Argentinische Kolonistenwirthschaften. 1894
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[286][A 20]Argentinische Kolonistenwirthschaften

[1.]

Für die Frage der Berechtigung der landwirthschaftlichen Schutzzölle ist es eine Vorfrage von grundlegender Bedeutung, ob eine Behauptung, mit welcher von freihändlerischer Seite stetig operirt wird, richtig ist, die nämlich: daß der nicht hinlänglich intensive Kulturstand der deutschen Bodenbewirthschaftung und die durch Kapitalmangel verschuldete Unmöglichkeit, rationell zu wirthschaften, die wesentliche Schuld an der Konkurrenzunfähigkeit der deutschen Landwirthschaft trägt: wäre dies der Fall, dann allerdings wäre die „Konservirung“ dieser „zurückgebliebenen Betriebsformen“, dieser „altväterischen Junkerbetriebe“ ein zweischneidiges, den Kulturfortschritt ernstlich gefährdendes Heilmittel und prinzipiell zu verwerfen.

Zur Beleuchtung dieser Frage möchte ich speziell für die Charakterisirung der überseeischen amerikanischen Konkurrenz hier in großen Zügen die Wirthschaftsweise eines argentinischen Kolonisten, über die ich zufällig authentisch und eingehend informirt bin1[286] Wer dieser Informand war, ließ sich nicht ermitteln. und welche als typisch gelten kann, in großen Zügen vorführen[,] und zwar bis ins Detail, soweit dies erforderlich scheint; gerade die konkrete Gestaltung des Betriebes ist das, was für unsern Zweck interessirt. Der argentinische Weizen stellte freilich bis vor Kurzem nur einen kleinen Theil der Weltproduktion dar, insbesondere kam er im Allgemeinen kaum auf den deutschen Markt, allein einmal trugen seine Produktionskosten eben doch ihren Theil zur Bildung des Weltmarktpreises des Getreides bei und dann kehren gewisse typische Züge dieser Wirthschaftsweise mutatis mutandis auch in den Produktionsbedingungen unserer eigentlichen Konkurrenten wieder. Endlich aber ist allem Anschein nach auch die quantitative Bedeutung des argentinischen Exports und unserer Einfuhr daher in rapidem Aufschwung begriffen.

[287]Die betreffende Wirthschaft wurde im Wirthschaftsjahr 1891/92 in Argentinien, Provinz Entrerios, nahe dem Laplata, betrieben von einem Deutschen mit geringem Kapitalbesitz, der Gymnasialbildung genossen, dann – unvermögend – in einem Handelshause in Buenos Aires lange Jahre beschäftigt gewesen war und bei der mißlichen Geschäftslage, in welche die höchst erbärmlichen Valuta-Verhältnisse Argentiniens die dortigen Häuser, zumal fremde Importeure, versetzt hatten, genöthigt war, den Versuch, eine selbständige Existenz zu gründen, in der Landwirthschaft zu machen, welche gerade wegen der sinkenden Valuta (darüber unten)2[287]Siehe unten, S. 290. existenzfähig war. Mit einem früheren englischen Schulmeister, der ein abenteuerliches Leben hinter sich hatte, associirt, hatte er seine Kolonistenstelle von einer der dortigen kolonisirenden Bodenspekulationsgesellschaften erstanden. Der Kolonist pflegt in solchen Fällen im Allgemeinen ca. 100 Cuadras (à ca. 1,67 ha, also 167 ha = ca. 670 Morgen) Land zu übernehmen, welche in dem zur Kolonisirung bereit gestellten Land, nach altrömischer Art in große Rechtecke von 8 x 12½ = 100 Cuadras aufgetheilt, bereit liegen, während zwischen den Rechtecken Straßen, à 20 m breit, laufen und von den Adjazenten3 Das heißt: den Anliegern. offen und in dem landesüblichen erbärmlichen Zustand zu erhalten sind. Die Kolonistenstelle, welche von den hier besprochenen beiden „Landwirthen“ übernommen wurde, umfaßte 287 Cuadras (480 ha, 1920 Morgen). Der Landpreis betrug im Allgemeinen 40–50 Pesos Gold (à 4 Mk., also 160–200 Mk.) pro Cuadra (100–120 Mk. pro ha), insgesammt also im Mittel 52 000 Mk. Wird bereits bebautes Land gekauft, so wird meist eine Anzahlung verlangt, sonst oft der ganze Kaufpreis, bei schon kulturfähigem Lande gegen durchschnittlich 12%, zuweilen im Maximum bis 30% Zinsen, kreditirt. An mittellose Neukolonisten giebt die Gesellschaft Alles: Land, Hausmaterial, Einzäunungsmaterial für das Vieh, Pflüge und Saatgut und (früher) auch den Bedarf an Lebensmitteln für 2 Jahre ohne jede Anzahlung, gegen die Verpflichtung, bis zur Bezahlung jährlich ½ der Ernte statt der Zinsen abzuführen, welche Verpflichtung dann je nach dem Stand der Ratenzahlung entsprechend reduzirt wird.

Ur-Hochwald existirt in Entrerios nicht, der einheimische Baumwuchs liefert schlechtes Brennholz und fast gar kein Nutzholz; na[288]mentlich Bauholz ist deshalb selten und sehr theuer1)[288][A 20]Brennholz, geschlagen, kostet die zweirädrige Fuhre 4 Pesos Papier (in Gold 16 Mk., aber nach dem bis 350% gehenden Goldzins nur ca. 6 Mk.) | ; Holzungen erhält der Kolonist nicht, den etwaigen Holzbestand auf seinem Areal darf er erst schlagen, wenn alles abgezahlt ist.

Das Haus, welches der Kolonist selbst erbaut, ist in seiner typischen Form einstöckig, mit Schilf bedeckt, unter möglichster Ersparniß an Holzbalken aus selbst oder in der Ziegelei der Kolonie gebrannten Thonziegeln gebaut, unverputzt, ohne Dielen und Estrich, zwei Zimmer und eine offne Küche enthaltend und kostet ca. 250 Pesos Papier (bei dem damaligen Agio wenig mehr als 300 Mark, nominal ca. 1000 Mk.). Ställe und Scheunen existiren nicht, Arbeiterwohnungen ebenso wenig. In dieser Kathe hausten in unserm Fall die beiden ledigen Kolonisten und ihr Großknecht nebst Frau. Von den 287a[288]A: 267 Cuadras4[288]Weber gibt oben, S. 287, 287 Cuadras an. Land blieben 100 als Viehweide liegen und waren primitiv eingezäunt, – 10 waren mit Luzerne als Viehfutter bestellt, einige ferner gingen als Wegeland ab, der Rest, 160 Cudras (267 ha), wurde jahraus jahrein mit Weizen bestellt. Auch Mais würde gedeihen, aber, da er später gesät wird, den Heuschrecken, der furchtbarsten Landplage, anheimfallen. Der Boden trägt bei 12 cm tieferen Pflügen 6–8 Jahre ohne jegliche Düngung annähernd gleichmäßig Weizen, alsdann ist es erforderlich, den Tiefpflug anzuwenden, worauf derselbe Raubbau in der neu emporgebrachten Krume weiter betrieben wird. – Es wurde – wiederum in altrömischer Art – kreuz und quer gepflügt, und zwar zwei Mal, das erste Mal im Hochsommer (Februar) und zwar so früh des nach der Ernte höchst üppigen Unkrauts wegen, das zweite Mal im Mai zur Saat. Bei erstmaligem Aufbrechen von Neuland wird ca. ½ cuadra pro Tag und Pflug umgebrochen, sonst bewältigten die sechs von Ochsen gezogenen Sitzpflüge unserer KolonistenbA: Kolonisten, 2 Cuadras (3 ha), zusammen 12 Cuadras (20 ha) pro Tag. Wenn je ein Stück von 10 Cuadras (16,7 ha) fertig gestellt war, wurde es besät. Die Saat wurde durch doppeltes Eineggen eingebracht, 5 Eggen entsprechen hier den 6 Pflügen. Feldbestellung und Aussaat nimmt also zwei Mal – [289]Februar und Mai – je ca. 14 Tage bis drei Wochen in Anspruch. Das Saatgut beträgt ca. 80 bis 90 kg Weizen pro Cuadra (50–60 pro ha, es kommt also etwa ein altpreußischer Scheffel = 85 Pfd. auf 0,83 ha = 3 Morgen).

Die Ernte beginnt Mitte bis Ende November. Eine Mittelernte – um diese Zahl vorwegzunehmen – erträgt brutto 1600 kg pro Cuadra (1 Tonne pro ha), eine „große“ Ernte 2100 kg (über 1¼ Tonne pro ha), also bei Mittelernte etwa das 20fache der Einsaat (in Deutschland betrug die Brutto-Erntemenge pro ha Weizenland 1881/90 1,32 To.,5[289]Die Angabe bezieht sich auf die Winter- und Sommerfrucht (Körner). Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs, 1. Jg., 1892. – Berlin: Puttkammer & Mühlbrecht 1892, S. III/33. im Osten, außer Berlin, aber nur zwischen 0,89 und 1,34).6 Die entsprechenden Angaben zur Weizenernte im Osten schwanken zwischen 0,87 (Sommerfrucht in Ostpreußen) und 1,39 (Winterfrucht in Pommern) Tonnen pro Hektar Weizenland im Durchschnitt der zehn Jahre 1881/90. Ebd., S. III/36. Andrerseits kommt es vor, daß bei Mißernten selbst das Saatgut verloren geht – in Folge der mangelnden Düngung und Bodenbearbeitung. Im letzten Fall ist, wenn noch viel Kaufgeld rückständig ist, der Bankerott unvermeidlich, d. h. praktisch: es tritt ein neuer Kolonist an die Stelle des alten und versucht mit dem gleichen Raubbau sein Glück, und der bisherige beginnt anderwärts von vorn. Bei „großer“ Ernte konnte fast die ganze Schuld oft aus den Erträgen des einen Glücksjahres gedeckt werden, bei Mittelernten kann der Kolonist bestehen und die Schuld in Raten abtragen, beides aber nur unter der weiteren Voraussetzung einer bestimmten Gestaltung des Goldagios, von welcher demnächst zu sprechen sein wird. –

Die Einbringung der Ernte geschah wie folgt – d. h. von „Einbringung“ kann man nicht eigentlich sprechen, denn [A 21]sie kam nicht unter Dach und Fach. Sie wurde mit zwei Mähmaschinen (eigentlich wären drei nöthig) auf dem Felde 8–10 cm über dem Boden geschnitten und von der Maschine selbstthätig gebunden, die Stoppeln dann in Brand gesteckt. Das Schneiden dauerte etwa 1 Monat, bereits 14 Tage nach Beginn desselben wurde mit dem Dreschen begonnen, welches wiederum auf dem Felde selbst mittelst Dampfdreschmaschinen geschah, deren es in der Kolonie 4 auf 4000 Cuadras gab und die von Unternehmern vermiethet wurden. Die Maschinen besorgten das Dreschen und in Säcke füllen und stellten pro Tag 300 Sack à 70 kg fertig, welche auf dem Felde, mit Stroh bedeckt, liegen blieben und [290]von da aus meist direkt verkauft und von den Händlern auf dem nahen Laplata in die Silos von Buenos Aires geschafft wurden. Rentabler für den Kolonisten ist – und die hier besprochene Wirthschaft verfuhr so – den Weizen selbst mit Ochsenwagen, was 4 Pesos pro 18 Sack Kosten machte, nach dem Hafen von La Paz zu fahren und dort abzusetzen. Da die Dreschmaschinen von allen Kolonisten sehr begehrt waren und im Turnus genutzt wurden, konnte die ganze Prozedur inkl. des ratenweisen Verkaufes sich bis Anfang April hinziehen.

So der äußere Verlauf der Bestellung, werfen wir nun einen Blick auf den Ertrag und die Produktionskosten der geschilderten Wirthschaft. – Zunächst die Brutto-Einnahme: Verkauft wurde so gut wie ausschließlich Weizen, das halbwilde Vieh hatte seines unbegrenzten Überflusses auf den ungeheuren Weideflächen und der mangelnden Exportfähigkeit wegen einen Verkaufswerth nur in der unmittelbaren Nähe großer Städte, wo Molkereiprodukte begehrt waren oder Konserven fabrizirt wurden.

Der Ertrag einer Mittelernte in Weizen nun stellte sich nach den obigen Angaben auf brutto: 160 x 1600 kg gleich 256 000 kg, abzüglich des Saatgutes von 12 800 kg: 243 200.

Der Preis des ausschließlich zum Export verkauften Weizens richtete sich nun – und das ist ein fundamentaler Punkt – nach dem Weltmarktpreis und nur nach diesem und schwankte also mit dem Goldagio. War der Goldkurs niedrig – etwa 150% – stand also die argentinische Valuta im Preise relativ hoch, so wurden zuweilen nur 5 Pesos Papier pro 100 kg gezahlt, jedes Sinken der argentinischen Valuta im Goldwerthe fand aber in einer Steigerung des in Papier gezahlten Preises seinen Ausdruck, bei einem Goldkurs von 350% kamen Preise bis zu 13½ Pesos in Papier vor, längere Zeit stand der Preis auf über 10 Pesos Papier, welche stets bei Ablieferung der einzelnen Posten dem Kolonisten sofort baar gezahlt wurden. Bei diesem Goldkurse hatte also die Mittelernte nach Abzug des Saatgutes rund 25 000 Pesos Papier präsenten Verkaufswerth, eine „große“ Ernte aber bei gleichzeitigem hohen Goldkurs unter Umständen etwa 40 000 Pesos Papier. Bei besonders niedrigem Agiostande dagegen ergab eine Mittelernte nur etwas über 12 000 Pesos Papier präsenten Verkaufswerth.

Obige Tauschwerthe ergaben sich im Allgemeinen ohne wesentlichen Einfluß des Ausfalls der inländischen argentinischen Getrei[291]deernte – d. h. selbstverständlich war ein gewisser Einfluß derselben auf den Preis vorhanden, aber für diejenigen sehr zahlreichen Wirthschaften, welche in der Lage sind, die Wasserstraßen und Ströme zum Export nach Buenos Aires zu benutzen und deshalb nur für den Weltmarkt produziren, tritt er gänzlich in den Hintergrund gegen den unmittelbar wirksamen Einfluß des Weltmarktpreises. –

Stellen wir nun diesem Brutto-Erträgniß die Produktionskosten gegenüber, so scheiden wir zweckmäßigerweise die Grund- und Bodenkosten zunächst ganz aus und betrachten ohne Rücksicht auf theoretisch richtige Klassifizirung gesondert 1. die laufenden Betriebsausgaben und 2. das Inventar und die sonstigen durch einmalige Kapitalaufwendungen, welche verzinst und amortisirt sein wollen, zu bestreitenden Erfordernisse der Wirthschaft.

Ad 1 kommen fast ausschließlich die Arbeitslöhne in Betracht.

Der Posten für Reparatur- und Reproduktionskosten des lebenden und todten Inventars etc. ist höchst geringfügig zu veranschlagen, da das halbwilde Vieh sich ohne jedes Zuthun annähernd selbst reproduzirte, Wirthschaftsgebäude irgend welcher Art absolut nicht existirten und also fast nur die Abnutzung der Ackerwerkzeuge (6 Pflüge, 5 Eggen, 3 Mähmaschinen, etwa ½ Dutzend Ackerwagen und einige Reservestücke) in Betracht kommt.

Die Ausgaben für Arbeitslöhne nun stellten sich wie folgt: Als ständige Arbeiter wurden gehalten: Ein sogenannter Capatás (Großknecht), der (ein Schweizer) mit seiner Frau im Kolonistenhaus wohnte, und unter Zuziehung seines (eine selbstgebaute kleine Kathe bewohnenden) Schwagers und dessen Frau die Obliegenheiten eines Inspektors, daneben das Viehmelken der „herrschaftlichen“ sowohl wie der „Leutekühe“ – in praxi beide zusammenfallend – versah. Er erhielt nebst seiner Frau neben Theilnahme an der „herrschaftlichen“ Kost 60 Pesos Papier pro Monat, der Schwager nebst Frau ebenso 40 Pesos Papier, beide zusammen also 100 Pesos Papier, die Aufwendungen für die Beköstigung der beiden Familien sind mit 2½–3 Pesos pro Tag – ca. 80 Pesos pro Monat – sicher zu hoch berechnet. Daneben wurde zur Hütung des während des ganzen Jahres Tag und Nacht weidenden Viehs lediglich noch ein Junge mit pro Monat 10 Pesos und Kost im Werthe von ½ Peso pro Tag (Selbstkosten) gehalten. Die Kosten für diese Arbeitskräfte stellten sich also auf:

[292]
100x 12=1200
80x 12= 960
10x 12= 120
½x365= 182
zusammen2462

oder rund 2500 Pesos Papier.

Es sind dies die einzigen ständigen Arbeiter, welche gehalten wurden. Zur Feldbestellung und Ernte kommen und kamen Wanderarbeiter oder besser gesagt Nomadenschwärme aus den noch mit Urwalddickicht bedeckten Theilen der Provinz Corrientes am oberen Laplata herangezogen. Wo und wie diese Leute in der arbeitslosen Zeit existiren, ist dunkel, sie erscheinen, wenn die Zeit des Bedarfs beginnt und verschwinden nach Beendigung und nachdem sie den Lohn in Schnaps verjubelt haben, und der Kolonist sitzt wieder allein auf seiner öden Hacienda. Ihr gesammter Besitz besteht aus einem Pferd, einem Sattel, einem Anzug im Werth von ca. 15 Pesos, Revolver und Messer und – unentbehrlich – dem Puncho, einem Reitmantel, der aus einem ungeheuren groben Wolltuch mit einem Loch für den Kopf besteht. An Behausungen kennen sie nur Erdhütten, der Kolonist stellt ihnen lediglich eine auf Pfählen ruhende Strohbedachung zur Verfügung, unter der sie auf dem Sattel schlafen.

Die meisten dieser Arbeiter sind unverheirathet, und man sucht auch möglichst ausschließlich unverheirathete zu erhalten.

Monogamische relativ ständige Verhältnisse haben sie wohl, aber regelmäßig ohne irgend welche kirchliche oder zivile Trauung und auch thatsächlich ohne dauernde Bindung an ein und dasselbe Weib. Diese unendlich schmutzigen „Ehefrauen“ und die noch schmutzigeren Kinder – wovon diese eigentlich leben und aufwachsen, ist auch den Kolonisten ein ungelöstes Räthsel – sucht man sich möglichst vom Leibe zu halten, sie treiben sich in Erdlöchern umher, stehlen Vieh und suchen der unersättlichen Gurgel des Mannes einen so großen Bruchtheil des Lohnes zu entreißen, wie eben möglich.

Jegliche Armenpflege oder etwas Analoges oder irgend welche sonstige verwaltungsrechtliche Pflicht der Arbeitgeber für die Arbeiter sind gänzlich unbekannt.

Diese Arbeiter werden auf einen Monat engagirt, aber ohne kon traktliche Bindung irgend einer Seite. Sie erhalten [A 22]neben Baarlohn [293]durchweg die Kost. Diese setzt sich in folgender charakteristischer Art zusammen:

Morgens: Gebratenes Fleisch nach Belieben und Thee, sowie vier „Galietas“, d. h. ungesäuertes schiffszwiebackartiges rundes Brot von 6–7 cm Durchmesser.

Mittags: Reis- oder Nudelsuppe, gekochtes Fleisch nach Belieben.

Abends: Gebratenes Fleisch nach Belieben, bei starker Arbeit Mais in Milch gekocht.

Von Getränken nichts, – also fast ausschließlich Fleisch, welches in Mengen von fast 1 kg pro Tag und Kopf – auf 13 Arbeiter 10 kg – verschlungen wird: es ist das billigste Nahrungsmittel, wirkliches Brot eine Delikatesse, da alles Getreide dem Export verfällt, Kundenmühlen nicht existiren, auch für die vereinzelten Kolonistenhöfe nicht existieren können und die eigne Herstellung für diesen nur periodischen Bedarf zeitraubend und relativ kostspielig wäre. Die Selbstkosten dieser Kost für den Kolonisten betragen (wesentlich des theuren Brennmaterials wegen) ca. ¾ Peso pro Tag und Mann.

Der gezahlte Geldlohn beträgt 15 – höchstens 20 Pesos, meist ca. 17 Pesos pro Monat für Erwachsene, 8–12 für Jungen, in der Ernte für die besten Arbeiter 30 – höchstens 35, meist 25 Pesos. Das Mähen wird in Akkord gegeben. (Dauer: ein Monat, Lohn 80–100 Pesos pro Mann). Benöthigt werden: (für 160 Cuadras): in der Feldbestellungszeit 13 Mann, in der Erntezeit alles inbegriffen 25, davon ein Theil, vielleicht , Jungen. Das Dreschen besorgt die Maschine gegen 1 Peso für 100 kg, alles, einschließlich des Einsackens, inbegriffen. Die Lohnausgaben berechnen sich hiernach wie folgt (in maximo):

1. Feldbestellung:
1½ Monat 13 Mann à 17 Pesos 332 Pesos
2. Ernte:
1 Monat dieselben Arbeitskräfte à durchschnittlich 28 Pesos 364 Pesos
Dazu treten:
4 Fuhrleute zum Zusammenfahren 112 Pesos
8 Akkordarbeiter zum Mähen durchschnittlich à 95 Pesos 760 Pesos
Die Beköstigung der Arbeiter kostet für 45 x 13 + 30 x 13 + 30 x 4 + 30 x 8 Tage = 1335 Tage à ¾ Peso rund1000 Pesos
[294]Dazu das Dreschen von 256 000 kg à 100 kg 1 Peso2560 Pesos
zusammen:5128 Pesos (Papier)

also bei Mittelernte rund 5000, bei großer Ernte von 40 000 kg7Gemeint sind 400 000 kg. Nur dann ergibt sich unter Zugrundelegung der Miete für die Dreschmaschine von einem Peso pro 100 kg ein Aufpreis von ca. 1500 Pesos. (desc[294]A: des höheren Dreschlohnes wegen) ca. 6500 Pesos Papier.

Die gesammten Lohnausgaben für ständige und nichtständige Arbeitskräfte und das Dreschen stellen sich also bei mittlerer Ernte auf rund 7500, bei großer Ernte auf rund 9000 Pesos, schlagen wir dazu einen schätzungsweisen Betrag von 700 bis 800 Pesos für Ergänzungen und Reparaturen des Inventars – nach dem oben Gesagten ist es sicher zu hoch gerechnet – so kommen wir auf 8300–9800 Pesos Papier laufende Betriebsausgaben je nach Größe der Ernte.

Ad 2 (Anlagekapital, welches im Inventar steckt) ist zunächst der früher erwähnte Kostenbetrag von 250 Pesos Papier8Siehe oben, S. 288. für das Kolonistenhaus einzustellen.

Dazu tritt das Inventar an Vieh, wobei daran zu erinnern ist, daß in Entrerios Viehzucht gar nicht betrieben wird: das Vieh hält man nur zu Arbeitszwecken und um der Milch willen – die halbwilden Kühe geben aber nur nach dem Kalben Milch –[,] ferner um das Fleisch für die Beköstigung der Arbeiter zu gewinnen.

Es waren in der hier besprochenen Wirthschaft gehalten 94 Ochsen als Spannvieh für Wagen und Eggen, theilweise auch Pflüge, im Kaufwerth von 80 Pesos das Paar, zusammen 7520 Pesos.9Legt man einen Preis von „80 Pesos das Paar“ zugrunde, ergibt sich für 94 Ochsen ein Kaufwert von 3760 Pesos.

42 Pferde, auch als Spannvieh beim Pflügen auf schwerem Boden und zum Wasserziehen, à Stück 30–35 Pesos, im Mittel zusammen 1365 Pesos.

16 Kühe der Milch wegen, ca. 480 Pesos werth.

Daneben wurden fünf Sauen und ein Eber nebst Nachzucht und Hühner gehalten, die[,] als dem persönlichen Konsum bestimmt[,] nicht unter das Wirthschaftsinventar zählen. Besondere Futterko[295]sten entstehen für das Vieh nicht, es wurde erwähnt, daß 100 Cuadras als Weideland liegen blieben, 10 mit Luzerne bestellt sind.10[295]Siehe oben, S. 288.

Der Gesammtkostenwerth des lebenden Inventars beträgt 9365 Pesos. Dazu trat das früher aufgeführte todte Inventar:11Siehe oben, S. 291. sechs Pflüge, fünf Eggen, drei Mähmaschinen, vier bis sechs Wagen, die Reservestücke und der sonstige Bedarf an Werkzeugen und Geschirr. Die Maschinen und eisernen Werkzeuge wurden nur aus England importirt und sind also in Gold zu zahlen. Genaue Angaben über die Ankaufskosten waren nicht zu erlangen, bei dem zur Beschaffungszeit nicht übermäßig hohen Stande des Goldagios wird man sie auf höchstens ca. 3–4000 Pesos beziffern können, so daß der gesammte Kapitalaufwand für Beschaffung des Inventars inkl. des „Hauses“ sich bei niedrigem Goldkurse auf zwischen 14 000 und 15 000 Pesos belaufen haben würde, bei hohem dagegen ca. 3000 Pesos höher zu berechnen wäre.

Die Zinsen dieses Kapitals à 12 pCt. mit 1680–1800, imd[295]A: in Mittel etwa 1740 Pesos[,] traten den laufenden Betriebsausgaben von (wie oben) 8300–9800 Mk. hinzu, so daß sich ein Selbstkostenbetrag von bei mittlerer Ernte rund 10 000, bei großer rund 11 500 Mk. ergiebt,12Nach den Angaben Webers, oben, S. 294, belaufen sich die Betriebsausgaben auf 8300–9800 Pesos, nicht Mark; der Selbstkostenpreis schwankt daher zwischen 10 000 und 11 500 Pesos und nicht Mark. während[,] wenn die Importartikel bei hohem Goldkurs gekauft werden mußten, noch ca. 500 Pesos Zinsen zuzuschlagen sind.

Dieser Betrag umfaßt die gesammten Produktionskosten im engeren rein technischen Sinn, d. h. diejenigen Kosten, welche aufzuwenden sind, um auf dem von der Natur zur Verfügung gestellten rohen Boden das zum Absatz bestimmte Gut (Weizen) zu gewinnen.

Dazu tritt nun die Aufwendung für den Bodenerwerb selbst resp. die Kosten der eventuellen Besitzkreditgewährung. – Es war oben berechnet,13Siehe oben, S. 287. daß der Gesammtkaufpreis der 287 Cuadras 11 480–14 350, im Mittel ca. 13 000 Pesos Gold betrug. Die Zinsen dieses Kapitals à 12% würden ca. 1560 Pesos betragen. Es ist aber zu beachten, daß diese Zinsen eben – vorausgesetzt, daß der Kaufpreis [296]rückständig geblieben wäre, – in Gold zu zahlen waren, so daß sie z. B. bei dem Goldkurse von 350% den Betrag von 5460 Pesos Papier repräsentirten, bei niedrigem (von 150%) dagegen 2340. Schwankt das Agio zwischen 250 und 300%, so sind im Mittel 4290 Pesos Papier anzusetzen. Die gesammten Produktionskosten einschließlich der Bodenerwerbskosten betragen hiernach unter der Voraussetzung, daß Boden und Inventar auf Kredit beschafft sind, zwischen 12 300 und 17 000 Pesos Papier: bei mittlerer Ernte in minimo 12 300 Pesos Papier (Goldkurs 150%), bei hoher Ernte in maximo 17 000 Pesos Papier (Goldkurs 350%). Deme[296]A: Dann steht bei mittlerer Ernte und 150% Goldkurs ein Roheinkommen von etwas über 12 000 Pesos Papier, bei dem (damals normalen) hohen Agio von 250–300% von gegen 25 000 Pesos Papier, und bei sehr großer Ernte und sehr hohem Goldkurs, also starker Entwerthung der argentinischen Valuta[,] ein solches von gegen 40 000 Pesos Papier gegenüber, so daß der Reinertrag in den beiden letzten Fällen sich von einem mittleren Betrage von 25 000–12 300 (mittlere Ernte, hoher Goldkurs) = 13 70014[296]Die Richtigkeit der Ausgangszahlen vorausgesetzt, müßte die Zahl lauten: 12 700. bis zu einem Höchstbetrage von 40 000–17 000 (große Ernte, sehr hoher Goldkurs) = 23 000 Pesos Papier aufwärts bewegt, während bei mittlerer Ernte aber relativ niedrigem Goldkurs Produktionskosten und Bruttoertrag sich ungefähr decken. Wir haben nunmehr diejenigen Schlüsse zu ziehen, welche sich aus der im Vorstehenden möglichst eingehend erörterten Zusammensetzung der Produktionskosten – die event[uell] noch weiter detaillirt werden könnten – ergeben.fA: Ende des ersten Artikels.

[A 57][2.]

Aus den in vielleicht ermüdender Ausführlichkeit gegebenen Zahlen treten einige für das Wesen der überseeischen Konkurrenz charakteristische Erscheinungen deutlich zu Tage. Die Deutlichkeit beruht zwar auf dem extrem auf die Spitze getriebenen Charakter des behandelten Falles, allein mutatis mutandis finden sich die wesent[297]lichen Züge in den Produktionsbedingungen unsrer übrigen landwirthschaftlichen Konkurrenten wieder, und eben deshalb schien die Erörterung bis in die konkreten Thatsachen des Wirthschaftsbudgets nöthig und hätte vielleicht eher noch weiter gehen müssen. –

Zunächst: kann man glauben, daß irgend welches Maximum von Kulturintensität eines landwirtschaftlichen Betriebes, verbunden mit einem Maximum von Intelligenz und Kapital[,] unter den Verhältnissen unsres Ostens die Konkurrenz mit derartigen Betrieben, wie den geschilderten, aufnehmen könne? Ich meinerseits vermag diesen Glauben nicht zu hegen. Vergegenwärtigt man sich die Momente, welche die Produktion der Kolonisten begünstigen, so sind es zwei: die Jugendlichkeit des Bodens und die ebenso große Jugendlichkeit der sozialen Organisation. Zunächst das erste: ein Bodentypus, der im Stande wäre, eine Rohertragsrelation zu ergeben, wie die geschilderte, existirt bei uns im Osten überhaupt nicht in irgend in Betracht kommendem Maße, auch nicht bei irgend denkbarer Zunahme der Intensität des Betriebes, während dort noch auf ein halbes Menschenalter hin eine so extensive Betriebsweise, wie die geschilderte – ohne Düngung, Fruchtfolge und ohne Aufwand für Wirthschaftsgebäude, – die angegebenen Resultate zeitigt.

Aber darauf lege ich nicht das Hauptgewicht. Entscheidender ist das zweite Moment. Um mit Wirthschaften wie den geschilderten konkurriren zu können, müßten wir in dem Charakter unsrer sozialen Struktur und in unserem Kulturniveau nicht herauf- sondern heruntersteigen können, auf dasjenige eines dünnbevölkerten halbbarbarischen Landes, wie es Argentinien noch ist. Denn worauf beruht die „Konkurrenzfähigkeit“ dieser Produktions-Gebiete und was ermöglicht ihnen den geschilderten unerhörten Raubbau? Zunächst die – wenn ich so sagen darf – „Fungibilität“ der landwirthschaftlichen Unternehmer. Dem Kolonisten liegt der Strick um den Hals. Einem kleinen Prozentsatz, der einen hazardartigen Gewinn aus dem ausgeplünderten Boden saugen und diesen dann rechtzeitig losschlagen konnte, steht eine gewaltige Mehrheit solcher gegenüber, welche durch eine einzige schlechte Ernte oder ein unzeitiges Sinken des Goldagios bankerott aus dem Besitz geschleudert werden. Aber was verschlägt der Bankerott unter so primitiven Verhältnissen der sozialen Organisation für die Produktion als Ganzes? Bei uns äußert sich der Untergang eines ländlichen Großbetriebs als ein chronisches Dahinsiechen des Betriebs, schlägt dem Boden und der [298]Arbeitsverfassung schwer und in Jahren erst zu heilende Wunden (die Ansiedlungskommission weiß davon zu erzählen),15[298]Weber bezieht sich hier auf die Arbeit und die Erfahrungen der preußischen Ansiedlungskommission in Posen; sie war 1886 zur Förderung der Ansiedlung deutscher Bauern in den preußischen Provinzen Posen und Westpreußen eingerichtet worden. Ihre Aufgabe bestand in dem Ankauf und der Aufsiedlung polnischen Großgrundbesitzes. Dabei mußten oftmals umfangreiche Meliorationen auf den Ansiedlungsgütern durchgeführt werden. Siehe die „Denkschrift über die Ausführung des Gesetzes vom 26. April 1886“, in: Sten. Ber. pr. AH, 1894, Anlagen, 2. Band, S. 1270. und der Unternehmer, den der Bankerott – gleichgiltig, ob formell in Gestalt des Konkurses oder nicht – trifft, ist eine sozial gebrochene Existenz, die sich zumeist nie wieder erhebt und für die Volkswirthschaft fruchtbar wird. Dort dagegen tritt einfach an Stelle des verkrachten Kolonisten ein anderer, die Arbeit und das Geld, das jener in den Betrieb steckte, ist à fonds perdu gegangen, aber der Betrieb lebt sofort wieder auf. Und der Bankrotteur? Er setzt seinen Stab einige Dutzend Meilen weiter landeinwärts und versucht sein Heil auf einer Neusiedlung von vorn. Wer in einer sozial so primitiv organisirten gesellschaftlichen Gemeinschaft zu Falle kommt, stürzt nicht tief und steht gleich wieder auf den Füßen. Wollen wir, und vor Allem, selbst wenn wir wollten, könnten wir das auf unsre Verhältnisse übertragen?

Aber weiter: wie steht es mit den Arbeitern? Wir sehen, die Löhne, die der Kolonist zahlt, sind nicht an sich niedrig, die [A 58]Kost muß für den, der den Fleischkonsum allein als Kulturmesser nimmt, einen märchenhaften Nahrungsstand repräsentiren. In Wahrheit freilich ist es die Kost nomadisirender Barbaren, und das sind diese Arbeiter auch in der That. Eben darin liegt offenbar bei einer kapitalistischen volkswirthschaftlichen Organisation ihr Vorzug für den Unternehmer im Konkurrenzkampf. Wenn man von einer „Arbeitsverfassung“ hier überhaupt noch sprechen will, so ist deren Charakteristikum die extreme Ausgestaltung des landwirthschaftlichen Betriebes zum Saisongewerbe. Etwa 12–15 Wochen im Jahr saugt er Arbeitskräfte an und stößt sie nach gemachtem Gebrauch wieder aus, ohne Übernahme der geringsten Verantwortlichkeit und Sorge für ihre dauernde Erhaltung: er kann sich das ersparen. Die gänzlich unerreichbare Billigkeit dieses Verfahrens leuchtet ein. Können und wollen wir es unternehmen, gleich „billig“ zu arbeiten, so müssen auch unsere Arbeiter auf dem Lande sich diesem Typus nähern, und [299]wer das Wanderarbeiterthum und die Poleneinfuhr im Osten beobachtet, findet die ersten Erscheinungsformen dieser Wandlung in der That vor sich.

Es ist, mit einem Wort, der Umstand, daß wir auf dicht besiedeltem Boden ein altes seßhaftes Kulturvolk mit alter, fein ausgeprägter und deshalb auch empfindlicher sozialer Organisation und typischen nationalen Kulturbedürfnissen sind, was uns in die Unmöglichkeit versetzt, mit diesen Wirthschaften zu konkurriren. Man wird danach kaum Neigung verspüren, wie es so oft geschieht, das ohne Weiteres als Symptom von Schwäche und wirthschaftlicher Rückständigkeit zu deuten. Ein Mann in den besten Jahren vermag nicht, ohne seine Knochen zu wagen, wie ein halbwüchsiger Straßenjunge Kobold zu schlagen und auf die Bäume zu klettern, und dennoch bleibt es dabei, daß er ein Mann ist und der andere ein Straßenjunge. –

Aber damit sind die Lehren unseres Paradigmas nicht erschöpft. Mit einer geradezu klassischen Deutlichkeit, die wiederum mit dem extremen, aber deshalb eben wie eine „Reinkultur“ als Paradigma verwerthbaren Charakter des Falles zusammenhängt, tritt die praktische Bedeutung des internationalen Währungsproblems in den angeführten Zahlen zu Tage. Es zeigte sich, daß unter den geschilderten Verhältnissen ein verschuldeter Kolonist überhaupt nur bei abnormer Entwerthung der einheimischen Valuta existiren kann. Der Grund ist einfach: die Produktionskosten des Kolonisten stiegen zwar gleichfalls mit dem Steigen des Goldkurses. Am wenigsten die Löhne, welche auch innerhalb mehrjähriger Zeiträume so gut wie nicht davon berührt wurden (sie werden eben in Inlandsprodukten, namentlich in gemeinem Inlandsfusel angelegt). Auch die Kosten des Inventars steigen – indessen pflegt man die Importartikel einmal nur bei niedrigem Agio anzuschaffen und dann erscheint der Betrag der Steigerung unter den Produktionskosten nur in Höhe der Zinsen, also dividirt. Jedenfalls aber steht diese Steigerung der Selbstkosten des Kolonisten in gar keinem Verhältniß zu dem Gewinn, welchen er durch Steigen des Goldagios vermöge des Umstandes bezieht, daß er in der Lage ist, unmittelbar zu wenig modifizierten Weltmarktspreisen an Exporteure zu verkaufen und deshalb in Gold bezahlt wird. Dies Moment macht ihn überhaupt nur existenzfähig. Allein wenn nun das Agio sinkt? Das bedeutet für ihn, wenn es andauert, den Bankerott, aber die Produktion kommt damit höchstens zum Stagniren: ein Rückgang des Exports tritt mindestens dauernd nicht ein, es [300]beginnt lediglich ein rationellerer, kapitalkräftigerer Betrieb auf den bisher einfach ausgeraubten Flächen. Stürzt dann die Valuta wieder, so beginnt eine neue Überschwemmung noch jungfräulichen Bodens durch Raubbauer, und in dieser Weise setzt sich der Prozeß fort: eine allerdings stoßweise aber konsequente Züchtung von lediglich für den Export wirthschaftenden Betrieben. Es tritt deshalb die Wirkung der Valutaverhältnisse auf die Produktion nicht etwa als ziffermäßiges statistisches Abhängigkeitsverhältniß zu Tage. Aber wesentlich die Valuta hat dahin geführt, daß der Laplata-Weizen in den Börsenberichten Deutschlands in den letzten Jahren eine Rolle zu spielen beginnt2)[300][A 58]Wegen der Export-Ziffern vergl. die offizielle argentinische Publikation von Fließ: La produccion agricola y ganaderag[300]A: ganadaa de la Republ[ica] Argentina en el año 1891, B[uenos] Aires 1892, und den Artikel in der Review of the River Plate vom Schluß des letzten Jahres, welchenhA: welche auch die „Kreuzz[ei]t[un]g“ in Nr. 18 vom 12. Januar abdruckte,16[300]Die Review of the River Plate war nicht ermittelbar. Die Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung), Nr. 18 vom 12. Jan. 1894, Mo.Bl., referierte und zitierte den betreffenden Artikel, demzufolge Argentinien 1893 zum drittgrößten Weizenexporteur der Welt avanciert sei. Der Weizenexport habe 1893 über 1 Million Tonnen betragen; für 1894 rechne man mit einer Ausfuhr von 1½ Millionen Tonnen. Die Tendenz sei steigend, da bislang in Argentinien kaum 5% des für den Anbau geeigneten Bodens genutzt seien. Der Erfolg Argentiniens sei hauptsächlich auf die zähe Arbeit der bedürfnislosen italienischen Kolonisten und Arbeiter zurückzuführen. auch z. B. den Börsenbericht derselben Nummer.17 Weber bezieht sich auf die Ausgabe der Neuen Preußischen Zeitung (Kreuzzeitung), Nr. 19 vom 12. Jan. 1894, Ab. Bl. Im Bericht von der Produktenbörse werden hier „umfängliche Offerten“ in Weizen vom La Plata erwähnt. . Daß die Gunst der natürlichen Bedingungen mitspielt, ist nicht zu bezweifeln und selbstverständlich, aber den spezifischen kapitalistischen Charakter und die exzessive Tendenz zum Export hat die Produktion durch die Währungsverhältnisse aufgedrückt erhalten.

Und ist diese Erscheinung denn verwunderlich? Jedes solide Geschäft fürchtet privatwirthschaftlich die Schleuderkonkurrenz einer Konkursmasse, die amerikanischen Bahnen betrachten bekanntlich nichts als eine erheblichere Schädigung ihrer Interessen, als wenn eine bankerotte Konkurrenzbahn einen Receiver (Zwangsverwalter) erhält, und so steht es auch mit einer nicht voll zahlungsfähigen Volkswirthschaft, wie es ein in der Papierwirthschaft steckender [301]Staat ist. Gewiß: die Entwerthung der Valuta ist für die davon betroffene Volkswirthschaft ein verwüstendes Unglück, aber das schließt nicht aus, daß sie eine Prämie zu Gunsten ihrer Privatwirthschaften involvirt. Das ist eben der charakteristische Verlauf bei kapitalistischer Organisation der Volkswirthschaft, daß die (relativ) sinkende Währung eines Landes den Produzenten desselben einen unreellen Gewinn auf Kosten der Gesammtheit abwirft. Irgend Jemand zahlt natürlich die Zeche; das ist die Volkswirthschaft des Landes mit der jeweilig sich verschlechternden Valuta als Ganzes betrachtet.

Es zeigt sich aber ferner, daß der Produzent des Landes mit sinkender Währung sich in den objektiv unreellen Vortheil, welchen die Entwerthung der Valuta abwirft, mit einem andern volkswirthschaftlichen Faktor zu theilen hat: dem Kapital. Wir sahen, daß der einzige Produktionskostenfaktor, der in der That in vollauf gleichem Maße wie die Höhe des Goldagios wächst, die Schuldenzinsen für den gewährten Besitzkredit sind, weil Gläubiger dieser Schulden die kapitalkräftige spekulative Kolonisationsgesellschaft ist, welche sich Zahlung in Gold ausbedingt. Der verschuldete Produzent bleibt in allen Fällen ihr Sklave, dem sie nur soviel von dem Agio-Gewinn beläßt, wie eben nöthig ist, um ihn in ihrem eigenen Interesse über Wasser zu halten.

Das Kapital und die niedrigsten Formen der Produktion sind es, welche den Gewinn aus den Währungsschwankungen auf Kosten der Gesammtheit beziehen.

Man braucht, um das anzuerkennen, wahrlich nicht Anhänger des Bimetallismus3)[301]Im vorliegenden Fall ist die Valuta-Entwerthung, da Argentinien weit mehr Gold als Silber geprägt hatte, mit der Silber-Entwerthung überhaupt nicht identisch, und es würde auch eine Rehabilitirung des Silbers uns vor der weit gefährlicheren Papierwirthschaft kulturell niedrig stehender Staaten nicht schützen. Wahr ist andererseits, daß eine Wiederaufnahme der Baarzahlungen in reiner Goldwährung für Argentinien z. B. für absehbare Zeit eine Utopie ist. | oder Gegner der jetzt zur Erörterung stehenden Handelsverträge18[301]Gemeint sind die Handelsverträge mit Spanien, Serbien und Rumänien. Vgl. den Editorischen Bericht, oben, S. 282. zu sein – und in beiden Hinsichten vermag ich meinerseits z. B. die Ansichten des Herausgebers dieser Zeitschrift, [302]der mir deren Spalten freundlichst öffnete, nicht zu theilen.19[302]Vgl. ebd., S. 284, auch zum Bimetallismus. Aber es ist schlechthin widerwärtig, Thatsachen, die auf der Hand liegen und unbestreitbar sind, bestritten zu sehen mit einer Suffisance, wie sie sich in der That nur in dem spezifischen Dialekt einer wirthschaftspolitischen Schule findet,20Gemeint ist die Freihandelslehre, die vor allem von der Freisinnigen Volkspartei unter der Führung Eugen Richters vertreten wurde. welcher die Bedingtheit der ökonomischen Gesetze, an welche sie dogmatisch glaubt, durch die gänzlich irreale Voraussetzung der internationalen Kulturgleichheit noch immer nicht aufzugehen beginnt, – der gleiche Fehler, den der Internationalismus in jeder Form, auch in der des internationalen Sozialismus begeht. – Es können gewiß Situationen eintreten, wo man mit einem Konkursifex21Konkursifex, d. h. ein Kaufmann, der bei seinen Geschäften einen Konkurs bereits einkalkuliert. In diesem Fall bezogen auf das hochverschuldete Argentinien. Kontrakte schließen muß. Bedenklich sind sie immer und eigentlich nicht zulässig ohne bestimmte Garantie in Bezug auf seine Geschäftsgebahrung, – in unserem Falle um es konkret auszudrücken, in Bezug auf den [A 59]Gebrauch seiner Notenpresse. Solche Garantien zu geben kann nun ein souveräner Staat sich nicht herbeilassen. Trotzdem kann es sicherlich – aus welchen Gründen, bleibe dahingestellt – aus andern Gründen nothwendig oder überwiegend nützlich sein mit ihm, auch ohne solche Garantie, in die theilweise Wirthschaftsgemeinschaft sich einzulassen, welche jeder Handelsvertrag darstellt. Dann sind eben diese anderen Gründe zu prüfen, nicht ehrlich ist es aber, wenn das Vorhandensein einer ernsten Gefahr bei einer solchen Verflechtung der eignen zahlungsfähigen mit der fremden zahlungsunfähigen Volkswirthschaft einfach bestritten wird4)[302][A 59]Hier liegen für mich auch die entscheidenden Bedenken gegen den internationalen Bimetallismus, der diese Verflechtung in anderer Form gleichfalls herbeiführt, ganz abgesehen davon, daß er zur Zeit seine (keineswegs nothwendig in seinem Begriff liegende) Verbindung mit dem utopischen Bestreben nach Wiederherstellung der alten Silberwerthrelation noch nicht gelöst hat und daß er dagegen die meines Erachtens absolut nothwendig aus ihm resultirende Konsequenz einer Verstaatlichung (und zwar, wenn der Ausdruck erlaubt ist[,] „Verweltstaatlichung“) der Silberbergwerke abzulehnen versucht, – weil er damit, wie der Herausgeber dieser Zeitschrift im konserv[ativen] Handbuch [303]zutreffend ausgeführt hat,23Gemeint sind vermutlich die Ausführungen über Bimetallismus im Rahmen des Artikels über die „Währungsfrage“ (Konservatives Handbuch1, bes. S. 348–352). Dieser Artikel ist nicht gezeichnet, doch gehörte Arendt, der Herausgeber des Deutschen Wochenblatts, zu dem Kreis der engen Mitarbeiter des Konservativen Handbuchs. Es dürfte daher durchaus zutreffen, daß Arendt, der als Währungsfachmann bekannt war, den genannten Artikel verfaßt hat. sich selber aufhebt. – Zur Zeit kann meines Erachtens aus der berechtigten Kritik der Bimetallisten am bestehenden Zustand nur die Forderung der Weiterführung einer entschieden nationalen Wirthschaftspolitik folgen. Der Feind ist der Internationalismus jeder Art.. Es ist ein Umstand, welcher die Position der [303]Regierung schwächt, daß sie genöthigt ist, ihre Bundesgenossen auch in den Reihen jener zu suchen, welche durch den prinzipiellen Gegensatz gegen die nationalen Grundlagen der Volkswirthschaft auf ihre Seite geführt sind.22[303]Anspielung darauf, daß Caprivi den Handelsvertrag mit Rumänien nur mit Unterstützung der Sozialdemokratie und der Freisinnigen Volkspartei im Dezember 1893 im Reichstag durchsetzen konnte. In ihren letzten Konsequenzen ist die Weltwirthschaft der Freihandelslehre ohne den Weltstaat und die volle Gleichheit des Kulturniveaus der Menschheit eine Utopie; der Weg dahin ist weit. So lange wir so in den Anfängen einer solchen Entwicklung stehen wie noch jetzt, handeln wir auch im Interesse der Weiterentwicklung, wenn wir die alten Baumstämme, aus welchen vielleicht künftige Geschlechter den Bau der Wirthschafts- und Kulturgemeinschaft der Menschheit zusammen zu zimmern vermögen – die historisch gegebenen nationalen Wirthschaftseinheiten –, nicht allzu voreilig umhauen und für das künftige Gebäude zuzuschneiden versuchen, sondern in ihrem naturgegebenen Wachsthume erhalten und fördern. –

Es ist ein Vortheil für eine Nation, wenn sie billiges Brod ißt, aber dann nicht, wenn dies auf Kosten künftiger Generationen geschieht.