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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[381]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Am 20. Januar 1905 veranstaltete der Heidelberger Nationalsoziale Verein
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[381] Obgleich sich der Nationalsoziale Verein auf Reichsebene bereits im Jahre 1903 aufgelöst hatte, blieben in zahlreichen Städten und Gemeinden die Ortsvereine noch längere Zeit unter diesem Namen bestehen. Der Heidelberger Ortsverein vollzog den Beitritt zum „liberalen Wahlverein“ um die Jahreswende 1904/05; siehe dazu die Notiz in: Die Hilfe. Nationalsoziale Wochenschrift, Nr. 2 vom 15. Jan. 1905, S. 6.
im Festsaal des Hotels Tannhäuser einen „Amerika-Abend“.
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Eine Ankündigung findet sich ebd. Recht ausführliche Berichte über den Ablauf des Abends sowie die Referate der Hauptredner finden sich in der Heidelberger Zeitung, Nr. 18 vom 21. Jan. 1905, 1. BI., S. 1 f.
Dieser stellte nach den Worten des Heidelberger Tageblatts „eine interessante Abwechslung in dem politischen Einerlei unserer Tage“ dar
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Heidelberger Tageblatt, Nr. 18 vom 21. Jan. 1905, 1. Bl., S. 3.
und war, wie es der Theologe Gustav Adolf Deißmann in seiner Begrüßungsansprache formulierte, wegen der „Wichtigkeit des Themas ,Amerika‘“ angesetzt.
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Heidelberger Zeitung, Nr. 18 vom 21. Jan. 1905, 1. Bl., S. 1.
Augenscheinlich trugen die Veranstalter damit der Tatsache Rechnung, daß die Beschäftigung mit den inneren Verhältnissen Nordamerikas in Europa seit der Jahrhundertwende „in Mode“ gekommen war. Dabei gründete sich das wachsende Interesse im Deutschen Reich vor allem darauf, daß sich die USA seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend in die Weltpolitik einschalteten und daß die Beziehungen zwischen beiden Mächten infolge des deutschen kolonialpolitischen Engagements im pazifischen Raum durchaus nicht spannungsfrei waren. Deshalb wurde die Stimmung in den USA genau beobachtet, und es wurden Maßnahmen ins Auge gefaßt, um das politische Klima zu verbessern. Nicht zuletzt aus diesem Grund förderten die offiziellen Stellen die deutsche Beteiligung an dem „Internationalen [382]Gelehrtenkongreß“ während der Weltausstellung in St. Louis im September 1904,
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[382] Zur Weltausstellung in St. Louis siehe den Editorischen Bericht zu: „The Relations of the Rural Community to Other Branches of Social Science“, oben, S. 212–243.
in dessen Folge ein großangelegter deutsch-amerikanischer Professorenaustausch in Gang kam. Der konkrete Anlaß für die Heidelberger Veranstaltung dürfte darin gelegen haben, daß einige Mitglieder des Ortsvereins sich kurz zuvor – unter anderem als Teilnehmer der Weltausstellung in St. Louis – in den USA aufgehalten hatten und von ihren persönlichen Erfahrungen berichten konnten. So kündigte die „Hilfe“ am 15. Januar 1905 an, daß bei der Versammlung „unsere aus Amerika zurückgekehrten Mitglieder Prof. Dr. Tröltsch, Frau Marianne Weber, Kaufmann Nuzinger und Prof. Dr. Cohnheim über die verschiedenen Seiten des öffentlichen und privaten Lebens der Union sprechen“ würden. Gleichzeitig wurde „ein politisches Schlußwort“ in Aussicht gestellt, ein Redner jedoch noch nicht genannt.
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Die Hilfe, Nr. 2 vom 15. Jan. 1905, S. 6.
Nach übereinstimmenden Pressemeldungen war die Veranstaltung ein großer Erfolg. Die „Hilfe“ schrieb im Rahmen ihres Versammlungsberichts vom 21. Januar: „In dicht gedrängten Scharen strömten gestern die Menschen zum ,Tannhäuser‘, Bürger, Arbeiter, Frauen, Professoren, Studenten: unser Amerika-Abend hatte eine solche Anziehungskraft, daß der unter normalen Verhältnissen 500 Personen fassende Saal von 700 Besuchern, die weit bis ins Treppenhaus in fürchterlicher Enge zusammengekeilt aushielten, geradezu beängstigend überfüllt war.“
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Ebd., Nr. 4 vom 29. Jan. 1905, S. 5.
Auch die Lokalpresse berichtete, daß zahlreiche Besucher keinen Platz mehr gefunden hätten und, selbst „nachdem eine Anzahl von Tischen entfernt worden war“, wieder umkehren mußten.
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Heidelberger Zeitung, Nr. 18 vom 21. Jan. 1905, 1. Bl., S. 1.
In seinem Einführungsreferat schilderte Ernst Troeltsch, der gemeinsam mit Max und Marianne Weber nach St. Louis gereist war, die Überfahrt sowie seine Eindrücke vom Leben in New York und Chicago. Danach hielt Marianne Weber einen „mit Spannung erwarteten Vortrag“ über das Thema „Was bietet Amerika der Frau?“ Sie befaßte sich darin unter anderem mit der Stellung der amerikanischen Frau im Familienleben und ihrem Verhältnis zum anderen Geschlecht, ihren Bildungsmöglichkeiten und ihrer beruflichen sowie sozialen Tätigkeit und charakterisierte die Amerikanerin schließlich als „Pflegerin der geistigen und kulturellen Güter“ und als „Hüterin des sittlichen Idealismus“.
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Ebd., S. 2.
Nachdem Otto Bernhard Nuzinger über den Problemkreis „Der Amerikaner in Geschäft und Familie“ referiert hatte, sprach zum Abschluß Otto Heinrich Cohnheim, der 1904 eine Gastprofessur in Bo[383]ston/Mass. innegehabt hatte, über das Thema „Der amerikanische Arbeiter“.
Nach einer kurzen Pause ergriff Max Weber zu einem rund einstündigen Diskussionsbeitrag das Wort.
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[383] Ebd.
Wie sich einem Brief Marianne Webers an Helene Weber entnehmen läßt, hatte von Anfang an die Hoffnung bestanden, daß Max Weber „in der Diskussion etwas sagen“ würde, jedoch gab es noch am 20. Januar Zweifel, ob er überhaupt würde mitgehen können, da er einige Tage zuvor „eine ganz gründliche Erkältung mit nach Hause“ gebracht hatte und „noch sehr verschnupft“ war.
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Brief Marianne Webers an Helene Weber vom 20. Jan. 1905, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
Der Entschluß zu sprechen scheint erst abends gefallen zu sein. So berichtet Marianne Weber: „Ausnahmsweise verläßt nun der kranke Löwe auch abends seine Höhle. Als die Heidelberger National-Sozialen unter A[dolf] Deißmanns Leitung einen ,Amerikaabend‘ veranstalten, […] läßt er sich mitlocken und improvisiert dann in der Diskussion länger als die Hauptredner zusammen. Die aufgespeicherten Eindrücke strömen mitreißend hervor.“
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Weber, Marianne, Lebensbild1, S. 358.
In dem Brief an Helene Weber heißt es sogar, daß der Abend „ein wahrer Glanz“ gewesen sei: „Als riesiger Knalleffekt kam zum Schluß unser ,Großer‘ u. redete, redete, trotz Katarrh[,] bis er kaum noch eine Stimme hatte – bis ½ 12 Uhr, über eine Stunde! Glänzend sage ich Dir! der verflixte Kerl.“
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Brief Marianne Webers an Helene Weber vom 20. Jan. 1905, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.
Auch die „Hilfe“ bezeichnete das Auftreten Webers als eine „Überraschung“, über die sie sehr ausführlich berichtete. „Herr Universitäts-Professor Dr. Max Weber ergriff zum ersten Male wieder seit Jahren das Wort. In einstündiger, mit lautloser Stille aufgenommener, nur häufig durch Beifall unterbrochener Rede sprach er, ebenfalls auf Grund der Eindrücke seiner Amerikareise, das Schlußwort zu den vier kurzen Reden der anderen. Im besten Sinne ein Volksredner, aber in jedem Satze Forscher und politischer Denker, spannend von Anfang bis zu Ende, witzig und sarkastisch, manche Superlative der Vorredner mildernd, schilderte Weber besonders das politische Nordamerika.“
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Die Hilfe, Nr. 4 vom 29. Jan. 1905, S. 6.
Dieser „mit gespanntester Aufmerksamkeit“ und „großem Beifall“ aufgenommene Diskussionsbeitrag ist uns nur in einigen wenigen Stichworten überliefert. Insgesamt lassen die behandelten Themen den Schluß zu, daß [384]Max Weber hier bereits die Hauptelemente seiner zukünftigen Auseinandersetzung mit „Amerika“ skizzierte, die dann in zahlreichen wissenschaftlichen und politischen Abhandlungen und Reden ihren Niederschlag finden sollten.
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[384] Siehe dazu u. a. die Artikelserie „,Kirchen‘ und ,Sekten‘ in Nordamerika“, in: Die Christliche Welt, Nr. 24 vom 14. Juni 1906, Sp. 558–562, und Nr. 25 vom 21. Juni 1906, Sp. 577– 583 (MWG I/9); die Diskussionsbeiträge während der Verhandlungen des IV. Deutschen Hochschullehrertags über „Die von den deutschen abweichenden Einrichtungen an den nordamerikanischen Hochschulen“, in: Verhandlungen des IV. Deutschen Hochschullehrertages zu Dresden am 12. und 13. Oktober 1911. – Leipzig: Verlag des Literarischen Zentralblattes für Deutschland 1912 (MWG I/13); Passagen aus: Wissenschaft als Beruf, MWG I/17, S. 71–74, 101 f., sowie Politik als Beruf, ebd., S. 212–218; sowie Webers Vortrag „Demokratie und Aristokratie im amerikanischen Leben“ vom März 1918, über den zahlreiche Heidelberger Tageszeitungen ausführlich berichteten (MWG I/15, S. 739–749).

Zur Überlieferung und Edition

Der Vortrag ist in folgenden Presseberichten überliefert:
  • 1. „Amerika-Abend des Nationalsozialen Vereins“, in: Heidelberger Zeitung, Nr. 18 vom 21. Januar 1905, 1. Bl., S. 2 (A(1));
  • 2. „(Nationalsozialer Verein)“, in: Heidelberger Tageblatt, Nr. 18 vom 21. Januar 1905, 1. Bl., S. 3 (A(2)).
Webers Ausführungen werden nach diesen Berichten wiedergegeben.