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MWG digital

Die digitale Max Weber-Gesamtausgabe.

[479][A, A₁ 387] Zwischenbetrachtung:
a
[479]A: Zwischenbetrachtung. In A₁ geht in der linken oberen Ecke voraus:
Max Weber
Religionssoziologie
Schluß von Band I

Theorie der Stufen und Richtungen religiöser
Weltablehnung.
a1
A: Stufen und Richtungen der religiösen Weltablehnung.
N
Textkritische Anmerkung a in MWG digital aus technischen Gründen aufgeteilt.

Sinn einer rationalen Konstruktion der Weltablehnungsmotive S. 479. – Typologie der Askese und Mystik S. 482. – Richtungen der Weltablehnung: ökonomische, politische, ästhetische, erotische, intellektuelle Sphäre S. 485. – Stufen der Weltablehnung S. 515. – Die drei rationalen Formen der Theodicee S. 520.
Das Gebiet der indischen Religiosität, in welches wir eintreten wollen, ist im stärksten Kontrast gegen China die Wiege der theoretisch und praktisch weltverneinendsten Formen von religiöser Ethik, welche die Erde hervorgebracht hat. Ebenso ist hier die entsprechende „Technik“ am höchsten entwickelt. Das Mönchtum und die typischen Manipulationen der Askese und Kontemplation sind hier nicht nur am frühesten, sondern auch sehr konsequent durchgebildet worden, und diese Rationalisierung hat vielleicht auch historisch von da aus ihren Weg durch die Welt gemacht. Ehe wir uns nun dieser Religiosität zuwenden, ist es wohl zweckmäßig, kurz in einer schematischen und theoretischen Konstruktion uns zu verdeutlichen, aus welchen Motiven heraus und in welchen Richtungen religiöse Ethiken der Weltverneinung überhaupt entstanden und verliefen
b
A, A₁: entstehen und verlaufen
: welches also ihr möglicher „Sinn“ sein konnte.
c
In A folgt nach neuem Absatz: Um nicht gründlich mißverstanden zu werden, sind aber einige Vorbemerkungen über den „Sinn“ eines solchen Unternehmens selbst nötig, welches ja den Anschein erregen könnte, als sollten aus rein gedanklichen Zusammengehörigkeiten reale historische Entwicklungen rational konstruiert werden. Das ist natürlich ganz und gar nicht der Fall. Denn es wäre offenkundig unmöglich.
[480]Das konstruierte Schema hat natürlich nur
d
[480]A: zunächst
den Zweck, ein idealtypisches Orientierungsmittel
e
In A nicht hervorgehoben.
zu sein, nicht [C 537]aber eine eigene Philosophie zu lehren
f
Fehlt in A.
. Seine gedanklich konstruierten Typen von Konflikten der „Lebensordnungen“ besagen lediglich: an diesen Stellen sind diese innerlichen Konflikte möglich und „adäquat“, – nicht aber etwa: es gibt keinerlei Standpunkt, von dem aus sie als „aufgehoben“ gelten könnten. Die einzelnen Wertsphären sind dabei[,]
h
A₁: vielmehr
wie man leicht sieht, in einer rationalen Geschlossenheit herauspräpariert, wie sie in der Realität selten auftreten, aber allerdings: auftreten können und in historisch wichtiger Art aufgetreten sind. Die Konstruktion
g
Fehlt in A.
ermöglicht
i
A: ermöglichen
es, da, wo sich eine historische Erscheinung einem von diesen Sachverhalten
k
A: ihnen
in Einzelzügen oder Gesamtcharakter annähert
l
In A folgt: oder mit ihm kontrastiert
, deren – sozusagen
m
A, A₁: so zu sagen
– typologischen Ort durch Ermittlung der Nähe oder des Abstandes vom theoretisch konstruierten Typus festzustellen. Insoweit ist die Konstruktion also lediglich ein technischer Behelf zur Erleichterung der Übersichtlichkeit und Terminologie. Aber daneben könnte
n
A: ist
sie allerdings unter Umständen noch etwas mehr sein
o
Fehlt in A.
. Auch das Rationale im Sinne der logischen oder teleologischen „Konsequenz“ einer intellektuell-theoretischen oder [A, A₁ 388]praktisch-ethischen Stellungnahme hat nun einmal (und hatte von jeher) Gewalt über die Menschen, so begrenzt und labil diese Macht auch gegenüber andern Mächten des historischen Lebens überall war und ist. Gerade die der Absicht nach rationalen, von Intellektuellen geschaffenen, religiösen Weltdeutungen und Ethiken aber waren dem Gebot der Konsequenz stark ausgesetzt. So wenig sie sich auch im Einzelfalle der Forderung der „Widerspruchslosigkeit“ fügten und so sehr sie
p
A: sie, vor allem,
rational nicht
q
In A nicht hervorgehoben.
ableitbare Stellungnahmen in ihre ethischen Postulate einfügen mochten, so ist doch die Wirkung der ratio, speziell:
r
A, A₁: speziell
der teleologischen
s
In A folgt: (zweckrationalen)
Ableitung der praktischen Postulate,
t
A : Postulate
bei ihnen allen irgendwie und oft sehr stark bemerkbar. Wir dürfen auch aus diesem sachlichen Grunde hoffen, durch zweckmäßig konstruierte rationale Typen, also:
a
A: also
durch Herauspräparierung der innerlich
b
Fehlt in A.
„konsequentesten“ Formen eines aus fest gegebenen Voraussetzungen ableitbaren prak[481]tischen Verhaltens die Darstellung der sonst unübersehbaren Mannigfaltigkeit zu erleichtern. Und schließlich und vor allem muß und will ein religionssoziologischer Versuch dieser Art nun einmal zugleich ein Beitrag zur Typologie und Soziologie des Rationalismus selbst sein. Er geht daher von den rationalsten Formen aus, welche die Realität annehmen [C 538]kann
c
[481] In A nicht hervorgehoben.
, und sucht zu ermitteln, inwieweit gewisse theoretisch aufstellbare rationale Konsequenzen in der Realität gezogen wurden. Und
d
A, A₁: wurden, und
eventuell: weshalb nicht. –
In den einleitenden und auch manchen späteren Ausführungen wurde schon die große Bedeutung der Konzeption des überweltlichen Schöpfergottes für die religiöse Ethik berührt, insbesondere für die aktiv asketische im Gegensatz zur kontemplativ mystischen, mit der Verunpersönlichung und Immanenz der göttlichen Macht innerlich verwandten, Richtung der Heilssuche. Daß aber diese Zusammengehörigkeit
1)
[481][A, A₁ 388][C 538] [A: 9) A₁: 2)] Auf welche E. Troeltsch
f
A, A₁: Tröltsch
wiederholt sehr mit Recht nachdrücklich hingewiesen hat.
keine unbedingte ist, und daß nicht der überweltliche Gott schon rein als solcher die Richtung der Askese des Okzidents bestimmt hat, ergibt die Überlegung: daß die christliche Trinität mit ihrem gottmenschlichen Heiland und den Heiligen eine im Grunde eher weniger überweltliche Gotteskonzeption darstellte, als der Gott des Judentums, insbesondere des Spätjudentums, oder als der islamische Allah.
[A, A₁ 389]Und doch hat das Judentum zwar Mystik, aber so gut wie keine Askese des okzidentalen Typus entwickelt und war im alten Islam die Askese direkt verworfen, während die Eigenart der Derwisch-Religiosität ganz anderen (mystisch-ekstatischen) Quellen entstammte als der Beziehung zum überweltlichen Schöpfergott und auch ihrem inneren Wesen nach der okzidentalen Askese fernstand. Die überweltliche Gotteskonzeption, so wichtig sie war, wirkte mithin offenbar, trotz ihrer Verwandtschaft mit der Sendungsprophetie und der Askese des Handelns, doch nicht allein, sondern nur in Verbindung mit anderen Umständen, vor allem wohl: der Art der religiösen Verheißungen und der dadurch bestimmten Heilswege. Dies wird im einzelnen
e
A, A₁: Einzelnen
immer wieder zu erörtern sein. Hier sollen zunächst, zur [482]Klärung der Terminologie, die Ausdrücke „Askese“ und „Mystik“, mit denen, als polaren Begriffen, schon vielfach operiert werden mußte, etwas weiter spezialisiert werden.
Als Gegensätze
g
[482] A, A₁: Gegensatz
auf dem Gebiete der Weltablehnung wurden
h
A, A₁: wurde
schon in den einleitenden Bemerkungen
1
[482] Oben, S. 103–116.
hingestellt:
i
A, A₁: hingestellt
die aktive Askese: ein gottgewolltes Handeln als Werkzeug Gottes einerseits, andererseits:
k
A, A₁: andererseits
der kontemplative Heilsbesitz der Mystik, der ein „Haben“, nicht ein Handeln bedeuten will, und [C 539]bei welchem der Einzelne nicht Werkzeug, sondern „Gefäß“ des Göttlichen ist, das Handeln in der Welt mithin als Gefährdung der durchaus irrationalen und außerweltlichen Heilszuständlichkeit erscheinen
l
A, A₁: ablehnen
muß. Radikal ist der Gegensatz, wenn auf der einen Seite die Askese des Handelns sich innerhalb der Welt als deren rationale Gestalterin zur Bändigung des kreatürlich Verderbten durch Arbeit im weltlichen „Beruf“ auswirkt (innerweltliche Askese) und wenn die Mystik ihrerseits die volle Konsequenz der radikalen Weltflucht zieht (weltflüchtige Kontemplation). Der Gegensatz mildert sich, wenn auf der einen Seite die Askese des Handelns sich auf die Niederhaltung und Überwindung des kreatürlich Verderbten im eigenen Wesen beschränkt und infolgedessen die Konzentration auf die feststehendermaßen gottgewollten aktiven Erlösungsleistungen bis zur Meidung des Handelns in den Ordnungen der Welt steigert (weltflüchtige Askese), dadurch also dem äußeren Verhalten nach der weltflüchtigen Kontemplation sich annähert. Oder wenn andererseits der kontemplative Mystiker die Konsequenz der Weltflucht nicht zieht, sondern in den Ordnungen der Welt bleibt wie der innerweltliche Asket [A, A₁ 390](innerweltliche Mystik). Der Gegensatz kann in beiden Fällen tatsächlich in der Praxis schwinden und irgendeine
m
A, A₁: irgend eine
Kombination beider Arten der Heilssuche eintreten. Aber er kann auch unter der äußerlich ähnlichen Hülle weiterbestehen bleiben. Für den echten Mystiker bleibt der Grundsatz bestehen: daß die Kreatur schweigen muß, damit Gott sprechen könne. Er „ist“ in der Welt und „schickt sich“ äußerlich in ihre Ordnungen, aber, um sich:
n
A, A₁: sich
im Gegensatz [483]gegen sie,
o
[483] A, A₁: sie
dadurch seines Gnadenstandes zu versichern, daß er der Versuchung, ihr Treiben wichtig zu nehmen, widersteht. Wie wir bei Laotse
2
[483] Weber bezieht sich auf seine Ausführungen oben, S. 378 ff.
sehen konnten, ist eine spezifisch gebrochene Demut, ein Minimisieren des Handelns, eine Art von religiösem Inkognito
p
A, A₁: Incognito
in der Welt, seine typische Haltung: er bewährt sich gegen die Welt, gegen sein Handeln in ihr. Während die innerweltliche Askese sich gerade umgekehrt durch Handeln bewährt. Für den innerweltlichen Asketen ist das Verhalten des Mystikers träger Selbstgenuß, für den Mystiker das des (innerweltlich handelnden) Asketen eine mit eitler Selbstgerechtigkeit verbundene Verflechtung in das gottfremde Treiben der Welt. Mit jener „glücklichen Borniertheit“, welche man dem typischen Puritaner zuzuschreiben pflegt, vollstreckt die innerweltliche Askese die in ihrem letzten Sinne [C 540]ihr verborgenen positiven göttlichen Ratschlüsse, wie sie in den von Gott verfügten rationalen Ordnungen des Kreatürlichen vorliegen, während dem Mystiker gerade nur die Ergreifung jenes letzten, gänzlich irrationalen, Sinnes im mystischen Erlebnis allein heilsbedeutsam ist. Die weltflüchtigen Formen beider Verhaltungsweisen sind durch ähnliche Gegensätze unterscheidbar, deren Erörterung wir der Einzeldarstellung vorbehalten. –
Wir wenden uns jetzt den Spannungsverhältnissen zwischen Welt und Religion im Einzelnen zu und knüpfen auch dabei an die Bemerkungen der Einleitung an, um sie etwas anders zu wenden. –
Es wurde gesagt, daß diejenigen Arten von Verhaltungsweisen, welche, zu einer methodischen Lebensführung ausgestaltet, den Keim sowohl der Askese wie der Mystik bildeten, zunächst aus magischen Voraussetzungen erwuchsen.
3
Weber bezieht sich hier auf seine „Einleitung“, oben, S. 83 ff., insbesondere S. 103 f.
Entweder zur Erweckung charismatischer Qualitäten oder zur Verhütung bösen Zaubers wurden sie ausgeübt. Der erste Fall war natürlich der entwicklungsgeschichtlich wichtigere. Denn hier schon, an der Schwelle ihres Auftretens, zeigte die Askese das Doppel[A, A₁ 391]gesicht: Weltabwendung einerseits, Weltbeherrschung kraft der dadurch erlangten magischen [484]Kräfte andererseits. Der Magier war der entwicklungsgeschichtliche Vorläufer des Propheten:
q
[484] A, A₁: Propheten,
des exemplarischen wie des Sendungspropheten und des Heilands
r
A, A₁: Heilandes
. Der Prophet und der Heiland legitimierten sich in aller Regel durch den Besitz eines magischen Charisma. Nur daß dies bei ihnen lediglich Mittel war, der exemplarischen Bedeutung oder der Sendung oder der Heilandsqualität ihrer Persönlichkeit Anerkennung und Nachachtung zu verschaffen. Denn der Inhalt der Prophetie oder des Heilandsgebotes war: Orientierung der Lebensführung an dem Streben nach einem Heilsgut. In diesem Sinne also, mindestens relativ: rationale Systematisierung der Lebensführung. Entweder nur in Einzelpunkten oder im ganzen. Das letztere war die Regel bei allen eigentlichen „Erlösungs“-Religionen, d. h. allen denen, welche ihren Anhängern die Befreiung vom Leiden in Aussicht stellten. Und zwar, je sublimierter, verinnerlichter, prinzipieller das Wesen des Leidens gefaßt wurde, desto mehr. Denn dann galt es, den Anhänger in einen Dauerzustand zu versetzen, welcher ihn gegen das Leiden innerlich gefeit machte. Statt des durch Orgie oder Askese oder Kontemplation akut und außeralltäglich, also: vorüber[C 541]gehend, erlangten heiligen Zustandes sollte ein heiliger und deshalb des Heils versichernder Dauerhabitus der Erlösten erreicht werden: dies war, abstrakt ausgedrückt, das rationale Ziel der Erlösungsreligion. Entstand nun im Gefolge der Prophetie oder Heilandspropaganda eine religiöse Gemeinschaft, so fiel die Pflege der Lebensreglementierung zuerst in die Hände der charismatisch dazu qualifizierten Nachfolger, Schüler, Jünger des Propheten oder Heilandes. Weiterhin geriet sie unter bestimmten sehr regelmäßig wiederkehrenden Bedingungen, die uns hier noch nicht
4
[484] Diesen Bedingungen wendet sich Weber in seiner Arbeit „Das antike Judentum“ zu, und er wollte ihnen vermutlich auch in seiner geplanten Studie zum Christentum des Okzidents nachgehen.
beschäftigen, in die Hände einer priesterlichen, erblichen oder amtlichen, Hierokratie, – während der Prophet oder Heiland selbst in aller Regel gerade im Gegensatz zu den überkommenen hierokratischen Mächten: Zauberern oder Priestern, stand, deren traditionsgeweihter Würde er ja sein persönliches Charisma entgegenstellte, um ihre Macht zu brechen oder in seinen Dienst zu zwingen.
[485]Prophetische und Heilands-Religionen lebten, wie alles soeben Gesagte als selbstverständlich voraussetzt, in einem großen und entwicklungsgeschichtlich besonders wichtigen Bruchteil der [A, A₁ 392]Fälle in einem nicht nur (wie nach der angenommenen Terminologie selbstverständlich ist) akuten, sondern in einem dauernden Spannungsverhältnis zur Welt und ihren Ordnungen. Und zwar, je mehr sie eigentliche Erlösungsreligionen waren, desto mehr. Dies folgte aus dem Sinn der Erlösung und dem Wesen der prophetischen Heilslehre, sobald diese sich, und um so mehr, je prinzipieller sie sich zu einer rationalen und dabei an innerlichen religiösen Heilsgütern als Erlösungsmitteln orientierten Ethik entwickelte. Je
s
[485] A, A₁: entwickelte, je
mehr sie, heißt das im üblichen Sprachgebrauch, vom Ritualismus hinweg zur „Gesinnungsreligiosität“ sublimiert wurde. Und zwar wurde die Spannung von ihrer Seite her um so stärker, je weiter auf der anderen Seite die Rationalisierung und Sublimierung des äußerlichen und innerlichen Besitzes der (im weitesten Sinne) „weltlichen“ Güter auch ihrerseits fortschritt. Denn die Rationalisierung und bewußte Sublimierung
t
A: Raffinierung
der Beziehungen des Menschen zu den verschiedenen Sphären äußeren und inneren, religiösen und weltlichen, Güterbesitzes drängte dann dazu:
u
A, A₁: dazu,
innere Eigengesetzlichkeiten der einzelnen Sphären in ihren Konsequenzen bewußt werden und dadurch in jene Spannungen zueinander geraten zu lassen, welche der urwüchsigen Unbefangenheit der Beziehung zur Außenwelt [C 542]verborgen blieben. Es ist dies eine ganz allgemeine, für die Religionsgeschichte sehr wichtige Folge der Entwicklung des (inner- und außerweltlichen) Güterbesitzes zum Rationalen und bewußt Erstrebten, durch Wissen Sublimierten
a
A: Raffinierten
. Machen wir uns an einer Reihe dieser Güter die typischen Erscheinungen, die bei sehr verschiedenen religiösen Ethiken irgendwie wiederkehren, klar.
Wenn die Erlösungsprophetie Gemeinschaften auf rein religiöser Grundlage schuf, so war die erste Macht, mit welcher sie in Konflikt geriet, und welche durch sie Entwertung zu befürchten hatte, die naturgegebene Sippengemeinschaft. Wer seinen Hausgenossen, Vater und Mutter, nicht feind sein kann, der kann kein Jesus-Jünger sein: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ heißt es (Matth. 10,34) in diesem (und, wohlgemerkt:
b
A, A₁: wohlgemerkt,
nur [486]in diesem) Zusammenhang. Gewiß reglementierte die weit überwiegende Mehrzahl aller Religionen auch die innerweltlichen Pietätsbande. Aber daß der Heiland, Prophet, Priester, Beichtvater, Bruder im Glauben dem Gläubigen letztlich näher zu stehen habe,
c
[486] A, A₁: habe
als die natürliche Anverwandtschaft und Ehegemeinschaft rein als solche, verstand [A, A₁ 393]sich um so mehr von selbst, je weitgreifender und innerlicher das Ziel der Erlösung gefaßt wurde. Unter mindestens relativer Entwertung jener Beziehungen und unter Sprengung der magischen Gebundenheit und Exklusivität der Sippen schuf die Prophetie, vor allem, wo sie zur soteriologischen Gemeindereligiosität wurde, eine neue soziale Gemeinschaft. Innerhalb dieser entwickelte sie nun eine religiöse Brüderlichkeitsethik. Zunächst meist unter einfacher Übernahme der urwüchsigen Grundsätze sozialethischen Verhaltens, welche der „Nachbarschaftsverband“: die Gemeinschaft der Dorf-, Sippen-, Zunft-, Schiffahrts-, Jagdzugs-, Heereszuges-Genossen, darbot. Diese aber kannten zwei elementare Grundsätze: 1. den Dualismus der Binnen- und Außenmoral, 2. für die Binnenmoral die einfache Reziprozität: „Wie du mir, so ich dir“. Als den ökonomischen Ausfluß dieser Grundsätze aber:
d
A, A₁: aber
das Prinzip der brüderlichen Nothilfepflicht, beschränkt auf die Binnenmoral: entgeltlose Gebrauchsleihe, zinsloses Darlehen, Gastfreiheits- und Unterstützungspflicht des Besitzenden und Vornehmen gegenüber dem Unbemittelten, unentgoltene Bittarbeit auf dem Nachbar- und ebenso auf dem Herrenhof gegen bloßen Unterhalt. Alles nach dem – natürlich [C 543]nicht rational erwogenen, wohl aber im Gefühl mitschwingenden –
e
Fehlt in A.
Grundsatz: was heute dir mangelt, kann morgen mir mangeln. Dementsprechend
f
A, A₁: Dem entsprechend
die Beschränkung des Feilschens (bei Tausch und Leihe) und der dauernden Versklavung (z. B. als Folge von Schulden) auf die nur
g
Fehlt in A.
gegenüber dem Ungenossen geltende Außenmoral. Die Gemeindereligiosität übertrug diese alte ökonomische Nachbarschaftsethik auf die Beziehung zum Glaubensbruder. Die Nothilfepflicht der Vornehmen und Reichen für Witwen und Waisen, für den kranken und verarmten Glaubensbruder, das Almosen des Reichen zumal, von dem die heiligen Sänger und Magier ebenso wie die Asketen ökonomisch abhingen, wurden Grundgebote aller ethisch rationalisierten Religionen der Welt. Bei [487]den Erlösungsprophetien im besonderen war nun das allen Bekennern gemeinsame, wirkliche oder stets drohende, äußere oder innere Leiden das konstitutive Prinzip ihrer Gemeinschaftsbeziehung. Je rationaler und gesinnungsethisch sublimierter die Idee der Erlösung gefaßt wurde, desto mehr steigerten sich daher jene aus der Reziprozitätsethik des Nachbarschaftsverbandes erwachsenen Gebote äußerlich und innerlich. Äußerlich bis zum brüderlichen Liebeskommunismus, innerlich aber zur Gesinnung der Caritas, der Liebe zum Leidenden als solchen, der Nächstenliebe, [A, A₁ 394]Menschenliebe und schließlich: der Feindesliebe. Die Schranke des Glaubensbandes und schließlich die Tatsache des Hasses erschienen angesichts der Konzeption der Welt als einer Stätte unverdienten Leidens nun als Folgen der gleichen Unvollkommenheiten und Verderbtheiten alles Empirischen, die auch das Leiden verschulden. Rein psychologisch wirkte dabei allgemein in der gleichen Richtung vor allem die eigentümliche Euphorie aller Arten von sublimierter religiöser Ekstase. Von der andächtigen Rührung bis zum Gefühl des unmittelbaren Besitzes der Gemeinschaft mit Gott neigten sie alle zum Ausströmen in einen objektlosen Liebesakosmismus. Die tiefe ruhige Seligkeit aller Helden
h
[487]A: Virtuosen
akosmistischer Güte schmolz deshalb in den Erlösungsreligionen stets mit dem erbarmungsvollen Wissen um die natürliche Unvollkommenheit wie des eigenen,
i
A, A₁: eigenen
so alles menschlichen Wesens zusammen. Dabei konnte
k
A, A₁: konnten
freilich die psychologische Färbung sowohl wie die rationale ethische Deutung dieser inneren Haltung im übrigen sehr verschiedenen Charakter haben. Stets aber lag ihre ethische Anforderung irgendwie in der Richtung einer universalistischen [C 544]Brüderlichkeit über alle Schranken der sozialen Verbände, oft einschließlich des eigenen Glaubensverbandes, hinweg. Immer stieß diese religiöse Brüderlichkeit, je mehr sie in ihren Konsequenzen durchgeführt wurde, desto härter mit den Ordnungen und Werten der Welt zusammen. Und zwar pflegte – und darauf kommt es hier an – je mehr diese ihrerseits nach ihren Eigengesetzlichkeiten rationalisiert und sublimiert wurden, desto unversöhnlicher dieser Zwiespalt sich geltend zu machen.
Am offensichtlichsten wurde dies in der ökonomischen Sphäre. Alle urwüchsige, sei es magische oder mystagogische Beeinflussung [488]der Geister und Götter im Interesse von Einzelinteressen erstrebte, neben langem Leben, Gesundheit, Ehre, Nachfahren und, eventuell,
l
[488] A, A₁: und eventuell
Besserung des Jenseitsschicksals, den Reichtum als selbstverständliches Ziel, die eleusinischen Mysterien ebenso wie die phönikische und vedische Religion, die chinesische Volksreligion, das alte Judentum, der alte Islam und die Verheißungen für die frommen hinduistischen und buddhistischen Laien. Dagegen die sublimierte Erlösungsreligion und die rationalisierte Wirtschaft gerieten in zunehmende Spannung zueinander. Rationale Wirtschaft ist sachlicher Betrieb. Orientiert ist sie an Geldpreisen, die im Interessenkampf der Menschen untereinander auf dem Markt entstehen. Ohne Schätzung in Geldpreisen, also: ohne jenen Kampf, ist keinerlei Kalkulation möglich. Geld ist das Abstrakteste und „Unpersönlichste“, was es im Menschenleben gibt.
m
Fehlt in A.
Der Kosmos der modernen rationalen kapitalistischen Wirtschaft wurde daher
n
A: insbesondere wurde
N
MWG: wurde, ; Komma in MWG digital entsprechend Fassung A emendiert.
, je mehr er seinen immanenten [A, A₁ 395]Eigengesetzlichkeiten folgte, desto unzugänglicher jeglicher denkbaren Beziehung zu einer religiösen Brüderlichkeitsethik. Und zwar nur immer mehr, je rationaler und damit unpersönlicher er wurde. Denn man konnte zwar die persönliche Beziehung zwischen Herren und Sklaven ethisch restlos
o
Fehlt in A.
regulieren, eben weil sie persönlich war. Nicht aber – wenigstens nicht im gleichen Sinn und mit dem gleichen Erfolg
p
A: z. B. In A₁ ist eine weitere Zeile zwischen Z. 5 u. 6 eingeschoben, die unleserlich ist.
die zwischen den
q
A, A₁: dem
wechselnden Inhabern von Pfandbriefen
r
A, A₁: Inhaber eines Pfandbriefes
und den ihnen
s
A: ihm
unbekannten und ebenfalls
t
Fehlt in A.
wechselnden Schuldnern der Hypothekenbank, zwischen denen keinerlei persönliches Band bestand. Versuchte man es doch, so waren die Folgen die, welche wir in China kennen lernten: Hemmung der formalen Rationalität. Denn formale und materiale Rationalität standen hier im Konflikt miteinander
a
Fehlt in A.
. Gerade die Er[C 545]lösungsreligionen haben daher, –
b
A, A₁: daher –
obwohl in ihnen, wie wir sahen, selbst die Tendenz zu einer eigenartigen Verunpersönlichung der Liebe im Sinne des Akosmismus lag, –
c
A, A₁: lag –
mit tiefem Mißtrauen die Entfaltung der in einem anderen Sinne ebenfalls unpersönlichen, aber eben dadurch spezifisch brüderlichkeitsfeindlichen ökonomi[489]schen Mächte betrachtet. Das katholische „Deo placere non potest“
5
[489] Auf das „Deo placere non potest“, vgl. Corpus Juris Canonici, Decretum Gratiani, Pars 1, c. 11. Dist. LXXXVIII, geht Weber auch in: Protestantische Ethik2, S. 56 f. und S. 59, Anm. 1, ein.
war dauernd für ihre Stellung zum Erwerbsleben charakteristisch, und bei aller rationalen Erlösungsmethodik wurde die Warnung vor dem Haften an Geld und Gut bis zur Perhorreszierung gesteigert. – Die Gebundenheit der religiösen Gemeinschaften selbst, ihrer Propaganda und Selbstbehauptung, an ökonomische Mittel und ihre Akkommodation an die Kulturbedürfnisse und Alltagsinteressen der Massen zwang sie zu jenen Kompromissen, für welche die Geschichte der Zinsverbote
6
Im Jahr 789 wurde im Fränkischen Reich das bis dahin nur für den Klerus existierende Verbot, Zinsen zu nehmen, auch auf Laien ausgedehnt. Endgültig kanonisiert wurde das Zinsverbot im Jahr 1311. Auch Luther sprach sich noch gegen den „Wucher“ aus. Vgl. Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Band 21. – Leipzig: Hinrichs 1908, S. 521–528, sowie Weber, Protestantische Ethik2, S. 56 f. und S. 59, Anm. 1.
nur ein
d
[489] In A nicht hervorgehoben.
Beispiel ist. Die Spannung selbst aber
e
Fehlt in A.
war für eine echte Erlösungsethik letztlich kaum überwindlich
f
A: unüberwindlich
.
Die religiöse Virtuosenethik hat auf das Spannungsverhältnis am äußerlich radikalsten durch Ablehnung des ökonomischen Güterbesitzes reagiert. Die weltflüchtige Askese durch
g
A: durch:
Verbot des Individualbesitzes des Mönchs, Existenz durchweg von eigner Arbeit, und vor allem auch: entsprechende Einschränkung der Bedürfnisse auf das absolut Unentbehrliche. Die Paradoxie aller rationalen Askese: daß sie den Reichtum, den sie ablehnte
h
A: ablehnt
, selbst schuf
i
A: schafft
, hat dabei dem Mönchtum aller Zeiten in gleicher Art das Bein gestellt. Überall wurden Tempel und Klöster ihrerseits selbst Stätten rationaler Wirtschaft. – Die weltflüchtige Kontemplation konnte in prinzipieller Wendung nur den Grundsatz aufstellen: daß der besitzlose Mönch, für den die Arbeit ja etwas ihn von der Konzentration auf das kontemplative Heilsgut Abziehendes war, überhaupt nur das genießen dürfe, was ihm von der Natur und den Menschen freiwillig dargeboten werde: Beeren und Wurzeln und freie Almosen. Auch sie machte, durch Schaffung von Bettelsprengeln, ihre Kompromisse (so in Indien).
7
Auf die Einrichtung von „Sprengeln“ oder festgelegten Kirchspielen in Indien geht Weber in Hinduismus und Buddhismus2, S. 250, noch ein.
k
Fehlt in A.
– Der Spannung prin[A, A₁ 396]zipiell und innerlich zu entge[490]hen, gab es nur zwei konsequente Wege. Einmal die Paradoxie der puritanischen Berufsethik, welche, als Virtuosenreligiosität, auf den Universalismus der Liebe verzichtete, alles Wirken in der Welt als Dienst in Gottes, in seinem letzten Sinn ganz unverständlichen, aber nun einmal allein erkennbaren positiven Willen und Erprobung des Gnadenstandes rational versachlichte und damit [C 546]auch die Versachlichung des mit der ganzen Welt als kreatürlich und verderbt entwerteten
l
[490] A, A₁: entwickelten
ökonomischen Kosmos als gottgewollt und Material der Pflichterfüllung hinnahm. Das war im letzten Grunde der prinzipielle Verzicht auf Erlösung als ein durch Menschen und für jeden Menschen erreichbares Ziel zugunsten der grundlosen, aber stets nur partikulären Gnade. Eine eigentliche „Erlösungsreligion“ war dieser Standpunkt der Unbrüderlichkeit in Wahrheit nicht mehr. Für eine solche gab es nur die Übersteigerung der Brüderlichkeit zu jener den Liebesakosmismus des Mystikers ganz rein darstellenden, nach dem Menschen, dem und für welchen sie sich opfert, überhaupt nicht mehr fragenden, an ihm im letzten Grunde kaum noch interessierten „Güte“, die ein für allemal das Hemd gibt, wo der Mantel gefordert wird, an jeden, der ihr zufällig in den Weg kommt, und nur, weil er ihr in den Weg kommt: – eine eigentümliche Weltflucht in Gestalt objektloser Hingabe an jeden Beliebigen, nicht um des Menschen, sondern rein um der Hingabe als solcher, mit Baudelaires Worten: um der „heiligen Prostitution der Seele“, willen.
8
[490] Baudelaire, Charles, Petits poèmes en prose. XII Les foules, in: Œuvres complètes. Tome IV. – Paris: Michel Lévy Frères 1869, S. 31 f.
Die Spannung gegenüber den politischen Ordnungen der Welt mußte für die konsequente
m
Fehlt in A.
Brüderlichkeitsethik der Erlösungsreligionen ebenso scharf werden. Für die magische und Funktionsgötter-Religiosität bestand das Problem nicht. Der alte Kriegsgott und der Gott, der die Rechtsordnung garantierte, waren Funktionsgötter, welche unbezweifelte Alltagsgüter schützten. Den Lokal-, Stammes- und Reichsgott gingen nur die Interessen seiner Verbände an. Er hatte gegen andere seinesgleichen zu kämpfen wie die Gemeinschaft selbst und gerade im Kampf seine göttliche Macht zu bewähren. Das Problem entstand vielmehr erst mit Sprengung dieser [491]Schranken durch universalistische Religionen, mit dem einheitlichen Welt-Gott also, und in voller Stärke da, wo dieser ein Gott der „Liebe“ sein sollte: – für die Erlösungsreligion auf dem Boden der Brüderlichkeitsforderung. Und zwar auch hier, wie bei der öko[A, A₁ 397]nomischen Sphäre, je rationaler die politische Ordnung wurde, desto mehr. Sachlich, „ohne Ansehen der Person“, „sine ira et studio“, ohne Haß und daher ohne Liebe, verrichtet der bureaukratische Staatsapparat und der ihm eingegliederte rationale homo politicus, ebenso wie der homo oeconomicus, seine Geschäfte einschließlich der Bestrafung des Unrechtes gerade dann, wenn er [C 547]sie im idealsten Sinne der rationalen Regeln staatlicher Gewaltordnung erledigt. Auch er ist daher kraft ihrer Verunpersönlichung einer materialen Ethisierung, so sehr der Anschein für das Gegenteil besteht, in wichtigen Punkten weniger zugänglich als die patriarchalen Ordnungen der Vergangenheit, welche auf persönlichen Pietätspflichten und konkreter persönlicher Würdigung des Einzelfalles gerade „unter Ansehung der Person“ beruhten. Denn der gesamte Gang der innerpolitischen Funktionen des Staatsapparates in Rechtspflege und Verwaltung reguliert sich trotz aller „Sozialpolitik“ letzten Endes unvermeidlich stets wieder an der sachlichen Pragmatik der Staatsräson: an dem absoluten – für jede universalistische Erlösungsreligion letztlich sinnlos erscheinenden – Selbstzweck der Erhaltung (oder Umgestaltung) der inneren und äußeren Gewaltverteilung. Erst recht galt und gilt dies für die Außenpolitik. Der Appell an die nackte Gewaltsamkeit der Zwangsmittel nach außen nicht nur, sondern auch nach
n
[491] A: und
innen ist jedem politischen Verband schlechthin wesentlich. Vielmehr:
o
A: wesentlich. (Vielmehr:
er ist das, was ihn für unsere Terminologie zum politischen Verband erst macht:
p
macht).
der „Staat“ ist derjenige Verband, der das Monopol legitimer Gewaltsamkeit in Anspruch nimmt, – anders ist er nicht zu definieren. Dem: „Widerstehet nicht dem Übel mit Gewalt“ der Bergpredigt
9
[491] Matthäus 5.37.
setzt er das: „Du sollst dem Recht auch mit Gewalt zum Siege verhelfen, – bei eigener Verantwortung für das Unrecht“ entgegen. Wo das fehlte, da fehlte der „Staat“: der pazifistische „Anarchismus“ wäre ins Leben getreten.
q
Fehlt in A.
[492]Gewalt und Bedrohung mit Gewalt gebiert aber nach einem unentrinnbaren Pragma alles Handelns unvermeidlich stets erneut Gewaltsamkeit. Die Staatsräson folgt dabei, nach außen wie nach innen, ihren Eigengesetzlichkeiten. Und der Erfolg
r
[492] In A nicht hervorgehoben.
der Gewalt oder Gewaltandrohung selbst hängt natürlich
s
Fehlt in A.
letztlich von Machtverhältnissen und nicht
t
In A nicht hervorgehoben.
vom ethischen „Recht
a
A: ethischen Recht
ab, selbst wenn man objektive Kriterien eines solchen überhaupt als auffindbar ansieht. Jedenfalls muß jeder religiösen Rationalisierung bei konsequenter Besinnung die gerade für den rationalen Staat – im Gegensatz zum unbefangenen naturwüchsigen Heldentum – typische Erscheinung des völlig gutgläubigen „Rechthabens“ einer jeden der im Gewaltkampf einander gegenübertretenden Gruppen oder Gewalthaber nur als eine Äffung der Ethik und vollends das Hineinziehen Gottes in den [C 548]politischen Gewaltkampf als ein Unnützlichführen seines Namens gelten, dem gegenüber die gänzliche Ausschaltung alles Ethi[A, A₁ 398]schen aus dem politischen Räsonnement als das Reinlichere und allein Ehrliche erscheinen kann. Alle Politik muß ihr nur um so brüderlichkeitsfremder gelten, je „sachlicher“ und berechnender, je freier von leidenschaftlichem Gefühl, Zorn und Liebe, sie ist.
Die Fremdheit beider Sphären gegeneinander bei voller Rationalisierung jeder von beiden wirkt sich nun aber besonders scharf noch darin aus, daß in entscheidenden Punkten die Politik, im Gegensatz zur Ökonomik, als direkte Konkurrentin der religiösen Ethik aufzutreten vermag. Der Krieg als die realisierte Gewaltandrohung schafft, gerade in den modernen politischen Gemeinschaften, ein Pathos und ein Gemeinschaftsgefühl und löst dabei eine Hingabe und bedingungslose Opfergemeinschaft der Kämpfenden und überdies eine Arbeit des Erbarmens und der alle Schranken der naturgegebenen Verbände sprengenden Liebe zum Bedürftigen als Massenerscheinung aus, welcher die Religionen im allgemeinen nur in Heroengemeinschaften
b
A: Virtuosengemeinschaften
der Brüderlichkeitsethik ähnliches
c
A, A₁: Ähnliches
zur Seite zu stellen haben. Und darüber hinaus leistet der Krieg dem Krieger selbst etwas, seiner konkreten Sinnhaftigkeit nach, Einzigartiges: in der Empfindung eines Sinnes und einer Weihe des Todes, die nur ihm eigen ist. Die Gemeinschaft des im Felde stehenden Heeres fühlt sich heute, wie in den Zeiten der Gefolgschaft, als eine Gemeinschaft bis [493]zum Tode: die größte ihrer Art. Und von jenem Sterben, welches gemeines Menschenlos ist und gar nichts weiter, ein Schicksal, welches jeden ereilt, ohne daß je gesagt werden könnte, warum gerade ihn und gerade jetzt, welches ein Ende setzt, wo doch
d
[493] Fehlt in A.
gerade mit steigender Entfaltung und Sublimierung der Kulturgüter ins Unermeßliche hinein stets nur ein Anfang sinnvoll sein zu können scheint: – von diesem lediglich unvermeidlichen Sterben scheidet sich der Tod im Felde dadurch, daß hier, und in dieser Massenhaftigkeit nur hier, der Einzelne zu wissen glauben
e
In A nicht hervorgehoben.
kann: daß er „für“ etwas stirbt. Daß, warum und wofür er den Tod bestehen muß, kann ihm – und außer ihm nur dem, der „im Beruf“ umkommt –
f
Fehlt in A.
in aller Regel so zweifellos sein, daß das Problem des „Sinnes“ des Todes in jener allgemeinsten Bedeutung, in welchem sich die Erlösungsreligionen mit ihm zu befassen veranlaßt sind, gar keine Voraussetzungen seiner Entstehung findet. Diese [C 549]Leistung einer Einstellung des Todes in die Reihe der sinnvollen und geweihten Geschehnisse liegt letztlich allen Versuchen, die Eigenwürde des politischen Gewaltsamkeitsverbandes zu stützen, zugrunde. Die Art aber, wie [A, A₁ 399]der Tod hier als sinnvoll erfaßt werden kann, liegt nach radikal anderen Richtungen als eine Theodicee des Todes in einer Brüderlichkeitsreligiosität. Dieser muß die Brüderlichkeit der kriegsverbundenen Menschengruppe als bloßer Reflex der technisch raffinierten Brutalität des Kampfes entwertet scheinen und jene innerweltliche Weihe des Kriegstodes als Verklärung des Brudermordes. Und gerade die Außeralltäglichkeit der Kriegsbrüderlichkeit und des Kriegstodes, welche er mit dem heiligen Charisma und dem Erlebnis der Gottesgemeinschaft teilt, steigert die Konkurrenz auf die äußerst mögliche Höhe. – Konsequente Lösungen gibt es auch hier nur einerseits:
g
A: einerseits
für den Gnadenpartikularismus der puritanischen Berufsaskese, welcher an feststehende offenbarte Gebote des im übrigen ganz unverständlichen Gottes glaubt und dessen Willen dahin versteht: daß diese Gebote dieser
h
A: der
kreatürlichen und deshalb der Gewaltsamkeit und ethischen Barbarei unterworfenen Welt eben auch
i
Fehlt in A.
durch deren eigene Mittel: Gewalt, aufgezwungen werden sollen. Das bedeutet aber dann mindestens
k
A, A₁: zum mindesten
Schranken der Brüderlichkeitspflicht im Interesse von Gottes „Sache“. Andererseits:
l
A: Andererseits
für den radikalen Anti[494]politismus der mystischen Heilssuche mit ihrer akosmistischen Güte und Brüderlichkeit, welche mit dem Satz: „Widerstehe nicht dem Übel“ und mit der in den Augen jeder selbstsicheren weltlichen Heldenethik notwendig ordinären und würdelosen Maxime vom „Hinhalten des andern Backens“
10
[494] Matthäus 5.39: „Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete auch den anderen dar.“
dem für alles politische Handeln unentrinnbaren Gewaltsamkeitspragma sich entzieht. Alle anderen Lösungen sind mit Kompromissen oder der echten
m
[494] Fehlt in A.
Brüderlichkeitsethik notwendig unehrlich erscheinenden oder unannehmbaren Voraussetzungen belastet. – Einige dieser Lösungen erwecken als Typen trotzdem
n
Fehlt in A, A₁.
ein prinzipielles Interesse.
Jede Organisation der Erlösung in einer universalistischen Gnadenanstalt wird sich für die Seelen aller, oder doch aller ihr anvertrauten, Menschen vor Gott verantwortlich und daher berechtigt und verpflichtet fühlen, auch mit rücksichtsloser Gewalt ihrer Gefährdung durch Irreleitung im Glauben entgegenzutreten und die Ausbreitung der rettenden Gnadenmittel zu fördern. Und auch der Heilsaristokratismus gebiert, wo er, wie [C 550]im Calvinismus (in anderer Art im Islam), mit dem Gebot seines Gottes belastet ist:
o
A, A₁: ist,
zu dessen Ruhm die Welt der Sünde zu bändigen, die Erscheinung des aktiven „Glaubenskämpfers“. Zugleich aber die Scheidung des „heiligen“ oder „gerechten“, d. h. [A, A₁ 400]zur Vollstreckung von Gottes Gebot, um des Glaubens willen, unternommenen Krieges, der stets in irgendeinem
p
A, A₁: irgend einem
Sinne ein Religionskrieg ist, von allen andern, rein weltlichen und daher tief entwerteten, Kriegsunternehmungen. Den Zwang, an solchen nicht als heilig und Gottes Willen entsprechend feststehenden, nicht vom eignen
q
Fehlt in A.
Gewissen bejahten, Kriegen der politischen Gewalten teilzunehmen, wird er daher – wie das siegreiche Cromwellsche Heer der Heiligen in seiner Stellungnahme gegen den Militärdienstzwang tat
11
Art. VII,2 des im Jahr 1648 maßgeblich auf Betreiben der Armee verabschiedeten „Agreement of the People“ beinhaltet, daß niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst gezwungen werden soll. Siehe: Puritanism and Liberty. Being the Army Debates (1647–9) from the Clarke Manuscripts with Supplementary Documents. Selected and edited with an introduction by A. S. P. Woodhouse. – Chicago: University Press 1951, S. 362 und 444.
– ablehnen, das Söldnertum also
r
Fehlt in A.
dem Zwang [495]zum Kriegsdienst vorziehen. Für den Fall der Vergewaltigung von Gottes Willen durch Menschen, insbesondere des Glaubens wegen, wird er kraft des Satzes:
s
[495] A, A₁: Satzes,
daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen,
12
[495] Apostelgeschichte 5.29.
die Konsequenz der aktiven Glaubensrevolution ziehen. – Genau umgekehrt war die Stellungnahme z. B.
t
Fehlt in A, A₁.
der lutherischen Anstaltsreligiosität. Unter Ablehnung des Glaubenskrieges und des aktiven Widerstandsrechts gegen weltliche Vergewaltigung des Glaubens, als einer die Erlösung in das Gewaltpragma hineinverflechtenden Eigenmächtigkeit, kannte
a
A: kennt
sie auf diesem Gebiet nur die passive Resistenz, bejahte
b
A: bejaht
dagegen die Unbedenklichkeit des Gehorsams gegen die Weltobrigkeit auch da, wo diese
c
A, A₁: sie
weltlichen Krieg befahl
d
A: befiehlt
, weil sie, und nicht der Einzelne, die Verantwortung trage
e
A: trägt
und weil die ethische Selbständigkeit der Ordnung der weltlichen Gewalt, im Gegensatz zur innerlich universalistischen (katholischen) Heilsanstalt, anerkannt wurde
f
A: wird
. Jener Einschlag mystischer Religiosität, der dem persönlichen Christentum Luthers eignete, zog hier halbe Konsequenzen. Denn die eigentlich mystische oder pneumatische, religiös charismatische, Heilssuche der religiösen Virtuosen ist naturgemäß überall apolitisch oder antipolitisch gewesen. Sie hat die Selbständigkeit der irdischen Ordnungen zwar bereitwillig anerkannt, aber nur um daraus konsequent auf ihren radikal diabolischen Charakter zu schließen oder, zum mindesten, jenen absoluten Indifferenzstandpunkt zu ihnen einzunehmen, dessen Ausdruck der Satz war: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“
13
Markus 12.17.
(denn: was kommt auf diese Dinge für das Heil an?).
[C 551]Die eigene Verflochtenheit der religiösen Organisationen in Machtinteressen und Machtkämpfe, der stets unvermeidliche Kollaps auch der höchstgesteigerten Spannungsverhältnisse gegen die Welt in Kompromisse und Relativierungen, die Eig[A, A₁ 401]nung und der Gebrauch der religiösen Organisationen zur politischen Domestikation der Massen, das Bedürfnis insbesondere nach religiöser Legitimitätsweihe der bestehenden Gewalten bedingten die untereinander überaus verschiedenen empirischen Stellungnahmen der Religionen [496]zum politischen Handeln, welche die Geschichte aufweist. Fast alle waren Formen der Relativierung der religiösen Heilswerte und ihrer ethisch rationalen Eigengesetzlichkeit. Ihr praktisch bedeutendster Typus aber war
g
[496]A: ist
die „organische“ Sozialethik, welche in mannigfachen Formen verbreitet war und deren Berufskonzeptionen das prinzipiell wichtigste Gegenbild gegen den Berufsgedanken der innerweltlichen Askese bildeten
h
A: bilden
.
14
[496] Zur „organischen“ im Gegensatz zur asketischen Berufsethik siehe auch Weber, WuG1, S. 342 [[MWG I/22-2, S. 396–398]].
Auch sie steht (wo sie religiös unterbaut ist) auf dem Boden der „Brüderlichkeit“. Aber im Gegensatz zum mystischen Liebesakosmismus ist es eine kosmische, rationale, Brüderlichkeitsforderung, die sie beherrscht. Die erfahrungsgemäße Ungleichheit des religiösen Charismas ist der Ausgangspunkt. Eben dies: daß darnach das Heil nur Einigen, nicht Allen, zugänglich sein soll, ist ihr das Unerträgliche. Ihre Sozialethik sucht daher eben diese Ungleichheit der charismatischen Qualifikationen in Verbindung mit der weltlichen ständischen Gliederung zu einem Kosmos berufsteilig geordneter gottgewollter Leistungen zusammenzubiegen, innerhalb dessen jedem Einzelnen und jeder Gruppe nach persönlichem Charisma und schicksalsbedingter sozialer und ökonomischer Lage bestimmte Aufgaben zufallen. In der Regel stehen sie im Dienste der zugleich sozialutilitarisch und providentiell interpretierten Verwirklichung eines bei allem Kompromißcharakter dennoch Gott wohlgefälligen Zustandes, welcher angesichts der Sündenverderbtheit der Welt wenigstens eine relative Bändigung der Sünde und des Leidens und die Bewahrung und Errettung wenigstens möglichst vieler gefährdeter Seelen für das Gottesreich ermöglicht. Die weit pathetischere Theodicee, welche die indische Karmanlehre gerade umgekehrt vom Standpunkt der rein an den Interessen des Individuums orientierten Heilspragmatik aus der organischen Gesellschaftslehre zuteil
i
A, A₁: zu teil
werden ließ, werden wir bald kennen lernen.
15
Weber verweist hier auf seinen Aufsatz: Hinduismus und Buddhismus1,2.
Ohne [C 552]diese sehr besondersartige Verknüpfung bleibt jede organische Gesellschaftsethik für den Standpunkt der radikalen, mystischen, religiösen Brüderlichkeitsethik unvermeidlich eine Akkommodation an die Interessen der [497]weltlich privilegierten Schichten, während [A, A₁ 402]ihr, vom Standpunkt der innerweltlichen Askese aus gesehen, der innere Antrieb zu einer ethischen Durchrationalisierung des individuellen Lebens abgeht. Denn es fehlt ihr dann eine Prämie für die rationale methodische Gestaltung des Lebens des einzelnen
k
[497] A, A₁: Einzelnen
durch diesen selbst im Interesse des eigenen Heils. Der organischen Heilspragmatik ihrerseits muß dagegen der Heilsaristokratismus der innerweltlichen Askese mit ihrer rationalen Versachlichung der Lebensordnungen als die härteste Form der Lieblosigkeit und Unbrüderlichkeit, derjenige der Mystik aber als sublimiertes, in Wahrheit unbrüderliches Genießen nur des eigenen Charisma gelten, dem der planlose Liebesakosmismus nur egoistisches Mittel eigener Heilssuche wird. Beide verdammen ja die soziale Welt letztlich zur absoluten Sinnlosigkeit oder mindestens Gottes Ziele mit ihr zur vollkommenen Unverständlichkeit. Der Rationalismus der religiösen organischen Gesellschaftslehre erträgt diesen Gedanken nicht und sucht seinerseits die Welt als einen in aller Sündenverderbtheit doch die Spuren des göttlichen Heilsplanes an sich tragenden, also mindestens relativ rationalen Kosmos zu erfassen. Eben diese Relativierung aber ist dem absoluten Charismatismus der Virtuosenreligiosität das eigentlich Verwerfliche und Heilsfremde. –
Wie das ökonomische und das politische rationale Handeln seinen Eigengesetzlichkeiten folgt, so bleibt jedes andere rationale Handeln innerhalb der Welt unentrinnbar an die brüderlichkeitsfremden Bedingungen der Welt, die seine Mittel oder Zwecke sein müssen, gebunden und gerät daher irgendwie in Spannung zur Brüderlichkeitsethik. Es trägt aber eine tiefe Spannung auch in sich selbst. Denn es scheint kein Mittel zum Austrag schon der allerersten Frage zu geben: von woher im einzelnen Fall der ethische Wert eines Handelns bestimmt werden soll: ob vom Erfolg
l
In A nicht hervorgehoben.
oder von einem – irgendwie ethisch zu bestimmenden – Eigenwert
m
In A nicht hervorgehoben.
dieses Tuns an sich aus. Ob und inwieweit also die Verantwortung des Handelnden für die Folgen die Mittel heiligen oder umgekehrt der Wert der Gesinnung, welche die Handlung trägt, ihn berechtigen soll, die Verant[C 553]wortung für die Folgen abzulehnen, sie Gott oder der von Gott zugelassenen Verderbtheit und Torheit der Welt zuzuschieben. Die [498]gesinnungsethische Sublimierung der religiösen Ethik wird der letzteren Alternative zuneigen: „der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim“.
16
[498] Als Zitat nicht nachgewiesen.
Damit aber wird bei wirklich konsequenter [A, A₁ 403]Durchführung das eigene Handeln gegenüber den Eigengesetzlichkeiten der Welt zur Irrationalität der Wirkung verurteilt
2)
[498][A, A₁ 403][C 553] [A: 10) A₁: 3)] Im Bhagavadgita
q
A: Bhagavatgita
, wie wir sehen werden,
18
Siehe Weber, Hinduismus und Buddhismus2, S. 191–202.
am konsequentesten theoretisch durchgeführt.
. Angesichts dessen kann die Konsequenz einer sublimierten Heilssuche zu einer Steigerung des Akosmismus bis dahin führen, das zweckrationale Handeln schon rein als solches, also alles Handeln unter den Kategorien: Mittel und Zweck, als weltgebunden und gottfremd abzulehnen, wie dies, wie wir sehen werden, in verschiedener Folgerichtigkeit vom biblischen Gleichnis von den Lilien auf dem Felde
17
Matthäus 6.28.
angefangen bis [B 256]zu den prinzipielleren
n
[498] n–n (bis S. 499: Welt in Spannung) Einzelblatt von B, B₁ außerhalb des geschlossen überlieferten Textteils (vgl. oben, S. 62).
Formulierungen,
o
A, A₁: Formulierungen
z. B. im Buddhismus geschah.
Die organische Sozialethik ist überall eine eminent konservative, revolutionsfeindliche Macht. Aus der eigentlichen Virtuosenreligiosität dagegen können unter Umständen andere, revolutionäre, Konsequenzen folgen. Dies natürlich nur dann, wenn das Pragma der Gewaltsamkeit: daß sie ihrerseits Gewalt hervorruft und nur Personen und allenfalls Methoden des gewaltsamen Herrschens gewechselt werden, nicht als dauernde Qualität alles Kreatürlichen anerkannt wird. Je nach der Färbung der Virtuosenreligiosität kann aber ihre revolutionäre Wendung prinzipiell zweierlei Formen annehmen. Die eine entspringt der innerweltlichen Askese überall da,
ö
B, B₁: da
wo diese den kreatürlich verderbten empirischen Ordnungen der Welt ein absolutes göttliches „Naturrecht“ entgegenzusetzen vermag, dessen Realisierung dann, nach dem in den rationalen Religionen überall in irgendeinem
p
A, A₁: irgend einem
Sinne geltenden Satz: daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen, ihr zur religiösen Pflicht wird. Typus: die genuin puritanischen Revolutionen, zu denen sich Gegenstücke [499]auch anderwärts finden. Diese Haltung entspricht durchaus der Pflicht zum Glaubenskrieg. – Anders da, wo, beim Mystiker, sich der psychologisch stets mögliche Umschlag vom Gottbesitz zur Gottbesessenheit vollzieht. Dies ist sinnvoll dann möglich, wenn eschatologische Erwartungen eines unmittel[C 554]baren Anbruches des Weltalters der akosmistischen Brüderlichkeit aufflammen, wenn also der Glaube an die Ewigkeit der Spannung zwischen der Welt und dem irrationalen hinterweltlichen Reich der Erlösung ausfällt. Der Mystiker wird dann zum Heiland und Propheten. Aber die Gebote, die er verkündet, haben keinen rationalen Charakter. Sie sind als Produkte seines Charisma [A, A₁ 404]Offenbarungen konkreter Art, und die radikale Weltablehnung schlägt leicht in radikalen Anomismus um. Die Gebote der Welt gelten nicht für den seiner Gottbesessenheit Versicherten: „πάντα μοì ἔξεστιν“
r
[499] A: Versicherten πάντα μοì ἔξεστιν
.
19
[499] Paulus, 1. Korinther 6,12; etwa: „Ich habe zu allem Macht.“
Alle Chiliastik bis zu der Täuferreνοlution
20
Von 1534 bis 1535 beherrschten Anhänger der Bewegung der Täufer die Stadt Münster in Westfalen und begründeten dort ein „1000jähriges Reich“. Die Täufer lehnten die Kindstaufe ab und führten Erwachsenentaufen durch.
ruht irgendwie auf diesem Untergrund. Die Art seines Handelns ist eben für den kraft seines „Gott-Habens“ Erlösten ohne Heilsbedeutung. Wir werden beim indischen djivanmukhti
21
Zu Jīvanmukti (skt.), „der Erlösung einer Person zu Lebzeiten“, siehe Weber, Hinduismus und Buddhismus2, S. 186.
ähnliches
s
A: djivanmukti Ähnliches
finden. –
Wenn die religiöse Brüderlichkeitsethik mit den Eigengesetzlichkeiten des zweckrationalen Handelns in der Welt in Spannung
n
n(ab S. 498: zu den prinzipielleren)n Einzelblatt von B, B₁ außerhalb des geschlossen überlieferten Textteils (vgl. oben, S. 62).
lebt, so nicht minder mit jenen innerweltlichen Mächten des Lebens, deren Wesen von Grund aus arationalen oder antirationalen Charakters ist. Vor allem mit der ästhetischen und erotischen Sphäre.
Mit der ersteren steht die magische Religiosität in intimster Beziehung. Idole, Ikonen und andere religiöse Artefakte, magische Stereotypierung ihrer erprobten Formungen als erste Stufe der Überwindung des Naturalismus durch einen fixierten „Stil“, Musik als Mittel der Ekstase oder des Exorzismus oder apotropäischer Magie, Zauberer als heilige Sänger und Tänzer, die magisch erprobten und daher magisch stereotypierten Tonverhältnisse als früheste Vorstu[500]fen von Tonalitäten, der magisch und als Mittel der Ekstase erprobte Tanzschritt als eine der Quellen der Rhythmik, Tempel und Kirchen als größte aller Bauten, unter stilbildender Stereotypierung der Bauaufgabe durch eine für allemal feststehende Zwecke und der Bauformen durch magische Erprobtheit, Paramente und Kirchengeräte aller Art als kunstgewerbliche Objekte in Verbindung mit dem durch religiösen Eifer bedingten Reichtum der Tempel und Kirchen: dies alles machte von jeher die Religion zu einer unerschöpflichen Quelle künstlerischer Entfaltungsmöglichkeiten einerseits, der Stilisierung durch Traditionsbindung andererseits. – Für die religiöse Brüderlichkeitsethik ebenso wie für den apriorischen Rigorismus
t
[500] A: rationale religiöse Ethik
ist die Kunst als Trägerin magischer Wirkungen [C 555]nicht nur entwertet, sondern direkt verdächtig. Die Sublimierung der religiösen Ethik und Heilssuche einerseits und die Entfaltung der Eigengesetzlichkeit der Kunst andererseits neigen ja schon
u
A: aber
auch an sich zur Herausarbeitung eines zunehmenden Spannungsverhältnisses. Alle sublimierte Erlösungsreligiosität blickt allein auf den Sinn, nicht auf die Form, der für das Heil relevanten Dinge und Handlungen. Die Form ent[A, A₁ 405]wertet sich ihr zum Zufälligen, Kreatürlichen, vom Sinn Ablenkenden. Von seiten der Kunst kann zwar das unbefangene Verhältnis gerade dann ungebrochen bleiben oder sich immer wieder herstellen, solange
v
A, A₁: so lange
und so oft das bewußte Interesse des Rezipierenden naiv am Inhalt des Geformten, nicht an der Form rein als solcher haftet, und solange
w
A, A₁: so lange
die Leistung des Schaffenden sich entweder als (ursprünglich: magisches) Charisma des „Könnens“ oder als ein freies Spiel fühlt. Indessen die Entfaltung des Intellektualismus und die Rationalisierung des Lebens verschieben diese Lage. Die Kunst konstituiert sich nun als ein Kosmos immer bewußter erfaßter selbständiger Eigenwerte. Sie übernimmt die Funktion einer, gleichviel wie gedeuteten, innerweltlichen Erlösung: vom Alltag und, vor allem, auch von dem zunehmenden Druck des theoretischen und praktischen Rationalismus. Mit diesem Anspruch aber
a
A: Damit
tritt sie in direkte Konkurrenz zur Erlösungsreligion. Gegen diese innerweltliche irrationale Erlösung muß sich jede rationale religiöse Ethik wenden als gegen ein Reich des, von ihr aus gesehen, verantwortungslosen Genießens und: geheimer Lieblosigkeit. In der Tat neigt [501]ja die Ablehnung der Verantwortung für ein ethisches Urteil, wie sie intellektualistischen Zeitaltern, infolge teils subjektivistischen Bedürfnisses, teils der Angst vor dem Anschein traditionell-philiströser Befangenheit, zu eignen pflegt, dazu:
b
[501] A, A₁: dazu,
ethisch gemeinte Werturteile in Geschmacksurteile umzuformen („geschmacklos“ statt: „verwerflich“), deren Inappellabilität die Diskussion ausschließt. Gegenüber der „Allgemeingültigkeit“ der ethischen Norm, welche wenigstens insofern
c
Fehlt in A.
Gemeinschaft stiftet, indem sich der einzelne
d
A, A₁: Einzelne
, der einem Tun ethisch ablehnend aber menschlich mitlebend gegenübersteht, sich ihr selbst, um die eigene kreatürliche Bedürftigkeit wissend, mit unterstellt, kann
e
In A nicht hervorgehoben.
diese Flucht vor der Notwendigkeit rationaler ethischer Stellungnahme
f
A: Begründung
sich der Erlösungsreligion sehr wohl als eine tiefste Form unbrüderlicher Gesinnung
g
A, A₁: Lieblosigkeit
darstellen. Dem künstlerisch Schaffenden aber [C 556]wie dem ästhetisch erregten Rezipierenden andererseits
h
Fehlt in A.
wird die ethische Norm als solche leicht als Vergewaltigung des eigentlich Schöpferischen und Persönlichsten erscheinen können. Die irrationalste Form des religiösen Sichverhaltens aber, das mystische Erlebnis, ist in seinem innersten Wesen nicht nur formfremd, unformbar und unaussagbar, sondern formfeindlich, weil es gerade im Gefühl der Sprengung aller Formen das Eingehen in das jenseits jeder Art von Bedingtheit und Formung liegende All-Eine erhoffen [A, A₁ 406]zu können glaubt. Ihm kann die unzweifelhafte psychologische Verwandtschaft der künstlerischen mit der religiösen Erschütterung nur ein Symptom des diabolischen Charakters jener bedeuten. Gerade die Musik, die „innerlichste“ der Künste, vermag in ihrer reinsten Form: der Instrumentalmusik, als eine durch die Eigengesetzlichkeit eines nicht im Innern lebenden Reiches vorgetäuschte, verantwortungslose Surrogatform des ersten religiösen Erlebens zu erscheinen: die bekannte Stellungnahme des Tridentiner Konzils
22
[501] Das Konzil von Trient („Tridentinum“ 1545–1563) befaßte sich im Jahr 1562 mit Fragen der Kirchenmusik. Es wurde ein Dekret verabschiedet, das in den Codex Iuris Canonici eingegangen ist. Danach sind aus den Kirchen jene Musikarten zu verbannen, die, sei es im Orgelspiel, sei es im Gesang, etwas Zügelloses oder Unreines enthalten. Siehe Codex Iuris Canonici, lib. lIl, pars III, can. 1264, § 1. Vgl. auch Beck, Hermann, Das Konzil von Trient und die Probleme der Kirchenmusik, in: Kirchenmusikalisches Jahrbuch 48, 1964, S. 108–117.
dürfte auf diese Empfindung mit zurückgehen.
i
Fehlt in A.
Die Kunst [502]wird
k
[502]A: ist
dann „Kreaturvergötterung“
l
A: Kreaturvergötterung
, konkurrierende Macht und täuschendes Blendwerk,
m
Fehlt in A.
das Bildnis und Gleichnis religiöser Dinge rein als solches Blasphemie.
In der empirischen Realität der Geschichte freilich hat diese psychologische Verwandtschaft immer erneut zu jenen für die Kunstentwicklung bedeutsamen Bündnissen geführt, welche die große Mehrzahl aller Religionen irgendwie eingegangen sind, um so systematischer, je mehr sie universalistische Massenreligionen sein wollten und also auf Massenwirkung und emotionale Propaganda hingewiesen waren. Am sprödesten blieb gegenüber der Kunst, aus dem Pragma des inneren Gegensatzes heraus, alle eigentliche Virtuosenreligiosität, sowohl in ihrer aktiv asketischen wie in ihrer mystischen Wendung, und zwar um so schroffer, je mehr sie entweder die Überweltlichkeit ihres Gottes oder die Außerweltlichkeit der Erlösung betonte. –
Wie zur ästhetischen Sphäre, so steht die religiöse Brüderlichkeitsethik der Erlösungsreligionen auch zu der größten irrationalen Lebensmacht: der geschlechtlichen Liebe, in einem tiefen Spannungsverhältnis. Und zwar auch hier um so schroffer, je sublimierter die Geschlechtlichkeit einerseits, je rücksichtsloser konsequent die Erlösungsethik der Brüderlichkeit andererseits entwickelt wird. Das ursprüngliche Verhältnis war auch [C 557]hier sehr intim. Der Geschlechtsverkehr war sehr oft Bestandteil der magischen Orgiastik
3)
[502][A, A₁ 406][C 557] [A: 11) A₁: 4)] Oder ungewollte Folge der orgiastischen Erregung. Die Gründung der Skopzen-(Kastraten-)Sekte in Rußland ging aus dem Streben hervor, dieser als sündlich gewerteten Folge des orgiastischen Tanzes (Radjenie) der Chlüsten zu entrinnen.
24
Die auf Kondratij Seliwanov (gest. 1832) zurückgehende Sekte der Skopzen (Selbstverstümmler) verbreitete, daß nur durch die völlige Kasteiung die Reinheit des Menschen zu bewahren sei. Die Sekte soll als Reaktion auf die den Chlysten nachgesagte Zügellosigkeit entstanden sein, die in ihren Feiern (radenje) ekstatische Tänze vollführten. Vgl. oben, S. 98, Anm. 18.
, die heilige Prostitution – die mit angeblicher „ursprünglicher Promiskuität“
23
[502] Die These von einer ursprünglichen Promiskuität wurde etwa vertreten von: Post, Albert Hermann, Die Geschlechtsgenossenschaft der Urzeit und die Entstehung der Ehe. – Oldenburg: Schulze 1875.
gar nichts zu schaffen hatte – meist ein Rest dieses Zustandes, in dem jede Ekstase als „heilig“ galt
n
Fehlt in A.
. Die profane, heterosexuelle [503]wie homosexuelle, Prostitution war uralt und oft ziemlich raffiniert (Züchtung von Tribaden bei sog. Naturvölkern kommt vor). Der Übergang von ihr zur rechtlich geformten Ehe war durch die Existenz von allerhand Zwischenformen flüssig. Die Auffassung der Ehe als einer ökonomischen Angelegenheit zur Sicherung der Frau und des Erbrechtes des Kindes, und daneben
o
[503] A, A₁: daneben auch
als einer wegen der Totenopfer der Nachkommen auch für das Jenseitsschicksal wichtigen Institution zur Gewinnung [A, A₁ 407]von Kindern ist vorprophetisch und universell, hat daher mit Askese an sich noch nichts zu tun. Das Geschlechtsleben als solches hatte seine Geister und Götter, wie jede andere Funktion auch. Eine gewisse Spannung trat nur in der ziemlich alten temporären, kultischen, Keuschheit der Priester zutage, bedingt wohl dadurch, daß, von einem streng stereotypierten Ritual eines regulierten Gemeinschaftskultes her angesehen, die Sexualität doch bereits leicht als spezifisch dämonisch beherrscht galt. Aber weiterhin war es dann allerdings nicht zufällig, daß die Prophetien und ebenso die priesterlich kontrollierten Lebensordnungen fast ohne jede bemerkenswerte Ausnahme den Geschlechtsverkehr zugunsten der Ehe
p
In A nicht hervorgehoben.
reglementiert haben. Der Gegensatz aller rationalen Lebensregulierung gegen die magische Orgiastik und alle Arten irrationaler Rauschformen drückt sich darin aus. Die weitere Steigerung der Spannung wurde dann durch Entwicklungsmomente bedingt, welche auf beiden Seiten lagen. Bei der Sexualität durch ihre Sublimierung zur „Erotik“ und damit zu einer – im Gegensatz zu dem nüchternen Naturalismus der Bauern – bewußt gepflegten und dabei außeralltäglichen Sphäre. Außeralltäglich nicht nur und auch nicht notwendig im Sinne des Konventionsfremden. Die Ritterkonvention pflegt ja gerade die Erotik zum Gegenstand der Regelung zu machen. Allerdings charakteristischerweise unter Verhüllung [C 558]der naturalen und organischen Basis der Geschlechtlichkeit. Die Außeralltäglichkeit lag eben in dieser Hinwegentwicklung vom unbefangenen Naturalismus des Geschlechtlichen. Diese war aber in ihren Gründen und in ihrer Bedeutung einbezogen in die universellen Zusammenhänge der Rationalisierung und Intellektualisierung der Kultur.
Wir vergegenwärtigen uns in wenigen Strichen die Stadien dieser Entwicklung und wählen dabei die Beispiele aus dem Okzident.
[504]Das Heraustreten der Gesamtdaseinsinhalte des Menschen aus dem organischen Kreislauf des bäuerlichen Daseins, die zunehmende Anreicherung des Lebens mit, sei es intellektuellen, sei es sonstigen als überindividuell gewerteten Kulturinhalten wirkte durch die Entfernung der Lebensinhalte von dem nur naturhaft Gegebenen zugleich in der Richtung einer Steigerung der Sonderstellung der Erotik. Sie wurde in die Sphäre des bewußt (im sublimsten Sinne:) Genossenen erhoben. Sie erschien den[A, A₁ 408]noch und eben dadurch als eine Pforte
q
[504]A: Zufluchtspforte
zum irrationalsten und dabei realsten Lebenskern gegenüber den Mechanismen der Rationalisierung. Grad und Art, in welchem dabei auf die Erotik als solche ein Wertakzent fiel, war historisch außerordentlich wandelbar. Dem ungebrochenen Empfinden einer Kriegerschaft stand
r
A: steht
Weiberbesitz und Kampf um Weiber mit dem um Schätze und um Machteroberung
s
In A folgt: selbst in der Idee nur
annähernd gleich. Beim vorklassischen Hellenentum in der Zeit der Ritterromantik konnte für Archilochos eine erotische Enttäuschung ein Erlebnis von erheblicher und dauernder Tragweite sein
25
[504] Hier ist die mißglückte Beziehung des Archilochos (ca. 680–640 v. Chr.) auf der Kyklade Paros zu der ihm von ihrem Vater Lykambes versprochenen, dann aber versagten Neobule gemeint. Diesen Rechtsbruch vergalt Archilochos mit Spott- und Schmähgedichten.
und der Raub eines Weibes als Anlaß eines Heldenkrieges ohnegleichen
t
A, A₁: ohne gleichen
gelten.
26
Nach der griechischen Sage war die Entführung der Helena, der Gattin des Königs Menelaos von Sparta, durch Paris, den Sohn des Königs von Troja, der Anlaß für den Trojanischen Krieg.
Und auch die Nachklänge des Mythos kannten die Geschlechtsliebe noch bei den Tragikern als eine echte Schicksalsmacht.
a
Fehlt in A.
Aber im ganzen blieb
b
In A folgt: auch damals
ein Weib: Sappho, an erotischer Erlebnisfähigkeit von Männern unerreicht. Die klassische hellenische Zeit aber, die Periode des Hoplitenheeres, dachte, wie alle Selbstzeugnisse beweisen, auf diesen Gebieten relativ ungemein nüchtern, eher nüchterner als die chinesische Bildungsschicht. Nicht, daß sie den Todesernst der Geschlechtsliebe gar nicht mehr gekannt hätte. Aber: nicht dies, sondern eher das Gegenteil war das ihr Charakteristische: man erinnere sich – trotz Aspasia – der Rede des Perikles
27
Weber bezieht sich hier wohl auf die Totenrede des Perikles bei Thukydides 2.35–47; siehe auch WuG1, S. 596 [[MWG I/22-5, S. 285]].
und, vollends, des [505]bekannten Ausspruchs des Demosthenes.
28
[505] Weber meint offensichtlich den dem Demosthenes zugeschriebenen Ausspruch: „Wir haben unsere Frauen, um ebenbürtige Kinder zu zeugen und eine treue Hüterin unseres häuslichen Besitzes zu haben; wir haben die Hetäre der Freuden wegen.“
c
Fehlt in A.
Dem
d
[505]A: Ihrem
exklusiv maskulinen Cha[C 559]rakter dieser Epoche der „Demokratie“
e
Fehlt in A.
würde die Behandlung erotischer Erlebnisse, mit Frauen
f
A: welcher Art immer
als „Lebensschicksale“ – in unserem Sprachschatz ausgedrückt: – fast
g
Fehlt in A.
schülerhaft sentimental erschienen sein. Der „Kamerad“, der Knabe, war das mit allem Liebeszeremoniell begehrte Objekt gerade im Zentrum der hellenischen Kultur. Der Eros Platons ist infolgedessen, bei aller Herrlichkeit, doch ein stark temperiertes Fühlen: die Schönheit der bacchantischen Leidenschaft rein als solcher war in diese Beziehung offiziell nicht rezipiert.
h
Fehlt in A. In A folgt kein neuer Absatz.
Die Möglichkeit einer Problematik und Tragik prinzipieller Art wurde in die erotische Sphäre zunächst durch bestimmte Verantwortlichkeitsansprüche eingeschaltet, welche im Okzident christlicher Provenienz sind. Der Wertakzent der rein erotischen Sensation als solcher aber entfaltete sich dort primär vor allem unter den Kulturbedingungen feudaler Ehrbegriffe. Dadurch nämlich, daß ritterliche Vasallensymbolik in die erotisch sublimierten Sexualbeziehungen hineingetragen wurde. Am allermeisten dann, wenn dabei irgendwelche Kombinationen mit kryptoerotischer Religiosität oder direkt mit Askese eingegangen wurden, wie dies im Mittelalter der Fall war. Die Ritterminne des christlichen Mittelalters war bekanntlich ein erotischer Vasallendienst nicht
i
In A nicht hervorgehoben.
gegenüber Mädchen, sondern ausschließlich gegenüber fremden Ehefrauen mit (in der Theorie!) enthaltsamen
k
A: begattungslosen
Liebesnächten und kasuistischem Pflichtenkodex. Es begann damit – darin lag ein schroffer Gegensatz zum Maskulinismus des Hellenentums – die „Bewährung“ des Mannes nicht vor seinesgleichen, sondern vor der erotischen Interessiertheit der „Dame“, deren Begriff durch eben diese Funktion erst konstituiert wurde. Eine weitere Steigerung des spezifischen [A, A₁ 409]Sensationscharakters der Erotik entwickelte der Übergang von der, – in ihrer übrigens großen Unterschiedenheit, – doch wesentlich maskulin agonalen und insofern der Antike verwandteren, die christliche Ritteraskese ab[506]streifenden Renaissancekonvention etwa noch des Cortegiano
29
[506] II Libro del Cortegiano („Das Buch vom Edelmann“), Venedig 1528, das wichtigste Werk des Baldassarre Castiglione (1478–1529), zeichnet das Idealbild des kultivierten Aristokraten der Renaissancezeit.
und der Shakespeareschen Zeit
30
Gemeint ist die Zeit des ausgehenden 16. und des beginnenden 17. Jahrhunderts.
l
[506] A, A₁: der Shakespeareschen Zeit und des Cortegiano
zum zunehmend unmilitärischen Intellektualismus der Salonkultur. Diese ruhte auf der Überzeugung von der Werte schaffenden Macht der intersexuellen Konversation, für welche die offene oder latente erotische Sensation und die agonale Bewährung des Kavaliers vor der Dame unentbehrliches Anregungsmittel wurde. Seit den lettres Portugaises
31
Die „Lettres Portugaises traduites en français“ sind ein Briefroman, der 1669 anonym erschien. Die fünf Briefe einer Nonne an ihren Geliebten, von dem sie verlassen wurde, werden der portugiesischen Schwester Marianna Alcoforado (1640–1723) zugeschrieben.
wurde reale weibliche Liebes[C 560]problematik ein spezifisches geistiges Marktobjekt und weibliche Liebeskorrespondenz zur „Literatur“. Die letzte Steigerung des Akzents der erotischen Sphäre vollzog sich auf dem Boden intellektualistischer Kulturen schließlich da, wo sie mit dem unvermeidlich asketischen Einschlag des Berufsmenschentums zusammenstieß. Es konnte unter diesem Spannungsverhältnis zum rationalen Alltag das außeralltäglich gewordene, speziell also das ehefreie, Geschlechtsleben als das einzige Band erscheinen, welches den nunmehr völlig aus dem Kreislauf des alten einfachen organischen Bauerndaseins herausgetretenen Menschen noch mit der Naturquelle alles Lebens verband. Die so entstehende gewaltige Wertbetontheit dieser spezifischen Sensation einer innerweltlichen Erlösung vom Rationalen: eines seligen Triumphes darüber, entsprach in ihrem Radikalismus der unvermeidlich ebenso radikalen Ablehnung durch jede Art von außer- oder überweltlicher Erlösungsethik, für welche der Triumph des Geistes über den Körper gerade hier sich aufgipfeln sollte
m
Fehlt in A.
und der das Geschlechtsleben geradezu den Charakter der einzigen unausrottbaren Verbindung mit dem Animalischen
n
A: Bestialischen
gewinnen konnte. Diese Spannung aber mußte
o
A: muß
im Falle der systematischen Herauspräparierung der Sexualsphäre zu einer hochwertigen, alles rein Animalische der Beziehung verklärend umdeutenden erotischen Sensation am schärfsten und unvermeidbarsten gerade dann [507]werden, wenn die Erlösungsreligiosität den Charakter der Liebesreligiosität: der Brüderlichkeit und Nächstenliebe, annahm
p
[507]A: annimmt
. Gerade deshalb, weil die erotische Beziehung unter den angegebenen Bedingungen den unüberbietbaren Gipfel der Erfüllung der Liebesforderung: den direkten Durchbruch der Seelen von Mensch zu Mensch, zu [A, A₁ 410]gewähren scheint. Allem Sachlichen, Rationalen, Allgemeinen so radikal wie möglich entgegengesetzt, gilt die Grenzenlosigkeit der Hingabe hier dem einzigartigen Sinn
q
A: Wertgehalt
, welchen dies Einzelwesen in seiner Irrationalität für dieses und nur dieses andere Einzelwesen hat. Dieser Sinn und damit der Wertgehalt der Beziehung selbst aber liegt, von der Erotik aus gesehen, in der Möglichkeit einer Gemeinschaft, welche als volle Einswerdung, als ein Schwinden des „Du“ gefühlt wird und so überwältigend ist, daß sie „symbolisch“: – sakramental – gedeutet wird.
r
Fehlt in A.
Gerade darin: in der Unbegründbarkeit und Unausschöpfbarkeit des eigenen, durch kein Mittel kommunikablen, darin
s
In A nicht hervorgehoben.
dem mystischen „Haben“
t
A: Haben
gleich[C 561]artigen Erlebnisses, und nicht nur vermöge der Intensität seines Erlebens, sondern der unmittelbar besessenen Realität nach, weiß sich der Liebende in den jedem rationalen Bemühen ewig unzugänglichen Kern des wahrhaft Lebendigen eingepflanzt, den kalten Skeletthänden rationaler Ordnungen
a
In A folgt: und dem fahlen hinterweltlichen Reich objektloser mystischer Erlebnisse
ebenso völlig
b
Fehlt in A, A₁.
entronnen wie der Stumpfheit des Alltages. Den (für ihn) objektlosen Erlebnissen des Mystikers steht er, der „das Lebendigste“
32
[507] Möglicherweise liegt hier eine Anspielung auf die Verszeile in Friedrich Hölderlins Ode „Sokrates und Alcibiades“ vor: „Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“. Vgl. Hölderlin, Friedrich, Gedichte. – Leipzig: Insel 1913, S. 79.
mit sich verbunden weiß, wie einem fahlen hinterweltlichen Reich gegenüber.
c
Fehlt in A.
Wie die wissende Liebe des reifen Mannes zu der leidenschaftlichen Schwärmerei des jugendlichen Menschen verhält sich der Todesernst dieser Erotik des Intellektualismus zur ritterlichen Minne, der gegenüber sie gerade das Naturhafte der Geschlechtssphäre wieder, aber: bewußt, als leibgewordene Schöpfermacht, bejaht. – Eine konsequente religiöse Brüderlichkeitsethik steht dem allem
d
A, A₁: Allem
radikal feindlich gegenüber. Nicht nur macht diese – von ihr aus gesehen –
e
Fehlt in A.
innerirdische Erlösungssensa[508]tion rein als solche der Hingabe an den überweltlichen Gott oder an eine ethisch rationale göttliche Ordnung oder an die – für sie allein „echte“ –
f
[508] Fehlt in A.
mystische Sprengung der Individuation die schärfste überhaupt mögliche Konkurrenz. Sondern gerade gewisse psychologische Verwandtschaftsbeziehungen beider Sphären verschärfen die Spannung. Die höchste
g
A: virtuosenhafte ; A₁: heldenhafte
Erotik steht mit gewissen sublimierten Formen heroischer
h
A: virtuosenhafter ; A₁: heldenhafter
Frömmigkeit im Verhältnis gegenseitiger psychologischer und physiologischer Vertretbarkeit. Im Gegensatz zur rationalen aktiven Askese, welche das Geschlechtliche schon um seiner Irrationalität willen ablehnt und von der Erotik als todfeindliche Macht empfunden wird, besteht jenes Vertretbarkeitsverhältnis speziell zur mystischen Gottinnigkeit. Mit der Konsequenz einer jederzeit drohenden
i
A: drohenden,
tödlich raffinierten Rache des Animalischen oder eines unvermittelten Hinübergleitens aus dem mystischen Gottesreich in das Reich des Allzumenschlichen. Gerade diese psychologische Nähe steigert natürlich
k
Fehlt in A.
die innerliche Sinnfeindschaft. Die erotische Beziehung muß, von jeder religiösen Brüderlichkeitsethik aus angesehen, je sublimierter sie ist nur desto mehr, der Brutalität in ganz spezifisch raffiniertem Maße verhaftet bleiben. [A, A₁ 411]Sie gilt ihr unvermeidlich als ein Verhältnis des Kampfes, nicht etwa nur, und nicht einmal vornehmlich, der Eifersucht und des ausschließenden Besitzwillens gegen Dritte, sondern weit mehr der innerlichsten, weil [C 562]von den Beteiligten selbst niemals bemerkten Vergewaltigung der Seele des minder brutalen Teiles, als ein raffinierter, weil die menschlichste Hingabe vortäuschender Genuß seiner selbst im anderen. Keine volle erotische Gemeinschaft wird sich selbst anders als durch geheimnisvolle Bestimmung für einander: Schicksal in diesem höchsten Sinn des Wortes, gestiftet und dadurch (in einem gänzlich unethischen Sinn) „legitimiert“ wissen. Aber für die Erlösungsreligion ist dies „Schicksal“ nichts anderes als der reine
l
A: Und überdies als eine durch den reinen
Zufall des Entbrennens der Leidenschaft. Die so
m
Fehlt in A.
gestiftete pathologische Besessenheit,
n
Fehlt in A.
Idiosynkrasie und Verschiebung des Augenmaßes und jeder objektiven Gerechtigkeit muß ihr als die vollendetste Verleugnung aller Bruderliebe und Gottesknechtschaft erscheinen
o
Fehlt in A.
. Die sich als „Güte“ fühlende Euphorie des glücklich Liebenden mit [509]ihrem freundlichen Bedürfnis, nun auch aller Welt frohe Mienen anzudichten oder in naivem Beglückungseifer anzuzaubern, stößt daher stets (es gehören dahin z. B. die psychologisch konsequentesten Partien in Frühwerken Tolstojs
4)
[509][A, A₁ 411][C 562] [A: 12) A₁: 5)] Namentlich in „Krieg und Frieden“. – Im übrigen
u
A, A₁: Übrigen
stehen Nietzsches
v
A, A₁: Nietzsche’s
bekannte Analysen im „Willen zur Macht“ der Sache nach damit völlig in Einklang, trotz und gerade wegen des klar erkannten umgekehrten Wertvorzeichens. – Die Stellung der Erlösungsreligiosität ist bei Açvagoscha
34
Aśvaghoṣa lebte etwa im 1. Jahrhundert n. Chr. und ist Verfasser mehrerer buddhistischer Werke, darunter der Buddha-Biographie Buddhacarita. Webers Hinweis auf die Stellung der Erlösungsreligiosität bezieht sich auf Buddhacarita XII, 92–105, wo auch die extreme Askese abgelehnt wird. Siehe auch Weber, Hinduismus und Buddhismus2, S. 238, Anm. 1.
recht klar festgelegt.
) auf den kühlen Spott der genuin religiös fundamentierten radikalen Brüderlichkeitsethik. Denn dieser bleibt gerade die sublimierteste Erotik eine Beziehung, welche, als notwendig im Innersten exklusiv und im denkbar höchsten Sinne subjektiv, absolut inkommunikabel, in allen diesen Hinsichten der Gegenpol aller religiös orientierten Brüderlichkeit sein muß. Ganz abgesehen davon, daß ihr natürlich schon ihr Leidenschaftscharakter als solcher als unwürdiger Verlust der Selbstbeherrschung und der Orientierung, sei es an der rationalen Vernunft gottgewollter Normen, sei es an dem mystischen „Haben“ des Göttlichen erscheint,
p
[509]A: erscheint.
– während für die Erotik die echte „Leidenschaft“ rein an sich der Typus der Schönheit und eine Ablehnung ihrer eine
r
Fehlt in A₁.
Lästerung ist. –
q
Fehlt in A.
Im Einklang steht der erotische Rausch ebenso aus psychologischen Gründen wie dem Sinne nach nur mit der orgiastischen, außeralltäglichen, aber in einem besonderen Sinne innerweltlichen, Form der Religiosität. Die Anerkennung des Eheschlusses: der „copula carnalis“,
33
[509] Copula carnalis (lat.): Die fleischliche Vereinigung.
als „Sakrament“ in der katholischen Kirche ist eine Konzession an dieses Fühlen.
s
Fehlt in A.
Mit der zugleich [C 563]außerweltlichen und außeralltäglichen Mystik gerät die Erotik, bei schärfster innerer Spannung, vermöge der psychologischen Vertretbarkeit
t
A: Vertretbarkeit,
leicht in eine unbewußte und labile Surrogats- oder Zusammengeschmolzenheitsbeziehung, aus welcher dann sehr leicht der Kollaps [510]in das Orgiastische erfolgt. Die innerweltliche rationale Askese (Berufsaskese) kann nur die rational reglementierte Ehe als eine der göttlichen Ordnungen für die durch „Konkupiscenz“
35
[510] Als Konkupiscenz (lat.: concupiscentia) wird in der Theologie die „Begierde“ bezeichnet, die aus der Erbsünde stammt.
[A, A₁ 412]hoffnungslos verderbte Kreatur akzeptieren, innerhalb deren es gilt, ihren rationalen Zwecken: Kindererzeugung und -erziehung und gegenseitige Förderung im Gnadenstande, und nur in ihm, nachzuleben. Jegliche Raffinierung zu einer Erotik muß sie als Kreaturvergötterung schlimmster Art ablehnen. Ihrerseits bezieht sie gerade die urwüchsig naturale, bäuerlich
w
[510] Fehlt in A.
unsublimierte
x
In A nicht hervorgehoben.
Geschlechtlichkeit in eine rationale Ordnung des Kreatürlichen ein: alle „Leidenschafts“-Bestandteile aber gelten dann als Residuen des Sündenfalls, bei denen, [B 266]nach Luther,
b
b(bis S. 513: Intellekts und eine)b Einzelblatt von B mit Einschubblatt B₁ (vgl. Anm. d) außerhalb des geschlossen überlieferten Textteils (vgl. oben, S. 63). Blattnummer B 266 erschlossen aus dem handschriftlichen Verweis auf dem eingeschobenen Blatt B₁ 266a.
Gott „durch die Finger sieht“,
36
Siehe Luther, Sermon, S. 215.
um Schlimmeres zu verhindern
a
Fehlt in A.
. Die außerweltliche rationale Askese (aktive Mönchsaskese) lehnt auch diese und damit alles Geschlechtliche als eine heilsgefährdende diabolische Macht ab.
c
A₁, B: ab. –
[B₁ 266a] Es ist am besten wohl der Quäkerethik (wie sie aus William Penn’s Briefen an seine Frau spricht)
37
William Penns Stellung zu Ehe und Familie wird mehrfach angesprochen bei Gerhart von Schulze-Gaevernitz, Britischer Imperialismus und englischer Freihandel zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. – Leipzig: Duncker & Humblot 1906, S. 34 f. Auf Seite 48 f. heißt es dort: „Niemand hat das eheliche Ideal der Puritaner schöner zum Ausdruck gebracht, als dieser Staatengründer in seinem Abschiedsbriefe, den er in der Vollkraft der Jahre, die Trennung für das Leben in der Seele, an die Gattin richtete: ,Vergiß nicht, daß du die Liebe meiner Jugend und die Hauptfreude meines Lebens warst, die geliebteste und die würdigste meiner irdischen Tröstungen; der Grund jener Liebe bestand mehr in deinem inneren als in deinen äußeren Vorzügen, obwohl letzterer viele sind. Gott weiß es, du weißt es und auch ich kann es sagen, daß unsere Verbindung ein Werk der Vorsehung war, und Gottes Ebenbild in uns war es, das uns zumeist anzog.‘“
gelungen, über die ziemlich grobe lutherische Deutung des Sinnes der Ehe
38
Nach Luther hat die Ehe den zweifachen Sinn, Kinder zu zeugen und in Keuschheit zu leben. Wenn der Einzelne sich nur an die Ehe hält, verzeiht Gott die Sündhaftigkeit des Geschlechtstriebes, durch die Ehe wird die noch größere Sünde der Unzucht verhindert. Siehe Luther, Sermon.
hinaus zu einer echt [511]menschlichen Interpretation ihrer innerlichen religiösen Werte zu gelangen. Rein innerweltlich angesehen, kann nur die Verknüpfung mit dem Gedanken ethischer Verantwortlichkeit für einander – also einer gegenüber der rein erotischen Sphäre heterogenen Kategorie der Beziehung – dem Empfinden dienen: daß in der Abwandlung des verantwortungsbewußten Liebesgefühls durch alle Nuancen des organischen Lebensganges hindurch: „bis zum Pianissimo des höchsten Alters“,
39
[511] Dieses Wort findet sich ähnlich auf dem Widmungsblatt zu Band 1 von Webers Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie: „Marianne Weber 1893 ,bis ins Pianissimo des höchsten Alters‘ 7. Juni 1920.“ Weber starb am 14. Juni 1920. Die Anführungszeichen zu „,bis ins Pianissimo des höchsten Alters‘“ sind erst auf einem Korrekturabzug der Druckerei (Stempel mit Datum 2. Juli 1920) nachgetragen worden. 1893 ist das Jahr der Eheschließung von Max und Marianne Weber.
in dem Einander-Gewähren und Einander-schuldig-werden (im Sinne Goethes)
40
Der Bezug ist unklar. Weber bezieht sich möglicherweise auf Goethes Gedicht „Vier Jahreszeiten“. Dort heißt es (Vers 32): „ Das ist die wahre Liebe, die immer und immer sich gleich bleibt/Wenn man ihr alles gewährt, wenn man ihr alles versagt.“ Siehe Goethes Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin von Sachsen. Band 1. – Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 349.
etwas Eigenartiges und Höchstes liegen könne. Selten gewährt es das Leben rein;
e
B₁: rein; –
wem es gewährt wird, der spreche von Glück und Gnade des Schicksals, – nicht: von eigenem „Verdienst“. –
d
Fehlt in A, A₁, B. In der Bayerischen Staatsbibliothek München (Max Weber-Deponat, Ana 446, OM 14) liegen zwei handschriftliche Fassungen dieser Passage. Die ältere ist unpaginiert. Sie trägt von [511]fremder Hand links unten die Aufschrift: 1. Fassung (nicht gedruckt). Auf der jüngeren steht von gleicher Hand links unten (2. Fassung) und oben links von der Hand Marianne Webers Am 29. Mai? 1920. Das Blatt ist von Max Weber paginiert 266a und als Einschub zu B 266 bezeichnet. Es gehört zu B₁. Die ältere Fassung lautet: Sie kann zu der ziemlich primitiven rein asketischen und tief pessimistischen Einschätzung des Geschlechtlichen als des unvermeidlichen Rückstandes kreatürlicher Verderbtheit gelangen, wie sie Luther eignete: die Ehe ist dann eine von Gott verordnete und nur deshalb nicht sündhafte Konzession an die Sünde, bei der Gott „durch die Finger sieht“, weit sie immerhin die „Konkupiszenz“ rational domestiziert. Aber sie kann auch, wie es die Quäker-Ethik (bei Penn) tat, zu einer, dem typisch modernen Würdegefühl erträglicheren Stellungnahme gelangen, vor allem auf der Grundlage der bei den Täufern zuerst vollzogenen effektiven Gleichwertung der Frau. Sie wird auch dann jenes, in ihren Augen illusionäre, erotische „Eins“-Werden ungläubig ablehnen und grade in dem Miteinander zweier für einander und für die Kinder, denen sie das Leben gaben, verantwortlicher, geistig und sittlich voll entwickelter Menschen „durch alle Abwandlungen der Liebe hindurch, bis zum Pianissimo des höchsten Alters“, das Unbezweifelbarste finden, was das Leben an echt menschlichen Beziehungen zu geben vermag. Nicht aber in der, – auch von ihr aus gesehen: – „Vergötterung“ des geschlechtlichen Vorgangs, den sie vielmehr ohne Sublimierung zu einem erotischen „Erlebnis“ einbezieht in die Gesamtheit alles dessen, was Menschen in einer Lebensgemeinschaft einander in Liebe gewähren.
[512][[B 266]]Die Ablehnung aller unbefangenen Hingabe an die intensivsten Erlebnisarten des Daseins: künstlerische und erotische, ist zwar an sich nur eine negative Haltung. Allein es liegt auf der Hand, daß sie die Macht steigern konnte, mit welcher Energien [C 564]in die Bahn rationaler Leistungen einströmten:
f
[512] A, A₁, B, B₁: einströmten;
ethischer sowohl wie auch rein intellektueller.
Aber freilich: am größten und prinzipiellsten wird schließlich die bewußte Spannung der Religiosität gerade zum Reich des denkenden Erkennens. Ungebrochene Einheit gibt es da im Bereich der Magie und des rein magischen Weltbildes, wie wir es in China kennen lernten
g
Fehlt in A.
. Weitgehende gegenseitige Anerkennung ist möglich
h
Fehlt in A.
auch für die rein metaphysische Spekulation. Obwohl diese leicht zur Skepsis zu führen pflegt. Nicht selten betrachtete daher die Religiosität die rein empirische, auch naturwissenschaftliche
i
A, A₁: naturwissenschaftliche,
Forschung als besser mit ihren Interessen vereinbar als die Philosophie. So vor allem der asketische Protestantismus. Wo immer aber rational empirisches Erkennen die Entzauberung der Welt und deren Verwandlung in einen kausalen Mechanismus konsequent vollzogen hat, tritt die Spannung gegen die Ansprüche des ethischen Postulates: daß die Welt ein gottgeordneter, also irgendwie ethisch sinnvoll
j
In A nicht hervorgehoben.
orientierter Kosmos sei, endgültig hervor. Denn die empirische und vollends die mathematisch orientierte Weltbetrachtung entwickelt prinzipiell die Ablehnung jeder Betrachtungsweise, welche überhaupt nach einem „Sinn“ des innerweltlichen Geschehens fragt. Mit jeder Zunahme des Rationalismus der empirischen Wissenschaft wird dadurch die Religion zunehmend aus dem Reich des Rationalen ins Irrationale verdrängt und nun erst:
k
A: erst
die irrationale oder antirationale überpersönliche Macht schlechthin. Das Maß von Bewußtheit oder doch von Konsequenz in der Empfindung dieses Gegensatzes ist freilich sehr verschieden. Es scheint nicht undenkbar, – was [A, A₁ 413]behauptet wird: – daß Athanasius seine, rational angesehen, schlechthin absurde Formel
41
[512] Bischof Athanasius von Alexandrien (295–373) vertrat die Auffassung von der Wesenseinheit von Gottvater und Sohn Jesus und bekämpfte damit besonders die Lehre der Arianer.
vielleicht wirklich auch deshalb im [513]Kampf gegen die Mehrzahl der damaligen hellenischen Philosophen durchgesetzt hat, um das ausdrückliche Opfer des Intellekts und eine
b
[513] b(ab S. 510: nach Luther, )b Blatt B 266.
feste Grenze des rationalen Diskutierens zu erzwingen. Alsbald aber wurde die Trinität selbst rational begründet und diskutiert. Und gerade wegen der unversöhnlich scheinenden Spannung steht die Religion, die prophetische wie die priesterliche, immer wieder in intimen Beziehungen zum rationalen Intellektualismus. Je weniger sie Magie oder bloße kontemplative Mystik und je mehr sie „Lehre“ ist, desto mehr besteht für sie das Bedürfnis nach rationaler Apologetik. Von den Zauberern, welche überall die [C 565]typischen Bewahrer der Mythen und Heldensage wurden, weil sie bei der Erziehung und Schulung der jungen Krieger zum Zwecke der Erweckung der Heldenekstase und Heldenwiedergeburt beteiligt waren, übernahm die Priesterschaft, als allein zur Erhaltung einer perennierenden Tradition fähig, die Schulung der Jugend im Gesetz und oft auch in rein verwaltungstechnischen Kunstlehren, vor allem: in der Schrift und im Rechnen. Je mehr nun die Religion Buchreligion und Lehre wurde
l
A: ist
, desto literarischer und daher desto mehr ein priesterfreies rationales Laiendenken provozierend wirkte
m
A: wirkt
sie. Aus dem Laiendenken aber entstanden
n
A: entstehen
immer wieder sowohl die priesterfeindlichen Propheten, wie die ihr religiöses Heil priesterfrei suchenden Mystiker und Sektierer und schließlich die Skeptiker und glaubensfeindlichen Philosophen, gegen die dann wieder eine Rationalisierung der priesterlichen Apologetik reagierte
o
A: reagiert
. Die antireligiöse Skepsis als solche war in China, in
p
Fehlt in A.
Ägypten, in den Veden, in der nachexilischen jüdischen Literatur im Prinzip ganz ebenso vertreten wie heute. Es sind fast keine neuen Argumente hinzugetreten. Monopolisierung der Jugenderziehung wurde
q
A: wird
daher zentrale Machtfrage für die Priesterschaft. Deren Macht konnte
r
A: Ihre Macht kann
mit zunehmender Rationalisierung der politischen Verwaltung steigen. Wie anfänglich sie allein in Ägypten und Babylonien dem Staat die Schreiber lieferte, so noch den mittelalterlichen Fürsten mit beginnender Schriftlichkeit der Verwaltung. Von den großen Systemen der Pädagogik haben nur der Konfuzianismus und die mittelländische Antike, der erstere durch die Macht seiner Staatsbureaukratie, die letztere umgekehrt durch das absolute Fehlen bureaukratischer Verwaltung, sich dieser [514]Macht der Priesterschaft zu [A, A₁ 414]entziehen gewußt und damit auch die Priesterreligion ausgeschaltet. Die Priesterschaft war
s
[514]A: ist
sonst regelmäßige Trägerin der Schule.
t
In A folgt ein neuer Absatz.
Nicht nur diese eigentlichsten Priesterinteressen aber bedingten die immer neue Verbindung der Religion mit dem Intellektualismus, sondern auch die innerliche Nötigung durch den rationalen Charakter der religiösen Ethik und das spezifisch intellektualistische Erlösungsbedürfnis. Im Effekt stand
a
A: steht
dabei jede Religiosität in ihrem psychologischen und gedanklichen Unterbau und in ihren praktischen Konsequenzen verschieden zum Intellektualismus, ohne daß doch die Wirkung jener letzten inneren Spannung, welche in der unvermeidlichen Disparatheit der letzten Formungen des Weltbildes liegt, je [C 566]verschwände. Es gibt durchaus keine ungebrochene, als Lebensmacht wirkende, Religion, welche nicht an irgendeiner Stelle das „credo non quod, sed quia absurdum“, – das „Opfer des Intellekts“, – fordern müßte.
b
Fehlt in A.
Es ist schwerlich nötig und wäre auch nicht möglich, die Stadien dieser Spannung zwischen Religion und intellektuellem Erkennen hier einzeln vorzuführen. Die Erlösungsreligion wehrt sich gegen den Angriff des selbstgenugsamen Intellektes am prinzipiellsten natürlich
c
Fehlt in A.
durch den Anspruch: daß ihr eignes Erkennen in einer anderen Sphäre sich vollziehe und nach Art und Sinn gänzlich heterogen und disparat sei gegenüber dem, was der Intellekt leiste. Nicht ein letztes intellektuelles Wissen über das Seiende oder normativ Geltende, sondern eine letzte Stellungnahme zur Welt kraft unmittelbaren Erfassens ihres „Sinnes“ sei das, was sie darbiete. Und sie erschließe ihn nicht mit den Mitteln des Verstandes, sondern
d
A, A₁: Verstandes. Sondern
kraft des Charisma einer Erleuchtung, welche nur dem zuteil werde, der sich durch die dafür an die Hand gegebene Technik von den irreleitenden Scheinsurrogaten, welche der verworrene Eindruck der sinnlichen Welt und die in Wahrheit für das Heil gleichgültigen und leeren Abstraktionen des Verstandes als Erkenntnis liefern, befreie und so in sich für die Aufnahme der praktisch allein wichtigen Erfassung des Sinnes der Welt und des eigenen Daseins die Stätte zu bereiten wisse. In allen Unternehmungen der Philosophie, jenen letzten Sinn und die ihn erfassende (praktische) Stellungnahme demonstrabel zu machen, ebenso aber in dem Versuch, irgendwelche [515]Intuitionserkenntnisse von prinzipiell anderer Dignität, die aber doch auch das „Sein“ der Welt betreffen, zu gewinnen, wird sie nichts als das Bestreben des Intellekts sehen, seiner Eigengesetzlichkeit zu entrinnen. Und vor allem: ein ganz spezifisches Produkt eben jenes Rationalismus, dem der Intellektualismus [A, A₁ 415]dadurch so gern entgehen möchte. – Aber freilich wird sie selbst, von ihrer eignen Position aus gesehen, sich gleich unkonsequenter Übergriffe schuldig machen, sobald sie die unangreifbare Inkommunikabilität des mystischen Erlebnisses aufgibt, für welches es, konsequenter Weise, nur Mittel seiner Herbeiführung als Ereignis
e
[515] In A nicht hervorgehoben.
, nicht aber:
f
A: aber
der adäquaten Mitteilung und Demonstration
g
Fehlt in A.
geben könnte. Dies zu tun, muß jeder Versuch der Wirkung auf die Welt sie in Gefahr bringen, sobald er den Charakter der Propaganda annimmt. Ebenso aber [C 567]jeder Versuch einer rationalen Deutung des Weltsinns, der dennoch immer erneut gemacht worden ist. –
Die „Welt“ kann, alles in allem, unter verschiedenen Gesichtspunkten mit religiösen Postulaten in Konflikt geraten. Immer ist der betreffende Gesichtspunkt zugleich der wichtigste inhaltliche Richtungspunkt für die Art des Strebens nach Erlösung.
Das bewußt als Inhalt einer Religiosität gepflegte Erlösungsbedürfnis ist stets und überall, nur in sehr verschieden stark festgehaltener Deutlichkeit des Zusammenhangs, entstanden als Konsequenz des Versuchs einer systematischen praktischen Rationalisierung der Realitäten des Lebens. Anders ausgedrückt: des Anspruchs, – der auf dieser Stufe zur spezifischen Voraussetzung aller Religion wird –, daß der Weltverlauf, wenigstens soweit er die Interessen der Menschen berührt, ein irgendwie sinnvoller Vorgang sei. Dieser Anspruch tauchte, wie wir sahen, naturgemäß zunächst als das landläufige Problem des ungerechten Leidens auf, also als das Postulat eines gerechten Ausgleichs für die ungleiche Verteilung des individuellen Glücks innerhalb der Welt. Er hatte die Tendenz, von da aus stufenweise zu einer immer weiteren Entwertung der Welt fortzuschreiten. Denn je intensiver das rationale Denken jenes Problem
h
A: Problems
des gerechten vergeltenden Ausgleichs aufgriff, desto weniger konnte seine rein innerweltliche Lösung möglich und eine außerweltliche wahrscheinlich oder sinnvoll scheinen. Der Gang der Welt, so wie er tatsächlich ist, kümmerte sich, soweit der Augenschein reichte, um [516]jenes Postulat wenig. Denn nicht nur die ethisch unmotivierte Ungleichheit der Verteilung von Glück und Leid, für die ein Ausgleich denkbar schien, sondern schon die bloße Tatsache der Existenz des Leidens als solchen mußte ja irrational bleiben. Denn dessen universelle Verbreitung konnte ja nur durch das [A, A₁ 416]andere, noch irrationalere Problem der Herkunft der Sünde, – die nach der Lehre der Propheten und Priester das Leiden als Strafe oder Zuchtmittel erklären sollte, – ersetzt werden. Eine zum Sündigen geschaffene Welt mußte aber ethisch noch unvollkommener erscheinen als eine zum Leiden verurteilte. Fest stand jedenfalls für das ethische Postulat die absolute Unvollkommenheit dieser Welt. Nur durch diese Unvollkommenheit schien sich ja
i
[516] Fehlt in A.
auch ihre Vergänglichkeit sinnvoll zu rechtfertigen. Allein diese Rechtfertigung konnte geeignet erscheinen, die Welt [C 568]noch weiter zu entwerten. Denn nicht nur das Wertlose, nicht einmal vornehmlich dies, zeigte sich als vergänglich. Daß aber Tod und Verfall die besten ebenso wie die schlechtesten Menschen und Dinge nivellierend ereilte, konnte als
j
A: mußte
eine Entwertung gerade der höchsten innerweltlichen Güter als solcher erscheinen
k
A: bedeuten
, sobald einmal die Vorstellung einer ewigen Dauer der Zeit, eines ewigen Gottes und einer ewigen Ordnung überhaupt konzipiert war. Wenn nun demgegenüber
l
A, A₁: dem gegenüber
Werte, und gerade die am höchsten geschätzten, als „zeitlos“ geltend verklärt und daher die Bedeutung ihrer Realisierung in der „Kultur“ als von der zeitlichen Dauer der konkreten Realisierungserscheinung unabhängig hingestellt wurden, dann konnte sich die ethische Verwerfung der empirischen Welt wiederum weiter steigern. Denn nun konnte eine Gedankenreihe in den religiösen Horizont treten, welche von weit größerer Bedeutung war als Unvollkommenheit und Vergänglichkeit der Weltgüter im allgemeinen, weil sie geeignet war, gerade die üblicherweise höchstgestellten „Kulturgüter“ unter Anklage zu bringen. Ihnen allen haftete ja die Todsünde einer unvermeidlichen spezifischen Schuldbelastetheit an. Sie zeigten sich an Geistes- oder Geschmacks-Charisma
m
A, A₁: Geschmack-Charisma
gebunden, und ihre Pflege schien unvermeidlich Daseinsformen vorauszusetzen, welche der Brüderlichkeitsforderung zuwiderliefen und nur durch Selbsttäuschung sich ihr anpassen ließen. Bildungs- und Geschmackskultur-Schranken sind die innerlichsten und un[517]übersteigbarsten aller ständischen Unterschiede. Religiöse Schuld konnte nun nicht nur als gelegentliches Akzidens, sondern als ein integrierender Bestandteil aller Kultur, alles Handelns in einer Kulturwelt und, schließlich, alles geformten Lebens überhaupt erscheinen. Gerade alles Höchste, was diese Welt an Gütern zu bieten hatte, schien dadurch mit der größten Schuld belastet. Die äußere Ordnung der sozialen Gemeinschaft, je [A, A₁ 417]mehr sie zur Kulturgemeinschaft des staatlichen Kosmos wurde, war offensichtlich überall nur mit brutaler, um Gerechtigkeit sich nur nominell und gelegentlich, jedenfalls nur soweit die eigene ratio es zuließ, kümmernder Gewalt aufrechtzuerhalten, die aus sich unvermeidlich immer neue Gewalttaten nach außen und innen und überdies noch unaufrichtige Vorwände für solche erzeugte, also:
n
[517]A: also
offene oder, was schlimmer scheinen mußte:
o
A, A₁: mußte,
pharisäisch verhüllte Lieblosigkeit bedeutete. Der versachlichte ökonomische Kosmos, also gerade die rational höchste [C 569]Form der für jede innerweltliche Kultur unentbehrlichen materiellen Güterversorgung, war ein Gebilde, dem die Lieblosigkeit von der Wurzel aus anhaftete. Alle Arten des Handelns in der geformten Welt schienen in die gleiche Schuld verstrickt. Verhüllte und sublimierte Brutalität, brüderlichkeitsfeindliche Idiosynkrasie und illusionistische Verschiebung des gerechten Augenmaßes begleiteten unvermeidlich die Geschlechtsliebe, und je machtvoller sie ihre Gewalt entfaltete, desto stärker und zugleich von den Beteiligten selbst unbemerkter oder auch:
p
A: auch
desto pharisäisch verhüllter. Das rationale Erkennen, an welches ja die ethische Religiosität selbst appelliert hatte, gestaltete, autonom und innerweltlich seinen eigenen Normen folgend, einen Kosmos von Wahrheiten, welcher nicht nur mit den systematischen Postulaten der rationalen religiösen Ethik: daß die Welt als Kosmos ihren Anforderungen genüge oder irgendeinen
q
A, A₁: irgend einen
„Sinn“ aufweise, gar nichts mehr zu schaffen hatte, diesen Anspruch vielmehr prinzipiell ablehnen mußte. Der Kosmos der Naturkausalität und der postulierte Kosmos der ethischen Ausgleichskausalität standen in unvereinbarem Gegensatz gegeneinander. Und obwohl die Wissenschaft, die jenen Kosmos schuf, über ihre eigenen letzten Voraussetzungen sicheren Aufschluß nicht geben zu können schien, trat sie im Namen der „intellektuellen Rechtschaffenheit“
r
A: intellektuellen Rechtschaffenheit
mit dem Anspruch auf:
s
A: auf,
[518]die einzig mögliche Form der denkenden Weltbetrachtung zu sein. Wie alle Kulturwerte, so schuf dabei auch der Intellekt eine von allen persönlichen ethischen Qualitäten der Menschen unabhängige, also
t
[518] In A folgt: rational
unbrüderliche Aristokratie des rationalen
a
Fehlt in A.
Kulturbesitzes. Nun aber haftete diesem Kulturbesitz, und also:
b
A: also
dem für den „innerweltlichen“ Menschen
c
Fehlt in A.
Höchsten in dieser Welt, neben seiner ethischen Schuldbelastetheit auch etwas an, was ihn noch viel endgültiger entwerten mußte: die Sinnlosigkeit, wenn man ihn mit seinen eigenen Maßstäben bewertete. Die Sinnlosigkeit der [A, A₁ 418]rein innerweltlichen Selbstvervollkommnung zum Kulturmenschen, des letzten Wertes also, auf welchen die „Kultur“ reduzierbar schien, folgte für das religiöse Denken ja schon aus der – von eben jenem innerweltlichen Standpunkt aus gesehen – offenbaren Sinnlosigkeit des Todes, welcher, gerade unter den Bedingungen der „Kultur“, der Sinnlosigkeit des Lebens erst den endgültigen Akzent aufzuprägen schien. Der Bauer konnte „lebenssatt“ sterben wie Abraham.
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[518] 1. Mose 25.8.
Der feudale [C 570]Grundherr und Kriegsheld auch. Denn beide erfüllten einen Kreislauf ihres Seins, über den sie nicht hinausgriffen. Sie konnten so in ihrer Art zu einer innerirdischen Vollendung gelangen, wie sie aus der naiven Eindeutigkeit ihrer Lebensinhalte folgte. Aber der nach Selbstvervollkommnung im Sinne der Aneignung oder Schaffung von „Kulturinhalten“ strebende „gebildete“ Mensch nicht. Er konnte zwar „lebensmüde“, aber nicht im Sinne der Vollendung eines Kreislaufs „lebenssatt“ werden. Denn seine Perfektibilität ging ja prinzipiell ebenso ins Schrankenlose wie diejenige der Kulturgüter. Und je mehr sich die Kulturgüter und Selbstvervollkommnungsziele differenzierten und vervielfältigten, desto geringfügiger wurde der Bruchteil, den der einzelne
d
A, A₁: Einzelne
, passiv als Aufnehmender, aktiv als Mitschöpfer, im Laufe eines endlichen Lebens umspannen konnte. Desto weniger konnte also die Hineingespanntheit in diesen äußeren und inneren Kulturkosmos die Wahrscheinlichkeit bieten: daß ein einzelner
e
Α, A₁: Einzelner
die Gesamtkultur, oder daß er das in irgendeinem
f
A, A₁: irgend einem
Sinne „Wesentliche“ an ihr, für welches es überdies keinen endgültigen Maßstab gab, in sich aufnehmen könne, und daß also die „Kultur“ [519]und das Streben nach ihr irgendeinen
g
[519] A, A₁: irgend einen
innerweltlichen Sinn für ihn haben könne. Gewiß bestand „Kultur“ für den einzelnen
i
A₁: Einzelnen
nicht im Quantum des von ihm an „Kulturgütern“ Errafften, sondern in einer geformten Auslese daraus. Aber dafür, daß diese – für ihn – ein sinnvolles Ende gerade mit dem „zufälligen“ Zeitpunkt seines Todes erreicht habe, bestand keine Gewähr. Und wenn er sich gar vornehm vom Leben abwendete: – „ich habe genug, – es hat mir alles geboten (oder: versagt), was mir des Lebens wert war“, – so mußte diese stolze Haltung der Erlösungsreligion als ein blasphemisches Verschmähen der von Gott verordneten Lebenswege und Schicksale erscheinen: keine Erlösungsreligion billigt positiv den „Freitod“, den nur Philosophien verklärt haben. –
h
Fehlt in A.
Alle „Kultur“ erschien, so angesehen, als ein Heraustreten des Menschen aus dem organisch vorgezeichneten Kreislauf des natürlichen Lebens, und eben deshalb dazu verdammt, mit jedem Schritt weiter eine nur immer vernichtendere Sinnlosigkeit, der Dienst an den Kulturgütern aber, je mehr er zu einer heiligen Aufgabe, einem „Beruf“ gemacht wurde, ein um so sinnloseres Hasten im Dienst wertloser und überdies in sich überall widerspruchsvoller und gegeneinander antagonistischer Ziele zu werden.
[C 571]Als Stätte der Unvollkommenheit, der Ungerechtigkeit, des Leidens, der Sünde, der Vergänglichkeit, der notwendig schuld[A, A₁ 419]belasteten, notwendig mit immer weiterer Entfaltung und Differenzierung immer sinnloser werdenden Kultur: in allen diesen Instanzen mußte so die Welt, rein ethisch angesehen, dem religiösen Postulat eines göttlichen „Sinnes“ ihrer Existenz gleich brüchig und entwertet erscheinen. Auf diese Entwertung:
k
A: Entwertung,
eine Folge des Konfliktes zwischen rationalem Anspruch und Wirklichkeit, rationaler Ethik und teils rationalen, teils irrationalen Werten, der mit jeder Herauspräparierung der spezifischen Eigenart jeder in der Welt vorkommenden Sondersphäre immer schroffer und unlösbarer hervorzutreten schien, reagierte das Bedürfnis nach „Erlösung“ derart, daß, je systematischer das Denken über den „Sinn“ der Welt, je rationalisierter diese selbst in ihrer äußeren Organisation, je sublimierter das bewußte Erleben ihrer irrationalen Inhalte wurde, desto unweltlicher, allem geformten Leben fremder, genau parallel damit, das zu werden begann, was den spezifischen Inhalt des Religiösen ausmach[520]te. Und nicht etwa nur das theoretische Denken, welches die Welt entzauberte, sondern gerade der Versuch der religiösen Ethik, sie praktisch ethisch zu rationalisieren, führte in diese Bahn.
Und schließlich: die spezifisch intellektualistische, mystische Erlösungssuche gegenüber diesen Spannungen fiel auch selbst der Weltherrschaft der Unbrüderlichkeit anheim. Einerseits war ja
l
[520] Fehlt in A.
ihr Charisma nicht
m
In A nicht hervorgehoben.
jedermann zugänglich. Sie war also, dem Sinne nach, Aristokratismus höchster Potenz: religiöser Heilsaristokratismus. Und inmitten einer rational zur Berufsarbeit organisierten Kultur blieb für die Pflege der akosmistischen Brüderlichkeit selbst – außerhalb der ökonomisch sorgenfreien Schichten – kaum noch Platz: das Leben des Buddha, Jesus, Franziskus zu führen, scheint unter den technischen und sozialen Bedingungen rationaler Kultur rein äußerlich zum Mißerfolg verurteilt. –
Die einzelnen weltablehnenden Erlösungsethiken der Vergangenheit setzten nun jede mit ihrer Weltablehnung an höchst verschiedenen Stellen dieser rein rational konstruierten Skala ein. Neben den zahlreichen konkreten Umständen, von welchen dies abhing, und welche zu ermitteln eine theoretische Kasuistik nicht ausreicht, spielte auch ein rationales Element dabei eine Rolle: die Struktur derjenigen Theodicee, durch welche das [C 572]metaphysische Bedürfnis: trotz allem in diesen unüberbrückbaren Spannungen einen gemeinsamen Sinn zu finden, auf das [A, A₁ 420]Bewußtsein von deren Existenz reagierte. Von den drei in den einleitenden Ausführungen als allein konsequent bezeichneten Arten der Theodicee
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[520] Oben, S. 95.
konnte der Dualismus jenem Bedürfnis nicht unerhebliche Dienste leisten. Das seit ewigen Zeiten und für ewige Zeiten bestehende Neben- und Gegeneinander einer Macht des Lichts, der Wahrheit, Reinheit und Güte und einer Macht der Finsternis, der Lüge, Unreinheit und Bosheit war letztlich nur eine unmittelbare Systematisierung des magischen Pluralismus der Geister mit ihrer Scheidung von guten (nützlichen) und bösen (schädlichen) Geistern, der Vorstufen des Gegensatzes von Göttern und Dämonen. In derjenigen prophetischen Religiosität, welche diese Konzeption am konsequentesten durchführte: dem Zarathustrismus, knüpfte der Dualismus direkt an den magischen Gegensatz [521]von „rein“ und „unrein“ an, in den alle Tugenden und Laster eingegliedert wurden. Er bedeutet den Verzicht auf die Allmacht eines Gottes, welcher vielmehr an dem Bestehen der widergöttlichen Macht seine Schranke fand. Er ist von den heutigen Bekennern (den Parsen) tatsächlich aufgegeben worden, weil diese Schranke nicht ertragen wurde. Während in ihrer konsequentesten Eschatologie die Welt des Reinen und des Unreinen, aus deren Vermischung die brüchige empirische Welt hervorging, sich für immer wieder in zwei beziehungslose Reiche schied, läßt die modernere Endhoffnung den Gott der Reinheit und Güte ebenso siegen, wie das Christentum den Heiland über den Teufel. Diese inkonsequentere Form des Dualismus ist die volkstümliche über die ganze Erde hin verbreitete Vorstellung von Himmel und Hölle. Sie stellt die Souveränität Gottes über den bösen Geist, der sein Geschöpf ist, wieder her, glaubt dadurch die göttliche Allmacht gerettet, muß dann aber, wohl oder übel, eingestandener- oder verhülltermaßen, etwas von der göttlichen Liebe opfern, der, wenn die Allwissenheit festgehalten wird, die Schaffung einer Macht des radikal Bösen und die Zulassung der Sünde, zumal in Gemeinschaft mit der Ewigkeit der Höllenstrafen an einem eigenen endlichen Geschöpf und für endliche Sünden, schlechterdings nicht entspricht. Konsequent ist alsdann nur ein Verzicht auf die Güte. Diesen vollzog, der Sache nach, in voller Konsequenz der Prädestinationsglaube. Die anerkannte Unmöglichkeit, Got[C 573]tes Ratschlüsse mit menschlichen Maßstäben messen zu können, bedeutete in liebloser Klarheit den Verzicht auf die Zugänglichkeit eines Sinnes der [A, A₁ 421]Welt für menschliches Verstehen, welcher damit auch aller Problematik dieser Art ein Ende machte. Er ist in dieser Konsequenz außerhalb des Kreises eines hochgesteigerten Virtuosentums nicht dauernd ertragen worden. Gerade weil er, – im Gegensatz zum Glauben an die irrationale Macht des „Verhängnisses“ –, die Annahme providentieller, also irgendwie rationaler, Bestimmtheit der Verdammten nicht nur zum Untergang, sondern zum Bösen, dennoch aber die „Strafe“, also die Anwendung einer ethischen Kategorie auf sie, fordert.
Von der Bedeutung des Prädestinationsglaubens ist in dem ersten Aufsatz dieser Sammlung
n
[521] A: anderwärts
gesprochen.
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[521] Weber, Protestantische Ethik2.
Den zarathustrischen Dua[522]lismus behandeln wir später
45
[522] Diese Behandlung hatte Weber vermutlich für seine geplante, aber nicht mehr ausgeführte Darstellung des talmudischen Judentums vorgesehen.
und zwar nur kurz
o
[522] A: hier nicht
, weil die Zahl seiner Bekenner gering ist.
p
In A folgt: Ihre Ethik, welche die Heilschancen des Einzelnen von einer Art von Kontokorrentrechnung der Sünden und Verdienste abhängig machte, hat diese, ursprünglich allen Handel als Betrug verdammende, nur den Ackerbau als Gott wohlgefällig anerkennende Ritter- und Bauernreligion im indischen Exil nach der islamischen Unterwerfung Persiens zur Konfession einer Kaufmannsklasse werden lassen, wesentlich wohl, weil die Wahrhaftigkeit und Verläßlichkeit als eine Form der „Reinheit“ Kardinaltugend blieb.
Er könnte hier gänzlich ausfallen, wenn nicht der Einfluß der persischen Endgerichtsvorstellungen, Dämonen- und Engellehre auf das Spätjudentum eine erhebliche historische Bedeutung konstituierte.
q
Fehlt in A.
Die dritte, durch ihre Konsequenz sowohl wie durch die außerordentliche metaphysische Leistung: Vereinigung virtuosenhafter Selbsterlösung aus eigener Kraft mit universeller Zugänglichkeit des Heils, strengster Weltablehnung mit organischer Sozialethik, Kontemplation als höchsten Heilswegs mit innerweltlicher Berufsethik, hervorragende Form der Theodicee war der indischen Intellektuellen-Religiosität eigentümlich, welcher wir uns nunmehr zuwenden.
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Die erste Folge über Hinduismus und Buddhismus erschien im folgenden Heft im April 1916 (Band 41, Heft 3) des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Die gesamte Studie über Hinduismus und Buddhismus bildet den zweiten Band der ab 1920 erscheinenden Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie.