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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[519]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Vom 1. bis 5. September 1908 fand in Heidelberg der III. Internationale Kongreß für Philosophie statt. Der Heidelberger Philosoph Wilhelm Windelband war der Präsident dieses Kongresses, mit ungefähr 400 Teilnehmern aus dem In- und Ausland. Ein Jahr später erschien dazu ein umfangreicher Bericht, der vom Generalsekretär des Kongresses, dem Psychologen und Philosophen Theodor Elsenhans, herausgegeben wurde.
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[519] Bericht über den III. Internationalen Kongress für Philosophie zu Heidelberg, 1. bis 5. September 1908, hg. von Theodor Elsenhans. – Heidelberg: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung 1909 (hinfort: Bericht 1909).
Dieser Bericht enthält die Vorgeschichte und das Programm des Kongresses, seine Organisation sowie die Arbeitspläne der allgemeinen Sitzungen und der 7 Sektionen. Der Kongreß, nicht nur eine Veranstaltung der Universität, sondern auch der Stadt Heidelberg, war unter großer Beteiligung der Heidelberger Gelehrtenwelt organisiert worden. Begleitend gab es ein umfangreiches Programm mit Festabenden, Stadt- und Schloßbesichtigungen und Ausflügen. Es war ein Organisationskomitee gegründet worden, dem neben Repräsentanten der Stadt beispielsweise Eberhard Gothein, Georg Jellinek, Emil Lask, Ernst Troeltsch auch Marianne und Max Weber angehörten.
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Vgl. ebd., S. 21.
Beteiligt war auch der junge Philosoph Arnold Ruge, der für die Redaktion eines unmittelbar vor und dann während der Tagung täglich erscheinenden Kongreßblattes verantwortlich war, das aktuelle Informationen zur Organisation, zum Programm und zu den Begleitveranstaltungen lieferte und die Liste der Anmeldungen veröffentlichte.
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Tageblatt des III. Internationalen Kongresses für Philosophie, Heidelberg, 31. August bis 5. September 1908, Redaktion Arnold Ruge (hinfort: Tageblatt), Nr. 1 vom Samstag, 29. August 1908 (die 1. Nummer sollte schon vorab eine allgemeine Orientierung bieten), Nr. 2 vom Montag, 31. August 1908, dann fortlaufend für jeden Wochentag eine Ausgabe bis zu Nr. 7 vom Samstag, 5. September 1908.
Die erste Ausgabe dieses sogenannten „Tageblattes“ verzeichnete 155 angemeldete Vorträge.
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Vgl. Tageblatt (wie oben, Anm. 3), Nr. 1 vom 29. August 1908, S. 1.
Zusätzlich veröffentlichte Ruge noch eine wei[520]tere Übersicht, die 1908 erschien und in der die allgemeinen Reden und Sektionsvorträge in Kurzfassung, einschließlich der namentlichen Nennung der jeweiligen Diskussionsredner, als „Kurzer Gesamt-Bericht“ zusammengestellt worden waren.
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[520]Dritter internationaler Kongress für Philosophie, Heidelberg 1908. Kurzer Gesamt-Bericht über die Tätigkeit in den Sektionen und allgemeinen Sitzungen, im Auftrage des Präsidiums auf Grund von authentischen Auszügen aus den Vorträgen bearbeitet von Dr. philos. Arnold Ruge. – Heidelberg: Druck und Verlag der Universitäts-Buchdruckerei J. Hörning 1908 (hinfort: Gesamt-Bericht 1908). Dieser Kurze Gesamt-Bericht ist als Nr. 8 des Kongreß-Tageblattes erschienen, vgl. oben, S. 519, Anm. 3.
In welchem Umfang Max Weber an dem III. Internationalen Kongreß für Philosophie teilgenommen hat, ist im Einzelnen nicht belegt. Nachweislich hat er an der V. Sektion „Ethik und Soziologie“ teilgenommen, die am Donnerstag, dem 3. September 1908, von 9 bis 11 Uhr, tagte.
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Vgl. Gesamt-Bericht 1908 (wie oben, Anm. 5), S. 18; vgl. ebenfalls Tageblatt (wie oben, S. 519, Anm. 3), Nr. 5 vom 3. September 1908, S. 5.
Dort referierten neben Rudolf Goldscheid auch Franz Staudinger und Ferdinand Tönnies. Letzterer wohnte während des gesamten Kongresses als „Logirgast“ bei Max und Marianne Weber.
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Vgl. die Briefe von Marianne Weber an Helene Weber vom 30. August 1908 und vom 21. September 1908, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446 (Zitat im ersten Brief). Im zweiten Brief schreibt sie: „während des Philosophenkongreßes [sic!] mehr Spiel u. Tanz als Philosophie, die ein schrecklicher Heringssalat war, genossen u. mich besonders gefreut [hat], daß Max so Vieles mitmachen u. noch sehr lieb zu dem nervösen u. etwas verbitterten Tönnies sein konnte“. Vgl. auch Weber, Marianne, Lebensbild, S. 396 f.
Über die beiden Vorträge, die Tönnies in der Sektion hielt,
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Vgl. Bericht 1909 (wie oben, S. 519, Anm. 1), S. 987, 1004–1012. Tönnies hielt noch einen weiteren Vortrag „Zur Biographie des Hobbes“ in Sektion I, vgl. Tageblatt (wie oben, S. 519, Anm. 3), Nr. 4 vom 3. September 1908, S. 6.
schrieb Max Weber bereits wenig später an Edgar Jaffé: „Tönnies hielt hier einen Vortrag über ,eine neue Methode der Moralstatistik‘. Während ich seine Darstellung der Comte’schen Soziologie (der andre Vortrag, den er hielt) zwar anregend, aber nicht grade unbedingt neu fand, war dieser Vortrag thatsächlich sehr erheblich […] und das beste, was ich (außer ,Gemeinschaft u. Gesellschaft‘) von Tönnies kenne“.
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Brief Max Webers an Edgar Jaffé, am oder nach dem 4. September 1908, MWG II/5, S. 654 f., hier S. 654.
Den so gelobten Vortrag von Tönnies hätte Weber gern im „Archiv“ abgedruckt gesehen. Zu beiden Vorträgen von Tönnies gab es dem Kongreßbericht zufolge keine Diskussion.
Belegt ist hingegen ein Diskussionsbeitrag Max Webers zu dem Vortrag von Rudolf Goldscheid über „Entwicklungswert und Menschenökonomie“, der ebenfalls in der V. Sektion gehalten wurde.
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Zur indirekten Wiedergabe des Diskussionsbeitrags vgl. unten, S. 524, der übrigens die einzige im Kongreßbericht mitgeteilte Stellungnahme zum Vortrag Goldscheids war. Zum Vortrag: Goldscheid, Rudolf, Entwicklungswert und Menschenökonomie, in: Bericht 1909 (wie oben, S. 519, Anm. 1), S. 988–991.
Im Mittelpunkt dieses Vortra[521]ges standen zentrale Thesen aus Rudolf Goldscheids in demselben Jahr veröffentlichter und von ihm so genannter „Programmschrift“ „Entwicklungswerttheorie, Entwicklungsökonomie, Menschenökonomie“.
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[521] Goldscheid, Rudolf, Entwicklungswerttheorie, Entwicklungsökonomie, Menschenökonomie. Eine Programmschrift. – Leipzig: Klinkhardt 1908 (hinfort: Goldscheid, Menschenökonomie).
Der aus Wien stammende Goldscheid hatte in den 1890er Jahren in Berlin Nationalökonomie bei Adolph Wagner und Gustav Schmoller, Philosophie, Ethik und Soziologie bei Friedrich Paulsen, Wilhelm Dilthey und Georg Simmel studiert. Als Literat verfaßte er in dieser Zeit unter dem Pseudonym Rudolf Golm sozialkritische Dramen und Romane. Im Jahr 1903 kehrte er nach Wien zurück, wo er fortan als Privatgelehrter lebte und seine Idee einer normativen Sozialwissenschaft verfocht, die den sozialen Fortschritt als eine Höherentwicklung des Menschen faßte, welche nicht nur durch die biologisch optimale Arterhaltung, sondern darüber hinaus durch ein Gleichgewicht von individuellen und gesellschaftlichen Ressourcen zu erreichen sein sollte. Er gründete 1907 die Wiener Gesellschaft für Soziologie und beteiligte sich zwei Jahre später auch an den Gründungsaktivitäten für die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, in der er auch Funktionen übernahm.
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In diesem Zusammenhang mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, dem Ersten und Zweiten Deutschen Soziologentag und der Arbeit im Ausschuß wird er später wegen seines normativen Ansatzes in Soziologie und Nationalökonomie zu Webers „Kontrahent“ in der Werturteilsfrage werden, ebenso in der Produktivitätsdebatte 1909 und der späteren Werturteilsdebatte im Verein für Sozialpolitik, vgl. Weber, Die Produktivität der Volkswirtschaft, oben, S. 213 f., und Weber, Werturteildiskussion, oben, S. 366 mit Anm. 32.
Goldscheid wollte in seiner Schrift die Nationalökonomen und Soziologen darauf aufmerksam machen, daß die gegenwärtige Wirtschaft von einer menschenverachtenden „Kaufkraftökonomie“ bestimmt sei, die der Weiterentwicklung des Menschen keinen Raum lasse. Im Arbeitsprozeß finde eine Vergeudung von menschlichem Einsatz statt, an deren Stelle die „Menschenökonomie“ als neuer Maßstab treten müsse. Überzeugt, daß die moderne, vor allem naturwissenschaftliche Forschung dies leisten könne, fordert er für die Ökonomie eine neue Wertlehre, die in dreierlei Hinsicht zu bestimmen sei: „intersubjektiv“, also nicht einseitig zu subjektiv oder zu objektiv, „soziologisch“, bemessen nach gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit und gesellschaftlich notwendigen Bedürfnissen, und „evolutionistisch“, dem nach Erkenntnislage optimalen Entwicklungsziel. Diese „Entwicklungswerttheorie“ gründet ihm zufolge auf der „Äquivalenz von Arbeitswert und Entwicklungswert“. Der gegenwärtige naturwissenschaftliche Erkenntnisstand beweise, daß die „Macht des Organischen über die Natur“ auch die gesellschaftliche Entwicklung bestimme. Die Wirtschaft achte nur auf Quantität und vernachlässige dabei die biologische Erkenntnis, daß auf höheren Entwicklungsstu[522]fen immer weniger Nachkommen für den Erhalt der Art sorgen. So sei zwar gegenwärtig von einer Höherentwicklung des Menschen auszugehen, da die Fruchtbarkeit nachlasse, aber dieses „Höherentwicklungssymptom“ zwinge eben zugleich zur Menschenökonomie.
In seinem Vortrag auf dem Heidelberger Philosophenkongreß folgte Goldscheid inhaltlich ganz seiner Programmschrift, auf die er am Schluß seiner Rede selbst hinwies.
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[522] Vgl. Bericht 1909 (wie oben, S. 519, Anm. 1), S. 991, Goldscheid hielt noch zwei weitere Reden: „Das Problem der Richtung“ und „Die willenskritische Methode“, vgl. ebd., S. 479 ff. und 758 ff.
So wiederholte er auch die Forderung, die Wissenschaft müsse von der „allerstrengsten Menschenökonomie“ ausgehen, der Mensch stehe nicht mehr im Überfluß zur Verfügung, die Aufgabe sei, sich damit zu beschäftigen, wie die Qualität des zu produzierenden Nachwuchses vervollkommnet werden könne.
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Vgl. ebd., S. 990 f.
Es ist anzunehmen, daß Weber Goldscheids Buch kannte, das zum Jahresanfang 1908 erschienen war und, entsprechend der Ambition des Verfassers, einen Beitrag zu Nationalökonomie und Soziologie leisten wollte. Das Buch lag der Redaktion des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik vor und wurde von Emil Lederer besprochen.
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Gemeint ist: Goldscheid, Menschenökonomie (wie oben, S. 521, Anm. 11). Die Besprechung erschien in: Lederer, Emil, Neuere Literatur aus dem Gebiete der nationalökonomischen Theorie rezensiert II., in: AfSSp, Band 32, Heft 1, 1911, S. 136–171, hier S. 131–148. Diese Rezension lag jedoch bereits Mitte September 1909 druckfertig vor, wie aus der ersten Fußnote (ebd., S. 136) hervorgeht; so kann angenommen werden, daß das Buch Goldscheids ohne längere Verzögerung nach seinem Erscheinen beim „Archiv“ zur Besprechung eingegangen war und die Herausgeber davon Notiz nehmen konnten.
Max Webers Meinung über den Kongreß für Philosophie geht aus einer Grußkarte an Robert Michels hervor. Er schrieb von dieser „Menschenansammlung“ als einer „Internationalen Verschwörung gegen die Philosophie“.
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Vgl. Karte Max Webers an Robert Michels vom 5. September 1908, MWG II/5, S. 656.
Diese Karte enthält außerdem kurze handschriftliche Grüße von Karl Vorländer und Marianne Weber sowie die Unterschriften von Franz Staudinger und Ferdinand Tönnies.
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Vgl. ebd.
Diese Unterzeichner haben an der Sektion „Ethik und Soziologie“ teilgenommen, die Teilnahme Marianne Webers läßt sich nicht belegen.
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Vgl. Gesamt-Bericht 1908 (wie oben, S. 520, Anm. 5), S. 16–19.

[523]II. Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Dem Abdruck des nur indirekt überlieferten Diskussionsbeitrags im Anschluß an den Vortrag von Rudolf Goldscheid „Entwicklungswert und Menschenökonomie“ liegt zugrunde: Bericht über den III. Internationalen Kongress für Philosophie zu Heidelberg. 1. bis 5. September 1908, hg. von Theodor Elsenhans. – Heidelberg: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung 1909, S. 991 (A). Der Beitrag ist unter der Überschrift „Diskussion“ abgedruckt und wird eingeleitet mit: „Max Weber:“. Auf Webers Beitrag folgt der Hinweis: „Goldscheid (Schlußwort)“. Ob Max Weber den Beitrag autorisiert hat, ist nicht bekannt.
Weitere inhaltliche Mitteilungen über Max Webers Diskussionsbeitrag sind nicht überliefert.
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[523] In dem während des Kongresses erscheinenden „Tageblatt“ (wie oben, S. 519, Anm. 3) findet sich kein Hinweis auf Max Webers Diskussionsbeitrag. Dort wird aber das Verfahren zur Dokumentation des Kongresses beschrieben. Im „Tageblatt“ wurden die Sektionsvorsitzenden, ihre Stellvertreter und Protokollanten in jeder der sechs Sektionen aufgefordert, möglichst schnell nach den jeweiligen Sitzungen das Protokoll für die Veröffentlichung im geplanten, ausführlichen Kongreßband vorzulegen. Diskutanten wurden gebeten, nach ihrer Wortmeldung ihre Visitenkarte oder ihren Namen beim Protokollführer zu hinterlassen, die anschließend überreichte Protokollkarte auszufüllen und zurückzugeben. Auch über diesen Modus informierte das Tageblatt. Ob Max Weber sich eine Protokollkarte geben ließ und seinen Diskussionsbeitrag selbst, wenn auch nur in indirekter Rede, zusammenfaßte oder ob dies von den Protokollanten gemacht wurde, ist nicht bekannt.
Lediglich der von Ruge zeitnah veröffentlichte „Gesamtbericht“ enthält einen Hinweis, daß sich Weber zu Goldscheids Vortrag geäußert hat.
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Auf das ein paar Sätze umfassende Kurzreferat des Vortrages von Goldscheid folgt die Notiz: „Zur Diskussion sprach Prof. Max Weber-Heidelberg.“, ohne weitere Angaben. Vgl. Gesamt-Bericht 1908 (wie oben, S. 520, Anm. 5), S. 18.