Die Verhandlungen der Preußischen Agrarkonferenz. 1894
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[480]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Die steigende Verschuldung des ländlichen Grundbesitzes, vor allem aber des ostelbischen Großgrundbesitzes, veranlaßte den preußischen Landwirtschaftsminister Wilhelm von Heyden-Cadow, für die Zeit vom 28. Mai bis zum 2. Juni 1894 eine Konferenz von Sachverständigen zur Erörterung der Ursachen der Verschuldung nach Berlin einzuberufen.1[480] Die Agrarkonferenz vom 28. Mai bis 2. Juni 1894. Bericht über die Verhandlungen der von Sr. Excellenz dem Kgl. Preuß. Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten zur Erörterung agrarpolitischer Maßnahmen einberufenen Konferenz. – Berlin: Paul Parey 1894. Sie sollten auch über Mittel und Wege zur Beseitigung der Überschuldung der Landwirtschaft beraten. Neben Vertretern des Grundbesitzes, der Kreditinstitute, der amtlichen Statistik und der Ansiedlungsbehörden sowie anderen Staats- und Kommunalbeamten nahmen auch eine Reihe namhafter Nationalökonomen an den Verhandlungen teil, wie z. B. Georg Friedrich Knapp, August Meitzen, Gustav Schmoller, Adolph Wagner und Max Sering.

Die Konferenz befaßte sich im wesentlichen mit der Kreditkrisis; die übergreifenderen Probleme der Agrarkrise, die sich in den 1890er Jahren als Folge der zunehmenden Konkurrenz billigen ausländischen Getreides stellten, blieben ausgeklammert. Im Zentrum der Erörterungen standen drei Problemfelder: das Erbrecht, die Schuldenentlastung und die Kreditorganisation des ländlichen Grundbesitzes. Über die Ursachen der Verschuldung herrschte weitgehende Übereinstimmung. Preisverfall für Getreide, Erbteilungsgewohnheiten und die große Mobilität des Grundbesitzes, die dazu führe, daß Güter zu weit über ihrem Ertragswert liegenden Preisen gekauft würden, wurden genannt. Umstritten dagegen waren die Mittel, um dem Prozeß der zunehmenden Verschuldung entgegenzuwirken. Unter anderem wurde der Vorschlag gemacht, von seiten des Staates eine Verschuldungshöchstgrenze festzusetzen. Auch über die Gründung von Korporationen der Grundbesitzer zur Sicherung des Kredits und eine Aufwertung des Anerbenrechts konnte keine Einigung erzielt werden.

[481]In der Öffentlichkeit stieß die Konferenz auf reges Interesse. Der Agrarexperte Max Sering veröffentlichte eine ausführliche Stellungnahme, die den Interessen des Großgrundbesitzes weit entgegenkam.2[481] Sering, Max, Die preußische Agrarkonferenz, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, 18. Jg., 1894, S. 943–968. Heinrich Braun, der Herausgeber des 1892 gegründeten Sozialpolitischen Centralblatts, bemühte sich ebenfalls um die Stellungnahme eines einschlägig ausgewiesenen Experten. Als Sozialdemokrat stieß er dabei auf große Probleme, obwohl das Sozialpolitische Centralblatt ebensowenig wie das von ihm herausgegebene Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik parteipolitisch gebunden war. Braun bemühte sich vielmehr, „durch strenge Objektivität und eine nach allen Seiten hin betätigte Unabhängigkeit“ Anerkennung zu erlangen.3Zitiert nach: Braun-Vogelstein, Julie, Ein Menschenleben. Heinrich Braun und sein Schicksal. – Tübingen: Wunderlich 1932, S. 120. Der Begriff der Sozialpolitik umfaßte für Braun nicht nur die Sozialpolitik im heutigen Sinn, sondern die Behandlung aller aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen vom sozialpolitischen Standpunkt aus.4Ebd., S. 118. Es fiel Heinrich Braun gleichwohl besonders schwer, für die Behandlung der Preußischen Agrarkonferenz einen fachkundigen Autor zu gewinnen. Er klagte gegenüber Werner Sombart: „Wenn jetzt die stenographischen Protokolle über die Enquête erscheinen, werde ich in ehrlicher Verlegenheit sein. Wen soll ich um die Besprechung angehen? Es gibt blutwenig Leute in Deutschland, die von Agrarpolitik etwas verstehen, und wie klein die Zahl derer ist, die Mut und Neigung und die ausreichende Qualifikation besitzen, sich im ,Sozialpolitischen Centralblatt‘ über die schwebenden agrarpolitischen Fragen auszusprechen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Es kann sein, daß ich auch keinen einzigen finde.“5Zitiert nach ebd., S. 122.

Seine Wahl fiel schließlich auf Max Weber, der zuvor schon sowohl im Sozialpolitischen Centralblatt als auch im Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik zur Landarbeiterfrage Stellung genommen hatte.6Vgl. die „ Monographien von Landgeistlichen über die Lage der Landarbeiter“, oben, S. 275–281, und die „Entwickelungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter“, oben, S. 368–424.

Die Grundlage für Webers Besprechung bildeten die stenographischen Protokolle der Agrarkonferenz. Bereits Mitte Juli 1894 war er mit der Ausarbeitung befaßt. In einem Brief an Marianne Weber heißt es: „Heut sitze ich an der Besprechung der Agrarconferenz für Heinrich Braun“.7Brief an Marianne Weber vom [13. Juli] 1894, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446 (Datierung Webers: 12. Juni oder Juli 1894).

[482]Zur Überlieferung der Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Die Verhandlungen der Preußischen Agrarkonferenz“ in der Zeitschrift Sozialpolitisches Centralblatt, hg. von Heinrich Braun, Berlin, 3. Jg., Nr. 45 vom 6. August 1894, S. 533–537, erschienen ist (A). Webers eigene Anmerkungen, die auf jeder Seite neu gezählt sind, sind hier durchgezählt. Der Artikel ist gezeichnet: „Berlin. Max Weber.“