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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[398]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Bei den Gemeindewahlen im Februar 1912 kandidierte Max Weber in Heidelberg für die Fortschrittliche Volkspartei. Sein Name findet sich an siebenter Stelle auf einer der beiden Vorschlagslisten dieser Partei für die Wahl der ersten Wählerklasse.
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[398] Jede Partei erstellte Vorschlagslisten für die Wahl auf drei und auf sechs Jahre. Max Weber kandidierte für eine Wahl auf sechs Jahre. Siehe die amtliche „Bekanntmachung“ in den Heidelberger Neuesten Nachrichten, Nr. 46 vom 23. Febr. 1912, S. 8.
Über die näheren Umstände seiner Kandidatur sind wir nicht unterrichtet. Obwohl die Fortschrittliche Volkspartei bei den Wahlen einen erheblichen Mandatszuwachs verbuchen konnte, wurde Max Weber nicht in den Bürgerausschuß gewählt.
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Die Fortschrittliche Volkspartei konnte ihre Mandatszahl von 12 auf 18 steigern. Sie wurde damit hinter den Nationalliberalen und vor der Sozialdemokratie und der „Freien Bürgervereinigung“ zur zweitstärksten Fraktion im Heidelberger Bürgerausschuß. Von der Liste, auf der auch Max Webers Name stand, wurden die Kandidaten Karl Mittermaier, Otto Bernhard Nuzinger und Ferdinand Liebhold in den Bürgerausschuß entsandt. Ebd., Nr. 50 vom 28. Febr. 1912, S. 3 und 6.
Die Wahlen fanden erstmals nach der neuen badischen Gemeinde- und Städteordnung statt,
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Vgl. dazu Zoche, Hartmut, Die Gemeinde – ein kleiner Staat? Motive und Folgen der großherzoglich-badischen Gemeindegesetzgebung 1819–1914. – Frankfurt a.M./Bern/ New York: Peter Lang 1986, S. 260–379. Zu den Änderungen siehe „Gesetz. Die Abänderung der Gemeinde- und der Städteordnung betreffend“ vom 26. Sept. 1910, veröffentlicht am 11. Okt. 1910, in: Gesetzes- und Verordnungs-Blatt für das Großherzogtum Baden 1910, Nr. 37, S. 537–554.
die zwar das Dreiklassen-Wahlrecht beibehielt, dessen plutokratischen Charakter jedoch durch eine Neueinteilung der Wählerklassen abmilderte. Hatte nach der alten Einteilung die erste Wählerklasse – die der Höchstbesteuerten – ein Zwölftel der Wahlberechtigten, die zweite Wählerklasse – die der Mittelbesteuerten – zwei Zwölftel und die dritte [399]Wählerklasse – die der Niederstbesteuerten – die restlichen neun Zwölftel umfaßt, so wählten nun in der ersten Wählerklasse ein Sechstel, in der zweiten zwei Sechstel und in der dritten drei Sechstel der Wahlberechtigten. Dabei fanden die Stadtverordnetenwahlen nun erstmals nach den Grundsätzen der Verhältniswahl mittels „gebundener Listen“ statt. Für jede der drei Klassen gab es einen eigenen Wahltermin, und jede Partei stellte pro Klasse eigene Kandidatenlisten auf, die von den Wählern nicht verändert werden durften. Nach der Wahl konnte eine Partei so viele Vertreter in den Bürgerausschuß entsenden, wie es ihrem Stimmenanteil entsprach. Dabei war sie an die Reihenfolge der Vorschlagsliste gebunden.
Die Erwartung des neuen Wahlrechts hatte das politische Leben Heidelbergs seit geraumer Zeit geprägt. Bereits im Jahre 1906 signalisierten die Mitglieder des nationalliberal dominierten Bürgerausschusses ihre Bereitschaft, bei künftigen Wahlen den übrigen Parteien eine ihrer Stärke entsprechende Zahl von Abgeordnetensitzen einzuräumen. Dies führte zu Absprachen unter den politischen Parteien, gegen die sich bei einigen Bürgern Widerstand regte. Sie gründeten ein Wahlkomitee, das mit der Parole „Politik gehört nicht aufs Rathaus“ bei der teilweisen Neuwahl des Bürgerausschusses im Jahre 1909 einigen Erfolg hatte.
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[399] Vgl. dazu und zum Folgenden: Chronik der Stadt Heidelberg für die Jahre 1907–1909, 15.–17. Jg., im Auftrage des Stadtrats bearb. von Ferdinand Rösiger. – Heidelberg: Druck und Verlag von J. Hörning 1913, S. 173 f.
Auch die Wahlen des Jahres 1912 standen im Zeichen der Konfrontation zwischen den politischen Parteien und der „Freien Bürgervereinigung“. Diese formulierte in einer Reihe von Flugschriften und Presseanzeigen ihre Forderung nach „unpolitischer Vertretung aller Kreise der Bürgerschaft, aller Berufsstände und Zweige, insbesondere auch der Arbeiter, ohne Ansehen der Religions- und Parteizugehörigkeit“ im Rathaus.
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Siehe dazu etwa den Wahlaufruf der „Freien Bürgervereinigung“, in: Heidelberger Neueste Nachrichten, Nr. 40 vom 16. Febr. 1912, S. 7.
Als Wahltermine waren für die dritte Wählerklasse der 16., für die zweite der 23. und für die erste der 27. Februar 1912 anberaumt. Unmittelbar vor den Wahltagen veranstalteten sowohl die Parteien als auch die „Freie Bürgervereinigung“ Wahlversammlungen. Für den 22. Februar 1912, den Vorabend der Wahlen in der zweiten Wählerklasse, kündigte die „Fortschrittliche Volkspartei“ eine „Gemeindewähler-Versammlung“ im großen Saal der „Harmonie“ an, auf der der Mannheimer Stadtrat und Landtagsabgeordnete Karl Vogel über „Die Aufgaben fortschrittlicher Gemeindepolitik“ sprechen sollte.
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Heidelberger Neueste Nachrichten, Nr. 44 vom 21. Febr. 1912, S. 8, sowie Nr. 45 vom 22. Febr. 1912, S. 8.
In der Ankündigung der bevorstehenden Veranstaltung in [400]den Heidelberger Neuesten Nachrichten heißt es, daß danach „einige Heidelberger Führer der Fortschrittlichen Volkspartei zu kürzeren Ansprachen das Wort ergreifen“ würden.
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[400] Ebd., Nr. 44 vom 21. Febr. 1912, S. 3.
Der Altphilologe August Hausrath eröffnete die Versammlung um 21 Uhr mit einer Begrüßung.
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Berichte über die Versammlung finden sich sowohl im Heidelberger Tageblatt, Nr. 46 vom 23. Febr. 1912, S. 4 f., als auch in den Heidelberger Neuesten Nachrichten, Nr. 46 vom 23. Febr. 1912, S. 3 f.
Karl Vogel ging gegen Ende seines anderthalbstündigen Hauptvortrags auf den gegenwärtigen Wahlkampf ein und setzte sich dabei insbesondere mit den Zielen der „Freien Bürgervereinigung“ auseinander, die er wegen ihrer Parole „Politik gehört nicht aufs Rathaus“ angriff und als geradezu „gefährlich für unsere Stadt“ bezeichnete: „Allein die politischen Parteien hätten die nötige Erfahrung“ und schon aus dem Grunde ein „größeres Verantwortlichkeitsgefühl“, daß „die Fehler, die sie in der Gemeindeverwaltung machten, ihnen bei den großen politischen Wahlen angekreidet würden.“
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Heidelberger Tageblatt, Nr. 46 vom 23. Febr. 1912, S. 5.
Als erster Diskussionsredner ergriff Max Weber das Wort. Kurz vor Mitternacht endete die Versammlung mit einem Schlußwort des Fraktionsvorstands der Fortschrittlichen Volkspartei im Bürgerausschuß, des Rechtsanwalts Theodor Kaufmann. Max Weber kommentierte seinen Auftritt in einem Brief: „Man hatte mich gestern Abend in eine Communalwähler-Versammlung zum Schwätzen verschleppt, – was mir höchst elend bekam.“
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Karte Max Webers an Hans Gruhle, undat. [23. Febr. 1912], Privatbesitz (MWG II/7, S. 431).

Zur Überlieferung und Edition

Die Diskussionsbeiträge Max Webers sind uns in mehreren Presseberichten überliefert:
  • 1. „Vor der Entscheidung“, in: Heidelberger Tageblatt, Nr. 46 vom 23. Februar 1912, S. 4 f. (A(1)):
  • 2. „Die Gemeindewahlen“, in: Heidelberger Neueste Nachrichten, Nr. 46 vom 23. Februar 1912, 3 f. (A(2)).
Webers Ausführungen werden nach diesen Berichten wiedergegeben.
Der Bericht der Heidelberger Zeitung, Nr. 47 vom 23. Februar 1912, S. 3, unter der Überschrift „Vor der Stadtverordnetenwahl durch die 2. Klasse“ bleibt unberücksichtigt; hinsichtlich der Äußerungen Max Webers heißt es hier nur äußerst knapp: „In der Diskussion sprach auch Herr Prof. Max Weber überzeugend über die Notwendigkeit des Eintretens der politischen Parteien bei der Gemeindewahl.“