Die Evangelisch-sozialen Kurse in Berlin im Herbst dieses Jahres. 1893
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[229]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

1890 wurde der „Volksverein für das katholische Deutschland“ gegründet, der sich rasch zum mitgliederstärksten Verein des deutschen Katholizismus entwickelte. Er setzte sich für sozialpolitische Reformen ein und arbeitete mit der katholischen Arbeitervereinsbewegung und den christlichen Gewerkschaften zusammen. Vom 20. bis 30. September 1892 veranstaltete er in Mönchengladbach Kurse für Geistliche und die interessierte Öffentlichkeit über soziale Probleme der Gegenwart.1[229]Siehe auch für das folgende den Bericht über den Kursus in: Der Volksverein. Stimmen aus dem Volksverein für das katholische Deutschland, Jg. 1892, S. 104–108, sowie die Ankündigung in: Arbeiterwohl. Organ des Verbandes katholischer Industrieller und Arbeiterfreunde, 12. Jg., 1892, S. 137f. Im Vordergrund der Erörterungen stand die Auslegung der päpstlichen Enzyklika „Rerum Novarum“ von 1891 über die Arbeiterfrage. Sie diente den im Rahmen dieser Kurse gehaltenen Vorträgen, die nicht eigentlich wissenschaftlichen, sondern stark moralisierenden Charakter trugen, als Richtschnur. In circa dreißig Vorträgen wurde die soziale Problematik in ihrer ganzen Breite behandelt: die Arbeiterfrage (Arbeiterschutz, Arbeiterversicherung), die Lage des Handwerks und die der bäuerlichen Bevölkerung. An zentraler Stelle wurden dabei die Aufgaben, die der Klerus zur Bekämpfung der Sozialdemokratie übernehmen sollte, erörtert. Die erfolgreiche Durchführung des Kurses sowie das rege Interesse, das er gefunden hatte – 582 Hörer hatten teilgenommen2Der Volksverein, Jg. 1892, S. 105. –, ließen Ausschuß und Aktionskomitee des Evangelisch-sozialen Kongresses aufhorchen. Der lang gehegte Plan, Kurse über soziale Fragen durchzuführen,3Bereits im Arbeitsprogramm von 1891 hatte der Kongreß die Veranstaltung von Kursen und Diskussionen über sozialpolitische Themen empfohlen. Bericht über die Verhandlungen des Zweiten Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Berlin am 28. und 29. Mai 1891. – Berlin: Vaterländische Verlags-Anstalt 1891, S. 128. nahm unter dem Eindruck des genannten katholischen Beispiels konkrete Formen an. In der Ausschußsitzung des Evangelisch-sozialen Kongresses vom 11. Oktober 1892 sowie in den November- und Dezem[230]ber-Sitzungen des Aktionskomitees wurde über eine dem katholischen „praktisch-sozialen“ Kursus vergleichbare evangelisch-soziale Veranstaltung beraten und als Termin der Spätherbst 1893 ins Auge gefaßt.4[230]„Aus den letzten Sitzungen des Ausschusses und des Aktionskomitees“, in: Mitteilungen des Evangelisch-sozialen Kongresses, Nr. 1 von Jan. 1893, S. 4f. Dabei wurde betont, daß im Gegensatz zur Veranstaltung des „Volksvereins für das katholische Deutschland“ der Evangelisch-soziale Kursus „ausschließlich den Charakter des Unterrichts in der Sozialwissenschaft“ tragen und keine Handlungsanweisungen im christlichen Sinne, sondern „gründliche Informationen“ über die „wirtschaftlichen Gesetze, […] Thatsachen und Resultate des modernen sozialen Lebens“ geben solle.5Ebd., S. 5. Anders als bei der Mönchengladbacher Veranstaltung sollten daher namhafte Nationalökonomen als Vortragende gewonnen werden.6Ebd.

Noch bevor ein detailliertes Programm aufgestellt werden konnte, fand in Elberfeld vom 22. bis 24. Januar 1893 ein Evangelisch-sozialer Kursus statt, an dem Friedrich Naumann federführend beteiligt war.7Siehe auch für das folgende: Verhandlungen des evangelisch-sozialen Kursus in Elberfeld am 22., 23. und 24. Januar 1893. Nach den Manuskripten der Vorträge und Zeitungsberichten zusammengestellt. – Hattingen (Ruhr): C. Hundt o. J. [1893]. Wie in Mönchengladbach stand auch hier weniger das rein wissenschaftliche Interesse im Vordergrund. Statt dessen sollten die Vorträge dazu dienen, der evangelischen Arbeitervereinsbewegung eine gemeinsame Richtung zu geben; in Einzelbeiträgen sollten zudem konkrete Informationen über das Versicherungswesen, den Arbeiterschutz, die Arbeitszeit und das Koalitionsrecht vermittelt werden. So wollte man die Weichen für ein gemeinsames Programm stellen.

Die Vorbereitungen für den im Spätherbst 1893 geplanten Kursus des Evangelisch-sozialen Kongresses wurden im April 1893 weitergeführt. Am 26. April trat eine mit der Vorbereitung beauftragte Kommission zusammen. Max Weber, der vermutlich seit Oktober 1892 dem Ausschuß des Kongresses angehörte,8Unter den Akten des Evangelisch-sozialen Kongresses in der Versöhnungskirche Leipzig-Gohlis befindet sich ein Flugblatt vom Oktober 1892, auf dem die Mitglieder des Ausschusses und des von ihm jeweils auf zwei Jahre gewählten Aktionskomitees vermerkt sind. Als handschriftliche Ergänzung befindet sich unter „2. Ausschuß“ der Vermerk „*Prof. Dr. Max Weber, Berlin“. Akten des Evangelisch-sozialen Kongresses, Versöhnungskirche Leipzig-Gohlis, A II 1: Evangelisch-sozialer Kongreß. Akten und Schriftwechsel 1890–1910. Möglicherweise wurde Weber anläßlich der Beratung der Landarbeiterenquete des Kongresses auf der Ausschußsitzung am 11. Oktober 1892 kooptiert. Die Tagesordnung dieser Sitzung wird mitgeteilt in: Mitteilungen des Evangelisch-sozialen Kongresses, Nr. 8 vom 1. Okt. 1892, S. 4. Allerdings wurde Weber erst im Dezember 1893 zum a.o. Professor ernannt. nahm gemeinsam mit den drei Berliner Nationalökonomen [231]Adolph Wagner, Max Sering und Karl Oldenberg an dieser Sitzung teil,9[231]Brief Paul Göhres an Wilhelm Stieda vom 27. April 1893, Nl. Stieda, Nr. 254, 3.1, UB Leipzig, HSA. auf der der Termin für den geplanten Kurs auf Oktober festgelegt wurde. Die Beteiligten zeigten sich einverstanden damit, daß die Veranstaltung im Gegensatz zu ihren Vorläufern „wissenschaftlich und objektiv informierend gehalten“ sein sollte: „kirchliche, evangelisch-konfessionelle Gesichtspunkte sollen ihn […] nicht bestimmen, nur ethische, soziale. Er soll vor allem für Geistliche, Candidaten, Arbeitervereinsführer, eben überhaupt für alle diejenigen sein, die sich sozial, vor allem natürlich evangelisch-sozial bethätigen wollen, und dazu objektive nationalökonomische Kenntnisse brauchen.“10Ebd. Für den Kursus waren zehn Tage angesetzt; morgens sollten jeweils vier Stunden Vorlesungen gehalten werden, nachmittags und abends waren Exkursionen und Diskussionen geplant.11Ebd. Insgesamt wurden neun Referenten mit acht Vorlesungsthemen vorgesehen. Für den Bereich Nationalökonomie wurden der Breslauer Professor Ludwig Elster und der Berliner Ordinarius Adolph Wagner gewonnen, für das Thema Arbeiterbewegung der junge Privatdozent der Staatswissenschaften und Mitarbeiter Gustav Schmollers Karl Oldenberg. Die „Deutsche Sozialgesetzgebung“ sollte von dem Braunschweiger Amtsrichter und nationalliberalen Sozialpolitiker Wilhelm Kulemann behandelt werden, Pastor Schäfer aus Altona sollte über „Die soziale Bedeutung der Inneren Mission“ referieren und Paul Göhre über „Evangelisch-soziale Bestrebungen“. Für das Thema „Agrarpolitik“ waren acht Stunden vorgesehen, die von dem Agrarwissenschaftler Max Sering bestritten werden sollten. Der Rostocker Nationalökonom Wilhelm Stieda sollte über „Gewerbepolitik“ referieren. Max Weber sollte vier Stunden über „Handel“ lesen und sagte seine Mitwirkung fest zu.12Ebd.

Max Weber wurde in der Folge beauftragt, anstelle Serings das Thema Agrarpolitik zu behandeln; die Gründe dafür sind uns nicht bekannt. Jedenfalls erschien am 13. Juli 1893 in der „Christlichen Welt“13Die christliche Welt. Evangelisch-lutherisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände, Nr. 29 vom 13. Juli 1893, Sp. 704. eine Einladung zum Evangelisch-sozialen Kursus, in der Max Weber anstelle Serings als Referent für die achtstündige Vortragsreihe über Agrarpolitik angekündigt wurde. Das Thema „ Handel“ sollte nunmehr Karl Rathgen, Privatdozent der Nationalökonomie an der Universität Berlin und seit Herbst 1893 außerordentlicher Professor der Nationalökonomie in Marburg, behandeln.14Ebd. – Die den Vorlesungen zugrunde gelegten Zusammenfassungen wurden später [232]als Manuskript gedruckt unter dem Titel: Grundriß zu den Vorlesungen im Evangelisch-sozialen Kursus zu Berlin. Oktober 1893. – Berlin: Vaterländische Verlags-Anstalt o. J. [1893]. Der darin auch befindliche Grundriß Max Webers „Landwirtschaft und Agrarpolitik“ wird unten, S. 259–271, mitgeteilt. Zum Verlauf und endgültigen Programm des Kursus vgl. den dazugehörigen Editorischen Bericht, unten, S. 254–258.

[232]Anfang August unternahm es Max Weber, den geplanten Kursus in einem Artikel in der „Christlichen Welt“ dem gebildeten protestantischen Publikum vorzustellen. Er hob dabei den vom vorausgegangenen katholisch-sozialen Kursus in Mönchengladbach und der evangelisch-sozialen Veranstaltung in Elberfeld verschiedenen Charakter der Veranstaltung besonders hervor. Die näheren Umstände der Entstehung und Publikation des Artikels sind nicht bekannt.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Die Evangelisch-sozialen Kurse in Berlin im Herbst dieses Jahres“, in: Die christliche Welt. Evangelisch-lutherisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände, Leipzig, Nr. 32 vom 3. August 1893, Sp. 766–768, erschienen ist (A). Der Artikel ist mit den Initialen Max Webers gezeichnet.