Diskussionsbeiträge zum Vortrag von Karl Oldenberg: „Über Deutschland als Industriestaat“. 1897
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[623]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Am 10. und 11. Juni 1897 fand in Leipzig der achte Evangelisch-soziale Kongreß statt.1[623]Unter den vom Evangelisch-sozialen Kongreß veröffentlichten Einladungen wurden wie üblich auch die Namen der Mitglieder des Aktionskomitees und des Ausschusses, unter den letzteren auch der Max Webers, genannt. Die Einladungen wurden in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Vgl.: Die Zeit. Organ für nationalen Sozialismus auf christlicher Grundlage, Nr. 110 vom 12. Mai 1897, S. 1f.; Die christliche Welt. Evangelisch-Lutherisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände, Nr. 19 vom 13. Mai 1897, Sp. 455–456; Die Hilfe, Nr. 20 vom 16. Mai 1897, S. 6. Nach einem Vortrag über „Das Eigentum nach christlicher Beurteilung“2Die Verhandlungen des Achten Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Leipzig am 10. und 11. Juni 1897. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1897, S. 9–34. referierte am 10. Juni der aus der Schule Gustav Schmollers stammende Marburger Nationalökonom Karl Oldenberg „Über Deutschland als Industriestaat“.3Ebd., S. 64–104. Oldenbergs Vortrag erschien noch 1897 als selbständige Schrift: Deutschland als Industriestaat. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1897. Zum Kontext siehe auch: Barkin, Kenneth David, The Controversy over German Industrialization. – Brown University, Ph. D., 1966. Ausgehend von der Vorstellung, daß die Volkswirtschaft ein „Organismus“ sei,4Verhandlungen, S. 67. kritisierte er die zunehmende Industrialisierung Deutschlands sowie die unter der Reichskanzlerschaft Leo von Caprivis eingeleitete Handelsvertragspolitik. Das Gleichgewicht zwischen industriellem und agrarischem Sektor werde dadurch empfindlich gestört. Die Industrialisierung und damit der Export von industriellen Waren werde auf Kosten der Landwirtschaft zum Teil mit staatlicher Hilfe gefördert. Auf diese Weise werde Deutschland vom Ausland doppelt abhängig gemacht. Einerseits sei es auf die ausländischen Märkte angewiesen, um Abnehmer für seine Industrieprodukte zu gewinnen, andererseits seien Getreideimporte nötig, da es ja seine eigene Landwirtschaft zugunsten der Industrie vernachlässige. Eines Tages, so Oldenberg, werde dieses System kollabieren, [624]und zwar unweigerlich dann, wenn die Länder, die der deutschen Wirtschaft heute noch als Exportmärkte offenstünden, eine eigene Industrie aufgebaut hätten.

Der Vorsitzende des Kongresses, Moritz August Nobbe, sprach Oldenberg nach dem Vortrag seine Anerkennung aus, bedauerte jedoch, daß dieser keinen Ausweg aufgezeigt habe, um Deutschland „vor den furchtbaren Folgen“5[624]Ebd., S. 105. dieser Entwicklung zu bewahren. Im Anschluß daran meldete sich Max Weber zu Wort.6Verhandlungen, S. 105–113. Anfang Juni 1897 hatte Weber seinem Bruder Alfred noch geschrieben: „Ich werde Oldenbergs Referat jedenfalls hören, aber kaum in die Debatte eingreifen, da ich das Zahlenmaterial nicht durcharbeiten kann, wie ich es dazu müßte.“ Abschrift Marianne Weber (masch.), ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/4. In einer ausführlichen Stellungnahme zeigte er die Widersprüchlichkeit des Oldenbergschen Konzepts auf und vertrat die Ansicht, daß eine Autarkiepolitik für Deutschland und seine Bevölkerung, insbesondere die Industriearbeiterschaft, fatale Konsequenzen haben würde. Im Anschluß an eine Wortmeldung des Leipziger Publizisten Max Lorenz7Verhandlungen, S. 113–116. sprach dann der Berliner Nationalökonom Adolph Wagner.8Ebd., S. 116–122. Wagner stimmte den in „ihrem Kern unwiderleglichen Ausführungen“9Ebd., S. 116. Oldenbergs zu. Die Kritik Webers wies er zurück; die Interpretation der Schutzzollpolitik als bloßer großagrarischer Interessenpolitik, die Weber gegeben habe, sei verfehlt.10Ebd., S. 117. In dem Artikel „Deutschland als Industriestaat“ führte Wagner wenig später seine Verteidigung Oldenbergs, insbesondere gegen Weber, weiter aus. In: Die Zukunft, Band 20, 25. Sept. 1897, S. 534–548. Zu diesen Ausführungen nahm Max Weber in einem zweiten Diskussionsbeitrag Stellung.11Verhandlungen, S. 122f. Am Ende seines ersten Diskussionsbeitrags vermerkte das Protokoll: „Lebhafter Beifall und Zischen“, am Ende des zweiten Beitrags: „Beifall“.

Abschließend erhielt Karl Oldenberg die Gelegenheit, auf die in der Diskussion vorgebrachten Argumente zu antworten;12Ebd., S. 123–127. dabei konzentrierte er sich insbesondere auf die Einwände Webers. Als der Vorsitzende Nobbe daraufhin eine Resolution der Versammlung im Sinne der Darlegungen Oldenbergs herbeiführen wollte, erhob Max Weber dagegen Einspruch. Das Protokoll gibt an dieser Stelle Webers Votum nicht wörtlich wieder, sondern vermerkt nur: „Widerspruch seitens des Herrn Professor Dr. We[625]ber.“13[625]Ebd., S. 128. Daraufhin wurde von der Verabschiedung einer Resolution Abstand genommen.

Aufschlußreich für Max Webers Einschätzung des Vortrags von Karl Oldenberg ist eine Karte an seinen Bruder Alfred, wo es heißt:

„O[ldenberg]’s Vortrag dauerte 2¾ Stunden! ich war – von dem Standpunkte natürlich ganz abgesehen – doch offen gestanden recht enttäuscht, er schien mir (ich muß es natürlich noch nachprüfen) teilweise zwar recht scharf und hie und da nicht uninteressant, aber teilweise direkt unwissenschaftlich, schief, nicht ohne Sensations-Bedürfnis. Hoffentlich kommt er nun endlich wirklich in feste Position, dies schien mir Produkt nervöser Abspannung. – Glücklicherweise trat Wagner sehr warm für ihn ein, ich mußte ihn scharf bekämpfen.“14Karte an Alfred Weber, undat. [PSt 11. Juni 1897], ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 4.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt den stenographischen Protokollen: Die Verhandlungen des Achten Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Leipzig am 10. und 11. Juni 1897. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1897, S. 105–113 [1.] und S. 122f. [2.]. Beide Texte sind mit A sigliert. Weber wird in den Protokollen jeweils eingeführt mit: „Professor Dr. Max Weber – Heidelberg“. Die stenographischen Protokolle erschienen gedruckt am 5. August 1897.1Wöchentliches Verzeichnis der erschienenen und der vorbereiteten Neuigkeiten des deutschen Buchhandels, Nr. 31 vom 5. Aug. 1897, S. 788. Von einer Durchsicht und Autorisierung vor der Drucklegung durch Max Weber kann ausgegangen werden.2Zum diesbezüglichen Verfahren im Evangelisch-sozialen Kongreß siehe oben, S. 311f.