[481]Editorischer Bericht
I. Zur Entstehung
Max Webers Beitrag mit dem Titel „R. Stammlers ,Überwindung‘ der materialistischen Geschichtsauffassung“ wurde Anfang 1907 in Heft 1 des 24. Bandes des „Archiv[s] für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ publiziert.
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1896 war die erste Auflage des Buches „Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung“ des Rechtsphilosophen Rudolf Stammler erschienen.[481] Weber, Stammler, unten, S. 487–571.
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1906 wurde die zweite, verbesserte Auflage dieser „sozialphilosophische[n] Untersuchung“ Stammler, Wirtschaft1.
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unter demselben Titel publiziert. So der Untertitel von Stammlers Buch.
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Dieser zweiten Auflage widmete Weber eine Besprechung, in die er eigene methodologische Ausführungen einfügte. So entstand ein 58 Seiten langer „Litteratur-Aufsatz“, Stammler, Wirtschaft2.
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der allerdings nicht in der Rubrik „Literatur“, sondern in der Rubrik „Abhandlungen“ des „Archivs“ erschien. Brief von Max Weber an Oskar Siebeck vom 28. Sept. 1906, MWG II/5, S. 169.
Weber war bereits zuvor wiederholt auf Stammler zu sprechen gekommen. Schon im „Grundriß“ zu seinen Vorlesungen zur Allgemeinen („theoretischen“) Nationalökonomie hatte er die erste Auflage von Stammlers Buch aufgeführt.
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In einer Karte an Edgar Jaffé vom 6. Januar 1904 schrieb er mit Bezug auf die Planung der nächsten Hefte des „Archivs“: „Wollen Sie übrigens nicht auch Lask (wegen R[ichard] Schmidt oder Stammler) u. Herkner (wegen Jastrow[)] mahnen bezw. anfragen, wann die Sachen kommen?“ Weber, Grundriß zu den Vorlesungen über Allgemeine („theoretische“) Nationalökonomie, MWG III/1, S. 89–117, hier S. 117.
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Es ist allerdings nicht bekannt, welchen Beitrag Emil Lask über Stammler hätte liefern sollen und ob es sich dabei gegebenenfalls um eine Besprechung von Stammlers „Wirtschaft und Recht“ hätte handeln können. Karte von Max Weber an Edgar Jaffé vom 6. Jan. 1904, MWG II/4, S. 195.
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Von Lask, einem Schüler Wilhelm [482]Windelbands und Heinrich Rickerts, findet sich über Stammler jedenfalls nichts im „Archiv“. Ein erster Hinweis, daß sich Weber selbst intensiver mit Stammler befassen wollte, findet sich in einem Brief an Willy Hellpach vom 31. März 1905, in dem Weber zu einem Manuskript Hellpachs Stellung nahm. In einem Festschriftbeitrag kam Lask 1905 auf Stammler zu sprechen und zitierte zwei von dessen Werken: Stammler, Wirtschaft1, und Stammler, Lehre (wie oben, S. 398, Anm. 55). Vgl. Lask, Emil, Rechtsphilosophie, in: Die Philosophie im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Festschrift für Kuno Fischer, Band 2, hg. von Wilhelm Windelband. – Heidelberg: Carl Winter 1905, S. 1–50, hier S. 5, 9, 15, 28, 48.
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Dort heißt es: „Nun sind ,teleologische‘, ,normative‘ und ,idiographische‘ ,Richtung‘ 3 ganz heterogene Dinge. Es hat ferner Windelband (und Rickert) mit Stammler nichts zu thun.“[482] Hellpach, Willy, Sozialpathologie als Wissenschaft, in: AfSSp, Band 21, Heft 2, 1905, S. 275–307 (hinfort: Hellpach, Sozialpathologie).
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Und weiterhin: „Berechtigt ist Ihr Bedenken gegenüber Stammler in einem bestimmten Sinn, den ich hier nicht näher erörtern will, da ich sein Buch wohl bald einmal (scharf ablehnend) besprechen werde.“ Brief von Max Weber an Willy Hellpach vom 31. März 1905, MWG II/4, S. 442–444, hier S. 443.
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Hellpach hatte sich bei seiner Behandlung von Stammler hauptsächlich auf die erste Auflage von „Wirtschaft und Recht“ bezogen. Ebd., S. 444.
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Am 5. April 1905 kam Weber gegenüber Hellpach noch einmal auf Stammler zu sprechen: „Wenn Sie Ihren Standpunkt zu Windelband, Stammler pp. dahin präcisieren, daß allen jenen Gelehrten gemeinsam sei die Negierung des Dogmas von der alleinseligmachenden Methode, zu welchem Sie sich bekennen, dann sind Sie allerdings ganz im Recht.“ Hellpach, Sozialpathologie (wie oben, S. 482, Anm. 9), S. 287, nennt neben Stammler, Wirtschaft1, auch Stammler, Rudolf, Die Gesetzmäßigkeit in Rechtsordnung und Volkswirtschaft. Vortrag, gehalten in der Gehe-Stiftung zu Dresden am 15. Februar 1902. – Dresden: Zahn & Jensch 1902.
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Brief von Max Weber an Willy Hellpach vom 5. April 1905, MWG II/4, S. 449–453, hier S. 449.
Auch in der Folge findet man immer wieder Hinweise, daß sich Weber mit Stammler auseinandersetzen wollte. In seiner redaktionellen Bemerkung zu Gustav Cohns Abhandlung „Über den wissenschaftlichen Charakter der Nationalökonomie“, die, angeregt durch Webers 1904 publizierte Abhandlung „Die ,Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“, 1905 erschien, merkte er in einer Fußnote an: „Auf die Kontroverse über ,den wissenschaftlichen Charakter der N[ational]-Ö[konomie]‘ gehe ich hier natürlich nicht ein, hoffe vielmehr künftig – vielleicht schon im nächsten Winter – gelegentlich bei einer Auseinandersetzung mit Stammler und seiner ,Schule‘ darauf zurückzukommen.“
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In einem Brief an Georg Jellinek vom 14. Oktober 1905 stellte Weber denn auch in Aussicht, daß er „im Lauf des nächsten Jahres auf die Methodenfragen unsrer Disziplin zurückkomme“. Weber, Cohn, oben, S. 237.
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Im zweiten Teil seiner Abhandlung „Roscher und Knies“, der im Herbst 1905 erschien, findet sich eine Fußnote, in der Weber Rickerts „teleologische Begriffsbildung“ von [483]„den ,Teleologen‘ vom Gepräge Stammlers“ abgrenzt. Brief von Max Weber an Georg Jellinek vom 14. Okt. 1905, MWG II/4, S. 555.
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1906 merkte er im dritten Artikel dieser Abhandlung in einer Fußnote an: „Über das Verhältnis von ,Telos‘ und ,Causa‘ in der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis herrscht mehrfach, namentlich seit Stammlers geistvollen, aber manche Trugschlüsse enthaltenden Arbeiten eine erstaunliche Verwirrung.“[483] Weber, Roscher und Knies 2, oben, S. 301, Fn. 39.
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In den ebenfalls Anfang 1906 publizierten „Kritische[n] Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik“ hielt er Eduard Meyer vor, daß er sich „durch Ausführungen Stammler’s […] hätte verführen lassen“. Weber, Roscher und Knies 3, oben, S. 355, Fn. 32.
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Weber, Kritische Studien, oben, S. 398, mit Bezug auf Meyer, Theorie, S. 16, und Stammler, Lehre (wie oben, S. 398, Anm. 55), S. 177 ff.
Nun heißt es in einem Brief, den Paul Siebeck, der Verleger des „Archivs“, am 25. Januar 1906 an Jaffé schrieb: „Das Rezensionsexemplar von ,Stammler‘ werde ich bei Veit & Co. reklamieren.“
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Damit war wahrscheinlich die zweite Auflage von „Wirtschaft und Recht“ gemeint. Ob Weber sie bestellt hatte, bleibt unklar. Jedenfalls ist in einem Brief Jaffés an Siebeck am 30. Juni 1906 die Rede von den „besondere[n] Schwierigkeiten“, die Weber der Druckerei mit seiner unleserlichen Handschrift und seinen fortwährenden Korrekturen eines Manuskripts bereitete, so daß Jaffé beschwichtigend hinzufügte: „auch glaube ich, daß Prof. Weber keine weiteren derartigen umfangreichen Extraberichte mehr liefern wird, da er sich nach Abschluß des Vorliegenden vor allem der Recension wichtiger Bücher widmen will“. Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 25. Jan. 1906, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nl. 488 (Archiv des Verlages Mohr Siebeck), K. 216.
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Brief von Edgar Jaffé an Paul Siebeck vom 30. Juni 1906, ebd.
In Webers Handbibliothek findet sich ein mit zahlreichen Marginalien, An- und Unterstreichungen versehenes Exemplar der zweiten Auflage von Stammlers „Wirtschaft und Recht“, das von Webers intensiver Vorarbeit für den edierten Besprechungsaufsatz zeugt.
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Am 28. September 1906 schrieb Weber an Oskar Siebeck, den Sohn des Verlegers Paul Siebeck: „Anbei, nach Vereinbarung mit Dr Jaffé, das Manuskript eines Litteratur-Aufsatzes für das Januar-Heft. Ich bin bis 22. November abwesend in Sizilien […]. Sehr gern hätte ich […] bei der Rückkehr hier einige Correkturen, da ich gern größere Partien hinter einander weg corrigieren möchte.“ Das Handexemplar findet sich in der Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München. Hinweise auf An- und Unterstreichungen sowie die Marginalien werden – wo geboten – in die Sachkommentierung einbezogen.
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Auf Anfrage Jaffés nach dem Umfang des Manuskripts Brief von Max Weber an Oskar Siebeck vom 28. Sept. 1906, MWG II/5, S. 169. Weber reiste am 26. November nach Heidelberg zurück. Vgl. Brief von Max Weber an Helene Weber vom 24. Nov. 1906, MWG II/5, S. 181 f., hier S. 181.
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teilte Paul Siebeck am 19. Oktober 1906 mit: [484]„Eine einigermassen zutreffende Umfangberechnung zu geben, ist bei der Beschaffenheit des Manuskriptes unmöglich und deshalb wollen Sie sich damit, bitte, gedulden, bis die Fahnen vorliegen. Das Manuskript habe ich kürzlich in Satz gegeben, damit die Druckerei möglichst viel Zeit auf diese schwierige Arbeit verwenden kann.“ Brief von Edgar Jaffé an Paul Siebeck vom 17. Okt. 1906, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nl. 488 (Archiv des Verlages Mohr Siebeck), K. 216.
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Am 9. November 1906 sprach Paul Siebeck von einem Umfang von „56“ Seiten[484] Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 19. Okt. 1906, ebd. Vgl. auch Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 2. Nov. 1906, ebd.
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und meldete am 24. November 1906: „Heute ging Korrektur mit Manuskript an Herrn Professor Weber nach Heidelberg ab.“ Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 9. Nov. 1906, ebd.
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Von Weber gibt es eine weitere Äußerung in einem Brief an Paul Siebeck vom 5. Dezember 1906: „die Druckerei hat meinen Artikel für das Januarheft ganz vorzüglich gesetzt, und ich bitte, da ich vermuthe, daß ein Teil des Mscr. nicht ganz leicht war (ich konnte es beim besten Willen nicht mehr ändern vor der Abreise), dafür meinen verbindlichsten Dank auszusprechen.“ Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 24. Nov.1906, ebd. Vgl. auch Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 1. Dez. 1906, ebd.
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Am 20. Dezember 1906 informierte Paul Siebeck Jaffé, daß er die Druckerei angewiesen habe, „Μ. Weber sofort zu umbrechen“. Brief von Max Weber an Paul Siebeck vom 5. Dez. 1906, MWG II/5, S. 195–197, hier S. 195.
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Wie aus einem Brief Jaffés an Paul Siebeck vom 27. Januar 1907 hervorgeht, hatte Weber offenbar umfangreiche Korrekturen durchgeführt und dadurch die Kosten in die Höhe getrieben: „Was sodann die Frage der unverhältnismässig hohen Korrekturkosten anlangt, so bin ich mit Ihnen ganz der Meinung, dass diese nicht in ihrer Totalität von Ihnen getragen werden sollten, besonders wenn sie, wie ja auch diesmal, daher rühren, dass ein oder zwei Mitarbeiter sich in dieser Hinsicht keinerlei Rücksicht auferlegen wollen.“ Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 20. Dez. 1906, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nl. 488 (Archiv des Verlages Mohr Siebeck), K. 216.
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Jaffé fügte noch hinzu: „Auch was in meiner Macht als Redakteur stand habe ich getan, um derartige Ueberschreitungen zu verhindern und speziell habe ich daher mit Professor Weber arrangirt, dass er sämmtliche Korrekturkosten selber trägt“. Brief von Edgar Jaffé an Paul Siebeck vom 27. Jan. 1907, ebd., K. 232.
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Schließlich bat er, ihm „einen Auszug der Rechnung von Professor Weber per 1. Ja[n]uar d. J. zu senden“, damit er Siebeck „aus dem Prof. Weber zukommenden Redaktionshonorare eine Zuweisung zur teilweisen Deckung seiner Schuld bei Ihnen machen kann“. Ebd.
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Am 29. Januar 1907 übersandte Paul Siebeck den gewünschten Rechnungsauszug. Ebd.
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Brief von Paul Siebeck an Edgar Jaffé vom 29. Jan. 1907, ebd.
Webers Beitrag „R. Stammlers ,Überwindung“ der materialistischen Geschichtsauffassung“ erschien 1907 im Januarheft des „Archivs“, das laut [485]Heftumschlag am 11. Februar 1907 ausgegeben wurde.
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Er enthält einige Hinweise auf die geplante Fortführung[485] Vgl. dagegen Weber, Marianne, Lebensbild, S. 369: „Erst im Sommer [1907] kann er wieder produzieren und zwar Schwieriges: Die logische Auseinandersetzung mit Stammler, deren erster Teil noch im Juliheft des Archivs erscheint.“
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und endet mit dem Hinweis: „(Ein weiterer Artikel folgt.)“ Vgl. unten, S. 569 mit Anm. 62 (zu Stammlers Begriff der „Konventionalregel“); S. 570 mit Anm. 66 (zur Vermischung der Bedeutungen von „Sein“ und „Sollen“, „Begriff“ und „Begriffenem“).
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Die überlieferten Teile dieser Fortführung wurden von Marianne Weber postum in den „Gesammelten Aufsätzen zur Wissenschaftslehre“ unter dem Titel „Nachtrag zu dem Aufsatz über R. Stammlers ,Ueberwindung‘ der materialistischen Geschichtsauffassung“ publiziert. Weber, Stammler, unten, S. 571.
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Die kritische Auseinandersetzung mit Stammlers Buch und dessen Grundpositionen setzt sich auch und vor allem im Text „Die Wirtschaft und die Ordnungen“ fort, der ebenfalls postum im Beitrag „Wirtschaft und Gesellschaft“ veröffentlicht wurde, Weber, Nachtrag zu Stammler, unten, S. 572–617.
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bis hin zu der letzten Bemerkung in den „Soziologischen Grundbegriffen“ über „das stark irreführende Buch von R. Stammler“ mit einem Hinweis auf die hier edierte Kritik. Weber, Die Wirtschaft und die Ordnungen, MWG I/22-3, S. 192–247, vgl. dazu Gephart, Werner, Einleitung, ebd., S. 9–13.
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Weber, Vorbemerkung zu den Soziologischen Grundbegriffen, MWG I/23, S. 147-149, hier S. 148.
II. Zur Überlieferung und Edition
Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter dem Titel „R. Stammlers ,Überwindung‘ der materialistischen Geschichtsauffassung“ im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, hg. von Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffé, Band 24, Heft 1, 1907, S. 94–151, erschienen ist (A).
Zeitgenössische und Weber-spezifische Schreibweisen, wie z. B. „geberdet“ (S. 490, Fn. 1) oder „Wiederspiegelungen“ (S. 491 f., 521 f.), bleiben erhalten. Die Fußnoten-Zählung ist – einschließlich der Verwendung von Asterisken und der zusätzlichen Zählung von „a“ und „b“ – von der Edition übernommen worden,
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so daß der Arbeitsprozeß erkennbar bleibt. Webers explizite Verweise (mit Seitenangabe) auf Stellen in Stammlers Buch werden vollständig dokumentiert. Vgl. unten, S. 487, Asterisk; S. 531, Fn. 7a; S. 539, Fn. 8a; S. 540, Fn. 8b; S. 555, Fn. 12a; S. 558, Fn. 13a; S. 560, Fn. 14a.
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Im Fall von Zeilenangaben Webers werden die [486]entsprechenden Buchzitate mit * (für Zeilenanfang und -ende) kenntlich gemacht. Weiterhin werden die Stammler-Bezüge um Informationen aus dem überlieferten Handexemplar Webers ergänzt. Es handelt sich um folgende Seiten: Stammler, Wirtschaft2, S. 3, 5, 12–16, 18–19, 24, 26, 29–31, 37, 62–72, 84, 132–133, 136, 146.
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[486] Vgl. dazu oben, S. 483, Anm. 21.