Die deutschen Landarbeiter. Korreferat und Diskussionsbeitrag auf dem fünften Evangelisch-sozialen Kongreß am 16. Mai 1894
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[308]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Auf Anregung Paul Göhres, des Generalsekretärs des Evangelisch-sozialen Kongresses, und Max Webers führte der Evangelisch-soziale Kongreß 1892/93 mit Hilfe evangelischer Geistlicher eine Erhebung über die Lage der Landarbeiter im Deutschen Reich durch.1[308]Zur Vorgeschichte der Erhebung und der Rolle Max Webers siehe auch folgende Artikel Webers einschließlich der Editorischen Berichte: „‚Privatenquêten‘ über die Lage der Landarbeiter“ (oben, S. 71–105), „Die Erhebung des Evangelisch-sozialen Kongresses über die Verhältnisse der Landarbeiter Deutschlands“ (oben, S. 208–219), „Monographien von Landgeistlichen über die Lage der Landarbeiter“ (oben, S. 272–281) und „Die Landarbeiter in den evangelischen Gebieten Norddeutschlands“ (unten, S. 687–711). Paul Göhre erwartete von der Erhebung, daß die Geistlichen größere Vertrautheit mit ihrer sozialen Umgebung gewinnen würden.2Vgl. Göhres Artikel: „Die ,Evangelisch-sozialen Zeitfragen‘“, in: Mitteilungen des Evangelisch-sozialen Kongresses, Nr. 1 vom 24. Nov. 1891, S. 4. Max Weber hingegen hoffte auf eine Ergänzung der 1891/92 vom Verein für Socialpolitik veranstalteten Enquete über die Lage der Landarbeiter. Die Befragung der evangelischen Geistlichen versprach objektivere Ergebnisse als die Befragung der ländlichen Arbeitgeber; zudem hoffte Weber, man könne mit Hilfe der Geistlichen über die Feststellung der materiellen Lebensbedingungen hinaus mehr über die subjektive, psychologische Lage der Landarbeiter in Erfahrung bringen.3Weber, Max, „,Privatenquêten‘ über die Lage der Landarbeiter“, oben, S. 78.

Ein von Göhre und Weber ausgearbeiteter Fragebogen4In diesem Band im Rahmen der „Vorbemerkung“ Webers zu „Die Landarbeiter in den evangelischen Gebieten Norddeutschlands“ abgedruckt, unten, S. 694–705. wurde im Januar 1893 in 15 000 Exemplaren aus praktischen Gründen an alle und nicht nur an die ländlichen Pfarrämter des Reiches verschickt; rund tausend kamen [309]beantwortet wieder zurück.5[309]Göhre, Paul, Die deutschen Landarbeiter, in: Bericht über die Verhandlungen des Fünften Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Frankfurt am Main am 16. und 17. Mai 1894. – Berlin: Rehtwisch & Langewort 1894, S. 43. Im Sommer 1893 begannen Göhre und Weber mit der Bearbeitung dieses Materials.6Ebd. Zum Verbleib des Materials siehe den Editorischen Bericht zu „Die Landarbeiter in den evangelischen Gebieten Norddeutschlands“, unten, S. 689, sowie die Einleitung zum vorliegenden Band, S. 23f. Während Göhre die Berichte aus dem Süden und dem Westen auswerten wollte, übernahm Weber die Auswertung der Berichte über die ostelbischen Gebiete sowie die Provinz Sachsen und Anhalt.7Göhre, Landarbeiter, S. 43f.

Erste, vorläufige Ergebnisse trugen Weber und Göhre auf dem fünften Evangelisch-sozialen Kongreß in Frankfurt am Main am 16. Mai 1894 vor.8Eine spätere Veröffentlichung der endgültigen Ergebnisse der Enquete durch Weber und Göhre ist nicht zustandegekommen. Weber beauftragte mit der Auswertung eine Reihe seiner Schüler in Heidelberg. Siehe dazu den Editorischen Bericht zu „Die Landarbeiter in den evangelischen Gebieten Norddeutschlands“, unten, S. 688f. Ihren Referaten war am Vormittag der Vortrag des orthodoxen Greifswalder Theologen Hermann Cremer über „Die soziale Frage und die Predigt“ vorausgegangen.9Bericht über die Verhandlungen des Fünften Evangelisch-sozialen Kongresses, S. 11–22. Cremer hatte bereits Anfang 1892 scharfe Kritik an Paul Göhre geübt, weil dieser drei Monate lang incognito als Handwerksbursche bzw. Facharbeiter die Lage der Industriearbeiter in Sachsen aus nächster Nähe studiert und darüber publiziert hatte. Diese Kritik hatte Max Weber zur Unterstützung Göhres auf den Plan gerufen.10Siehe Max Webers Artikel „Zur Rechtfertigung Göhres“ und den dazugehörigen Editorischen Bericht, oben, S. 106–119. Unter diesen Umständen sorgte die Tatsache, daß sich an Cremers Referat am Nachmittag des 16. Mai die Referate Paul Göhres und Max Webers anschlossen, für einige Spannung unter den Zuhörern.

Als erster sprach Paul Göhre.11Bericht über die Verhandlungen des Fünften Evangelisch-sozialen Kongresses, S. 43–61. Da die Auswertung des Materials noch nicht weit gediehen war, entschloß er sich dazu, „in großen Zügen ein Bild von der Lage der deutschen ländlichen Arbeiter“12Ebd., S. 45. zu entwerfen und daraus die aus seiner Sicht entscheidenden Forderungen für eine Besserung der Lage der Landarbeiter zu ziehen. Nach einer kurzen Darstellung der Landarbeiterverhältnisse im gesamten Reich kam er zu der Feststellung, daß es eine Landarbeiterfrage im engeren Sinne nur in den Gebieten östlich der Elbe gebe. In enger Anlehnung an Webers Thesen schilderte er sodann den Zerfall der althergebrachten Arbeitsverfassung im Osten, die auf der Inter[310]essengemeinschaft von Gutsherr und Hintersassen beruht habe. Die Folgen dieses Zerfalls, die massenhafte Abwanderung der Einheimischen gen Westen, der Nachzug von polnischen und russischen Wanderarbeitern und die fortschreitende Verelendung der verbleibenden deutschen Arbeiterfamilien erfordere die Intervention des Staates zugunsten einer Bauernkolonisation „im großen Stile, planmäßig, distriktweise“.13[310]Ebd., S. 58. Das letzte Ziel müsse, und darin gipfelte der Vortrag Göhres, „die Verdrängung des großen Grundbesitzes“,14Ebd. die „Vernichtung der Vorherrschaft des östlichen Großgrundbesitzes“15Ebd., S. 59. sein.

Im Anschluß daran sprach Max Weber.16Ebd., S. 61–82. Während Göhre ganz unbefangen konkrete politische Forderungen aufgestellt hatte, nahm Weber in seinem – unten abgedruckten – Korreferat „Die deutschen Landarbeiter“ eine vorsichtigere Haltung ein. Er bezweifelte, ob eine Bauernkolonisation großen Stils Erfolg haben könne, und distanzierte sich von Göhres scharf formulierter Forderung nach einer „Vernichtung der Vorherrschaft des östlichen Großgrundbesitzes“.

Das Protokoll vermerkte am Ende seines Vortrags: „Langanhaltender Beifall.“ Dennoch fehlte es nicht an kritischen Stellungnahmen, insbesondere stieß Webers Forderung nach Einführung der Koalitionsfreiheit auch für Landarbeiter keineswegs nur auf Gegenliebe. In der sich anschließenden Debatte wurde erstmals in aller Schärfe deutlich, wie tief die Kluft zwischen den „Jüngeren“ der evangelisch-sozialen Bewegung unter der Führung Friedrich Naumanns, Paul Göhres und Max Webers einerseits und den „Älteren“ andererseits bereits war. Die sozialkonservativ und patriarchalisch ausgerichtete Gruppe um Adolph Wagner, Adolf Stoecker und den Vorsitzenden des Evangelisch-sozialen Kongresses, Moritz August Nobbe, zeigte sich über die Forderungen der „Jüngeren“ schier entsetzt.

Als erster ergriff Nobbe das Wort, um seinen Unwillen gegenüber Göhres Forderung nach Beseitigung des Großgrundbesitzes und Webers Forderung nach Koalitionsfreiheit für die Landarbeiter zum Ausdruck zu bringen. In den beiden Referaten, so Nobbe, hätte zudem eher die Individualität der beiden Redner als die Sachlage als solche ihren Niederschlag gefunden. Sofern die Resultate der Enquete mit den Vorträgen Göhres und Webers erschöpft sein sollten, so bleibe bei ihm ein Gefühl des „Ungenügenden“ zurück.17Ebd., S. 82–86. Zitat S. 82. Im Anschluß daran meldete sich ein uns nicht näher bekannter Pfarrer aus Pommern zu Wort, der sich mit der Weberschen Forderung nach [311]Einführung der Koalitionsfreiheit für Landarbeiter zwar prinzipiell einverstanden erklärte, eine Organisation der Landarbeiterschaft in evangelischen Arbeitervereinen jedoch weit von sich wies.18[311]Ebd., S. 86f. Bevor einer der führenden Vertreter des Gesamtverbandes evangelischer Arbeitervereine Deutschlands, Pfarrer Theodor Werth aus Schalke, das Wort zu ergänzenden Bemerkungen über die Polenfrage ergriff,19Ebd., S. 91f. verteidigte Adolph Wagner auf das Entschiedenste die Verdienste des Großgrundbesitzes in Preußen-Deutschland und verlangte zu dessen Erhaltung und Stärkung eine Erhöhung der Kornzölle.20Ebd., S. 87–91. Anschließend wurde den Referenten, als erstem Weber, Gelegenheit zu einer abschließenden Stellungnahme gegeben.21Ebd., S. 92–94. Weber faßte seinen Standpunkt in dem unten abgedruckten Diskussionsbeitrag nochmals prägnant zusammen.

Bei den Angriffen von Seiten der sogenannten „Älteren“ auf dem fünften Evangelisch-sozialen Kongreß blieb es nicht. In der Folge begann die konservative und regierungsoffiziöse Presse einen regelrechten Feldzug gegen Weber und Göhre, gegen den sich ersterer in seinem Artikel „Zum Preßstreit über den Evangelisch-sozialen Kongreß“22In diesem Band abgedruckt, unten, S. 463–479. zur Wehr setzte.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck erfolgt nach den stenographischen Protokollen: Bericht über die Verhandlungen des Fünften Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Frankfurt am Main am 16. und 17. Mai 1894. – Berlin: Rehtwisch & Langewort 1894 (A), die am 16. August 1894 erschienen.1Wöchentliches Verzeichnis der erschienenen und der vorbereiteten Neuigkeiten des deutschen Buchhandels, Nr. 33 vom 16. Aug. 1894, S. 769. Das hier wiedergegebene Korreferat Webers findet sich dort unter der auch den vorangehenden Vortrag Paul Göhres umfassenden Überschrift „Die deutschen Landarbeiter“, S. 61–82; der sich daran anschließende Diskussionsbeitrag Webers befindet sich S. 92–94. Das Referat wird eingeführt mit: „Darauf erhält das Wort zum Korreferat Professor Dr. Max Weber – Berlin:“ Der Diskussionsbeitrag wird eingeleitet mit: „Prof. Dr. Max Weber.“ Es darf davon ausgegangen werden, daß Max Weber Gele[312]genheit hatte, die Protokolle vor der Drucklegung durchzusehen, zu korrigieren und somit zu autorisieren. So wurde zumindest später im Evangelisch-sozialen Kongreß verfahren.2[312]Brief des späteren Generalsekretärs Schneemelcher an Martin Rade vom 21. Sept. 1903, Nl. Martin Rade, UB Marburg.