt es in A 1 (S. 369) „Erkenntniß“, in A 17 (S. 389f.) „kritisirt“ und in A 25 (S. 401) „Betriebsgrößenvertheilung“ und umgekehrt in B 442 (S. 375) „Isolierung“. Diese Entscheidung wurde getroffen, um die sachlich wichtigen Varianten nicht zuzudecken.

Webers eigene Anmerkungen werden in A je Seite neu gezählt und binden in B mit Sternchen an. Sie werden im folgenden Abdruck jeweils durchgezählt. Nur im textkritischen Apparat, wo B als Variante erscheint, werden die Sternchen beibehalten.