MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie. (Erster Artikel.). [I. Roschers „historische Methode“]. 1903
(in: MWG I/7, hg. von Gerhard Wagner in Zusammenarbeit mit Claudius Härpfer, Tom Kaden, Kai Müller und Angelika Zahn )
Bände

[41][A [1]]Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie.a[41] In A folgt: Von Max Weber.

(Erster Artikel.)

Inhaltsverzeichnis.

Vorbemerkung S. 41. – I. Roschershistorische Methode“. Roschers Klassifikation der Wissenschaften S. 43. Roschers Entwickelungsbegriff und die Irrationalität der Wirklichkeit S. 52. Roschers Psychologie und sein Verhältnis zur klassischen Theorie S. 83. Die Schranke des diskursiven Erkennens und die metaphysische Kausalität der Organismen bei Roscher S. 87. Roscher und das Problem der praktischen Normen und Ideale S. 94.

Das nachstehende Fragment1)[41][A [1]] Es war ursprünglich für die diesjährige Heidelberger Festschrift2 Vgl. Heidelberger Professoren. bestimmt, wurde aber nicht rechtzeitig fertig und paßte auch seinem jetzigen Charakter nach wenig an jene Stelle.3 Vgl. oben, S. 37–40. will kein literarisches Porträt unserer Altmeister1[41] Boenigk bezeichnet Karl Knies als „Altmeister der Volkswirtschaftswissenschaft“. Vgl. Boenigk, Otto, [ohne Titel], in: Staatswissenschaftliche Abhandlungen. Festgaben für Karl Knies zur fünfundsiebzigsten Wiederkehr seines Geburtstages, hg. von Otto Freiherrn von Boenigk. – Berlin: O. Haering 1896, S. Ill–V, hier S. III. sein. Vielmehr beschränkt es sich auf den Versuch, zu zeigen, wie gewisse elementare logisch-methodische Probleme, welche im letzten Menschenalter in der Geschichtswissenschaft und in unserer Fachdisziplin zur Erörterung standen, in den Anfängen der historischen Nationalökonomie sich geltendmachten2) Freilich werden wir es dabei nur mit elementaren Formen dieser Probleme zu tun haben. Dieser Umstand allein erlaubt es mir, dem die fachmäßige Beherrschung der gewaltig anschwellenden logischen Literatur4 Im 19. Jahrhundert wurden allein im deutschsprachigen Raum ca. 150 Logiken publiziert, u. a. von Rudolf Hermann Lotze, Christoph Sigwart und Wilhelm Wundt. naturgemäß nicht zu Gebote steht, mich mit ihnen hier zu beschäftigen. Ignorieren [A 2]darf auch der Fachmann der Einzelwissenschaften jene Probleme nicht, und vor allem: so elementar sie sind, so wenig ist, wie sich auch im Rahmen dieser Studie zeigen wird, auch nur ihre Existenz allseitig erkannt. , und wie sich die [A 2]ersten großen Leistungen der historischen Methode mit ihnen abzufinden versucht haben. Wenn dabei vielfach wesent[42]lich auch deren Schwächen hervortreten, so liegt das im Wesen der Sache. Gerade sie können uns immer wieder zur Besinnung auf diejenigen allgemeinen Voraussetzungen führen, mit welchen wir an unsere wissenschaftliche Arbeit herantreten, und dies kann der alleinige Sinn solcher Untersuchungen sein, welche auf ein „künstlerisches“ Gesamtbild5[42] Schöll, Vorrede (wie oben, S. 12, Anm. 81), S. XIV, zufolge war Knies „ein literarisches Porträt bereits von der Hand Gustav Schmollers gewidmet“ worden. Möglicherweise referiert Weber hier auf Schmoller, Knies1/2. Vgl. bereits Einleitung, oben, S. 12. ganz geflissentlich zu Gunsten breiter Zergliederung wirklich oder scheinbar selbstverständlicher Dinge verzichten müssen. –

Man pflegt heute als die Begründer der „historischen Schule“ Wilhelm Roscher, Karl Knies und Bruno Hildebrand zusammen zu nennen. Ohne nun der großen Bedeutung des zuletzt Genannten irgendwie zu nahe treten zu wollen, kann er doch für unsere Zwecke hier ausscheiden, obwohl gerade er, in gewissem Sinne sogar nur er, mit der heute als „historisch“ bezeichneten Methode wirklich gearbeitet hat. Sein in der „Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft“6 Hildebrand, Nationalökonomie. niedergelegter Relativismus verwertet in den Punkten, auf die es hier ankommt, nur Gedanken, welche schon vor ihm, teils von Roscher, teils von anderen, entwickelt waren. Hingegen kann eine Darstellung der methodologischen Ansichten von Knies einer vorherigen Darlegung des methodischen Standpunktes Roschers nicht entraten. Knies’ methodologisches Hauptwerk7 Knies, Oekonomie1; Knies, Oekonomie2. ist mindestens ebensosehr eine Auseinandersetzung mit den bis dahin erschienenen Arbeiten Roschers – dem es zugeeignet war8 Vgl. Knies, Oekonomie1, S. V: „Herrn Wilhelm Roscher! Ich kenne Sie nicht persönlich; auch trete ich mehreren Ansichten und Urtheilen, die Sie kundgegeben, entgegen und muß gewärtig sein, Ihre Zustimmung zu diesen Ausführungen nicht zu erlangen. Doch glaube ich mir erlauben zu dürfen, Ihnen durch die Widmung dieses Buches einen Beweis meiner großen Hochschätzung der Verdienste zu geben, die Sie Sich um die politische Oekonomie in einer Reihe von Schriften erworben haben, welche in der Geschichte dieser Wissenschaft nach meinem Ermessen für immer eine ausgezeichnete Stelle einnehmen werden. Karl Knies.“ – wie mit den Vertretern des bis auf Roscher bei uns die Universitäten beherrschenden Klassizismus,9 Weber zählt zur klassischen Schule der Nationalökonomie Adam Smith, David Ricardo, Thomas Robert Malthus, Nassau William Senior, Jean Baptiste Say, Frédéric [43]Bastiat, Karl Heinrich Rau, Johann Heinrich von Thünen, Friedrich Benedikt Wilhelm von Hermann. Vgl. Weber, Allgemeine („theoretische“) Nationalökonomie, MWG III/1, S. 548. als dessen anerkanntes Haupt damals Knies’ Heidelberger Vorgänger, Rau, wirkte.

[43]Wir beginnen daher mit einer Darlegung der methodischen Grundanschauungen Roschers, wie sie sich in seinem Buch über „Leben, Werk und Zeitalter des Thukydides“,10 Roscher, Thukydides. seinem programmatischen „Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft“ von 184311 Roscher, Grundriß. und seinen Aufsätzen aus den vierziger Jahren finden,12 Weber referiert auf Roscher, Verhältniss. und ziehen auch die ersten Auflagen des ersten Bandes seines erst nach dem Kniesschen Buche erschienenen „Systems der Volkswirtschaft“ (1. Aufl. 1854, 2. 1857),13 Roscher, System I1; Roscher System I2. Knies, Oekonomie1, war 1853 erschienen. Knies, Oekonomie2, erschien 1883. sowie seine späteren Arbeiten insoweit [A 3]heran, als sie lediglich die konsequente Ausgestaltung desjenigen Standpunktes enthalten, mit welchem Knies sich auseinanderzusetzen beabsichtigte3)[43][A 3] Sachlich erhebliche Änderungen finden sich übrigens in den für uns wesentlichen Hauptpunkten bis in die spätesten Bände und Auflagen des großen Roscherschen Werkes kaum.14 Die 23. Auflage des ersten Bandes von Roschers „System der Volkswirthschaft“ erschien 1900 und wird im Folgenden als Roscher, System I23, zitiert. Es ist eine gewisse Erstarrung eingetreten. Autoren wie Comte und Spencer hat er zwar noch kennen gelernt,15 Zu Auguste Comte vgl. Roscher, System I23, S. 28 (§ 11). Zu Herbert Spencer vgl. ebd., S. 28, 251, 533 (§§ 11, 88, 177). ihre Grundgedanken in ihrer Tragweite aber nicht erkannt und nicht verarbeitet. Über Erwarten dürftig für unsere Zwecke erweist sich insbesondere seine „Geschichte der Nationalökonomie“ (1874),16 Gemeint ist: Roscher, Geschichte; der Titel lautet: „Geschichte der National-Oekonomik“. da für R[oscher] durchweg das Interesse daran, was der behandelte Schriftsteller praktisch gewollt hat, im Vordergrunde steht. .

I. Roschers „historische Methode“b[43] Überschrift vom Editor aus dem Inhaltsverzeichnis, oben, S. 41, hier eingefügt.

Roscher4) Die nachfolgende Analyse bietet, ihrem Zwecke entsprechend, selbstverständlich das Gegenteil eines Gesamtbildes von der Bedeutung Roschers. Für deren Würdigung [44]ist auf den Aufsatz Schmollers (zuletzt gedruckt in: Zur Literaturgeschichte der Staats- und Sozialwissenschaften)18 Schmoller, Roscher. und auf die Gedächtnisrede Büchers (abgedruckt Preuß[ische] Jahrbücher, Band 77, 1894, S. 104 ff.)19 Bücher, Roscher. zu verweisen. Daß beide in diesen bei Roschers Lebzeiten bezw. gleich nach seinem Tode erschienenen Aufsätzen einen für Roschers wissenschaftliche Persönlichkeit wichtigen Punkt: seine religiöse Grundanschauung, beiseite ließen, war bei der subjektivistischen Empfindungsweise unserer Generation in diesen Dingen durchaus natürlich. Eine genauere Analyse von Roschers Methode würde – wie wir sehen werden – diesen Faktor nicht vernachlässigen dürfen, und Roscher selbst war – wie die posthume Publikation seiner „Geistlichen Gedanken“20 Roscher, Gedanken. zeigt – auch insofern durchaus „unmodern“, als er gar nicht daran dachte, bei dem öffentlichen Bekenntnis zu seinem streng traditionellen Glauben irgend eine Verlegenheit zu empfinden. Daß in der nachfolgenden Analyse Roschers mannigfache Wiederholungen und eine oft scheinbar unnötige Ausführlichkeit sich finden, hat seinen Grund in dem unabgeschlossenen und vielfach in sich widerspruchsvollen Charakter seiner Ansichten, deren einzelne Verzweigungen immer wieder an den gleichen logischen Gedanken gemessen werden müssen. Für logische Untersuchungen gibt es schlechthin nichts „Selbstverständliches“. Wir analysieren hier in eingehender Weise längst überwundene Anschauungen Roschers auf ihren logischen Charakter hin, über deren sachlichen Gehalt heute in unserer Wissenschaft wohl niemand mehr ein Wort verlieren würde. Irrtümlich aber wäre es, aus diesem Grunde anzunehmen, die logischen Schwächen, die darin stecken, wären uns heute im allgemeinen klarer, als sie es ihm waren. unterscheidet zweierlei Arten der wissenschaftlichen Verarbeitung der Wirklichkeit, die er als „philosophische“ und [44]„historische“ bezeichnet: begriffliche Erfassung im Wege der generalisierenden Abstraktion unter Eliminierung der „Zufälligkeiten“ der Wirklichkeit einerseits, und andererseits schildernde Wiedergabe [A 4]der Wirklichkeit in ihrer vollen Realität.17[44] Vgl. Roscher, Grundriß, S. 1 (§ 1): „Der Philosoph will ein System von Begriffen oder Urtheilen, möglichst abstract, d. h. möglichst entkleidet von allen Zufälligkeiten des Raumes und der Zeit; der Historiker eine Schilderung menschlicher Entwicklungen und Verhältnisse, möglichst getreu dem wirklichen Leben nachgebildet.“ Zur „generalisierenden Abstraktion“ vgl. Einleitung, oben, S. 16 f. Von der „Wirklichkeit in ihrer vollen Realität“ ist wörtlich die Rede in Dilthey, Einleitung, S. 154 („Wirklichkeit in ihrer vollen Realität“), S. 68, 103, 238 („volle Wirklichkeit“), S. 247, 503 („volle Realität“, „vollste Realität“). Menger, Untersuchungen, S. VII, 34 ff., 41 f., 44, 54 f., 59, 65 f., 68 f., 77 ff., 260, spricht von der „vollen empirischen Wirklichkeit“. In Rickert, Grenzen, S. 541, ist die Rede von der „volle[n] Wirklichkeit“ bzw. der „vollen empirischen Wirklichkeit“ (ebd., S. 420, 555). Man fühlt sich sofort an die heute vertretene Scheidung von Gesetzes- und Wirklichkeitswissenschaften erinnert, wie sie am schärfsten in dem methodischen Gegensatz zwischen den exakten Naturwissenschaf[45]ten auf der einen undc[45] In A folgt nochmals: und der politischen Geschichte auf der anderen Seite zu Tage tritt5)[45][A 4] Dieser im weiteren Verlauf unserer Erörterung noch oft zu berührende Gegen¬ satz ist in einem gewissen Maße, obgleich mit teilweise unzutreffenden Folgerungen, schon von Menger – wie noch zu erwähnen sein wird21[45] Vgl. Weber, Objektivität, unten, S. 199. – in seiner Tragweite für die Methodenlehre der Nationalökonomie erkannt worden. Die exakte logische Formulierung ist, nach den Ansätzen, die sich bei Dilthey (Einleitung in die Geisteswissenschaften)22 Dilthey, Einleitung, S. 5 ff. und Simmel (Probleme der Geschichtsphilosophie)23 Simmel, Geschichtsphilosophie1, S. 43. fanden, in wichtigen Punkten zuerst in Windelbands Rektoratsrede (Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft)24 Gemeint ist: Windelband, Geschichte, S. 12; der Titel lautet „Geschichte und Naturwissenschaft“. kurz skizziert, dann aber in dem grundlegenden Werk von H[einrich] Rickert (Die Grenzen der naturwissensch[aftlichen] Begriffsbildung)25 Rickert, Grenzen, S. 257, 263, 301, 369, 480, unterscheidet zwischen Begriffs- und Wirklichkeitswissenschaften, wobei er Begriffswissenschaften auch als Natur- oder Gesetzeswissenschaften bezeichnet und Wirklichkeitswissenschaften als historische Wissenschaften. umfassend entwickelt worden. Auf ganz anderen Wegen nähert sich, beeinflußt von Wundt, Dilthey, Münsterberg und Mach, gelegentlich auch von Rickert (Band I),26 Rickert publizierte die ersten drei Kapitel seines Buches 1896. Das komplette Buch erschien 1902. Vgl. Rickert, Grenzen, S. IV f. im wesentlichen aber durchaus selbständig, den Problemen der Begriffsbildung in der Nationalökonomie die Arbeit von Gottl („Die Herrschaft des Wortes“),27 Im Vorwort [unpaginiert] von Gottl, Herrschaft, ist ebenfalls von Knies als „Altmeister“ die Rede. Vgl. oben, S. 41. welche jetzt freilich, soweit sie Methodenlehre treibt, in manchen – jedoch keineswegs in den ihr wesentlichsten – Punkten durch die inzwischen erschienene zweite Hälfte des Rickertschen Werkes überholt ist. Rickert ist die Arbeit offenbar unbekannt geblieben, ebenso Eduard Meyer, dessen Ausführungen („Zur Theorie und Methodik der Geschichte.“ Halle 1902)28 Meyer, Theorie. sich mit denjenigendA: derjenigen Gottls vielfach berühren. Der Grund liegt wohl in der fast bis zur Unverständlichkeit sublimierten Sprache Gottls, der – eine Konsequenz seines psychologistischen erkenntnistheoretischen Standpunkts – die hergebrachte begrifflich gebundene und dadurch für ihn „denaturierte“ Terminologie geradezu ängstlich meidet und gewissermaßen in Ideogrammen den Inhalt des unmittelbaren „Erlebens“ zu reproduzieren strebt. So sehr manche Ausführungen, darunter auch prinzipielle Thesen der Arbeit, Widerspruch erregen müssen, und so wenig ein wirklicher Abschluß erreicht wird, so sehr ist die in ihrer Eigenart feine und geistvolle Beleuchtung des Problems zu beachten, auf welche auch hier mehrfach zurückzukommen sein wird.29 Vgl. Weber, Roscher und Knies 2, unten, S. 313–327. .

Auf der einen Seite Wissenschaften mit dem Bestreben, durch ein System möglichst unbedingt allgemeingültiger Begriffe und [46]Gesetze die extensiv und intensiv unendliche Mannigfaltigkeit zu ordnen.30[46] Weber folgt Rickert, Grenzen, S. 31 ff., 226 ff. Ihr logisches Ideal – wie es am vollkommensten die reine Mechanik erreicht – zwingt sie, um ihren Begriffen die notwendig erstrebte Bestimmtheit des Inhalts geben zu können, die vorstellungsmäßig uns gegebenen „Dinge“ und Vorgänge in stets fortschreitendem Maße der individuellen „Zufälligkeiten“ des Anschaulichen zu entkleiden. Der nie ruhende logische Zwang zur systematisierenden Unterordnung der so gewonnenen Allgemeinbegriffe unter andere, noch allgemeinere, [A 5]in Verbindung mit dem Streben nach Strenge und Eindeutigkeit, drängt sie zur möglichsten Reduktion der qualitativen Differenzierung der Wirklichkeit auf exakt meßbare Quantitäten. Wollen sie endlich über die bloße Klassifikation der Erscheinungen grundsätzlich hinausgehen, so müssen ihre Begriffe potentielle Urteile von genereller Gültigkeit in sich enthalten, und sollen diese absolut streng und von mathematischer Evidenz sein, so müssen sie in Kausalgleichungen31 Vgl. ebd., S. 422, 514, 553, 555 f. Rickert übernimmt diesen Begriff von Wundt. Vgl. Rickert, Heinrich, Psychophysische Causalität und psychophysischer Parallelismus, in: Philosophische Abhandlungen. Christoph Sigwart zu seinem siebzigsten Geburtstage 28. März 1900. – Tübingen, Freiburg i. Br. und Leipzig: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1900, S. 59–87 (hinfort: Rickert, Causalität), S. 64, 75, 82 ff., mit Bezug auf Wundt, Wilhelm, Ueber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus, in: Philosophische Studien, Band 10, 1894, S. 1–124 (hinfort: Wundt, Causalität), hier S. 9 ff., 13. Ausgehend vom Leibnizschen Satz „causa aequat effectum“ sieht Wundt einen Erkenntnisgewinn darin, Naturgesetze in Kausalgleichungen zu formulieren. Betrachtet man z. B. die Geschwindigkeit v eines Körpers als Wirkung, dann findet man ihre vollständige Ursache in der Kraft K, die während der Zeit t auf die Masse Μ dieses Körpers einwirkt, was sich in der Kausalgleichung K/M · t = v darstellen läßt. Zum Begriff der Kausalungleichung vgl. Weber, Roscher und Knies 2, unten, S. 254 f. mit Anm. 52. darstellbar sein.

Das alles bedeutet aber zunehmende Entfernung von der ausnahmslos und überall nur konkret, individuell und in qualitativer Besonderung gegebenen und vorstellbaren empirischen Wirklichkeit, in letzter Konsequenz bis zur Schaffung von absolut qualitätslos, daher absolut unwirklich, gedachten Trägern rein quantitativ differenzierter Bewegungsvorgänge, deren Gesetze sich in Kausalgleichungen ausdrücken lassen. Ihr spezifisches logisches Mittel ist die Verwendung von Begriffen mit stets größerem Umfang und [47]deshalb stets kleinerem Inhalt, ihr spezifisches logisches Produkt sind Relationsbegriffe32[47] Zur Unterscheidung von Ding- und Relationsbegriffen vgl. Rickert, Grenzen, S. 75 ff. von genereller Geltung (Gesetze). Ihr Arbeitsgebiet ist überall da gegeben, wo das für uns Wesentliche (Wissenswerte) der Erscheinungen mit dem, was an ihnen gattungsmäßig ist, zusammenfällt, wo also unser wissenschaftliches Interesse an dem empirisch allein gegebenen Einzelfall erlischt, sobald es gelungen ist, ihn einem Gattungsbegriff als Exemplar unterzuordnen. –

Auf der anderen Seite Wissenschaften,33 Weber folgt Rickert, Grenzen, S. 305 ff. welche sich diejenige Aufgabe stellen, die nach der logischen Natur jener gesetzeswissenschaftlichen Betrachtungsweise durch sie notwendig ungelöst bleiben muß: Erkenntnis der Wirklichkeit in ihrer ausnahmslos und überall vorhandenen qualitativ-charakteristischen Besonderung und Einmaligkeit: das heißt aber – bei der prinzipiellen Unmöglichkeit der erschöpfenden Wiedergabe irgend eines noch so begrenzten Teils der Wirklichkeit in seiner (stets mindestens intensiv) unendlichen Differenziertheit gegen alle übrigen – Erkenntnis derjenigen Bestandteile der Wirklichkeit, die für uns in ihrer individuellen Eigenart und um deren willen die wesentlichen sind.

Ihr logisches Ideal: das Wesentliche in der analysierten individuellen Erscheinung vom „Zufälligen“ (d. h. hier: Bedeutungslosen) zu sondern und anschaulich zum Bewußtsein zu bringen, und das Bedürfnis zur Einordnung des einzelnen in einen universellen Zusammenhang unmittelbar anschaulich-verständlicher, konkreter [A 6]„Ursachen“ und „Wirkungen“ zwingt sie zu stets verfeinerter Herausarbeitung von Begriffen, welche der überall individuellen Realität der Wirklichkeit durch Auslese und Zusammenschluß solcher Merkmale, die wir als „charakteristisch“ beurteilen, sich fortgesetzt annähern.

[48]Ihr spezifisches6)[48][A 6] Wohlgemerkt: nicht ihr ausschließlich oder auch nur überwiegend verwendetes Mittel, sondern dasjenige, welches sie von den exakten Naturwissenschaften unterscheidet. logisches Mittel ist daher die Bildung von Relationsbegriffen7) Begriffen, welche die konkrete historische Erscheinung einem konkreten und individuellen, aber möglichst universellen Zusammenhang einordnen.34[48] Vgl. oben, S. 47, Anm. 32. mit stets größerem Inhalt8) Indem mit fortschreitender Erkenntnis der Zusammenhang, dem die Erscheinungen eingeordnet werden, in stets zunehmendem Maße in seinen charakteristischen Zügen erkannt wird. und deshalb stets kleinerem Umfang9) Indem mit zunehmender Erkenntnis des Charakteristischen der Erscheinung ihr individueller Charakter notwendig zunimmt. ; ihre spezifischen10) Wie Anmerkung 6.35 Oben, Fn. 6. Produkte sind, soweit sie überhaupt den Charakter von Begriffen haben, individuelle Dingbegriffe11) In dem – für den gewöhnlichen Sprachgebrauch ungewöhnlichen – Sinn des Wortes, welcher den Gegensatz gegen naturalistische Relationsbegriffe bezeichnet und z. B. das „Charakter“-Bild einer konkreten „Persönlichkeit“ einschließt. – Der Terminus „Begriff“, heute so umstritten wie je, ist hier wie weiterhin für jedes durch logische Bearbeitung einer anschaulichen Mannigfaltigkeit zum Zweck der Erkenntnis des Wesentlichen entstehende, wenn auch noch so individuelle Gedankengebilde gebraucht. Der historische „Begriff“ Bismarck z. B. enthält von der anschaulich gegebenen Persönlichkeit, die diesen Namen trug, die für unsere Erkenntnis wesentlichen Züge, hineingestellt als einerseits bewirkt, andererseits wirkend in den gesellschaftlich-historischen Zusammenhang. Ob auf die prinzipielle Frage, welches jene Züge sind, die Methodik eine Antwort bereit halten kann, ob es also ein allgemeines methodisches Prinzip gibt, nach welchem sie aus der Fülle der wissenschaftlich gleichgültigen herausgelesen werden, bleibt vorerst dahingestellt. (S[iehe] dagegen z. B. E[duard] Meyer a. a. O.)36 Meyer, Theorie. von universeller (wir pfiegen zu sagen „historischer“) Bedeutung. Ihr Arbeitsgebiet ist gegeben, wo das Wesentliche, d. h. das für uns Wissenswerte an den Erscheinungen, nicht mit der Einordnung in einen Gattungsbegriff erschöpft ist, die konkrete Wirklichkeit als solche uns interessiert.

So sicher es nun ist, daß außer der reinen Mechanik einerseits, gewissen Teilen der Geschichtswissenschaft andererseits, keine der empirisch vorhandenen „Wissenschaften“, deren Arbeitsteilung ja [A 7]auf ganz anderen, oft „zufälligen“ Momenten beruht, nur unter dem einen oder nur unter dem anderen Zweckgesichtspunkt ihre [49]Begriffe bilden kann – es wird davon noch zu reden sein37[49] Unten. S. 61 ff. –, so sicher ist doch, daß jener Unterschied in der Art der Begriffsbildung an sich ein grundsätzlicher ist, und daß jede Klassifikation der Wissenschaften unter methodischen Gesichtspunkten ihn berücksichtigen muß12)[49][A 7] Ich glaube[,] vorstehend mich ziemlich sinngetreu an die wesentlichen Gesichtspunkte der früher zitierten Arbeit Rickerts43 Rickert, Grenzen; zitiert oben, S. 45, Fn. 5. angeschlossen zu haben, soweit sie für uns von Belang sind. Es ist einer der Zwecke dieser Studie, die Brauchbarkeit der Gedanken dieses Autors für die Methodenlehre unserer Disziplin zu erproben. Ich zitiere ihn daher nicht bei jeder einzelnen Gelegenheit erneut, wo dies an sich zu geschehen hätte. .

Da nun Roscher seine eigene Methode als „historisch“38 Vgl. Roscher, Grundriß, S. 1 f. (§ 1). bezeichnet, müßte offenbar der Nationalökonomie bei ihm ausschließlich die Aufgabe zufallen, nach Art der Geschichtswissenschaft und mit den gleichen Mitteln wie diese die volle Wirklichkeit des Wirtschaftslebens anschaulich zu reproduzieren, im Gegensatz zu dem Streben der klassischen Schule,39 Vgl. oben, S. 42 f. mit Anm. 9. das gesetzlich gleichmäßige Walten einfacher Kräfte in der Mannigfaltigkeit des Geschehens aufzudecken.

In der Tat findet sich bei Roscher gelegentlich die allgemein gehaltene Bemerkung, die Nationalökonomie habe „die Verschiedenheit der Dinge mit demselben Interesse zu studieren wie die Ähnlichkeiten“.40 Vgl. Roscher, System I2, S. 42 (§ 26).

Mit Befremden wird man daher S. 150 des „Grundrisses“41 Vgl. Roscher, Grundriß, S, 150. die Bemerkung lesen, daß die Aufgaben der „historischen“ Nationalökonomie vor Roscher besonders durch Adam Smith, Malthus und Rau gefördert worden seien, und (das[elbst] S. V) die beiden letzteren als diejenigen Forscher bezeichnet finden, denen der Verfasser sich besonders nahestehend fühle. Nicht minder erstaunlich muß es berühren, wenn S. 2 die Arbeit des Naturforschers und des Historikers als einander ähnlich, S. 4 die Politik (deren Teil die „Staatswirtschaftslehre“42 Roscher, ebd., S. 4, spricht von „Staatswirthschaft“. ist) als die Lehre von den Entwickelungsgesetzen des Staates bezeichnet wird, wenn weiterhin Roscher – wie bekannt [50]– geflissentlich immer wieder von „Naturgesetzen“ der Wirtschaft spricht,44[50] Vgl. Roscher, System l2, S. 21 f. (§ 13), und Roscher, System I23, S. 37 (§ 13). Für Roscher ist ein „Naturgesetz“ eine „Regelmäßigkeit“, die „nicht auf menschlicher Absicht beruhet“, z. B., „daß sich in großen Ländern die (gewiß meist freiwilligen) Heirathen und Verbrechen in ihrer Vertheilung auf die verschiedenen Altersklassen weit regelmäßiger von Jahr zu Jahr wiederholen, als die (gewiß meist unfreiwilligen) Todesfälle“. und wenn endlich S. IV geradezu die Erkenntnis des Gesetzmäßigen in der Masse der Erscheinungen als die Erkenntnis des Wesentlichen bezeichnet13)[50] Die praktische Wirkung einer derartigen Identifikation, wenn mit ihr einmal Ernst gemacht wird, auf die Art der historischen Darstellung kann man sich wohl am leichtesten an Lamprechts Deutscher Geschichte, 1. Ergänzungsband, [A 8]verdeutlichen, wo gewisse Eintagsfliegen der deutschen Literatur als „entwickelungsgeschichtlich wichtig“ bezeichnet werden,46 Lamprecht, Geschichte E1, S. 261, mit Bezug auf Richard Dehmel. weil ohne ihre – aus diesem Grunde theoretisch wertvolle – Existenz der angeblich gesetzlich gleichmäßige Ablauf der verschiedenen „Impressionismen“47 Lamprecht benutzt den Begriff Impressionismus im Singular, versehen mit Adjektiven wie physiologisch, psychologisch, neurologisch, idealistisch usw. Dehmels Werk wird als „psychologischer Impressionismus“ bezeichnet. Vgl. ebd. etc. in der Sozialpsyche nicht so konstruiert werden könnte, wie es der Theorie entspricht, und wo andererseits Persönlichkeiten, die wie Klinger, Böcklin u. a. der Theorie lästig sind, gewissermaßen als Mörtel in die Fugen zwischen die Konstruktionsteile geschoben werden: sie sind dem Gattungsbegriff „Übergangsidealisten“48 Ebd., S. 142 f., 150 ff., 167 ff. Zum Begriff „Übergangsgeschöpf“ vgl. ebd., S. 148. eingeordnet – und wo auch die Bedeutung von R[ichard] Wagners Lebenswerk „steht und fällt“ – nicht etwa mit dem, was es uns bedeutet, sondern mit der Frage, ob es in einer bestimmten theoretisch postulierten „Entwickelungs“-Linie liegt.49 Ebd., S. 14; mit Anstreichungen im Handexemplar Max Webers, Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München. und als einzig denkbare [A 8]Aufgabe aller Wissenschaft vorausgesetzt wird14) Jene oben erwähnte Bemerkung50 Oben, S. 49 f. dagegen hat Roscher wenigstens in die prinzipiellene[50]A: prinzipielle Erörterungen seines „Systems“ nicht aufgenommen, woraus allein schon hervorgeht, daß es sich dabei und bei gelegentlichen ähnlichen Äußerungen nicht um Aufstellung eines klaren methodischen Prinzips handelte. . Da nun wirkliche „Naturgesetze“ des Geschehens nur auf der Grundlage begrifflicher Abstraktionen unter Eliminierung des „historisch Zufälligen“ formuliert werden könnten,45 Möglicherweise referiert Weber auf das Kapitel „Zufall und Gesetz“ in Windelband, Zufall, S. 26 ff. so müßte danach der letzte Zweck der nationalökonomischen Betrachtung die Bildung eines Systems von Gattungs- und Gesetzes-Begriffen und zwar von logisch möglichst [51]vollkommenen, das heißt möglichst aller individuellen „Zufälligkeiten“ entkleideten, also möglichst abstrakten Begriffen sein, obwohl doch Roscher gerade diesen Zweck prinzipiell abgelehnt zu haben schien.51 [51] Für Roscher, System I23, S. 64 f. (§ 22), sind Abstraktionen ein „unentbehrliches Stadium in den Vorarbeiten des Nationalökonomen“, von dem man „nicht bloß im Uebergange zur Praxis, sondern schon in der fertigen Theorie erst wieder zurückkommen muß auf die unendliche Mannichfaltigkeit des wirklichen Lebens“. In § 22 von Roscher, System I2, findet sich diese Passage noch nicht. Allein, es schien eben nur so. Die Kritik Roschers richtete sich in Wahrheit nicht gegen die logische Form der klassischen Lehre, sondern gegen zwei ganz andere Punkte, nämlich 1. gegen die Deduktion von absolut geltenden praktischen Normen aus abstrakt-begrifflichen Obersätzen – dies ist es, was er „philosophische“ Methode nennt –,52 Für Roscher, Grundriß, S. 1 f. (§ 1), strebt diese Methode nach einer Lehre des „Idealstaates“. In Roscher, System I2, S. 38 (§ 23), wird die philosophische Methode „idealistische Methode“ genannt; sie führt zu „Idealschriften“ mit Angaben, wie „die Volkswirthschaft (der Staat, das Recht etc.) sein solle“. 2. gegen das bisher geltende Prinzip der Stoffauswahl der Nationalökonomie. Roscher zweifelt prinzipiell nicht daran, daß der Zusammenhang der wirtschaftlichen Erscheinungen nur als ein System von Gesetzen begriffen werden könne und solle15)[51] Ganz in Übereinstimmung mit Rau fordert er, daß „unsere Lehren, Naturgesetze u.s.w. immer so gehalten sein müssen, daß sie von den neueintretenden Veränderungen der Kameraldisziplin nicht gesprengt werden“. (S[iehe] Rau in seinem Archiv 1835, S. 37. Roscher daselbst 1845, S. 158.)53 Roscher, Ideen, S. 159. Die Übereinstimmung mit Rau besteht in der Verwendung des Gesetzesbegriffs. Vgl. Rau, Nutzen, S. 4: „Naturgesetze des Güterverkehrs“, S. 6: „Gesammtheit der volkswirtschaftlichen Gesetze“, S. 37: „Gesetze des Verkehrs“. . „Kausalität“ und „Gesetzlichkeit“ ist ihm identisch, erstere besteht nur in Form der letzteren16) Die gleiche Anschauung – wennschon mit einigen Vorbehalten bezüglich der psychologischen Motivation – z. B. bei Schmoller in der Rezension des Kniesschen Werkes (in seinem Jahrbuch 1883,54 Schmoller, Knies1. abgedruckt in „Zur Literatur der [A 9]Staats- und Sozialwissenschaften“ S. 203 ff., vergl. insbes. S. 209)55 Für Schmoller, Knies2, S. 209, sind die „psychologischen Gesetze der Motivation andere, als die Naturgesetze der äußeren Welt“, aber „der Satz der Kausalität gilt in seiner unerbittlichen Notwendigkeit für beide Gebiete gleichmäßig“. und bei Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, Vorrede zur ersten Auflage: „Sämtliche Vorträge beherrscht eine einheitliche Auffassung vom gesetzmäßigen Verlaufe der wirtschaftsgeschichtlichen Entwickelung.“56 Bücher, Entstehung, S. VI. Da die Anwendung des Terminus „Gesetz“ auf eine einmalige Entwickelung auffällig wäre, so kann nur entweder gemeint sein: daß der gesetzlich bestimmte Ablauf der Entwickelung sich – wie Roscher dies annimmt – überall da in den wissen[52]schaftlich wesentlichen, von B[ücher] behandelten Punkten wiederhole, wo eine Entwickelung überhaupt stattfinde, – oder (wahrscheinlicher) es ist, wie so oft, „gesetzliche“ und „kausale“ Bedingtheit identifiziert, weil wir von „Kausalgesetz“ zu sprechen pflegen.59 In der Philosophie wird die Annahme, daß alles Geschehen seine Ursache hat, weithin als Kausalgesetz bezeichnet. Dagegen bezeichnet Rickert, Grenzen, S. 412 f., diese Annahme als „Kausalprinzip“, um Verwechslungen mit dem Begriff „Naturgesetz“ zu vermeiden; der „Begriff der Kausalität“ darf nicht mit dem des „Naturgesetzes“ identifiziert werden, denn es gibt noch eine andere, grundlegendere Form von Kausalität, nämlich den „historische[n] Kausalzusammenhang“. Rickert, ebd., S. 31 ff., 336 ff., geht davon aus, daß die empirische Wirklichkeit als unmittelbar erfahrene Sinnenwelt aus anschaulichen einzelnen Dingen und Vorgängen besteht, die sich alle unterscheiden. Daher ist für ihn, ebd., S. 413 f., 420, auch „jede Ursache und jede Wirkung von jeder anderen Ursache und jeder anderen Wirkung verschieden“; solche „individuelle[n] Kausalzusammenhänge“ sind die Basis aller Kausalbetrachtung: Be[53]trachtet man sie auf ihre Besonderheit hin, spricht man von „historische[r]“ Kausalität; betrachtet man sie auf ihre Allgemeinheit hin, mithin darauf, „was ihnen mit anderen Kausalzusammenhängen gemeinsam ist“, um ein „Kausalgesetz“ zu formulieren, spricht man von „naturwissenschaftliche[r] Kausalität“. Beide Formen von Kausalität sind Ausprägungen jenes Kausalprinzips. . Es soll aber – darauf [52]kommt es Roscher an – die [A 9]wissenschaftliche Arbeit das Walten der Gesetze nicht nur im Nebeneinander, sondern ebenso im Nacheinander der Erscheinungen aufsuchen, neben dem gesetzlichen Zusammenhang der Gegenwartserscheinungen auch und vor allem die Entwickelungsgesetze des geschichtlichen Ablaufs der Erscheinungen feststellen.

Es entsteht nun bei diesem Standpunkte Roschers die Frage: Wie denkt er sich das prinzipielle Verhältnis zwischen Gesetz und Wirklichkeit im Ablauf der Geschichte? Ist es sicher, daß derjenige Teil der Wirklichkeit, den Roscher in sein Netz von Gesetzen einfangen will, derart in das zu bildende Begriffsystem eingehen kann, daß das letztere wirklich das für unsere Erkenntnis Wesentliche der Erscheinungen enthält? Und wie müßten, wenn das der Fall sein soll, diese Begriffe in logischer Hinsicht beschaffen sein? Hat Roscher diese logischen Probleme als solche erkannt? –

Roschers methodisches Vorbild war die Arbeitsweise der deutschen historischen Juristenschule,NxMWG: Juristenschule Komma in MWG digital entsprechend A wieder eingefügt. 57 [52] Dieser von Friedrich Carl von Savigny und Karl Friedrich Eichhorn begründeten Schule geht es um das historische Verständnis konkreter Rechte, die sie als Produkte des jeweiligen Volksgeistes betrachtet. Vgl. Savigny, Friedrich Carl von, Vom Beruf unsrer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, 3. Aufl. – Heidelberg: J.C.B. Mohr 1840; Eichhorn, Karl Friedrich, Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte, 3 Bände, 3. Ausgabe. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1821–1823. auf deren Methode er sich, als der seinigen analog, ausdrücklich beruft.58 Roscher, Grundriß, S. V: „Man sieht, diese [historische] Methode will für die Staatswirthschaft etwas Ähnliches erreichen, was die Savigny-Eichhornsche Methode für die Jurisprudenz erreicht hat.“ In Wahrheit handelt es [53]sich jedoch – wie im wesentlichen schon Menger erkannt hat60 Nach Menger, Untersuchungen, S. 222, besteht für Savigny und Eichhorn die Aufgabe ihrer Forschung keineswegs in „der Vergleichung der Rechtsentwickelung aller Völker“, um „Entwickelungsgesetze des Rechtes zusammenzustellen“; was sie interessiere, sei „das historische Verständnis concreter Rechte“. – um eine charakteristische Umdeutung dieser Methode. Savigny und seiner Schule kam es in ihrem Kampfe gegen den gesetzgeberischen Nationalismus der Aufklärungszeit auf den Nachweis des prinzipiell irrationalen, aus allgemeinen Maximen nicht deduzierbaren Charakters des in einer Volksgemeinschaft entstandenen und geltenden Rechtes an; indem sie dessen untrennbaren Zusammenhang mit allen übrigen Seiten des Volkslebens betonten, hypostasierten sie, um den notwendig individuellen Charakter jedes wahrhaft volkstümlichen Rechts verständlich zu machen, den Begriff des – notwendig irrational-individuellen – „Volksgeistes“ als des Schöpfers von Recht, Sprache und den übrigen Kulturgütern der Völker.61 Für Savigny, Friedrich Carl von, System des heutigen Römischen Rechts, Band 1. – Berlin: Veit & Comp. 1840, S. 14, ist es „der in allen Einzelnen gemeinschaftlich lebende und wirkende Volksgeist, der das positive Recht erzeugt“. Dieser Begriff [A 10]„Volksgeist“ selbst wird dabei17)[53][A 10] Keineswegs überall und bei allen Vertretern der historischen Juristenschule, wohl aber bei ihren Nachfolgern auf dem Gebiete der Nationalökonomie. nicht als ein provisorisches Behältnis, ein Hülfsbegriff zur vorläufigen Bezeichnung einer noch nicht logisch bearbeiteten Vielheit anschaulicher Einzelerscheinungen,62 Vgl. in diesem Sinne Rickert, Grenzen, S. 584: „Der ,Geist‘ eines Volkes ist uns die Kultur eines Volkes.“ sondern als ein einheitliches reales Wesen metaphysischen Charakters behandelt und nicht als Resultante unzähliger Kultureinwirkungen, sondern umgekehrt als der Realgrund63 Vgl. Crusius, Christian August, Weg zur Gewißheit und Zuverläßigkeit der menschlichen Erkenntniß. – Leipzig: J. F. Gleditsch 1747, S. 255: „Ein Grund ist I) entweder ein Realgrund (Principium effendi vel fiendi), wodurch eine Sache ausserhalb unseren Gedanken ganz, oder gewisser massen, hervorgebracht, oder möglich gemacht wird. Oder er ist ein Idealgrund oder Erkenntnißgrund (Principium cognoscendi), durch welchen die Erkenntniß von einer Sache in dem Verstande mit Ueberzeugung hervorge[54]bracht wird, und wiefern etwas also betrachtet wird.“ Zum Unterschied von „Seynsgrund“ und „Erkenntnißgrund“ vgl. Schopenhauer, Arthur, Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Eine philosophische Abhandlung, in: ders., Sämmtliche Werke, hg. von Julius Frauenstädt, Band 1: Schriften zur Erkenntnißlehre, 2. Aufl. – Leipzig: F. A. Brockhaus 1891 (hinfort: Schopenhauer, Satz vom Grunde), S. 22, 130 ff. aller einzelnen Kulturäußerungen des Volks angesehen, welche aus ihm emanieren.

[54]Roscher stand durchaus innerhalb dieses in seiner Entstehung in letzter Linie auf gewisse Gedankengänge Fichtes64 In Fichtes Werk ist der Begriff „Volksgeist“ nicht belegt. Allerdings gibt es ähnliche Formulierungen, z. B. von einem „Geist“ als „durcheinander verwachsene Einheit, in der kein Glied irgend eines anderen Gliedes Schicksal für ein ihm fremdes Schicksal hält“. Vgl. Fichte, Johann Gottlieb, Reden an die deutsche Nation, 1806, in: ders., Sämmtliche Werke, hg. von Immanuel Hermann Fichte, Band 7, Abt. 3: Populärphilosophische Schriften, Band 2: Zur Politik, Moral und Philosophie der Geschichte. – Berlin: Veit & Comp. 1846, S. 257–499, hier S. 267. Vgl. auch Lassalle, Ferdinand, Die Philosophie Fichte’s und die Bedeutung des deutschen Volksgeistes. Festrede, gehalten bei der am 19. Mai 1862 von der Philosophischen Gesellschaft und dem Wissenschaftlichen Kunst-Verein in dem Arnim’schen Saale veranstalteten Fichtefeier. – Berlin: Jansen 1862. zurückgehenden Vorstellungskreises; auch er glaubte, wie wir sehen werden,65 Unten, S. 75 f. an die metaphysische Einheitlichkeit des „Volkscharakters“18)[54] Siehe die Ausführungen über das Verhältnis von Volkscharakter und geographischen Verhältnissen § 37 des Systems, welche in fast naiver Art die Stellung des „Volksgeistes“ als eines primären „Urelements“ gegen die Möglichkeit „materialistischer“ Deutung zu halten suchen.66 Unter „materialistisch“ versteht Roscher, System I2, S. 58 ff. (§ 37), den Versuch von „Franzosen“ wie Jean Bodin, Charles Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu, Pierre-Jean-Georges Cabanis etc., den „Einfluß der Natur auf die Menschen“ nachzuweisen. Er selbst möchte „nicht allzu materialistisch“ sein, denn „jedes Volk ist in einer gewissen Periode seines Lebens gewandert“ und „eine höhere Hand“ hat ein jedes „in solche äußere Umstände versetzt, wie sie der Entfaltung aller seiner Anlagen am günstigsten sind“. Der Begriff „Volksgeist“ fällt in einer Anmerkung: „Selbst die Sprache, dieser allgemeinste und doch zugleich genaueste Ausdruck des Volksgeistes, bietet einen sehr analogen Gegensatz dar zwischen Gebirgs- und Küstenlandschaften“. und sah in dem „Volk“ dasjenige Individuum19) Dabei haben zweifellos die Gedankengänge der Herbartschen Psychologie über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesamtheit mitgewirkt; wie weit im einzelnen, ist schwer zu sagen und hier nicht interessant. Roscher zitiert Herbart gelegentlich (§§ 16, 22).67 Roscher, System I2, S. 26 (§ 16) und S. 36 f. (§ 22). Die Lazarus-Steinthalsche „Völkerpsychologie“ ist dagegen bekanntlich jüngeren Datums.68 Von Johann Friedrich Herbart, Wilhelm von Humboldt u. a. ausgehend, entwickelten Moritz Lazarus und Heymann Steinthal ihre Völkerpsychologie als Wissenschaft, die das Wesen und Tun des Volksgeistes in der gesetzmäßigen inneren Tätigkeit der Individuen psychologisch erkennen sollte. Besonderes Augenmerk galt der Sprache. [55]Vgl. Lazarus, Moritz, Ueber den Begriff und die Möglichkeit einer Völkerpsychologie, in: Deutsches Museum, Jg. 1, 1851, S. 112–126. Der erste, auf 1860 datierte Band der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft erschien ab 1859. Roscher, System I23, S. 35 (§ 12), bezieht sich auf Lazarus, Moritz, Ueber das Verhältniß des Einzelnen zur Gesammtheit, in: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, Band 2, 1862, S. 393–453. , welches wie die all[55]mähliche Entwickelung der Staatsform und des Rechts so die der Wirtschaft an sich erlebt als einen Teil seines nach Analogie der Lebensentwickelung des Menschen gedachten Lebensprozesses. „Die Volkswirtschaft entsteht mit dem Volke. Sie ist ein natürliches Produkt der Anlagen und Triebe, welche den Menschen zum Menschen machen20)[55] § 14 des Systems, Band I.71 Ebd., S. 22 (§ 14). .“ Der Begriff „Volk“ selbst wird dabei nicht weiter erörtert. Daß er nicht als abstrakter, inhaltsarmer Gattungsbegriff gedacht werden soll, scheint sich schon daraus zu ergeben, daß Roscher gelegentlich (§ 12 Anm. 2) der Verdienste Fichtes und Adam Müllers gegenüber der „atomistischen“ Auffassung der Nation als eines „Haufens von Individuen“ gedenkt.69 Roscher, System I2, S. 19 (§ 12; in dieser Auflage fälschlicherweise als § 13 bezeichnet). Er ist (§ 13) zu vorsichtig, den Begriff „Organismus“ ohne Vorbehalt als eine Erklärung des Wesens des „Volkes“ oder der „Volkswirtschaft“ anzusehen, betont vielmehr, daß er jenen Begriff nur als „den kürzesten gemeinsamen Ausdruck vieler Probleme“ verwenden wolle;70 Ebd., S. 20 (§ 13). allein das eine geht aus diesen Äußerungen jedenfalls hervor, daß ihm die rein rationalistische Betrachtung des „Volks“ als der jeweiligen Gesamtheit der politisch [A 11]geeinten Staatsbürger nicht genügt. An Stelle dieses durch Abstraktion gewonnenen Gattungsbegriffs trat ihm vielmehr die anschauliche Totalität eines als Kulturträger bedeutungsvollen Gesamtwesens entgegen.

Die logische Bearbeitung dieser unendlich mannigfaltigen Totalitäten müßte nun, um historische, nicht durch Abstraktion entleerte Begriffe zu bilden, aus ihnen die für den konkreten Zusammenhang, der jeweils zur Erörterung steht, bedeutungsvollen Bestandteile herausheben. Roscher war sich des prinzipiellen Wesens dieser Aufgabe wohl bewußt: ihm ist das logische Wesen der historischen Begriffsbildung keineswegs fremd gewesen. Er weiß, daß eine Auslese aus der Mannigfaltigkeit des anschaulich [56]Gegebenen in der Richtung nicht des Gattungsmäßigen, sondern des „historisch“ Wesentlichen ihre Voraussetzung ist21)[56][A 11] S[iehe] die Ausführungen über den Begriff „Dänemark“ auf S. 19 seines „Thukydides“.73 Vgl. Roscher, Thukydides, S. 19: „Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Denken eines Begriffes als solchen und dem Denken seines Inhaltes. Wenn etwa Dahlmann neben einem Jungdeutschen steht, und Beide denken den Begriff Dänemark, oder, wenn man lieber will, Danismus: wie unendlich Vieles wird dabei Dahlmann durch den Kopf gehen, wie unendlich Weniges dem jungen Deutschen! Und Beide, kann man doch sagen, haben vollständig Alles gedacht, was in Dänemark ist, gewesen ist oder künftig noch sein wird.“ Vgl. dazu Dahlmann, Friedrich Christoph, Geschichte von Dännemark, 3 Bände. – Hamburg: Friedrich Perthes 1840, 1841, 1843. Als Junges Deutschland hat man eine literarische Bewegung des Vormärz bezeichnet. . Aber hier tritt nun die „organische“ Gesellschaftstheorie22) Roscher zitiert, wie schon gesagt, speziell Adam Müller als denjenigen, der sich um die Auffassung von Staat und Volkswirtschaft als „neben und über den einzelnen und selbst den Generationen stehenden Ganzen“ verdient gemacht hat (System § 13, Anm. 2).74 Weber bezieht sich hier nicht auf § 13, sondern auf § 12, der in der 2. Aufl. fälschlicherweise als § 13 bezeichnet wird. S[iehe] aber andererseits die Vorbehalte System § 28, Anm. 1.75 Roscher, System I2, S. 43 f. (§ 28), stellt der „Selbstüberhebung“, die in der Verhöhnung niederer Kulturstufen bestehe, die „entgegengesetzte Ueberhebung“ Adam Müllers gegenüber, der die gegenwärtige Kulturstufe als „bloßen Zwischenzustand“ bezeichne, d. h. als „Uebergang der natürlichen, aber bewußtlosen ökonomischen Weisheit der Väter durch den Vorwitz der Kinder zu der verständigen Anerkennung jener Weisheit von Seiten der Enkel“. mit ihren unvermeidlichen biologischen Analogien dazwischen und erzeugt bei ihm – wie bei so vielen modernen „Soziologen“72[56] Gemeint ist möglicherweise Schäffle, A[lbert Eberhard Friedrich], Bau und Leben des Socialen Körpers, Band 1: Allgemeine Sociologie; Band 2: Specielle Sociologie, 2. Aufl. – Tübingen: H. Laupp 1896. – die Vorstellung, daß beides notwendig identisch sei, und also das Wiederkehrende in der Geschichte als solches das allein Bedeutungsvolle sein könne23) So schon im „Thukydides“ S. 21 trotz aller Vorbehalte auf S. XI und XII in der Vorrede und S. 20 u. 188.76 Für Roscher, Thukydides, S. 21 f. und Xlf., stellte Thukydides dar, was „zu allen Zeiten, unter allen Völkern und in allen Herzen wiederkehrt“. . Roscher ist daher der Meinung, mit der anschaulichen Mannigfaltigkeit der „Völker“ ohne weitere Aufhellung des Begriffes „Volk“ so umgehen zu können wie die Biologen mit der anschaulichen Mannigfaltigkeit etwa der „Elefanten“ eines [57]bestimmten Typus24)[57] Auch Knies war, wie wir sehen werden,79 Weber, Roscher und Knies 3, unten, S. 373 f. der Ansicht, daß das, was man unter einem „Volk“ verstehe, unmittelbar anschaulich-evident sei und der begrifflichen Analyse nicht bedürfe. . Die „Völker“ sind zwar – meint er – in der Wirklichkeit untereinander ebenso verschieden wie die menschlichen Individuen, – aber wie diese Verschiedenheit die Anatomen und Physiologen77[57] In Roscher, System I2, S. 42 (§ 26), ist die Rede von der „Anatomie und Physiologie der Volkswirthschaft“. nicht hindert, von den individuellen Differenzen bei ihrer Beobachtung zu abstrahieren, so verbietet die individuelle Eigenart der Nationen dem Geschichtstheoretiker nicht, sie als Exemplare ihrer Gattung zu behandeln und in ihrer Entwickelung unter[A 12]einander zu vergleichen, um Parallelismen derselben zu finden, die – so meint Roscher78 Roscher benutzt den Begriff „Parallele“, wenn er Analogien herstellt oder Vergleiche anstellt; vgl. z. B. Roscher, Grundriß, S. IV, und Roscher, System I2, S. 58 (§ 37). – durch stetige Vervollkommnung der Beobachtung schließlich zum logischen Range von „Naturgesetzen“ erhoben werden können, welche für die Gattung „Volk“ gelten. – Nun liegt es auf der Hand, daß ein Komplex von auf diesem Wege etwa gefundenen Regelmäßigkeiten, so erheblich ihr provisorischer heuristischer Wert im einzelnen Falle sein kann, nimmermehr als endgültiges Erkenntnisziel irgend einer Wissenschaft – sei sie „Natur“- oder „Geistes“-Wissenschaft, „Gesetzes“- oder „Geschichts“-Wissenschaft25)[A 12] Die erstere Einteilung der Wissenschaften wird bekanntlich von Dilthey, die letztere von Windelband und Rickert in den Dienst der Aufhellung der logischen Eigenart der Geschichte gestellt.80 Vgl. Dilthey, Einleitung; Windelband, Geschichte; Rickert, Grenzen. Daß die Art, wie uns psychische Objekte „gegeben“ sind, keinen spezifischen, für die Art der Begriffsbildung wesentlichen Unterschied gegenüber den Naturwissenschaften begründen könne, ist eine Grundthese Rickerts;81 Vgl. Rickert, Grenzen, S. 147 ff. – daß der Gegensatz der inneren „Erlebungen“ zu den „äußeren“ Erscheinungen kein bloß „logischer“, sondern ein „ontologischer“ sei, ist (nach Dilthey)82 Vgl. Dilthey, Einleitung, S. 10 f. der Ausgangspunkt Gottls a.a. O.83 Gottl, Herrschaft, S. 70. Der in dieser Studie weiterhin zu Grunde gelegte Standpunkt nähert sich dem Rickertschen insofern, als dieser meines Erachtens ganz mit Recht davon ausgeht, daß die „psychischen“ bezw. „geistigen“ Tatbestände – wie immer man diese vieldeutigen Termini abgrenzen möge – prinzipiell der Erfassung in Gattungsbegriffen [58]und Gesetzen durchaus ebenso zugänglich sind wie die „tote“ Natur. Denn der geringe erreichbare Grad der Strenge und der Mangel der Quantifizierbarkeit ist nichts den auf „psychische“ oder „geistige“ Objekte bezüglichen Begriffen und Gesetzen Spezifisches. Die Frage ist vielmehr nur, ob die eventuell aufzufindenden generell geltenden Formeln für das Verständnis derjenigen Bestandteile der Kulturwirklichkeit, auf die es uns ankommt, irgend welchen erheblichen Erkenntniswert haben. – Weiter ist daran festzuhalten, daß der „urwüchsige Allzusammenhang“,84[58] In Gottl, Herrschaft, S. 128, ist die Rede von einem „Allzusammenhang“. wie er in der inneren Erfahrung erlebt wird und (nach Gottls Ansicht) die Anwendung der naturalistischen Kausalbetrachtung und des naturalistischen Abstraktionsverfahrens ausschließt – in Wahrheit nur: für die Erkenntnis des uns Wesentlichen häufig unfruchtbar macht –, sich auch auf dem Boden der toten Natur (nicht nur bei biologischen Objekten, denen Gottl eine Ausnahmestellung einräumt) dann sofort einstellen würde, wenn wir einen Naturvorgang in voller konkreter Realität zu erfassen suchen würden. Daß wir dies in den exakten Naturwissenschaften nicht tun, folgt nicht aus der sachlichen Natur des ihnen Gegebenen, sondern aus der logischen Eigenart ihres Erkenntnisziels.
Andererseits bleibt auch bei grundsätzlicher Annahme des Rickertschen Standpunkts zweifellos und von Rickert selbst natürlich nicht bestritten, daß der methodische Gegensatz, auf den er seine Betrachtungen zuspitzt, nicht der einzige und für manche Wissenschaften nicht einmal der wesentliche ist. Mag man insbesondere seine These, daß die Objekte der „äußeren“ und „inneren“ Erfahrung uns grundsätzlich in gleicher Art „gegeben“ seien, annehmen, so bleibt doch, [A 13]gegenüber der von Rickert stark betonten „prinzipiellen Unzugänglichkeit fremden Seelenlebens“,85 Rickert, Grenzen, S. 187. bestehen, daß der Ablauf menschlichen Handelns und menschlicher Äußerungen jeder Art einer sinnvollen Deutung zugänglich ist, welche für andere Objekte nur auf dem Boden der Metaphysik ein Analogon finden würde, und durch welche u. a. jene eigentümliche, oft – auch von Roscher86 Vgl. z. B. Roscher, System I2, S. 36 (§ 22): „Der allgemeine Theil der Nationalökonomik hat unverkennbar manche Aehnlichkeiten mit der Mathematik. Er wimmelt, sowie diese, von Abstractionen.“ – hervorgehobene Verwandtschaft des logischen Charakters gewisser ökonomischer Erkenntnisse mit der Mathematik begründet wird, die ihre gewichtigen, wenn schon oft (z. B. von Gottl)87 Vgl. Gottl, Herrschaft, S. 219, über das „wortfreie Denken“ der Mathematik im „Glanzbereiche des ,in sich gekehrten Handelns‘“. überschätzten Konsequenzen hat. Die Möglichkeit dieses Schrittes über das „Gegebene“ hinaus, den jene Deutung darstellt, ist dasjenige Spezifikum, welches trotz Rickerts Bedenken es rechtfertigt, diejenigen Wissenschaften, die solche Deutungen methodisch verwenden, als eine Sondergruppe (Geisteswissenschaften) zusammenzufassen. In den Irrtum, für sie eine der Rolle der Mathematik entsprechende Grundlage in einer erst noch zu schaffenden systematischen Wissenschaft der Sozialpsychologie für nötig zu halten, braucht man, wie später zu erörtern sein wird, deshalb noch nicht zu verfallen.
– in Betracht kommen könnte. Es [58]würde ihr, wenn [A 13]wir einmal annehmen, es sei die Auffindung [59]massenhafter „empirischer“ Gesetze88[59] In seinen Kritiken an Knies und Stammler unterscheidet Weber zwischen Naturgesetzen und empirischen Gesetzen. Naturgesetze sind ausnahmslos geltende generelle Aussagen über kausale Verknüpfungen. Empirische Gesetze sind ebenfalls ausnahmslos geltende generelle Aussagen über Relationen von Erscheinungen, aber die zugrunde liegenden Kausalverknüpfungen sind (noch) nicht aufgeklärt. Vgl. Weber, Roscher und Knies 3, unten, S. 360, und ders., Stammler, unten, S. 530. Weber gibt keine Quellen an. Es ist wahrscheinlich, daß er sich an Sigwart orientiert, in dessen Logik der § 96 („Gesetze, welche nicht Causalgesetze sind“) mit „Sog. empirische Gesetze“ überschrieben ist: „sie drücken nur Beziehungen der Abhängigkeit einer Veränderung von bestimmten Bedingungen aus, geben aber an sich noch keinen Aufschluss über die darin wirksame Ursache“. Vgl. Sigwart, Logik II (wie oben, S. 5, Anm. 31), S. 501. Auf Sigwarts Logik (mit Bezug auf Sigwart, Logik II, S. 627 f.) hat Weber bereits in seinen Vorlesungen über Allgemeine („theoretische“) Nationalökonomie, MWG III/1, S. 89, verwiesen, wo sich (ebd., S. 95) auch ein Verweis auf eine andere mögliche Quelle findet, nämlich: Neumann, Friedrich Julius, Naturgesetz und Wirtschaftsgesetz, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Jg. 48, 1892, S. 405–475, hier S. 408 f. Neumann bestimmt die durch „Strenge“ bzw. „Ausnahmslosigkeit“ charakterisierten „Naturgesetze“ als „kausale Gesetze“, d. h. als „Ausdruck für eine gleichmässige Wiederkehr solcher Vorgänge, die als Glieder ursächlicher Zusammenhänge erkannt worden sind“, während „empirische Gesetze“ „nur thatsächlich obwaltende Zusammenhänge zum Ausdruck bringen“, also „Regeln“ sind, bei denen „,der mühsame Aufbau von Ursache und Wirkung‘ bisher nicht gelang“. So waren Keplers Gesetze empirische Gesetze, bis es Newton gelang, sie aus einem kausalen Gesetz – dem der Gravitation – abzuleiten. Als mögliche Quelle kommt auch Sombart in Betracht, der empirische Gesetze als „soi-disant ,Gesetze‘“ bezeichnet und als „die bloße Feststellung einer regelmäßigen Wiederkehr von Erscheinungen ohne die Erkenntnis der sie bewirkenden Ursachen“ bestimmt. Vgl. Sombart, Moderner Kapitalismus I (wie oben, S. 14, Anm. 94), S. XVII. Für Menger, Untersuchungen, S. 25, gibt es hingegen Gesetze von unterschiedlicher „Strenge“: Bei „Naturgesetze[n]“ sind „Ausnahmen“ „geradezu ausgeschlossen“, während „empirische Gesetze“ „allerdings Ausnahmen aufweisen“. im geschichtlichen Ablauf gelungen, vor allem jede Form der kausalen Durchsichtigkeit89 Möglicherweise referiert Weber auf Schopenhauer oder Dilthey. Für Schopenhauer gibt es keine „vollkommene Durchsichtigkeit“ in Sachen Kausalität, weil die im „Ding an sich“ wirkenden Kräfte „qualitates occultae“ bleiben. Vgl. Schopenhauer, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band 1: Vier Bücher, nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält, in: ders., Sämmtliche Werke, hg. von Julius Frauenstädt, Band 2, 2. Aufl. – Leipzig: F. A. Brockhaus 1891, S. 144 f. Dilthey erachtet Kausalität weder im Sinne eines „inneren Bandes […] des Naturlaufs“ noch im Sinne „apriorische[r] Formen der Intelligenz“ für „gänzlich durchsichtig“: Der Begriff Kausalität habe „einen dunklen Kern einer nicht in sinnliche oder Verstandeselemente auflösbaren Thatsächlichkeit“. Vgl. Dilthey, Einleitung, S. 509 f. noch abgehen, und die wissenschaftliche Bearbeitung, die nun erst zu beginnen hätte, und für die jene Parallelismen nur das Material bilden würden, müßte sich dann vor allem über die erstrebte Art der Erkenntnis entscheiden. Entweder würde exakte Erkenntnis im naturwissenschaftlichen Sinn gesucht. Dann müßte die logische [60]Bearbeitung sich auf zunehmende Eliminierung des noch verbliebenen Individuellen und zunehmende Unterordnung der gefundenen „Gesetze“ unter noch allgemeinere als deren – unter relativ individuellen Voraussetzungen Platz greifender – Spezialfall, damit aber auf zunehmende Entleerung der zu bildenden Allgemeinbegriffe und zunehmende Entfernung von der empirisch-verständlichen Wirklichkeit richten, – das logische Ideal würde ein System absolut allgemeingültiger Formeln bilden, welche das Gemeinsame alles historischen Geschehens abstrakt darstellen würden. Die historische Wirklichkeit, auch ihre für uns noch so bedeutsamen „welthistorischen“ Vorgänge und Kulturerscheinungen, würde selbstverständlich aus diesen Formeln niemals deduziert werden können26)[60] Das wäre nicht nur faktisch, sondern nach dem logischen Wesen „gesetzlicher“ Erkenntnis prinzipiell unmöglich, da die Bildung von „Gesetzen“ – Relationsbegriffen von genereller Geltung – mit Entleerung des Begriffsinhalts durch Abstraktion identisch ist. Das Postulat der „Deduktion“ des Inhalts der Wirklichkeit aus Allgemeinbegriffen wäre, wie später noch an einem Beispiel zu erörtern sein wird,91 Unten, S. 80 ff. selbst als in der Unendlichkeit liegendes Ideal gedacht sinnlos. Hier hat meines Erachtens auch Schmoller in seiner Entgegnung gegen Menger [A 14](Jahrbuch 1883, S. 979)92 Schmoller, Methodologie, S. 979. in dem Satze: „Alle vollendete Wissenschaft ist deduktiv, weil, sobald man die Elemente vollständig beherrscht, auch das komplizierteste nur Kombination der Elemente sein kann,“ Konzessionen gemacht, die nicht einmal auf dem eigensten Anwendungsgebiete der exakten Gesetzesbegriffe gelten. Wir kommen darauf später zurück.93 Vgl. Weber, Objektivität, unten, S. 176 ff., 226. . Die kausale „Erklärung“ würde lediglich in der [A 14]Bildung allgemeinerer Relationsbegriffe bestehen, mit dem Bestreben, möglichst alle Kulturerscheinungen auf reine Quantitätskategorien irgend welcher Art, z. B. „Intensitäts“-Verhältnisse möglichst weniger, möglichst einfacher psychischer „Faktoren“, zu reduzieren. Die Frage, ob eine erhöhte empirische „Verständlichkeit“ des Ablaufs der uns umgebenden Wirklichkeit in ihrem konkreten kausalen Zusammenhang erzielt würde, wäre dabei notwendigerweise methodisch gleichgültig.

Würde dagegen geistiges Verständnis90[60] Möglicherweise referiert Weber auf Menger, Untersuchungen, S. 14. Vgl. Weber, Objektivität, unten, S. 198 mit Anm. 85. jener uns umgebenden Wirklichkeit in ihrem notwendig individuell bedingten Gewordensein und ihrem notwendig individuellen Zusammenhang [61]erstrebt, dann müßte die notwendige Bearbeitung jener Parallelismen unter den alleinigen Zweckgesichtspunkt gestellt werden, die charakteristische Bedeutung einzelner konkreter Kulturelemente in ihren konkreten, der „inneren Erfahrung“27)[61] Wenn wir diesen Ausdruck hier vorerst ohne nähere Deutung acceptieren.94[61] Dilthey, Einleitung, S. XVII, zufolge besitzen wir die „Realität […] nur an den in der inneren Erfahrung gegebenen Thatsachen des Bewußtseins“; deren Analyse sei das „Zentrum der Geisteswissenschaften“. verständlichen Ursachen und Wirkungen bewußt werden zu lassen. Die Parallelismen selbst könnten dann lediglich Mittel sein zum Zweck des Vergleichs mehrerer historischer Erscheinungen miteinander in ihrer vollen Individualität zur Entwickelung dessen, was an einer jeden einzelnen von ihnen das Charakteristische ist. Sie wären ein Umweg von der unübersehbaren und deshalb ungenügend verständlichen individuellen Mannigfaltigkeit des anschaulich Gegebenen zu einem nicht minder individuellen, aber infolge der Heraushebung der für uns bedeutsamen Elemente übersehbaren und deshalb verständlichen Bilde derselben. Sie wären mit anderen Worten eins von vielen möglichen Mitteln zur Bildung individueller Begriffe. Ob und wann die Parallelismen aber ein geeignetes Mittel zu diesem Zweck sein könnten, wäre durchaus problematisch und nur für den einzelnen Fall zu entscheiden. Denn dafür, daß gerade das Bedeutsame und in den konkreten Zusammenhängen Wesentliche in dem gattungsmäßig in den Parallelismen Erfaßbaren enthalten wäre, ist natürlich a priori nicht die geringste Wahrscheinlichkeit gegeben. Würde dies verkannt, dann könnten die Parallelismen zu den ärgsten Verirrungen der Forschung Anlaß geben und haben dies tatsächlich nur zu oft getan. [A 15]Und vollends davon, daß als letzter Zweck der Begriffsbildung die Unterordnung der mit Hülfe der Parallelismen zu gewinnenden Begriffe und Gesetze unter solche von immer generellerem Geltungsbereich (und also immer abstrakterem Inhalt) zu denken sei, könnte dann selbstverständlich keine Rede sein.

Eine dritte Möglichkeit neben den beiden besprochenen: entweder Auslese des Gattungsmäßigen als des Erkenntniswerten und Unterordnung desselben unter generell geltende abstrakte Formeln, oder: Auslese des individuell Bedeutsamen und Einordnung [62]in universale – aber individuelle – Zusammenhänge28)[62][A 15] Über die so einfachen und doch so oft verkannten Unterschiede der Bedeutungen von „allgemein“ voneinander, mit denen wir immer wieder zu tun haben, ist grundlegend der Aufsatz von Rickert, Les quatre modes de l’universel en histoire, in der Revue de synthèse historique 1901.97 Rickert, Quatre modes. Vgl. auch Rickert, Grenzen, S. 528 ff. Rickert unterscheidet vier Arten des Allgemeinen in der Geschichte: Erstens sind die Elemente aller wissenschaftlichen Begriffe allgemein, aber nur die Naturwissenschaften bilden aus ihnen allgemeine Begriffe, während die historischen Wissenschaften sie zu Begriffen mit individuellem Inhalt zusammenschließen. Zweitens stellen die historischen Wissenschaften ein Individuum mit Rücksicht auf einen allgemeinen Wert dar, aber diese Wertbeziehung macht den Inhalt des Begriffs nicht allgemein, sondern die allgemeine Bedeutung des historischen Objekts haftet an seiner Individualität. Drittens betrachten die historischen Wissenschaften ein Individuum nie isoliert, sondern in einem allgemeinen Zusammenhang, der aber kein Begriff mit allgemeinem Inhalt, sondern selbst eine individuelle Wirklichkeit ist. Eine solche Einordnung eines Individuums als Teil eines Ganzen darf nicht mit seiner Unterordnung als Exemplar unter einen allgemeinen Begriff verwechselt werden. Viertens können die historischen Wissenschaften eine Gruppe von Individuen so zusammenfassen, daß jedes Individuum als gleich [63]bedeutsam gilt. Dadurch bilden sie zwar einen allgemeinen Begriff, wenden aber keine naturwissenschaftliche Methode an, denn ein solcher relativ historischer Begriff hat nicht den Zweck, die allgemeine Natur der ihm untergeordneten Objekte zum Ausdruck zu bringen, sondern sein Inhalt soll die historische Individualität einer Gruppe von Objekten darstellen, die alle durch dieselben Züge historisch wesentlich werden. , gäbe es für die Erscheinungen der historischen Kulturentwickelung offenbar dann, wenn man sich auf den Boden der Hegelschen Begriffslehre stellte und den „hiatus irrationalis“95[62] Für Lask, Fichte, S. 169 f., hielt Fichte in Abgrenzung von Hegels Einheit von Begriff und Wirklichkeit mit Kant an der Unerkennbarkeit der Wirklichkeit an sich fest. Die Wirklichkeit könne „in ihrer Unberechenbarkeit nur abgewartet und hingenommen werden“: „Dieses plötzliche Abreißen aller Fäden der Spekulation bei der Tatsache der brutalen Wirklichkeit nennt Fichte den absoluten, durch keine Reflexion auszufüllenden, sondern eben das Letzte, Unerreichbare des Wissens selbst ausmachenden ‚hiatus‘“. Zwar mag man sich die Wirklichkeit „als ‚Produzieren‘ durch das Ich denken“, aber laut Fichte bloß „als Produzieren eines Objekts, ‚über dessen Entstehung keine Rechenschaft abgelegt werden kann, wo es demnach in der Mitte zwischen Projektion und Projektum finster und leer ist, wie ich [Fichte] es ein wenig scholastisch, aber, denk ich, sehr bezeichnend ausdrückte, die proiectio per hiatum irrationalem‘“. Vgl. unten, S. 90. zwischen Begriff und Wirklichkeit zu überwinden suchte durch „Allgemein“-Begriffe, welche als metaphysische Realitäten die Einzeldinge und -vorgängef[62]A: -Vorgänge als ihre Verwirklichungsfälle umfassen und aus sich hervorgehen lassen. Bei dieser „emanatistischen“96 Für Lask, Fichte, S. 25 f., 60, ist Hegels Logik emanatistisch. Der sich dialektisch bewegende Begriff nähert sich der Wirklichkeit an und wird „seine eigene Selbstverwirklichung in der ‚Erscheinung‘“. Er entläßt „den besonderen Verwirklichungsfall sozusagen aus seiner überreichen Fülle“. Die Wirklichkeit wird gedacht als Ausfluß, als Emanation der überwirklichen Begriffe. Auffassung des Wesens und der Geltung der „höchsten“ Begriffe ist es dann logisch zulässig, das [63]Verhältnis der Begriffe zur Wirklichkeit einerseits streng rational zu denken, d. h. derart, daß die Wirklichkeit aus den Allgemeinbegriffen absteigend deduzierbar ist, und damit andererseits zugleich durchaus anschaulich zu erfassen, d. h. derart, daß die Wirklichkeit beim Aufsteigen zu den Begriffen von ihrem anschaulichen Gehalt nichts verliert. Inhalt und Umfang der Begriffe verhalten sich dann in ihrer Größe nicht zueinander entgegengesetzt, sondern decken sich, da das „Einzelne“ nicht nur Exemplar der Gattung, sondern auch Teil des Ganzen ist, welches der Begriff repräsentiert. Der „allgemeinste“ Begriff, aus dem alles deduzierbar sein müßte, würde dann zugleich der inhaltsreichste sein. Zugänglich aber wäre eine begriffliche Erkenntnis dieser Art, von der uns unser analytisch-diskursives Erkennen98 Zu „analytisch“ vgl. Einleitung, oben, S. 16. Zu „diskursiv“ vgl. Rickert, Grenzen, S. 687, für den „alles menschliche Erkennen diskursiv sein“ muß, was bedeutet, „dass es eine bestimmte Zeitstrecke ausfüllt und nur durch eine Reihe von Veränderungen hindurch das Erkenntnisziel zu erreichen vermag“. fortgesetzt entfernt, indem es die Wirklichkeit durch Abstraktion ihrer vollen Realität entkleidet, nur einem Erkennen, welches analog (aber nicht gleichartig) dem mathematischen29)[63] Vgl. darüber und überhaupt über diese Probleme die vorzügliche Arbeit eines sehr begabten Schülers von Rickert: E[mil] Lask, Fichtes Idealismus und die Geschichte,g[63]A: Geschichte. S. 39 ff., 51 f., 64. sein [A 16]müßte30)[A 16] Wir lassen hier die für die Nationalökonomie zentralen logischen Probleme, zu welchen die besondere Art von anschaulicher Evidenz führt, der die Deutung menschlicher Motivation zugänglich ist, und mit denen neuestens Gottl a. a. O. sich befaßt,99 Gottl, Herrschaft, S. 77 f., spricht davon, daß wir „im Wahrnehmen fremden Handelns“ unser Ich „in die fremde Menschenhülle […] verlegen“ und damit das „erlebte Geschehen […] in seinen strebigen Zusammenhängen“ durchschauen. zunächst noch absichtlich beiseite. Wir können dies, da Roscher diesen Gesichtspunkt in keiner Weise verwertet hat. Nach ihm nähern wir uns der Erkenntnis der Zusammenhänge menschlichen Handelns diskursiv und von außen her, ganz ebenso wie der Erkenntnis des Naturzusammenhangs. Über die „Selbstbeobachtung“ als Erkenntnisquelle vgl. die kurze Bemerkung Gesch[ichte] d[er] Nationalökonomie S. 1036. Da[64]selbst die oft zitierte Stelle über die relativ geringe Tragweite des Unterschiedes von „Induktion“ und „Deduktion“, welch letztere mit der Selbstbeobachtung identifiziert wird, ohne daß Roscher den sich daraus ergebenden logischen Problemen hier oder sonst weiter nachginge.3 Für Roscher, Geschichte, S. 1036, ermöglicht es bei der Induktion die „nachschöpferische Phantasie des Bearbeiters“, „daß er sich in die Seele derjenigen Menschen versetzen kann, deren Thun oder Leiden er schildern und beurtheilen will“; aber auch die „deductive Erklärung wirthschaftlicher Dinge beruhet in Wahrheit auf Beobachtung, nämlich auf Selbstbeobachtung des Erklärenden, der, bewußt oder unbewußt, immer fragen muß: Wenn ich dieselbe Thatsache erlebte oder vollzöge, was würde ich dabei gedacht, gewollt und empfunden haben? Wer gar nicht fähig ist, sich in die Seele Anderer zu versetzen, der wird die meisten wirthschaftlichen Vorgänge falsch erklären.“ . Und metaphysische Voraussetzung des Wahrheitsgehalts dieser Erkenntnis wäre, daß die Begriffsinhalte als metaphysische Realitäten hinter der Wirklichkeit stehen [64]und diese in ähnlicher Art notwendig aus ihnen hervorgeht, wie die mathematischen Lehrsätze auseinander „folgen“. – Was nun Roscher anlangt, so war ihm das Problem, um welches es sich handelt, keineswegs unbekannt.

Sein Verhältnis zu Hegel31) Roschers ausführliche Stellungnahme zu Hegel in der Geschichte der Nationalökonomie S. 925 ff. ist für uns belanglos, da er fast nur die Beurteilung konkreter praktischer Fragen durch Hegel kritisiert. Bemerkenswert ist nur der Respekt, mit welchem er die „dreistufige Entwickelung vom abstrakt Allgemeinen durch das Besondere zum konkret Allgemeinen“h[64]A: Allgemeine“ behandelt, welche „eines der tiefsten historischen Entwickelungsgesetze berühre“, – ohne nähere Erläuterung. war durch den Einfluß seiner Lehrer Ranke, Gervinus und Ritter32) Auch B[arthold] G[eorg] Niebuhr, dem er in der Gesch[ichte] d[er] Nationalökonomie S. 916 f. ein schönes Denkmal setzt, rechnet er selbst dazu.4 Für Roscher, ebd., S. 916 f., war Niebuhr eine „eigentliche Gelehrtennatur“, die mit ihrer „ebenso breiten Quellenkenntniß wie scharfen Quellenkritik“ jene „historische Phantasie“ verband, „welche aus Bruchstücken das lebendige Ganze wieder herstellt“. bestimmt.1[64] Roscher studierte ab 1835 in Göttingen bei Friedrich Christoph Dahlmann, Georg Gottfried Gervinus und Karl Otfried Müller. Nach seiner Promotion 1838 ging er nach Berlin und hörte bei August Boeckh, Barthold Georg Niebuhr, Leopold von Ranke und Heinrich Ritter. 1840 habilitierte er sich in Göttingen. Sein Werk über Thukydides widmete er Ranke und Ritter. Er formuliert in seinem „Thukydides“ seinen Widerspruch gegen die Methode der „Philosophen“33) Thukydides S. 19. Er nennt Hegel, den er weiterhin gelegentlich zitiert (S. 24, 31, 34, 69), an dieser Stelle nicht. dahin, daß „zwischen dem Denken eines Begriffs als solchen und dem Denken seines Inhalts“ ein „großer Unterschied“ sei,2 Vgl. Roscher, Thukydides, S. 19. – wenn der „höhere“ Begriff des Philosophen „Ursache“ des niederen, d. h. seines Gedachtwerdens im Begriffssysteme [65]sei, so könne der Historiker dies auf die reale Welt nicht übertragen, denn jede „philosophische“ Erklärung sei Definition, jede historische aber Schilderung34)[65] Thuk[ydides] S. 28. . Die philosophische Wahrheit und Notwendigkeit stehe der dichterischen gleich, sie [A 17]habe ihre Geltung „im luftleeren Raum“35)[A 17] Das[elbst] S. 24 f., bes. S. 27.6 Während Roscher, Thukydides, S. 26 f., zufolge im gewöhnlichen Leben ein Urteil wahr ist, wenn es „mit der Wirklichkeit congruiert“, ist die Wahrheit für den Philosophen bzw. den Dichter gebunden an eine „Übereinstimmung mit den logischen Denk- oder den ästhetischen Empfindungsgesetzen“; daher könne man sagen, die Wissenschaft „errichtet ihr Gebäude auf ebener Erde, die Dichtung unter den Wolken und Sternen des Himmels, die Philosophie im luftleeren Raume“. , sie müsse ebenso notwendig verlieren, wenn sie in die Sphäre des Geschichtlichen hinabsteige, wie die Geschichte, wenn sie philosophische Begriffsentwickelungen in sich aufnehmen wolle: konkrete historische Institutionen und Ereignisse können keinen Teil eines BegriffssystemsNyMWG: Begriffsystem Korrektur nach A in MWG digital. ausmachen36) Das[elbst] S. 29. . Nicht ein oberster Begriff, sondern eine „Gesamtanschauung“ ist es, welche die Werke der Historiker – und der Dichter – zusammenhält37) Das[elbst] S. 22. Der Unterschied zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Wahrheit findet sich S. 27 und S. 35 entwickelt. . Diese „Gesamtidee“ ist aber nicht adäquat in eine Formel oder einen definierten Begriff zu fassen. Die Geschichte will wie die Poesie das volle Leben erfassen38) Das[elbst] S. 35. , das Aufsuchen von Analogien ist Mittel zu diesem Zweck, und zwar ein Werkzeug, „mit dem sich der Ungeschicktere leicht verletzen kann“ und welches „auch dem Geschickten niemals große Dienste leisten“ wird39) Vorrede S. XII. .5[65] Vgl. im Zusammenhang und korrekt: „Der Leser wird bemerken, daß meine Arbeit an historischen Parallelen, s[o] g[enannten] Analogien, reich ist. Mit Analogien wird in unserer Zeit viel Mißbrauch getrieben. Mancher Schriftsteller hat sie als ein Bequemlichkeitsmittel angesehen, um der ernsteren Arbeit überhoben zu sein. Statt ihrem Leser die Wahrheit selbst gleichsam zu schenken, pflegen Viele ihn nur rund umherzuführen, damit er sie von verschiedenen Seiten betasten könne. Aber ein Werkzeug, mit dem sich der Ungeschickte nicht verletzen kann, wird auch dem Geschickten niemals große Dienste leisten. Und nur als Werkzeug darf die Analogie gebraucht werden, nicht als Selbstzweck. Sie leitet uns an, durch Vergleichung mit möglichst viel ähnlichen Gegenständen die vorliegende Materie vielseitiger und gründlicher kennen zu lernen.“ Vgl. Roscher, Thukydides, S. XI f. Zu den Folgen dieses Fehlzitats vgl. unten, S. 68, Fn. 48. – Gleichviel wie man die Formulierung dieser Sätze im einzelnen [66]beurteilt, – es scheint danach zunächst, daß Roscher das Wesen der geschichtlichen Irrationalität zutreffend erkannt habe. Allein schon manche Äußerungen in derselben Schrift Roschers zeigen, daß ihm ihre Tragweite trotzdem nicht zum Bewußtsein gekommen ist.

Denn alle diese Ausführungen wollen nur die Hegelsche Dialektik40)[66] Eine eingehendere Auseinandersetzung mit derjenigen Form der Hegelschen Dialektik, welche das „Kapital“ von Marx repräsentiert,7[66] Vgl. Marx, Kapital. hat Roscher nie unternommen. Seine Ausführungen gegen Marx in der Gesch[ichte] d[er] Nationalökonomie S. 1221 u. 1222 (eine Seite!) sind von erschreckender Dürftigkeit und zeigen, daß ihm damals (1874) jede Reminiscenz an die Bedeutung Hegels abhanden gekommen war.8 Vgl. Roscher, Geschichte, S. 1021 f.; Paginierungsfehler in Roscher-Ausgabe. ablehnen und die Geschichte auf den ihr mit den Naturwissenschaften gemeinsamen Boden der Erfahrung stellen. Einen Gegensatz in der Begriffsbildung aber zwischen der exakten Naturwissenschaft einerseits und der Geschichte andererseits kennt Roscher nicht. Sie verhalten sich nach ihm zueinander wie Plastik und Poesie in Lessings Laokoon41) So Thuk[ydides] S. 10.9 Vgl. Roscher, Thukydides, S. 9 f. Lessing, Laokoon, S. 162 f., zufolge läßt sich in einer Plastik nur ein bestimmter Moment eines Handlungsablaufs erfassen, so daß bei der Darstellung von Schmerzen die Figuren in diesem Ausdruck verharren müssen, was dem Schönheitsideal widerspricht. Die Poesie hingegen kann den ganzen Handlungsablauf darstellen und den Schmerz in ästhetischer Weise schildern. : die Unterschiede, welche bestehen, ergeben sich aus dem Stoffe, den sie bearbeiten, nicht aus dem logischen Wesen der Erkenntnis, die sie erstreben. Und mit der „Philosophie“ – in Roschers Sinn des Wortes – teilt die Geschichte [A 18]die „Seligkeit“, das „scheinbar Regellose nach allgemeinen Grundsätzen anzuordnen42)[A 18] Thuk[ydides] S. 35. .

Da die Geschichte43) S[iehe]i[66]A: s. Thuk[ydides] S. 58.10 Roscher, Thukydides, S. 38 (nicht: S. 58). die Aufhellung der kausalen Bedingtheit der Kulturerscheinungen (im weitesten Sinn des Wortes) bezweckt, so können diese „Grundsätze“ nur solche der kausalen Verknüpfung sein. Und hier findet sich nun bei Roscher der eigentümliche Satz44) Thuk[ydides] S. 188.11 Ebd., S. 187. , daß es Gepflogenheit der Wissenschaft – und zwar jeder [67]Wissenschaft – sei, bei kausaler Verknüpfung mehrerer Objekte „das Wichtiger-Scheinende die Ursache des minder Wichtigen zu nennen“. Der Satz, dessen emanatistische Provenienz ihm an der Stirn geschrieben steht, wird nur verständlich, wenn man unterstellt, daß Roscher mit dem Ausdruck „wichtiger“ einerseits dasselbe gemeint hat, was Hegel unter „allgemein“ verstand, andererseits aber das gattungsmäßig-„allgemeine“ davon nicht schied. Daß dies in der Tat der Fall ist, wird sich uns im weitern Verlauf der Betrachtung von Roschers Methode immer wieder zeigen. Roscher identifizierte die Begriffe: gattungsmäßig allgemein (generell) und: inhaltlich umfassend miteinander. Außerdem aber schied er auch nicht zwischen der mit dem universellen Zusammenhang identifizierten generellen Geltung der Begriffe und der universellen Bedeutung des Begriffenen: das „Gesetzmäßige“ ist, wie wir sahen,12[67] Oben, S. 52. das „Wesentliche“ der Erscheinung45)[67] Selbst für die künstlerische Produktion ist ihm das allein interessierende „Hauptsächlichste“ (das[,] was der Künstler von der Erscheinung erfassen will und soll) dasjenige, welches „zu allen Zeiten, unter allen Völkern und in allen Herzen wiederkehrt“ (Thukydides S. 21 mit Exemplifikation auf Hermann und Dorothea und die Reden im Thukydides).13 Gemeint ist Goethes Epos „Hermann und Dorothea“ von 1797. Thukydides läßt in Reden und Gegenreden politische Akteure zu Wort kommen. Vgl. Roscher, Thukydides, S. 144 ff. . Und es versteht sich ihm endlich – wie so vielen noch heute – von selbst, daß, weil man die generellen Begriffe durch Abstraktion von der Wirklichkeit aufsteigend gebildet habe, so auch umgekehrt die Wirklichkeit aus diesen generellen Begriffen – deren richtige Bildung vorausgesetzt – absteigend wieder müsse deduziert werden können. Er bezieht sich in seinem „System“ gelegentlich46) § 22 des Systems, Band I.14 Roscher, System I2, S. 36 (§ 22). ausdrücklich auf die Analogie der Mathematik und die Möglichkeit, gewisse Theoreme der Nationalökonomie in mathematische Formeln zu kleiden, und fürchtet lediglich, daß die Formeln infolge des Reichtums der Wirklichkeit zu „verwickelt“ werden könnten, um [A 19]praktisch brauchbar zu sein. Einen Gegensatz begrifflicher und anschaulicher Erkenntnis kennt er nicht, die mathematischen Formeln hält [68]er für Abstraktionen nach Art der Gattungsbegriffe. Alle Begriffe sind ihm vorstellungsmäßige Abbilder der Wirklichkeit47)[68][A 19] Vgl. dazu unter anderen die Ausführungen von Rickert, Grenzen, S. 245 f.16 Wie an vielen anderen Stellen wendet sich Rickert auch hier gegen die Auffassung, „dass das Erkennen die Aufgabe habe, die Wirklichkeit abzubilden“. , die „Gesetze“ aber objektive Normen, denen gegenüber sich die „Natur“ in einem ähnlichen Verhältnis befindet, wie das „Volk“ gegenüber den staatlichen Gesetzen.15[68] Die Vorstellung von Naturgesetzen als präskriptiven Regeln hat ihre Wurzel im Alten Testament (Psalm 104, 6–9; Hiob 28, 25–27 und 38, 8–11) und findet sich in der neuzeitlichen Astronomie und Philosophie z. B. bei Georg Joachim Rheticus und René Descartes. In Rickert, Grenzen, S. 130, klingt sie ebenfalls an: „Die Einsicht in die ‚Nothwendigkeit‘ eines Vorganges kann bei ihr [der Naturwissenschaft] immer nur in der Kenntnis der Gesetze bestehen, die ihn beherrschen.“ Vgl. auch Lask, Fichte, S. 169: „Die einzelne Wirklichkeit befolgt Gesetze, aber sie folgt – nämlich für unser Begreifen – nicht aus ihnen“. Vgl. Weber, Stammler, unten, S. 503. Die ganze Art seiner Begriffsbildung zeigt, daß er von dem Hegelschen Standpunkt zwar prinzipiell geschieden bleibt, trotzdem aber mit metaphysischen Vorstellungen arbeitet, welche sich nur dem Hegelschen Emanatismus konsequent einfügen lassen würden. Die Methode der Parallelismenbildung ist ihm zwar die spezifische Form des Fortschritts kausal-geschichtlicher Erkenntnis48) „Jedes historische Urteil beruht auf unzähligen Analogien,“ meint er Thukydides S. 20, – ein Satz, der in dieser Form jenem Irrtum verwandt ist, der das Studium einer – erst zu schaffenden! – Psychologie als Voraussetzung exakter historischer Forschung ansieht[,] und bei den sehr energischen Worten gegen den Mißbrauch von historischen Analogien S. XI der Vorrede besonders auffällt.17 Tatsächlich hat Roscher, Thukydides, S. XI f., auch den Nutzen von Analogien hervorgehoben, was Weber nicht erfaßt hat. Vgl. oben, S. 65 mit Anm. 5. : sie führt aber nie zum Ende, und deshalb kann nie wirklich die ganze Wirklichkeit aus den so gewonnenen Begriffen deduziert werden, – wie es nach Roschers Meinung der Fall wäre, wenn wir bis zu den letzten und höchsten „Gesetzen“ alles Geschehens aufgestiegen wären: es fehlt dem geschichtlichen Geschehen, wie wir es erkennen, die Notwendigkeit49) Vgl. Roscher, Thukydides S. 195. , es bleibt notwendig ein „unerklärter“ Hintergrund, und zwar ist es eben dieser, der allein den Zusammenhang des Ganzen herstellt50) § 13 Note 4 des „Systems“ Bandj[68]A: bei I. , offenbar: weil aus ihm die Wirklichkeit emaniert. Aber ihn denkend zu erfassen und zu formulieren – eben das, was Hegel [69]wollte – ist uns nicht gegeben. Ob man diesen Hintergrund „Lebenskraft oder Gattungstypus oder Gedanken Gottes“ nenne – man beachte die eigentümliche Mischung modern-biologischer mit platonisierender und scholastischer Terminologie – das, meint Roscher, sei gleichgültig.18[69] Vgl. Roscher, System I2, S. 22 (§ 13 Anm. 4). In Roscher, System I23, S. 37 (§ 13 Anm. 3) ist der „Volksgeist“ hinzugefügt: „Lebenskraft, Gattungstypus, Volksgeist oder Gedanken Gottes“. Aufgabe der Forschung sei es, ihn „immer weiter zurückzuschieben“. Also die Hegelschen Allgemeinbegriffe sind als metaphysische Realitäten vorhanden, aber wir vermögen sie, eben dieses ihres Charakters wegen, nicht denkend zu erfassen.

[A 20]Fragen wir uns, wo denn für Roscher das prinzipielle Hindernis lag, die Hegelsche Form der Überwindung der im diskursiven Erkennen liegenden Schranke zu akzeptieren, obwohl er doch im Prinzip das Verhältnis zwischen Begriff und Wirklichkeit ähnlich denkt, so ist wohl in erster Linie sein religiöser Standpunkt in Betracht zu ziehen. Für ihn sind eben in der Tat die letzten und höchsten – im Hegelschen Sinn: „allgemeinsten“ – Gesetze des Geschehens „Gedanken Gottes“, die Naturgesetze seine Verfügungen51)[69][A 20] Roschers Stellung zum Wunder ist reserviert und vermittelnd (vgl. Geistliche Gedanken S. 10, 15 u. öfter).20 Roscher, Gedanken, S. 15, 30, 37. Wie Ranke,21 Vgl. Weber, Kritische Studien, unten, S. 397 mit Anm. 53. so hat auch er das konkrete Geschehen lediglich aus natürlichen Motiven zu erklären gesucht. Wo Gott in die Geschichte hineinragen würde, hätte auch für ihn unser Erkennen ein Ende. , und sein Agnostizismus in Bezug auf die Rationalität der Wirklichkeit ruht auf dem religiösen Gedanken der Begrenztheit des endlichen, menschlichen, im Gegensatz zum unendlichen göttlichen Geist, trotz der qualitativen Verwandtschaft beider. Philosophische Spekulationen – meint er (Thukydides S. 37) ganz charakteristisch – sind Produkte ihres Zeitalters; ihre „Ideen“ sind unsere Geschöpfe; wir aber bedürfen, wie Jacobi sagt, „einer Wahrheit, deren Geschöpf wir sind“.19 Vgl. Jacobi, Friedrich Heinrich, Vorbericht, in: Friedrich Heinrich Jacobi’s Werke, Band 4. Erste Abtheilung. – Leipzig: Gerhard Fischer 1819, S. VI–LIV, hier S. XIII: „Ich bedurfte einer Wahrheit, die nicht mein Geschöpf, sondern deren Geschöpf ich wäre.“ Jacobi wird erwähnt in Roscher, Thukydides, S. 38. Alle in der Geschichte wirksamen Triebfedern, führt er ebenda S. 188 aus, gehören in eine der drei Kategorien: „menschliche Handlungen, materielle Verhältnisse, [70]übermenschliche Ratschlüsse“. Nur wenn er die letzteren zu durchschauen vermöchte, könnte der Historiker wirklich von Notwendigkeit sprechen, denn die (begriffliche) Freiheit des Willens gestattet die Anwendung dieser Kategorie für die empirische Forschung nur da, wo Zwang durch die „reale Überlegenheit eines fremden Willens“ eintritt.22[70] Für Roscher, Thukydides, S. 195, wird der Historiker nur da von „Nothwendigkeit“ reden dürfen, „wo es sich um einen Zwang handelt durch die reale Überlegenheit eines fremden Willens“; auch wenn „Alles in menschliche Triebfedern zerlegt“ werde, bleibe „doch immer noch eine Frage übrig: Wer hat denn diese Persönlichkeit so und nicht anders geschaffen?“ Die Geschichte zerlegt aber nach Roscher wie nach Thukydides und Ranke alles in menschliche, irdische, verständliche Motive, die aus dem Charakter des Handelnden folgen: sie denkt nicht daran, „Gott in der Geschichte“ finden zu wollen; und auf die Frage, was denn danach der τύχη23 Griech.: Glück. des Thukydides (und der göttlichen Vorsehung Roschers) noch zu tun bleibe, antwortet Roscher (das[elbst] S. 195) mit dem Hinweis auf die prästabilierende Schöpfung der Persönlichkeiten durch Gott: die metaphysische Einheit der „Persönlichkeit“, der wir später bei Knies wieder begegnen werden und deren Emanation ihr Handeln ist, ruht bei Roscher auf seinem Vorsehungsglauben. Die Schranken des diskursiven Erkennens erschienen ihm [A 21]danach als natürlich, weil aus dem begrifflichen Wesen der Endlichkeit folgendk[70]A: folgernd und gottgewollt; man kann sagen, neben der Nüchternheit des gewissenhaften Forschers hat sein religiöser Glaube ihn – ähnlich wie schon seinen Lehrer Ranke – gegen Hegels panlogistisches Bedürfnis,24 Den Begriff Panlogismus hat Kuno Fischer zur Charakterisierung der Philosophie Hegels geprägt. Aus der „Allgegenwart der Logik in den Wissenschaften“ folge nur, „daß Alles logisch, d. h. vernünftig, aber nicht, daß Alles Logik, d. h. abstrakte Vernunft sey“; der „Panlogismus“ behaupte nur die „Allgegenwart der Vernunft in Natur und Geschichte“, aber nicht, „daß Alles in reinen Begriffen und deshalb alle Wissenschaft in reiner Logik bestehe“. Vgl. Fischer, Kuno, Logik und Metaphysik oder Wissenschaftslehre. Lehrbuch für akademische Vorlesungen. – Stuttgart: C. P. Scheitlin 1852, S. 37. welches den persönlichen Gott im traditionellen Sinn in einer für ihn bedenklichen Weise verflüchtigte, immunisiert52)[70][A 21] Im ganzen verläßt also Roscher nicht den Boden der von ihm allerdings nicht korrekt gehandhabten und ihm wohl auch nicht gründlich bekannten Kantischen analytischen Logik. Er zitiert von Kant wesentlich nur: Die Anthropologie (§ 11 Anm. 6 des [71]Systems, Band I)26 Roscher, System I2, S. 18 (§ 11 Anm. 6), zitiert: Kant, Anthropologie, § 86 „Von dem höchsten moralisch-physischen Gut“, S. 239–245. und die metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehre und der Tugendlehre.27 Roscher, System I2, S. 152 (§ 87 Anm. 1), zitiert: Kant, Metaphysik der Sitten, S. 72 ff. (= § 13 der „Metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehre“, ebd., S. 1 ff.); „Die metaphysischen Anfangsgründe der Tugendlehre“, ebd., S. 215 ff. Der Abschnitt über Kant in der Geschichte der Nationalökonomie S. 635 f.,28 Gemeint ist: Roscher, Geschichte, S. 635 f. der ihn lediglich als Vertreter des „Subjektivismus“ recht oberflächlich erledigt, zeigt die tiefe Antipathie Roschers – des Historikers sowohl wie des religiösen Menschen – gegen alle nur formale Wahrheit. . Wenn der Vergleich erlaubt ist, [71]so darf man sich die Rolle, welche der Glaube an Gott im wissenschaftlichen Betrieb Rankes und Roschers gespielt hat, vielleicht durch die Analogie der Rolle des Monarchen im streng parlamentarischen Staat verdeutlichen: der gewaltigen politischen Kräfte-Ökonomie, welche hier dadurch entsteht, daß die höchste Stelle im Staat, wennschon durch einen persönlich auf die konkreten Staatsgeschäfte ganz einflußlosen Inhaber, besetzt ist und so die vorhandenen Kräfte von der Bahn des reinen Machtkampfes um die Herrschaft im Staat (mindestens relativ) ab- und positiver Arbeit im Dienste des Staats zugeleitet werden, – entspricht es dort, daß metaphysische Probleme, welche auf dem Boden der empirischen Geschichte nicht lösbar sind, von vornherein ausgeschaltet, dem religiösen Glauben überlassen werden und so die Unbefangenheit der historischen Arbeit gegenüber der Spekulation gewahrt bleibt. Daß Roscher die Nabelschnur, die seine Geschichtsauffassung mit der „Ideenlehre“25[71] Eine auf Platon zurückgehende Theorie, derzufolge empirische Vorkommnisse von Eigenschaften Abbilder überempirischer Urbilder im Sinne abstrakter, an sich bestehender Eigenschaften sind. Vgl. Platon, Parmenides. Uebersetzt und erläutert von J. H. v. Kirchmann. – Leipzig: Dürr 1882, 128c–135b. Vgl. auch Windelband, Wilhelm, Platon. – Stuttgart: Fr. Frommans (E. Hauff) 1900, S. 65 ff. (im metaphysischen Sinn) verband, nicht soweit durchschnitten hat wie Ranke, erklärt sich aus der überwältigenden Macht der Hegelschen Gedankenwelt, welcher sich auch die Gegner – wie Gervinus – nur langsam und nur in Form der allmählich verblassenden Humboldtschen Ideenlehre53) Roscher zitiert Humboldts auch neuerdings viel erörterte29 Vgl. Fester, Richard, Humboldt’s und Ranke’s Ideenlehre, in: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 6. Jg., 1891, S. 235–256; Goldfriedrich, Johann, Die historische Ideenlehre in Deutschland. Ein Beitrag zur Geschichte der Geisteswissenschaften, vornehmlich der Geschichtswissenschaft und ihrer Methoden im 18. und 19. Jahrhundert. – Berlin: R. Gaertner 1902, S. 107 ff. Studie in den Ab[72]handlungen der Berliner Akademie von 182032 Humboldt, Geschichtschreiber. Thukydides S. 44, ebenda und oft die Gervinussche Historik.33 Roscher, Thukydides, S. 42, 44, 48 ff. (Über das allmähliche Verschwinden des metaphysischen Charakters der „Idee“ bei Gervinus vergl. u. a. die Jenenser Dissertation von Dippe, 1892.)34 Dippe, Untersuchungen, S. 31 ff. zu entziehen ver[72]mochten:30[72] Hegel entwickelt 1812–1816 die platonische Ideenlehre zu einer Theorie der „absoluten Idee“ als „Einheit des Begriffs und der Objektivität“. Vgl. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Werke, Band 5: Wissenschaft der Logik. Zweiter Theil. Die subjective Logik, oder: Die Lehre vom Begriff, hg. von D. Leopold von Henning. – Berlin: Duncker & Humblot 1835, S. 231, 317. Humboldt, Geschichtschreiber, S. 314, 318, kritisiert 1820 die „teleologische Geschichte“ der Philosophie und meint, daß „Ideen aus der Fülle der Begebenheiten selbst hervorgehen“; andererseits spricht er von „Ideen, die, ihrer Natur nach, außer dem Kreise der Endlichkeit liegen, aber die Weltgeschichte in allen ihren Theilen durchwalten und beherrschen“. Humboldt folgend sprach 1837 Gervinus, Historik, S. 382, von „historischen Ideen“, welche die Geschichte „durchdringen und gestalten“ und „an denen sich die Vorsehung gleichsam offenbart“. 1854 kritisiert Ranke die Hegelsche Ansicht, daß „bloß die Idee ein selbständiges Leben“ hätte, „alle Menschen aber wären bloße Schatten oder Schemen, welche sich mit der Idee erfüllten“. Er selbst wollte unter „den sogenannten leitenden Ideen in der Geschichte“ nichts anderes verstehen, „als daß sie die herrschenden Tendenzen in jedem Jahrhunderte sind“. Vgl. Ranke, Leopold von, Über die Epochen der neueren Geschichte. Vorträge dem Könige Maximilian II. von Bayern im Herbst 1854 zu Berchtesgaden gehalten, hg. von Albrecht Dove. – Leipzig: Duncker & Humblot 1888 (hinfort: Ranke, Epochen), S. 6 f. es beherrschte ihn offenbar die Besorgnis, bei Aufgabe jedes [A 22]objektiven Prinzips der Gliederung des gewaltigen ihm zuströmenden historischen Stoffes entweder in diesem letzteren zu versinken oder zu subjektiv-willkürlichen „Auffassungen“ greifen zu müssen54)[A 22] Siehe die Bekämpfung des Droysenschen Standpunktes zur „Unparteilichkeits“-Frage, Thukydides S. 230/1, aus der wohl sein Lehrer Ranke mitspricht.35 Die Seiten 230 f. in Roscher, Thukydides, sind die beiden ersten Seiten des dreiseitigen § 1 „Gemeine Unparteilichkeit“, in dem sich Roscher auseinandersetzt mit Droysen, Gustav, Des Aristophanes Werke, 3 Theile. – Berlin: Veit & Comp. 1835, 1837, 1838. Ranke pochte durchweg auf „Objectivität“, die er als „Unparteilichkeit“ bestimmte. Vgl. z. B. Ranke, Leopold von, Die deutschen Mächte und der Fürstenbund. Deutsche Geschichte von 1780 bis 1790. Zweite Ausgabe (ders., Sämmtliche Werke, Bände 31/32). – Leipzig: Duncker & Humblot 1875, S. VIII. – Auch der formale Charakter der gleich zu besprechenden Roscherschen Geschichtsepochen erklärt sich zum Teil wohl mit aus seinem „Objektivitäts“-Streben.36 Vgl. Roscher, System I2, S. 44 (§ 28) zur „historische[n] Objectivität“. Er fand keine ande[73]re (nach seiner Meinung) unanfechtbare Basis als die einfache Tatsache des „Alt“-WerdensmA: „Alt“-Wertes der Völker. – . Endlich wirkte, wie schon hervorgehoben,31 Oben, S. 52 f. das bestechende Vorbild der historischen Juristenschule.

[73]Verfolgen wir nun, wie sich Roschers erkenntnistheoretischer Standpunkt – so weit man von einem solchen sprechen kann – in seiner Behandlung des Problems der „geschichtlichen Entwickelungsgesetze“ äußert, deren Feststellung er ja, wie wir sahen, als Ziel der Geschichte denkt.

Die Behandlung der „Völker“ als Gattungswesen setzt natürlich voraus, daß die Entwickelung jedes Volkes sich als ein typischer, geschlossener Kreislauf nach Art der Entwickelung der einzelnen Lebewesen auffassen läßt. Dies ist nun nach Roschers Ansicht mindestens für alle diejenigen Völker, welche eine Kulturentwickelung aufzuweisen haben, in der Tat der Fall55) Roscher war aus diesem Grunde bekanntlich der Ansicht, daß das Studium der Kulturentwickelung der Völker des klassischen Altertums, deren Lebenslauf ja abgeschlossen vor uns liegt, uns in besonders weitgehendem Maße Aufschluß über den Gang unserer eigenen Entwickelung zu geben vermöge.38 Roscher, Grundriß, S. IV: „Wo sich also in der neuen Volkswirthschaft eine Richtung, der alten ähnlich, nachweisen ließe, da hätten wir für die Beurtheilung derselben in dieser Parallele einen unschätzbaren Leitfaden.“ – Ein gewisses Maß von Beeinflussung durch derartige Gedankengänge Roschers verraten noch einige frühere Äußerungen Eduard Meyers,39 Vgl. Meyer, Eduard, Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums. Ein Vortrag, gehalten auf der dritten Versammlung Deutscher Historiker in Frankfurt a.Μ. am 20. April 1895. – Jena: Gustav Fischer 1895, S. 696. Meyer hatte über einen „Gegenstand möglichst universeller Art“ vortragen wollen, „bei dem die Bedeutung klar hervortreten könnte, die auch für unsere Gegenwart noch eine richtige Erkenntnis besitzt“. der dagegen jetzt, wohl namentlich unter dem Eindruck der Wege, auf die Lamprecht geraten ist, sich im wesentlichen auf den schon von Knies, wie wir sehen werden,40 Weber, Roscher und Knies 3, unten, S. 373 ff. vertretenen Standpunkt stellt.41 Zur Kritik an Lamprecht vgl. Meyer, Theorie, S. 7 ff. Zu Knies äußert sich Meyer nicht. und zeigt sich in der Tatsache des Aufsteigens, Alterns und Untergangs der Kulturnationen –, nach Roscher ein Prozeß, der trotz scheinbar verschiedener Formen so ausnahmslos bei allen Nationen sich einstellt, wie bei den physischen Individuen. Als einl[73]A: einen Teil dieses Lebensprozesses der Völker sind die wirtschaftlichen Erscheinungen „physiologisch“ zu begreifen.37[73] Roscher, ebd., S. 41 (§ 26), spricht von einer „historisch-physiologische[n] Methode“. Die Völker sind für Roscher – wie [74]Hintze56)[74] In einem später noch zu zitierenden Aufsatz in diesem Jahrb[uch] 1897.43 Gemeint ist: Hintze, Roscher, S. 18 f. [784 f.], erschienen im Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Dazu unten, S. 83, Fn. 73. es ganz zutreffend ausdrückt – „biologische Gattungswesen“. Vor dem Forum der Wissenschaft ist mithin – Roscher hat das auch ausdrücklich ausgesprochen42[74] Anders, als Weber es darstellt, warnt Roscher, System I2, S. 524 (§ 265; in dieser Auflage als § 266 bezeichnet), „vor der unpassenden Anwendung von Analogien, vor der trägen, fatalistischen Uebertreibung des Satzes: nichts Neues unter der Sonne! Es ist beinah Mode geworden, unsere Gegenwart mit dem sinkenden Zeitalter der griechischen und römischen Republiken zu vergleichen. Schreckliche Parallele! wobei man aber die größten und zweifellosesten Unterschiede um kleinerer, jedenfalls zweifelhafter Aehnlichkeiten willen übersieht.“ – die Lebensentwickelung der Völker [A 23]prinzipiell immer die gleiche, und trotz des Anscheins des Gegenteils ereignet sich in Wahrheit „nichts Neues“ unter der Sonne57)[A 23] Wenn moderne Historiker (v. Below, Histor[ische] Zeitschr[ift] 81 [1898]n[74] [ ] in A. S. 245) von den „lähmenden Gedanken der gesetzlichen Entwickelung“ sprechen und der Geschichte die Aufgabe zuweisen, uns von dem „niederdrückenden und abstumpfenden Gefühle, das die von der Naturforschung vorgetragene Lehre unserer Abhängigkeit von allgemeinen Gesetzen bei uns hervorbringen will“ zu befreien44 Vgl. Below, Methode, S. 245, mit Bezug auf Windelband, Geschichte, S. 21. – so lag ein solches Bedürfnis für Roscher nicht vor. Die Entwickelung der Menschheit gilt ihm als zeitlich endlich im Sinn der religiösen Vorstellung vom jüngsten Tage, und daß den Völkern von Gott ihr Lebensweg in bestimmten Bahnen und Altersstufen vorgezeichnet ist, kann die Arbeitspflicht und Arbeitsfreudigkeit des Staatsmanns ebensowenig beeinträchtigen, wie das Bewußtsein, altern und sterben zu müssen, den einzelnen lähmt.
Übrigens spricht die Erfahrung gegen die Bemerkung v. Belows, der – sonst ein scharfer und überaus erfolgreicher Kritiker aprioristischer Konstruktionen – hier wohl einmal seinerseits zu „konstruktiv“ verfährt. Die radikalsten Neuerer standen unter dem Eindruck und Einfluß der Kalvinistischen Prädestinationslehre,45 Für Calvin hat Gott alle Menschen zu ewigem Heil oder ewiger Verdammnis vorherbestimmt. Sein Heilsschicksal ist dem Menschen nicht bekannt und von ihm nicht beeinflußbar. Vgl. Calvin, Jean, Joh. Calvins christliche Glaubenslehre. Nach der ältesten Ausgabe vom Jahre 1536 zum erstenmal ins Deutsche übersetzt von Bernhard Spiess. – Wiesbaden: Limbarth 1887. des „l’homme machine“46 Im Sinne der neuzeitlichen Naturwissenschaften hat La Mettrie 1748 den Menschen als mechanischen Funktionszusammenhang konzipiert, der nicht nur den Körper, sondern auch die Seele einbegreift. Vgl. La Mettrie, Julien Offray de, Der Mensch eine Maschine. Übersetzt, erläutert und mit einer Einleitung über den Materialismus versehen von Adolf Ritter. – Leipzig: Koschny 1875. und des marxistischen Katastrophenglaubens.47 Annahme, daß die im Kapitalismus angelegte Entwicklung schließlich zu seinem Zusammenbruch führen werde. Vgl. Bernstein, Eduard, Der Kampf der Sozialdemo[75]kratie und die Revolution der Gesellschaft. 2: Die Zusammenbruchs-Theorie und die Kolonialpolitik, in: Die neue Zeit, Band 1, Heft 18, 1898, S. 548–557. Vgl. auch Kautsky, Karl, Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Eine Antikritik. – Stuttgart: J.H.W. Dietz Nachf. 1899, S. 42 ff. Wir kommen auf diesen Punkt noch mehrfach zurück.
, sondern immer nur das Alte mit „zufälligen“ und des[75]halb wissenschaftlich gleichgültigen Zutaten: eine offenbar spezifisch naturwissenschaftliche58)[75] „Naturwissenschaftlich“ soll hier wie im folgenden stets im Sinn von „gesetzeswissenschaftlich“ verstanden sein, also die exakte Methode der Naturwissenschaften bezeichnen. Betrachtungsweise.48 Für Rickert, Causalität (wie oben, S. 46, Anm. 31), S. 82 f., reduziert die Mechanik die anschauliche Körperwelt auf einen Komplex von Atomkomplexen, deren einzige Veränderung in der Bewegung ihrer unveränderlichen Teile besteht. In dieser „Welt des reinen Mechanismus“ entsteht „niemals etwas Neues“, denn: „Die Atome sind ewig dieselben, und lediglich die potentielle oder aktuelle Bewegung geht von dem einen ihrer Complexe auf den andern über.“ Vgl. auch Rickert, Grenzen, S. 75 ff., 232 ff., 507.

Dieser typische Lebensgang aller Kulturvölker muß natürlich in typischen Kulturstufen zum Ausdruck kommen. Diese Konsequenz wird von Roscher in der Tat schon im „Thukydides“ (Kap. IV) durchgeführt.49 Vgl. Roscher, Thukydides, S. 48 ff., zu den Entwicklungsstufen der historischen Kunst. Nach dem „Hauptgrundsatz aller historischen Kunst, daß man in jedem Werke die ganze Menschheit wiederfinden müsse“,50 Vgl. ebd., S. 52. ist es die Aufgabe des Historikers – Roscher denkt an der betreffenden Stelle zunächst an den Literaturhistoriker –, die Gesamtliteratur des Altertums mit derjenigen der romanischen und germanischen Völker zum Zwecke der Ermittelung der Entwickelungsgesetze aller Literaturen überhaupt zu vergleichen. Diese Vergleichung ergibt aber, wenn sie weiterhin auf die Entwickelung der Kunst und Wissenschaft, der Weltanschauung51 Eine Definition findet sich in Rickert, Heinrich, Naturwissenschaftliche Weltanschauung? [1.Teil], in: Der Lotse, 1. Jg., 1901, S. 813–820, hier S. 813 f.: „Wenn man von Weltanschauung spricht, so hat man aber wohl nicht nur die Frage nach den richtigen Vorstellungen von der Welt im Auge, sondern auch die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach der Richtschnur für unser Thun. Dabei aber kommt es immer auf einen Wertmaßstab an, und wenn wir nach ihm suchen, um unser Leben danach zu gestalten, so stellen wir uns eine prinzipiell andere Aufgabe, als wenn wir nur wissen wollen, was die Welt ist […]. In dem einen Falle ist das Sein, in dem andern das Sollen unser Objekt.“ und des gesellschaftlichen Lebens ausgedehnt wird, die Aufeinanderfolge von in sich wesensgleichen Stufen auf allen Kulturgebieten. Roscher erinnert gelegentlich daran, daß man selbst in den Weinen [76]der verschiedenen Länder den Volkscharakter habe schmecken wollen.52[76] Vgl. Roscher, System I2, S. 58 f. (§ 37). Die metaphysische Volksseele, welche sich darin äußert, wird einerseits als etwas Konstantes, sich selbst gleich Bleibendes vorgestellt, [A 24]aus welchem die sämtlichen „Charaktereigenschaften“ des konkreten Volkes emanieren59)[76][A 24] Siehe die charakteristische Stelle § 37 des „Systems“ Band I54 Vgl. Roscher, System I2, S. 58 ff. (§ 37). und die weiterhin zitierten Stellen im Thukydides. , weil sie eben ganz ebenso wie die Seele des Individuums direkte Schöpfung Gottes ist. Andererseits gilt sie als nach Analogie der menschlichen Lebensalter einem in allen wesentlichen Punkten bei allen Völkern und auf allen einzelnen Gebieten gleichen Entwickelungsprozeß unterstehend. Typische, konventionelle und individualistische Epochen lösen sich in Poesie, Philosophie und Geschichtschreibung, ja in Kunst und Wissenschaft überhaupt in festbestimmtem Kreislauf ab, der stets in dem unvermeidlichen „Verfall“ endet. Roscher führt dies an Beispielen aus der antiken, mittelalterlichen und modernen Literatur bis in das 18. Jahrhundert hinein durch60) Thuk[ydides] S. 58, 59, 62, 63.55 Vgl. bereits Roscher, Thukydides, S. 48 ff. und interpretiert seine Theorie, daß die Geschichte deshalb Lehrmeisterin sein könne, weil die Zukunft „nach menschlicher Weise der Vergangenheit ähnlich wiederzukehren“ pflege, in recht charakteristischer Weise in die bekannte Äußerung des Thukydides über den Zweck seines Werkes (I, 22) hinein.53 Für Roscher, Thukydides, S. 180, ist die handschriftliche Fassung von Thukydides zweideutig, da die Setzung des Kommas entscheidend für eine angemessene Übersetzung des Satzes sei. Üblicherweise werde übersetzt: „Denen werde sein Buch Genüge thun, welche die Vergangenheit klar erkennen, für die Zukunft aber nützliche Lehren daraus ziehen wollen.“ Bei anderer Kommasetzung würde die Übersetzung lauten: „Denen werde sein Buch Genüge thun, welche Vergangenheit und Zukunft klar durchschauen wollen“, „denn“ – so ergänzt Roscher – „die Zukunft pflege nach menschlicher Weise der Vergangenheit ähnlich wiederzukehren“. Seine eigene Ansicht vom Wert der geschichtlichen Erkenntnis61) Thuk[ydides] S. 43. : – Befreiung von Menschenvergötterung und Menschenhaß durch Erkenntnis des „Dauerhaften“ in der Flucht des Ephemeren – zeigt eine leicht spinozisti[77]sche56[77] Polemische Bezeichnung eines auf Baruch de Spinoza zurückgeführten Pantheismus. Färbung, und einzelne Äußerungen klingen beinahe fatalistisch62)[77] So der Schluß des ganzen Werkes (S. 502): „So haben von jeher die Lieblingspläne sinkender Zeiten, statt der Freiheit und Glückseligkeit, die sie verhießen, nur gesteigerte Knechtschaft und Drangsal zur Folge gehabt.“58 Roscher, Thukydides, S. 502. .

Auf das Gebiet, welches uns hier interessiert, übertrug Roscher diese Theorie63) In der Gegenwart arbeitet unter den Historikern vornehmlich Lamprecht mit derartigen biologischen Analogien und Begriffen. Auch hier wird die Nation als eine „sozialpsychische“ Einheit hypostasiert, welche an sich eine Entwickelung von – wie Lamprecht (Jahrb[uch] f[ür] Nationalökonomie 69, 119) ausdrücklich sagt – „biologischem Charakter“, das soll heißen eine in „typischen“, „regulären“ Entwickelungsstufen, nach bestimmten Gesetzen verlaufende Entwickelung, erlebt.59 Lamprecht, Herder, S. 199 (nicht: S. 119). Diese Entwickelung stellt sich dar als „beständiges Wachstum der psychischen Energie“ der Nation (Deutsche Zeitschrift f[ür] Geschichtswiss[enschaft] N. F. I, 109 f.): Aufgabe der Wissenschaft ist es, an Völkern mit „abgeschlossener Entwickelung“ – wiederum eine Roschersche Vorstellung – diese bei jedem „normal entwickelten“ Volke wiederkehrenden typischen Kulturepochen in ihrem notwendigen Hervorgehen auseinander zu beobachten und „kausal (?) zu erklären“.60 Lamprecht, Kulturgeschichte, S. 132 f. Lamprechts [A 25]„Diapasons“ (!)61 Diapason (griech.: durch alle Töne), ursprünglich Name der Oktave. Für Lamprecht, ebd., S. 127, ist ein Diapason die „allgemeine psychische Disposition“ einer bestimmten Zeit, „von der aus die Kunst gepflegt und getrieben“ wird. sind in den im Text wiedergegebenen Ausführungen im 4. Kapitel des Thukydides ganz ebenso vorweggenommen wie dessen stark dilettantische kunsthistorische Konstruktionen, und wenn man von dem „Animismus“ und „Symbolismus“ auf der einen, dem „Subjektivismus“ auf der anderen Seite absieht, selbst die Kategorien, nach denen die Epochen geschieden werden.62 Lamprecht, ebd., S. 130, periodisiert die deutsche Geschichte in die Zeitalter des „Symbolismus“, „Typismus“, „Konventionalismus“, „Individualismus“ und „Subjektivismus“. Roscher, Thukydides, S. 49 ff., spricht von verschiedenen „Entwicklungsstufen der historischen Kunst“: Zunächst gibt es das Epos, in dem Geschichtsschreibung und Dichtkunst noch weitgehend vereint sind. Hier entstehen die Annalen und die Chronik als erste Stufe der kunstmäßigen Geschichte. Darauf folgt das Memoire, in dem sich der Autor selbst in den Mittelpunkt der Handlung stellt und die Motive der Handlungen zu deuten versucht. Am Ende der Entwicklung steht das eigentliche historische Kunstwerk. Eine gleichlaufende Entwicklung konstatiert Roscher auch für Poesie und Philosophie. Vgl. eine ähnliche Gliederung in Gervinus, Historik. Das logische Mittel, welches L[amprecht] anwendet: Hypostasierung der „Nation“ als eineso[77]A: des einen kollektiven Trägers derjenigen psychischen Vorgänge, [78]welche nach ihm die „Sozialpsychologie“ erörtern soll, ist das gleiche wie bei allen „organischen“ Theorien.64 Lamprecht, Kulturgeschichte, S. 109, spricht vom „psychischen Gesamtorganismus“. Auch die Bezugnahme auf das „Gesetz der großen Zahl“65 Vgl. unten, S. 93 mit Anm. 35. zur Erhärtung der „Gesetzlichkeit“ in der Bewegung der sozialen Gesamterscheinungen trotz der empirischen „Freiheit“ des „Einzelnen“ kehrt bei ihm, wenn schon verhüllt, wieder.66 Lamprecht, Kulturgeschichte, S. 133 f.
Der Unterschied zwischen Roscher und ihm beruht nur auf der nüchternen Gewissenhaftigkeit Roschers, der nie an die Möglichkeit geglaubt hat, das Wesen des einheitlichen Kosmos in einem oder einigen abstrakten Begriffen auch formulieren zu können, und der in seiner Praxis sein Schema zwar innerhalb gewisser Grenzen zur Stoffgliederung und Veranschaulichung benutzte, nie aber dessen Erhärtung zum Ziel seiner wissenschaftlichen Arbeit gemacht und diese dadurch ihrer Unbefangenheit beraubt hätte. Siehe die oben S. 65 f. wiedergegebenen Ausführungen in Roschers „Thukydides“.
in dem Aufsatz über die Nationalökonomie und das klassische Altertum (1849).57 Roscher, Verhältniss.

[78][A 25]Die Wirtschaft kann sich der allgemeinen Erscheinung der typischen Stufenfolge natürlich nicht entziehen. Roscher unterscheidet als typische Wirtschaftsstufen drei, je nachdem in der Güterproduktion von den drei typischen Faktoren derselben die „Natur“ oder die „Arbeit“ oder das „Kapital“ vorherrscht, und glaubt, daß „bei jedem vollständig entwickelten Volke“ drei dementsprechende Perioden sich nachweisen lassen müssen.63[78] Roscher, Verhältniss, S. 123; Roscher, Grundriß, S. 6 f.

Unserer heutigen am Marxismus orientierten Betrachtungsweise würde es nun ganz selbstverständlich sein, die Lebensentwickelung des Volkes als durch diese typischen Wirtschaftsstufen bedingt anzusehen und die Tödlichkeit der Kulturentwickelung für die Völker – diese These Roschers einmal als bewiesen vorausgesetzt – etwa als Folge gewisser mit der Herrschaft des „Kapitals“ unvermeidlich verknüpfter Folgen für das staatliche und persönliche Leben aufzuzeigen. Roscher hat an diese Möglichkeit so wenig gedacht, daß er jene Theorie von den typischen Wirtschaftsstufen64) Enthalten in Roschers „Ansichten der Volksw[irthschaft] vom gesch[ichtlichen] Standpunkt“, Bd. I, in dem Aufsatz über das Verhältnis der Nationalökonomie zum klassischen Altertum. Der Aufsatz ist, wie gesagt, 1849 entstanden.67 Roscher, Verhältniss. in seinem „Systeme“ bei den grundlegenden Erörterungen lediglich als ein mögliches Klassifikationsprinzip erwähnt (§ 78), ohne [79]sie weiterhin der Betrachtung zu Grunde zu legen.68[79] In Roscher, System I2, S. 132 ff. (§ 78), ist von typischen Wirtschaftsstufen als einem möglichen Klassifikationsprinzip nicht die Rede. Wahrscheinlich bezieht sich Weber nicht auf § 78, sondern auf S. 78 (§ 46). Nach der Darstellung der drei „Productivkräfte“ „Natur“ (§§ 31–37, S. 47–60), „Arbeit“ (§§ 38–41, S. 60–68) und „Kapital“ (§§ 42–45, S. 68–78) weist Roscher auf das „Zusammenwirken der drei Factoren“ (§ 46, S. 78) hin und schlägt diese als mögliches Klassifikationsprinzip vor: „Von diesem Gesichtspunkte aus kann die Geschichte fast jeder völlig entwickelten Volkswirthschaft in drei große Perioden getheilt werden.“ (§ 47, S. 79). Vgl. dasselbe schwächer in Roscher, System I23, S. 131 (§ 47). Vielmehr ist er der Meinung, daß [A 26]das Problem des zu Grunde liegenden Lebensprozesses selbst, also die Frage nach dem Grunde des Alterns und Sterbens der Völker[,] ebensowenig lösbar sei, wie sich ein naturgesetzlicher Grund für die – trotzdem nicht bezweifelte – ausnahmslose Notwendigkeit des Todes beim Menschen angeben lasse.69 Vgl. Roscher, System I2, S. 539 f. (§ 264). Die Notwendigkeit des Todes beim Menschen wird als Beispiel für ein empirisches Gesetz angeführt. Vgl. oben, S. 59 mit Anm. 88, und Weber, Stammler, unten, S. 530. Der Tod folgt für Roscher aus dem „Wesen“ des Endlichen65)[79][A 26] S[iehe] die höchst charakteristischen Bemerkungen am Schluß des § 264 und in den Noten dazu.71 Roscher, System I2, S. 540 (§ 264): „Dabei wiederholt es sich in der Regel, daß dieselben Richtungen, welche das Volksleben zu seinem Höhepunkte führen, es in ihrem weitern Fortwirken auch wieder hinabstürzen. Keine menschliche Richtung, die doch fast immer mit Sünde behaftet, die jedenfalls endlicher Natur ist, verträgt ihre äußersten Consequenzen. Bei allem irdischen Dasein pflegt der Entstehungsgrund schon die Keime des künftigen Unterganges zu enthalten.“ Der logische Charakter der stark religiös gefärbten Argumentation ist ersichtlich emanatistisch, aber wie vorsichtig weicht Roscher in der Formulierung der direkten Berufung auf Gottes Ordnung aus! , sein empirisch ausnahmsloser Eintritt ist eine Tatsache, welche wohl einer metaphysischen Deutung, aber keiner exakten kausalen Erklärung zugänglich ist66) R[oscher] begnügt sich daher auch bei der Schilderung des „Sterbens“ der Völker mit ziemlich vagen Bemerkungen (§ 264), wobei die „unvermeidliche Abnutzung aller Ideale“ und die „Erschlaffung im Genuß“ eine Rolle spielen.72 Vgl. ebd., S. 539 f. (§ 264). In der Geschichte der Nationalökonomie (S. 922) wird in Anlehnung an Äußerungen Niebuhrs das Schwinden des Mittelstandes auf bestimmten Kulturstufen als „Hauptform des Alterns [80]hochkultivierter Völker“ hingestellt.73[80] Vgl. Roscher, Geschichte, S. 922 f., mit Bezug auf Niebuhr, Barthold Georg, Nachgelassene Schriften nichtphilologischen Inhalts. – Hamburg: Friedrich Perthes 1842, S. 449. Mit dem modernen geschichtsphilosophischen Kulturpessimismus, wie er wissenschaftlich u. a. von Vierkandt vertreten wird,74 Vgl. Vierkandt, Alfred, Naturvölker und Kulturvölker. Ein Beitrag zur Socialpsychologie. – Leipzig: Duncker & Humblot 1896. hat R[oscher]s Standpunkt infolge seines religiös bedingten Optimismus innerlich nichts Verwandtes. – Seine Ansicht von der „Notwendigkeit“ des „Verfallens“ für jeden „Organismus“ und deshalb auch das „Volksleben“ hielt Roscher auch in den späteren Auflagen (Anm. zu § 16) ausdrücklich als einen Punkt, in dem er von Schmoller abweichen müsse, aufrecht.75 Vgl. Roscher, System I23, S. 44 f. (§ 16 Anm. 7). – Roscher geht soweit, es (Thukydides S. 469) unter Berufung auf Aristoteles’ Politik V, 7, 16 als eins der „tiefsten Entwickelungsgesetze“ zu bezeichnen, daß dieselben „Kräfte“, welche ein Volk auf den Gipfel seiner Kulturentwickelung heben, im weiteren Fortwirken es davon auch wieder herabstürzen, und gelangt so in seinem „System“ (§ 264 Anm. 7) zu dem Satz: „Große Herrscher, denen man nachrühmt, daß sie durch ihre Konsequenz die Welt erobert, würden mit derselben Konsequenz, fünfzig Jahre länger fortgesetzt, ganz gewiß (!) die Welt wieder verloren haben.“76 Vgl. Roscher, System, I2, S. 541 (§ 264 Anm. 7). Es handelt sich hier um halb platonische, halb Hegelsche Formen der Konstruktion, aber in religiöser Wendung: die „Idee“ des Endlichen, welche die Notwendigkeit jenes Ablaufs enthält, ist Gottes feste Ordnung. – mit Du Bois-Reymond zu sprechen: ein „Welträtsel“.70 Für Emil Du Bois-Reymond sind Welträtsel Probleme des Naturerkennens, für die gilt: „Ignorabismus“: 1) das Wesen von Materie und Kraft, 2) der Ursprung der Bewegung, 3) die Entstehung des Lebens, 4) die anscheinend absichtsvoll zweckmäßige Einrichtung der Natur, 5) die Entstehung der Sinnesempfindung, 6) das vernünftige Denken und der Ursprung der Sprache, 7) die Willensfreiheit. Vgl. Du Bois-Reymond, Welträthsel (wie oben, S. 3, Anm. 18), S. 391 ff.

[80]Das logische Problem, wie nun zwischen diesem zu Grunde gelegten biologischen Entwickelungsschema und der in Parallelismenbildung sich bewegenden, vom Einzelnen ausgehenden empirischen Forschung eine feste Beziehung herzustellen sei, hätte nun Roscher naturgemäß, auch wenn sein geschichtsphilosophischer Standpunkt ein anderer gewesen wäre, schwerlich lösen können. Die logische Natur des Satzes vom notwendigen Altern und Sterben der Völker ist eben eine [A 27]andere als die eines auf Abstraktion ruhenden Bewegungsgesetzes oder eines anschaulich evidenten mathematischen Axioms. Abstrakt vollzogen – soweit dies überhaupt möglich67)[A 27] Möglich wäre es bezüglich des „Sterbens“ der Völker nur bei Identifikation des Begriffs „Volk“ mit der gattungsmäßig erfaßten politischen Organisation der Staaten, also bei rationalistischer Entleerung des Begriffes „Volk“. Aus dem „Altern“ würde dabei vollends lediglich die inhaltsleere Vorstellung des Ablaufs eines erheblichen Zeitraums. wäre –, würde jener Satz ja gänzlich inhaltsleer sein und könnte Roscher eben die Dienste nicht leisten, welche er von ihm erwartet. Denn die Zurückführung auf die Altersstufen der Völker soll ja doch offenbar nach seiner Absicht nicht eine Subsumtion der wirtschaftlichen Vorgänge unter einen generellen [81]Begriff als Spezialfall, sondern ein kausales Eingliedern ihres Ablaufs in einen universellen Zusammenhang von Geschehnissen68)[81] Roscher hat freilich diesen prinzipiellen logischen Gegensatz gar nicht bemerkt. Er identifiziert § 22 Anm. 3 in charakteristischer Weise begriffliche Abstraktion und Zerlegung eines Zusammenhangs in seine Komponenten. Die Trennung der Muskeln und Knochen durch den Anatomen ist ihm eine Analogie der Abstraktion.77[81] Vgl. ebd., S. 37 (§ 22 Anm. 3). Weber hat hier offenbar die generalisierende Abstraktion im Blick. Zum Zusammenhang von Abstraktion und Analyse vgl. Einleitung, oben, S. 16. als deren Bestandteil bedeuten. Der Begriff des „Alterns“ und „Sterbens“ der Völker müßte mithin und selbstverständlich als der inhaltlich umfassendere Begriff gedacht werden, das „Altern“ und „Sterben“ als ein Vorgang von unendlicher Komplexität, dessen nicht nur empirische Regelmäßigkeit – sondern gesetzliche Notwendigkeit (wie Roscher sie annimmt) sich axiomatisch nur einem intuitiven Erkennen enthüllen würde. Für die Beziehungen des Gesamtvorgangs zu den wirtschaftlichen Teilvorgängen wären für die wissenschaftliche Betrachtung zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder man behandelt die Erklärung des (nach Roschers Ansicht) stets sich wiederholenden komplexen Vorgangs aus gewissen, stets sich wiederholenden Einzelvorgängen als Zweck, dem man sich auf dem Wege des Nachweises der gesetzlichen Notwendigkeit in der Aufeinanderfolge und dem Zusammenhang der Teilvorgänge zu nähern sucht: – der Gesamtvorgang, den der umfassendere Begriff bezeichnet, wird alsdann zur Resultante aus den einzelnen Teilvorgängen; – das hat Roscher nicht versucht, da er vielmehr den Gesamtvorgang (Altern und Sterben) als den Grund ansah69) Wir erinnern uns hier an das, was er im „Thukydides“ über das Prinzip der Kausalität gesagt hatte: das „Wichtigere“ muß als Realgrund angesehen werden, aus dem die Einzelerscheinungen emanieren. S[iehe] o[ben] S. 66 f. . Wir werden noch sehen, daß er entsprechend seiner Stellung [A 28]zum diskursiven Erkennen70)[A 28] S[iehe] o[ben] S. 67 ff. die umgekehrte Betrachtungsweise auch in der Nationalökonomie für nicht nur faktisch, sondern prinzipiell unmöglich hielt. Oder man stellt sich auf den Standpunkt des Emanatismus und konstruiert die empirische Wirklichkeit als Ausfluß von „Ideen“, aus denen die Einzelvorgänge begrifflich als notwendig ableitbar sein und deren oberste sich in dem komplexen Gesamtvorgang anschaulich erkennbar [82]manifestieren müßte. Das aber hat Roscher ebenfalls (wie wir sahen) nicht getan, einmal weil er den Inhalt einer solchen „Idee“, die ihm göttliche Idee hätte sein müssen, als jenseits der Grenzen unseres Erkennens liegend ansah, und dann weil ihn die Gewissenhaftigkeit des historischen Forschers vor dem Glauben an die Deduzierbarkeit der Wirklichkeit aus Begriffen bewahrte.

Aber freilich bleibt so sein methodischer Standpunkt gegenüber dem von ihm vertretenen Grundgedanken der geschichtlichen Entwickelungsgesetze widerspruchsvoll71)[82] Bücher (a. a. O.) bedauert, daß Roscher sein Periodisierungsprinzip nicht „dem Begriffsinhalt der eigenen Wissenschaft entnommen“ habe.79 Vgl. Bücher, Roscher, S. 113 f. Vgl. oben, S. 78 mit Anm. 63. Es stand eben für Roscher (und ebenso für Knies, wie unten zu zeigen sein wird)80 Bezug ist möglicherweise Weber, Roscher und Knies 2, unten, S. 270 f. keineswegs fest und versteht sich ja auch an sich durchaus nicht von selbst, daß dies überhaupt möglich bezw. in welchem Maße es methodisch fruchtbar ist. . Seine umfassende historische Bildung äußert sich zwar in der Herbeischaffung und geistvollen Deutung eines gewaltigen Materials geschichtlicher Tatsachen, aber – das hat schon Knies scharf hervorgehoben78[82] Knies weist darauf hin, „daß Hr. Roscher die echten Grundsätze jener Methode in fast überall durchaus befriedigender Weise zur Anwendung bringt, während die theoretische Ausführung und Begründung manche Mängel erkennen läßt“. Vgl. Knies, Roscher, S. 86 f. – von einer konsequent durchgeführten Methode kann selbst für die von Roscher so stark in ihrer Bedeutung betontenp[82]A: betonte Betrachtung des historischen Nacheinander der volkswirtschaftlichen Institutionen nicht gesprochen werden.

Ganz entsprechend verhält sich Roscher in seinen Schriften über die Entwickelung der politischen Organisationsformen72) Zusammengefaßt als „Politik. Geschichte und Naturlehre der Monarchie, der Aristokratie und der Demokratie“.81 Vgl. Roscher, Politik; der Untertitel lautet „Geschichtliche Naturlehre der Monarchie, Aristokratie und Demokratie“. . Durch historische Parallelismen nähert er sich einer (vermeintlichen) Regelmäßigkeit der Aufeinanderfolge der Staatsformen, die nach ihm den Charakter einer bei allen Kulturvölkern anzutreffenden Entwickelung besitzt, indem die Ausnahmen, welche sich finden, durchweg derart erklärt werden können, daß sie die Geltung der [83]Regel nicht aufheben, sondern bestätigen.82[83] Vgl. ebd., S. 12 f. (§ 3), zur „Regel“ dieser Aufeinanderfolge und zu den „Ausnahmen“. Der Versuch, die (angeblich) typischen politischen Entwickelungsstufen in den Zusammenhang der Gesamtkultur der [A 29]einzelnen Völker zu stellen und empirisch zu erklären, wird nicht gemacht. Sie sind eben Alterstufen, welche das Gattungswesen „Volk“ in seinem Lebensprozeß an sich erlebt73)[83][A 29] S[iehe] die zutreffenden Bemerkungen von Hintze über Roschers politische Entwickelungstheorien in diesem Jahrbuch 1897, S. 767 ff.85 Vgl. Hintze, Roscher, S. 18 f. [784 f.], im Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. , – wie aber der Vorgang dieses „Erlebens“ eigentlich zu stande kommt, wird trotz Beibringung eines gewaltigen Tatsachenmaterials nicht zu erklären versucht – wie wir wissen, weil es eben nach Roschers Meinung nicht erklärbar ist. –

In noch markanterer Weise tritt das gleiche hervor bei Roschers Analyse des Nebeneinander der wirtschaftlichen Vorgänge und ihres „statischen“ Zusammenhangs untereinander – der Aufgabe, auf welche sich die Doktrin bisher im wesentlichen beschränkt hatte. Auch hier zeigen sich die Konsequenzen von Roschers „organischer“ Auffassung sogleich bei der Erörterung des Begriffs der „Volkswirtschaft“. Es versteht sich, daß sie ihm kein bloßes Aggregat von Einzelwirtschaften ist, so wenig wie ihr Analogon, der menschliche Körper, „ein bloßes Gewühl chemischer Wirkungen“83 Vgl. Roscher, System I2, S. 19 (§ 12; in dieser Auflage fälschlicherweise als § 13 bezeichnet). sei. – Vor wie nach ihm bildet nun das sachliche wie methodische Grundproblem der Nationalökonomie die Frage: Wie haben wir die Entstehung und den Fortbestand nicht auf kollektivem Wege zweckvoll geschaffener und doch – für unsere Auffassung – zweckvoll funktionierender Institutionen des Wirtschaftslebens zu erklären? – ganz ebenso wie das Problem der „Erklärung“ der „Zweckmäßigkeit“ der Organisation die Biologie beherrscht.84 Dies ist für Du Bois-Reymond das vierte Welträtsel. Vgl. oben, S. 79 mit Anm. 70. Weber kommt später auf die Theorie der Dominanten zu sprechen, die eine Antwort auf dieses Rätsel geben sollte. Vgl. unten, S. 92 f. mit Anm. 31. Für das Nebeneinander der wirtschaftlichen Erscheinungen heißt das also: in welcher begrifflichen Form ist das Verhältnis der Einzelwirtschaften zu dem Zusammenhang, in den sie verflochten sind, [84]wissenschaftlich zu konstruiren? Hierauf ist nach der Ansicht Roschers ebenso wie nach derjenigen seiner Vorgänger und meisten Nachfolger nur auf Grund bestimmter Annahmen über die psychologischen Wurzeln des Handelns der Einzelnen eine Antwort zu geben74)[84] Inwieweit diese Ansicht methodisch zutrifft, fragen wir an dieser Stelle nicht. . Dabei wiederholen sich nun die Widersprüche in Roschers methodischem Verhalten, die wir oben in seiner Geschichtsphilosophie hervortreten sahen. Da Roscher die Vorgänge des Lebens geschichtlich, das heißt in ihrer vollen Realität, betrachten zu wollen ankündigt,86[84] Vgl. Roscher, System I2, S. 25 (§§ 16): „Wie jedes Leben, so ist auch das Volksleben ein Ganzes, dessen verschiedenartige Aeußerungen im Innersten zusammenhängen. Wer daher eine Seite desselben wissenschaftlich verstehen will, der muß alle Seiten kennen.“ so sollte man voraussetzen, er werde, wie dies später, seit Knies, seitens der historischen Nationalökonomie im Gegensatz zu den Klassikern87 Vgl. oben, S. 42 f. mit Anm. 9. [A 30]geschah, die konstante Einwirkung nicht ökonomischer Faktoren auch auf das wirtschaftliche Handeln des Menschen: die kausale Heteronomie der menschlichen Wirtschaft, in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellen.

Da aber Roscher an der Formulierung von Gesetzen der Wirtschaft als der wissenschaftlichen Grundaufgabe festhält, so hätte alsdann auch hier wieder das Problem entstehen müssen, wie einerseits die isolierende Abstraktion88 Vgl. Einleitung, oben, S. 16. gegenüber der Realität des Lebens aufgegeben, andererseits doch die Möglichkeit gesetzlich-begrifflicher Erkenntnis gewahrt werden sollte. Was Roscher anlangt, so hat er jene Schwierigkeit gar nicht empfunden, und zwar hob ihn darüber die überaus einfache Psychologie hinweg, von der er in Anlehnung an die mit dem Begriff des „Triebes“ arbeitende Aufklärungs-Psychologie ausging.89 Vgl. z. B. Herbart, Johann Friedrich, Lehrbuch zur Psychologie, 2. Aufl. – Königsberg: August Wilhelm Unzer 1834, S. 86 ff., der die „Triebe“ den „unteren Begehrungsvermögen“ zurechnet.

Für Roscher ist der Mensch durchweg, auch auf dem Boden des wirtschaftlichen Lebens, beherrscht einerseits von dem Streben nach den Gütern dieser Welt, dem Eigennutz, daneben aber von einem umfassenden anderen Grundtriebe: der „Liebe Gottes“, [85]welche „die Ideen der Billigkeit, des Rechtes, des Wohlwollens, der Vollkommenheit und inneren Freiheit umfaßt und bei niemandem völlig fehlt“.90[85] Vgl. Roscher, System I2, S. 16 f. (§ 11). Roscher referiert hier ohne Nachweis auf Herbarts fünf praktische oder ursprüngliche Ideen. Vgl. Herbart, Johann Friedrich, Allgemeine Practische Philosophie. – Göttingen: Justus Friedrich Danckwerts 1808, S. 77 ff.

Was das Verhältnis der beiden Triebe zueinander anlangt, so findet sich bei Roscher zunächst ein Ansatz zu einer rein „utilitarischen“ Ableitung der sozialen Triebe direkt aus dem wohlverstandenen Eigeninteresse75)[85][A 30] § 11: „Selbst der bloß rechnende Verstand muß erkennen, daß unzählige Anstalten … für jeden einzelnen … notwendig sind, ohne Gemeinsinn aber ganz unmöglich bleiben, weil kein einzelner die dafür nötigen Opfer übernehmen könnte.“91 Vgl. Roscher, System I2, S. 17 (§ 11). – Ganz ähnlich Gesch[ichte] d[er] Nationalökonomie S. 1034, wo die für die Pseudo-Ethik, welcher der Historismus zu verfallen droht, recht charakteristische Bemerkung eingeschlossen ist: „Der verständige Eigennutz trifft in seinen Forderungen immer näher mit denen des Gewissens zusammen, je größer der Kreis ist, um dessen Nutzen es sich handelt, und je weiter dabei in die Zukunft geblickt wird.“92 Vgl. Roscher, Geschichte, S. 1034. .

Allein dem wird nicht weiter nachgegangen, vielmehr ist es, entsprechend Roschers religiösen Anschauungen, der höhere, göttliche Trieb, welcher den irdischen Eigennutz, dessen Widerpart er ist und sein muß, im Zaum hält76) Roscher zitiert hierzu (§ 11 Nr. 6) die Ausführungen Kants in dessen Anthropologie über die Beschränkung der Neigung zum Wohlleben durch die Tugend.93 Roscher, System I2, S. 18 (§ 11 Anm. 6). Später ist ihm der „Gemeinsinn“ Emanation einer objektiven sozialen [A 31]Macht geworden, – er betont in den späteren Auflagen, daß er unter Gemeinsinn wesentlich dasselbe verstehe, was Schmoller „Sitte“ nenne.94 Roscher, System I23, S. 31 (§ 11 Anm. 10). Hiergegen wandte sich, wie wir sehen werden,95 Weber, Roscher und Knies 3, unten, S. 369 ff. Knies in der zweiten Auflage seines Hauptwerkes. , indem er sich mit ihm in den mannig[A 31]faltigsten Mischungsverhältnissen durchdringt und so die verschiedenen Abstufungen des Gemeinsinns erzeugt, auf denen das Familien-, Gemeinde-, Volks- und Menschheitsleben beruht. Je enger die sozialen Kreise, auf welche sich der Gemeinsinn bezieht, desto näher steht er dem Eigennutz; je weiter sie sind, desto mehr nähert er sich dem Trachten nach dem Gottesreiche. Die verschiedenen sozialen Triebe des Menschen sind also als Äußerungsfor[86]men eines religiösen Grundtriebes in dessen Vermischung mit dem Eigeninteresse aufgefaßt.

Man sollte nun bei dieser Anschauungsweise Roschers erwarten, daß er rein empirisch die Entstehung der einzelnen Vorgänge und Institutionen aus der Wirksamkeit jener beiden Triebe, deren Mischungsverhältnis im einzelnen Fall festzustellen wäre, zu erklären versuchen würde77)[86] Das Problem bestand für die klassische Theorie deshalb nicht, weil sie von der Annahme ausging, daß auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens nur ein konstantes und einfaches Motiv wissenschaftlich in Betracht zu ziehen sei: der „Eigennutz“, welcher sich auf dem Boden der Verkehrswirtschaft in dem Streben nach dem Maximum privatwirtschaftlichen Gewinns äußere. Für sie bedeutete die ausschließliche Berücksichtigung dieses Triebes keineswegs eine Abstraktion.97 Tatsächlich stellt diese „ausschließliche Berücksichtigung dieses Triebes“ eine auf Analyse basierende isolierende Abstraktion dar. Vgl. Einleitung, oben, S. 16. .

Roschers Verhalten ist aber ein anderes. Es konnte auch ihm nicht entgehen, daß auf den spezifischen Gebieten des modernen Wirtschaftslebens, im Verkehr der Börsen, Banken, im modernen Großhandel, in den kapitalistisch entwickelten Gebieten der Gütererzeugung, das wirkliche Leben von irgend welcher Gebrochenheit des „wirtschaftlichen Eigennutzes“ durch andere „Triebe“ schlechterdings nichts zeigte[.]

Demgemäß hat Roscher den gesamten auf den Eigennutz aufgebauten Begriffs- und Gesetzesapparat der klassischen Nationalökonomie ohne allen Vorbehalt übernommen. Die bisherige deutsche Theorie hatte nun – so insbesondere Hermann[,]96[86] Vgl. Hermann, Friedrich Benedikt Wilhelm von, Staatswirthschaftliche Untersuchungen über Vermögen, Wirthschaft, Productivität der Arbeit, Kapital, Preis, Gewinn, Einkommen und Verbrauch. – München: Anton Weber 1832. auch Rau – der Alleinherrschaft des Eigennutzes im privaten Wirtschaftsleben78) Bekanntlich ist auch dieses Prinzip selbst von Rau nicht konsequent durchgeführt worden. Rau begnügte sich damit, das vorwaltende Wirken des Eigennutzes als eines „unwiderstehlichen Naturtriebes“ als das Normale zu Grunde zu legen, dem gegenüber andere „übersinnliche“ und „erhabene“ Motive jedenfalls nicht als Grundlage für die Aufstellung von „Gesetzen“ in Betracht kommen könnten, – weil sie irrational sind. Daß aber die Aufstellung von Gesetzen der einzig mögliche wissenschaftliche Zweck sei, verstand sich von selbst.98 Rau, Lehrbuch, S. 10 f. die [A 32]Herrschaft des Gemeinsinns im öffentlichen Leben an die Seite gestellt79)[A 32] Für die „prähistorische“ nationalökonomische Theorie war eben der Mensch nicht das abstrakte Wirtschaftssubjekt der heutigen Theorie, sondern auch für die Na[87]tionalökonomie der abstrakte Staatsbürger der rationalistischen Staatslehre, wie dies charakteristisch bei Rau (Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, § 4) hervortritt: „Der Staat besteht . . . aus einer Anzahl von Menschen, welche in gesetzlicher Ordnung beisammen leben. Sie heißen Staatsbürger, sofern sie . . . gewisse Rechte genießen; ihre Gesamtheit ist das Volk, die Nation im staatswissenschaftlichen Sinne des Wortes.“1 Gemeint ist: Rau, Lehrbuch, S. 4 f.; der erste Band des Lehrbuchs ist betitelt: „Grundsätze der Volkswirthschaftslehre“. Davon verschieden ist nach Rau der Begriff: Volk „im historisch-genealogischen Sinne in Bezug auf Abstammung und Absonderung.“2 Ebd., S. 5 Anm. a). (Vgl. dazu Knies 1. Auflage S. 28.)3 Knies, Oekonomie1, S. 28. , wobei einerseits die Aufteilung des gesamten [87]Wirkungskreises des Menschen in Privatwirtschaft und öffentliche Tätigkeit80) Eine eingehendere Untersuchung würde ergeben, daß diese Scheidung auf ganz bestimmte puritanische Vorstellungen zurückgeht, die für die „Genesis des kapitalistischen Geistes“4 Sombart, Moderner Kapitalismus I (wie oben, S. 14, Anm. 94), S. 378 ff. (Zweites Buch, Dritter Abschnitt: „Die Genesis des kapitalistischen Geistes.“). von sehr großer Bedeutung gewesen sind. und andererseits die Identifikation von Sein und Sollen81) Diese Identifikation bezog sich bei A[dam] Smith – im Gegensatz zu Mandeville und Helvetius – bekanntlich nicht auf die Herrschaft des Eigennutzes im Privatleben. das charakteristische Merkmal der „klassischen“ Auffassungsweise war. Roscher hingegen lehnt diese Auffassung ab, weil, wie er im plötzlichen Fallenlassen seiner Psychologie bemerkt, Eigennutz und Gemeinsinn „weder koordinierte noch gar erschöpfende Gegensätze“ seien.99[87] Roscher, System I2, S. 19 (§ 11).

Vielmehr trägt er seinerseits noch eine dritte Auffassung über die Beziehungen des Eigennutzes zum sozialen Zusammenleben vor, indem er82) A.a. O.qA: a. a. O. 5 Roscher, System I2, S. 17 (§ 11). bemerkt: „Er (der Eigennutz) wird . . . . zum irdisch verständlichen Mittel für einen ewig idealen Zweck verklärt“.

Man fühlt sich dabei zunächst sofort auf den Boden der optimistischen „Eigennutz“-Theorien des 18. Jahrhunderts gestellt83) Eigentümliche Anklänge an diese finden sich vielleicht schon in Mammons Rede an die gefallenen Engel in Miltons Verlorenem Paradiese,6 Milton, Paradies, S. 45 ff. (2. Gesang, Vers 689 ff.). wie denn die ganze Ansicht eine Art Umstülpung puritanischer Denkweise ist. .

Wenn aber Mandevilles Bienenfabel in ihrer Weise das Problem des Verhältnisses zwischen Privat- und Gemein-Interessen in der Formel „private vices public benefits“ zugleich stellte und beant[88]wortete,7[88] Die Formel entspricht dem Untertitel von Mandeville, Fable. und wenn auch manche der Späteren bewußt oder unbewußt der Ansicht zuneigten, der wirtschaftliche Eigennutz sei kraft providentieller Fügung8 Smith begründet dasselbe mit dem Wirken einer „unsichtbaren Hand“, die er in Zusammenhang mit der „Vorsehung“ bringt. Vgl. Smith, Adam, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Complete in One Volume. – Edinburgh: Thomas Nelson 1845 (hinfort: Smith, Inquiry), S. 184; Smith, Adam, The Theory of Moral Sentiments; or an Essay towards an Analysis of the Principles by which Men naturally judge concerning the Conduct and Character, first of their Neighbours, and afterwards of themselves. – London: Henry G. Bohn 1853, S. 264 f. jene Kraft, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft“,9 Vgl. Goethe, Faust I, S. 54. so bestand dabei die Vorstellung, daß der Eigennutz direkt, und so wie er eben ist, ungebrochen, in den Dienst [A 33]der je nach dem Sprachgebrauch „göttlichen“ oder „natürlichen“ Kulturziele der Menschheit gestellt sei.

Roscher hingegen weist (Anm. 6 § 12 des Systems, Band I) auch jene Auffassung Mandevilles und der Aufklärungsperiode ausdrücklich ab,10 Roscher, System I2, S. 18 f. (§ 11 Anm. 6); hier Irrtum wegen falscher Bezeichnung des § 12 als § 13 auf S. 19. und zwar liegt der Grund hierfür teils auf religiösem Gebiet84)[88][A 33] Roscher lehnt (Geistl[iche] Gedanken S. 33) die Zumutung, in der Geschichte und den äußeren Vorgängen des Menschenlebens etwas einer Theodizee Ähnliches sehen zu sollen, ebenso wie die Schillersche Formel von der „Weltgeschichte“ als dem „Weltgericht“, mit einer einfachen Klarheit ab, die manchem modernen Evolutionisten zu wünschen wäre.11 Roscher, Gedanken, S. 33, bezieht sich auf den Satz von Schiller: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“, der sich in Vers 85 des Gedichts „Resignation“ findet. Vgl. Schiller, Friedrich, Gedichte. Erster Theil. Vollständige mit Nachträgen vermehrte Ausgabe. Mit Grosh. Badisch gnäd. Privilegio. – Carlsruhe: im Bureau der deutschen Classiker 1818, S. 183–186, Zitat: S. 186. Sein religiöser Glaube machte ihm überhaupt das Leitmotiv des „Fortschritts“, dem bekanntlich auch Ranke – ebensosehr als nüchterner Forscher wie als religiöse Natur – innerlich kühl gegenüberstand,12 Ranke, Epochen (wie oben, S. 72, Anm. 30), S. 15, hielt die Vorstellungen, „daß ein allgemein leitender Wille die Entwickelung des Menschengeschlechtes von einem Punkt nach dem anderen förderte, – oder, daß in der Menschheit gleichsam ein Zug der geistigen Natur liege, welcher die Dinge mit Notwendigkeit nach einem bestimmten Ziele hintreibt“, „weder für philosophisch haltbar, noch für historisch nachweisbar“. entbehrlich: Der „Fortschritts“-Gedanke stellt sich eben erst dann als notwendig ein, wenn das Bedürfnis entsteht, dem religiös entleerten Ablauf des Menschheitsschicksals einen diesseitigen und dennoch objektiven „Sinn“ zu verleihen. , teils aber – und damit gelangen wir wieder zum letzten Grunde all’ dieser Widersprüche – in den erkenntnis-theo[89]retischen Konsequenzen seiner „organischen“ Auffassung. Roscher hat zwar kein Bedenken getragen, für diejenigen Erscheinungen, welche, wie Grundrente, Zins, Lohn, sich als massenhaft wiederkehrende Einzelvorgänge und unmittelbare Relationen der Privatwirtschaften untereinander darstellen, die Ableitung aus dem Ineinandergreifen des vom Eigennutz gelenkten privatwirtschaftlichen Handelns zu verwenden; allein er lehnte es ab, sie auch auf diejenigen sozialen Institutionenr[89]A: Institutionen, anzuwenden, welche in dieser Betrachtung nicht erschöpfend aufgehen und uns als „organische“ Gebilde – „Zwecksysteme“, mit Dilthey zu sprechen13[89] Dilthey, Einleitung, S. 448. – entgegentreten. Und zwar entziehen sich dieser Betrachtungsweise nach seiner Meinung nicht nur die auf Gemeinsinn ruhenden Formen des menschlichen Gemeinschaftslebens, wie Staat und Recht, sondern auch der Kosmos der rein wirtschaftlichen Beziehungen ist als Ganzes einer solchen, ja überhaupt einer rein kausalen Erklärung unzugänglich, und zwar, weil sich „Ursache und Wirkung nicht voneinander scheiden“ lassen.14 Roscher, System I2, S. 21 (§ 13). Wie Roscher erläuternd hinzufügt, meint er damit, daß auf dem Gebiete sozialen Geschehens jede Wirkung ihrerseits im umgekehrten Verhältnis wieder Ursache sei oder doch sein könne, und daß alle einzelnen Erscheinungen „im Verhältnis von wechselseitiger Bedingtheit zueinander“ stehen.15 Ebd., S. 17 (§ 11) und 21 f. (§ 13 und § 13, Anm.3). Jede kausale Erklärung dreht sich (nach Roscher) daher in einem Kreise [A 34]herum85)[89][A 34] Ähnliche Ausführungen hatte Roscher schon im „Thukydides“ gemacht (S. 201), wo er die ganz allgemeine Behauptung aufstellt, daß jede gelungene historische Erklärung sich im Kreise herumdrehe[,] und diese Eigentümlichkeit des diskursiven Erkennens aus der Koordination der realen Objekte, mit denen es die Erfahrungswissenschaften zu tun haben, gegenüber der Subordination der Begriffe in der (Hegelschen) Philosophie entwickelte.16 Roscher, Thukydides, S. 200 f. – Der Gegensatz zwischen Geschichte und (toter) Natur fehlt jedoch dort noch und ist auch hier von Roscher wenig klar entwickelt. Er beruft sich darauf, daß z. B. der Wind sich rein als Ursache der Drehung der Mühlenflügel auffassen ließe, ohne daß gleichzeitig eine umgekehrte Kausalbeziehung (Mühlenflügel als Ursache des Windes?) bestehe.17 Roscher, System I2, S. 21 (§ 13). Die Unbrauchbarkeit eines so unpräzis formulierten Beispiels liegt auf der Hand. Es liegt in unklarer Weise etwas Ähnliches zu Grunde, [90]wie die nach dem Vorgang Diltheys (Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1894, 2, S. 1313 unten u. öfter)22 Dilthey, Ideen, S. 1313, beansprucht, die Methoden der Geisteswissenschaften „ihrem Object entsprechend selbständig zu bestimmen“. und anderer auch von Gottl a. a. O. vertretene Anschauung von dem grundsätzlichen, „nicht nur logischen, sondern ontologischen“ Gegensatz des erlebten „Allzusammenhanges“ der (menschlich-)psychischen Objekte des Erkennens gegenüber der „zerfällend“ erklärbaren toten Natur,23 Gottl, Herrschaft, S. 70, 77 f., 128. – wobei aber von Gottl für die Objekte der Biologie die Notwendigkeit der Übernahme anthropomorpher Begriffe als durch die Natur des Objektes gegebene Besonderheit eingeräumt wird, während Roscher umgekehrt biologische Begriffe auf das Sozialleben zu übertragen glaubt. Es führte hier zu weit und steht mir nicht zu, jene Anschauung eingehend zu kritisieren, daher sei nur bemerkt, daß „Wechselwirkung“ und „Allzusammenhang“ in genau dem gleichen Sinn und ganz genau dem gleichen Grade wie auf dem Gebiet des inneren Erlebens uns auf dem Gebiet der toten Natur (diesen Gegensatz als solchen einmal hingenommen) entgegentreten, sobald wir eine individuelle Erscheinung in ihrer vollen konkreten intensiven Unendlichkeit zu erkennen uns bestreben, und daß eine genauere Besinnung uns den „anthropomorphen“ Einschlag in allen Sphären der Naturbetrachtung zeigt. , aus dem ein Ausweg nur zu finden ist, wenn man [90]ein organisches Leben des Gesamtkosmos annimmt, dessen Äußerungen die Einzelvorgänge sind.18[90] Ebd. Unsere Analyse steht wieder vor jenem, uns schon früher begegneten, „unerklärbaren Hintergrund“ der Einzelerscheinungen, und ihre wissenschaftliche Aufgabe kann, wie wir sahen, nur darin bestehen, jenen Hintergrund immer weiter „zurückzuschieben“.19 Ebd., S. 22 (§ 13 Anm. 3).

Man sieht auch hier: es ist nicht, oder doch nicht unmittelbar der „hiatus irrationalis“20 Vgl. oben, S. 62 mit Anm. 95. zwischen der stets nur konkret und individuell gegebenen Wirklichkeit und den durch Abstraktion vom Individuellen entstehenden allgemeinen Begriffen und Gesetzen, was Roscher jene prinzipielle Schranke des volkswirtschaftlichen Erkennens aufstellen läßt. Denn daran, daß die konkrete Realität des Wirtschaftslebens begrifflicher Erfassung in Form von Gesetzen prinzipiell zugänglich sei, zweifelt er nicht im [A 35]mindesten. Freilich seien „unzählige“ Naturgesetze21 Roscher, System I2, S. 21 (§ 13). – aber doch eben Gesetze – zu ihrer Erschöpfung erforderlich. Nicht die Irrationalität der Wirklichkeit, welche sich gegen die Einordnung unter „Gesetze“ sträubt, sondern die „organische“ Einheitlichkeit der geschichtlich-sozialen Zusammenhänge erscheint ihm als das Objekt, dessen [91]kausale Erklärung und Analyse er nicht nur für schwieriger hält, als diejenige natürlicher Organismen86)[91][A 35] Das ist das charakteristische Merkmal des erkenntnistheoretischen Standpunkts derjenigen „organischen“ Gesellschaftsauffassung, welche den Hegelschen Standpunkt ablehnt. – Daß in Wahrheit, da wir auf dem Gebiete der Gesellschaftswissenschaften in der glücklichen Lage seien, in das Innere der „kleinsten Teile“, aus denen die Gesellschaft sich zusammensetzt und welche alle Fäden ihrer Beziehungen durchlaufen müssen, hineinzublicken, die Sache umgekehrt liege, hat schon Menger24[91] Vgl. Menger, Untersuchungen, S. 139 ff. („Drittes Buch: Das organische Verständnis der Socialerscheinungen“). und nachher viele andere eingewendet. –
Es ist bezeichnend, daß Gierke, der in seiner Berliner Rektoratsrede über „das Wesen der menschlichen Verbände“ (1902)25 Gierke, Verbände. noch einmal eine Lanze für die „organische Staatslehre“ gebrochen hat, erkenntnistheoretisch auf dem gleichen Standpunkt wie Roscher steht. Er hält das Wesen seiner Gesamtpersönlichkeit für ein „Geheimnis“, welches nach seiner Ansicht offenbar wissenschaftlich nicht etwa nur vorläufig, sondern definitiv und notwendig „unentschleiert“ bleiben muß (S. 23), d. h. also lediglich einer metaphysischen Deutung (durch „Phantasie“ und „Glaube“, wie G[ierke] sagt) zugänglich ist. Daß Gierke – dessen Ausführungen sich wohl wesentlich gegen Jellineks m. E. abschließende Kritik26 Vgl. Jellinek, Georg, Allgemeine Staatslehre. Das Recht des modernen Staates, Band 1. – Berlin: O. Häring 1900 (hinfort: Jellinek, Staatslehre), S. 135, 141 ff., wo Theorien des Staats als „natürlicher“ bzw. „geistig-sittlicher Organismus“ diskutiert werden. In Gierke, Verbände, findet sich kein direkter Hinweis auf Jellinek. Ab S. 15 ff. referiert er die Einwände gegen die organische Staatslehre, auf S. 20 spricht er von „sozialen Lebenseinheiten“ im Unterschied zum Menschen als „individueller Lebenseinheit“. richten – an der „überindividuellen Lebenseinheit“ der Gemeinschaften festhält, ist verständlich: die Idee hat ihm (und damit der Wissenschaft) heuristisch die allerbedeutendsten Dienste geleistet, – allein wenn G[ierke] den Inhalt einer sittlichen Idee oder (S. 22 a. a. O.) sogar den Inhalt patriotischer Empfindungen als Entität (s.v.v.!) vor sich sehen muß, um an die Macht und Bedeutung jener Gefühle glauben zu können,27 Gierke, Verbände, S. 22, beschreibt, wie sich ihm „der Gemeinschaftsgeist mit elementarer Kraft in fast sinnenfälliger Gestalt“ am 15. Juli 1870, dem Tag der Mobilmachung des Norddeutschen Bundesheeres, offenbart habe. so ist das doch befremdlich, und wenn er umgekehrt aus der sittlichen Bedeutung jener Gefühle auf die reale Existenz seiner Gemeinschaftspersönlichkeit schließt, also Gefühlsinhalte hypostasiert,28 Für Gierke, ebd., S. 32, hat das Postulat, die Gemeinschaft mehr als sich selbst zu lieben, nur dann Sinn, wenn sie „ein Höheres und Werthvolleres als die Summe der Individuen ist, wenn das Gemeinwesen mehr als ein Mittel für die Zwecke der Einzelnen bedeutet und wenn nicht für leere Namen lebt und stirbt, wer für die Ehre und das Wohl, für die Freiheit und das Recht seines Volkes und Staates wirkt und kämpft“. so würden dagegen die Einwendungen, die Hegel gegen Schleiermacher erhob,29 Hegel kritisierte, daß das Gefühl zur Grundlage des Glaubens erhoben wurde, denn Gefühle seien beliebig, womit der Glaube zur willkürlichen Sophisterei verkomme: „Gründet sich die Religion im Menschen nur auf ein Gefühl, so hat solches richtig keine weitere Bestimmung, als das Gefühl seiner Abhängigkeit zu seyn, und so wäre [92]der Hund der beste Christ, denn er trägt dieses am stärksten in sich und lebt vornehmlich in diesem Gefühle. Auch Erlösungsgefühle hat der Hund, wenn seinem Hunger durch einen Knochen Befriedigung wird.“ Vgl. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Vorrede zu Hinrichs’ Religionsphilosophie, in: ders., Werke, Band 17: Vermischte Schriften, Band 2, hg. von D. Friedrich Förster und D. Ludwig Boumann. – Berlin: Duncker & Humblot 1835, S. 277–304, hier S. 295. mit weit unzweifelhafterem [92]Recht in Kraft treten. Weder 1) der Kosmoss[92]A: Kosmos, der eine Gemeinschaft beherrschendentA: beherrschende Normen, noch 2) die (zuständlich betrachtete) Gesamtheit der durch jene Normen beherrschten Beziehungen der zugehörigen Individuen, noch 3) die Beeinflussung des (als Komplex von Vorgängen betrachteten) Handelns der Individuen unter dem Einfluß jener Normen und Beziehungen, stellen ein Gesamtwesen im Gierkeschen Sinne dar oder sind irgendwie metaphysischen Charakters, und doch sind sie alle drei etwas anderes als eine „bloße Summierung von individuellen Kräften“, – wie übrigens doch schon die rechtlich normierte Beziehung zwischen Käufer und Verkäufer mit ihren Konsequenzen etwas anderes ist als die einfache Summe der Interessen der beiden Einzelpersonen, und dennoch durchaus nichts Mystisches an sich trägt. – Hinter jenem Kosmos von Normen und Beziehungen steht aber ebenfalls kein geheimnisvolles Lebewesen, sondern eine das Wollen und Fühlen der Men[A 36]schen beherrschende sittliche Idee, und es ist schwer zu glauben, daß ein Idealist wie Gierke ernstlich das Kämpfen für Ideen als ein Kämpfen für „leere Worte“ ansehen könnte.30 In Gierke, Verbände, S. 35, findet sich die Formulierung „leere Namen“.
, [A 36]sondern welches prinzi[92]piell unerklärt bleiben muß. Nicht, daß die Einzelerscheinungen nicht in die allgemeinen Begriffe eingehen, und zwar notwendig um so weniger, je allgemeiner die Begriffe sind, sondern daß die universellen Zusammenhänge und die zuständlichen Gebilde zufolge ihrer Dignität als „Organismen“ nicht von den Einzelerscheinungen aus kausal erklärbar seien, stellt für ihn die Grenze des rationalen Erkennens dar. Daß aber eine kausale Erklärung der Totalitäten von den Einzelerscheinungen aus (nicht nur faktisch, sondern) prinzipiell unmöglich sei, ist ihm ein Dogma, welches zu erweisen er gar nicht unternimmt. Zwar stehen ihm jene zuständlichen Gebilde und Zusammenhänge deshalb keineswegs außerhalb jeder kausalen Bedingtheit. Aber sie fügen sich einem (metaphysischen87) Man wird an die „Dominanten“ der modernen Reinkeschen biologischen Theorien erinnert.31 Als Vertreter des Vitalismus geht Johannes Reinke davon aus, daß es Kräfte – Dominanten – gibt, die selbst nicht aus Energie bestehen und daher auch nicht dem Satz der Energieerhaltung unterworfen sind, gleichwohl jedoch die physikalischen und chemischen Energien des Organismus gemäß einer von Gott eingerichteten Zweckmäßigkeit der Natur lenken. Vgl. Reinke, Johannes, Einleitung in die theoretische Biologie. – Berlin: Gebr. Paetel 1901, S. 169 ff. Reinke hat diese freilich schließlich des metaphysischen Charakters, [93]der ihnen begrifflich anhaften muß, wenn sie als Realgrund der Zweckmäßigkeit der Organismen gelten sollen, wieder entkleidet, und sie aus einer forma formans in eine forma formata33 Diese Formulierung findet sich bei Coleridge, der Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Naturphilosophie nahestand und den Vitalismus inspirierte. Vgl. Coleridge, Samuel Taylor, The Friend: A Series of Essays to Aid the Formation of Fixed Principles in Politics, Morals and Religion, Vol. 3, 3rd· ed. – London: William Pickering 1837, S. 135: „The word nature has been used in two senses, actively and passively; energetic, or forma formans, and material, or forma formata. In the first […] it signifies the inward principle of whatever is requisite for the reality of a thing, as existent: while the essence or essential property, signifies the inner principle of all that appertains to the possibility of a thing. […] In the second or material sense of the word nature, we mean by it the sum total of all things, as far as they are objects of our senses, and consequently of possible experience“. zurückgedeutet, – damit aber auch grade Das wieder preisgegeben, was sie für eine spekulative Betrachtung des Kosmos leisten konnten, ohne für die empirische Einzelforschung etwas zu gewinnen. S[iehe] die Auseinandersetzung zwischen ihm und Drews im letzten Jahrgang der Preuß[ischen] Jahrbücher.34 Vgl. Drews, Reinke. Vgl. dazu Reinke, Johannes, Zur Dominantentheorie. Entgegnung, in: Preußische Jahrbücher, Band 116, 1902, S. 502–507. ) Kausalzusammenhang höherer Ordnung, den [93]unser Erkennen nur in seinen Äußerungen gelegentlich greifen, nicht aber in seinem Wesen durchschauen kann – wiederum (nach Roschers Ansicht) nach Analogie des natürlichen Lebensprozesses. Roscher32[93] Vgl. Roscher, System I2, S. 35 f. (§ 13). glaubt zwar nicht, daß die Volkswirtschaft im gleichen Maße wie ein natürlicher Organismus „natürlich gebunden“ sei, allein er findet die (metaphysische) Gesetzlichkeit auch jener „höheren“ Erscheinungen des Wirtschaftslebens sich äußernd in dem sogenannten „Gesetz der großen Zahl“ in der Statistik, welches erkennen lasse, wie die scheinbare Willkür der konkreten Einzelfälle sich, sobald man auf das Ganze des Zusammenhangs sehe, in „wunderbaren Harmonien“ ausgleiche88) Es bedarf kaum des Hinweises, daß von dieser Verwendung des Gesetzes der großen Zahl, so mißbräuchlich sie ist,35 Zur gebräuchlichen Verwendung dieses Gesetzes vgl. Kries, Principien, S. 89: „Es ist bekannt, dass, wenn in einem einzelnen Falle einer bestimmten Art ein bestimmter Verlauf mit der Wahrscheinlichkeit 1/n zu erwarten ist, alsdann immer mit grösster Sicherheit anzunehmen ist, dass bei einer sehr grossen Anzahl derartiger Fälle annähernd der nte Teil aller den betreffenden Verlauf aufweisen werde. Dies pflegt man als das Gesetz der grossen Zahlen zu bezeichnen, indem man die Aufmerksamkeit darauf zu lenken wünscht, dass trotz der Unbestimmtheit der Erwartungen in jedem Einzelfalle doch mit Bezug auf sehr viele ein gewisses Resultat mit fast absoluter Sicherheit vermutet werden darf.“ Vgl. auch Windelband, Zufall, S. 35. bis zu Quetelets „homme moyen“ ein weiter Weg ist.36 Quetelet zufolge stellt „der mittlere Mensch einer jeden Epoche […] den Typus der Entwicklung der Menschheit für diese Epoche dar“; er ist „immer das Ergebnis der [94]betreffenden zeitlichen und örtlichen Verhältnisse“ und „seine Fähigkeiten entwickeln sich in einem richtigen Gleichgewicht, in einer vollkommenen Harmonie, die von Übertreibungen und Mängeln jeder Art gleich entfernt“ ist, „so dass man ihn unter den jeweiligen Verhältnissen als den Typus alles Schönen und Guten betrachten“ muß. Vgl. Quetelet, Adolphe, Ueber den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten, oder Versuch einer Physik der Gesellschaft. Deutsche Ausgabe, im Einverständniss mit dem Herrn Verfasser besorgt und mit Anmerkungen versehen von V. A. von Riecke. – Stuttgart: E. Schweizerbart 1838, S. 575. Vgl. zu Quetelet bereits Weber, Allgemeine („theoretische“) Nationalökonomie, MWG III/1, S. 94, 347 f., 350, 358 f. Immerhin lehnt Roscher (§ 18 Nr. 2 des Systems, Band I) Quetelets Methode [94]nicht eigentlich prinzipiell ab.37 Roscher, System I2, S. 29 f. (§ 18). Er führt aus, daß die Statistik „nur solche Tatsachen als ihr wahres Eigentum betrachten“vA: betrachten dürfe, die sich auf „bekannte Entwickelungsgesetze“ zurückführen lassen. Die Sammlung anderer (unverstandener) Zahlenreihen habe die Bedeutung „des unvollendeten Experi[A 37]mentes“.38 Ebd., S. 29 (§ 18). Der Glaube an die Herrschaft der „Gesetze“ kreuzt sich hier mit dem gesunden Sinn des empirischen Forschers, der die Wirklichkeit verstehen, nicht sie in Formeln verflüchtigen will. .

[94][A 37]Nicht eine methodisch-logische Grenze der Erfassung der Wirklichkeit in Gattungsbegriffen und abstrakten Gesetzen, sondern das Hereinragen der für unser Erkennen transzendenten Mächte in die Wirklichkeit findet also Roscher in dem Gegensatz des sozialen Kosmos gegenüber den theoretisch analysierbaren Einzelvorgängen. Wir stehen hier wieder, wie schon oben, an der Grenze des Emanatismus. Sein Wirklichkeitssinn lehnt es ab, den Gedanken, daß die „organischen“ Bestandteile jenes Kosmos Emanationen von „Ideen“ seien, für eine Erklärung auszugeben. Den Gedanken selbst aber weist er nicht zurück. –

Roschers Kreislauftheorie einerseits, die von ihm verwendete Kategorie des „Gemeinsinns“ andererseits erklärenu[94]A: erklärt endlich auch seinen prinzipiellen Standpunkt89) Nur die prinzipielle Seite der Frage geht uns an. Ein Versuch, R[oscher]s wirtschaftspolitische Ansichten systematisch zu analysieren, liegt hier fern. zur Frage der wissenschaftlichen Behandlung der Wirtschaftspolitik90) Roscher gliedert, wie er selbst hervorhebt, in seinem Hauptwerke die Fragen der Wirtschaftspolitik den betreffenden Abschnitten der Theorie ein.39 Roscher, ebd., S. 27 (§ 17), spricht nicht von Wirtschaftspolitik, sondern von „Staatswirthschaft“ als der „ökonomische[n] Gesetzgebung und obrigkeitliche[n] Leitung der Privatwirthschaften“. . Zunächst muß die Folge des untrennbaren Zusammenhangs der Wirtschaft mit dem gesamten Kulturleben die Heteronomie des wirtschaftspolitischen Zweck[95]strebens sein. Die „Förderung des Nationalreichtums“40[95] Im Sinne von Smith, Inquiry (wie oben, S. 88, Anm. 8). – diesen Begriff zu verwerfen hat sich Roscher nicht entschlossen – kann nicht der selbstverständliche und einzige Zweck der Wirtschaftspolitik, die Staatswirtschaft keine bloße „Chrematistik“41 Roscher, Grundriß, S. IV, definiert die Chrematistik als „eine Kunst, reich zu werden“. sein91)[95] Konsequent ist sich freilich Roscher auch in dieser Anschauung nicht geblieben. Rein materiell-wirtschaftliche Werturteile der verschiedensten Art durchziehen auch die rein theoretischen Teile des Roscherschen Werkes, angefangen von dem in § 1 aufgestellten, durchaus sozialistisch anmutenden „Ideal“: „daß alle Menschen nur löbliche Bedürfnisse fühlten, aber die löblichen auch vollständig, und alle Befriedigungsmittel derselben auch klar einsähen und frei besäßen“,42 Roscher, System I2, S. 2 (§ 1). bis zu den Erörterungen über den Produktionsbegriff (§ 63 ff.)43 Ebd., S. 106 ff. (§§ 63 ff.). und zur Aufstellung des „Bevölkerungsideals“ § 253: „Ihren Höhepunkt erreicht die volkswirtschaftliche Entwickelung da, wo die größte Menschenzahl gleichzeitig die vollste Befriedigung ihrer Bedürfnisse findet.“44 Ebd., S. 508 (§ 253). . Die Erkenntnis des historischen Wandels der Wirtschaftserscheinungen schließt ferner aus, daß die Wissenschaft andere als relative Normen aufstellt –, je nach der Entwickelungsstufe des betreffenden Volkes92) § 25: „Das Gängelband des Kindes, die Krücke des Greises würden für den Mann eben nur die ärgsten Fesseln sein.“45 Ebd., S. 41 (§ 25). Es gibt „ebensoviele Ideale [A 38]. . . . wie Volkseigentümlichkeiten“, außerdem wird „mit jeder Veränderung der Völker und ihrer Bedürfnisse auch das für sie passende Wirtschaftsideal ein anderes“ (ebendas[elbst]).46 Ebd. . Allein hiermit hat [A 38]der Relativismus Roschers seine Grenzen erreicht: Er geht nirgends so weit, den Werturteilen, welche die Grundlage der wirtschaftspolitischen Maximen sind, nur subjektive Bedeutung zuzugestehen93) Auch auf dem Boden der Ethik des täglichen Lebens kennt er keine subjektiven Grenzen der ethischen Gebote. Vergl. den Protest gegen die „Zuckerbäckermoral“ für den Genius, mit besonderem Bezug auf Goethe, Geistl[iche] Gedanken, S. 82.47 Roscher, Gedanken, S. 82: „Wer das Sündliche in Goethes Leben und Poesie tadelt, muß von übertriebenen Verehrern des Dichters wohl den Vorwurf hören, daß er auf dem Standpunkte hausbackener Moral stehe. Giebt es denn auch eine Zuckerbäcker-Moral?“ Über Faust eine höchst kleinbürgerlich anmutende Auslassung, das[elbst] S. 76.48 Roscher, ebd., S. 76, meint, Goethe fehle „das tiefe Verständniß von Sünde, Gewissen, Gerechtigkeit, Gnade, welches wir an Shakespeare bewundern. Wie oberflächlich er hierüber denkt, zeigt sogar sein Hauptwerk: dessen Held, nachdem er ohne wahre Leidenschaft eine ehrenhafte Familie aufs Schrecklichste zu Grunde gerichtet hat, seine Gewissensbisse einfach durch einen erquickenden Schlummer los wird! [96]Auch im Alter begeht er noch die ärgsten Ungerechtigkeiten, und fährt doch zuletzt, ohne irgend welche Reue und Buße, gen Himmel.“ und damit die wissenschaft[96]lich eindeutige Auffindung von Normen überhaupt abzuweisen. Wenn Roscher seinen methodischen Standpunkt dahin zusammenfaßt, daß er auf die Ausarbeitung allgemeiner Ideale grundsätzlich verzichte,49 Roscher, System I2, S. 41 (§ 26). und „nicht wie ein Wegweiser, sondern wie eine Landkarte“ orientieren wolle,50 Nicht belegt. so heißt das nicht, daß er demjenigen, welcher auf der Suche nach „Richtung weisenden Idealen“ sich an die Wissenschaft wendet, antwortet: „Werde, der du bist“.51 Nietzsche, Friedrich, Die fröhliche Wissenschaft („la gaya scienza“) (Nietzsche’s Werke, 1. Abtheilung, Band 5). – Leipzig: C. G. Naumann 1899 (hinfort: Nietzsche, Wissenschaft), hier S. 205 (Aph. 270): „Was sagt dein Gewissen? – ,Du sollst der werden, der du bist.‘“ Er ist vielmehr, wenigstens theoretisch, von dem Vorhandensein objektiver Grundlagen für die Aufstellung von Normen nicht nur für jede konkrete Situation, sondern darüber hinaus auch je für die einzelnen, typischen Entwickelungsstufen der Volkswirtschaft überzeugt94)[96] Siehe den Vergleich der notwendig individuellen Wirtschaftsideale der Völker mit dem ebenso notwendig individuellen (aber doch objektiv bestimmbaren) Kleidermaß für Individuen § 25,52 Roscher, System I2, S. 41 (§ 25). vor allem aber die Erörterungen in § 27, wo Roscher bis zu der völlig utopistischen Ansicht gelangt, daß alle Parteigegensätze nur auf ungenügender Einsicht in den wahren Stand der Entwickelung zurückzuführen seien.53 Ebd., S. 43 (§ 27): „Sind die Naturgesetze der Volkswirthschaft erst hinreichend erkannt und anerkannt, so bedürfte es im einzelnen Falle nur noch einer genauen und zuverlässigen Statistik der relevanten Thatsachen, um alle Parteizwiste über Fragen der volkswirthschaftlichen Politik, wenigstens insofern sie auf entgegengesetzter Ansicht beruhen, zu versöhnen.“ . Die Wirtschaftspolitik ist eine Therapeutik des Wirtschaftslebens95) Ganz ebenso faßte Ranke (Sämtl[iche] Werke Bd. 24 S. 290 f.) die Aufgabe der „Staatsökonomie“ auf.54 Ranke, Verwandtschaft, S. 290: „auch die menschliche Gesellschaft hat gleichsam ihren eigenen Leib; die Staatsöconomie zeigt, wie die Glieder des Staates miteinander verwachsen sind, legt uns ihre Arterien und Adern vor Augen, die Orte, wo Odem und Blut sich befinden und lehrt, wie die gesunde Beschaffenheit des Staatskörpers bewahrt, die ungesunde geheilt oder ihr vorgebeugt werde“. – und eine solche ist natürlich nur möglich, wenn ein je nach dem Entwickelungsgrade individuell verschiedener, immer aber als solcher objektiv erkennbarer Normalzustand der Gesundheit feststellbar ist, dessen Herstellung und Sicherung gegen Störungen dann das selbstverständliche Ziel des Wirtschaftspolitikers [97]ganz ebenso bilden muß, wie das Entsprechende für die Tätigkeit des Arztes am physischen Organismus der Fall ist.55[97] Roscher, System I2, S. 23 (§ 15): „Ist die Volkswirthschaft ein Organismus, so werden auch ihre Störungen manche Ähnlichkeit mit Krankheiten besitzen. Wir können deßhalb von den bewährten Methoden der Medicin, dieser ältern Schwester unserer Wissenschaft, gar Manches zu lernen hoffen.“

Ob nun eine solche Annahme vom Standpunkte einer rein diesseitig orientierten Lebensauffassung aus überhaupt ohne Selbsttäuschung möglich wäre, bleibt hier vorerst dahingestellt: für Roscher war sie prinzipiell gegeben durch seine geschichtsphilosophische Auf[A 39]fassung des typischen Ganges der Völkerschicksale in Verbindung mit seinem religiösen Glauben, welcher für ihn die sonst unvermeidlichen fatalistischen Konsequenzen seiner Theorie ausschloß. Zwar wissen wir nach Roscher weder, in welchem Stadium der, von ihm als ein im Sinn des Christentums endlicher Prozeß gedachten, Gesamtmenschheitsentwickelung, noch in welchem Stadium der Entwickelung unserer, ja auch dem Absterben bestimmten, nationalen Kultur wir uns befinden.56 Ebd., S. 541 f. (§ 266). Aber daß wir es nicht wissen, gereicht nach Roscher uns – in diesem Fall: der Tätigkeit des Politikers – ebenso zum Vorteil, wie die Verborgenheit der Todesstunde dem physischen Menschen,57 Ebd., S. 539 f. (Anm. 1 auf S. 540) (§ 264); Roscher, Gedanken, S. 101. und hindert ihn nicht zu glauben, daß das Gewissen und der gesunde Menschenverstand dem Kollektivindividuum die ihm jeweils von Gott gestellten Aufgaben ebenso enthüllen könne wie dem einzelnen. Immerhin versteht sich, daß bei einem derartigen Gesamtstandpunkt für die wirtschaftspolitische Arbeit es naturgemäß nur enge Grenzen gibt: Regelmäßig dringen nach Roscher – kraft des naturgesetzlichen Charakters der wirtschaftlichen Entwickelung – die „wirklichen Bedürfnisse“ eines Volkes auch im Leben von selbst durch96)[97][A 39] Roscher ist hierin, wie man sieht, mit den Klassikern58 Vgl. oben, S. 42 f. mit Anm. 9. völlig einig. –, die gegenteilige Annahme widerstreitet dem Glauben an die göttliche [98]Vorsehung.59[98] Roscher, System I2, S. 38 f. (§ 24): „Nun werden aber die wirklichen Bedürfnisse eines Volkes auf die Dauer regelmäßig auch im Leben durchdringen. Wir müssen wenigstens mißtrauisch sein, wenn wir hören, daß ganze Völker durch ‚Pfaffen, Rabulisten, Tyrannen‘ in eine ‚unnatürliche‘ Richtung hineingezwängt worden. Wie sollte das auch, selbst abgesehen von aller menschlichen Freiheit, aller göttlichen Vorsehung, wie sollte es nur möglich sein? Die angeblichen Zwingherren sind doch in der Regel Bestandtheile des Volkes selbst; alle ihre Hülfsmittel wurzeln doch in der Regel nur im Volke selbst: es müßten Archimedes sein, die außerhalb ihrer Welt stünden!“ Ein, wenn auch relativistisches, so doch in irgend einem Sinn geschlossenes System wirtschaftspolitischer Postulate ist, da die Endlichkeit unseres diskursiven Erkennens uns die Erfassung der Gesamtheit der „Entwickelungsgesetze“ versagt, etwas vielleicht schon prinzipiell Unmögliches, sicherlich aber tatsächlich ebensowenig erschöpfend zu entwickeln, wie auf dem Gebiet der politischen Arbeit, was Roscher gelegentlich (§ 25) auch ausdrücklich ausspricht.60 Ebd., S. 40 f. (§ 25).

So sind denn die zahlreichen wirtschaftspolitischen Äußerungen Roschers zwar der Ausdruck seiner milden, maßvollen, vermittelnden Persönlichkeit, in keiner Weise aber der Ausdruck klarer, konsequent durchgeführter Ideale. Wirklich ernste und dauernde Konflikte zwischen dem Schicksalszuge der Geschichte und den Lebensaufgaben, welche Gott dem einzelnen wie den Völkern stellt, sind eben unmöglich, und die Aufgabe, sich seine letzten Ideale autonom zu stecken, tritt an den einzelnen garnicht heran. Roscher konnte daher auf seinem relativistischen Standpunkt verharren, ohne ethischer Evolutionist zu werden. Er hat den Evolutionismus in seiner [A 40]naturalistischen Form auch ausdrücklich abgelehnt97)[98] [A 40] In einer Auseinandersetzung mit Kautzʼ Geschichte der Nationalökonomie61 Gemeint ist: Kautz, Theorie I, S. 313 ff. sagt Roscher in den späteren Auflagen seines Werkes (§ 26 Nr. 2): „Wenn Kautz neben der Geschichte noch die ‚sittlich praktische Menschenvernunft‘ mit ihren Idealen als Quelle der Nationalökonomie aufführt, damit die Wissenschaft kein bloßes Abbild, sondern Vorbild des wirtschaftlichen Völkerlebens werde: so kann ich dies mir gegenüber für keinen wirklichen Gegensatz halten. Abgesehen davon, daß nur die sittlich-praktische Menschenvernunft Geschichte versteht, bilden die Ideale jeder Periode eines der wichtigsten Elemente ihrer Geschichte. Namentlich pflegt sich das Zeitbedürfnis in ihnen am schärfsten auszusprechen. Der geschichtliche Nationalökonom als solcher ist gewiß nicht abgeneigt oder ungeeignet, Reformpläne zu machen. Nur wird er sie schwerlich dadurch empfehlen, daß sie absolut besser seien als das Bestehende, son[99]dern er wird nachweisen, daß ein Bedürfnis vorhanden ist, welches durch sie wahrscheinlich am wirksamsten befriedigt werden möchte.“62[99] Roscher, System I23, S. 79 f. (§ 29 Anm. 5).
Die erste der unterstrichenen Stellen ist eine in ihrer Art klassische Antwort auf die heute noch viel umstrittene und auch hier später zu berührende Frage der „Voraussetzungslosigkeit“63 Unten, S. 100 mit Anm. 67. der Geschichtsordnung. Die zweite enthält, wenn schon verhüllt, die spezifisch „entwickelungsgeschichtliche“ Vermischung von Werdendem, Seinsollendem und Sittlichem, die wir ebenfalls noch erörtern werden. Aus einer Methode wird der historische Entwickelungsgedanke hier zu einer Normen offenbarenden Weltanschauung, und das enthält die prinzipiell gleichen Bedenken wie der analoge Vorgang, den wir mit den naturwissenschaftlichen Entwickelungsgedanken noch heute sich vollziehen sehen. Dahin gehört z. B. der naive Rat mancher Evolutionisten an die Religion, „neue Verbindungen einzugehen“:64 Möglicherweise Bezug auf Schäffle, Albert E[berhard] Fr[iedrich], Bau und Leben des sozialen Körpers, Band 4: Specieller Theil, zweite Hälfte: Die geistigen Erscheinungen der Gesellschaft, die sociale Ausbildung der Vernunft und der Sprache, das Staatsleben, die heutigen Civilisationskreise. Neue zum Theil umgearbeitete Ausgabe. – Tübingen: H. Laupp 1881, S. 173: „Müssen wir doch zugeben, daß selbst da, wo die Stifter und Bewahrer der Religion erobernd und gewaltthätig vorgegangen sind, aus den Weltbränden die sie entzündeten, neue Verbindungen, dauernder Verkehr, höhere Völkererziehung, edlerer Glauben hervorgegangen sind, ohne daß es in der Absicht der streiterregenden Fanatiker lag!“ als ob sie über ihre Hand verfügen könnte wie eine unglücklich verheiratet gewesene Frau. Roscher hat, auch wo nicht der ihm aus religiösen Gründen widerwärtige Darwinismus in Frage kam, den ethischen Evolutionismus zu gunsten seiner im religiösen Sinne idealistischen Psychologie abgewiesen: Geistl[iche] Gedanken, S. 75: „Wer bloß nach unten blickt auf das Emporsteigen aus der Materie, der wird auch die Sünde, zumal die kultivierte Sünde, mit großer Gemütsruhe als eine noch nicht erreichte Vollkommenheit ansehen, während sie doch in Wahrheit das absolut Böse, dem innersten Kern unserer Natur Feindliche, ja Tödliche ist.“
Nicht minder, wie wir schon sahen, den Gedanken der Theodizee, was sein freilich in diesem Punkt wohl kaum noch kirchlich korrekter Glaube an die Fortsetzung der Entwickelung des einzelnen nach dem Tode (Geistl[iche] Gedanken, S. 33 – cf. die fast kindlich-naive Stelle S. 7/8) ihm religiös möglich machte.65 Roscher, Gedanken, S. 33: „Für den Christen freilich ist es […] gewiß, daß sich unmittelbar an den irdischen Tod eine Fortsetzung der göttlichen Erziehungsarbeit anschließt“; ebd., S. 7 f.: „Sobald die Seele nach den etwaigen Stürmen des Todeskampfes aus ihrer Betäubung oder dem vielleicht regelmäßig zunächst eintretenden Schlafe erwacht, wird sie mit tiefer Beschämung, vielleicht mit heimlicher Freude gewahr werden: Also lebe ich doch noch!“
– daß der historische Entwickelungsgedanke eine ganz [99]ähnliche Entleerung des normativen Charakters der sittlichen Gebote enthalten könne, mußte ihm verborgen bleiben, da er dagegen gesichert war.

Fassen wir zusammen, so sehen wir, daß Roschers „historische Methode“ ein, rein logisch betrachtet, durchaus widerspruchsvolles Gebilde darstellt. Versuche, die gesamte Realität der historisch [100]ge[A 41]gebenen Erscheinungen zu umklammern, kontrastieren mit dem Streben nach Auflösung derselben in „Naturgesetze“. Bei dem Versuch, die Allgemeinheit der Begriffe und die Universalität des Zusammenhanges miteinander zu identifizieren, gerät Roscher auf der Bahn der „organischen“ Auffassungsweise bis an die Grenze des Emanatismus Hegelscher Art, den zu akzeptieren sein religiöser Standpunkt ihn hindert. Bei Betrachtung der Einzelerscheinungen wird alsdann jene organische Betrachtungsweise wieder teilweise beiseite gelassen, zu gunsten eines Nebeneinander von begrifflicher Systematisierung nach Art der Klassiker,66[100] Vgl. oben, S. 42 f. mit Anm. 9. mit empirisch-statistischer Erläuterung bald der realen Geltung, bald der nur relativen Bedeutung der so gefundenen Sätze. Nur in der Darstellung der wirtschaftspolitischen Systeme behält die organisch-konstruktive Eingliederung der Erscheinungen in die Altersstufen der Völker die Oberhand. – Für die Gewinnung wirtschaftspolitischer Werturteile führt sein historisch orientierter Relativismus zu wesentlich negativen Resultaten insofern, als die objektiven Normen, deren Bestehen fortwährend vorausgesetzt wird, nicht im Zusammenhang entwickelt oder auch nur formuliert werden.

Roscher bildet zu Hegel weniger einen Gegensatz als eine Rückbildung: Die Hegelsche Metaphysik und die Herrschaft der Spekulation über die Geschichte ist bei ihm verschwunden, ihre glänzenden metaphysischen Konstruktionen sind ersetzt durch eine ziemlich primitive Form schlichter religiöser Gläubigkeit. Dabei machen wir aber die Beobachtung, daß damit Hand in Hand immerhin ein Gesundungsprozeß, man kann geradezu sagen: ein Fortschritt in der Unbefangenheit oder, wie man es jetzt ungeschickt nennt, „Voraussetzungslosigkeit“ der wissenschaftlichen Arbeit geht.67 Möglicherweise Anspielung auf den „Fall Spahn“. Als Folge auf die Berufung des Katholiken Martin Spahn am 17. Oktober 1901 auf den fortan konfessionell gebundenen Lehrstuhl für Mittelalterliche und Neuere Geschichte an die Universität Straßburg – gegen den Willen der Fakultät veranlaßt durch Friedrich Althoff – traten protestantische Professoren für die Autonomie der Universität und die akademische Freiheit ein. Öffentlichkeitswirksam trat Theodor Mommsen für eine „voraussetzungslose Forschung“ ein (vgl. Mommsen, Theodor, Universitätsunterricht und Konfession, in: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 54, Nr. 530 vom 15. Nov. 1901, S. 1) und bezeichnete die „Voraussetzungslosigkeit“ als „ideale[s] Ziel“ (Mommsen, Universitätsunterricht und Konfession, in: ebd., Jg. 54, Nr. 546 vom 24. Nov. 1901, S. 1). Eine Einmi[101]schung Webers ist nicht belegt. Am 18. April 1902 teilt er seiner Gattin aus Vercelli mit, daß „Spahn“ Thema eines Gesprächs mit dem befreundeten katholischen Priester Pietro Pisani gewesen sei. Vgl. Brief von Max Weber an Marianne Weber vom 18. April 1902, MWG II/3, S. 840–842, hier S. 841. Wenn es Roscher nicht gelang, seinen Weg von [101]Hegel fort bis zu Ende zu verfolgen, so ist daran im wesentlichen der Umstand schuld, daß er das logische Problem der Beziehungen zwischen Begriff und Begriffenem nicht so in seiner methodischen Tragweite erkannt hatte, wie Hegel.w[101] In A folgt: (Ein zweiter Aufsatz folgt.)68 Unten, S. 240–327, 328–379.