[446]Editorischer Bericht
Zur Entstehung
Max Weber war der evangelisch-sozialen Bewegung anfänglich eng verbunden gewesen. So engagierte er sich gemeinsam mit seinem Vetter, dem Theologen Otto Baumgarten, im Evangelisch-sozialen Kongreß,
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der ganz im Zeichen eines allgemeinen sozialpolitischen Aufbruchs 1890 in Berlin gegründet worden war. Der Evangelisch-soziale Kongreß verstand sich als Forum innerhalb der evangelischen Kirche für die Erörterung der drängenden sozialen Fragen der Gegenwart und ging davon aus, daß die Förderung der materiellen Wohlfahrt insbesondere der Industriearbeiterschaft diese für die christliche Botschaft zurückgewinnen könne. Der Kongreß fand vor allem Unterstützung in der protestantischen Bildungsschicht. Theologen, höhere Beamte und Hochschullehrer, darunter auch Nationalökonomen, gehörten zu seinen Mitgliedern. Auch Max Weber beteiligte sich an seiner Arbeit und war von 1890 bis 1897 bei nahezu allen Tagungen anwesend.[446] Vgl. dazu u. a. Mommsen, Wolfgang J., Einleitung zu: Max Weber, Landarbeiterfrage, Nationalstaat und Volkswirtschaftspolitik. Schriften und Reden 1892–1899 (MWG I/4), S. 1–68, insb. S. 26–39, sowie Aldenhoff, Rita, Max Weber und der Evangelisch-soziale Kongreß, in: Max Weber und seine Zeitgenossen, hg. von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schwentker. – Göttingen/Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht 1988, S. 285–295.
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Im Zusammenhang mit der von ihm angeregten Landarbeiter-Enquete des Evangelisch-sozialen Kongresses Vgl. Aldenhoff, Max Weber und der Evangelisch-soziale Kongreß, S. 287.
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wurde Max Weber 1892 in den Ausschuß kooptiert. Vgl. dazu u. a. Weber, Max, Die Erhebung des Evangelisch-sozialen Kongresses über die Verhältnisse der Landarbeiter Deutschlands, in: MWG I/4, S. 209–219.
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Darüber hinaus engagierte er sich vor allem in den „evangelisch-sozialen Kursen“, die den Zweck hatten, Theologen in die wirtschaftlichen und sozialen Tagesprobleme einzuführen. Vgl. Mommsen, Einleitung, S. 27.
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Nach seiner Übersiedlung nach Freiburg 1894 wurde Max Weber auch in den Ausschuß der gerade gegründeten Evangelisch-sozialen Vereinigung für Baden, einer [447]Landesorganisation des Evangelisch-sozialen Kongresses, gewählt. Ebd., S. 28.
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Diese hielt im Oktober 1897 zusammen mit der Evangelisch-sozialen Konferenz für Württemberg einen sozialwissenschaftlichen Kursus in Karlsruhe ab, für den Weber als Mitglied des Ausschusses warb und an dem er sich mit Vorträgen beteiligte.[447] Aldenhoff, Max Weber und der Evangelisch-soziale Kongreß, S. 287 f.
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Siehe dazu „Aufruf zum Besuch eines sozialwissenschaftlichen Kursus in Karlsruhe vom 4. bis 8. Oktober 1897“, in: MWG I/4, S. 902 f., sowie die Vortragsreihe „Agrarpolitik“, über die verschiedene badische Zeitungen berichteten, ebd., S. 826–841.
Ungeachtet seiner Mitarbeit war Max Weber von Beginn an skeptisch, ob Politik auf christlicher Grundlage erfolgreich betrieben werden könne. So hatte er etwa 1894 anläßlich der Besprechung eines Buches von Friedrich Naumann, in dem dieser das Anliegen der evangelisch-sozialen Bewegung zusammengefaßt hatte, bezweifelt, daß im Rahmen der modernen entpersonalisierten kapitalistischen Entwicklung eine „sittlich-religiöse Einwirkung auf das Individuum“ überhaupt noch möglich sei.
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Nach 1897 sind uns weitere Tätigkeiten Max Webers im oder für den Evangelisch-sozialen Kongreß nicht bekannt. Weber, Max, [Rezension von:] Was heißt Christlich-Sozial? Gesammelte Aufsätze von Friedrich Naumann, in: MWG I/4, S. 350–361, hier S. 357.
Namentlich in Erscheinung trat er erst wieder aus Anlaß der 18. Tagung des Evangelisch-sozialen Kongresses, die vom 21. bis 23. Mai 1907 in Straßburg geplant war. Es handelte sich um die erste Veranstaltung dieser Art in Elsaß-Lothringen. Da das „Reichsland“ überwiegend katholisch war, schien es den führenden Mitgliedern des Kongresses, so dem Vorsitzenden des Aktionskomitees, Adolf Harnack, angezeigt, besonders intensiv für die Teilnahme zu werben.
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Auch die Evangelisch-soziale Vereinigung für Baden machte in separat gedruckten Einladungsschreiben auf die Versammlung in Straßburg aufmerksam, welche „mangels genügenden eigenen Hinterlandes besonders auf badischen Zuzug angewiesen“ sei. Vgl. dazu etwa Harnack, Adolf, Die 18. Tagung des Evangelisch-sozialen Kongresses zu Straßburg i.E., in: Evangelisch-Sozial. 16. Folge der Mitteilungen des Evangelisch-sozialen Kongresses 1907, S. 53–55.
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Die näheren Umstände der Entstehung dieses Einladungsschreibens, das neben Max Weber unter anderen auch Carl Johannes Fuchs und August Hausrath unterzeichneten, sind uns nicht bekannt, doch scheint es Anfang 1907 verfaßt worden zu sein. Das auf der Rückseite abgedruckte Programm trug noch vorläufigen Charakter. Es wurde später durch ein erweitertes Programm ersetzt. Siehe unten, S. 451.
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Als Mitglied der badischen Landesorganisation unterzeichnete Max [448]Weber außer der badischen Einladung auch die, die der „Ortsausschuß in Straßburg“ in seiner Funktion als Veranstalter der Tagung in der Zeitschrift „Evangelisch-Sozial“ veröffentlichte und die von Persönlichkeiten aus Elsaß-Lothringen und aus Württemberg, vom „Ausschuß der Evangelisch-sozialen Vereinigung für Baden“ sowie vom „Aktionskomitee des Evangelisch-sozialen Kongresses“ unterstützt wurde. Der Veröffentlichung war das endgültige Programm beigegeben. Das Einladungsschreiben mit dem vorläufigen Programm sowie das erweiterte Programm befinden sich im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe, Evangelischer Oberkirchenrat. Generalia. Soziale Frage, Evang[elisch-]Sozialer Kongress, 1895–1936, Band 1.
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[448] Evangelisch-Sozial 1907, S. 88–92.
Während Marianne Weber auf der Tagung ein Korreferat zu dem Vortrag Hans Wegeners über „Die Bekämpfung der Unsittlichkeit mit besonderer Beziehung auf den Schutz der Jugend“ hielt,
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nahm Max Weber an der Veranstaltung selbst nicht teil – offensichtlich vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Wiederholt betonte er, daß es ihm „nicht gut genug“ gehe, da ihm „der lange Winter […] zu arg mitgespielt“ habe. Siehe das Programm, ebd., S. 91 f. Das Korreferat ist abgedruckt in: Die Verhandlungen des achtzehnten Evangelisch-sozialen Kongresses abgehalten in Straßburg (Elsaß) am 21. bis 23. Mai 1907. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1907, S. 114–125.
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Daneben gab es aber wohl auch in der Sache liegende Gründe. So lehnte er es zur selben Zeit ab, den Artikel „Evangelisch-sozial“ im projektierten Handwörterbuch „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ zu verfassen, da er dabei nur zu dem Ergebnis kommen könne, „die Sache habe ausgelebt.“ Briefe Max Webers an Oskar Siebeck und Friedrich Naumann vom 17. Mai 1907, MWG II/5, S. 304–307.
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Brief Max Webers an Oskar Siebeck vom 17. Mai 1907, ebd., S. 306.
Zur Überlieferung und Edition
Es existieren zwei unterschiedliche Einladungsschreiben zur 18. Tagung des Evangelisch-sozialen Kongresses in Straßburg im Mai 1907. Beide sind von Max Weber mitunterzeichnet worden.
Die erste ist uns in Form einer Flugschrift überliefert. Sie befindet sich im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe, Evangelischer Oberkirchenrat. Generalia. Soziale Frage, Evang[elisch-]Sozialer Kongress, 1895–1936, Band 1. Sie trägt die Kopfzeile „Evangelisch-soziale Vereinigung für Baden“. Der Text ist unterzeichnet mit „Der Ausschuß der evangelisch-sozialen Vereinigung für Baden:“ und nennt namentlich 18 Mitglieder, darunter Max Weber. Auf der Rückseite befindet sich ein „Programm der 18. Tagung des Evangelisch-sozialen Kongresses zu Straßburg i.E.“, das noch vorläufigen Charakter besaß. Daraus läßt sich schließen, daß diese Einladung sehr früh verfaßt worden ist.
[449]Die zweite Einladung, für die der Ortsausschuß des Evangelisch-sozialen Kongresses in Straßburg verantwortlich zeichnete, trägt die Überschrift „Einladung zur 18. Tagung des Evangelisch-sozialen Kongresses in Straßburg i.E.“ Sie ist abgedruckt in: Evangelisch-Sozial. 16. Folge der Mitteilungen des Evangelisch-sozialen Kongresses, Nr. 3/4, März/April 1907, S. 88. Sie trägt insgesamt 178 Unterschriften, die in vier Abteilungen untergliedert sind. Der Name Max Webers findet sich in der Abteilung II „Der Ausschuß der Evangelisch-sozialen Vereinigung für Baden“. Im Anschluß an die Unterzeichnerliste findet sich auf den Seiten 91 f. das endgültige Programm. Im folgenden kommen beide Einladungsschreiben ohne die ihnen beigegebenen Programme zum Abdruck. Beide Einladungen sind mit A sigliert.