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Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[283][A 1]Zur Stellung der Frau im modernen Erwerbsleben

Zu den wertvollen sozialwissenschaftlichen Monographien, mit denen uns die badische Fabrikinspektion von Zeit zu Zeit beschenkt hat,
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[283] Die badischen Fabrikinspektoren veröffentlichten in regelmäßigen Abständen Berichte und Untersuchungen aus ihrem Tätigkeitsbereich, teilweise als Beilage zum „Jahresbericht der Großherzoglich Badischen Fabrikinspektion“, teilweise als eigenständige Monographien; so etwa Wörishoffer, Friedrich, Die sociale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim und dessen nächster Umgebung, hg. im Auftrage des Großh[erzoglichen] Ministeriums des Innern. – Karlsruhe: Ferdinand Thiergarten (Badische Presse) 1891, und Fuchs, Rudolf, Die Verhältnisse der Industriearbeiter in 17 Landgemeinden bei Karlsruhe. Bericht erstattet an das Großherzogliche Ministerium des Innern und hg. von der Großherzoglich Badischen Fabrikinspektion. – Karlsruhe: G. Braunsche Hofbuchdruckerei 1904.
ist in Gestalt einer Arbeit der Großh[erzoglich] badischen Fabrikinspektorin Frl. Dr. Marie Baum eine weitere getreten (Drei Klassen von Lohnarbeiterinnen in Industrie und Handel der Stadt Karlsruhe; Bericht, erstattet an das Großh[erzogliche] Ministerium des Innern und herausgegeben von der Großh[erzoglich] bad[ischen] Fabrikinspektion; Karlsruhe, Verlag der G. Braun’schen Hofbuchdruckerei, 1906, 232 S. 8°.), die ohne Zweifel wiederum ganz besonders gut gelungen ist. Zwar ist die Stadt Karlsruhe weder eines der typischen modernen Zentren der Massenarbeit der Frau, wie sie durch bestimmte Bedingungen des Arbeitsangebots geschaffen werden, noch auch ist sie Sitz einer der spezifisch badischen großen, auf gelernter weiblicher Arbeit ruhenden Industrien. Allein gerade diesen Umstand: die Vielseitigkeit der Karlsruher Frauenbeschäftigung, hat sich die Verfasserin in höchst geschickter Weise zu Nutze zu machen gewußt, um durch eine Vielzahl von verschiedenen Konstellationen hindurch die ökonomischen und sozialen Chancen der Frauenarbeit zu verfolgen und so das zu bieten, worauf es ihr offenbar ankam: einen Beitrag nicht in erster Linie zur inneren Industriegeschichte, sondern zur Entwicklungsgeschichte der Stellung der Frau im modernen Erwerbsleben.
[284]Wir finden in der Darstellung der Verfasserin zunächst 1. die weibliche (in diesem Falle ungelernte) Fabrikarbeit der Frau
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[284] Vgl. Baum, Lohnarbeiterinnen, Abschnitt I „Die Fabrikarbeiterin“, bzw. „Die Arbeiterin in Fabriken und gleichgestellten Anlagen“, S. 1–81. In diesem und den folgenden Abschnitten geht Marie Baum nach demselben Schema vor: Sie untersucht Zahl und Art der Betriebe mit weiblicher Arbeiterschaft, Arbeitsräume und Arbeitszeit, Wohn- und Geburtsort der Arbeiterinnen, Alter und Familienstand, Häufigkeit des Stellenwechsels sowie das Lohnniveau.
mit ihrem frühen, aber fast jede Chance eines Aufstiegs ausschließenden Arbeitsverdienst, ihrem dementsprechend rapiden Orts-, Betriebs- und Berufswechsel, ihrer aus diesem Grunde zunehmenden Heranziehung ländlicher, durch Patronage und Tradition leichter an bestimmte Betriebe zu bindenden, dafür freilich mit der Heirat gänzlich zur Haus- und Landwirtschaft abschwenkenden Arbeitskräfte. Ihr gegenüber steht dann 2. die Konfektion
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Ebd., Abschnitt II „Die Konfektionsarbeiterin“, S. 82–119.
mit ihrer, in diesem Falle relativ hoch qualifizierten und sozial hochstehenden, daher wesentlich städtisch rekrutierten und,
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[284]A: rekrutierten, und,
bei geringerem Berufs- und Betriebswechsel, seßhafteren, bei niedrigerem Anfangslohn im ökonomischen Aufstiege etwas (aber nur wenig) günstiger als die Fabrikarbeiterinnen gestellten, aber, da hier die Arbeit noch stärker, als selbst in der Fabrik, nur „Durchgangsstadium“ ist, noch jugendlicheren Arbeiterschaft – in der Fabrik 910, in der Konfektion fast 1920 unter 30 Jahren. Endlich 3. die Geschäftsgehilfen in offenen Verkaufsstellen
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Ebd., Abschnitt III „Die Geschäftsgehilfin in offenen Verkaufsstellen“, S. 120–170.
bei stetiger Arbeit und, nach niedrigen Anfangslöhnen, relativ günstigen Aufstiegschancen ganz vorwiegend städtischer Provenienz, aber nicht nur den Betrieb häufig wechselnd, sondern auch sehr stark fremdbürtig, weil am häufigsten von allen von der eigenen Familie losgelöst. Unter sich ist diese Schicht wieder sehr verschieden gestellt, je nachdem es sich um Warenhausangestellte (mehr ungelernte Arbeit, höherer Durchschnittslohn, schneller, aber freilich begrenzter Aufstieg), um Angestellte in den noch stark patriarchalisch organisierten „Bedarfsgewerben“ (Fleischer, Bäcker), oder endlich in Spezialgeschäften handelt.
Sorgsam wird der drückende Einfluß der Konkurrenz der Haustöchter auf dem Arbeitsmarkt, ferner der Heirat auf die Erwerbstä[285]tigkeit, dann das subjektive Verhalten der Arbeiterinnen zur nicht hauswirtschaftlichen Arbeit, insbesondere Fabrikarbeit (ganz überwiegend negativ), endlich und namentlich aber auch umgekehrt der Einfluß des Arbeitsverhältnisses auf die Stellung der arbeitenden Frau in Haus und Familie und auf ihren allgemeinen physischen und psychischen Habitus analysiert.
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[285] Gemeint ist hier offensichtlich Abschnitt IV „Erwerbstätigkeit und Hausfrauenberuf“, S. 171–203, und Abschnitt V „Vergleich der drei Klassen von Lohnarbeiterinnen in Industrie und Handel“, S. 204–223. Die Vergleiche in diesem letzten Abschnitt betreffen die „materielle Lage“, die „gesundheitlichen Verhältnisse“ und das „persönliche Leben“.
Die Bedeutung schon der Menstruation, und noch mehr der Mutterschaft, illustriert an der Säuglingssterblichkeit in Land, Stadt und industrialisierten Landgemeinden, ferner die Konsequenzen der Familienbeziehungen: z. B. die regelmäßige Konfiskation des gesamten Lohnes der Haustöchter für den elterlichen Haushalt, die daraus hervorgehenden Konflikte, die Verschiedenheit des Maßes der Familiengebundenheit (am stärksten bei den Konfektionsarbeiterinnen mit ihrer schwankenden Arbeitsgelegenheit), weiter die Budgetverhältnisse der alleinstehenden Arbeiterinnen, die drückende Wirkung, welche die Haustöchter, wie auf dem Arbeitsmarkt, so auch auf die Organisationsfähigkeit und auf das Niveau des fachlichen und geistigen „Allgemein“-Interesses ausüben, das Fehlen des Berufsempfindens und überhaupt jeglichen Schwunges, auch innerhalb der alleinstehenden Arbeiterinnen, schon infolge der langen Arbeitszeit und des „dilettantischen“
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[285]A: dillettantischen“
und „Durchgangs“-Charakters der weiblichen Arbeit, welche die „Proletarisierung“ der Arbeiterin (dies Wort im soziologisch strengen Sinne genommen) hemmt
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A: genommen), hemmt
– dies alles wird am gegebenen Ort sehr geschickt in die Darstellung verflochten und an ihr illustriert.
Man wird im ganzen sagen dürfen, – zu Einzelkritik ist hier kein Raum – daß wohl kaum ein erheblicher Gesichtspunkt übergangen ist, und daß die Arbeit vor allem auch davon Zeugnis ablegt, wie wesentlich die Sachkenntnis der Frau als solcher für die sachgemäße Verarbeitung von derartigen, weibliche Arbeiter betreffenden, Er[286]hebungen ist. – Wörishoffer,
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[286] Friedrich Woerishoffer war im Jahre 1879 zum ersten badischen Fabrikinspektor ernannt worden. Mit Erlaß der Geschäftsordnung vom 5. Juni 1892 wurde er mit der Leitung der badischen Fabrikinspektion betraut, die er bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 1902 innehatte. Vgl. dazu Bocks, Wolfgang, Die badische Fabrikinspektion. Arbeiterschutz, Arbeiterverhältnisse und Arbeiterbewegung in Baden 1879 bis 1914. – Freiburg/München: Verlag Karl Alber 1978, S. 16, 38 und 93.
innerlich im Grunde eine „konservativ“ gestimmte Natur, hatte seinerzeit sich dem Gedanken der weiblichen Fabrikinspektion gegenüber zwar nicht ablehnend, aber doch zunächst ziemlich kühl verhalten, von der Ansicht ausgehend, daß qualitativ eigenartige Leistungen, andere also als von Männern, von Frauen schwerlich zu erwarten seien. Allein er war alles andere als ein kleinlicher bureaukratischer Pedant, und nachdem er sich einmal zur Heranziehung einer weiblichen Mitarbeiterin entschlossen und die maßgebenden Instanzen dafür gewonnen hatte, hat er mit der ihm eigenen Noblesse und Weitherzigkeit der ersten „Assistentin“ die Pfade geebnet.
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Gemeint ist Else von Richthofen, verheiratete Jaffé, die als erste Frau in die badische Fabrikinspektion aufgenommen wurde. Siehe dazu den Editorischen Bericht, oben, S. 280.
Auf welch lächerliche Schwierigkeiten er dabei gelegentlich stieß, ist heute kaum noch glaublich. Außerhalb wie auch – glücklicherweise freilich nur ganz vereinzelt – innerhalb der Fabrikinspektion erhob sich damals die bedrohte männlicheGeschlechtseitelkeit“ bei dem fürchterlichen Gedanken, daß eine Frau den Staat „nach außen repräsentieren“, womöglich gar „Verfügungen“ erlassen solle, die dann von Männern, – zähneknirschend natürlich ob dieser Pantoffelherrschaft, – auszuführen wären, und, das Allerschrecklichste, daß sie womöglich „etatsmäßig“,
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[286]A: „etatsmäßig,
werden und dann im Dienstalter vor männlichen Beamten der Behörde rangieren könnte. Wie es immer zu geschehen pflegt, wurde dabei die „generelle“ Überlegenheit des männlichen Geistes am stärksten betont von solchen Leuten, die in ihrer konkreten Person am allerwenigsten als Repräsentanten derselben gelten konnten. Schon Wörishoffer hat, wo ihm diese Erbärmlichkeiten in den Weg traten, sie als „Altweibertratsch“ in die Ecke gewiesen. Man kann nur mit dankbarer Genugtuung feststellen, daß die maßgebenden Instanzen [287]im vorigen Jahr durch etatsmäßige Anstellung einer Inspektorin
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[287] Marie Baum wurde nicht 1905, sondern bereits 1904 „mit Wirkung vom 1. Juli d[es] J[ahres] die etatmäßige Stelle eines wissenschaftlich gebildeten Hilfsarbeiters der Fabrikinspektion unter Verleihung des Titels ,Fabrikinspektor‘“ übertragen. Entschließung des Großherzoglichen Staats-Ministeriums vom 22. Juli 1904, GLA Karlsruhe, Staats-Ministerium. Generalia. Gewerbe, 233/31 124. Siehe dazu auch den Editorischen Bericht, oben, S. 280.
(eben der Verfasserin obiger Schrift) dieser den Anspruch auf jene selbstverständliche völlige Gleichordnung zugebilligt haben, ohne die ein kollegiales Zusammenwirken dauernd nicht möglich wäre, – und die übrigens auch die einzige, des männlichen Geschlechts selbst würdige Behandlung dieses „Problems“ ist.