Die protestantische Askese und das moderne Erwerbsleben. [Vortrag am 5. Februar 1905 in Heidelberg]
(in: MWG I/9, hg. von Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Ursula Bube)
Bände

[216]Editorischer Bericht

I. Zur Entstehung

Nach der Veröffentlichung des ersten Aufsatzes seiner Studie „Die protestantische Ethik und der ,Geist‘ des Kapitalismus“,1[216] Oben, S. 97–215. aber noch vor der Veröffentlichung des zweiten,2 Unten, S. 222–425. hielt Max Weber im „Eranos“ am 5. Februar 1905 einen Vortrag mit dem Titel „Die protestantische Askese und das moderne Erwerbsleben“. Darin skizziert er in Kurzform, was er dann im zweiten Aufsatz ausführlich entwickeln sollte. Der Aufsatz profitierte also von der mit dem Vortrag verbundenen Diskussion.

Der „Eranos“ war ein Kreis Heidelberger Professoren, die sich zur „Erforschung der Religionen und der Religion“ zusammengeschlossen hatten.3 Zum „Eranos“-Kreis ausführlich: Lepsius, Μ. Rainer, Der Eranos-Kreis Heidelberger Gelehrter 1904–1908. Ein Stück Heidelberger Wissenschaftsgeschichte anhand der neu aufgefundenen Protokollbücher des Eranos, in: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1983, hg. vom Vorstand der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. – Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag 1984, S. 46–48; Treiber, Hubert, Der „Eranos“ – Das Glanzstück im Heidelberger Mythenkranz?, in: Schluchter, Wolfgang und Friedrich Wilhelm Graf (Hg.), Asketischer Protestantismus und der ,Geist‘ des modernen Kapitalismus. – Tübingen: Mohr Siebeck 2005, S. 75–153 (hinfort: Treiber, Der „Eranos“). Die Initiative zu seiner Gründung ging von dem Theologen Gustav Adolf Deissmann und dem klassischen Philologen Albrecht Dieterich aus. Sie wollten damit das interdisziplinäre Gespräch fördern. In „Statuten“ regelte man die Reihenfolge und den Ablauf der Zusammenkünfte. So sollten die Treffen während des Semesters einmal im Monat an einem Sonntag von 18 bis 23 Uhr stattfinden, und zwar in der Wohnung eines der Teilnehmer und reihum in alphabetischer Reihenfolge. Der jeweilige Gastgeber, „Hospes“ genannt, hatte einen Vortrag zu einem religionswissenschaftlichen Thema zu halten, an den sich eine Diskussion anschließen sollte. Gegen 20.30 Uhr war ein ein[217]faches Mahl vorgesehen. Danach sollte das wissenschaftliche Gespräch informell weitergeführt werden, bis man gegen 23 Uhr auseinanderginge.4[217] Protokollbuch des Eranos-Kreises (Universitätsarchiv Heidelberg, KE 94), darin auch das Einladungsschreiben Deissmanns und die „Satzung“.

Die „Statuten“ regelten ferner, daß ein „Album“ zu führen sei, in das der gastgebende Referent den Inhalt seines Vortrags und die wichtigsten Ergebnisse der Diskussion einzutragen hatte. Dem überlieferten Protokollbuch ist zu entnehmen, daß man sich von Januar 1904, dem Beginn der Zusammenkünfte, bis Anfang 1906 auch strikt an die Satzung hielt. Dann aber nahmen sowohl die Frequenz der Zusammenkünfte als auch die Ausführlichkeit ab, mit der Vortrag und Diskussion protokolliert wurden. Nach Januar 1909 fehlt jeglicher Eintrag. Danach löste sich der Kreis allmählich auf. Am 23. Februar 1908 hatte Weber noch einmal vorgetragen, diesmal über „Kapitalismus im Altertum“ und ohne jeden religionswissenschaftlichen Bezug.5 Ediert in MWG I/6, S. 748–753.

Am 5. Februar 1905 traf man sich in der Heidelberger Wohnung von Max und Marianne Weber in der Hauptstraße 73.6 Das Ehepaar Weber wohnte dort von 1902 bis 1906. Außer Max Weber, dem „Hospes“ und Referenten, nahmen Adolf Deissmann (Neues Testament), Albrecht Dieterich (Klassische Philologie), Alfred von Domaszewski (Alte Geschichte), Friedrich von Duhn (Archäologie), Eberhard Gothein (Nationalökonomie), Georg Jellinek (Öffentliches Recht), Erich Marcks (Neuere Geschichte), Karl Rathgen (Nationalökonomie) und Wilhelm Windelband (Philosophie) an der Zusammenkunft teil. Laut Protokollbuch waren damit bis auf Ernst Troeltsch (Theologie) alle Kreis-Teilnehmer anwesend.7 Laut Satzung mußte Fehlen begründet werden: „Die Mitglieder betrachten die Teilnahme an den Tagungen als Officium, von dem bloß die triftigsten Gründe dispensieren.“

Webers Eintrag in das Protokollbuch zeigt, daß er bei der Darlegung der dogmatischen Grundlagen der protestantischen Askese mit Calvinismus, Täufertum, Pietismus, Methodismus eine andere Abfolge der Träger des asketischen Protestantimus wählte als im zweiten Protestantismus-Aufsatz. Dies läßt jedoch keine weitergehenden Schlüsse zu. Weber verstand das Täufertum, wie er im zweiten Aufsatz schreibt, als „zweite[n] selbständige[n] Träger protestantischer Askese neben dem Calvinismus“.8 Weber, Protestantische Ethik II, unten, S. 346. Das ist mit dieser Reihenfolge stärker als im Aufsatz zum Ausdruck gebracht.

Interessant ist auch der Hinweis auf die „protestantische Fortentwicklung der ,lex naturae‘“. Sie habe in Verbindung mit dem Vorsehungsglauben an der utilitarischen Wendung der religiös begründeten Berufsaskese mitgewirkt. Im ersten Aufsatz zur „Protestantischen Ethik“ hatte Weber die Rolle der „lex naturae“ im Protestantismus erörtert und sich dabei auf die Schriften von Ernst [218]Troeltsch bezogen.9[218] Vgl. Weber, Protestantische Ethik I, oben, S. 190, Fn. 65. Danach sei es möglich, das weltliche Naturgesetz und das christliche Moralgesetz zu versöhnen. Den Anwesenden dürfte dieser Gedankengang nicht neu gewesen sein, denn während der vorangegangenen Sitzung, am 15. Januar 1905, hatte Ernst Troeltsch die „lex naturae“ in seinem Vortrag über den „Zusammenhang des Protestantismus mit dem Mittelalter“ behandelt. Dabei führte er unter anderem aus: „Hier bleibt die M[ittel-]A[lter]liche Verlegung des Staates in die rein äußere u. socialeudämonistische Sphäre u. die Entgegenstellung des geistlichen Lebens als das allein wirklich moralische; ferner die Aufeinanderbeziehung beider zum Gesamtsystem des corpus christianum als lex naturae u. lex spiritualis, die beide in der Idee identisch sind u. nur in der erbsündigen Welt auseinandertreten um dann in der christlichen Kultur wieder vereinigt zu werden.“10 Abdruck in: Graf, Friedrich Wilhelm, und Trutz Rendtorff (Hg.), Ernst Troeltschs Soziallehren. Studien zu ihrer Interpretation (Troeltsch-Studien, Band 6). – Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1993, S. 49 f.

Aus einem Brief von Albrecht Dieterich an Hermann Usener vom 6. Februar 1905 wissen wir, daß Weber auch über Eindrücke berichtete, die er auf seiner Reise durch die USA gewonnen hatte.11 „Gestern gabs in unserem Kränzchen einen höchst interessanten Vortrag von Max Weber ,Über protestantische Askese und den Geist des Kapitalismus‘. […] Einen merkwürdigen Einblick bekam man in die religiöse Denkart der kapitalistischen Calvinisten, Puritaner u.s.w. Er flocht viel ein, was er jetzt in Amerika gesehen hat.“ Zitiert nach Treiber, Der „Eranos“ (wie oben, S. 216, Anm. 3), S. 129 (Brief im Universitätsarchiv Bonn, Handschriftenabt. S 2102,2; Nl. Albrecht Dieterich). Diese waren offensichtlich noch sehr lebendig. Denn auch kurz zuvor, am 20. Januar 1905, hatte er auf einem „Amerika-Abend“ des Heidelberger Nationalsozialen Vereins, den Adolf Deissmann organisiert hatte, in der Diskussion über das amerikanische politische Leben eindrucksvoll improvisiert.12 Vgl. Weber, Das politische Leben in Amerika (Diskussionsbeitrag auf der Versammlung des Nationalsozialen Vereins am 20. Januar 1905 in Heidelberg), MWG I/8, S. 381–385.

Am Tag vor dem Vortrag schrieb Marianne Weber an Helene Weber: „Maxens wegen möchte ich eigentlich, daß die Sache erst vorbei wäre, diese letzte Zeit war nämlich nicht viel mit ihm los: sehr wenig u. unregelmäßiger Schlaf, infolge davon Depression, Arbeitsunfähigkeit – u. dgl. Die morgige Veranstaltung wird nun auch nochmals vom Kräftekapital zehren!“13 Brief Marianne Webers an Helene Weber vom 4. Febr. 1905 (Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446). Rückblickend zeigte sie sich erleichtert: „Uns geht es so weit befriedigend. Max ist neulich das wissensch[aftliche] Kränzchen besser bekommen als ich fürchtete u. er hat einen prachtvollen Vortrag gehalten, u. dann hernach auch wie[219]der besser produzieren können. Dann geht es mal wieder auf u. ab natürlich […]“.14[219] Brief Marianne Webers an Helene Weber (undat.), PSt 27. Febr. 1905 (Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446).

II. Zur Überlieferung und Edition

Der Abdruck des Vortrags folgt Max Webers eigenhändigem Eintrag in das Protokollbuch des Eranos-Kreises, Universitätsarchiv Heidelberg, KE 94, Bl. 19–20 (A). Als Überschrift ist das dort angegebene Thema des Referats gewählt. Weber hielt es in der IX. Sitzung, am 5. Februar 1905. Der Eintrag erstreckt sich über zwei Seiten, die im Protokollbuch als „19“ und „20“ gezählt sind, wobei die S. 20 nur zu drei Viertel gefüllt ist. Die Nummer der Sitzung („IX.“), die dem Eintrag voransteht, stammt von fremder Hand und wird daher nicht wiedergegeben.15 Für die Transkription des Textes danken wir Frau Diemut Moosmann.

Von Max Weber vorgenommene Einschübe in den Text sind mit diakritischen Zeichen gekennzeichnet. Die Verschreibung „Utilitarismusmus“ wird nicht nachgewiesen.16 Der Text ist erstmals bei Treiber, Der „Eranos“ (wie oben, S. 216, Anm. 3), S. 126 f., wiedergegeben. Abweichend liest die vorliegende Edition: „der formalistisch-legale Charakter“ (statt: formalistisch-loyale; S. 221, Z. 7) und „Expansion der kapitalistischen Wirtschaft“ (statt: Weltwirtschaft; ebd., Z. 9).