Zur Rechtfertigung Göhres. 1892
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[108][A 1104]Zur Rechtfertigung Göhres

Der Herausgeber der Christlichen Welt1[108]Gemeint ist der protestantische Theologe Martin Rade, der von 1886/87 bis 1931 die von ihm begründete „Christliche Welt“ herausgab. stellte mir anheim, die Bemerkungen, die ich etwa zu der Kritik der Schrift meines Freundes Göhre2Die Schrift Göhres „Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche“ hatte damals beträchtliches Aufsehen erregt und in kirchlichen Kreisen zu scharfen Protesten gegen die Einmischung eines Theologen in die „soziale Frage“ Anlaß gegeben (vgl. den Editorischen Bericht, oben S. 106f.). durch Herrn Kons[istorial]-Rat D. Cremer3Dies bezieht sich, wie aus den nachfolgenden Zitatnachweisen hervorgeht, nicht auf Cremers Abhandlung „Die Aufgabe und Bedeutung der Predigt in der gegenwärtigen Krisis“, sondern auf seine Stellungnahme in der „Christlichen Welt“: Die Predigtaufgabe unsrer Kirche gegenüber der Sozialdemokratie, vgl. oben, S. 107, Anm. 8. von meinem Standpunkte aus zu machen hätte, niederzuschreiben. Ein dem kirchlichen Leben fernerstehender Laie, fühle ich mich nicht legitimirt, mich in den Streit, soweit er sich auf dem Gebiete der theologischen Theorie abspielt, hineinzubegeben; doch möchte ich mit einigen Bedenken umsoweniger zurückhalten, als der Nächstbetroffene nach meiner Empfindung verhindert ist, sich an der Erörterung zu beteiligen, nachdem seitens des Herrn Kritikers über seine „Reife“4Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1037. Wörtlich spricht Cremer hier von „jugendlicher Frühreife und Unreife“ Göhres. und selbst über das „Maß seiner Sündenerkenntnis“5Ebd., Sp.1038. Hier heißt es: „Ist nun nicht das Verständnis für die Aufgabe der Evangeliumspredigt abhängig von dem Maße der Sündenerkenntnis?“ eine zum mindesten etwas seltsame Enquete unternommen worden ist. Das „Recht“, nach der letztgedachten Eigenschaft zu fragen, nimmt der Herr Kritiker in Anspruch behufs Feststellung der Qualifikation des Inquisiten zum geistlichen Amt.6Ebd. Cremer hatte bereits in einer früheren Schrift die Befähigung eines Kandidaten zum geistlichen Amt abhängig gemacht vom Grad seiner „Sündenerkenntnis“. Vgl. Cremer, Hermann, Die Befähigung zum geistlichen Amte. – Berlin: Wiegandt und Grieben 1878. Gewiß ist es jedem, auch wenn er sonst nicht zur Prüfung dieser Qualifikation berufen ist, unbenommen, eine solche Frage zu stellen, immerhin muß es zweifelhaft erscheinen, ob dafür die Spalten einer Zeitschrift der richtige Ort und das große Publikum die geeignete Adresse sind. Eine öffentliche [109]Kritik solcher Art, eine Rezension nicht der Ansicht, sondern der Person ist auf andern Gebieten der Wissenschaft wohl kaum erhört, und ich zweifle, ob der Theologie mit einem privilegium odiosum7[109]Lateinischer Fachausdruck im Recht. Gemeint ist eine für eine Gruppe vergleichsweise ungünstige Rechtsregelung. in dieser Hinsicht gedient sein würde.

Freilich soll sich die betreffende Erörterung nur auf die theoretische Erkenntnis des Wesens der Sünde beziehen; allein abgesehen von der Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit einer solchen Scheidung gerade auf diesem Gebiet – für [A 1105]welche die hier besprochene Kritik selbst ein Beispiel bieten dürfte –, wird man erstaunt sein, aus dem Munde eines Kritikers, der seinem Gegner „Scholastik“ vorwerfen zu können glaubt,8Bei Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1039, lautet es: „Das Verfahren, welches Göhre fordert, setzt nur eine neue Scholastik an Stelle der alten.“ zu vernehmen, daß er als erstes Erfordernis für die Ermittlung der äußern Verhältnisse und des Zustandes in den Köpfen der Arbeiter die Annahme seines theoretischen Standpunktes in der gedachten Materie aufstellt. Wir Laien, die wir von diesem Standpunkte im allgemeinen wohl kaum Kenntnis haben, würden darnach freilich gänzlich auf einen Versuch, uns über die Stimmungen unsrer arbeitenden Gemeindegenossen gegenüber der Kirche zu unterrichten, verzichten müssen. Die Folgerungen Göhres aus dem vorgelegten Beobachtungsmaterial kann man zum Teil vielleicht als voreilig ablehnen, ohne den Wert des Buches zu bestreiten.9Göhre forderte die Kirche auf, sich stärker als bisher um die Arbeiterschaft zu bemühen. Dies dürfe sich jedoch nicht in Reformen auf kirchlicher Ebene erschöpfen, sondern erfordere darüber hinaus ein Engagement für die Beseitigung sozialer Mißstände. Auf diesem Wege sei, wenn auch nicht die Zurückdrängung, so doch „die Erziehung, die Veredlung, die Christianisierung der heute noch wilden, heidnischen Sozialdemokratie, und die Vernichtung ihrer widerchristlichen materialistischen Weltanschauung“ erreichbar. Göhres Haltung setzte voraus, daß es in der sozialdemokratischen Weltsicht einen humanitären Kern gebe, eine auch im Evangelisch-sozialen Kongreß nicht unumstrittene Ansicht. Vgl. Göhre, Fabrikarbeiter, S. 212–222, bes. 220–222; das Zitat: S. 222. Der Herr Kritiker stellt aber – und darum handelt es sich für mich – einen solchen Wert überhaupt in Abrede, zunächst indem er, nach seinem eignen Ausdruck, „kühn“ behauptet, es habe denjenigen Geistlichen, „welche wirklich mit ihrer Gemeinde leben“, „nichts Neues“ gebracht.10Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1035. Bei Cremer heißt es wörtlich: „Ich behaupte kühn, daß Göhres Buch wenigstens den Pfarrern nichts Neues gebracht hat, die wirklich in und mit ihrer Gemeinde leben“.

[110]Die in der That erstaunliche Kühnheit dieser Behauptung ermißt, wer eine Ahnung von den außerordentlichen Differenzen in der geistigen Eigenart der verschiedenen Schichten, Berufs- und örtlichen Gruppen der deutschen Arbeiterschaft hat. Ob man, selbst innerhalb der großen Industrie, mit Arbeitern aus lokal konzentrirten oder aus über das Land zerstreuten, aus technisch hochentwickelten und aufsteigenden oder aus niedergehenden Gewerben, mit organisirten oder unorganisirten Arbeitern, Gewerk- oder Fachvereinlern, mit pommerschen oder mit sächsischen oder mit Arbeitern aus Gegenden mit besonders starker Bodenverteilung zu thun hat: das sind so völlig verschiedne Dinge, daß es unbegreiflich bleibt, wie jemand, der diese Kategorien nicht sämtlich kennt, glauben will, aus der Schilderung der Lebensluft einer lokal begrenzten charakteristischen Gruppe „nichts Neues“ entnehmen zu können. Es kommt freilich darauf an, was man unter „neu“ versteht. Neue Ergebnisse für die theologische „Logik“ fehlen, neue ethische Begriffe sind nicht aufgedeckt; die spießbürgerliche Vorstellung, daß in der Arbeiterklasse finstre und geheimnisvolle Mächte am Werke seien, die es zu „enthüllen“ gelte, findet sich nicht bestätigt; und der Leser bleibt bei Lektüre des Buches unter dem Eindruck, daß er es bei dieser Kategorie von Arbeitern11[110]Weber bezieht sich hier auf die Tatsache, daß Göhre die spezielle Kategorie der handwerklich ausgebildeten und hochqualifizierten Facharbeiter in einer Chemnitzer Maschinenfabrik untersucht hat. Göhre, Fabrikarbeiter, S. 12. mit Menschen seines eignen Fleisches und Blutes, mit im wesentlichen gleichartigen geistigen und gemütlichen Bedürfnissen zu thun hat, die ihren materiellen und innerlichen Interessen, wie sie ihnen die Organisation der menschlichen Gesellschaft zuweist, ungefähr mit demselben Maße von Verständnis und Thorheit nachgehen, wie er selbst und seinesgleichen: – er findet, daß man, um Menschen dieser Art kennen zu lernen, nicht nötig habe, unter die Arbeiter zu gehen. In diesem Sinne bringt also Göhres Buch in der That „nichts Neues“. Aber allerdings: wer glauben wollte, daß diese Thatsache selbst allgemein anerkannt sei, daß die Wesensgleichheit der geistigen und gemütlichen Interessen dieser Arbeiter – wohlgemerkt: nicht der Arbeiter überhaupt, aber eben dieser ungemein großen und wichtigen Kategorie des künftigen gewerblichen „Mittelstandes“ – mit einer breiten bürgerlichen Schicht der besitzenden und regierenden Klassen bei der Beurteilung [111]der „Arbeiterfrage“ allgemein zu Grunde gelegt werde: nun, der braucht, um eines Andern belehrt zu werden, nicht in die Details unsrer kirchlichen und Verwaltungspraxis oder beispielsweise der preußischen Schulpolitik hineinzusteigen, es genügt, daß er den Vorstellungskreis, aus dem die Ansichten des Herrn Kritikers über die Stellung des geistlichen Amts zu den geistigen Interessen der Arbeiter erwachsen sind, sich vergegenwärtige. – Wir kommen darauf nachher zurück; zunächst noch einige Worte über den Wert oder Unwert des von Göhre eingeschlagnen Weges.

Wenn der Herr Kritiker sich gegen eine Überschätzung dieses Weges und dagegen wendet, daß man ihn für den einzig gangbaren und unentbehrlichen halte,12[111]Ebd., Sp. 1036. so wird man ihm darin zustimmen können; – m.W. hat übrigens weder Göhre noch sonst jemand, dessen Urteil ins Gewicht fällt, eine solche Behauptung aufgestellt. Für jeden aber, der sich ernstlich mit der Methodik wissenschaftlicher Enqueten beschäftigt, unterliegt es [A 1106]andrerseits schlechterdings keinem Zweifel, daß es zahlreiche und höchst wichtige „Imponderabilien“ der Arbeiterfrage giebt, über die allerdings nur der Weg örtlicher autoptischer Recherche Aufschluß geben kann. An dem Bilde, das die kahlen Zahlen der Statistik im Zusammenhalt mit den Ergebnissen allgemeiner Ermittlungen von noch so vorzüglicher Methode uns bieten, vermissen wir, und zwar regelmäßig, den letzten entscheidenden Zug: den Stimmungsreflex in der Brust der Menschen, und dieser Reflex kann unter absolut gleichen wirtschaftlichen Zuständen ein ganz ungeheuer verschiedener sein. Dieses psychologische Moment giebt keine Zahl und keine noch so sorgfältige didaktische Erörterung greifbar wieder: nur die Epik einer Darstellung, wie sie Göhre bieten konnte, stellt es denen vor Augen, für die sein Buch – verstehe ich ihn recht – geschrieben war.

Das Interesse an dem Buch ist deshalb kein eigentlich fachwissenschaftliches, wohl aber ein praktisch sozialpolitisches: es will und muß unter dem Gesichtspunkt beurteilt werden, ob es die Bevölkerungsklasse der einen, über die es handelt, und die andre, an die es sich richtet, einander näher gebracht hat. Das aber ist unzweifelhaft der Fall gewesen. Wenn der Herr Kritiker es für „schlimm genug“ erachtet, daß viele Kreise, wie er selbst meint, erst durch dieses Buch über zahlreiche äußerliche und innerliche Lebensbedingungen der [112]Arbeiterschaft aufgeklärt worden sind,13[112]Ebd., Sp. 1035. Bei Cremer heißt es: „Es ist ein Unglück, daß vielen erst dies Buch einigermaßen die Augen öffnen mußte“. so werden andre dies nur zu begreiflich finden.

Inwieweit es unter normalen Verhältnissen Geistlichen – für die das Buch übrigens doch nicht allein geschrieben ist – möglich sein wird, die wirtschaftlichen Existenzbedingungen der Arbeiter ihrer Gemeinde konkret und in ihren Zusammenhängen zu erkennen, bleibe hier dahingestellt. Auch ich habe von dieser Möglichkeit an sich eine hohe Vorstellung, und inwieweit die thatsächliche Kenntnis dem entspricht, darüber werden wir ja bei Gelegenheit der Enquete des Evangelisch-sozialen Kongresses über die Landarbeiter Erfahrungen machen können,14Auf Veranlassung des Aktionskomitees des Evangelisch-sozialen Kongresses arbeiteten Paul Göhre, Generalsekretär des Kongresses, und Max Weber im Herbst 1892 einen Fragebogen für eine Erhebung über die Lage der Landarbeiter in Deutschland aus. Im Gegensatz zu der vom Verein für Socialpolitik 1891/92 veranstalteten Enquete wollte der Evangelisch-soziale Kongreß jedoch nicht die Gutsbesitzer, sondern die Landgeistlichen über wirtschaftliche Situation und Lebensbedingungen der Landarbeiter befragen. Vgl. Webers Artikelreihe „,Privatenquêten‘ über die Lage der Landarbeiter“, oben, S. 74–105. auf die wir mit Grund gespannt sind.a[112]In A bindet die redaktionelle Anmerkung an: Für diese Enquete werden wir, wenn erst Fragebogen ausgehen, unsre Leser zu erwärmen suchen. D[er] H[erausgeber].

Vorläufig tritt uns nur allzuoft die Bemerkung entgegen, über diese oder jene, auch sozialethisch wichtigsten Umstände „wisse der Geistliche nichts“, „könne und brauche er nichts zu wissen“. Und vor allem besteht wohl die Gefahr, daß dem Geistlichen nur eine dem Durchschnitt nicht entsprechende Art von Arbeitern wirklich näher bekannt wird, oder noch mehr, daß er das Mäntelchen, das die Leute sich umhängen zu müssen glauben, wenn sie mit dem geistlichen Amt zu thun haben, für ihren Alltagsrock hält. Es schiene mir keineswegs wunderbar, wenn es beispielsweise dem Herrn Kritiker so ergangen wäre. Denn gänzlich irre muß man in der That an seiner Urteilsfähigkeit in dieser Hinsicht werden, wenn man liest, daß er „den eignen Besuch der Volksschule“ (als Schulinspektor? oder als Schüler?) und „die Militärdienstzeit“ allen Ernstes für gleichwertige Gelegenheiten zum Studium der Gedankenwelt der deutschen Arbeiterschaft hält.15Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1036. Wörtlich: „Viel mehr Fähigkeit zu verstehen giebt schon der eigne Besuch der Volksschule in der Jugend und die Militärdienstzeit.“ Es ist nur zu bezeichnend für diese patriarchalische Anschau[113]ungsweise, daß sie den Arbeiter zeitlebens im Stadium des geistigen Kindesalters oder auf einer Stufe der Entwicklung, wie er sie mit zwanzig Jahren erreicht hat, wiederfinden zu können wähnt. Der Bekundung einer solchen Auffassung gegenüber wiegt die Andeutung des Herrn Kritikers, die Arbeiter ständen ihm „zu hoch“, um sie „unter einer Verkleidung zum Gegenstand von Studien zu machen“,16[113]Ebd., Sp. 1037. Wörtlich: „[…], und dazu stehen mir die Arbeiter zu hoch, als daß ich sie auch nur drei Monate lang unter einer Verkleidung bloß zum Objekt meiner Studien machen sollte!“ denn doch recht leicht; worin die hier behauptete Herabsetzung der Arbeiter eigentlich zu finden sein soll, ist nicht dargelegt, und solange eine solche Darlegung fehlt, hat man es eben nur mit einer Redewendung zu thun. Es ist sehr zu bezweifeln, ob die Arbeiter, und nicht nur die Sozialdemokraten unter ihnen, in der Betrachtungsweise des Herrn Kritikers diejenige Achtung vor ihren intellektuellen Bedürfnissen finden würden, die sie von allen andern Klassen, auch von den Inhabern des geistlichen Amtes, in Anspruch nehmen und von ihrem Standpunkt aus beanspruchen müssen.

Es handelt sich da um einen Punkt, auf den in seiner Weise hingewiesen zu haben ein weiteres sehr wesentliches Verdienst des Göhreschen Buches ist.

[A 1107]Der Herr Kritiker führt aus, die Aufgabe des geistlichen Amtes sei und werde bleiben, die Menschen – die er in erster Linie augenscheinlich als Objekt der Amtsthätigkeit betrachtet – „in den Besitz der Erlösung zu setzen“.17Ebd., Sp. 1039. (Ein evangelischer Laie würde seinerseits die Beziehungen seines Seelsorgers zu ihm nicht derart kategorisiren.) Er will nun zugestehen, daß zur Erreichung dieses Erfolgs auch „ein barmherziges Begreifen“,18Ebd., Sp. 1040. also eine gewisse Nachsicht mit den Schwierigkeiten gehöre, die – so glaube ich ihn nach dem Zusammenhang verstehen zu dürfen – durch die Entwicklung der verstandesmäßigen Erkenntnis der Naturkausalität auch für breitere Schichten des Volks heraufgeführt worden sind. Etwas ganz wesentlich andres aber, als ein solches nachsichtsvolles Ertragen und Verstehen ihrer geistigen Individualität beansprucht die moderne Arbeiterschaft, – wohlgemerkt: nicht alle Arbeiter jeder Art und aller Orten, wohl aber jene sehr ins Gewicht fallende Kategorie, die Göhre [114]schildern konnte und wollte.19[114]Siehe oben, S. 110, Anm. 11. Sie verlangen nicht, oder vielmehr sie wollen überhaupt keine Nachsicht und würden sie zurückweisen, sondern sie fordern Anerkennung ihres Rechtes, über diejenigen Dinge und so zu denken, über die und wie die sogenannten „gebildeten Stände“ denken. Nicht nur verstehen und nachsichtig beurteilen, sondern berücksichtigen und als berechtigt anerkennen sollten wir es, daß sich ihr Intellekt von der Gebundenheit an die Tradition emanzipirt hat. Es ist eine Eigentümlichkeit des patriarchalischen Systems im wirtschaftlichen wie im kirchlichen Leben, in Wohlthätigkeitsvereinen wie in der Verwaltung, derartige grundverschiedne Dinge miteinander zu identifiziren.

Grundverschieden aber sind sie in der That. Nicht Almosen und nicht Abhilfe im Wege der Wohlthätigkeit verlangt der Arbeiter für seine wirtschaftliche Notlage, sondern er beansprucht das Recht auf ein größeres Maß des Anteils an den Gütern dieser Erde. Er nimmt die Kranken-, die Unfalls-, die Alters- und Invalidenrente, weil sie ihm als ein Recht zustehen: ein Almosen würde er zurückweisen. So tritt er auch an die Hüter der sittlichen Mächte im Volksleben mit dem Begehren heran, daß sie die Achtung vor seiner intellektuellen Persönlichkeit und vor den sittlichen Kräften, die sich auch in dem Streben nach verstandesmäßiger Erkenntnis auswirken, dadurch bethätigen mögen, daß sie mit diesen Kräften rechnen, nicht durch „nachsichtiges“ Hinnehmen der gegebnen Thatsache, sondern durch positives energisches Anerkenntnis der intellektuellen Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit. Er glaubt verlangen zu dürfen, daß sie in seiner Sprache zu ihm reden. Das ist – scheint mir – etwas wesentlich andres, als das Verlangen nach einem „Modeln der Glaubenswissenschaft“,20Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1040. Cremer wies Göhres vermeintliches Bestreben zurück, „daß man die christliche Glaubenswissenschaft nach den Ergebnissen einer modernen Wissenschaft modelt, um dieselbe dem modernen Menschen einleuchtend zu machen.“ wohin es der Herr Kritiker glaubt werfen zu sollen, und eine ganz andre Frage ist es sicherlich auch, ob und wie vom Standpunkt des geistlichen Amtes diesem Verlangen Rechnung getragen werden kann und darf, eine Frage, über die ich mich jedes Urteils enthalte. Die ungeheure Steigerung der Schwierigkeiten des verantwortungsvollen Seelsorgerberufs, die sie in sich birgt, leuchtet auch dem Laien ein; sie sind wohl ähnlich große, wie bei dem [115]Versuch der Linderung der sozialen Not auf dem Boden des Rechtes statt auf dem der Wohlthätigkeit und einer etwaigen verbesserten Armenpflege. Daß aber die Thatsache jenes Anspruchs durch das Göhresche Buch erneut aufgedeckt und zur Erörterung gestellt wurde, ist – ich weiß es – auch in den Kreisen der Geistlichkeit, nicht nur von uns, begrüßt worden.

In der That bildet dieser Punkt den Kern von Göhres „Ergebnissen“, und es thut deren Wert nicht den mindesten Abbruch, wenn er sie in die Gestalt von bestimmten Forderungen gekleidet hat, deren Prüfung vorbehalten bleiben kann, wenn er dabei ferner – was ich nicht bestreite – in der Formulirung nicht immer vorsichtig gewesen ist, und wenn ihm endlich bei seiner Vorstellung von der Lösbarkeit des Problems unwillkürlich Denkkategorien der Ritschlschen Theologie,21[115]Wesentlich für den Ansatz des Theologen Albrecht Ritschl war die Forderung, ein Christ möge sich mit seinem Glauben nicht zurückziehen, sondern sich praktisch-ethisch in der Gemeinde betätigen. Dieser soziale Grundzug des sogenannten Ritschlianismus beeinflußte nachhaltig die evangelisch-soziale Bewegung. die nicht jeder sich aufoktroyiren lassen wird, vorgeschwebt haben. Wie wünschenswert die wiederholte Konstatirung jenes psychologischen Thatbestandes innerhalb der Arbeiterschaft gewesen ist, zeigt nichts deutlicher als die hier besprochene Kritik.

Von meinem Laienstandpunkte aus erschiene es mir als ein [A 1108]gewaltiger Fortschritt, wenn es gelänge, die überaus verschiednen Ansprüche, mit denen die verschiednen Klassen der Bevölkerung dem geistlichen Amt entgegentreten und entgegentreten müssen, in psychologische Beziehung zu ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessenposition zu setzen. Einen Anfang zu einer solchen Betrachtungsweise bot seinerzeit der vortreffliche Verfasser der „Bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre“22Gemeint ist der thüringische Landpfarrer Hermann Gebhardt, der die genannte Schrift 1885 in erster und 1890 in zweiter Auflage anonym veröffentlichte. auf einem Spezialgebiet, und einen ersten Versuch andrer Art auf anderm Gebiet bietet Göhres Schrift. Berücksichtigt man, daß es hier an einer erprobten Methodik bisher vollkommen fehlt, so wird man gestehen müssen, daß dieser erste Anfang als solcher eine recht respektable Leistung darstellt, und daß es ein äußerst wohlfeiles, aber nichts weniger als fruchtbares Beginnen ist, aus der Tiefe irgend eines Tintenfasses heraus den Pionier zu belehren, daß man in „nur drei Monaten“ nicht alles [116]Wissenswerte zuverlässig erfahren könne, und daß es „doch noch etwas andres“ sei, um sein tägliches Brot dauernd schwere Fabrikarbeit thun zu müssen.23[116]Bei Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1036, heißt es: „Ja es wäre ein vorzüglicher Weg, wenn er sich deckte mit dem Paulinischen ,alles allen werden, um ihrer etliche zu gewinnen‘, aber daß das noch etwas ganz andres ist, liegt auf der Hand.“

Aus dem gleichen Grunde kann ich in der Möglichkeit, daß andre in ihrer Weise Göhres Schritt nachzuthun versuchen werden,24Cremer, ebd., Sp. 1036, befürchtete, daß demnächst ein Nationalökonom oder ein Predigtamtskandidat einen ähnlichen Versuch wie Göhre unternehmen würde. keine so fürchterliche Perspektive erblicken, mag dabei auch manches versehen werden. Am wenigsten ist verständlich, wieso dafür Göhre verantwortlich sein sollte. Es ist ja niemand, der einen an sich gangbaren, aber schwierigen Weg einschlägt, davor sicher, daß nicht auch ein Tölpel ihm zu folgen sucht und auf Abwege gerät. Wer in sozialdemokratischen Versammlungen über Angelegenheiten, die nicht die seinigen sind, das Wort ergreift, wer sich überhaupt unter einer Maske in Fachvereine und sonstige Interessenvertretungen der Arbeiter eindrängt und über fremde Interessen mit verhandelt und beschließt, der freilich wird mit Fug und Recht hinausgeworfen, und wer etwa diesen Weg beschreiten wollte, um in irgendwelchem Klasseninteresse zu spioniren, dem würden wir, denke ich, auch unsrerseits das Handwerk legen. Was das mit Göhres Versuch, in unbefangnen Meinungsaustausch mit den Arbeitern zu treten, zu thun hat, weiß ich nicht, bestreite aber, daß auf Seiten der Arbeiter aus einem solchen Unternehmen Mißtrauen gegen „uns“ erwachsen wird. Solches Mißtrauen habe ich zwar in der Kreuzzeitung25Weber spielt auf den Artikel „Drei Monate Fabrikarbeiter“ an. Er erschien in der Neuen Preußischen Zeitung (Kreuzzeitung), Nr. 279 vom 19. Juni 1891, Mo. Bl. Die Kreuzzeitung mißbilligte vor allem Göhres positive Haltung zur Sozialdemokratie. und im Reichsboten,26Siehe den ebenfalls unter dem Titel „Drei Monate Fabrikarbeiter“ veröffentlichten Artikel im Reichsboten, Nr. 137 vom 16. Juni 1891, S. 1. Hier heißt es, Göhre habe sich aufgrund seines „jugendlichen Enthusiasmus“ zu Urteilen verstiegen, „zu denen ihn seine drei Monate als Fabrikarbeiter noch keineswegs legitimieren.“ die hierarchische und nicht Arbeiterinteressen vertreten, den Arbeitern soufflirt gefunden, nicht aber in den maßgebenden Blättern der Arbeiterpresse,27Vgl. z. B. den kritischen, aber durchaus wohlwollenden Artikel von Max Schippel, Drei Monate Fabrikarbeiter, der in der unter der Schriftleitung Karl Kautskys stehenden Neuen Zeit erschienen ist (9. Jg., 2. Band, 1890/91, Nr. 41, S. 468–475, und Nr. 42, S. 499–506). die an einer Ausnutzung die[117]ses Mißtrauens doch ein naheliegendes Parteiinteresse hätte. Es besteht aber eben wesentlich auf Seiten derer, die befürchten, daß die Ergebnisse nicht überall in ihre hierarchische Schablone passen möchten. Wer sich nicht zu der theologischen Position dieser Richtung bekennt, von dessen „Erfahrungen“28[117]So Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1037. wird nur in Anführungszeichen gesprochen, weil er sie nicht als beamteter Geistlicher gemacht hat. Göhre hätte seine Wahrnehmungen „nur ein einziges Jahr“ ausreifen lassen sollen, verlangt der Herr Kritiker29Ebd., heißt es: „Ja, wenn der Verfasser seine ,Erfahrungen‘ erst in der Arbeit des Lebens gesichtet, erprobt und geklärt hätte, auch nur ein Jahr lang versucht hätte, mit dem Evangelium, das er verkündigen will, den Leuten in ihres Lebens und Sterbens Last und Not zu dienen!“ – es ist, irre ich nicht, rund ein Jahr bis zum Erscheinen des Buches nach Abschluß seiner Wanderzeit verstrichen:30Göhre arbeitete in Chemnitz als Fabrikarbeiter von Anfang Juni bis Ende August 1890 (Göhre, Fabrikarbeiter, S. 1 und S. 12). Das Buch erschien laut Anzeige im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und die verwandten Geschäftszweige, Nr. 133, S. 3420, am 12. Juni 1891. aber was verschlägt das, da er nicht ordinirter Geistlicher war? Den sattsam bekannten Begriff des „Unberufenen“ und deshalb „Unbefugten“ handhabt die hierarchische wie die staatliche Bureaukratie mit gleich bedenklicher Präzision. Von diesem Vorstellungskreise aus wird Göhre darüber belehrt, daß solche Studien außerhalb der „gottgewiesenen Wege des Berufes“31Cremer, Predigtaufgabe, Sp. 1037: „[…], denn es war nicht der gottgewiesene Weg des Berufs“. liegen, ohne daß der Herr Kritiker den Anachronismus ahnt, der in dieser Canonisirung von Menschen zu menschlichen Zwecken geschaffener Berufsschranken in einem Augenblick liegt, wo einem stetig zunehmenden Bruchteil des Volkes der Begriff des Berufes in diesem Sinne abhanden kommt und zufolge der wirtschaftlichen Umwälzungen verloren gehen muß. Und wenn unter allerlei höflichen Wendungen dem Leser mindestens indirekt – und schwerlich unbewußt – nahe gelegt wird, Göhres Arbeitszeit unter den Begriff eines „neuen Sports“32Diese Wendung benutzt Cremer, ebd., Sp. 1036. zu subsumiren, so ist eine solche Kritik derart jeglichen Gerechtigkeitsbedürfnisses bar, daß ich mich nicht entschließen kann, wegen des vielleicht scharfen Tones mancher vorstehenden Ausführung irgend eine entschuldigende Bemerkung zu machen, wie sie mir sonst der Altersunterschied natürlich [118]erscheinen lassen würde. Daß die Art und Weise seiner Kritik schlechterdings nur erbittern konnte, das zu erkennen reicht die Psychologie des Herrn Kritikers aus, – [A 1109]er wußte es, und daß er trotzdem geglaubt hat, sie der Öffentlichkeit übergeben zu sollen, ist bedauerlich, da ein objektives Bedürfnis dafür zu erweisen nicht einmal versucht worden ist.

Sie ist bedauerlich auch noch aus einem andern Grunde. Es wird oft übersehen, eine wie eigenartige und in vieler Beziehung prekäre Stellung unsre theologischen Altersgenossen zu uns einnehmen. Die konventionellen Formen der äußeren Achtung, vereinbar mit der cynischsten Mißachtung des geistlichen Amts, werden in den für den offiziellen „Ton“ maßgebenden militärischen und amtlichen Kreisen und deshalb in der Regel auch außerhalb dieser ja gewiß innegehalten. Verwandtschaftliche Bande und solche persönlicher Freundschaft führen auch die jüngere Generation der Theologen hin und wieder mit dem einen oder andern von uns zusammen.33[118]Weber war vor allem durch seinen Vetter und Freund, den evangelischen Theologen Otto Baumgarten, in die Kreise jüngerer, sozialen Problemen aufgeschlossener Theologen eingeführt worden. Baumgarten, Otto, Meine Lebensgeschichte. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1929, S. 215f. Allein die Regel ist gerade in der jüngern Generation ein vollkommen verständnisloses Aneinandervorübergehen; es versteht sich im allgemeinen – daß es Ausnahmen, aber eben Ausnahmen, giebt, weiß ich wohl – für uns von selbst, daß unsre theologischen Altersgenossen in einer geistigen Welt leben, zu der für uns jede Brücke fehlt, und zwar ist es dafür gänzlich irrelevant, wie der einzelne sich im übrigen politisch, auch in Fragen der Kirchen- und Schulpolitik, stellt. Es wäre ein ungeheurer Irrtum, wollte man annehmen, daß es im wesentlichen oberflächliche oder irreligiöse Naturen wären, die diesen Standpunkt einnehmen. Mit welchen Empfindungen diese kühle, teils ironische, teils einfach gleichgiltige Behandlung als quantité négligeable von der andern Seite erwiedert zu werden pflegt, läßt sich ungefähr denken; man kann als Regel behaupten, daß es die Regel ist, daß heute junge Theologen mit Angehörigen andrer akademischer Berufe nicht ohne eine stillschweigende Reserve sich zusammenfinden können, und daß ein unbefangenes Zusammenarbeiten an sozialen Aufgaben annähernd unmöglich zu werden drohte.

[119]Nicht jeder vermag sich vorzustellen, wie schwer es ist, hier selbst im kleinsten Kreise der nächsten Bekannten Wandel zu schaffen. Auch hier hat – ich und nicht ich allein kann es aus eigner Erfahrung bezeugen – gerade Göhres Studie den Anfang eines Umschwunges herbeigeführt und eine Brücke zu gegenseitiger Anerkennung geschlagen: – in unsern Augen nicht das letzte ihrer Verdienste. Wenn nun jetzt sich zeigt, daß darauf die Antwort des hierarchischen Bureaukratismus in Gestalt des Hinweises auf den Satz Ne sutor ultra crepidamb[119]In A bindet die redaktionelle Anmerkung an: Schuster bleib bei deinem Leisten! D[er] H[erausgeber]. 34[119]Plinius der Ältere, Naturalis historia 35, 85. erfolgt, und daß ein Theologe, der in seiner Weise auf unserm Gebiet mit uns zusammenzuarbeiten versucht, es sich bieten lassen muß, daß er öffentlich eine Art von Examensprädikat derart ausgestellt erhält, wie es die hier besprochene Kritik sich herausnimmt, so zeigt sich eben damit auch, daß in diesen Kreisen die Schwierigkeit der Stellung unsrer theologischen Altersgenossen absolut kein Verständnis findet.

Es ist eine der herbsten Mitgiften unsrer Generation, daß für uns an der Eintrittspforte des Lebensweges die Resignation steht, die unsern Vätern erst in einem Alter zugemutet wurde, wo das natürliche Temperament an sich ihrer fähiger zu sein pflegt. Wir sind Epigonen einer großen Zeit, und es ist uns nicht möglich, auf dem Wege der altklugen Reflexion den ungestümen Drang des Idealismus wieder zu erwecken, der Illusionen bedarf, die durch die klarere Erkenntnis der nüchternen Gesetze des sozialen Lebens in uns zerstört sind. Traurig ist es, wenn auf einen vom Geist des Idealismus getragnen Versuch, über uns selbst hinauszugelangen, maßgebende kirchliche Kreise mit nichts Besserem als der Empfehlung der Leisetreterei zu reagiren wissen, trauriger, wenn die Diskretion und Achtung, die auch der ältere Mann dem jüngern schuldet, nur in der Form gewahrt, in der Art der Beurteilung aber verleugnet wird.