Der Gang der wirthschaftlichen Entwicklung.. Vortragsreihe am 19. und 26. November, 3. und 10. Dezember 1897 in Mannheim
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[846]Der Gang der wirthschaftlichen Entwicklung

[Berichte des General-Anzeigers der Stadt Mannheim und Umgebung]

[Erster Vortragsabend:]

[A(1) 3]Die Entstehung des Privateigenthums und die agrarische Grundlage der europäischen Wirthschaft

Herr Weber schilderte, wie es früher überhaupt kein Eigenthum gab. Es jagte Jeder da, wo es ihm beliebte. Als später die Jagdgründe sich lichteten, entstanden die großen Nomadenfamilien, die mit ihren Heerden durch das Land zogen. Die Vermehrung der Bevölkerung setzte auch diesem wirthschaftlichen Zustand ein Ende, und die Menschen sahen sich gezwungen, zum Ackerbau überzugehen. Anfänglich gehörte das ganze Ackergelände der entsprechenden Dorfgemeinschaft, bis schließlich die Zunahme der Bevölkerung und die dadurch bedingte Nothwendigkeit, dem Ackerbau eine mehr intensivere Richtung zu geben, die Herausbildung des Eigenthums und die Entstehung des Erbrechts veranlaßten. Die Folge dieses Resultates des wirthschaftlichen Prozesses war, daß nach unten eine besitzlose Klasse entstand. Aber auch nach oben bildete sich eine besondere Klasse heraus, nämlich diejenige der Berufskrieger, der Reiter und späteren Ritter. Die Bauern, welche früher vom Pflugschaar zum Schwerte geeilt waren, konnten ihre Scholle wegen ihrer Berufspflichten nicht mehr so ohne Weiteres verlassen. Auch war es nothwendig, der Technik in der Kriegskunst eine größere Aufmerksamkeit zu schenken. Es entstanden somit Berufskrieger, welche die Verpflichtung hatten, sich dem König zur Verfügung zu stellen, sobald er ihrer bedurfte. Ihren Unterhalt hatten die Bauern zu bestreiten, welche die nöthigen Naturalien und sonstigen Lebensbedürfnisse nach dem Ritterhofe oder Frohnhofe liefern mußten. Geld gab es damals noch nicht. Die damaligen Reiter oder Ritter waren also keine Großgrundbesitzer, sondern sie besaßen höchstens nur ein kleines Areal, das von den Bauern bewirthschaftet wurde. Das feudale Ritterthum verdankt also seine Entstehung der Nothwendigkeit der Arbeitstheilung, eine wirthschaftliche Entwickelung, die sich namentlich in der Zeit der Karolinger vollzog.

[847][Zweiter Vortragsabend:]

[A(1) 3]Feudalismus und Städtewirthschaft im Mittelalter

Dieses Thema behandelte in dem gestern Abend im Stadtparksaale stattgefundenen ebenfalls sehr stark besuchten zweiten akademischen Vortrag Herr Professor Dr. Max Weber als Fortsetzung seines ersten Vortrags.

Die Nothwendigkeit der Arbeitstheilung, so führte der Gelehrte aus, war die Ursache der Entstehung und Entwicklung des Handels. Der Handel ist uralt, ist vorhistorisch. Während er aber heute vorzugsweise mit täglichen Gebrauchsartikeln betrieben wird, erfolgte er damals schon mit Rücksicht auf die ganz enormen Spesen nur mit Luxusgegenständen. Der Handel erfolgte nicht innerhalb einer Stammesgenossenschaft, sondern nur zwischen verschiedenen Nationen, und der Händler war ein wandernder Kaufmann. Mit dem Moment, wo der Kaufmann seßhaft wurde, entstanden die Städte, die befestigten Marktorte, bildeten sich Vereinigungen von Kaufleuten, die sogenannten Gilden. Sodann schilderte Redner die Entstehung des Handwerks. Da auf dem Lande bald Großbesitz und Kleinbesitz bestanden, von denen der Erstere einen Überschuß an Lebensmitteln produzirte, während der Letztere einen Unterschuß hatte, sah sich der Kleinbetrieb gezwungen, gewisse Verrichtungen für den Großbetrieb zu machen. Es entstanden die Handwerker, welche damals, wie es auch heutzutage auf dem Lande noch vielfach anzutreffen ist, Kundenarbeiter waren. Die Kunden lieferten den Rohstoff und bestellten das Produkt. Mit dem Momente, da die Handwerker selbst die Rohstoffe stellten und ihr fertiges Produkt verkauften, hatten sie ihre höchste Entwicklungsstufe erreicht, sie waren freie selbstständige Handwerker. Im Weiteren schilderte der Vortragende die Entstehung der Märkte und der Zünfte, die sich als nothwendig herausstellten, als die Zahl der Handwerker in den Städten eine zu große wurde. Die Zünfte erschwerten das Meisterwerden der Gesellen mehr und mehr, um sich den Mitbewerb vom Halse zu halten, und es entstanden die Vorläufer des heutigen Arbeiterstandes, der Gesellenstand. Während die Handwerker anfangs ihre Produkte nur auf lokalen Märkten zum Verkaufe brachten, sah man sich gezwungen, auch fremde Märkte aufzusuchen. Da diesen Export der einzelne Handwerker nicht unternehmen konnte, ent[848]standen die Unternehmer, welche die Waaren in fremden Gegenden absetzten. Diesen Unternehmern lag natürlich daran, möglichst einheitliche Waaren zu bekommen. Die erste Bedingung hierzu war die Lieferung eines gleichmäßigen Rohstoffes. Auch sonst machte der Unternehmer dem Handwerker Vorschriften über die anzufertigende Waare, dieser war also schon nicht mehr der frühere freie, selbstständige Gewerbetreibende. Das letzte Kapitel des gestrigen Vortrags bildete die Entstehung des Kapitalzinses, welche mit dem Momente einsetzt, wo der Seehandel beginnt. Das Risiko eines Seetransportes, z. B. von Genua nach Alexandrien, war zu Anfang ein sehr großes, sodaß ein Einzelner dasselbe nicht tragen konnte und mehrere Unternehmer einen solchen Transport veranlassen mußten. Gelang die Seefahrt, so standen große Gewinne in Aussicht, mißlang sie, so hatte man große Verluste. Gewinn und Verlust wurden gleichmäßig zwischen den Unternehmern vertheilt. Mit der Zeit gestaltete sich aber das Risiko der Seefahrten kleiner, so daß der einzelne Unternehmer es tragen kann. Hiermit ist die Zeit des Kapitales und des Kapitalzinses gekommen. Der Kapitalzins hatte sich schon längst eingeführt, als die katholische Kirche gegen denselben aus ethischen Gründen Front machte. Die Kämpfe zwischen den ethischen Gesichtspunkten der katholischen Kirche und den Erfordernissen der fortschreitenden wirthschaftlichen Entwicklung sollen im dritten, am kommenden Freitag stattfindenden Vortrag geschildert werden.

[Dritter Vortragsabend:]

[A(1) 3]Die Entwickelung der Volkswirthschaft und das Merkantilsystem

Dieses Thema lag dem dritten, am Freitag Abend im Stadtparksaale stattgefundenen akademischen Vortrage des Herm Universitätsprofessors Max Weber in Heidelberg zu Grunde.

In Anknüpfung an die Ausführungen seines zweiten Vortrags schilderte Herr Weber, wie die Entwickelung der Technik und die fortschreitende Arbeitstheilung vom Handwerk zur Industrie führte. Nicht die Maschinen haben zur Industrie geführt, denn diese sind schon im Alterthum vorhanden gewesen, wurden aber nicht in An[849]wendung gebracht und nicht fortgebildet, da die Menschenkräfte billig waren. Die in den Städten sich entwickelnde Geldwirthschaft blieb nicht ohne Einfluß auf die agrarischen Verhältnisse. Die Besitzer der Frohnhöfe wandelten die bisherigen Naturalabgaben in Geldabgaben um, wurden somit zu Geldrentnern. Natürlich war dies nur da möglich, wo die Bauern selbst Geld vereinnahmten, nämlich in der Nähe der Städte, auf deren Märkten die Bauern ihre Produkte verkauften, also im Süden und Westen von Deutschland. Im Osten Deutschlands dagegen, wo die Städtebildung im Rückstande blieb, konnten die Besitzer der Frohnhöfe die Naturalabgaben nicht in Geldabgaben umwandeln und sahen sich deshalb gezwungen, selbst zur Landwirthschaft überzugehen, wodurch im Laufe der Zeit der Großgrundbesitz entstand. Auch im Militärwesen ging eine Veränderung vor sich, indem an die Stelle der Ritter das Söldnerheer trat. Die Fürsten beauftragten einen Unternehmer mit der Bildung eines solchen Heeres, der dasselbe dann kommandirte und dafür von seinem fürstlichen Auftraggeber eine bestimmte Summe bekam. Die Fürsten brauchten damals Zweierlei: erstens viel Geld und zweitens Menschen. Beides wurde ihnen durch die Industrie verschafft, sodaß sie dieselbe in ihrem eigenen Interesse nach Möglichkeit stützten. Durch die Industrie entstand eine große Kapitalansammlung, und die Fürsten waren dadurch in der Lage, sich Kredit zu schaffen. Zuerst wurde dieser Kredit von einzelnen Personen geleistet, bald aber wurden die Geldbedürfnisse der Fürsten und Staaten so groß, daß ein einzelner Mann ihnen nicht mehr genügen konnte und mehrere Kapitalisten zusammentraten: Es entstanden die Banken. Zu gleicher Zeit entwickelten sich die größeren Märkte zu Waarenbörsen, zu denen sich dann die Fondsbörsen gesellten. Es herrschte also damals eine Verbindung zwischen Fürstenmacht und Kapitalmacht, und diese Verbindung bezeichnete man mit dem Namen Merkantilismus. Die merkantilistischen Fürsten förderten die Industrie somit nicht aus menschenfreundlichen Rücksichten, sondern einzig und allein in Wahrnehmung der Interessen des Staates. Aus demselben Grunde waren die merkantilistischen Fürsten gegen den Großgrundbesitz, da ihnen dieser kein Geld und keine Menschen lieferte. Die merkantilistischen Fürsten richteten ihr Augenmerk auf den Export theurer Fabrikate. Getreide und Rohstoffe durften dagegen nicht ausgeführt werden, denn diese hätten nur wenig Geld ins Land gebracht. Um den Export theurer Fabrikate lohnend zu machen und [850]ihn dadurch zu heben, wurden Monopole an einzelne Leute verliehen. Diese Maßregel war damals gerade so nothwendig wie heute die Verleihung des Patents auf Erfindungen. Da die Seetransporte mit großen Gefahren verknüpft waren, mußten sie mit militärischer Eskorte erfolgen. England hat deshalb seinen Reichthum nicht seiner Gewerbefreiheit, sondern nur seiner großen Flotte zu verdanken, welche dem englischen Handel die überseeischen Gebiete erschloß. Die Industrie war daher im Zeitalter des Merkantilismus auf die Fürsten angewiesen, geradeso wie die Letzteren auf die Ersteren. Sahen sich auf der einen Seite die Fürsten veranlaßt, in ihrem eigensten Interesse die Industrie zu stützen, so war auf der andern Seite die Industrie naturgemäß die sicherste Stütze des Absolutismus, da nur dieser ihrem Interesse dienen konnte. Bald aber änderten sich die Verhältnisse. Infolge des sich stetig mehrenden Exports verloren die bisherigen internationalen Märkte ihre Bedeutung, und es entstand der Weltmarkt, der jetzt die Herrschaft an sich nahm. Mit der Entstehung des Weltmarktes schwand auch das Interesse der Industrie an der Stützung des Absolutismus, und die Industrie suchte das bisherige Band zu lösen.

Hiermit brach Redner seine hochinteressanten Ausführungen ab, um nächsten Freitag fortzufahren.

[Vierter Vortragsabend:]

[A(1) 3]Die geschichtliche Stellung des modernen Kapitalismus

Äußerst interessante Ausblicke auf die wirthschaftliche Gestaltung der Zukunft gab Herr Universitätsprofessor Dr. Max Weber in seinem gestern Abend stattgefundenen vierten und letzten akademischen Vortrag, dem das Thema „die geschichtliche Stellung des modernen Kapitalismus“ zu Grunde lag.

Er gab zunächst ein Bild der Entwickelung von dem im vorhergegangenen Vortrag behandelten merkantilistischen Zeitalter bis zu der heutigen kapitalistischen Epoche des freien Wettbewerbs. Aber auch die gegenwärtigen Wirthschaftsverhältnisse seien vergänglich und müßten einer anderen Gestaltung Platz machen. Schon heute bemerken wir Vorboten dieser wirthschaftlichen Umwälzungen, [851]welche die Alleinherrschaft der freien Konkurrenz vernichten werden. Die freie Konkurrenz ist nur ein Übergangszustand zu dem monopolistischen Zeitalter. An die Vorgänge auf dem Petroleummarkt braucht man da gar nicht zu erinnern,1[851] Seit 1890 begann der von John D. Rockefeller aufgebaute Standard-Oil-Trust, die deutschen Märkte für Leuchtöl zu monopolisieren. 1897 tat der Trust den letzten Schritt auf dem Wege zum Monopol, indem er den Großhandel durch Ausschließlichkeitsverträge an sich band. Blaich, Fritz, Kartell- und Monopolpolitik im kaiserlichen Deutschland. – Düsseldorf: Droste 1973, S. 75f. sondern man kann ganz andere Erscheinungen ins Auge fassen. Sobald eine weitere Ausdehnung des Absatzgebiets unmöglich ist, wird an die Stelle der freien Konkurrenz die gegenseitige Verständigung treten in Form von Syndikaten, Ringen, Kartellen etc., also eine Art Zunft, eine Art Gilde, nur eine Schicht höher als die Zünfte im Mittelalter, welche ebenfalls die freie Konkurrenz beseitigten. Eine weitere Ursache der Entstehung des monopolistischen Zeitalters ist die Thatsache, daß das moderne Kapital immer immobiler wird, da man es in Fabrikschornsteine, Bergwerke u.s.w. steckt. Wir rücken mit beängstigender Schnelligkeit dem Zeitpunkt entgegen, an dem die Ausdehnung der Versorgung asiat[ischer] halbgebildeter Völker ihr Ende gefunden hat. Dann entscheidet über den auswärtigen Markt weiter nichts als die Macht, als die nackte Gewalt. Nur Spießbürger können daran zweifeln. Die deutsche Arbeiterschaft hat heute noch die Wahl, die Arbeitsgelegenheit im Vaterlande oder auswärts zu suchen. Dies wird aber in nicht allzu langer Zeit definitiv zu Ende sein, ob die Arbeiter wollen oder nicht. Der Arbeiter wird dann ausschließlich auf denjenigen Ernährungsspielraum beschränkt sein, den ihm das Kapital und die Macht seines Vaterlandes zu schaffen weiß. Wann sich diese Entwickelung vollzieht, weiß man nicht, sicher ist aber, daß sie sich vollzieht, sicher ist die Entstehung eines erbitterten Kampfes um die Macht an Stelle eines scheinbaren friedlichen Fortschrittes. Und in diesem gewaltigen Kampfe wird der Stärkste Sieger sein. Wir fragen nun: Was hat das Zeitalter des Kapitalismus geleistet? Das Glück hat es nicht in die Welt gebracht, aber es hat den modernen Menschen des Occidents geschaffen. Die Geldwirthschaft an Stelle der Naturalwirthschaft hat die Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Individuums geschaffen. Aber dieses selbstverantwortliche Individuum ist ein Gegner der Autorität, und somit mußte die [852]katholische Kirche die Gegnerin der Entwickelung der Geldwirthschaft sein, wie sie es dies ja auch thatsächlich war. Die Bedürfnisse der Menschen verbreiterten sich, dehnten sich qualitativ mehr aus, das Leben wurde mit mehr Annehmlichkeiten verknüpft, und die nothwendige Folge war, daß vor dem Diesseits das Jenseits immer mehr in das Zwielicht einer ferneren Dämmerung gerückt wurde. Aber die Gegnerschaft der Kirche wurde von der vereinigten Macht des Kapitals und der Fürsten überwunden. Die gegenwärtige Zeitepoche bildet in der Technik eine permanente Revolution, so daß sich die Arbeiter auf stetig schwankendem wirthschaftlichen Boden befinden. Die Reflexe dieser ökonomischen Erdbeben sind die Angriffe der Arbeiter gegen die Gesellschaftsordnung, die nicht durch Kanonen zum Schweigen gebracht werden können. Am Schlüsse seines Vortrags skizzirte Redner noch kurz seine persönliche Ansicht über die Gestaltung der Dinge und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Entwickelung des Bürgerthums eine derartige sein möge, daß sie uns sowohl vor der Herrschaft des norddeutschen Junkerthums als auch derjenigen des süddeutschen Spießbürgerthums bewahrt, obgleich er die erstere noch vorziehen würde. Die Zukunft des deutschen Vaterlandes ruhe auf der Entwickelung eines kräftigen, gesunden, deutschen Bürgerthums.

Hiermit schloß der berühmte Gelehrte den Cyclus seiner Vorlesungen, die sicherlich allen Zuhörern ein reiches Maß neuen Wissens gebracht haben.