Die ländliche Arbeitsverfassung. Referat und Diskussionsbeiträge auf der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik am 20. und 21. März 1893
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[157]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Der Verein für Socialpolitik hatte vom Dezember 1891 bis Februar 1892 eine umfassende Enquete über „Die Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland“ durchgeführt. Für die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse war eine ganze Reihe von Wissenschaftlern gewonnen worden, denen jeweils bestimmte geographische Regionen zur Bearbeitung übertragen wurden;1[157]Riesebrodt, S. 18–24. Max Weber hatte den politisch wie wissenschaftlich schwierigsten Part übernommen, nämlich die Bearbeitung der ostelbischen Gebiete Deutschlands. Bereits am 13. März 1892, also unmittelbar nach dem Abschluß der Befragungsaktion und dem Beginn der Arbeiten an der Auswertung des Enquetematerials, beschloß der Ausschuß des Vereins, die Ergebnisse auf der im Herbst anstehenden Generalversammlung zur Diskussion zu stellen. Nicht zufällig sollte diese Generalversammlung in Posen stattfinden, also in jener Stadt, in der die sogenannte preußische Ansiedlungskommission residierte. Als Themen wählte man 1. die ländliche Arbeiterfrage und die Binnenwanderungen innerhalb Deutschlands, sowie 2. die Bodenbesitzverteilung und die Sicherung des Kleingrundbesitzes.2„Bericht über die Sitzung des Ausschusses des Vereins für Socialpolitik. Berlin, 13. März 1892“, ZStA Merseburg, Verein für Socialpolitik, Rep. 196, Nr. 66, BI. 2. Es ist leicht zu sehen, daß diese Probleme aufs engste miteinander verknüpft waren; die zunehmende Abwanderung eines erheblichen Teils der ländlichen Arbeiterschaft in die industriellen Regionen insbesondere Sachsens, Berlins, Hamburgs und des rheinisch-westfälischen Industriegebiets und die dadurch ausgelöste „Leutenot“ vor allem in den Gebieten mit vorwiegender Großgüterwirtschaft standen offenbar in unmittelbarem Zusammenhang mit der gedrückten sozialen Lage von Teilen der ländlichen Unterschichten. Gleiches galt von der Bodenbesitzverteilung; insbesondere der Rückgang des bäuerlichen Kleinbesitzes und das Verschwinden der Bauerndörfer in den Gebieten mit vorwiegender Großgüterwirtschaft hatten zu dem verbrei[158]teten Mangel an ländlichen Arbeitskräften beigetragen. Seit 1886 hatte der preußische Staat in den ostelbischen Gebieten Preußens eine großangelegte Ansiedlungspolitik eingeleitet, die dem Ziel galt, den polnischen Bevölkerungsteil zurückzudrängen oder doch zumindest den durch zunehmende Abwanderungstendenzen geschwächten Bestand der deutschen Bevölkerung zu stärken. Die Ansiedlungskommission war darum bemüht, unter Einsatz erheblicher Kapitalien in großem Stil polnischen Großgrundbesitz aufzukaufen, zu parzellieren und auf den so gewonnenen Ländereien deutsche Bauerngüter zu begründen. Diese Bestrebungen konnten freilich die weitere Abwanderung von Teilen der ländlichen Unterschichten und die Ansiedlung von polnischen Landarbeitern ebensowenig wie den Rückgang des selbständigen Kleinbesitzes aufhalten, ganz abgesehen davon, daß die Polen dazu übergegangen waren, durch Gründung eigener Landbanken den Verkauf insolventen polnischen Grundbesitzes an die Ansiedlungskommission nach Möglichkeit zu verhindern. Den Ergebnissen der Enquete über die Lage der ländlichen Arbeiterschaft kam demgemäß erhebliche politische Bedeutung zu. Gleiches gilt für die Analyse der Ursachen der Binnenwanderung, die zu großen Schwierigkeiten für die Landwirtschaft geführt hatte. Dies alles wurde zusätzlich überschattet von den Vorboten einer schweren Agrarkrise; die nunmehr auch auf den deutschen Binnenmarkt drängende überseeische Konkurrenz, die vergleichsweise wesentlich kostengünstiger zu produzieren in der Lage war, konnte durch die Außenzölle nur in begrenztem Maße abgefangen werden. Es kam infolgedessen zu einem fortschreitenden Preisverfall für Getreide. In der deutschen Öffentlichkeit wurde erbittert über das Für und Wider der Wirtschaftspolitik Caprivis gestritten, die in erster Linie auf die Förderung einer exportorientierten Industriewirtschaft setzte. Die Agrarier ihrerseits eröffneten eine systematische Agitation zugunsten des Schutzes der Landwirtschaft mit Hilfe hoher Schutzzölle und anderer flankierender Maßnahmen, durch die die Agrarpreise von jenen des internationalen Marktes abgekoppelt und auf hohem Niveau stabilisiert werden sollten.

Die bevorstehenden Verhandlungen des Vereins für Socialpolitik über die Lage der Landarbeiterschaft und die damit verknüpften Fragen der deutschen Agrarverfassung betrafen also höchst aktuelle gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Fragen, deren politische Bedeutung jedermann vor Augen stand. Es war unzweifelhaft ein wesentliches Ziel des Vereins für Socialpolitik, mit seinen Forschungen den politischen Instanzen bei ihren künftigen Entscheidungen wissenschaftliche Hilfestellung zu geben.

Ende April oder Anfang Mai 1892 wandte sich Gustav Schmoller, der Vorsitzende des Vereins, an Max Weber mit dem Ersuchen, auf der für den Herbst 1892 vorgesehenen Generalversammlung eines der Hauptreferate über die Ergebnisse der Enquete über die Lage der Landarbeiter in [159]Deutschland zu übernehmen. Dabei hat offenbar eine Rolle gespielt, daß ein Vortrag von Ende April/Anfang Mai 1892 zum gleichen Gegenstand, den Max Weber in der „Staatswissenschaftlichen Vereinigung“ in Berlin gehalten hatte, ein überaus günstiges wissenschaftliches Echo gefunden hatte.3[159]Vgl. unten, S. 908. Max Weber dankte Schmoller für dieses, bei Lage der Dinge – Weber war erst frisch habilitiert – höchst ehrenvolle Angebot, wies aber zugleich darauf hin, daß sich Karl Kaerger, der die nordwestdeutschen Gebiete der Enquete bearbeitete und damals Privatdozent an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin war, möglicherweise übergangen fühlen könnte.4Brief an Gustav Schmöller, undat. [vor dem 31. Mai 1892], ZStA Merseburg, Verein für Socialpolitik, Rep. 196, Nr. 67, BI. 170f. Obwohl Max Weber sich, wie er später rückblickend an Lujo Brentano schrieb, „dazu wenig berufen und qualifiziert fühlte“,5Brief an Lujo Brentano vom 2[5]. Febr. 1893, BA Koblenz, Nl. Brentano, Nr. 67. übernahm er dann doch die ihm angetragene Aufgabe.

Am 1. Juli 1892 lud der Verein für Socialpolitik in einem Rundschreiben an seine Mitglieder zu der für den 30. September und 1. Oktober 1892 in Posen anberaumten Generalversammlung ein. In diesem Schreiben wurde Max Weber nach Georg Friedrich Knapp als zweiter Referent für einen „Bericht über die Enquete“ genannt.6ZStA Merseburg, Verein für Socialpolitik, Rep. 196, Nr. 37, BI. 97. Allerdings mußte die Generalversammlung wegen des Ausbruchs der Cholera in Posen wenig später kurzfristig abgesagt und ein neuer Termin festgelegt werden. An einer zu diesem Zweck nach Berlin einberufenen Vorbesprechung am 27. Dezember 1892 nahm neben Gustav Schmoller, Otto Gierke, Max Sering und Hugo Thiel auch Max Weber teil. Als neuer Termin für die Generalversammlung wurde nunmehr der 20. und 21. März 1893 in Berlin ins Auge gefaßt.7Notiz Gustav Schmollers vom 9. Jan. 1893, ebd., Nr. 38, BI. 9. Dieser Vorschlag wurde anschließend vom Ausschuß des Vereins zum Beschluß erhoben.8Ebd.

Nur wenige Tage zuvor, am 17. Dezember 1892, war Max Webers Untersuchung über „Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland“ als Band 55 der Schriften des Vereins für Socialpolitik im Druck erschienen.9Riesebrodt, S. 25. Sie fand insbesondere bei Georg Friedrich Knapp, dem Altmeister der agrarwissenschaftlichen Forschung in Deutschland, uneingeschränkte Anerkennung. Er erklärte daraufhin dem Vorsitzenden Gustav Schmoller, daß er bereit sei, seinerseits zugunsten Max Webers zurückzutreten; man möge diesem allein das einleitende Referat über die Enquete übertragen.10Brief Georg Friedrich Knapps an Gustav Schmoller vom 22. Dez. 1892, ZStA Merseburg, Verein für Socialpolitik, Rep. 196, Nr. 37, BI. 31. [160]Schmoller hat diesen Vorschlag jedoch offensichtlich nicht aufgegriffen.11[160]Dies geht aus einer Mitteilung Georg Friedrich Knapps an Gustav Schmoller vom 12. Jan. 1893 hervor. Ebd., Nr. 38, BI. 75. Demgemäß kam Max Weber nicht als erster Redner zu Wort. Es ist ein Zeichen für die große Wertschätzung, die ihm von seiten der führenden Mitglieder des Vereins entgegengebracht wurde, daß er am folgenden Tage, am 21. März 1893, in den Ausschuß des Vereins, dessen Mitgliedschaft verdienten Gelehrten vorbehalten war, kooptiert wurde.12„Bericht über die Sitzungen des Ausschusses des Vereins für Socialpolitik. Berlin, 1893, 19. März nachmittags 4, 21. März abends 6 Uhr.“, ebd., Nr. 67, BI. 3. Vgl. auch: Boese, Franz, Geschichte des Vereins für Sozialpolitik 1872–1932 (Schriften des Vereins für Sozialpolitik 188). – Leipzig: Duncker & Humblot 1939, S. 69. Boese spricht von der „erstmaligen Kooptation“ Max Webers.

Am 20. März 1893 eröffnete Gustav Schmoller die Generalversammlung.13Verhandlungen der am 20. und 21. März 1893 in Berlin abgehaltenen Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik über die ländliche Arbeiterfrage und über die Bodenbesitzverteilung und die Sicherung des Kleingrundbesitzes (Schriften des Vereins für Socialpolitik 58). – Leipzig: Duncker & Humblot 1893, S. 2–5. Vgl. auch Boese, Geschichte, S. 67–69. Er bezeichnete die ländliche Arbeiterfrage und die Frage nach dem Erhalt des Bauernstandes als zentral für die soziale Zukunft des Deutschen Reiches und unterstrich nachdrücklich die Aufgabe des Vereins für Socialpolitik, unparteiisch die zur Diskussion stehenden Fragen zu behandeln. Nach der Eröffnung hielt Knapp, wie geplant, den Einleitungsvortrag.14Verhandlungen, S. 6–23. Er gab zunächst einen kurzen Überblick über die gesamte Durchführung und Auswertung der Landarbeiterenquete. Dann beschränkte er sich darauf, die unterschiedlichen Arbeitsverfassungen im Norden Deutschlands, d. h. Westfalen, Niedersachsen und den Gebieten östlich der Elbe, miteinander zu vergleichen. Am Schluß seines Vortrags gab er der Hoffnung Ausdruck, die staatliche Kolonisationstätigkeit möge intensiviert werden, um dem kleineren landwirtschaftlichen Betrieb neben dem großen wieder mehr Chancen zu geben.

In Abweichung von dem Programm15Ursprünglich sollte Max Weber unmittelbar nach Knapp sprechen (siehe die Programme der Posener und Berliner Tagung: ZStA Merseburg, Verein für Socialpolitik, Rep. 196, Nr. 37, BI. 97, und Nr. 38, BI. 14), tauschte dann aber mit Georg von Mayr. Vgl. Verhandlungen, S. 23. referierte anschließend der Statistiker Georg von Mayr über die deutschen Binnenwanderungen.16Verhandlungen, S. 24–35. Er fügte seinem Vortrag neueste Aufstellungen bei, die auf Veranlassung des preußischen Ministeriums des Innern seit 1891 über die Wanderbewegungen in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Posen und Schlesien angefertigt [161]worden waren. Zugleich wies er aber auf den noch methodisch ungesicherten Status der amtlichen Statistik über Binnenwanderungen hin. Nach einer kurzen Unterbrechung, in der Geschäftliches zur Behandlung stand, wurde Max Weber dann das Wort für seinen Vortrag über „Die ländliche Arbeitsverfassung“ erteilt.17[161]Unten, S. 165–198.

Die Reihe der Vorträge wurde durch ein Referat des Agrarhistorikers Pontus Fahlbeck aus Lund über die schwedischen Landarbeiterverhältnisse beschlossen.18Fahlbecks Beitrag wurde nicht im Rahmen der „Verhandlungen“ abgedruckt, sondern in: Hasbach, Wilhelm, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren und die Einhegungen (Schriften des Vereins für Socialpolitik 59). – Leipzig: Duncker & Humblot 1894, S. 401–410.

In der anschließenden Debatte meldete sich zuerst der mit der Sozialdemokratie sympathisierende Journalist Max Quarck zu Wort,19Verhandlungen, S. 87–94. Es war die erste Tagung des Vereins für Socialpolitik, zu der auch Sozialdemokraten bzw. der Sozialdemokratie nahestehende Politiker und Publizisten eingeladen worden waren. In diesem Fall handelte es sich um die (späteren) Verfechter eines reformistischen Agrarprogramms: Max Quarck und Bruno Schoenlank. Boese, Geschichte, S. 68. der das Verfahren der Enquete, nur die Arbeitgeber zu befragen, scharf angriff. Er warf Max Weber und Karl Kaerger, dem Bearbeiter der Enquete für Nordwestdeutschland, vor, daß sie ungeachtet einer unzureichenden Materialbasis äußerst weitreichende Schlüsse gezogen hätten. Es sei bezeichnend für die Unzulänglichkeit des Materials, daß sie dabei zu ganz unterschiedlichen Schlußfolgerungen gelangt seien.

Karl Kaerger20Verhandlungen, S. 94–99. wies im Anschluß daran diesen Vorwurf zurück, da es doch schließlich auf die jeweiligen Standpunkte ankomme, von denen aus man dem Material gegenübertrete. Auf das Thema Arbeitermangel eingehend, schlug Kaerger vor, Eingeborene aus den deutschen Kolonien für einige Jahre auf den ostelbischen Gütern arbeiten zu lassen. Der Geometer und Landwirt Anton Ludwig Sombart21Ebd., S. 99–102. unterstrich gegenüber Quarck die Unmöglichkeit, die Landarbeiter selber über ihre Lage zu befragen. Im Hinblick auf Max Webers Darlegungen bezweifelte er, daß es möglich sein würde, östlich der Elbe einen Arbeiterpächterstand – vergleichbar den Heuerlingen im nordwestlichen Deutschland – zu begründen. Die Gefahr, die von polnischen Wanderarbeitern für die deutsche Nationalität im Osten gemäß Max Webers Einschätzungen ausgehe, schätze er für gering ein, unter der Voraussetzung, daß die Wanderarbeiter nach einem halben Jahr wieder in ihre Heimat zurückkehrten.

[162]Den Bedenken Sombarts gegenüber der Schaffung eines Arbeiterpächterstandes östlich der Elbe schloß sich auch Landrat von Werder aus Halle an.22[162]Ebd., S. 102–106. Der Nationalökonom Johannes Conrad wandte gegen Webers Ausführungen ein, daß man die positive Rolle, die der Großgrundbesitz bei der Germanisierung des Ostens gespielt habe, höher veranschlagen müsse.23Ebd., S. 106–111. Daraufhin meldete sich der sozialdemokratische Publizist und Politiker Bruno Schoenlank zu Wort.24Ebd., S. 111–114. Trotz weitgehender Kritik an Weber erklärte er dessen Vorschlag, die Grenzen für polnische Wanderarbeiter zu schließen für diskutabel; er forderte jedoch, daß eine solche Einwanderungssperre durch die Gewährung des Koalitionsrechts auch für die ländlichen Arbeiter und die Beseitigung der Gesindeordnung von 1810 ergänzt werden müsse.

Hugo Thiel, Geheimer Oberregierungsrat im preußischen Landwirtschaftsministerium und Organisator der Erhebung, warf Quarck und Schoenlank vor, daß sie die Lage der Landarbeiter mit der prinzipiell unterschiedlichen Situation der Industriearbeiter gleichsetzten und daher von falschen Voraussetzungen ausgingen.25Ebd., S. 114–120. Der Geschäftsführer des Zentralverbandes Deutscher Industrieller, Henry Axel Bueck, unterstrich, daß eine Sperrung der Grenzen für polnische Wanderarbeiter den größeren Teil der östlichen Großgrundbesitzer ruinieren würde.26Ebd., S. 120–123. Anschließend ergriff der Direktor des Bundes der Landwirte, Heinrich Suchsland, das Wort, um die von Quarck und Schoenlank vorgetragenen Vorwürfe zurückzuweisen.27Ebd., S. 123–126. Unmittelbar vor Max Weber, der mit seinem Diskussionsbeitrag die Debatte beschloß,28Unten, S. 199–205. gaben noch Max Quarck29Verhandlungen, S. 126f. und Adolph Wagner30Ebd., S. 127f. kurze Stellungnahmen ab. Das Protokoll vermerkte ebenso wie am Ende seines Vortrags auch am Schluß der abschließenden Stellungnahme Max Webers: „Lebhafter Beifall.“31Ebd., S. 86 und S. 133.

Der zweite Tag der Generalversammlung stand unter dem Thema „Die Bodenbesitzverteilung und die Sicherung des Kleingrundbesitzes“. Max Weber benutzte die sich an eine Reihe von Referaten anschließende Debatte dazu, nochmals auf die von Max Quarck vorgetragene Kritik an der Anlage der Enquete einzugehen.32Unten, S. 206f.

[163]Die Berliner National-Zeitung berichtete vom 21. bis 23. März 1893 ausführlich über die Generalversammlung.33[163]NZ, Nr. 193 vom 21. März 1893, Mo.Bl., 1. Beiblatt; Nr. 196 vom 22. März 1893, Mo.Bl., 1. Beiblatt, und Nr. 199 vom 23. März 1893, Mo.Bl., 1. Beiblatt. Sie referierte auch den Vortrag Webers über die ländliche Arbeitsverfassung, wobei sie Weber dahingehend interpretierte, als habe er eine staatliche Regelung der Landarbeiterlöhne verlangt. Die betreffende Passage, in der Weber paraphrasiert wird, lautet: „man werde doch wohl aber in Erwägung ziehen müssen, ob es nicht angezeigt erscheine, die Einwanderung russischer und polnischer Arbeiter zu beschränken und außerdem werde eine staatliche Regelung der Landarbeiterlöhne eintreten müssen.“34NZ, Nr. 193 vom 21. März 1893, Mo.Bl., 1. Beiblatt, S. 1, Sp. 3 oben. Der entsprechende, nach den stenographischen Protokollen wiedergegebene Abschnitt befindet sich in diesem Band, S. 182. In einem Schreiben an die Redaktion dieser Zeitung, das vom 21. oder 22. März 1893 stammen muß, stellte Weber den Sachverhalt klar. Es wurde von der National-Zeitung nur in indirekter Form wiedergegeben: „Dr. Max Weber, Charlottenburg, Leibniz-Straße 19, ersucht uns, den Bericht der Montags-Versammlung dahin berichtigen zu wollen, daß er nicht, wie es darin heißt, für staatliche Regelung der Lohnverhältnisse auf den Gütern eingetreten sei, eine solche vielmehr schon zufolge der bereits vorgeschrittenen sozialen Zersetzung für völlig unmöglich erachtet habe.“35NZ, Nr. 199 vom 23. März 1893, Mo.Bl., 1. Beiblatt, S. 1. Das Original von Webers Schreiben ist nicht überliefert.

Weitere Berichte über die Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik erschienen in der Neuen Preußischen Zeitung (Kreuzzeitung), im Vorwärts, in der Frankfurter Zeitung, dem Sozialpolitischen Centralblatt, der Zeitschrift Das Land und im Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich.36Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung), Nr. 135 vom 21. März 1893, Mo.Bl., und Nr. 137 vom 22. März 1893, Mo.Bl.; Vorwärts, Nr. 68 vom 21. März 1893, Nr. 69 vom 22. März 1893 und Nr. 70 vom 23. März 1893; FZ, Nr. 82 vom 23. März 1893, 3. Mo.Bl., und Nr. 83 vom 24. März 1893, 3. Mo.Bl.; Sozialpolitisches Centralblatt, Nr. 26 vom 27. März 1893, S. 307–310; Das Land, Jan.–Sept. 1893, S. 130–132, 148–151; Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, 18. Jg., 1894, S. 93–122 (Artikel von Karl Rathgen). Die hierin enthaltenen Zusammenfassungen der Beiträge Webers weichen inhaltlich nicht von der im folgenden abgedruckten Fassung ab. Die National-Zeitung, die Neue Preußische Zeitung und das Sozialpolitische Centralblatt berichteten, daß während Webers Vortrag der preußische Finanzminister Johannes von Miquel anwesend gewesen sei. Der Vorwärts wies darauf hin, daß nicht nur Miquel, sondern auch der preußische Landwirtschaftsminister Wilhelm von Hey[164]den-Cadow den Verhandlungen in weiten Teilen beigewohnt hätten. Die Frankfurter Zeitung erwähnte am Ende ihres Berichts über den ersten Verhandlungstag, daß Max Weber auf die Einwände gegen sein Referat „in lebhafter, stellenweise sehr erregter Polemik“ erwidert habe.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt den stenographischen Protokollen: Verhandlungen der am 20. und 21. März 1893 in Berlin abgehaltenen Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik über die ländliche Arbeiterfrage und über die Bodenbesitzverteilung und die Sicherung des Kleingrundbesitzes (Schriften des Vereins für Socialpolitik 58). – Leipzig: Duncker & Humblot 1893 (A). Das Referat und die Diskussionsbeiträge Webers finden sich S. 62–86, S. 128–133 und S. 215–216. Das Referat Webers ist überschrieben: „Referat von Privatdozent Dr. Weber (Berlin).“ Der Kolumnentitel gibt den Titel an: „Die ländliche Arbeitsverfassung“. Beide Diskussionsbeiträge beziehen sich auf sein Referat und die Debatte darüber. Die Diskussionsbeiträge werden jeweils eingeleitet mit „Referent Dr. Weber“. Die Verhandlungen der Generalversammlung erschienen gedruckt am 8. Juli 1893.1[164]Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und die verwandten Geschäftszweige, Nr. 156 vom 8. Juli 1893, S. 4077. Es darf davon ausgegangen werden, daß Max Weber Gelegenheit hatte, die Protokolle vor der Drucklegung durchzusehen, zu korrigieren und somit zu autorisieren.2So wurde zumindest später im Verein für Socialpolitik bei stenographischen Mitschriften verfahren. Vgl. MWG I/15, S. 138f.