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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[280]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Mit dem Artikel „Zur Stellung der Frau im modernen Erwerbsleben“ griff Max Weber in einen schwelenden Konflikt innerhalb der badischen Fabrikinspektion ein.
Er war mit den Verhältnissen in der badischen Fabrikinspektion, die unter der Leitung des engagierten Sozialpolitikers Friedrich Woerishoffer als Vorbild der Gewerbeinspektion galt,
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[280] Bocks, Wolfgang, Die badische Fabrikinspektion. Arbeiterschutz, Arbeiterverhältnisse und Arbeiterbewegung in Baden 1879 bis 1914. – Freiburg/München: Verlag Karl Alber 1978.
seit Jahren wohlvertraut.
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Ebd., S. 82 ff.
Nicht zuletzt aufgrund seiner Kontakte zu Woerishoffer war Else von Richthofen, seine frühere Schülerin, im Jahre 1900 zum „wissenschaftlich gebildeten Hülfsbeamten […] zunächst in provisorischer Weise“ ernannt worden.
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Jahresbericht der Großherzoglich Badischen Fabrikinspektion für das Jahr 1900. – Berlin: Reichsdruckerei 1901, S. 7.
Nach ihrem Ausscheiden wurde die Stelle im Jahre 1902 mit der Chemikerin Marie Baum besetzt. Am 22. Juli 1904 wurde dieser „mit Wirkung vom 1. Juli d[es] J[ahres] die etatmäßige Stelle eines wissenschaftlich gebildeten Hilfsarbeiters der Fabrikinspektion unter Verleihung des Titels ,Fabrikinspektor‘“ übertragen.
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GLA Karlsruhe, Staats-Ministerium. Generalia. Gewerbe, 233/31 124. Vgl. hierzu auch Jahresbericht der Großherzoglich Badischen Fabrikinspektion für das Jahr 1904. – Karlsruhe: Ferdinand Thiergarten 1905, S. [7].
Damit war sie förmlich den anderen Fabrikinspektoren gleichgestellt.
Zwischen Marie Baum und Karl Bittmann, der 1902 die Nachfolge von Friedrich Woerishoffer als Vorstand angetreten hatte, entwickelte sich von Beginn an ein gespanntes Verhältnis. So sprach Marie Baum in ihren Lebenserinnerungen von „ständigen Reibungen“ und „ständigem Kampfe um die Aufrechterhaltung der Selbständigkeit in sachlicher Arbeit.“
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Baum, Marie, Rückblick auf mein Leben. – Heidelberg: F. H. Kerle Verlag 1950, S. 105.
Konflikte ergaben sich insbesondere daraus, daß die dienstlichen Schriftstücke Marie Baums dem „Korreferat“ ihrer männlichen Kollegen unterlagen und daß ihr im Mai 1905 das ihr zustehende Stellvertretungsrecht bei Abwesenheit [281]des Vorstands entzogen wurde. Wie aus den nachfolgend abgedruckten Artikeln Max Webers hervorgeht, versuchte Marie Baum in zahlreichen Eingaben an das Ministerium des Innern sowie in persönlichen Gesprächen mit Karl Bittmann, diese Mißstände abzustellen. Bittmann wies ihre Beschwerden in offensichtlich kränkender Form zurück,
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[281] Dies wird in der Darstellung Max Webers in seinem Artikel „Die badische Fabrikinspektion“ deutlich, unten abgedruckt, S. 293–299.
so daß Marie Baum schließlich am 2. Juli 1906 ein Entlassungsgesuch einreichte.
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Dies geht unter anderem aus dem Bericht des Ministeriums des Innern an das Großherzogliche Staatsministerium vom 23. Januar 1907 hervor. GLA Karlsruhe, Staats-Ministerium, 233/31 124.
Max Weber, mit Marie Baum seit langem bekannt, war über die Vorgänge gut informiert. Am 6. Juli 1906, also wenige Tage nach ihrem Entlassungsgesuch, schrieb er: „Ich bedaure diesen denn doch ganz unerhörten Ausgang unendlich […]. Kein Mensch kann Ihnen anempfehlen, auch nur den kleinsten Schritt (in der Sache) zurückzuthun.“ Zugleich kündigte er an, daß die Angelegenheit wegen ihrer prinzipiellen Bedeutung „öffentlich (ev. von mir) besprochen werden“ würde. Vor „Schweigeversprechen“ warnte er Marie Baum: „[…] gegen mich hilft das doch nicht.“
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Brief Max Webers an Marie Baum vom 6. Juli 1906, MWG II/5, S. 106.
Eine Chance, die Vorgänge öffentlich zu behandeln, ergab sich für Max Weber mit dem Erscheinen von Marie Baums Buch „Drei Klassen von Lohnarbeiterinnen in Industrie und Handel der Stadt Karlsruhe“, das im Rahmen der Fabrikinspektion entstanden war
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Das Buch trug den Untertitel „Bericht erstattet an das Großherzogliche Ministerium des Innern“ und erschien 1906 bei der G. Braunschen Hofbuchdruckerei in Karlsruhe.
und das er sofort „mit Freude und Dank“ las.
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Brief Max Webers an Marie Baum vom 6. Juli 1906, MWG II/5, S. 106.
Seine Besprechung erschien unter dem Titel „Zur Stellung der Frau im modernen Erwerbsleben“ am 13. August 1906 in der Frankfurter Zeitung.
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Frankfurter Zeitung, Nr. 222 vom 13. Aug. 1906, Mo.Bl., S. 1.
In der Schlußpassage ging Max Weber – aus taktischen Gründen allerdings nur sehr verhüllt – auf die Vorgänge in der badischen Fabrikinspektion ein. Um Marie Baum nicht zu kompromittieren, wurde die Besprechung zum einen anonym publiziert, zum anderen in den heiklen Punkten so allgemein gehalten, daß Rückschlüsse auf den Autor und seine Informationsquelle kaum möglich waren. Auch in einem Brief an Marie Baum gab sich Weber nicht deutlich als Verfasser zu erkennen: „Wer den Artikel […] geschrieben hat, kann doch außer dem Schreiber desselben schwerlich Jemand vermuthen oder merken“, fügte jedoch hinzu: „Daß er in die Situation ,eingeweiht‘ war, ist für die ,Eingeweihten‘ ja allerdings kaum verkennbar.“
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Brief Max Webers an Marie Baum vom 21. Aug. 1906, MWG II/5, S. 145.
Zudem sollte Marie Baum für die Aktion ihres Verteidigers sich nicht verantworten müssen. So schrieb er in einem späteren Brief: „Ich wollte, daß, [282]wenn etwa bei den ,Rücksprachen‘ Jemand, wer es auch sei, Sie fragen sollte (direkt oder indirekt, in Anspielungen), ob Sie wüßten, wer das Karnickel sei, Sie in voller Aufrichtigkeit sagen könnten: ,ja, ich vermuthe zwar sehr bestimmt, wer es ist, aber ich weiß es nicht absolut sicher […]‘“.
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[282] Brief Max Webers an Marie Baum vom 23. Aug. 1906, ebd., S. 147.
Zu dieser Zeit hatte sich die Situation jedoch bereits geändert. Der badische Innenminister Karl Schenkel hatte nach einem Gespräch mit Marie Baum eine neue Dienstanweisung erlassen, die ihren Vorstellungen zumindest teilweise entgegenkam und ihr die Motive für ein Ausscheiden vorerst nahm.
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Zum weiteren Fortgang siehe den Editorischen Bericht zu „Die badische Fabrikinspektion“, unten, S. 288–292.

Zur Überlieferung und Edition

Zur Überlieferung und Edition
Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Zur Stellung der Frau im modernen Erwerbsleben“ ohne Verfasserangabe in der Frankfurter Zeitung, Nr. 222 vom 13. August 1906, Mo.Bl., S. 1, erschien (A). Die Autorschaft Max Webers ergibt sich aus seinem Briefwechsel mit Marie Baum sowie aus der Fußnote Webers im Text „Die badische Fabrikinspektion“.
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Siehe unten, S. 294.