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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[192][[A 550]]Bemerkungen im Anschluß an den vorstehenden Aufsatz

Wir bringen die vorstehende Studie
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[192] Gemeint ist: Blank, Zusammensetzung. Vgl. dazu auch den Editorischen Bericht, oben, S. 189–191.
gern zum Abdruck, obwohl wir die eigene Ansicht des Herrn Verfassers teilen, daß seine Ergebnisse im einzelnen vorderhand (notgedrungen) noch auf einem nicht überall sicheren Boden stehen,
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Das Problem des von Blank gewählten Verfahrens, mit Hilfe einer „Kombination der Wahlstatistik mit der sozialen Statistik“ die sozialdemokratische Wählerschaft bei den Reichstagswahlen von 1903 zu untersuchen, liegt, wie Blank durchaus selbst erkennt, unter anderem darin, daß die benutzte „soziale Statistik“ auf der Berufszählung vom 14. Juni 1895 beruht, daß also zwischen beiden Erhebungen „ein Abstand von vollen 8 Jahren“ liegt, „während dessen die sozialen Verhältnisse sich, natürlich, verschoben“ haben. Blank, Zusammensetzung, S. 509.
welcher u. a. auch durch Kritik der Kategorien der Berufszählung
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Die von Blank herangezogenen Ergebnisse der „Berufs- und Gewerbezählung vom 14. Juni 1895“ sind veröffentlicht in der Statistik des Deutschen Reichs, hg. vom Kaiserlichen Statistischen Amt, Neue Folge, Bände 102–112. – Berlin: Puttkammer & Mühlbrecht 1897–1899. Die Klassifikation der Berufsarten erfolgte dabei nach dem Schema: „A. Landwirthschaft, Gärtnerei und Thierzucht, Forstwirthschaft, Jagd und Fischerei; B. Bergbau und Hüttenwesen, Industrie und Bauwesen; C. Handel und Verkehr; D. Häusliche Dienste […] auch Lohnarbeit wechselnder Art; E. Militär-, Hof-, bürgerlicher oder kirchlicher Dienst, auch sogenannte freie Berufe; F. Ohne Beruf und ohne Berufsangabe.“ Dabei wurden die Erwerbstätigen jeder Berufsart nach ihrer sozialen Stellung noch einmal untergliedert.
erst noch gesäubert werden müßte, um zu endgültigen Zahlen zu kommen. Wirklich beweiskräftig würden diese ja überhaupt erst dann werden, wenn an möglichst vielen einzelnen „typischen“ Wahlkreisen oder Wahlkreisgruppen von bestimmtem sozialen Gepräge eine möglichst weit zurückgehende Analyse ihrer Berufs- und parallel damit ihrer Abstimmungsentwicklung vorgenommen würde. Immerhin schien uns, ebenso wie dem Herrn Verfasser, schon das provisorische Zahlenmaterial, welches er bietet, als erste Inangriffnahme eines wichtigen und sehr komplexen Problems von Wert zu sein. Dies Problem selbst freilich kann nicht auf dem Boden rein statistischer Untersuchung gelöst werden. Denn das eigentlich Wesentliche ist ja nicht der bloße ziffernmäßige Nachweis, daß auch nicht „proletarische“ Bevölkerungsschichten sozialistisch wählen, und die daran anzuschließende [193]Untersuchung, welches diese Schichten und welches ihre Motive sind, sondern die Beantwortung der Frage: welche Beeinflussung der innere Charakter der Partei und ihre aus diesem hervorgehende politische Haltung durch nicht „proletarische“ Elemente, also z. B. durch Handwerker und andere „Kleinbürger“ jeder Art, deklassierte bürgerliche Elemente und klassenlose Ideologen, erfährt. Die sozialdemokratische Partei ist ein Element unseres innerpolitischen Lebens, mit welchem aller menschlichen Voraussicht nach auf lange hinaus zu rechnen sein wird. Sie gehört ferner zu den mächtigsten charakterbildenden Elementen breitester Volksmassen. Die wichtige Frage nach der kulturgeschichtlichen Eigenart dieses Gebildes ist aber in systematischer Weise bisher nur in der Presse der verschiedenen Parteien,
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[193] Welche Untersuchungen Max Weber hier meint, ließ sich nicht feststellen.
nicht wissenschaftlich, unternommen worden. Einige Bemerkungen über die Aufgaben und Wege einer solchen rein objektiven, von Werturteilen freien, Betrachtung seien daher hier beigefügt.
Notwendig wäre zunächst und vor allem eine umfassende Untersuchung des Verhältnisses zwischen dem organisierten Kern der politischen sozialistischen Bewegung und den Wählermassen, welche ihr zu parlamentarischer Vertretung verhelfen: zwischen aktiver (organisierter) und passiver (Wähler-)Partei, wie man sagen könnte. Der Verf. hat diese Beziehungen an einem der Punkte gestreift, wo sie [A 551]praktische Bedeutung gewinnen können: dem Verhältnis der parlamentarischen Sozialdemokratie zur Parteitags-Sozialdemokratie.
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Blank, Zusammensetzung, S. 544 ff., stellt fest, daß der Schwerpunkt der sozialdemokratischen Partei „nicht so sehr in den Ideen, als in den politischen und sozialen Interessen“ liege und daß das Verhalten der Abgeordneten den sozialdemokratischen Charakter der Partei besser charakterisiere als die theoretische Auseinandersetzung der Parteitage.
Und gewiß ist die Frage der systematischen Untersuchung bedürftig, wie und warum sich die Färbung der ersteren von derjenigen der letzteren unterscheidet. Dafür kommen in der Tat Rücksichten auf die nicht der sozialdemokratischen Parteiorganisation angehörige Wählerschaft, die bei der Aufstellung der Kandidaten sowohl wie bei der parlamentarischen Haltung derselben in gewissem Maße mitspielen, in Betracht, daneben aber auch solche Dinge, wie die „realpolitische“ Einwirkung der taktisch-parlamentarischen Konstellationen auf die Parlamentspartei und eine Fülle damit zusammenhängender und anderer Momente. Allein es ist die [194]Frage, wie solche Rücksichten die Partei beeinflussen, nicht ohne weiteres mit der nach dem Klassencharakter der Partei identisch. Denn noch wichtiger als die Rücksichtnahme auf nicht „proletarische“ Wähler außerhalb der organisierten Partei könnte vielleicht der Einfluß nicht „proletarischer“ Elemente innerhalb derselben sein. Um ihm auf die Spur zu kommen, wäre zunächst zu untersuchen: welche Bestandteile der Wählerschaft es denn sind, die sich (jetzt und früher) „organisieren lassen“[,] und weiterhin: welches der Charakter und die Herkunft derjenigen Elemente ist, die innerhalb der lokalen Organisationen, in der Parteipresse und sonst für die politische Haltung jeweils den Ausschlag gegeben haben und geben. Eine der wichtigsten Kategorien, welche dabei als Untersuchungsobjekt in Betracht kämen, wären nun naturgemäß die Berufspolitiker, ohne welche diese Partei so wenig wie irgend eine andere leben kann. Die einfachste ökonomische Erwägung und jeder Blick in das Parteileben lehrt, daß es von diesen wiederum zwei voneinander sehr verschiedene Typen gibt: ökonomisch unabhängige Existenzen, welche für ihre Partei leben können, und andere, deren ökonomische Lage sie nötigt, von der Parteipolitik zu leben, sei es direkt aus der Tasche der Partei als deren Angestellte, sei es indirekt – z. B. als Redakteure, Zeitungsunternehmer usw. – von deren Existenz. Die Provenienz, der allgemeine Charakter und der faktische Einfluß jeder dieser beiden Kategorien, die – sozusagen – „Avancements“-Verhältnisse und Chancen, die für die zweite derselben bestehen, die damit zusammenhängende Entwicklung und Bedeutung des in keiner zu voller organisatorischer Entfaltung gelangten Partei ganz fehlenden Partei-Pfründnertums müßten hier analysiert werden. Denn namentlich dieses letztere ist in seiner Einwirkung auf die „Taktik“ demokratischer Parteien von ganz außerordentlicher Bedeutung. Die Verhältnisse in den amerikanischen Parteien, – so stark dabei infolge der ganz andersartigen politischen Grundlagen des dortigen Parteiwesens die Abweichungen sind – könnten und sollten gerade in dieser Hinsicht als ein „idealtypischer“ Grenzfall zur Vergleichung herangezogen werden. (James Bryce
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[194] Bryce, American Commonwealth. Dieses 1888 veröffentlichte Werk erlebte in der Folgezeit zahlreiche Neuauflagen. Nachweislich hat Max Weber die zweite, 1890 erschienene Auflage benutzt. In dem entsprechenden Exemplar in der Universitätsbibliothek Heidelberg finden sich Unterstreichungen und Marginalien von Webers Hand.
und die umfangreiche englisch-amerikanische Lite[195]ratur
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[195] Vermutlich bezieht sich Max Weber hier vor allem auf Low, Sidney, The Governance of England. – London: T. F. Unwin 1904, sowie auf Ostrogorski, Moisei, Democracy and the Organization of Political Parties, 2 vols. – London: Macmillan 1902. Diese beiden Arbeiten hebt Max Weber in seinen Briefen und Schriften wiederholt lobend hervor.
über Parteiwesen können hier immerhin weitgehend die etwa fehlende persönliche Anschauung ersetzen.) – In all diese Verhältnisse spielen nun ferner – um aus der Fülle der in Betracht kommenden Momente noch eins herauszugreifen – jene eigentümlichen Gegensätze hinein, welche die bei uns klassenbildende Bedeutung gewisser Bildungspatente, z. B. der akademischen Grade, erzeugt. Und inwieweit der Gegensatz gegen die sog. „Akademiker“ von den Parteiroutiniers,
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Auf den sozialdemokratischen Parteitagen kam es wiederholt zu lebhaften Debatten über den Einfluß der Akademiker in der Partei. So äußerte sich beispielsweise der Delegierte Adolph Hoffmann 1897 in Hamburg erbittert darüber, daß die „einfachen Genossen“ den Hauptteil der Arbeit machten, bei der Kandidatenaufstellung dann aber die „Herren Doktoren und Akademiker“ bevorzugt würden. Vgl. dazu Auernheimer, Gustav, „Genosse Herr Doktor“. Zur Rolle von Akademikern in der deutschen Sozialdemokratie 1890 bis 1933. – Gießen: Focus-Verlag 1985, S. 81 ff.
den Zöglingen der [A 552]Rednerbildungsschulen
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In den zahlreichen Arbeiterbildlungsvereinen und -schulen fanden unter anderem Kurse für Stil- und Redekunst zum Zwecke der sozialistischen Agitation statt.
u. dgl. getragen wird (wie dies teilweise sicher der Fall ist) oder inwieweit dabei andere Elemente mitbeteiligt sind, – diese Frage berührt sich ja weiter mit den sachlich so wichtigen Problemen der Stellung zu den „idealen Kulturgütern“ überhaupt. Diese muß ja z. B. bei gewerkschaftlich erzogenen Arbeitern einerseits, und bei radikalen Kleinbürgern andererseits, eine grundverschiedene sein und bleiben. – Und diese Dinge hängen dann alle in ihrer Entwicklung mit der Tendenz zusammen, die in jeder dauernden Parteibildung zur Geltung gelangt: für ihre Anhänger schlechthin „Selbstzweck“ zu werden. Jene Tendenz fand z. B. in dem Schicksal des sog. „Revisionismus“
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Bezeichnung für eine nach 1890 entstandene Richtung innerhalb der Sozialdemokratie, die eine Korrektur der von Karl Kautsky repräsentierten offiziellen Parteidoktrin verlangte. Wortführer der „Revisionisten“, die von der Idee der „proletarischen Revolution“ abrückten und prinzipiell zu einer Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien bei politischen und sozialen Reformen bereit waren, war Eduard Bernstein. Der „Revisionismusstreit“ beherrschte seit der Jahrhundertwende die programmatische Auseinandersetzung in der Sozialdemokratie.
ihren charakteristischen Ausdruck. Die Gefahr für den Bestand der Partei, welche aus einer formalen Aufgabe des alten Glaubensbekenntnisses, welches schließlich jeder interpretiert wie es ihm paßt, und dem problematischen Versuch, eine Partei [196]mit mehreren Millionen Wählern auf ein neues zu verpflichten, aufstieg
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[196][A 552] Genau wie bei kirchlichen Glaubensbekenntnissen. Zur Zeit des Apostolikumsstreites sagte mir ein philosophischer Kollege: „Vom Apostolikum im wörtlichen Sinn interpretiert selbst der Orthodoxeste hinweg, was ihm nicht paßt. Wenn aber die liberalen Theologen ein Credo formulieren würden, welches nun wörtlich geglaubt werden sollte, – wer könnte noch in der Kirche bleiben?“
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Wen Max Weber hier mit dem „philosophischen Kollegen“ meint, ließ sich nicht ermitteln. Beim „Apostolikumsstreit“ handelt es sich um eine innerevangelische Auseinandersetzung um die lehrmäßige Richtigkeit und liturgische Verbindlichkeit des apostolischen Glaubensbekenntnisses, die zu Beginn der 1890er Jahre zu einer schweren Krise des Protestantismus führte. Der Streit spitzte sich auf die Frage zu, ob die überlieferte Form des Apostolikums zu bewahren sei oder durch eine zeitgemäßere Bekenntnisformel ersetzt werden solle.
[,] mußte vor allem schon das gesamte „Parteipfründnertum“ (im weitesten Sinne des Wortes) in die äußerste Unruhe versetzen. Und ähnlich erzwingen sich auch in allen erheblichen Fragen der „Taktik“ jene konservativen Interessen Geltung, welche schlechthin unter keinen Umständen ein Risiko für den derzeitigen Parteibestand laufen wollen. Diese Tendenz scheint aber auch deshalb in der Sozialdemokratie zuzunehmen, weil immer mehr auch die Gewerkschaften an einer solchen parteikonservierenden Taktik interessiert werden. Der „Selbstzweck“-Gedanke gewinnt dadurch in der Sozialdemokratie allmählich fast die gleiche Macht wie in den amerikanischen Parteien, obwohl er dort nicht nur ganz andere Gründe, sondern auch sehr verschiedene Konsequenzen hat. Während die fast absolute Grundsatzlosigkeit der beiden großen amerikanischen Parteien
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[196] Sowohl die „Demokratische“ als auch die „Republikanische Partei“ sind in späteren Jahren für Max Weber Musterbeispiele „gesinnungsloser Parteien", die als „reine Stellenjägerorganisationen“ in den Wahlkämpfen „ihre wechselnden Programme je nach der Chance des Stimmenfanges“ machen, Weber, Politik als Beruf (1919), MWG I/17, S. 212–218.
für die organisierten Arbeiter die Möglichkeit geboten hat, durch Eintreten für diejenige Seite, welche sich jeweils auf ihre Forderungen verpflichtete, einen Punkt ihres Programms nach dem anderen durchzusetzen, gerade weil sie parteipolitisch neutral blieben, können die deutschen Gewerkschaften in dem täglichen Kleinkrieg mit den Chikanen der Polizei, welcher ja der eigentliche Nährboden des „Klassenbewußtseins“ ist, der dauernden Anlehnung an eine große Partei unmöglich entbehren, so schlecht dabei – weil ja alle anderen Parteien dadurch ein für allemal an der [197]Befriedigung von Arbeiterforderungen desinteressiert werden und sie stets in der „grundsätzlich opponierenden“ Minderheit bleiben, deren parlamentarische Vertretung jedes positiven Einflusses entbehrt, – ihre materiellen Klasseninteressen fahren. Die Frage ist nun aber weiter, inwieweit die Gewerkschaften, wenn sie, wie dies neuerdings mehrfach angenommen wird, ihre offizielle „Neutralität“
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[197] Die Frage der politischen Neutralität der Gewerkschaften wurde auf verschiedenen Gewerkschaftskongressen eingehend behandelt. Carl Legien, einer der bedeutendsten Gewerkschaftsführer, gehörte zu den entschiedenen Befürwortern dieses Prinzips. Er lehnte eine parteipolitische Ausrichtung der Gewerkschaften unter anderem deshalb ab, „weil im wirtschaftlichen Kampfe alle Arbeiter ohne Rücksicht auf ihr religiöses oder politisches Glaubensbekenntnis vereinigt werden müssen.“ Legien, Carl, Neutralisierung der Gewerkschaften, in: Socialistische Monatshefte. Internationale Revue des Socialismus, 4. Jg., 1900, S. 374.
zunehmend aufgeben werden, bei dieser Anlehnung an die Partei auch zur Macht innerhalb der (organisierten) Partei selbst gelangt sind oder gelangen werden, inwieweit also die organisierte Sozialdemokratie – die aktive Partei – wie man mehrfach prophezeit, „Gewerkschaftspartei“ wird
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Nach dem Kölner Gewerkschaftskongreß Ende Mai 1905, der sich unter anderem einmal mehr mit dem Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften beschäftigte, wurde in der liberalen Presse vermutet, „daß die Partei unter der Last der wesensverschiedenen Gewerkschaftsbewegung sich ändert, bis ihr vielleicht einmal die Gewerkschaften vollkommen den Stempel aufdrücken.“ Die Hilfe, Nr. 21 vom 28. Mai 1905, S. 5.
und werden kann und welche praktische Bedeutung dies – zunächst für die innere Struktur der Partei – haben könnte oder etwa schon gehabt hat. [A 553]Womit ja noch nichts darüber entschieden wäre, inwieweit dieser etwaige gewerkschaftliche Charakter nun auch in ihrer politischen Haltung zum Ausdruck gelangen könnte, da ja für diese die stete Anpassung an die Stimmung der Wähler außerhalb der Organisation – die „passive“ Partei – mitbestimmend sein muß. Und für diese könnte trotz aller Macht der Gewerkschaften natürlich die Rücksicht auf die nicht organisierten (und die nichtorganisierbaren) Schichten des Proletariats und auf radikale Kleinbürgermassen, die jeder „Realpolitik“ als solcher abhold sind, sehr wohl dauernd ausschlaggebend bleiben. Damit berührt sich natürlich ferner die Frage nach den Konsequenzen der zunehmenden inneren Differenzierung des Proletariates, die ja unausbleibliche Folge steigender Macht der Gewerkschaften sein würde. Alle diese und die zahlreichen sonstigen einander kreuzenden Entwicklungstendenzen verhalten sich in ihrer Stärke zueinan[198]der selbstverständlich je nach den einzelnen Landesteilen gänzlich verschieden, und es müßte daher wohl unbedingt auch hier von lokalen Untersuchungen „typischer“ Orte verschiedenen Größengrades und verschiedener ökonomischer Struktur ausgegangen werden.
Erst wenn über solche reale Kräfte, die im internen Alltagsleben der Partei wirksam werden, Klarheit geschaffen ist, könnte zu einer Analyse der Entwicklung des Gesamtcharakters der Partei und ihrer politischen Eigenart aufgestiegen werden. Und auch hier wird man, an Stelle der äußerlich sich so stark in den Vordergrund drängenden großen Staatsaktionen (Programmfragen usw.) vielmehr die weit unscheinbareren, aber viel bezeichnenderen und wichtigeren Probleme der „Taktik“ in ihrer Genesis zu verfolgen haben. Der Bernsteinsche Gedanke der „Straßendemonstrationen“
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[198] Im Anschluß an den gescheiterten Massenstreik der belgischen Arbeiter im Jahre 1902 empfahl Eduard Bernstein, auch in Deutschland „verstärkte Demonstrationsmittel“ im Kampf für die Reform des Wahlrechts in Betracht zu ziehen, da vor allem „politische Massenactionen“ der „Einheit des Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel“ den „stärksten, nachhaltigst wirkenden Ausdruck“ gäben und die Gefahr einer gewaltsamen, blutigen Niederschlagung nicht allzu hoch veranschlagt werden müsse. Bernstein, Eduard, Der Kampf in Belgien und der politische Massenstrike, in: Socialistische Monatshefte, 6. Jg., 1902, S. 413–420, hier S. 416 f. Diesen Gedanken vertrat Bernstein auch in der Broschüre: Der politische Massenstreik und die politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland. – Breslau: Verlag der Volkswacht (O. Schütz) 1905. Hier plädierte er dafür, die Wirkung des Massenstreiks durch das „Erscheinen der Massen in den Straßen“ zu verstärken, ebd., S. 40.
und sein Schicksal ist weit lehrreicher für die Frage, wohin dann der Entwicklungsgang der Sozialdemokratie und das Erziehungswerk, welches sie an den Massen vollzieht, führt, was sie also aus dieser Masse gemacht hat und machen wird und welche politischen Machtmittel ihr dann eigentlich für den „Ernstfall“ zur Verfügung stehen, – als alle die so viel Lärm machenden Erörterungen über die „Verelendungstheorie“
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Die „Verelendungstheorie“ als ein Kernbestandteil der marxistischen Lehre sagt voraus, daß die „Verelendung des Proletariats“ eine notwendige Begleiterscheinung der kapitalistischen Produktionsweise sei, an deren Ende eine Senkung des Lohnniveaus auf das soziale Minimum stehe. Angesichts der Tatsache allerdings, daß sich die wirtschaftliche Lage der Arbeiter sowohl absolut als auch relativ zunehmend verbesserte, bezweifelte insbesondere die revisionistische Gruppe um Eduard Bernstein (vgl. oben, S. 195, Anm. 10) die Richtigkeit dieser Theorie.
u. dgl. –
[199]Doch genug der Andeutungen. Es ist leider nicht sehr wahrscheinlich, daß so bald
a
[199]A: sobald
eine, wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdende, Behandlung dieser Dinge zu erwarten steht. Die Parteiarchive stellt natürlich jede Partei, und so auch diese, nur ihren Hofhistoriographen zur Verfügung. Eine unbefangene Darstellung könnte aber auch auf Grund des sonst zur Verfügung stehenden Materials (Protokolle, Presse usw.) weder ein Parteimitglied noch ein ausgesprochener Gegner der Partei schreiben. Die erforderlichen Personenkenntnisse und Informationen über die so höchst verschiedenen lokalen Verhältnisse und ihre Vorgeschichte sind geradezu enorm. Wenn wir also auch hoffen, künftig gelegentlich Beiträge zu einer auf unbefangener Beobachtung der Tatsachen ruhenden „Sozialpsychologie“ der Sozialdemokratie bringen zu können, so geben wir uns doch nicht der Illusion hin, daß so bald
b
A: sobald
etwas Abschließendes erreicht werden wird. Denn neben allen den eben berührten Schwierigkeiten bildet vor allem das fast unvermeidliche Hineinspielen von Werturteilen, politischen Wünschen (z. B. bezüglich der sog. „Mauserung“ der Partei), Hoffnungen und Illusionen eine beinahe unüberwindliche Schwierigkeit.