Diskussionsbeitrag zum Vortrag von Hans Delbrück: „Die Arbeitslosigkeit und das Recht auf Arbeit“. 1896
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[609][Diskussionsbeitrag zum Vortrag von Hans Delbrück: „Die Arbeitslosigkeit und das Recht auf Arbeit“]

[A 122]Ich möchte nur in Kürze einigen mehr allgemeinen Äußerungen des Herrn Referenten entgegentreten, weil diese, wie mir scheint, das Problem einfacher erscheinen lassen, als es ist. Der Herr Referent hat zunächst ausgesprochen, es existiere seiner Ansicht nach innerhalb der Volkswirtschaft begrifflich und thatsächlich eine „Überproduktion“ nicht. Das sei nur äußerer Schein, thatsächlich sei nicht Überproduktion, sondern Unterkonsumtion – das Fehlen einer kaufkräftigen Nachfrage der letzte Grund des Zwiespalts zwischen vorhandenem Angebot und vorhandenen Abnehmern. Er argumentierte dabei, wie erinnerlich, mit dem Beispiel von den wollenen Jacken.1[609]Delbrück hatte darauf hingewiesen, daß im Grunde niemals zu viele wollene Jacken produziert werden könnten; gäbe es dennoch einen Überschuß, so liege das nicht an dem fehlenden Bedarf, sondern an der mangelnden Kaufkraft der Bevölkerung. Bericht über die Verhandlungen des Siebenten Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Stuttgart am 28. und 29. Mai 1896. – Berlin: Karl Georg Wiegandt 1896, S. 116. Damit aber beweist er wohl etwas zu viel. Man kann eben so gut behaupten, daß der überwiegende Teil der Menschheit nicht ungern ziemlich häufig Champagner konsumieren würde, wenn nämlich seine Kaufkraft dazu ausreichte. Die Unterkonsumtion in Champagner ist im Sinne des Herrn Referenten eine ganz ungeheuer große.a[609]In A folgt der redaktionelle Zusatz: (Lachen). Ich glaube eben doch, man wird anerkennen müssen: auch das Rangverhältnis zwischen den menschlichen Bedürfnissen und damit zwischen den einzelnen Produktionszweigen kommt hier in Betracht; nicht der sicherlich außerordentlich wichtige Zustand der Kaufkraft allein, sondern auch Verschiebungen und einseitige Richtungen der Produktion tragen bei zu der Erscheinung, die wir als Überproduktion bezeichnen. – Doch das nur nebenbei. Wichtiger ist mir der zweite Punkt. Der Herr Vortragende hat in einer auch etwas einseitigen Weise das Problem der Arbeitslosigkeit im wesentlichen als das Problem des Ausgleichs des Arbeitsbedarfs zwischen den [610]einzelnen Gewerben bezeichnet. Wesentlich oder fast allein durch den Saisoncharakter einzelner Industrien sei es bedingt. [A 123]Ich glaube das nicht und meine, daß das Problem der Arbeitslosigkeit keineswegs bloß dieses rein technische Problem des Ausgleichs des Arbeitsbedarfs ist. Ich glaube, daß sich dahinter verbirgt der ganze furchtbare Ernst des Bevölkerungsproblems. Die halbe Million Hände, welche mit jedem Jahr neu verfügbar wird, ruft nach Arbeit. Da liegt eine, nicht die einzige, aber die weit wichtigere, wenn schon verborgenere Ursache des Problems. Wohin mit diesen Händen? Wo ist der Raum für sie? Unleugbar ist, daß zum Teil die soziale und wirtschaftliche Verfassung Deutschlands es ist, welche eine Barriere bildet für die Verwendung dieser Arbeitskräfte, wie ja auch der Herr Referent hervorhob.2[610]Delbrück hatte auf die Unmöglichkeit hingewiesen, ehemalige Landarbeiter, die in der Industrie tätig waren, zur Rückkehr in die ländlichen Gebiete des Ostens zu bewegen. Ebd., S. 110. Ich deute nur an, daß es das ungeheure proletarische Bevölkerungsreservoir im Osten Deutschlands ist, woher der fortwährende Nachschub auf den Westen und auf den Arbeitsmarkt überhaupt drückt. Die unterste Grundlage der sozialen Schichtung: die Art der Agrarverfassung des Ostens im Gegensatz zum Westen hat ihren Teil an dem Problem der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Aber keine Kunst wird das Problem, Arbeitsgelegenheit für eine stetig wachsende Bevölkerung zu schaffen, nur auf dem Boden des innern deutschen Wirtschaftslebens zu lösen vermögen. Wir brauchen dafür Raum nach außen, Erweiterung der Erwerbsmöglichkeit durch Ausdehnung der Absatzgelegenheit, das heißt Ausdehnung desb[610]A: der ökonomischen Machtbereichs Deutschlands nach Außen, und diese ist heute auf die Dauer absolut bedingt durch Ausdehnung der politischen Macht nach außen. Ein Dutzend Schiffe an der ostasiatischen Küste sind in gewissen Momenten mehr wert als ein Dutzend kündbarer Handelsverträge. Und deshalb muß auch bei der Erörterung des heutigen Problems daran erinnert werden: es ist Lebensfrage für uns, daß in den breiten Massen unseres Volkes das Bewußtsein erwacht, daß die Ausdehnung der Machtstellung Deutschlands allein es sein kann, welche ihnen dauernden Erwerb im Inland und die [611]Möglichkeit der Emporentwicklung schafft. Gerade sie, gerade der Nachwuchs von unten ist in seinem Schicksal untrennbar verknüpft mit dem Aufsteigen Deutschlands zur ökonomischen und politischen Weltmacht, mit der Macht und Größe des Vaterlandes.c[611]In A folgt der redaktionelle Zusatz: (Lebhafter Beifall).