[288]Editorischer Bericht
Zur Entstehung
Der „Waffenstillstand“
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zwischen Marie Baum und dem Vorstand der badischen Fabrikinspektion, Karl Bittmann, der mit der Dienstanweisung des badischen Innenministeriums und der Zurücknahme des Baumschen Entlassungsgesuchs im August 1906 eingetreten war,[288] Brief Marianne Webers an Marie Baum, undat., Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
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währte nicht lange, denn die Gleichstellung der Inspektorin wurde nach wie vor unterlaufen. Zwar war ihr eine größere Selbständigkeit in ihrem Tätigkeitsbereich eingeräumt worden, doch blieb ihr das Recht auf Vertretung des Vorstands weiterhin vorenthalten. Zu den Vorgängen in der badischen Fabrikinspektion vgl. den Editorischen Bericht zu „Zur Stellung der Frau im modernen Erwerbsleben“, oben, S. 280–282.
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GLA Karlsruhe. Staats-Ministerium. Generalia. Gewerbe, 233/31 124. Dieser Sachverhalt geht auch aus der Eingabe der badischen Abteilungen des „Vereins Frauenbildung – Frauenstudium“ hervor, die an das badische Innenministerium gerichtet wurde. Sie wurde veröffentlicht unter der Überschrift „Zu den Vorgängen in der badischen Fabrikinspektion“, in: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, hg. von Helene Lange, 14. Jg., 1906/07, S. 432–434.
In den folgenden Monaten spitzten sich die Konflikte zwischen den Beteiligten wieder so zu, daß Marie Baum am 2. Januar 1907 erneut ein Entlassungsgesuch einreichte.
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Diese Vorgänge erregten erhebliches öffentliches Aufsehen. So berichtete etwa die Frankfurter Zeitung am 16. Januar 1907 über diesen Fall und erhob dabei den Vorwurf, Bittmanns Amtsführung habe gerade „geistig bedeutsame Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ zum Ausscheiden veranlaßt. Siehe dazu den Bericht des badischen Innenministeriums vom 23. Januar 1907, GLA Karlsruhe, Staats-Ministerium, 233/31 124.
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Dieser Darstellung begegnete der dienstälteste [289]Fabrikinspektor, Eduard Föhlisch, in einer Zuschrift, die in der Frankfurter Zeitung vom 22. Januar 1907 veröffentlicht wurde. Frankfurter Zeitung, Nr. 16 vom 16. Jan. 1907, 2. Mo.Bl., S. 1. Der Bericht kritisierte die „kleinliche Art bureaukratischer Reglementierung“, die zum Ausscheiden von Marie Baum geführt habe. Die Verhältnisse im Amt hätten „ein ersprießliches Wirken zur Unmöglichkeit gemacht“. Ohne Namen zu nennen, spielte die Frankfurter Zeitung hier augenscheinlich auf den Fall des Fabrikinspektors Rudolf Fuchs an, der wegen Differenzen mit dem Vorstand bald nach Bittmanns Amtsübernahme ausgeschieden war. Vgl. dazu Bocks, Wolf[289]gang, Die badische Fabrikinspektion. Arbeiterschutz. Arbeiterverhältnisse und Arbeiterbewegung in Baden 1879 bis 1914. – Freiburg/München: Verlag Karl Alber 1978, S. 92 f.
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Föhlisch verteidigte Bittmann und fand es „erklärlich und nicht zu verübeln, wenn der genannte als Leiter einer Zentralstelle die Dienstführung wieder selbst ganz an sich zog.“ Er stellte die Situation so dar, als habe sich Marie Baum den bürokratischen Gepflogenheiten nicht anpassen können: Frankfurter Zeitung, Nr. 22 vom 22. Jan. 1907, 1. Mo.Bl., S. 1. Die Zuschrift Föhlischs ist auch abgedruckt in: Badische Landeszeitung, Nr. 40 vom 24. Jan. 1907, Ab. Bl., S. 1.
„Zeitlich in Zusammenhang mit der Übernahme der Vorstandsstelle durch Bittmann fiel der Eintritt von FrI. Dr. Baum. Diese, eine reich begabte und in der Folge dienstlich außerordentlich bewährte Beamtin, fühlte sich leider schon von Anfang an durch den Zwang bureaukratischer Usancen beengt und in ihrer Stellung innerhalb des Organismus der Behörde unbefriedigt und sie glaubte, das, was sie sich wünschte, erzwingen zu können. Sie kam dadurch nicht allein in Gegensatz zum Vorstand, sondern nicht selten auch zu den nach ihr zur Fabrikinspektion gekommenen Beamten, was auf ihrer Stimmung lastete und sie zu dem bedauerlichen Entschluß ihres Austritts brachte. Nicht Gründe einer verschiedenartigen Auffassung der Berufspflicht vom sozialen und wissenschaftlichen Standpunkt aus sind also die Motive des Ausscheidens von […] Dr. Marie Baum, sondern nur Momente persönlicher Natur.“
In einem Brief an Marie Baum nahm Max Weber dazu Stellung:
„Herrn Föhlisch’s Artikel war in der That ganz echt: Er meinte es, in seiner Art, sicherlich gar nicht böse. Aber die Naivität, zu glauben, daß eine onkelhafte Anerkennung auf der einen, ein onkelhafter Backenstreich auf der andern Seite sich für Ihr Empfinden doch auf ± 0 ausgleichen müßten, charakterisiert diese ganze Bande wirklich in köstlicher Art.“
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Brief Max Webers an Marie Baum vom 27. Jan. 1907, MWG II/5, S. 225 f.
Marie Baum ihrerseits widersprach Föhlisch öffentlich in einem auf den 22. Januar datierten Schreiben:
„Die Ausführungen des im ersten Morgenblatt der ,Frankfurter Zeitung‘ vom 22. Januar abgedruckten Schreibens des Herrn Regierungsrat Dr. Föhlisch zwingen mich, die noch im Dienst stehende Beamte, zu meinem Bedauern zu einer öffentlichen Klarstellung. Aber
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die Angaben, daß ich mich von Anfang an ,durch den Zwang bureaukratischer Usancen beengt‘ gefühlt habe, und daß für meinen Rücktritt aus dem Staatsdienst lediglich ,Momente persönlicher Natur‘ maßgebend gewesen seien, sind so sehr geeig[290]net, nicht nur auf meine persönliche Art, eine gegebene Aufgabe zu erfassen, sondern auch auf die Qualifikation der Frau zu beruflicher Tätigkeit überhaupt ein ungünstiges und falsches Licht zu werfen, daß sie nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Im Original heißt es: „Ueber“.
Niemals habe ich die allgemein üblichen, im Wesen jeder behördlichen Institution begründeten Formalien als lastenden Druck empfunden. Wogegen ich mich aber gewandt habe – und wenden mußte, wollte ich der hohen, vom Gr[oßherzoglichen] Ministerium des Innern grundsätzlich stets gebilligten Auffassung, die ich von meinen Berufe hege, treu bleiben – das waren die Versuche, für die weibliche Beamte als solche ein Sonderrecht zu schaffen, durch welches ihre Stellung innerhalb der Behörde herabgedrückt und als notwendige Folge hiervon ihre Bewegungsfreiheit eingeengt werden sollte.
Das sind die Gründe prinzipieller Natur, die mich zum Aufgeben meines Berufes, an dem ich mit ganzem Herzen hing, veranlaßt haben.“
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[290] Frankfurter Zeitung, Nr. 24 vom 24. Jan. 1907, Ab. Bl., S. 1.
Unabhängig von Marie Baum verfaßte Max Weber am 23. Januar 1907 eine Entgegnung auf Föhlisch, die er noch am selben Tag an drei Tageszeitungen sandte:
„Ich habe der Frankfurter, der Badischen Landes- und der Neuen Badischen Landeszeitung einen Artikel betreffend Ihren Austritt geschickt, der vielleicht Ihre Billigung nicht findet. Ich bitte Sie, wenn dies der Fall ist oder soweit mir etwa – was ich bei dem ziemlich allgemein gehaltenen Referat der Thatsachen nicht glaube – Irrtümer unterlaufen sein sollten, nicht etwa aus vermeintlicher Rücksicht auf mich irgend Jemandem, insbesondere den Behörden gegenüber, aus Ihrem Desaveu ein Hehl zu machen. Wenn allerdings repliziert werden sollte, dann würde ich – da ja nunmehr ohne Ihr Zuthun die Diskussion eröffnet ist – Sie allerdings um Erteilung von Information bitten, also entweder zu Ihnen kommen oder Sie hierher. Denn nun sind Sie ja in keiner Weise mehr gebunden, nachdem Andre geredet haben.“
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Brief Max Webers an Marie Baum vom 23. Jan. 1907, MWG II/5, S. 218 f.
Max Weber war offensichtlich nicht davon unterrichtet, daß Marie Baum eine eigene Erklärung formuliert hatte und daß die Frankfurter Zeitung diese gemeinsam mit seiner Zuschrift unter der Überschrift „Die badische Fabrikinspektion“ am 24. Januar 1907 veröffentlichen würde. So schrieb er an Marie Baum: „Ihre Erklärung macht einen ganz vorzüglichen Eindruck, hätte ich gewußt, daß sie kam, so hätte ich vorerst ganz geschwiegen. Aber es ging doch nicht an, daß auch nur der Anschein des ,Abgekarteten‘ erregt wurde.“ Im übrigen forderte Weber Marie Baum auf, ihm zu schreiben, „möglichst gleich, wenn in meiner Erklärung Irrtümer stecken sollten oder Wendungen, die unzutreffend sind.“
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Brief Max Webers an Marie Baum, undat. [24. Jan. 1907], ebd., S. 220.
[291]Ιn der Tat äußerte sich Marie Baum wohl unzufrieden über den Artikel Webers; jedenfalls rechtfertigte er sich am 27. Januar 1907:
„Daß mein Artikel – der leider durch einige Druckfehler entstellt ist – Ihnen in der von Ihnen selbst angedeuteten Hinsicht nicht angenehm sein würde, wußte ich. Wäre es nach mir gegangen, so wäre er in dieser Richtung wesentlich weiter gegangen und hätte dann den Effekt erzielt, der allein in Betracht kommen konnte: 1) Strafantrag gegen mich wegen Beleidigung oder 2) doch eine Preßfehde, in der Bittmann ganz anders angepackt worden wäre als jetzt. Auf Wunsch meiner Frau ließ ich Details weg, obwohl grade diese – z. B. die letzte Äußerung B[ittmann]’s in der Sitzung gegen Sie – die öffentl[iche] Meinung allein hätten bestimmen können. So, wie er ist, war er entweder zu lang oder zu wenig ins Detail gehend. Von meinem Standpunkt aus konnte ich Ihnen das Unangenehme dieser Publikation nicht ersparen, kann auch für den Fall der Polemik darin nichts versprechen. Denn die bloße Thatsache der Differenzierung der Geschlechter macht Niemand Eindruck. Man muß auf das Gehässige der Sache hinweisen und das ging ohne diese Punkte zu berühren nicht.“
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[291] Brief Max Webers an Marie Baum vom 27. Jan. 1907, ebd., S. 225 f.
Marie Baums Entlassungsgesuch wurde am 23. Januar 1907 mit Wirkung vom 15. Februar entsprochen.
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Max Weber begrüßte diese Entwicklung und riet ihr, sich „von diesen nervenangreifenden Conflikten und der erbärmlichen Kleinlichkeit dieser Cohorte von Schwächlingen“ erst einmal auszuruhen. GLA Karlsruhe, Staats-Ministerium, 233/31 124.
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Brief Max Webers an Marie Baum vom 27. Jan. 1907, MWG II/5, S. 225 f. Seine negative Einschätzung Bittmanns machte Weber auch in einem Brief an Robert Michels vom 2. Apr. 1907 deutlich, ebd., S. 274 f., in dem er sogar von dem „Schweinehund von Chef der Fabrikinspektion in Karlsruhe“ sprach.
Max Webers Beschäftigung mit dem Fall war damit nicht beendet. So unterstützte er den „Verein Frauenbildung – Frauenstudium“ bei der Formulierung einer Eingabe an das Badische Innenministerium. In einem Brief Marianne Webers an Helene Weber heißt es: „Letzthin waren Max und ich durch eine Aktion für FrI. Dr. Baum sehr in Anspruch genommen. Wir badischen Frauenvereine wollen eine diesbezügliche Eingabe ans Ministerium machen. – Max mußte dabei helfen.“
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Diese Eingabe war am 23. Februar 1907 fertiggestellt Brief Marianne Webers an Helene Weber vom 15. Febr. 1907, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
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und wurde schließlich in der von Helene Lange herausgegebenen Zeitschrift „Die Frau“ veröffentlicht. Brief Max Webers an Marianne Weber vom 23. Febr. 1907, MWG II/5, S. 261 f.
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Vgl. dazu oben, S. 288, Anm. 3.
[292]Zur Überlieferung und Edition
Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der im Anschluß an den Leserbrief von Marie Baum
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unter der gemeinsamen Überschrift „Die badische Fabrikinspektion“ in der Frankfurter Zeitung, Nr. 24 vom 24. Januar 1907, Ab. Bl., S. 1 f., erschien (A). Der gleiche Text wurde auch in der Badischen Landeszeitung, Nr. 40 vom 24. Januar 1907, Ab. Bl., S. 1 f., unter der gleichlautenden Überschrift veröffentlicht (B), hier allerdings im Anschluß an eine Wiedergabe der Ausführungen Föhlischs in der Frankfurter Zeitung vom 22. Januar 1907.[292] Siehe den Abdruck, oben, S. 289 f.
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Eine dritte Fassung, die in der Neuen Badischen Landeszeitung erschien, kann hier nicht berücksichtigt werden, da diese Ausgabe in den deutschen Bibliotheken nicht nachgewiesen ist. Der Abdruck folgt A unter Annotation der Varianten von B. Die Unterschiede in der Hervorhebung der Namen werden nicht eigens ausgewiesen. In A folgt der Überschrift der redaktionelle Hinweis: „Karlsruhe, 22. Januar. Wir erhalten von Fabrikinspektorin Frl. Dr. Marie Baum und Herrn Professor Max Weber folgende Zuschriften:“. In B heißt es nach dem Abdruck des Briefes von Föhlisch: „Professor Max Weber – Heidelberg schreibt uns mit bezug auf die obigen Auslassungen des Fabrikinspektors Föhlisch:“. Die Fußnote 1) ist in A und B mit * angebunden. Siehe oben, S. 289.