[441]Editorischer Bericht
I. Zur Entstehung
Im Januar 1914 hatte im Verein für Sozialpolitik die im Herbst 1912 beschlossene interne Debatte zur Problematik der Wertfreiheit stattgefunden.
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Zu deren Vorbereitung war eine Broschüre verteilt worden, zu der 15 Vereinsmitglieder ein Thesenpapier beigesteuert hatten.[441] Vgl. den Editorischen Bericht zu Weber, Beitrag zur Werturteildiskussion, oben, S. 329–335.
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Über diese Debatte gibt es keinen offiziellen Bericht, sie wurde als „Werturteilsstreit“ in der Nationalökonomie und den Sozialwissenschaften bekannt. Die Broschüre mit den Thesenpapieren war nicht in die Vereinsschriften aufgenommen oder anderweitig publiziert worden, das Recht zur Veröffentlichung der Einzelbeiträge stand indessen jedem Verfasser zu. Vgl ebd., oben, bes. S. 332.
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Vgl. Protokoll der Sitzung des Ausschusses des Vereins für Sozialpolitik am 4. Januar 1914 im Preußischen Herrenhause in Berlin, BA Koblenz, Nl. Max Sering, Nr. 108, S. 1.
Max Weber, der wesentlich am Zustandekommen der Debatte beteiligt gewesen war und auch eine schriftliche Stellungnahme für die Broschüre vorgelegt hatte,
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machte von diesem Recht Gebrauch und veröffentlichte eine überarbeitete Fassung seines Beitrags einige Jahre später in der Zeitschrift „Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur“ unter dem Titel „Der Sinn der ,Wertfreiheit‘ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“. Vgl. Weber, Beitrag zur Werturteildiskussion, oben, S. 336–382.
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Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die wissenschaftliche Arbeit zunächst unterbrochen, die Konzentration auf neue Arbeitsvorhaben unmöglich. Unten, S. 445–512.
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Im Laufe der Zeit war Weber dann immerhin imstande, bereits vorliegende Texte wieder aufzugreifen und fortzuführen, vor allem seine religionssoziologischen Studien und später auch seinen Beitrag zur Werturteildiskussion. Weber war in der Lazarettverwaltung als freiwilliger Reserveleutnant tätig und engagierte sich für einen Verständigungsfrieden und eine demokratische innere Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg, vgl. als Überblick: Krumeich, Gerd und Μ. Rainer Lepsius, Einleitung in: MWG II/9, S. 1–18.
[442]Wann und wie die Absicht aufkam, den Vorkriegsbeitrag im „Logos“ zu publizieren, ist der überlieferten Korrespondenz nicht zu entnehmen. Ein erster indirekter Hinweis findet sich in der Verlagskorrespondenz vom 13. Mai 1917. Max Weber möchte wissen, ob „das nächste Logos-Heft bald gedruckt“ wird.
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Aus der Antwort Paul Siebecks, daß dies noch im Juni und Juli geschehen könne, und Webers Mitteilung an den Verlag vom 24. Juli 1917 zur Korrektur der Überschrift des Aufsatzes: „,Wertfreiheit‘, nicht Wortfreiheit“,[442] Vgl. die Karte Max Webers an den Verlag J.C.B. Mohr vom 13. Mai 1917, in: MWG II/9, S. 642.
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läßt sich schließen, daß Weber offensichtlich während dieser Monate das überarbeitete Manuskript zum Satz gegeben und bereits die Korrekturen vorgenommen hat. Offenbar waren die Korrekturen im September abgeschlossen, wie aus einer Mitteilung Max Webers an den Nationalökonomen Robert Wilbrandt hervorgeht: „Ich publiziere die Ausführungen aus dem ,V[erein] f[ür] Soz[ial-]Pol[itik]‘ (,Werturteile‘) stark erweitert soeben im ,Logos‘ (schon korrigiert, wann das Heft aber erscheint, kann ich nicht garantieren, da ich nicht weiß, wann Siebeck Papier genug hat).“ Zur Antwort von Paul Siebeck an Max Weber vom 16. Mai 1917 vgl. ebd., S. 642, Hg.-Anm. 2, sowie Karte Max Webers an den Verlag J.C.B. Mohr vom 24. Juli 1917, in: MWG II/9, S. 725.
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Das Logos-Heft erschien schließlich im November 1917. Brief Max Webers an Robert Wilbrandt vom 10. September 1917, in: MWG II/9, S. 776.
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Vgl. die Editorische Vorbemerkung zum Brief Max Webers an Werner Siebeck vom 1. Dezember 1917, in: MWG II/9. S. 829.
Aus dem Briefwechsel dieser Jahre mit dem Verleger lassen sich weitere Pläne Webers zur Veröffentlichung einiger seiner Schriften und Aufsätze ersehen. Neben einer „Gesammtausgabe“
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seiner religionssoziologischen Studien Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 24. Mai 1917, in: MWG II/9, S. 648 f., hier S. 648.
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beabsichtigte er auch, einen Sammelband mit Aufsätzen zur Methodologie der Sozialwissenschaften herauszubringen. In diesen Band sollten neben den im „Archiv“, in „Schmollers Jahrbuch“ und im „Logos“ veröffentlichten Aufsätzen, Die postum erschienenen Bände Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bde. I–III. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1920–1921 (MWG I/18, I/19, I/20 und I/21).
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auch die für den Verein für Sozialpolitik als Manuskript gedruckten Texte, nach denen verlangt werde und die vergriffen seien, enthalten sein. So z. B. Weber, Objektivität (erstmals 1904), Weber, Roscher und Knies I–III (erstmals 1903–1906), Weber, Kategorien (erstmals 1913); vgl. dazu auch die Erläuterung zum Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 24. Mai 1917, in: MWG II/9, S. 649, Hg.-Anm. 7.
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Zu den methodologischen Texten, die er in diesem „Sonder[443]band“ Ebd., S. 649.
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zusammenstellen wollte, zählte Weber auch seinen überarbeiteten Beitrag zur Werturteildiskussion.[443] Ebd., S. 648.
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Vgl. Brief Max Webers an Werner Siebeck vom 1. Dezember 1917, in: MWG II/9, S. 829.
II. Zur Überlieferung und Edition
Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“, in: Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur, hg. von Richard Kroner und Georg Mehlis unter Mitwirkung von Rudolf Eucken, Otto von Gierke, Edmund Husserl, Friedrich Meinecke, Heinrich Rickert, Georg Simmel, Ernst Troeltsch, Max Weber, Heinrich Wölfflin. – Tübingen: Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Band VII, Heft 1, 1917, S. 40–88 erschienen ist (B).
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Bei der Textfassung B von 1917 handelt es sich um die überarbeitete Fassung letzter Hand von Max Webers schriftlichem Beitrag zur Werturteildiskussion des Vereins für Sozialpolitik, abgedruckt in: Äußerungen zur Werturteildiskussion im Ausschuß des Vereins für Sozialpolitik. Als Manuskript gedruckt. – o.O. 1913, S. 83–120 (A), der oben, S. 336–382, ediert ist. Die Abweichungen der Fassung A werden im textkritischen Apparat annotiert. Der postume Abdruck erfolgte in dem von Weber geplanten und von Marianne Weber 1922 herausgegebenen Band der gesammelten methodologischen Schriften: Weber, Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1922. S. 451–502.
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Zur besseren Orientierung läuft die MWG-Paginierung als Randsigle mit. Als Textvariante nicht berücksichtigt wird die fragmentarisch überlieferte Fahnenkorrektur zur Fassung A, die oben, S. 345–347, wiedergegeben ist. Davon ausgenommen ist die unterschiedliche Darstellung von mathematischen Formeln y1, y2 (A 113) bzw. y1, y2 (B 77).
Es wurde entschieden, beide Textfassungen getrennt abzudrucken, aber bei der Fassung letzter Hand (B) die Varianten von A im textkritischen Apparat wiederzugeben, um die Veränderungen im einzelnen zu dokumentieren. Für die Veröffentlichung 1917 hat Max Weber die Textfassung A in weiten Teilen übernommen, allerdings durchgängig überarbeitet. Es fehlt der streng gegliederte, thesenartige Aufbau, entfallen sind die Passagen, die sich direkt auf die interne Debatte des Vereins für Sozialpolitik beziehen (z. B. unten, S. 445, textkritische Anm. b, S. 474, textkritische Anm. o u.ö.). Neu hinzugefügt wurden längere Passagen über Ethik (unten, S. 467–470, textkritische Anm. a), über Kunst(geschichte) und Musik (unten, S. 485–492, textkritische [444]Anm. d), „Verstehen“ (unten, S. 501 f., textkritische Anm. I) sowie der Schluß (unten, S. 506–512, textkritische Anm. g). Verändert hat Weber auch die Terminologie, so z. B. von „handelnden“ zu „empirischen Menschen“ (unten, S. 460 mit textkritischer Anm. l), „logisch“ zu „sinnhaft“ (unten, S. 473 mit textkritischer Anm. a), oder von „,Kulturidealen‘“ zu „,Kulturwerten‘“ (unten, S. 466 mit textkritischer Anm. q und t).
Aus Platzgründen wurde hinsichtlich der Sacherläuterungen entschieden, bei Parallelkommentaren auf die ausführlichen Erläuterungen zur Textfassung von 1913, oben, S. 336–382, zu verweisen.
