Wissenschaft als Beruf 1917/1919
(in: MWG I/17, hg. von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Birgitt Morgenbrod)
Bände

[49]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

„Wissenschaft als Beruf“ ist aus einem Vortrag hervorgegangen, den Max Weber im Rahmen einer Vortragsreihe mit dem Titel „Geistige Arbeit als Beruf“ am 7. November 1917 in München hielt.1[49] Zur Frage der Datierung siehe die Einleitung, oben, S. 43–46. Diese wurde vom „Freistudentischen Bund. Landesverband Bayern“ veranstaltet.

Die Freistudentische Bewegung2Vgl. zum Folgenden u. a.: Freistudententum. Versuch einer Synthese der freistudentischen Ideen, hg. von Hermann Kranold in Verbindung mit Karl Landauer und Hans Reichenbach. – München: Max Steinebach 1913; Kranold, Hermann, Die Freie Studentenschaft in Vergangenheit und Zukunft. Vortrag, gehalten vor der Münchner Freien Studentenschaft im Oktober 1913. – München: Georg C. Steinicke 1914; Birnbaum Immanuel, Idee und Form der Freien Studentenschaft, in: Die Hochschule. Blätter für akademisches Leben und studentische Arbeit, Nr. 8, Nov. 1918, S. 321–325; Mahrholz, Werner, Geschichtliche Stellung der Freistudentenschaft, in: Das akademische Deutschland, Band 2. – Berlin: C. A. Weller 1931, S. 593–599; Ssymank, Paul, Geschichtlicher Verlauf der freistudentischen Bewegung, ebd., S. 599–600; Schwarz, Jürgen, Studenten in der Weimarer Republik. Die deutsche Studentenschaft in der Zeit von 1918–1923 und ihre Stellung zur Politik. – Berlin: Duncker & Humblot 1971, S. 147–152; Linse, Ulrich, Hochschulrevolution. Zur Ideologie und Praxis sozialistischer Studentengruppen während der deutschen Revolutionszeit 1918/19, in: Archiv für Sozialgeschichte, Band 14, 1974, S. 1–114; sowie Müller, Hans-Harald, Intellektueller Linksradikalismus in der Weimarer Republik. Seine Entstehung, Geschichte und Literatur – dargestellt am Beispiel der Berliner Gründergruppe der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands. – Kronberg/Taunus: Scriptor Verlag 1977, S. 24–38. war gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die tiefgreifende Veränderung des deutschen Hochschulwesens entstanden. Eine Begleiterscheinung des Wandels der Universitäten von relativ kleinen, überschaubaren Gebilden zu stark spezialisierten, technisierten Großbetrieben mit stetig wachsenden Studentenzahlen bestand darin, daß sich neben den traditionellen studentischen Korporationen verschiedener Art und Färbung, teilweise in Frontstellung gegen sie, an zahlreichen Universitäten sog. „freie“ Studentenschaften bildeten. Diese „Freistudenten“ schlossen sich im Jahr 1900 zu einem Gesamtverband, der „Deutschen Freien Studentenschaft“, zusammen und erhoben den Anspruch, alle nichtkorporierten Studenten zu vertreten. Ihr Ziel war es, die [50]Übermacht der Korporationen zu brechen und – wie es auf dem Weimarer Freistudententag von 1906 formuliert wurde – „die Einigung der Gesamtstudentenschaft zu einer in sich geschlossenen, selbständigen Körperschaft“ zu erreichen.3[50] Zitiert nach Ssymank, Verlauf, S. 600. Daneben bemühte sich die Freistudentische Bewegung vor allem um die Besserung der schlechten sozialen Lage vieler Studenten sowie um eine Erweiterung des geistigen Horizonts der Studenten über das eigentliche Universitätsstudium hinaus. So richteten die Freistudenten an zahlreichen Universitäten „wissenschaftliche Abteilungen“ ein, in denen Vorträge gehalten wurden, die über den engen Rahmen der „Berufsausbildung“ hinauswiesen. Ferner veranstalteten sie sog. „studentische Arbeiter-Unterrichtskurse“, um die Verbindung zwischen Arbeitern und Akademikern zu fördern.4Vgl. dazu Müller, Intellektueller Linksradikalismus, S. 30. Um die Jahrhundertwende setzte eine Debatte über die theoretische Fundamentierung des Freistudententums ein.5Vgl. dazu Kranold, Hermann, Der Werdegang des Freistudententums, in: Freistudententum, S. 17. Im Jahre 1907 legte Felix Behrend ein hochschulpolitisches Programm über Inhalte und Ziele der Freistudentischen Bewegung vor.6Behrend, Felix, Der freistudentische Ideenkreis. Programmatische Erklärungen, hg. im Auftrage der Deutschen Freien Studentenschaft. – München: Bavaria-Verlag 1907. Unter Rückgriff auf das Humboldtsche Prinzip der Einheit und Freiheit der Wissenschaft wandte sich Behrend gegen die zunehmende Anpassung der Universitäten an die Erfordernisse der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und warnte vor den Gefahren eines reinen „Brotstudiums“, das schließlich nur in „Philistertum“ einmünden könne. Bei aller Anerkennung wissenschaftlicher Einzelleistungen kritisierte er das um sich greifende Phänomen des „Spezialistentums“, das den Einzelnen nötige, „sich nur mit einem kleinen Rest der Wissenschaft zu begnügen.“ Vielmehr müsse sich der Blick auf die „allgemeinen Prinzipienfragen der Wissenschaft“ sowie auf die „Fragen nach der Grundlage der Kultur“ richten.7 Ebd., S. 8ff.

Im Zuge dieser Programmdiskussion wuchs der Widerstand der Hochschulverwaltungen gegen die Ziele der Freistudentischen Bewegung. Ebenso geriet ihr Anspruch, die Gesamtheit aller „freien“ Studenten, also alle Nichtkorporierten, zu vertreten, unter Beschuß.8Vgl. dazu Kranold, Freie Studentenschaft, S. 21ff., sowie Müller, Intellektueller Linksradikalismus, S. 29f. Auch bei den Freistudenten bildete sich allmählich eine Richtung heraus, die das sog. „Vertretungsprinzip“ aufzugeben bereit war und die Freie Studentenschaft als eine [51]Art „akademische Aktionspartei“ mit festumrissenen Zielen konstituieren wollte.9[51] Vgl. dazu Müller, Intellektueller Linksradikalismus, S. 31. Zu den Wortführern dieser „progressiven“ Richtung zählten Alexander Schwab, Walter Benjamin, Hans Reichenbach, Hermann Kranold, Karl Landauer und Immanuel Birnbaum.10Ebd., S. 122, Anm. 121. Sie beklagten, daß die Hochschule „nicht Menschen mit abgerundeter, selbständiger Weltanschauung“ erziehe, sondern „Fachmenschen“ züchte, „die meist wenig Verständnis für diejenigen Kulturfragen besitzen, die außerhalb des engen Kreises ihrer Berufspflichten liegen.“11Landauer, Karl, Die Verwirklichung der freistudentischen Idee im Rahmen der Gegenwartskultur, in: Freistudententum, S. 44. Vor allem Schwab, Benjamin und Reichenbach waren dabei von den Erziehungsvorstellungen der deutschen Jugendbewegung beeinflußt, wie sie insbesondere von dem Schulreformer Gustav Wyneken entwickelt wurden.12Vgl. dazu Müller, Intellektueller Linksradikalismus, S. 122, Anm. 121. Vgl. dazu auch Götz von Olenhusen, Irmtraud und Albrecht, Walter Benjamin, Gustav Wyneken und die Freistudenten vor dem Ersten Weltkrieg, in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung, Jg. 13, 1981, S. 99–128. Ausgehend von Wynekens Gemeinschafts- und Führerideal forderte Hans Reichenbach die geistige „Eroberung der Hochschule“: „Der Gegensatz von Professor und Schüler darf nicht länger bestehen bleiben und muß dem Freundschaftsverhältnis des Führers zu seinen jugendlichen Kameraden Platz machen“.13Reichenbach, Hans, Der Sinn der Hochschulreform, in: Reichenbach, Hans; Schwab, Alexander; Birnbaum, Immanuel; Kaiser, Joachim, Studentenschaft und Jugendbewegung, hg. vom Vorort der Deutschen Freien Studentenschaft. – München: Max Steinebach 1914 , S. 11. Ziel einer solchen Gemeinschaft, der „das gemeinsame Arbeiten an der Wissenschaft zum Inhalt des Lebens wird“, solle das „Erleben der Wissenschaft“ sein, denn nur „aus dem menschlichen Erleben“, aus dem „letzten unmittelbaren Empfinden“ könne eine Bejahung und Verwirklichung „geistiger Werte“ erfolgen.14Ebd., S. 8ff.

Der Protest gegen die Hochschule als eine Stätte reiner Berufsausbildung mündete bei Alexander Schwab, einem der führenden Mitglieder des Kreises der Freistudenten um Gustav Wyneken,15Eine Kurzbiographie Alexander Schwabs (1887–1943), der nach seinem Studium zeitweise an der von Gustav Wyneken mitbegründeten „Freien Schulgemeinde Wickersdorf“ als Lehrer tätig gewesen war, findet sich bei Linse, Ulrich, Entschiedene Jugend 1919–1921. Deutschlands erste revolutionäre Schüler- und Studentenbewegung. – Frankfurt a.M.: dipa-Verlag 1981, S. 261–264, eine Schilderung seiner „geistigen und politischen Entwicklung“ bei Müller, Intellektueller Linksradikalismus, S. 24–58. in eine Kritik des „Berufsgedankens“ überhaupt. Höchstwahrscheinlich war er der Autor des [52]Aufsatzes „Beruf und Jugend“, der unter dem Pseudonym Franz Xaver Schwab16[52] Alexander Schwab publizierte einige seiner Artikel unter wechselnden Pseudonymen, siehe dazu das „Verzeichnis der Schriften Alexander Schwabs aus den Jahren 1911–1921“ bei Müller, Intellektueller Linksradikalismus, S. 163–165, wo auch dieser Aufsatz aufgeführt ist. Zur Auflösung des Pseudonyms siehe auch Birnbaum, Immanuel, Achtzig Jahre dabei gewesen. Erinnerungen eines Journalisten. – München: Süddeutscher Verlag 1974, S. 79; die Briefe Immanuel Birnbaums an Johannes Winckelmann vom 14. Dez. 1961 und 15. Juli 1970, Max Weber-Archiv, München; sowie Äußerungen Immanuel Birnbaums in einem Gespräch mit Horst J. Helle am 3. März 1982, Protokoll, S. 6, ebd. Mitte Mai 1917 in der von René Schickele herausgegebenen Monatsschrift „Die weißen Blätter“ erschien.17 Schwab, Franz Xaver, Beruf und Jugend, in: Die weißen Blätter, 4. Jg., Heft 5, Mai 1917, S. 97–113. In derselben Zeitschrift publizierten auch Eduard Bernstein, Ernst Bloch und Kurt Hiller. Dieser Aufsatz enthielt einen frontalen Angriff auf die Erziehungs- und Bildungsauffassungen der Freistudenten18 Schwab, Beruf, S. 106. und auch anderer Gruppen der deutschen Jugendbewegung, wie etwa des „Wandervogels“ oder des Kreises um Gustav Wyneken.19Ebd., S. 105. Schwabs Angriff richtete sich darüber hinaus auch gegen die Deutsche Akademische Freischar, den Deutschen Bund abstinenter Studenten sowie den Bund für freie Schulgemeinden. Diese Gruppen hatten sich 1913 zur Freideutschen Jugend zusammengeschlossen. Vgl. dazu: Freideutsche Jugend. Zur Jahrhundertfeier auf dem Hohen Meißner 1913. – Jena: Eugen Diederichs 1913. Gustav Wyneken war mit seiner Anhängerschaft bereits 1914 aus dieser Bewegung wieder ausgeschieden, jedoch gab es 1917 eine Wiederannäherung. Vgl. dazu u. a. Kupffer, Heinrich, Gustav Wyneken. – Stuttgart: Ernst Klett 1970, S. 96–106. Zwischen den Freistudenten und den akademischen Organisationen der Freideutschen, wie etwa der Akademischen Freischar, bestanden sowohl organisatorische als auch inhaltliche Unterschiede. Die Freischar besaß eine enge, den Korporationen ähnliche Gemeinschaftsform und stand der wissenschaftlichen Bildungsarbeit der Freistudenten, die sie letztlich als Fortsetzung des auf den Hochschulen geförderten „Intellektualismus“ ansah, kritisch gegenüber. Siehe dazu Birnbaum, Immanuel, Die akademischen Organisationen der Meissnerbewegung, in: Studentenschaft und Jugendbewegung. S. 47–55. Zwischen den verschiedenen Bewegungen gab es freilich auch viele Berührungspunkte und Überschneidungen, so daß sich die Grenzen zwischen ihnen, insbesondere mit dem Fortgang des Krieges, verwischten. Ferner bezog Schwab „alle bürgerlichen Lebensreformer“, zu denen er explizit auch den Kreis um den Dichter Stefan George zählte, in seine harsche Kritik mit ein.20Schwab, Beruf, S. 104. Alle diese Bewegungen hätten, so verdienstvoll ihre Erziehungs- und Bildungsarbeit auch ansonsten sein möge, ein zentrales Problem des „westeuropäisch-amerikanischen Menschentums“21Ebd., S. 97. bisher nicht hinreichend berücksichtigt: die „drohende Gewalt“,22Ebd., S. 105. die vom Beruf auf das „Heil“, auf die Integrität insbesondere der jungen Menschenseele ausgehe. Denn der Beruf sei ein Moloch, ein „verderbendes Ungeheuer, [53]das im Kerne unserer Welt hockt und nach allem, was jung ist, seine ansaugenden Fangarme streckt“.23[53] Ebd. Schwab stellte den „vollendeten Zustand“ der griechischen Welt24Ebd., S. 106f. der „modernen Perversität“25Ebd., S. 110. der westeuropäisch-amerikanischen bürgerlichen Welt gegenüber. Bei den Griechen sei die Erwerbstätigkeit trotz ihres Strebens nach einer rationellen Wirtschaft letztlich ein bloßes Mittel zum Zweck des guten Lebens geblieben, und dies habe einen harmonischen Spannungsausgleich zwischen dem leiblichen und dem geistigen Pol des menschlichen Lebens möglich gemacht. Heute dagegen werde die Erwerbstätigkeit zum Selbstzweck und damit erst zum Beruf im eigentlichen Sinn des Wortes gestempelt, und dies entferne unsere Welt „unsäglich weit“ nicht nur von der griechischen, sondern auch von jener zukünftigen „Periode der Erfüllung, da von neuem in schöner Mitte die ungeheure Spannung zwischen Leben und Idee vollkommne leiblich-geistige Gestalten zeugt zu unermeßlicher Fülle.“26Ebd., S. 112. Wolle man aber dieser „modernen Perversität“, aus der Not der Erwerbstätigkeit eine Tugend der Lebensführung zu machen, entkommen, so müsse man zunächst den Berufsgedanken radikal kritisieren, also damit aufhören, „die Nahrungssuche zu idealisieren und aus dem Kampf um Erwerb und Besitz sich ein Maß für Menschenwert zu erlügen.“27Ebd., S. 111. Es dürfe nicht länger als vornehm gelten, sich mit der Seele am Beruf zu beteiligen; Erfolg im Beruf solle „nicht mehr eine Ehre, sondern nur eben ein Erfolg […] und manchmal auch eine Schande“ sein.28Ebd., S. 113.

Schwabs provokante Thesen erregten bei seinen alten Freunden in der Freistudentischen Bewegung einiges Aufsehen. Der „Freistudentische Bund. Landesverband Bayern“ – die Organisation ehemaliger Freistudenten –29Vgl. dazu: Philipp Löwenfeld, in: Jüdisches Leben in Deutschland, Band 2: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte im Kaiserreich, hg. von Monika Richarz. – Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1979, S. 316f. , dessen Führungsgremium unter anderen Immanuel Birnbaum und Karl Landauer angehörten, beschloß daraufhin, eine Vortragsreihe zu den aufgeworfenen Fragen in München zu veranstalten.30Vgl. dazu Birnbaum, Achtzig Jahre, S. 79; die Briefe Immanuel Birnbaums an Johannes Winckelmann vom 14. Dez. 1961 und 15. Juli 1970, Max Weber-Archiv, München; Äußerungen Immanuel Birnbaums in einem Gespräch mit Horst J. Helle am 3. März 1982, Protokoll, S. 6, ebd. Plan und Durchführung dieser Veranstaltungen dürften unter anderem durch zwei Thesen Schwabs beeinflußt worden sein. Dieser hatte behauptet, die Wiederherstellung des durch die moderne bürgerliche Welt zerstörten natürlichen [54]Verhältnisses von Leben und Geist sei dort besonders schwer, wo „Gelderwerb und geistiges Tun eins ins andre übergehen, eins das andre vortäuschen“ , also geistige Arbeit zum Beruf gemacht werde. Das sei gerade bei Künstlern, Gelehrten, Ärzten, Richtern, Staatsbeamten und Lehrern der Fall. Vor allem komme es hier darauf an, jeder Idealisierung und sittlichen Verklärung der Erwerbstätigkeit entgegenzuwirken und darzutun, „daß alle sie zuerst gelderwerbende Menschen sind, ja daß von vornherein zu vermuten ist, sie seien nur gelderwerbende Menschen.“31[54] Schwab, Beruf, S. 111–112. Ferner hatte Schwab die Behauptung aufgestellt, „die einzigen Menschen unserer Zeit, die an sichtbarer Stelle Wichtiges über den Beruf geäußert“ hätten, seien „die Brüder Max und Alfred Weber in Heidelberg“ gewesen.32Ebd., S. 104. Mit dieser Bemerkung spielte er vermutlich auf Max Webers Aufsatzfolge „Die protestantische Ethik und der ,Geist‘ des Kapitalismus“33Die erste Fassung ist erschienen in: AfSS, Band 20, 1904, S. 1–54; Band 21, 1905, S. 1–110 (MWG I/9). Die zweite Fassung ist erschienen in: Weber, Max, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band 1. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1920, S. 17–206 (MWG I/18). Max Weber hatte in diesen Studien ja nicht nur die Genese des „bürgerlich-beruflichen Pflichtgefühls“ verfolgt, sondern auch am Ende von jenen Fachmenschen ohne Geist und Genußmenschen ohne Herz gesprochen, die es sich im Gehäuse der modernen bürgerlichen Welt bequem gemacht hätten, eine Bemerkung, die Schwab, angesichts seiner eigenen Analyse, besonders angesprochen haben dürfte. und auf Alfred Webers Überlegungen zum zeitgenössischen deutschen Kulturtypus an.34Schwabs Analyse verdankt vermutlich Alfred Weber mehr. Dieser hatte sich in seinen Arbeiten wiederholt mit der Wirkung des „Berufs“ auf das Lebensschicksal des Einzelnen befaßt. In einem explizit an Studenten gerichteten Aufsatz hatte er in diesem Zusammenhang die These aufgestellt, daß „der moderne Bureaukratenstaat“ die Bildung zu einer „banalen Erwerbsfunktion […] degradiert“ habe und daß somit der „Blick auf die Höhenzüge des eigentlichen Gebildetwerdens versperrt“ worden sei. Vgl. Weber, Alfred, Der Kulturtypus und seine Wandlung, in: Heidelberger Akademischer Almanach für das Winter-Semester 1909/10, hg. vom Ausschuß der Heidelberger Freien Studentenschaft. – Heidelberg: Verlag der Herausgeber 1909, S. 53–61, Zitat S. 53.

Der bayerische Landesverband des Freistudentischen Bundes gab der Vortragsreihe folgerichtig den Titel „Geistige Arbeit als Beruf“. Wie die Ausführungen Schwabs es nahelegten, waren als Berufe der des Gelehrten, des Künstlers und des Erziehers, dann aber auch, über dessen Liste hinausgehend bzw. sie modifizierend, der des Politikers im Gespräch. Möglicherweise ist darüber hinaus auch ein Vortrag über „Priester als Beruf“ (resp. „Priestertum als Beruf“) oder „Religion als Beruf“ ins Auge gefaßt worden.35Vgl. die Bemerkung Birnbaums in dem Gespräch mit Horst J. Helle am 3. März 1982, Protokoll, S. 3, Max Weber-Archiv, München; den Brief Immanuel Birnbaums an Johannes Winckelmann vom 15. Juli 1970, ebd.; sowie Birnbaum, Immanuel, Politik als Beruf. Vor [55]60 Jahren hielt Max Weber seinen berühmten Vortrag, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 231 vom 6./7. Okt. 1979. Birnbaums Erinnerung zufolge war als Redner der Jesuitenpater Peter Lippert vorgesehen, der bei den Freistudenten offensichtlich einiges Ansehen genoß. So sollte Lippert, wie aus einer kurzen Notiz der Münchner Akademischen Rundschau, Jg. 7, Heft 13, Mai 1914, S. 230, hervorgeht, im Sommersemester 1914 in einer von der Münchener Freien Studentenschaft organisierten Vortragsreihe „Die akademischen Berufe“ über den „Priesterberuf“ referieren. In den überlieferten Dokumenten findet sich jedoch kein Beleg dafür, daß Lippert im Rahmen der Reihe „Geistige Arbeit als Beruf“ tatsächlich einen Vortrag gehalten hat. Dabei sollten bekannte Persönlichkeiten „Sachverständi[55]gengutachten“ darüber abgeben, ob es bei geistiger Arbeit unter heutigen Bedingungen möglich sei, von ihr und für sie zu leben.36Vgl. das „Nachwort“ Immanuel Birnbaums zu „Wissenschaft als Beruf“, abgedruckt unten, S. 65. Als die Vortragsreihe am 7. November 1917 begann, sollte sie jedenfalls vier Vorträge umfassen. Festgelegt waren zu diesem Zeitpunkt „Wissenschaft als Beruf“, „Kunst als Beruf“ und „Erziehung als Beruf“.37Vgl. dazu den Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten, Nr. 567 vom 9. Nov. 1917, Mo.BI., S. 3, abgedruckt unten, S. 59 f. Ob als weiterer Vortrag bereits „Politik als Beruf“ feststand, ist nicht sicher.38Vgl. dazu den Editorischen Bericht zu „Politik als Beruf“, unten, S. 114, Anm. 7.

„Wissenschaft als Beruf“ sollte von Max Weber behandelt werden, den Schwab ja, zusammen mit Alfred Weber, als den Experten für eine kritische Analyse von geistiger Arbeit als Beruf genannt hatte. Für „Erziehung als Beruf“ war der Pädagoge Georg Kerschensteiner vorgesehen. Max Weber hat sich sehr befriedigt darüber geäußert, daß die Wahl der Freistudenten dabei nicht auf Gustav Wyneken fiel, den er ablehnte, unter anderem, weil er ihn für einen „Demagogen der Jugend“ hielt.39Brief Frithjof Noacks an Marianne Weber vom 26. Okt. 1924, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Für „Kunst als Beruf“ wurde anfänglich der Kunsthistoriker Wilhelm Hausenstein genannt. Wer den vierten Vortrag übernehmen sollte, blieb vermutlich zunächst offen.

Die Vorbereitung der Vortragsreihe übernahm Immanuel Birnbaum, der die Verhandlungen mit den Vortragenden führte. Nach Studienaufenthalten in Freiburg und Königsberg war er zum Sommersemester 1913 nach München gekommen und spielte in der Münchener Freistudentenschaft bald eine führende Rolle. Birnbaum hatte über den Freistudentischen Bund hinaus viele, vor allem politische Kontakte in München, da er als Redakteur bei der von Heinrich von Frauendorfer und Edgar Jaffé herausgegebenen „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung“, im Archiv der Münchener Handelshochschule sowie als ehrenamtlicher Sekretär der „Münchener Politischen Gesellschaft“, eines Diskussionsclubs des liberalen Bürgertums, tätig war und seit Herbst 1917 der SPD angehörte.40Birnbaum, Achtzig Jahre, S. 45ff.

[56]Die Vortragsreihe sollte ursprünglich im Wintersemester 1917/18 stattfinden. Doch erwies sich ihre Organisation als sehr mühsam. Zum einen erließ die Münchener Ortskohlenstelle wegen des katastrophalen Mangels an Heizmaterial für den Winter 1917/18 ein „strenges Vortragsverbot“, weshalb Birnbaum mit dem Abschluß der Vortragsreihe nicht vor dem Sommer 1918 rechnete.41[56] Brief Immanuel Birnbaums an Max Weber vom 26. Nov. 1917, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Zum anderen hatte er erhebliche Mühe, die ins Auge gefaßten Redner tatsächlich zu gewinnen. Recht gut ist dies im Fall Georg Kerschensteiners dokumentiert. Dieser hatte sich im Oktober 1917 grundsätzlich bereit erklärt, den Vortrag „Erziehung als Beruf“ zu übernehmen, jedoch unter der Bedingung, daß man „in einem späteren Jahr rechtzeitig“ auf ihn zukomme,42Stenographisches Konzept eines Antwortbriefes Georg Kerschensteiners an Immanuel Birnbaum auf der Rückseite eines Briefes Birnbaums an Kerschensteiner vom 13. Okt. 1917, Münchner Stadtbibliothek, Handschriften-Abteilung, Archiv Kerschensteiner. was Birnbaum auch akzeptierte.43Brief Immanuel Birnbaums an Georg Kerschensteiner vom 25. Okt. 1917, ebd. Als Immanuel Birnbaum ihn im September 1918 an diese Absprache erinnerte,44Brief Immanuel Birnbaums an Georg Kerschensteiner vom 29. Sept. 1918, ebd. willigte Kerschensteiner ein, sofern er „nicht vor Januar sprechen“ müsse.45Stenographisches Konzept eines Antwortbriefes Georg Kerschensteiners an Immanuel Birnbaum auf der Rückseite des in Anm. 44 genannten Briefes, ebd. Birnbaum kam Ende 1918 auf dieses Angebot zurück und ersuchte Kerschensteiner, den Vortrag „Erziehung als Beruf“ in der dritten Januarwoche 1919 zu halten,46Brief Immanuel Birnbaums an Georg Kerschensteiner, undat. [Ende 1918], ebd. worauf Kerschensteiner „infolge der bergehohen Arbeit, die die Demobilisierung und der Umsturz mit sich brachten“, erneut um Aufschub bis „März, April oder Mai“ 1919 bat.47Stenographisches Konzept eines Antwortbriefes Georg Kerschensteiners an Immanuel Birnbaum auf der Rückseite des in Anm. 46 genannten Briefes, ebd. Im März 1919 sagte Kerschensteiner den Vortrag schließlich für „nach Ostern“ zu,48Stenographisches Konzept eines Antwortschreibens Georg Kerschensteiners an Immanuel Birnbaum auf der Rückseite eines Briefes Birnbaums an Kerschensteiner von „März 1919“, ebd. und er schrieb dann auch ein umfangreiches Manuskript über „Erziehung als Beruf“.49Das Manuskript befindet sich ebd. Ob Kerschensteiner den Vortrag aber auch tatsächlich vor den Münchener Studenten gehalten hat, ist fraglich, da es keinerlei Belege dafür gibt.50Kerschensteiner hat sein Manuskript noch im Jahre 1919 ausgearbeitet und dann zunächst unter dem Titel: „Die seelische Veranlagung zum Erzieher- und Lehrerberuf“ sowohl als eigenständige Broschüre als auch im „Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitsfürsorge“, 20. Jg., 1919, S. 161–193, veröffentlicht. Später bildeten die im Manuskript „Erziehung als Beruf“ niedergelegten Gedanken die Basis für [57]eines der Hauptwerke Kerschensteiners: „Die Seele des Erziehers und das Problem der Lehrerbildung“. – Leipzig/Berlin: B. G. Teubner 1921, siehe dort insbesondere das Vorwort Kerschensteiners, S. IVf. Auch ob der Vortrag [57]„Kunst als Beruf“ zustande kam, ist ungewiß. Nachdem zunächst von November 1917 bis Sommer 1918 Wilhelm Hausenstein im Gespräch gewesen war,51Siehe unten, S. 60 und S. 62. gab Birnbaum im September 1918 den Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin als Redner an.52Brief Immanuel Birnbaums an Georg Kerschensteiner vom 29. Sept. 1918, Münchner Stadtbibliothek, Handschriften-Abteilung, Archiv Kerschensteiner. Ende 1918 hatte sich auch dieser Plan zerschlagen; nunmehr wurde der Dichter Wilhelm Schäfer als Redner für „Kunst als Beruf“ genannt und sein Vortrag für Anfang 1919 angekündigt.53Brief Immanuel Birnbaums an Georg Kerschensteiner, undat. [Ende 1918], ebd. Jedoch bat Schäfer den Freistudentischen Bund im Januar 1919 um einen Aufschub.54Dies geht aus einem Brief Immanuel Birnbaums an den Verlag Duncker & Humblot vom 30. Jan. 1919 hervor, Verlagsarchiv Duncker & Humblot, Privatbesitz. Wie bei „Erziehung als Beruf“ fehlt auch hier jedes weitere Zeugnis.

Wann Mitglieder des Freistudentischen Bundes zum ersten Mal an Max Weber mit der Bitte herantraten, im Rahmen der Reihe „Geistige Arbeit als Beruf“ zu sprechen, ist nicht genau zu ermitteln. Nach Schwabs Hinweis lag der Wunsch, Max Weber zu gewinnen, ja nahe. Verstärkt worden sein könnte er während der von dem Jenaer Verleger Eugen Diederichs veranstalteten Kulturtagungen auf der Burg Lauenstein in Thüringen. Diese Tagungen standen unter den Themen „Sinn und Aufgabe unserer Zeit“ sowie „Das Führerproblem im Staate und in der Kultur“ und fanden vom 29. bis zum 31. Mai und vom 29. September bis zum 3. Oktober 1917 statt.55Siehe dazu die Editorischen Berichte zu Max Webers „Vorträgen während der Lauensteiner Kulturtagungen“, in: MWG I/15, S. 701–704, sowie in der Studienausgabe zur MWG, MWS I/15, S. 402f. Auf der ersten Lauensteiner Tagung hatte Weber am 30. Mai über „Geistesaristokratie und Parlamentarismus“ gesprochen. Anders als sein Vorredner, der Schriftsteller Max Maurenbrecher, der sich gegen den Parlamentarismus und für die Überwindung „kapitalistischer Mechanisierung“ durch einen idealistischen Staat unter der Führung einer „Partei der Geistigen“ einsetzte, plädierte Weber dafür, aus der Tatsache dieser Mechanisierung die nüchterne Konsequenz eines „reinen Parlamentarismus“ zu ziehen.56Zu Webers Ausführungen siehe das von Wolfgang Schumann angefertigte Protokoll „Darstellung der Haupttendenzen, welche auf der Lauensteiner Tagung der Vaterländischen Gesellschaft zu Tage traten“, S. 3–4, Verlagsarchiv Eugen Diederichs, Privatbesitz (MWG I/15, S. 706f.). Auf der zweiten Lauensteiner Tagung, die als „Weiterführung resp. Ver[58]sachlichung der ersten Aussprache“ gedacht war,57[58] Siehe die Einladung zur zweiten Lauensteiner Tagung im ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 10. hielt Weber am 29. September den Eröffnungsvortrag über „Die Persönlichkeit und die Lebensordnungen“.58Zum Titel dieses Vortrags siehe die Ausführungen in der Studienausgabe zur MWG, MWS I/15, S. 402f. Wie man den äußerst spärlichen Eintragungen im Tagebuch von Ferdinand Tönnies entnehmen kann,59Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Nl. Ferdinand Tönnies, Cb. 54.11:15 (MWG I/15, S. 707). muß Weber zunächst über seine Typologie der Herrschaft und über die Auslese der führenden Persönlichkeiten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen gesprochen haben, also darüber, wie Lebensordnungen Persönlichkeiten prägen und umgekehrt. Nach der Notiz von Tönnies vom 1. Oktober standen dann das religiöse Problem und das Verhältnis von Glauben und Wissen zur Debatte, an der sich auch Max Weber beteiligte. Aus allen Berichten über diese Tagungen geht hervor, daß Weber sowohl durch seine Ausführungen als auch vor allem durch seine Persönlichkeit die Jüngeren tief beeindruckte. „Die Jugend klammert sich an Max Weber“, so schrieb Ernst Toller später über die Tage auf Burg Lauenstein, „seine Persönlichkeit, seine intellektuelle Rechtschaffenheit zieht sie an.“60Toller, Ernst, Eine Jugend in Deutschland, in: Ernst Toller. Gesammelte Werke, Band 4. – München: Hanser 1978, S. 78. Zumindest an einer dieser Tagungen nahm auch der Literaturhistoriker Werner Mahrholz, ein führendes Mitglied des Freistudentischen Bundes in München, teil.61Mahrholz’ Anwesenheit ist zumindest bei der ersten Lauensteiner Tagung im Mai 1917 aus der Teilnehmerliste, ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 10, nachgewiesen.

Webers Beiträge zur zweiten Lauensteiner Tagung behandelten also Themen, die sich mit denen der geplanten Reihe „Geistige Arbeit als Beruf“ berührten. Es ist danach nicht verwunderlich, daß Weber die Einladung, im Rahmen dieser Reihe zu sprechen, sogleich akzeptierte, wobei er, wie Immanuel Birnbaum sich später erinnerte, „Wissenschaft als Beruf“ „spontan übernommen“62Brief Immanuel Birnbaums an Johannes Winckelmann vom 15. Juli 1970, Max Weber-Archiv, München. hat, da ihm dieses Thema „selbst am Herzen“ lag.63Siehe Birnbaum, Immanuel, Erinnerungen an Max Weber, in: Max Weber zum Gedächtnis, hg. von René König und Johannes Winckelmann, 2. Aufl. – Köln/Opladen: Westdeutscher Verlag 1985, S. 20. Birnbaum, dessen persönliche Bekanntschaft mit Weber auf eine Begegnung im Salon des Münchener Nationalökonomen Lujo Brentano zurückgehen dürfte,64Birnbaum, Achtzig Jahre, S. 60ff. hat Webers Zusage spätestens am 25. Oktober 1917 vorgele[59]gen.65[59] Dies geht aus einem Brief Immanuel Birnbaums an Georg Kerschensteiner vom 25. Okt. 1917, Münchner Stadtbibliothek, Handschriften-Abteilung, Archiv Kerschensteiner, eindeutig hervor. Möglicherweise ist diese Absprache etwa am 20. Oktober in München erfolgt, wo sich Weber auf seiner Reise nach Wien kurz aufhielt.66Brief Else Jaffés an Alfred Weber vom 22. Okt. [1917], BA Koblenz, Nl. Alfred Weber, Band 77. Weber dürfte die Entscheidung, „Wissenschaft als Beruf“ Anfang November 1917 zu halten, dann unter dem Gesichtspunkt getroffen haben, daß er zur Teilnahme an einer vom Sozialdemokraten Wolfgang Heine organisierten überparteilichen Massenveranstaltung am 5. November 191767Max Weber hielt dort eine Rede „Gegen die alldeutsche Gefahr“, über die verschiedene Münchener Tageszeitungen, u. a. die Münchner Neuesten Nachrichten, Nr. 562 vom 6. Nov. 1917, S. 2, ausführlich berichteten (MWG I/15, S. 720–732). ohnedies in München sein würde. Es wurde zunächst Dienstag, der 6. November 1917, vereinbart.68Brief Max Webers an Martha Riegel vom 3. Nov. 1917 (Abschrift Marianne Weber, handschriftlich), ZStA Merseburg, Rep. 92, Nl. Max Weber, Nr. 30/8. Darin heißt es: „Ich rede Montag abend in den ,Wagner-Sälen‘ und Dienstag abend bei Studenten in München.“ Die Verlegung auf Mittwoch, den 7. November 1917, erfolgte sehr kurzfristig, und zwar erst während Webers Aufenthalt in München.69Postkarte Max Webers an Mina Tobler, undat. [Pst.: München, 7. Nov. 1917], Privatbesitz. Dort heißt es: „Die Jungens haben die Versammlung auf heut Abend verschoben“. Dies erklärt, warum der Vortrag in den Münchner Neuesten Nachrichten sehr spät, nämlich in der Abendausgabe vom 7. November 1917, angekündigt wurde. Dort heißt es:

„Univ.-Prof. Dr. Max Weber (Heidelberg) spricht heute abend 8 Uhr auf Einladung des Freistudentischen Bundes im Steinickesaal über ‚Wissenschaft als Beruf‘. Karten an der Abendkasse.“70Münchner Neueste Nachrichten, Nr. 564 vom 7. Nov. 1917, Ab. Bl., S. 2.

Zwei Tage später brachten die Münchner Neuesten Nachrichten eine knappe Zusammenfassung der Rede Max Webers:

Geistige Arbeit als Beruf. Man wird zugeben müssen, daß dieses Thema in einer Zeit, in der die körperliche Leistung eine Ausnahmebewertung erfährt, der Erörterung würdig ist. Der Landesverband Bayern des freistudentischen Bundes beabsichtigt denn auch, in vier Vorträgen die Möglichkeit der Verbindung von geistiger Arbeit mit dem Berufsleben darlegen zu lassen.

Die Vortragsreihe eröffnete Universitätsprofessor Dr. Max Weber (Heidelberg) im Kunstsaal Steinicke mit einer Erläuterung des Themas ‚Wissenschaft als Beruf‘. Es war ein ungemein lebendiges, geistreiches, von Anfang bis Ende fesselndes Priva[60]tissimum, es wäre schade, wenn man es geschwänzt hätte. Zuerst wurde besprochen, wie sich die Wissenschaft als Beruf im äußeren Sinne des Wortes gestaltet; dabei war Gelegenheit, eigene Erinnerungen, auch aus dem Betrieb der amerikanischen Universitäten zu verwerten. Der Kreis der Betrachtung erweiterte sich, als der Vortragende auf den inneren Beruf zur Wissenschaft zu sprechen kam. Hier ward viel mehr gegeben, als die Ankündigung besagte, es war ein Stück Lebensphilosophie. Es wurde darauf hingewiesen, daß die tüchtige Leistung heute die spezialistische Leistung sei. Die Leidenschaft, das unbedingte ,Der-Sache-dienen‘ ist die Voraussetzung der wissenschaftlichen Leistung. Eines haben Künstler und Wissenschaftler gemein, den Einfall, die Phantasie, doch die Wissenschaft dient dem Fortschritt, es ist geradezu ihr Sinn, überholt zu werden. Begründete Erläuterung wurde hier dem Begriff ‚voraussetzungslose Wissenschaft‘. Die wissenschaftliche Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts. Die Intellektualisierung bedeutet die Kenntnis der Lebensbedingungen, sie bedeutet den Glauben daran, daß, wenn man etwas wissen möchte, es wissen könnte, bedeutet die Entzauberung der Welt. Was leistet die Wissenschaft fürs Leben? Sie gibt Kenntnisse, Methode des Denkens, Klarheit. Daß die Wissenschaft heute ein Beruf ist, das ist eine geschichtlich gewordene unentrinnbare Logik. Auf die Frage: Was sollen wir nun tun?, gibt die Wissenschaft keine Antwort.

Dem Vortragenden wurde besonderer Dank der sehr zahlreichen Hörerschaft. An den nächsten Abenden werden sprechen Dr. Hausenstein über ‚Kunst als Beruf‘, Dr. Kerschensteiner über ‚Erziehung als Beruf‘.“71[60] Ebd., Nr. 567 vom 9. Nov. 1917, Mo.Bl., S. 3.

Max Weber zeigte sich nach dem Vortrag offensichtlich enttäuscht über die vermeintlich geringe Zahl studentischer Teilnehmer – eine Einschätzung, die Birnbaum in einem Brief an Weber vom 26. November 1917 korrigierte. Darin betonte Birnbaum, daß in dem Zuhörerkreis „Studenten und Studentinnen stärker vertreten“ gewesen seien, als Weber „unter dem Eindruck der Besetzung der vorderen Reihen“ angenommen habe; Birnbaum sprach von „80–100 Studierenden“. Zudem äußerte er sich über die Reaktion der studentischen Zuhörer. Danach waren vor allem Webers Bemerkungen über den an der Universität München lehrenden Pädagogen Friedrich Wilhelm Foerster,72Siehe den Text unten, S. 95f. der durch seine religiös motivierte pazifistische Agitation für erhebliches Aufsehen im Deutschen Reich gesorgt hatte,73Näheres dazu siehe im Editorischen Bericht zu „Politik als Beruf“, unten, S. 115. zu einem Stein des Anstoßes geworden; der Vortrag hatte insgesamt polarisierend gewirkt. In dem Brief heißt es:

„Zu lebhaften Auseinandersetzungen, deren äußerer Ausgangspunkt leider weiter der Fall Foerster war, haben sich an Ihrem Vortrag, in der Berufung auf ihn bzw. der Reaktion auf den tiefen Eindruck, den er auch auf gegen seine Richtung festge[61]legte Geister gemacht hat, die Lager und Richtungen in unserer nie sehr einheitlich gerichteten Bewegung vielleicht schärfer geschieden als je. Es ist gegen die Richtung, die sich zu Ihren Worten bekennt, bzw. sie für sich in Anspruch nimmt, zum ersten Mal eine Koalition zweier sonst auseinandergehender Gruppen zu Stande gekommen, nämlich der Schwärmer für den ‚wissenschaftlichen Verstandesgebrauch‘, die die Hochschulen als Vorschulen für die Rationalisierung des Lebens ansehen u[nd] unserer Bewegung entspr[echend] Hochschulreformpolitik zusteuern möchten, und andererseits der ,Bildungs‘-Freunde, die in den Universitäten die Krönung eines allgemeinen allseitigen Bildungsprogrammes aufgerichtet sehen möchten. Politisch hat dieses Bündnis diesmal die Übermacht, trotz Ihrem Vortrag; zu diesem bekennt sich eigentlich nur eine kleine Gruppe uneingeschränkt, die etwa durch Prof. Husserls Logos-Aufsatz (Philosophie als reine Wissenschaft)74[61] Husserl, Edmund, Philosophie als strenge Wissenschaft, in: Logos, Band 1, 1911, S. 289–341. und den Methodenstreit der Historiker u[nd] die nationalökonomische Werturteils-Debatte darauf vorbereitet war.“75Brief Immanuel Birnbaums an Max Weber vom 26. Nov. 1917, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446.

Wie Webers Vortrag auf jene von Birnbaum apostrophierte Minderheit wirkte, hat unter anderem Karl Löwith festgehalten. Er, den Webers Ausführungen tief erschütterten, sah darin „die Erfahrung und das Wissen eines ganzen Lebens verdichtet“. Webers Wort war ihm „wie eine Erlösung“.76Löwith, Karl, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. – Stuttgart: J. B. Metzler 1986, S.16f.

Die Frage der Veröffentlichung der in der Reihe „Geistige Arbeit als Beruf“ gehaltenen Vorträge hatte den Freistudentischen Bund von Beginn an beschäftigt. Bereits in seinem Brief an Georg Kerschensteiner vom 13. Oktober 1917 hatte Birnbaum ein „sorgfältiges Stenogramm“ zugesagt und Kerschensteiner „nach Autorkorrektur um seine entsprechend zu entschädigende Überlassung zur Veröffentlichung im Rahmen der gesamten Vortragsreihe“ gebeten.77Brief Immanuel Birnbaums an Georg Kerschensteiner vom 13. Okt. 1917, Münchner Stadtbibliothek, Handschriften-Abteilung, Archiv Kerschensteiner. Max Webers vermutlich frei gehaltener Vortrag wurde „hinter dem Vorhang der Bühne“ mitstenographiert.78Birnbaum, Achtzig Jahre, S. 79. Die spätere Darstellung Birnbaums, er habe Weber die Anwesenheit des Stenographen zunächst „verheimlicht“ und ihn dann „mit der Niederschrift überrascht“,79Birnbaum, Erinnerungen an Max Weber, in: König/Winckelmann (Hg.), Gedächtnis, S. 20. ist angesichts seiner Vorgehensweise bei Kerschensteiner eher unwahrscheinlich. Möglicherweise hat Weber die Nachschrift noch während seines Aufenthaltes in München gesehen. Einer Schilderung Birnbaums zufolge [62]hat er sie „unwirsch“ gelesen und mit den Worten kommentiert: „Habe ich das so gesagt? Nun ja, so meine ich das auch, aber das muß noch genauer formuliert werden.“80[62] Birnbaum, Achtzig Jahre, S. 80. Birnbaum schickte die Reinschrift des Stenogramms, in der er selbst bereits „einige grobe Mißverständnisse handschriftlich beseitigt“ hatte, Max Weber am 26. November 1917 zu und bat ihn, „die Veröffentlichung innerhalb der ganzen Vortragsreihe ‚Geistige Arbeit als Beruf‘ zu erlauben.“ Leider könne er noch keine genauen Bedingungen mitteilen, hoffe jedoch, „in einigen Wochen, jedenfalls bis Ende Dezember, Näheres in Vorschlag zu bringen“.81Brief Immanuel Birnbaums an Max Weber vom 26. Nov. 1917, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Birnbaum behielt einen Durchschlag der Nachschrift bei seinen Akten,82Ebd. da er – wie er sich später erinnerte – zu dieser Zeit die Befürchtung hatte, sie von Weber „nie wiederzusehen“.83Birnbaum, Achtzig Jahre, S. 80. Im Laufe der folgenden Monate nahm Immanuel Birnbaum Kontakt zu dem Verlag Duncker & Humblot auf und schloß mit diesem am 8. Juni 1918 eine vorläufige Vereinbarung. Danach sollte der Sammelband „Geistige Arbeit als Beruf“ vier Vorträge, nämlich „Wissenschaft als Beruf“ (Max Weber), „Erziehung als Beruf“ (Georg Kerschensteiner), „Kunst als Beruf“ (Wilhelm Hausenstein) sowie „Politik als Beruf“ (Max Weber) enthalten. Es wurde eine Auflage von 2200 Exemplaren festgelegt. Die Verhandlungen mit den Autoren sollte der Freistudentische Bund führen; als Honorar war an 300 Mark pro Vortrag für Max Weber und Georg Kerschensteiner, an 600 Mark für Wilhelm Hausenstein gedacht. Der Verlag betonte die Unverbindlichkeit dieser Vereinbarung bis zur „Einlieferung sämtlicher druckreifer Manuskripte“.84Vereinbarung zwischen dem „Freistudentischen Bund. Landesverband Bayern“ und dem Verlag Duncker & Humblot vom 8. Juni 1918, Verlagsarchiv Duncker & Humblot, Privatbesitz. Der Freistudentische Bund bestätigte diesen Vorvertrag, wies den Verlag aber vorsorglich darauf hin, daß alle Manuskripte „erst gegen Ende des nächsten Winters“ vorliegen würden.85Bestätigung der in Anm. 84 genannten Vereinbarung seitens des Freistudentischen Bundes [Datum unleserlich], ebd. Die Bestätigung der Vereinbarung seitens des Verlags erfolgte am 8. Juli 1918, ebd.

Angesichts der Verzögerungen, die sich mit den Vorträgen „Erziehung als Beruf“ und „Kunst als Beruf“ ergaben, und aufgrund der Tatsache, daß Max Weber am 28. Januar 1919 auch seinen zweiten Vortrag, „Politik als Beruf“, gehalten hatte,86Siehe dazu den Editorischen Bericht zu „Politik als Beruf“, unten, S. 131. wandte sich Birnbaum am 30. Januar 1919 erneut an den Verlag Duncker & Humblot. Er erinnerte an die vorläufige Vereinba[63]rung vom Sommer 1918 und schlug, „um das Erscheinen der Vorträge von Weber […] nicht allzulange herauszuzögern“, deren gesonderte Veröffentlichung vor. Er stellte dem Verlag anheim, ob er die „beiden Vorträge besser als ein oder als zwei Hefte herausgeben“ wolle. In der Honorarfrage ersuchte Birnbaum um eine Änderung; das hohe Honorar von 600 Mark für den Vortrag „Kunst als Beruf“ sei aufgrund des Rednerwechsels dem Honorar für die anderen Reden anzugleichen, wobei für alle Vorträge dann je 350 Mark gezahlt werden sollten.87[63] Brief Immanuel Birnbaums an den Verlag Duncker & Humblot vom 30. Jan. 1919, Verlagsarchiv Duncker & Humblot, Privatbesitz. Der Verlag Duncker & Humblot, der im Jahre 1918 bereits Webers vielbeachtete Abhandlung „Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland“ veröffentlicht hatte,88Weber, Max, Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland. Zur politischen Kritik des Beamtentums und Parteiwesens. – München/Leipzig: Duncker & Humblot 1918 (MWG I/15, S. 432–596). erklärte sich mit dem Vorschlag einer gesonderten Veröffentlichung von „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ sofort einverstanden. Dabei bezeichnete er es als am zweckmäßigsten, „daß man den beiden Arbeiten die äußere Vortragsform nimmt, also die direkte Anrede streicht oder verändert und daß jeder Vortrag getrennt erscheint.“ Für „Wissenschaft als Beruf“ wollte der Verlag allerdings bei der für die Gesamtreihe vereinbarten Auflage von 2200 Exemplaren und einer Vergütung für Max Weber von 300 Mark bleiben.89Brief des Verlags Duncker & Humblot an Immanuel Birnbaum vom 31. Jan. 1919, Verlagsarchiv Duncker & Humblot, Privatbesitz. In einem Brief an Max Weber vom 9. Februar 1919 sprach Birnbaum die Hoffnung aus, daß Weber dem Freistudentischen Bund „beide Vorträge […] zum Druck überlassen“ werde, damit dieser sie „jetzt unverzögert herausbringen“ könne. Er teilte Weber die Bedingungen des Verlags mit und versicherte, daß er „nach Abzug unserer Unkosten für die Stenogramme voraussichtlich mindestens 500 Mark“ als Honorar für beide Schriften sowie jeweils 25 Freiexemplare erhalten werde.90Brief Immanuel Birnbaums an Max Weber vom 9. Febr. 1919, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Wie aus diesem Brief und aus dem Brief Immanuel Birnbaums an Max Weber vom 26. Nov. 1917, ebd., hervorgeht, hatte Weber bereits als Spesenentschädigung für „Wissenschaft als Beruf“ 60 Mark und für „Politik als Beruf“ 120 Mark erhalten.

Wie bereits erwähnt, war Max Weber mit der Erstfassung seiner Rede „Wissenschaft als Beruf“, wie sie in der stenographischen Mitschrift festgehalten war, nicht zufrieden. Birnbaum berichtet, daß Weber dieses Stenogramm „ziemlich gründlich korrigiert“ und vor allem „eine Reihe von Temperamentsausbrüchen ausgemerzt“ habe.91Briefe Immanuel Birnbaums an Johannes Winckelmann vom 14. Dez. 1961 und an Martin Riesebrodt vom 17. Jan. 1979, Max Weber-Archiv, München. Zu welchem Zeitpunkt und in [64]welchem Umfang dies geschah, wissen wir nicht. Jedoch ist anzunehmen, daß die Korrekturen erst nach der definitiven Entscheidung des Verlags, „Wissenschaft als Beruf“ zu veröffentlichen, also in den Wochen nach dem 31. Januar 1919, durchgeführt wurden. Vermutlich wurde zu dieser Zeit auch der Hinweis auf die „revolutionären Gewalthaber“,92[64] Siehe den Text, unten, S. 77. die einzige direkte Anspielung auf die aktuelle politische Lage, in den Text aufgenommen. Im übrigen geht aus dem oben abgedruckten Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten über die Rede Max Webers vom 7. November 191793Siehe oben, S. 59f. hervor, daß der uns bekannte Text zumindest in seinen Grundzügen und partiell sogar wörtlich bereits im November 1917 formuliert war.94Für die Übereinstimmungen, die sich bei einem Vergleich des Zeitungsberichts mit dem uns überlieferten Text ergeben, siehe die Gegenüberstellung im Anhang zum Editorischen Bericht, unten, S. 67–69. Am 21. Februar 1919 übergab Birnbaum dem Verlag das von Weber autorisierte Manuskript von „Wissenschaft als Beruf“,95Vermerk über ein Gespräch zwischen Immanuel Birnbaum und dem Verlag Duncker & Humblot vom 21. Febr. 1919, Verlagsarchiv Duncker & Humblot, Privatbesitz. das Weber auf der Basis der Reinschrift des Stenogramms erstellt hatte. Dieses 24 Seiten umfassende Manuskript schickte der Verlag noch am selben Tag der Piererschen Hofbuchdruckerei mit der Aufforderung zu, bis zum 1. März 1919 einen ersten Fahnenabzug fertigzustellen.96Brief des Verlags Duncker & Humblot an die Pierersche Hofbuchdruckerei vom 22. Febr. 1919, ebd. Die Druckerei bestätigte am 24. Februar den Auftrag.97Brief der Piererschen Hofbuchdruckerei an den Verlag Duncker & Humblot vom 24. Febr. 1919, ebd. Die ersten Fahnen von „Wissenschaft als Beruf“ wurden Max Weber am 3. März 1919 zugeschickt;98Brief des Verlags Duncker & Humblot an Max Weber vom 3. März 1919, ebd. dieser sandte sie bereits am 5. März 1919 mit seinen Korrekturen an den Verlag zurück.99Brief Max Webers an den Verlag Duncker & Humblot vom 5. März 1919, ebd.

Die äußere Form der beiden Hefte war bereits in dem Gespräch zwischen Birnbaum und dem Verlag Duncker & Humblot am 21. Februar 1919 festgelegt worden. Danach sollte auf dem Umschlag „‚Geistige Arbeit als Beruf‘. Vier Vorträge vor dem Freistudentischen Bund. Erster Vortrag: u.s.w.“ stehen.100Siehe oben, Anm. 95. Auf diese Regelung legte Birnbaum besonderen Wert, und er bat später den Verlag nochmals dringend, „wenn irgend möglich, den Namen des Freistudentischen Bundes auch auf den Umschlag zu setzen, da ich sonst von meinen Auftraggebern erschlagen werde.“101Brief Immanuel Birnbaums an den Verlag Duncker & Humblot vom 10. März 1919, ebd. Im März 1919 verfaßte Birnbaum ein „Nachwort“ zu „Wissenschaft als Beruf“, in dem er [65]die Ziele der Freistudenten und ihrer Vortragsreihe „Geistige Arbeit als Beruf“ deutlich machte:

„Lange, bevor die freistudentische Bewegung zur Klarheit in ihrer eigenen Zielsetzung durchstieß, hat sie Richtung und Sinn ihres Wollens und Tuns negativ am schlimmsten ihrer Feinde deutlich zu machen gewußt: am Berufsstudenten.

,Du sollst den Sinn des studentischen Lebens nicht in den Idealen sehen, die auf den Wappenschriften der Verbindungen verzeichnet sind; denn als Student gehörst du auf den Weg zur Wissenschaft, ob du nun das Ziel erreichst und schließlich selbst eine Wahrheit eroberst oder doch ein Stück von der Bahn von äußeren Hemmungen freimachen kannst für die nach dir Kommenden oder nur lernst, daß es gar nicht dein Weg ist und aufhörst, zu Unrecht Student sein zu wollen.‘ Hieß so der erste Satz unserer Predigt, so folgte spätestens doch als der zweite: ,Die Wissenschaft soll dir nicht Milchkuh sein; denn, wenn du im Studium nichts anderes suchst als die Vorbereitung für deinen Beruf, der dich nähren soll, wird dir Wissenschaft fremd bleiben. Du wirst verbürgern, nicht Diener des Geistes, sondern Knecht des Geldes sein, jetzt und immer.‘ Wo diese Lehre in unserer Bewegung rein zum Ausdruck kam – was freilich selten war –, war sie für das Berufsleben ratlos. Sie sah zunächst davon ab, und dann verurteilte sie es. Schwabs schöner Aufsatz ‚Beruf und Jugend‘ (zuerst im Maiheft der ,Weißen Blätter‘ 1916102[65] Falsche Jahreszahl; siehe dazu oben, S. 52, Anm. 17. Der Aufsatz wurde später in der Monatsschrift „Freideutsche Jugend“, 4. Jg., Heft 9, Sept. 1918, S. 305–315, wiederabgedruckt. ) formulierte das Urteil scharf.

Die Reihe von Vorträgen vor Freistudenten, aus der diese Schriftenreihe hervorging, gehört für uns in den Berufungsprozeß gegen dieses Urteil. Sie gibt die Sachverständigengutachten. Unsere Frage war jedesmal: ,Wer sich ganz der ewigen Aufgabe hingibt, kann der in dieser Welt bestehen? Ist diese Hingabe innerlich, ist sie auch äußerlich heute möglich? Geistige Arbeit als Beruf?‘ Die Antworten mögen selbst für sich sprechen.“103„Nachwort“, in: Weber, Max, Wissenschaft als Beruf. – München/Leipzig: Duncker & Humblot 1919, S. 38f.

Das genaue Erscheinungsdatum der Broschüre „Wissenschaft als Beruf“ ist nicht bekannt, doch ist sie vermutlich Ende Juni/Anfang Juli 1919 erschienen. Die Verzögerung ergab sich vor allem deshalb, weil der Verlag „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ gemeinsam an den Buchhandel ausliefern wollte104Brief des Verlags Duncker & Humblot an Max Weber vom 3. März 1919, Verlagsarchiv Duncker & Humblot, Privatbesitz. und sich die Drucklegung von „Politik als Beruf“ bis Ende Mai 1919 hinzog.105Vgl. dazu den Editorischen Bericht zu „Politik als Beruf“, unten, S. 134. Am 5. Juli 1919 berichtete Max Weber seiner Frau, „,Politik als Beruf‘ und ‚Wissenschaft als Beruf‘ sind nun fertig versandt, ich schicke Dir dieser Tage ein paar Ex[em]pl[are] zur Verwendung (Rickert, Jaspers, Thoma pp. schicke ich sie direkt).“106Brief Max Webers an Marianne Weber von „Samstag“ [5. Juli 1919], Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Im „Börsenblatt für [66]den Deutschen Buchhandel“ werden sowohl „Wissenschaft als Beruf“ als auch „Politik als Beruf“ am 13. Oktober 1919 in der Rubrik „Erschienene Neuigkeiten des deutschen Buchhandels“ aufgeführt.107[66] Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 224 vom 13. Okt. 1919, S. 10 009.

Zur Überlieferung und Edition

Zwischen dem Vortrag und der Drucklegung von „Wissenschaft als Beruf“ verstrichen fast anderthalb Jahre. Während dieser Zeit hat es mehrere Fassungen gegeben. Jedoch ist uns nur die Druckfassung überliefert.

Als erste Fassung muß die stenographische Mitschrift der Rede Max Webers vom 7. November 1917 gelten. Weder die stenographische Mitschrift noch die davon angefertigte Reinschrift, die Max Weber am 26. November 1917 zugeschickt wurde, sind erhalten. Auch der Durchschlag der Reinschrift, den Birnbaum in seinen Akten behielt,1Siehe oben, S. 62. ist nicht überliefert. Über den Inhalt der Rede unterrichtet der kurze Bericht in den Münchner Neuesten Nachrichten;2Abgedruckt oben, S. 59f. daraus geht hervor, daß der Text der Druckfassung zumindest in seinen Grundzügen und teilweise sogar wörtlich bereits im November 1917 formuliert war. Ein Vergleich zwischen dem Zeitungsbericht und den entsprechenden Passagen der Druckfassung findet sich in Form einer Gegenüberstellung als Anhang zu diesem Editorischen Bericht.

Vor der Drucklegung im Frühjahr 1919 ist die Reinschrift nach Auskunft Birnbaums von Max Weber „ziemlich gründlich korrigiert“3 Siehe oben, S. 63. worden. Möglicherweise hat er dabei Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. Diese sind, von einer Ausnahme abgesehen,4 Siehe oben, S. 64. nicht mehr nachzuweisen, da auch diese zweite Fassung nicht überliefert ist. Max Weber dürfte diese Korrekturen in der Zeit vom 31. Januar, dem Tag der Entscheidung des Verlags Duncker & Humblot, „Wissenschaft als Beruf“ zu veröffentlichen, und dem 21. Februar 1919, dem Tag der Manuskriptübergabe an den Verlag, vorgenommen haben.5 Siehe oben, S. 64.

Im Zuge der Drucklegung wurden Max Weber Anfang März 1919 vom Verlag Duncker & Humblot die ersten Fahnen von „Wissenschaft als Beruf“ zugeschickt. Auch diese Fahnen mit Webers Korrekturen sind nicht erhalten. Wie wir jedoch aus dem Briefwechsel zwischen ihm und dem Verlag [67]wissen, hat er sich für die Fahnenkorrektur nur wenig Zeit genommen,6[67] Siehe oben, S. 64. was darauf hindeutet, daß er dabei den Text nicht mehr stark verändert hat.

Im folgenden wird der Text so abgedruckt, wie er in der Broschüre: Geistige Arbeit als Beruf. Vorträge vor dem Freistudentischen Bund. Erster Vortrag. Prof. Max Weber (München). Wissenschaft als Beruf. – München und Leipzig: Duncker & Humblot 1919, erschienen ist (A).

Anhang zum Editorischen Bericht

Gegenüberstellung des Zeitungsberichts über die Rede „Wissenschaft als Beruf“ von 1917 und der entsprechenden Passagen der Druckfassung von „Wissenschaft als Beruf“ von 1919.

[Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten, Nr. 567 vom 9. November 1917, Mo.Bl., S. 3.] [Wissenschaft als Beruf]
Zuerst wurde besprochen, wie sich die Wissenschaft als Beruf im äußeren Sinne des Wortes gestaltet; dabei war Gelegenheit, eigene Erinnerungen, auch aus dem Betrieb der amerikanischen Universitäten zu verwerten. [S. 71] Ich soll nach Ihrem Wunsch über „Wissenschaft als Beruf“ sprechen. Nun ist es eine gewisse Pedanterie von uns Nationalökonomen, an der ich festhalten möchte: daß wir stets von den äußeren Verhältnissen ausgehen, hier also von der Frage: Wie gestaltet sich Wissenschaft als Beruf im materiellen Sinne des Wortes? […] Um zu verstehen, worin da die Besonderheit unserer deutschen Verhältnisse besteht, ist es zweckmäßig, vergleichend zu verfahren und sich zu vergegenwärtigen, wie es im Auslande dort aussieht, wo in dieser Hinsicht der schärfste Gegensatz gegen uns besteht: in den Vereinigten Staaten.
Der Kreis der Betrachtung erweiterte sich, als der Vortragende auf den inneren Beruf zur Wissenschaft zu sprechen kam. […] [S. 80] Ich glaube nun aber, Sie wollen in Wirklichkeit von etwas anderem: von dem inneren Berufe zur Wissenschaft, hören.
Es wurde darauf hingewiesen, daß die tüchtige Leistung heute die spezialistische Leistung sei. [S. 80] Eine wirklich endgültige und tüchtige Leistung ist heute stets: eine spezialistische Leistung.
[68]Die Leidenschaft, das unbedingte „Der-Sache-dienen“ ist die Voraussetzung der wissenschaftlichen Leistung. [S. 81] Ohne diesen seltsamen, von jedem Draußenstehenden belächelten Rausch, diese Leidenschaft, dieses: „Jahrtausende mußten vergehen, ehe du ins Leben tratest, und andere Jahrtausende warten schweigend“: – darauf, ob dir diese Konjektur gelingt, hat einer den Beruf zur Wissenschaft nicht und tue etwas anderes. [S. 84] „Persönlichkeit“ auf wissenchaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.
Eines haben Künstler und Wissenschaftler gemein, den Einfall, die Phantasie, [S. 83] Die Eingebung spielt auf dem Gebiete der Wissenschaft […] keine geringere Rolle als auf dem Gebiete der Kunst. […] die mathematische Phantasie eines Weierstraß ist natürlich dem Sinn und Resultat nach ganz anders ausgerichtet als die eines Künstlers und qualitativ von ihr grundverschieden. Aber nicht dem psychologischen Vorgang nach.
doch die Wissenschaft dient dem Fortschritt, es ist geradezu ihr Sinn, überholt zu werden. [S. 85] Wissenschaftlich aber überholt zu werden, ist […] nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck.
Begründete Erläuterung wurde hier dem Begriff „voraussetzungslose Wissenschaft“. [S. 93] Man pflegt heute häufig von „voraussetzungsloser“ Wissenschaft zu sprechen. Gibt es das? Es kommt darauf an, was man darunter versteht.
Die wissenschaftliche Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts. [S. 85] Die wissenschaftliche Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts.
Die Intellektualisierung bedeutet die Kenntnis der Lebensbedingungen, sie bedeutet den Glauben daran, daß, wenn man etwas wissen möchte, es wissen könnte, bedeutet die Entzauberung der Welt. [S. 86f.] Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen
[69]beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.
Was leistet die Wissenschaft fürs Leben? Sie gibt Kenntnisse, Methode des Denkens, Klarheit. [S. 103] […], was leistet denn nun eigentlich die Wissenschaft Positives für das praktische und persönliche „Leben“? […] Zunächst natürlich: Kenntnisse über die Technik, wie man das Leben, die äußeren Dinge sowohl wie das Handeln der Menschen, durch Berechnung beherrscht […]. Zweitens […]: Methoden des Denkens, das Handwerkszeug und die Schulung dazu. […] Aber damit ist die Leistung der Wissenschaft glücklicherweise auch noch nicht zu Ende, sondern wir sind in der Lage, Ihnen zu einem Dritten zu verhelfen: zur Klarheit.
Daß die Wissenschaft heute ein Beruf ist, das ist eine geschichtlich gewordene unentrinnbare Logik.[S. 105] Daß Wissenschaft heute ein fachlich betriebener „Beruf“ ist imDienst der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen spendende Gnadengabe von Sehern, Propheten oder ein Bestandteil des Nachdenkens vonWeisen und Philosophen über den Sinn der Welt –, das freilich ist eine unentrinnbare Gegebenheit unserer historischen Situation, aus der wir wenn wir uns selbst treu bleiben, nicht herauskommen können.
Auf die Frage: Was sollen wir nun tun?, gibt die Wissenschaft keine Antwort. [S. 93] Was ist unter diesen inneren Voraussetzungen der Sinn der Wissenschaft als Beruf, da alle diese früheren Illusionen: „Weg zum wahren Sein“, „Weg zur wahren Kunst“, „Weg zur wahren Natur“, „Weg zum ahren Gott“, „Weg zum wahren Glück“, versunken sind. Die einfachste Antwort hat Tolstoj gegeben mit den Worten: „Sie ist sinnlos, weil sie auf die allein für uns wichtige Frage: ,Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?‘ keine Antwort gibt.“ Die Tatsache, daß sie diese Antwort nicht gibt, ist schlechthin unbestreitbar.