Die Kampfesweise des Freiherrn v. Stumm. 1895
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[512]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Anläßlich der Reichstagsdebatte vom 9. Januar 1895 über die sogenannte „Umsturzvorlage“1[512] Zur Vorgeschichte der „Umsturzvorlage“ und zur Haltung Webers siehe den Editorischen Bericht zu der von Weber unterzeichneten „Erklärung gegen die Umsturzvorlage“, unten, S. 872–877. hielt der saarländische Schwerindustrielle Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg, seit 1867 Abgeordneter der Deutschen Reichspartei, eine spektakuläre und folgenreiche Rede, in der er nicht nur einschneidende Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie verlangte, sondern auch die Evangelisch-soziale Bewegung und den „Kathedersozialismus“ angriff und beide Gruppen mit jener auf eine Stufe stellte.2Sten. Ber. Band 138, S. 206–213. Von Stumm bekräftigte seine Angriffe auf die Evangelisch-soziale Bewegung und den Kathedersozialismus erneut am 7. Februar 1895, ebd., S. 728f. In diesem Zusammenhang warf er den Nationalökonomen an der Universität Berlin vor, Andersdenkende, die nicht „in das sozialistische Horn“ stießen, zu boykottieren. Zudem unterstellte er ihnen die Absicht, sozialdemokratische Studenten mit den übrigen Studenten „in eine Art gemeinschaftlicher Verbindung bringen“ zu wollen.3Ebd., S. 210. Er spielte dabei auf die Unterstützung Adolph Wagners für die im Oktober 1893 gegründete Sozialwissenschaftliche Studentenvereinigung an, die durch Veranstaltungen und Vorträge Hörer aller Fakultäten in das Gebiet der Nationalökonomie und der sozialen Fragen einführen wollte und der eine Reihe sozialistischer Studenten angehörte.4Vgl. Köhnke, Klaus Christian, Wissenschaft und Politik in den Sozialwissenschaftlichen Studentenvereinigungen der 1890er Jahre, in: Simmel und die frühen Soziologen, hg. von Otthein Rammstedt. – Frankfurt a.Μ.: Suhrkamp 1988, S. 308–341; ferner: Adolph Wagner. Briefe, Dokumente, Augenzeugenberichte 1851–1917, hg. von Heinrich Rubner. – Berlin: Duncker & Humblot 1978, S. 285, Anm. 3, sowie Schultze, Ernst, Die sozialwissenschaftliche Vereinigung, in: Die Zukunft, Band 11, 8. Juni 1895, S. 466–469. Auch Max Weber referierte in dieser Vereinigung. Siehe unten, S. 912f. Die Vereinigung war im Oktober 1893 unmittelbar im Anschluß an den ersten sozialwissenschaftlichen Kursus des Evangelisch-sozialen Kongresses gegründet worden. Im Dezember 1894 versuchte der antisemitische Verein Deutscher Studenten durch einen Masseneintritt seiner Mitglieder die angeblich jüdische [513]Vorherrschaft in der Sozialwissenschaftlichen Studentenvereinigung zu brechen. Diese sah sich daraufhin zur Selbstauflösung gezwungen; als sie sich mit neuen Statuten wieder konstituieren wollte, verweigerte ihr der Universitätsrektor Otto Pfleiderer die erforderliche Genehmigung. Erst im Oktober 1895 unter dem Rektorat Adolph Wagners wurde sie wieder zugelassen.5[513] Köhnke, Wissenschaft und Politik, S. 312–314. Vgl. auch Kampe, Norbert, Studenten und „Judenfrage“ im Deutschen Kaiserreich. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1988, S. 170–173. Adolph Wagner, der die studentischen Initiativen auf wissenschaftlicher Ebene unterstützte, griff indes in den um die Jahreswende 1894/95 schwelenden Streit nicht ein und fühlte sich gerade deshalb von den Attacken von Stumms schwer getroffen, dies umso mehr, als sie sich ja auch gegen den Evangelisch-sozialen Kongreß richteten, dessen Mitbegründer er war. Anläßlich einer Versammlung der Christlichsozialen Partei am 18. Januar 1895 in Berlin wies Wagner die Vorwürfe von Stumms entschieden zurück.6Wagner, Adolph, Mein Konflikt mit dem Großindustriellen und Reichstags-Abgeordneten Freiherrn von Stumm-Halberg, in: Die Zukunft, Band 10, 16. Febr. 1895, S. 307–315. Daraufhin entspann sich zwischen ihm und von Stumm bzw. dessen Sprachrohr, der „Post“,7Die Tageszeitung „Die Post“ war das offizielle Organ der Deutschen Reichspartei. Im folgenden können ihre Artikel nur indirekt zitiert werden, da die Bände für die betreffenden Monate Januar bis März 1895 als verloren gelten müssen. eine erbitterte Kontroverse, in deren Verlauf die „Post“ Wagner der Unaufrichtigkeit bezichtigte. Die Auseinandersetzung gipfelte schließlich darin, daß von Stumm Adolph Wagner durch einen Vertrauten – Richard Vopelius – am 25. Januar 1895 eine Duellforderung überbringen ließ.8Wagner, Adolph, Meine Duellangelegenheit mit dem Freiherrn von Stumm, in: Die Zukunft, Band 10, 2. März 1895, S. 409–411. Wagner faßte seine Artikel noch im selben Jahr zusammen unter dem Titel: Mein Konflikt mit dem Großindustriellen und Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Stumm-Halberg. – Berlin: O. Häring 1895. Wagner erklärte sich daraufhin bereit, bestimmte Äußerungen gegen von Stumm zurückzunehmen, stellte allerdings die Bedingung, daß auch von Stumm sich von seinen Behauptungen distanziere und zugebe, sie „mangels genügend Information“ gemacht zu haben.9Zitiert nach: Wagner, Meine Duellangelegenheit, S. 414. Dieser Vorschlag wurde ebenso abgelehnt wie das Angebot, die Angelegenheit vor ein Ehrengericht zu bringen.10Ebd., S. 416f. Statt dessen folgte am 27. Januar 1895 in der „Post“ eine Notiz „von Redaktionswegen“, in der Wagner, da er die Duellforderung nicht angenommen hatte, indirekt Feigheit unterstellt wurde. Es wurde an die Öffentlichkeit appelliert, über Wagners Ablehnung der Duellforderung zu urteilen. Wagner habe, so hieß es, „unter nichtigen Vorwänden abgelehnt“, seine Äußerungen gegen von Stumm zurückzunehmen bzw. die Forderung zum Duell anzunehmen; „überlassen wir“, so [514]schloß der Artikel, „das Urtheil über die Person und das Verhalten des Professors Wagner allen anständig Denkenden.“11[514] Zitiert nach ebd., S. 417.

Max Weber hatte diese Auseinandersetzung mit wachsender Aufmerksamkeit verfolgt. Obwohl er sich dem konservativen Adolph Wagner weder politisch noch persönlich in irgendeiner Weise verbunden fühlte, hielt er es für absolut notwendig, gegen die „objektiv betrachtet skandalöse Kampfesweise“ des Freiherrn von Stumm das Wort zu ergreifen. Dabei sollte zugleich zum Ausdruck gebracht werden, daß sich die sogenannten „Jungen“ der Evangelisch-sozialen Bewegung, also Weber selbst, Friedrich Naumann, Paul Göhre und andere, in diesem Punkte uneingeschränkt hinter Wagner zu stellen bereit waren.12So rückblickend im Brief an Adolph Wagner vom 14. März 1895. Dieser Brief liegt nur in zwei Abschriften von jeweils unbekannter Hand im Nachlaß Weber vor. ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/3 und 30/4. Weber war darüber aufgebracht, daß von Stumm diesen Konflikt von einer Zeitung austragen ließ und sich selbst dabei im Hintergrund hielt. Rückblickend bezeichnete er deshalb von Stumm als einen „Wicht, der sich nicht scheut, Sie [Wagner] anonym! zum mindesten indirekt der Unwahrhaftigkeit zeihen zu lassen“.13Ebd. Weber entschloß sich offenbar unmittelbar nach Erscheinen des ehrenrührigen Artikels der „Post“ vom 27. Januar 1895, in die Kontroverse einzugreifen. Er verfaßte einen „sehr scharf persönlich“ gegen von Stumm gerichteten Artikel und sandte ihn der Kreuzzeitung, hielt es aber selbst für fraglich, ob die konservative Zeitung sich zu einem Abdruck bereit finden würde.14Brief an Alfred Weber vom 1. Febr. 1895, Abschrift Marianne Weber (masch.), ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/4.

Webers Befürchtung war berechtigt. Der Chefredakteur der Kreuzzeitung, Wilhelm Freiherr von Hammerstein, schickte ihm den Artikel mit der Bemerkung zurück, daß er, Hammerstein, sollte er die Beleidigung eines Gegners für nötig erachten, sie lieber selber schreibe.15So berichtete Weber in seinem Brief an Clara Weber vom 11. Febr. 1895, ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/3. Auch die Veröffentlichung einer zweiten, gemilderten Fassung wurde abgelehnt mit dem Argument: „,bei der großen Empfindlichkeit des Kaisers gegen Andeutungen, wie die, daß er unter dem Einfluß des Herrn v. Stumm stehe, würde es von der ,Kreuzzeitung‘ unklug sein, einen Artikel, der das offen ausspreche, zu nehmen.‘“16Zitiert nach den Worten Webers, ebd. Seinem Bruder Alfred schrieb Max Weber später, die zweite Fassung sei wegen „Majestätsbeleidigung“ abgelehnt worden.17Brief an Alfred Weber vom 24. Febr. 1895, Abschrift Marianne Weber (masch.), ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/4. Er gab [515]jedoch nicht auf. Am 15. Februar 1895 trat von Stumm aus seiner Anonymität heraus und erneuerte in der „Post“ seine Anschuldigungen gegen die Evangelisch-soziale Bewegung, die Kathedersozialisten und Wagner. Die Erklärung lautete:18[515] Die Erklärung war dem späteren Artikel Webers als redaktionelle Anmerkung der Kreuzzeitung beigefügt. Sie wird im folgenden hiernach zitiert, da die entsprechende Ausgabe der „Post“ verschollen ist.

„Berlin 15. Februar 1895. Aus fast allen Theilen Deutschlands, selbst aus Österreich und der Schweiz gehen mir von den verschiedensten Berufsständen so zahlreiche Zustimmungs-Erklärungen zu meinen am 9. Januar und 7. Februar im Reichstage gehaltenen Reden zu, daß es mir besonders seit meiner Erkrankung ganz unmöglich geworden ist, dieselben einzeln zu beantworten. Ich bitte deshalb die Herren Absender, meinen Dank in der Form gegenwärtiger Erklärung entgegennehmen und versichert sein zu wollen, daß ihre Zustimmung mir ein neuer Sporn sein wird, um auf dem betretenen Wege fortzufahren und die Umsturz-Bestrebungen unentwegt zu bekämpfen, mögen sie von Anarchisten oder waschechten Sozialdemokraten, von verblendeten evangelischen Geistlichen oder von dünkelhaften Professoren betrieben werden. Die pöbelhaften, zum Theil auf Fälschung meiner Worte basirten Angriffe, welche von dieser Gesellschaft in urtheilslosen Versammlungen, in der Presse, wie in direkten Kundgebungen gegen mich geschleudert werden, berühren mich nicht mehr, seitdem die streitbaren Herren es ablehnen, für Beleidigungen mit ihrer Person einzutreten. Ich schöpfe sogar aus der Maßlosigkeit dieser persönlichen Angriffe mit Genugthuung den Beweis, wie schwer man sich durch meine Enthüllungen getroffen fühlt und wie wenig Sachliches man mir entgegen zu stellen vermag. Der Größenwahn der grauen Theorie hat in diesen Tagen wahrhafte Orgien gefeiert und auch dem Blödesten die Augen über dieses Treiben öffnen müssen. Möchte man an den maßgebenden Stellen endlich erkennen, daß es vergeblich ist, mit Strafparagraphen gegen den Umsturz vorzugehen, so lange man den pseudowissenschaftlichen und pseudo-christlichen Sozialismus ruhig gewähren läßt. Frhr. v. Stumm-Halberg.“

Diesen Artikel nahm Weber zum Anlaß einer erneuten Stellungnahme gegen von Stumm, in der er allerdings „den Kaiser möglichst aus dem Spiel ließ“.19Wie Anm. 17. Diese wurde, nachdem sie anderthalb Wochen liegengeblieben war,20Brief an Alfred Weber vom 27. Febr. [1895], ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 4. schließlich am 26. Februar 1895 in der Kreuzzeitung veröffentlicht. Kurz zuvor, am 18. Februar, hatte der Kaiser dem Vorstand des Bundes der Landwirte eine Audienz gewährt, während der er den Vorstand ermahnt hatte, „jeder sensationellen Agitation sich zu enthalten“.21Ansprache des Kaisers, zitiert nach: Schulthess 1895, S. 47. Offensichtlich, so Weber, führte der Chefredakteur der Kreuzzeitung, Hammerstein, diese [516]„Wendung in der Stimmung des Kaisers gegen die Agrarier auf Stumm zurück“. Daher hole er nunmehr den Artikel „aus der Schublade“ und werfe ihn Stumm „an den Schädel!“22[516] Wie Anm. 20.

Nur diese dritte Fassung ist überliefert.

Die Redaktion der Kreuzzeitung fügte ihrem Abdruck der Zuschrift Webers folgende „Nachschrift“ hinzu: „Wir haben nicht die Absicht, uns in den Streit Stumm-Wagner einzumischen, glauben aber bei der Einseitigkeit, mit der die ,Post‘ die Partei des Frhrn. v. Stumm nimmt, der Gegenseite das Wort nicht verschränken zu sollen.“ Auf den Artikel folgte eine Entgegnung in der „Post“, die Weber wenig später mit einem weiteren Artikel parierte.23In diesem Band abgedruckt, S. 522f.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Die Kampfesweise des Freiherrn v. Stumm“ in der Neuen Preußischen Zeitung (Kreuzzeitung), Nr. 96 vom 26. Februar 1895, Ab. Bl., S. 2, erschienen ist (A). Als redaktioneller Zusatz war unterhalb der Überschrift vermerkt: „(Eingesandt.)“ Der Artikel ist gezeichnet „Freiburg i. B. Professor Max Weber.“ In der Bayerischen Staatsbibliothek, München, befindet sich unter der Signatur Ana 446, OM 1, eine maschinenschriftliche Abschrift des Artikels unbekannter Herkunft.