Wirtschaft und Gesellschaft. Soziologie. Unvollendet 1919–1920
(MWG I/23, hg. von Knut Borchardt, Edith Hanke und Wolfgang Schluchter)
Bände

[Wirtschaft und Gesellschaft, 1. Lieferung, 1921]N1 Die Überschrift findet sich nicht in der MWG-Druckfassung; hier in MWG digital eingefügt.

[147][A 1]Kapitel I. Soziologische Grundbegriffe.

Vorbemerkung. Die Methode dieser einleitenden, nicht gut zu entbehrenden, aber unvermeidlich abstrakt und wirklichkeitsfremd wirkenden Begriffsdefinition beansprucht in keiner Art: neu zu sein. Im Gegenteil wünscht sie nur in – wie gehofft wird – zweckmäßigerer und etwas korrekterer (eben deshalb freilich vielleicht pedantisch wirkender) Ausdrucksweise zu formulieren, was jede empirische Soziologie tatsächlich meint, wenn sie von den gleichen Dingen spricht. Dies auch da, wo scheinbar ungewohnte oder neue Ausdrücke verwendet werden. Gegenüber dem Aufsatz im Logos IV (1913, S. 253 ff.a[147]A: 253 f.)1 [147]Weber, Kategorien, S. 253–295. ist die Terminologie tunlichst vereinfacht und daher auch mehrfach verändert, um möglichst leicht verständlich zu sein. Das Bedürfnis nach unbedingter Popularisierung freilich wäre mit dem Bedürfnis nach größtmöglichster Begriffsschärfe nicht immer vereinbar und muß diesem gegebenenfalls weichen.

Über „Verstehen“ vgl. die „Allgemeine Psychopathologie“ von K[arl] Jaspers2 Jaspers, Psychopathologie. Zum Begriff des Verstehens bei Karl Jaspers, den er im Dialog mit Max Weber ausarbeitete, insbes. ebd., S. 12–23 und S. 145–153. (auch einige Bemerkungen von Rickert in der 2. Aufl. der „Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung“3 Rickert, Grenzen2, insbes. S. 521 ff. und namentlich von Simmel in den „Problemen der Geschichtsphilosophie“4 Simmel, Probleme2, entwickelt im ersten Kapitel eine Theorie des historischen Verstehens im Rahmen der Frage nach der Möglichkeit der historischen Erkenntnis überhaupt, nach dem „Apriori des geschichtlichen Erkennens“ (ebd., S. V). Dieses Kapitel war nach Weber für eine Theorie des Verstehens besonders relevant. Das konstatiert er bereits 1905: „Die logisch weitaus entwickeltsten Ansätze einer Theorie des ‚Verstehensʼ finden sich in der zweiten Auflage von Simmels ,Probleme der Geschichtsphilosophieʼ (S. 27–62).“ (Weber, Roscher und Knies II, S.137). Weber würdigt vor allem Simmels Verdienst, „das objektive ,Verstehenʼ des Sinnes einer Äußerung von der subjektiven ,Deutungʼ der Motive eines (sprechenden oder handelnden) Menschen klar geschieden zu haben“. Er stellt aber gegenüber Simmel korrigierend fest, das Verstehen des Sinns einer Äußerung sei nicht, wie bei diesem, auf die theoretische Erkenntnis beschränkt, sondern betreffe auch Befehle, Appelle an das Gewissen, Werturteile und Wertgefühle, kurz: alles „Geäußerte“ (ebd., S. 139). Die Unterscheidung der beiden Arten des Verstehens findet sich bei Simmel, Probleme2, S. 28. Weber bezieht sich an zwei weiteren Stellen in Kapitel I auf Simmels Theorie des historischen Verstehens, so in § 1, Nr. 2 und Nr. 4, unten, S. 150 und S. 153. Für Weber ist die 2. Auflage von Simmels Arbeit auch deshalb attraktiv, weil sie „durch und durch unter dem Einfluß Rickertʼscher Gedanken“ stehe. Vgl. dazu den Brief Max Webers an Franz Eulen[148]burg vom 10. April 1905, GStA PK, VI. HA, Nl. Max Weber, Nr. 30, Bd. 4, Bl. 113–114 (MWG II/4). gehören dahin). [148]Methodisch weise ich auch hier, wie schon öfter, auf den Vorgang von F[riedrich] Gottl in der freilich etwas schwer verständlich geschriebenen und wohl nicht überall ganz zu Ende gedanklich durchgeformten Schrift: „Die Herrschaft des Worts“ hin.5 Gottl, Herrschaft. Weber würdigt dieses Werk in seinem Aufsatz über Roscher und Knies wegen der selbständigen Behandlung der Probleme der Begriffsbildung in der Nationalökonomie, kritisiert aber neben der „fast bis zur Unverständlichkeit sublimierten Sprache“ den dabei eingenommenen „psychologistischen erkenntnistheoretischen Standpunkt“. Nach der Veröffentlichung von Heinrich Rickerts Kapitel 4 und 5 seiner „Grenzen“ im Jahre 1902 sei denn auch Gottls Ansatz „in manchen […] Punkten“ überholt (Weber, Roscher und Knies I, S. 4, Fn. 1). Gottls Buch bleibt für Weber aber unabhängig davon wegen der darin enthaltenen Theorie der Deutung wichtig, eines Themas, das Rickert 1902 noch ausgespart hatte. Gottl habe „die umfassendste methodologische Verwertung der Kategorie [der Deutung]“ durchgeführt (ebd. II, S. 137 f.). Im übrigen unterstreicht Weber bei aller Kritik immer wieder seine Wertschätzung der methodologischen Arbeit dieses Autors. Er gebe eine „in ihrer Eigenart feine und geistvolle Beleuchtung des Problems“ (ebd. I, S. 4, Fn. 1), seine Arbeit enthalte „viele vortreffliche Bemerkungen“ (ebd. II, S. 141, Fn. 2). Zu Webers ausführlicher Kritik an Gottls Verstehenstheorie ebd. II, S. 141–143, Fn. 2. Es kostete Weber allerdings große Mühe, Gottls Beitrag gerecht zu werden. In einem Brief an ihn gesteht er, er habe die Arbeit „4 Mal lesen müssen“, um das Gemeinte zu erfassen. Dazu Brief Max Webers an Friedrich Gottl vom 8. April 1906, MWG II/5, S. 69–72, Zitat: S. 70. Sachlich vor allem auf das schöne Werk von F[erdinand] Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft.6 Tönnies, Gemeinschaft. Die zweite Auflage von 1912 versah Tönnies mit dem neuen Untertitel „Grundbegriffe der reinen Soziologie“ (vgl. Tönnies, Gemeinschaft2). Weber grenzt sich allerdings von Tönniesʼ Terminologie ab, vgl. Kap. I, § 9, Nr. 1, unten, S. 195; ferner den Brief Max Webers an Ferdinand Tönnies vom 29. August 1909, MWG II/6, S. 237 f. Ferner auf das stark irreführende Buch von R[udolf] Stammler, Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung und meine Kritik dazu im Archiv f[ür] Sozialwissensch[aft] XXIV (1907),7 Stammler, Wirtschaft und Recht2; Weber, Stammlers Überwindung, S. 94–151. Webers Handexemplar von Stammlers Buch (Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München) weist Anstreichungen und Randnotizen auf nahezu jeder Seite auf. welche die Grundlagen des Nachfolgenden vielfach schon enthielt. Von Simmels Methode (in der „Soziologie“ und in „Philos[ophie] des Geldes“)b[148]In A folgt ein Komma. weiche ich durch tunlichste Scheidung des gemeinten von dem objektiv gültigen „Sinn“ ab, die beide Simmel nicht nur nicht immer scheidet, sondern oft absichtsvoll ineinander fließen läßt.8 Simmel, Soziologie; Simmel, Philosophie des Geldes2. Webers Aussage scheint sich nicht auf eine einzelne Textstelle zu beziehen. Sie gilt vielmehr dem Ansatz von Simmels Soziologie allgemein. Von Simmels soziologischer Methode im engeren Sinn distanziert Weber sich. Generell wirft er ihm eine Neigung zu einer „psychologisti[149]schen Formulierungsweise“ vor (Weber, Roscher und Knies II, S. 140). Dazu ausführlich die Einleitung, oben, S. 34 ff.

[149]§ 1. Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. „Handeln“ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. „Soziales“ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.

I. Methodische Grundlagen.

1. „Sinn“ ist hier entweder a) der tatsächlich α. in einem historisch gegebenen Fall von einem Handelnden oder β. durchschnittlich und annähernd in einer gegebenen Masse von Fällen von den Handelnden oder b) derc[149]Fehlt in A; der sinngemäß ergänzt; vgl. dazu auch die Einteilung unten, S. 155 f., Nr. 6. in einem begrifflich konstruierten reinen Typus von dem oder den als Typus gedachten Handelnden subjektiv gemeinte Sinn. Nicht etwa irgendein objektiv „richtiger“ oder ein metaphysisch ergründeter „wahrer“ Sinn. Darin liegt der Unterschied der empirischen Wissen[A 2]schaften vom Handeln: der Soziologie und der Geschichte, gegenüber allen dogmatischen: Jurisprudenz, Logik, Ethik, Ästhetik, welche an ihren Objekten den „richtigen“, „gültigen“, Sinn erforschen wollen.

2. Die Grenze sinnhaften Handelns gegen ein bloß (wie wir hier sagen wollen:) reaktives, mit einem subjektiv gemeinten Sinn nicht verbundenes, Sichverhalten ist durchaus flüssig. Ein sehr bedeutender Teil alles soziologisch relevanten Sichverhaltens, insbesondere das rein traditionale Handeln (s. u.)9 Kap. I, § 2, Nr. 4, unten, S. 176. steht auf der Grenze beider. Sinnhaftes, d. h. verstehbares, Handeln liegt in manchen Fällen psychophysischer Vorgänge gar nicht, in andren nur für den Fachexperten vor;10 Weber stützt sich hier auf die psychologische und psychopathologische Literatur der Zeit, insbesondere auf die Arbeiten von Emil Kraepelin und seiner Schule. Im Zusammenhang mit den „Erhebungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie“ im Verein für Sozialpolitik schrieb Weber eine kritische Literaturübersicht unter dem Titel „Zur Psy[150]chophysik der industriellen Arbeit“, in die er die Ergebnisse einer kleinen eigenen empirischen Untersuchung in der Weberei seiner Verwandten in Örlinghausen einschaltete (vgl. dazu MWG I/11, S. 162–380 und die Einleitung des Herausgebers, ebd., bes. S. 20 ff.). Bereits in der Studie über den asketischen Protestantismus hatte er sich mit Literatur dieser Art beschäftigt, was ihn zu dem Urteil führte: „Der einigermaßen gesicherte Begriffsvorrat der Psychologie reicht vorerst entfernt nicht aus, um für die Zwecke der historischen Forschung auf dem Gebiet unserer Probleme nutzbar gemacht zu werden.“ Weber, Max, Die protestantische Ethik und der ,Geistʼ des Kapitalismus. II. Die Berufsidee des asketischen Protestantismus, in: AfSSp, Band 21, 1905, S. 1–110 (MWG I/9), Zitat: S. 45, Fn. 79a. mystische und daher in Worten [150]nicht adäquat kommunikable Vorgänge sind für den solchen Erlebnissen nicht Zugänglichen nicht voll verstehbar. Dagegen ist die Fähigkeit, aus Eignem ein gleichartiges Handeln zu produzieren, nicht Voraussetzung der Verstehbarkeit: „man braucht nicht Cäsar zu sein, um Cäsar zu verstehen.“11 Weber gibt eine Formulierung von Simmel verkürzt wieder. Bei diesem heißt es: „Und dennoch sind wir überzeugt, daß man kein Cäsar zu sein braucht, um Cäsar wirklich zu verstehen, und kein zweiter Luther, um Luther zu begreifen.“ Simmel, Probleme2, S. 57. Das Zitat verwendet Weber bereits in Roscher und Knies II, S. 146, Fn. 1. Die volle „Nacherlebbarkeit“ ist für die Evidenz des Verstehens wichtig, nicht aber absolute Bedingung der Sinndeutung.12 Weber bezieht sich hier vermutlich auf Gottl. Dieser hatte behauptet, alles Handlungsgeschehen sei Erlebnis. Wir nähmen es „geradeaus als Miterleben entgegen, auf dem Umwege der Sprache als Nacherlebtes“ . Es treffe „mit diesem Erleben zusammen, daß uns alles Geschehen des Handelns gleich mit einem Gehalte zufällt.“ (Gottl, Herrschaft, S. 78). Weber bestreitet zwar nicht die erkenntnispsychologische Rolle der nacherlebenden Deutung, wohl aber die von Gottl behauptete Einheit von evidenter Deutung und empirischer Geltung. Der Grundirrtum der von Gottl und von anderen akzeptierten Erkenntnistheorie bestehe darin, „daß sie das Maximum ,anschaulicherʼ Evidenz mit dem Maximum von (empirischer) Gewißheit verwechselt.“ (Weber, Roscher und Knies III, S. 92). Zum logischen Charakter des Nacherlebens ebd., S. 96 f. Verstehbare und nicht verstehbare Bestandteile eines Vorgangs sind oft untermischt und verbunden.

3. Alle Deutung strebt, wie alle Wissenschaft überhaupt, nach „Evidenz“. Evidenz des Verstehens kann entweder: rationalen (und als dann entweder: logischen oder mathematischen) oder: einfühlend nacherlebenden: emotionalen, künstlerisch-rezeptiven Charakters sein. Rational evident ist auf dem Gebiet des Handelns vor allem das in seinem gemeinten Sinnzusammenhang restlos und durchsichtig intellektuell Verstandene. Einfühlend evident ist am Handeln das in seinem erlebten Gefühlszusammenhangd[150]A: Gefühlzusammenhang voll Nacherlebte. Rational verständlich, d. h. also hier: unmittelbar und eindeutig intellektuell sinnhaft erfaßbar[,] sind im Höchstmaß vor allem die im Verhältnis mathematischer oder logischer Aussagen zueinander stehen[151]dene[151]A: stehende Sinnzusammenhänge. Wir verstehen ganz eindeutig, was es sinnhaft bedeutet, wenn jemand den Satz 2 × 2 = 4 oder den pythagoreischen Lehrsatz denkend oder argumentierend verwertet, oder wenn er eine logische Schlußkette – nach unseren Denkgepflogenheiten: – „richtig“ vollzieht. Ebenso, wenn er aus uns als „bekannt“ geltenden „Erfahrungstatsachen“ und aus gegebenen Zwecken die für die Art der anzuwendenden „Mittel“ sich (nach unsern Erfahrungen) eindeutig ergebenden Konsequenzen in seinem Handeln zieht. Jede Deutung eines derart rational orientierten Zweckhandelns besitzt – für das Verständnis der angewendeten Mittel – das Höchstmaß von Evidenz. Mit nicht der gleichen, aber mit einer für unser Bedürfnis nach Erklärung hinlänglichen Evidenz verstehen wir aber auch solche „Irrtümer“ (einschließlich der „Problemverschlingungen“),13[151] Zur Rolle der Evidenz im Erkenntnisprozeß vgl. oben, S. 150, Hg.-Anm. 12. Der Ausdruck „Problemverschlingung“ stammt von Windelband (vgl. Windelband, Wilhelm, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 4., durchgesehene Aufl. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1907, S. 11–13 (§ 2, Abschn. 4 und 5)). Er bezeichnet damit ein Problem der Philosophiegeschichtsschreibung. Eine systematische Geschichte der Philosophie sei damit konfrontiert, daß „Fragen, die an sich nichts miteinander zu tun haben, vermischt und in ihrer Lösung voneinander abhängig gemacht werden.“ Ein „äußerst wichtiges und häufig wiederkehrendes Hauptbeispiel“ hierfür sei „die Einmischung ethischer und ästhetischer Interessen in die Behandlung theoretischer Probleme“ (ebd., S. 12). Weber verwendet den Ausdruck auch unten, S. 159 mit Hg.-Anm. 26. denen wir selbst zugänglich sind oder deren Entstehung einfühlend erlebbar gemacht werden kann. Hingegen manche letzten „Zwecke“ und „Werte“, an denen das Handeln eines Menschen erfahrungsgemäß orientiert sein kann, vermögen wir sehr oft nicht voll evident zu verstehen, sondern unter Umständen zwar intellektuell zu erfassen, dabei aber andrerseits, je radikaler sie von unsren eigenen letzten Werten abweichen, desto schwieriger uns durch die einfühlende Phantasie nacherlebend verständlich zu machen. Je nach Lage des Falles müssen wir dann uns begnügen, sie nur intellektuell zu deuten, oder unter Umständen, wenn auch das mißlingt, geradezu: sie als Gegebenheiten einfach hinnehmen, und aus ihren soweit als möglich intellektuell gedeuteten oder soweit möglich einfühlend annäherungsweise nacherlebten Richtpunkten den Ablauf des durch sie motivierten Handelns uns verständlich machen. Dahin gehören z. B. viele religiöse und karitative Virtuosenleistungen für den dafür Unempfänglichen. Ebenso auch extrem rationalistische Fanatismen („Menschenrechte“) für den, der diese Richtpunkte seinerseits radikal perhorresziert.14 In seinen Studien zum Recht während der Vorkriegszeit behandelt Weber die Menschenrechte im Kontext des Code civil. Diesen hält er für ein Produkt rationaler Gesetzgebung mit „formellen Qualitäten“, „welche eine außerordentliche Durchsichtigkeit und präzise Verständlichkeit der Bestimmungen teils wirklich enthalten, teils vortäu[152]schen.“ Diese „spezifische Art von Rationalismus“, der mitunter die „juristische Sublimierung“ der plastischen Gestaltung opfere, führe zu einer „epigrammatische[n] Theatralik“, die auch die „Menschen- und Bürgerrechte in den amerikanischen und französischen Verfassungen“ kennzeichne (Weber, Die Entwicklungsbedingungen des Rechts, MWG I/22-3, S. 593 f.). Dies steht in Zusammenhang mit Webers Auffassung, daß die Rechnung des Rationalismus nirgends voll aufgehe. – Aktuelle [152]Affekte (Angst, Zorn, Ehrgeiz, Neid, Eifersucht, Liebe, Begeisterung, Stolz, Rachedurst, Pietät, Hingabe, Begierden aller Art) und die (vom rationalen Zweckhandeln aus angesehen:) irrationalen aus ihnen folgenden Reaktionen vermögen wir, je mehr wir ihnen selbst zugänglich sind, desto evidenter emotional nachzuerleben, in jedem Fall aber, auch wenn sie ihrem Grade nach unsre eignen Möglichkeiten absolut übersteigen, sinnhaft einfühlend zu verstehen und in ihrer Einwirkung auf die Richtung und Mittel des Handelns intellektuell in Rechnung zu stellen.

Für die typenbildende wissenschaftliche Betrachtung werden nun alle irrationalen, affektuell bedingten, Sinnzusammenhänge des Sichverhaltens, die das Handeln beeinflussen, am übersehbarsten als „Ablenkungen“ von einem konstruierten rein zweckrationalen Verlauf desselben erforscht und dargestellt. Z. B. wird bei einer Erklärung einer „Börsenpanik“ zweckmäßigerweise zunächst festgestellt: wie ohne Beeinflussung durch irrationale Affekte das Handeln abgelaufen wäre, und dann werden jene irrationalen Komponenten als „Störungen“ eingetragen. Ebenso wird bei einer politischen oder militärischen Aktion zunächst zweckmäßigerweise festgestellt: wie das Handeln bei Kenntnis aller Umstände und aller Absichten der Mitbeteiligten und bei streng zweckrationaler, an der uns gültig scheinenden Erfahrung [A 3]orientierter, Wahl der Mittel verlaufen wäre. Nur dadurch wird alsdann die kausale Zurechnung von Abweichungen davon zu den sie bedingenden Irrationalitäten möglich. Die Konstruktion eines streng zweckrationalen Handelns also dient in diesen Fällen der Soziologie, seiner evidenten Verständlichkeit und seiner – an der Rationalität haftenden – Eindeutigkeit wegen, als Typus („Idealtypus“), um das reale, durch Irrationalitäten aller Art (Affekte, Irrtümer)f[152]In A folgt ein Komma. beeinflußte Handeln als „Abweichung“ von dem bei rein rationalem Verhalten zu gewärtigenden Verlaufe zu verstehen.

Insofern und nur aus diesem methodischen Zweckmäßigkeitsgrunde ist die Methode der „verstehenden“ Soziologie „rationalistisch“. Dies Verfahren darf aber natürlich nicht als ein rationalistisches Vorurteil der Soziologie, sondern nur als methodisches Mittel verstanden und also nicht etwa zu dem Glauben an die tatsächliche Vorherrschaft des Rationalen über das Leben umgedeutet werden. Denn darüber, inwieweit in der Realität rationale Zweckerwägungen das tatsächliche Handeln bestimmen und inwie[153]weit nicht, soll es ja nicht das Mindeste aussagen. (Daß die Gefahr rationalistischer Deutungen am unrechten Ort naheliegt, soll damit nicht etwa geleugnet werden. Alle Erfahrung bestätigt leider deren Existenz.)

4. Sinnfremde Vorgänge und Gegenstände kommen für alle Wissenschaften vom Handeln als: Anlaß, Ergebnis, Förderung oder Hemmung menschlichen Handelns in Betracht. „Sinnfremd“ ist nicht identisch mit „unbelebt“ oder „nichtmenschlich“. Jedes Artefakt, z. B. eine „Maschine“, ist lediglich aus dem Sinn deutbar und verständlich, den menschliches Handeln (von möglicherweise sehr verschiedener Zielrichtung) der Herstellung und Verwendung dieses Artefakts verlieh (oder verleihen wollte); ohne Zurückgreifen auf ihn bleibt sie gänzlich unverständlich. Das Verständliche daran ist also die Bezogenheit menschlichen Handelns darauf, entweder als „Mittel“ oder als „Zweck“, der dem oder den Handelnden vorschwebte und woran ihr Handeln orientiert wurde. Nur in diesen Kategorien findet ein Verstehen solcher Objekte statt. Sinnfremd bleiben dagegen alle – belebten, unbelebten, außermenschlichen, menschlichen – Vorgänge oder Zuständlichkeiten ohne gemeinten Sinngehalt, soweit sie nicht in die Beziehung vong[153]A: vom „Mittel“ und „Zweck“ zum Handeln treten, sondern nur seinen Anlaß, seine Förderung oder Hemmung darstellen. Der Einbruch des Dollart Anfang des 12. Jahrhunderts hat (vielleicht!) „historische“ Bedeutung als Auslösung gewisser Umsiedelungsvorgänge von beträchtlicher geschichtlicher Tragweite.15[153] Der Dollart, eine annähernd 100 km2 große Meeresbucht westlich der Emsmündung gegenüber der Seehafenstadt Emden, entstand, als sich das Land plötzlich senkte und durch das Meer überflutet wurde. Wann dies geschah, ist umstritten. Das von Weber genannte Datum läßt sich nicht nachweisen. Meist werden die Jahre 1277 oder 1287 genannt. Weber erwähnt den Vorgang bereits in Roscher und Knies II, S. 144. Die Absterbeordnung und der organische Kreislauf des Lebens überhaupt: von der Hilflosigkeit des Kindes bis zu der des Greises, hat natürlich erstklassige soziologische Tragweite durch die verschiedenen Arten, in welchen menschliches Handeln sich an diesem Sachverhalt orientiert hat und orientiert. Eine wiederum andere Kategorie bilden die nicht verstehbaren Erfahrungssätze über den Ablauf psychischer oder psycho-physiologischer Erscheinungen (Ermüdung, Übung, Gedächtnis usw., ebenso aber z. B. typische Euphorien bei bestimmten Formen der Kasteiung, typische Unterschiede der Reaktionsweisen nach Tempo, Art, Eindeutigkeit usw.).16 Vgl. dazu die Erläuterung oben, S. 149 f., Hg.-Anm. 10. Letztlich ist der Sachverhalt aber der gleiche wie bei andern unverstehbaren Gegebenheiten: wie der praktisch Handelnde, so nimmt die verstehende Betrachtung sie als „Daten“ hin, mit denen zu rechnen ist.

[154]Die Möglichkeit ist nun gegeben, daß künftige Forschung auch unverstehbare Regelmäßigkeiten für sinnhaft besondertes Verhalten auffindet, so wenig dies bisher der Fall ist. Unterschiede des biologischen Erbguts (der „Rassen“)17[154] Mit den Ansprüchen der Rassentheorien setzt sich Weber bereits vor der Jahrhundertwende kritisch auseinander. Sein Urteil dort: die Bedeutung der üblichen Rassenmerkmale für ökonomische und kulturelle Fragen werde überschätzt (vgl. Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1 , S. 356). Im Objektivitätsaufsatz dient ihm die Anthropologie als ein Beispiel dafür, wie man anstelle von Fachwissen Weltanschauung produzieren könne. Wie alle Theorien der letzten Instanz, eigne auch der Anthropologie ein monistischer und gegen sich gänzlich unkritischer Grundzug. Gesellschaftstheorien auf anthropologischer und damit naturwissenschaftlicher Grundlage – gemeint sind insbesondere die Arbeiten von Otto Ammon – seien eher Ausdruck von Nichtwissen (Weber, Objektivität, S. 42f.). Weber hielt an der skeptischen Einschätzung der Erklärungskraft rassentheoretischer Ansätze für soziale und kulturelle Fragen auch noch 1919/20 fest. In der „Vorbemerkung“ zu den „Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie“ heißt es: „Der Verfasser bekennt: daß er persönlich und subjektiv die Bedeutung des biologischen Erbgutes hoch einzuschätzen geneigt ist. Nur sehe ich, trotz der bedeutenden Leistungen der anthropologischen Arbeit, z. Z. noch keinerlei Weg, seinen Anteil an der hier untersuchten Entwicklung nach Maß und – vor allem – nach Art und Einsatzpunkten irgendwie exakt zu erfassen oder auch nur vermutungsweise anzudeuten.“ Weber, Vorbemerkung, GARS I, S. 15 (MWG I/18). z. B. würden – wenn und soweit der statistisch schlüssige Nachweis des Einflusses auf die Art des soziologisch relevanten Sichverhaltens, also: insbesondere des sozialen Handelns in der Art seiner Sinnbezogenheit, erbracht würde, – für die Soziologie als Gegebenheiten ganz ebenso hinzunehmen sein, wie die physiologischen Tatsachen etwa der Art des Nahrungsbedarfs oder der Wirkung der Seneszenz18 Seneszenz (von lat. senescere, alt werden, altern), in Medizin und Biologie ein Fachbegriff für das Altern und die damit verbundenen organischen Prozesse. auf das Handeln. Und das Anerkenntnis ihrer kausalen Bedeutung würde natürlich die Aufgaben der Soziologie (und der Wissenschaften vom Handeln überhaupt): die sinnhaft orientierten Handlungen deutend zu verstehen, nicht im mindesten ändern. Sie würde in ihre verständlich deutbaren Motivationszusammenhänge an gewissen Punkten nur unverstehbare Tatsachen (etwa: typische Zusammenhänge der Häufigkeit bestimmter Zielrichtungen des Handelns, oder des Grades seiner typischen Rationalität, mit Schädelindex19 Mit dem Schädel-Index hatten vor allem Otto Ammon und George Vacher de Lapouge bei gesellschaftstheoretischen Fragen operiert. Ammon etwa behauptete, der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten lasse sich auf die Schädelform zurückführen (Rundköpfe versus Langköpfe). Dazu Ammon, Otto, Die natürliche Auslese beim Menschen. Aufgrund der anthropologischen Untersuchungen der Wehrpflichtigen in Baden und anderer Materialien dargestellt. – Jena: Gustav Fischer 1893; Weber kritisiert Ammon bereits in seinen nationalökonomischen Vorlesungen (MWG III/1 , S. 355–357). oder Hautfarbe oder welchen andren physiologischen Erbqualitäten immer) einschalten, wie sie sich schon heute (s. o.)20[155] Siehe oben, S. 149 mit Hg.-Anm. 10. darin vorfinden.

[155]5. Verstehen kann heißen: 1) das aktuelle Verstehen des gemeinten Sinnes einer Handlung (einschließlich: einer Äußerung). Wir „verstehen“ z. B. aktuell den Sinn des Satzes 2 × 2 = 4, den wir hören oder lesen (rationales aktuelles Verstehen von Gedanken)[,] oder einen Zornausbruch, der sich in Gesichtsausdruck, Interjektionen, irrationalen Bewegungen manifestiert (irrationales aktuelles Ver[A 4]stehen von Affekten)[,] oder das Verhalten eines Holzhackers oder jemandes, der nach der Klinke greift[,] um die Tür zu schließen[,] oder der auf ein Tier mit dem Gewehr anlegt (rationales aktuelles Verstehen von Handlungen). – Verstehen kann aber auch heißen: 2) erklärendes Verstehen. Wir „verstehen“ motivationsmäßig, welchen Sinn derjenige, der den Satz 2 × 2 = 4 aussprichth[155]A: ausspricht, oder niedergeschrieben hat, damit verband, daß er dies gerade jetzt und in diesem Zusammenhang tat, wenn wir ihn mit einer kaufmännischen Kalkulation, einer wissenschaftlichen Demonstration, einer technischen Berechnung oder einer anderen Handlung befaßt sehen, in deren Zusammenhang nach ihrem uns verständlichen Sinn dieser Satz „hineingehört“, das heißt: einen uns verständlichen Sinnzusammenhang gewinnt (rationales Motivationsverstehen). Wir verstehen das Holzhacken oder Gewehranlegen nicht nur aktuell, sondern auch motivationsmäßig, wenn wir wissen, daß der Holzhacker entweder gegen Lohn oder aber für seinen Eigenbedarf oder zu seiner Erholung (rational), oder etwa „weil er sich eine Erregung abreagierte“ (irrational), oder wenn der Schießende auf Befehl zum Zweck der Hinrichtung oder der Bekämpfung von Feinden (rational) oder aus Rache (affektuell, also in diesem Sinn: irrational) diese Handlung vollzieht. Wir verstehen endlich motivationsmäßig den Zorn, wenn wir wissen, daß ihm Eifersucht, gekränkte Eitelkeit, verletzte Ehre zugrunde liegt (affektuell bedingt, also: irrational motivationsmäßig). All dies sind verständliche Sinnzusammenhänge, deren Verstehen wir als ein Erklären des tatsächlichen Ablaufs des Handelns ansehen. „Erklären“ bedeutet also für eine mit dem Sinn des Handelns befaßte Wissenschaft soviel wie: Erfassung des Sinnzusammenhangs, in den, seinem subjektiv gemeinten Sinn nach, ein aktuell verständliches Handeln hineingehört. (Über die kausale Bedeutung dieses „Erklärens“ s. Nr. 6.) In all diesen Fällen, auch bei affektuellen Vorgängen, wollen wir den subjektiven Sinn des Geschehens, auch des Sinnzusammenhanges als „gemeinten“ Sinn bezeichnen (darin also über den üblichen Sprachgebrauch hinausgehend, der von „Meinen“ in diesem Verstand nur bei rationalem und zweckhaft beabsichtigtemiA: beabsichtigten Handeln zu sprechen pflegt).

6. „Verstehen“ heißt in all diesen Fällen: deutende Erfassung: a) des im Einzelfall real gemeinten (bei historischer Betrachtung) oder b) des durch[156]schnittlich und annäherungsweise gemeinten (bei soziologischer Massenbetrachtung) oder c) des für den reinen Typus (Idealtypus) einer häufigen Erscheinung wissenschaftlich zu konstruierenden („idealtypischen“) Sinnes oder Sinnzusammenhangs. Solche idealtypische Konstruktionen sind z. B. die von der reinen Theorie der Volkswirtschaftslehre aufgestellten Begriffe und „Gesetze“. Sie stellen dar, wie ein bestimmt geartetes, menschliches Handeln ablaufen würde, wenn es streng zweckrational, durch Irrtum und Affekte ungestört, und wenn es ferner ganz eindeutig nur an einem Zweck (Wirtschaft) orientiert wäre. Das reale Handeln verläuft nur in seltenen Fällen (Börse) und auch dann nur annäherungsweise so,j[156]A: annäherungsweise, so wie im Idealtypus konstruiert. (Über den Zweck solcher Konstruktionen s. Archiv f[ür] Sozialwiss[enschaft] XIX S. 64 ff. und unten Nr. 8).21[156] Weber, Objektivität, S. 64 ff., sowie unten, S. 160.

Jede Deutung strebt zwar nach Evidenz. Aber eine sinnhaft noch so evidente Deutung kann als solche und um dieses Evidenzcharakters willen noch nicht beanspruchen: auch die kausal gültige Deutung zu sein. Sie ist stets an sich nur eine besonders evidente kausale Hypothese. a) Es verhüllen vorgeschobene „Motive“ und „Verdrängungen“ (d. h. zunächst: nicht eingestandene Motive) oft genug gerade dem Handelnden selbst den wirklichen Zusammenhang der Ausrichtung seines Handelns derart, daß auch subjektiv aufrichtige Selbstzeugnisse nur relativen Wert haben. In diesem Fall steht die Soziologie vor der Aufgabe, diesen Zusammenhang zu ermitteln und deutend festzustellen, obwohl er nicht oder, meist: nicht voll als in concreto „gemeint“ ins Bewußtsein gehoben wurde: ein Grenzfall der Sinndeutung. b) Äußeren Vorgängen des Handelns, die uns als „gleich“ oder „ähnlich“ gelten, können höchst verschiedene Sinnzusammenhänge bei dem oder den Handelnden zugrunde liegen, und wir „verstehen“ auch ein sehr stark abweichendes, oft sinnhaft geradezu gegensätzliches Handeln gegenüber Situationen, die wir als unter sich „gleichartig“ ansehen (Beispiele bei Simmel, Probl[eme] der Geschichtsphil[osophie]).22 Die Beispiele finden sich in Simmel, Probleme2, S. 9–14. Simmel unterscheidet zwischen „äußerlichen“ oder „äußeren“ historischen Handlungen und Situationen und den „untergelegten psychologischen Voraussetzungen“ sowie den verschiedenen möglichen Deutungen des Handelns. Er illustriert dies am Verhältnis von Robespierre und den Hebertisten, an den Adelsfehden in Ravenna im Trecento, am Handeln von Regierungen in demokratisch verfaßten Staaten mit zwei politischen Hauptparteien und an den Folgen der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland und Preußen. c) Die handelnden Menschen sind gegebenen Situationen gegenüber sehr oft gegensätzlichen, miteinander kämpfenden Antrieben ausgesetzt, die wir sämtlich „verstehen“. In welcher relativen Stärke aber die verschiedenen im „Moti[157]venkampf“23[157] Vermutlich Anspielung auf Arthur Schopenhauer. Dieser spricht in seiner Ethik vom „Konflikt der Motive“, der sich im menschlichen Bewußtsein mit seiner Deliberationsfähigkeit abspiele, und dieser Konflikt währe so lange, „bis zuletzt das entschieden stärkste Motiv die andern aus dem Felde schlägt und den Willen bestimmt“ (vgl. Schopenhauer, Arthur, Preisschrift über die Freiheit des Willens, in: ders., Die beiden Grundprobleme der Ethik, behandelt in zwei akademischen Preisschriften. – Frankfurt a. M.: Joh. Christ. Hermannsche Buchhandlung (F. E. Suchsland) 1841, S. 1–100, Zitat: S. 38). Schopenhauer geht dabei auch auf die nicht eingestandenen und vorgeschobenen Motive ein: „Hiezu kommt noch, daß der Mensch die Motive seines Thuns oft vor allen Andern verbirgt, bisweilen sogar vor sich selbst, nämlich da, wo er sich scheut zu erkennen, was eigentlich es ist, das ihn bewegt, Dieses oder Jenes zu thun“ (ebd., S. 42f.). Von „Motivenkampf“ spricht auch Willy Hellpach im Zusammenhang mit der Unterscheidung von Triebhandlung, Willkürhandlung und Wahlhandlung. Hellpach, Willy, Die Grenzwissenschaften der Psychologie. – Leipzig: Verlag der Dürrʼschen Buchhandlung 1902, S. 10 (das Exemplar in der Universitätsbibliothek Heidelberg enthält Anstreichungen von Webers Hand). liegenden uns untereinander gleich verständlichen Sinnbezogenheiten im Handeln sich auszudrücken pflegen, läßt sich, nach aller Erfahrung, in äußerst vielen Fällen nicht einmal annähernd, durchaus regelmäßig aber nicht sicher, abschätzen. Der tatsächliche Ausschlag des Motivenkampfes allein gibt darüber Aufschluß. Kontrolle der verständlichen Sinndeutung durch den Erfolg: den Ausschlag im tatsächlichen Verlauf, ist also, wie bei jeder Hypothese, unentbehrlich. Sie kann mit relativer Genauigkeit nur in den leider wenigen und sehr besondersartigen dafür ge[A 5]eigneten Fällen im psychologischen Experiment erreicht werden. Nur in höchst verschiedener Annäherung in den (ebenfalls begrenzten) Fällen zählbarer und in ihrer Zurechnung eindeutiger Massenerscheinungen durch die Statistik. Im übrigen gibt es nur die Möglichkeit der Vergleichung möglichst vieler Vorgänge des historischen oder Alltagslebens, welche sonst gleichartig, aber in dem entscheidenden einen Punkt: dem jeweils auf seine praktische Bedeutsamkeit hin untersuchten „Motiv“ oder „Anlaß“, verschieden geartet sind: eine wichtige Aufgabe der vergleichenden Soziologie. Oft freilich bleibt leider nur das unsichere Mittel des „gedanklichen Experiments“, d. h. des Fortdenkens einzelner Bestandteile der Motivationskette und der Konstruktion des dann wahrscheinlichen Verlaufs, um eine kausale Zurechnung zu erreichen.

Das sog. „Greshamsche Gesetz“24 Das Greshamsche Gesetz wird gemeinhin wie folgt wiedergegeben: „Das ‚schlechteʼ Geld verdrängt das ,guteʼ aus dem Umlauf.“ Das Gesetz gilt bei einer Doppelwährung (also bei Bimetallismus, aber auch bei Plurimetallismus), zum Beispiel bei einer Währung mit Münzen aus Gold und mit Münzen aus Silber. Das festgesetzte, tarifierte Wertverhältnis zwischen den Münzen aus Gold und aus Silber und das durch den Markt bestimmte Preisverhältnis von Gold und Silber als Waren müssen nicht übereinstimmen. In einem solchen Fall verdrängen die, gemessen am Marktwert ihres Metalls, [158]zu hoch tarifierten Münzen („schlechtes“ Geld) die zu niedrig tarifierten („gutes“ Geld), weil der zweckrational orientierte Geldbesitzer die letzteren zurückbehält und nur die ersteren im Umlauf verwendet. Deshalb spricht Weber davon, bei einer Geldverfassung dieser Art würden die zu niedrig bewerteten Münzsorten aus dem Verkehr verschwinden. Dazu auch seine Ausführungen in Kap. II, § 32, unten, S. 386 und 395 mit den Hg.-Anmerkungen. Zu Thomas Gresham (1519–1579) und dem ihm zugeschriebenen Gesetz Lotz, Walther, Greshamsches Gesetz, in: WbVW3, Band 1, 1911, S. 1191 f. z. B. ist eine rational evidente Deutung menschlichen Handelns bei gegebenen Bedingungen und unter der [158]idealtypischen Voraussetzung rein zweckrationalen Handelns. Inwieweit tatsächlich ihm entsprechend gehandelt wird, kann nur die (letztlich im Prinzip irgendwie „statistisch“ auszudrückende) Erfahrung über das tatsächliche Verschwinden der jeweils in der Geldverfassung zu niedrig bewerteten Münzsorten aus dem Verkehr lehren: sie lehrt tatsächlich seine sehr weitgehende Gültigkeit. In Wahrheit ist der Gang der Erkenntnis der gewesen: daß zuerst die Erfahrungsbeobachtungen vorlagen und dann die Deutung formuliert wurde. Ohne diese gelungene Deutung wäre unser kausales Bedürfnis offenkundig unbefriedigt. Ohne den Nachweis andrerseits, daß der – wie wir einmal annehmen wollen – gedanklich erschlossene Ablauf des Sichverhaltens auch wirklich in irgendeinem Umfang eintritt, wäre ein solches an sich noch so evidentes „Gesetz“ für die Erkenntnis des wirklichen Handelns eine wertlose Konstruktion. In diesem Beispiel ist die Konkordanz von Sinnadäquanz und Erfahrungsprobe durchaus schlüssig und sind die Fälle zahlreich genug, um die Probe auch als genügend gesichert anzusehen. Die sinnhaft erschließbare, durch symptomatische Vorgänge (Verhalten der hellenischen Orakel und Propheten zu den Persern) gestützte geistvolle Hypothese Ed[uard] Meyers über die kausale Bedeutung der Schlachten von Marathon, Salamis, Plataiai für die Eigenart der Entwicklung der hellenischen (und damit der okzidentalen) Kultur25 Zu Eduard Meyers Deutung der Perserkriege siehe Meyer, Eduard, Geschichte des Altertums, 2. Aufl., Band 2. – Stuttgart: Cotta 1928, S. 444–448. Von der welthistorischen Bedeutung der Perserkriege und speziell der Schlachten bei Marathon und Salamis handelt Weber bereits in dem Aufsatz „Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik“, in: AfSSp, Band 22, Heft 1, 1906, S. 143–207 (MWG I/7), hier S. 192. Dabei kritisiert er Eduard Meyers Auffassung von der historischen Methode. ist nur durch diejenige Probe zu erhärten, welche an den Beispielen des Verhaltens der Perser im Falle des Sieges (Jerusalem, Ägypten, Kleinasien) gemacht werden kann und in vieler Hinsicht notwendig unvollkommen bleiben muß. Die bedeutende rationale Evidenz der Hypothese muß hier notgedrungen als Stütze nachhelfen. In sehr vielen Fällen sehr evident scheinender historischer Zurechnung fehlt aber jede Möglichkeit auch nur einer solchen Probe, wie sie in diesem Fall noch möglich war. Alsdann bleibt die Zurechnung eben endgültig „Hypothese“.

[159]7. „Motiv“ heißt ein Sinnzusammenhang, welcher dem Handelnden selbst oder dem Beobachtenden als sinnhafter „Grund“ eines Verhaltens erscheint. „Sinnhaft adäquat“ soll ein zusammenhängend ablaufendes Verhalten in dem Grade heißen, als die Beziehung seiner Bestandteile von uns nach den durchschnittlichen Denk- und Gefühlsgewohnheiten als typischer (wir pflegen zu sagen: „richtiger“) Sinnzusammenhang bejaht wird. „Kausal adäquat“ soll dagegen ein Aufeinanderfolgen von Vorgängen in dem Grade heißen, als nach Regeln der Erfahrung eine Chance besteht: daß esk[159]A: sie stets in gleicher Art tatsächlich abläuft. (Sinnhaft adäquat in diesem Wortverstand ist z. B. die nach den uns geläufigen Normen des Rechnens oder Denkens richtige Lösung eines Rechenexempels. Kausal adäquat ist – im Umfang des statistischen Vorkommens – die nach erprobten Regeln der Erfahrung stattfindende Wahrscheinlichkeit einer – von jenen uns heute geläufigen Normen aus gesehen – „richtigen“ oderfalschen“ Lösung, also auch eines typischen „Rechenfehlers“ oder einer typischen „Problemverschlingung“).26[159] Zur „Problemverschlingung“ vgl. oben, S. 151, Hg.-Anm. 13. Kausale Erklärung bedeutet also die Feststellung: daß nach einer irgendwie abschätzbaren, im – seltenen – Idealfall: zahlenmäßig angebbaren, Wahrscheinlichkeitsregel auf einen bestimmten beobachteten (inneren oder äußeren) Vorgang ein bestimmter anderer Vorgang folgt (oder: mit ihm gemeinsam auftritt).

Eine richtige kausale Deutung eines konkreten Handelns bedeutet: daß der äußere Ablauf und das Motiv zutreffend und zugleich in ihrem Zusammenhang sinnhaft verständlich erkannt sind. Eine richtige kausale Deutung typischen Handelns (verständlicher Handlungstypus) bedeutet: daß der als typisch behauptete Hergang sowohl (in irgendeinem Grade) sinnadäquat erscheint wie (in irgendeinem Grade) als kausal adäquat festgestellt werden kann. Fehlt die Sinnadäquanz, dann liegt selbst bei größter und zahlenmäßig in ihrer Wahrscheinlichkeit präzis angebbarer Regelmäßigkeit des Ablaufs (des äußeren sowohl wie des psychischen) nur eine unverstehbare (oder nur unvollkommen verstehbare) statistische Wahrscheinlichkeit vor. Andererseits bedeutet für die Tragweite soziologischer Erkenntnisse selbst die evidenteste Sinnadäquanz nur in dem Maß eine richtige kausale Aussage, als der Beweis für das Bestehen einer (irgendwie [A 6]angebbaren) Chance erbracht wird, daß das Handeln den sinnadäquat erscheinenden Verlauf tatsächlich mit angebbarer Häufigkeit oder Annäherung (durchschnittlich oder im „reinen“ Fall) zu nehmen pflegt. Nur solche statistische Regelmäßigkeiten, welche einem verständlichen gemeinten Sinn eines sozialen Handelns entsprechen, sind (im hier gebrauchten Wortsinn) verständliche Handlungstypen, also: „soziologische Regeln“. Nur solche rationalen [160]Konstruktionen eines sinnhaft verständlichen Handelns sind soziologische Typen realen Geschehens, welche in der Realität wenigstens in irgendeiner Annäherung beobachtet werden können. Es ist bei weitem nicht an dem: daß parallel der erschließbaren Sinnadäquanz immer auch die tatsächliche Chance der Häufigkeit des ihr entsprechenden Ablaufs wächst. Sondern ob dies der Fall ist, kann in jedem Fall nur die äußere Erfahrung zeigen. – Statistik gibt es (Absterbestatistik, Ermüdungsstatistik, Maschinenleistungsstatistik, Regenfallstatistik) von sinnfremden Vorgängen genau im gleichen Sinn wie von sinnhaften. Soziologische Statistik aber (Kriminalstatistik, Berufsstatistik, Preisstatistik, Anbaustatistik) nur von den letzteren (Fälle, welche beides enthalten: etwa Erntestatistik, sind selbstredend häufig).

8. Vorgänge und Regelmäßigkeiten, welche, weil unverstehbar, im hier gebrauchten Sinn des Wortes nicht als „soziologische Tatbestände“ oder Regeln bezeichnet werden, sind natürlich um deswillen nicht etwa weniger wichtig. Auch nicht etwa für die Soziologie im hier betriebenen Sinne des Wortes (der ja eine Begrenzung auf „verstehende Soziologie“ enthält, welche niemandem aufgenötigt werden soll und kann). Sie rücken nur, und dies allerdings methodisch ganz unvermeidlich, in eine andere Stelle als das verstehbare Handeln: in die von „Bedingungen“, „Anlässen“, „Hemmungen“, „Förderungen“ desselben.

9. Handeln im Sinn sinnhaft verständlicher Orientierung des eignen Verhaltens gibt es für uns stets nur als Verhalten von einer oder mehreren einzelnen Personen.

Für andre Erkenntniszwecke mag es nützlich oder nötig sein, das Einzelindividuum z. B. als eine Vergesellschaftung von „Zellen“ oder einen Komplex biochemischer Reaktionen, oder sein „psychisches“ Leben als durch (gleichviel wie qualifizierte) Einzelelemente konstituiert aufzufassen. Dadurch werden zweifellos wertvolle Erkenntnisse (Kausalregeln) gewonnen. Allein wir verstehen dies in Regeln ausgedrückte Verhalten dieser Elemente nicht. Auch nicht bei psychischen Elementen, und zwar: je naturwissenschaftlich exakter sie gefaßt werden, desto weniger: zu einer Deutung aus einem gemeinten Sinn ist gerade dies niemals der Weg. Für die Soziologie (im hier gebrauchten Wortsinn, ebenso wie für die Geschichte) ist aber gerade der Sinnzusammenhang des Handelns Objekt der Erfassung. Das Verhalten der physiologischen Einheiten, etwa: der Zellen[,] oder irgendwelcher psychischer Elemente können wir (dem Prinzip nach wenigstens) zu beobachten oder aus Beobachtungen zu erschließen suchen, Regeln („Gesetze“) dafür gewinnen und Einzelvorgänge mit deren Hilfe kausal „erklären“, d. h.: unter Regeln bringen. Die Deutung des Handelns nimmt jedoch von diesen Tatsachen und Regeln nur soweit und nur in dem Sinn Notiz, wie von irgendwelchen anderen (z. B. von physikalischen, astronomischen, geologischen, meteorologischen, geographi[161]schen, botanischen, zoologischen, physiologischen, anatomischen, von sinnfremden psychopathologischen oder von den naturwissenschaftlichen Bedingungen von technischen) Tatbeständen.

Für wiederum andere (z. B. juristische) Erkenntniszwecke oder für praktische Ziele kann es andererseits zweckmäßig und geradezu unvermeidlich sein: soziale Gebilde („Staat“, „Genossenschaft“, „Aktiengesellschaft“, „Stiftung“) genau so zu behandeln, wie Einzelindividuen (z. B. als Träger von Rechten und Pflichten oder als Täter rechtlich relevanter Handlungen). Für die verstehende Deutung des Handelns durch die Soziologie sind dagegen diese Gebilde lediglich Abläufe und Zusammenhänge spezifischen Handelns einzelner Menschen, da diese allein für uns verständliche Träger von sinnhaft orientiertem Handeln sind. Trotzdem kann die Soziologie auch für ihre Zwecke jene kollektiven Gedankengebilde anderer Betrachtungsweisen nicht etwa ignorieren. Denn die Deutung des Handelns hat zu jenen Kollektivbegriffen folgende beidenl[161]Lies: drei Beziehungen: a) Sie selbst ist oft genötigt, mit ganz ähnlichen (oft mit ganz gleichartig bezeichneten) Kollektivbegriffen zu arbeiten, um überhaupt eine verständliche Terminologie zu gewinnen. Die Juristen- sowohl wie die Alltagssprache bezeichnet z. B. als „Staat“ sowohl den Rechtsbegriff wie jenen Tatbestand sozialen Handelns, für welchen die Rechtsregeln gelten wollen. Für die Soziologie besteht der Tatbestand „Staat“ nicht notwendig nur oder gerade aus den rechtlich relevanten Bestandteilen. Und jedenfalls gibt es für sie keine „handelnde“ Kollektivpersönlichkeit. Wenn sie von „Staat“ oder von „Nation“ oder von „Aktiengesellschaft“ oder von „Familie“ oder von „Armeekorps“ oder von ähnlichen „Gebilden“ spricht, so meint sie damit vielmehr lediglich einen bestimmt gearteten Ablauf tatsächlichen, oder als möglich [A 7]konstruierten sozialen Handelns einzelner, schiebt also dem juristischen Begriff, den sie um seiner Präzision und Eingelebtheit willen verwendet, einen gänzlich anderen Sinn unter. – b) Die Deutung des Handelns muß von der grundlegend wichtigen Tatsache Notiz nehmen: daß jene dem Alltagsdenken oder dem juristischen (oder anderem Fach-)Denken angehörigen Kollektivgebilde Vorstellungen von etwas teils Seiendem, teils Geltensollendem in den Köpfen realer Menschen (der Richter und Beamten nicht nur, sondern auch des „Publikums“) sind, an denen sich deren Handeln orientiert[,] und daß sie als solche eine ganz gewaltige, oft geradezu beherrschende, kausale Bedeutung für die Art des Ablaufs des Handelns der realen Menschen haben. Vor allem als Vorstellungen von etwas Gelten- (oder auch: Nicht-Gelten-)Sollendem. (Ein moderner „Staat“ besteht zum nicht unerheblichen Teil deshalb in dieser Art: – als Komplex eines spezifischen Zusammenhandelns von Menschen, – weil bestimmte [162]Menschen ihr Handeln an der Vorstellung orientieren, daß er bestehe oder so bestehen solle: daß also Ordnungen von jener juristisch-orientierten Art gelten. Darüber später.)27 [162]Kap. I, § 6, unten, S. 185–189. Ferner die geplante Neufassung der Rechtssoziologie. Vgl. dazu den Editorischen Bericht, oben, S. 110 f. Während für die eigene Terminologie der Soziologie (litt. a) es möglich, wennschon äußerst pedantisch und weitläufig, wäre: diese von der üblichen Sprache nun einmal nicht nur für das juristische Geltensollen, sondern auch für das reale Geschehen gebrauchten Begriffe ganz zu eliminieren und durch ganz neu gebildete Worte zu ersetzen, wäre wenigstens für diesen wichtigen Sachverhalt natürlich selbst dies ausgeschlossen. – c) Die Methode der sogenannten „organischen“ Soziologie (klassischer Typus: Schäffles geistvolles Buch: Bau und Leben des sozialen Körpers)28 Schäffle, Bau I, II2. In seinen Vorlesungen „Allgemeine (,theoretischeʼ) Nationalökonomie“ hielt Weber Schäffles Buch freilich keineswegs für geistvoll, sondern für eine „Misgeburt“ und fragte: „Was hilft die Analogie v[on] Telegraphen u. Nerven“? (vgl. MWG III/1, S. 369). Zur „organischen Soziologie“ der Zeit vgl. auch Barth, Paul, Philosophie der Geschichte als Soziologie, Erster Teil: Grundlegung und kritische Übersicht, 2., durchges. und sehr erw. Aufl. – Leipzig: Reisland 1915, „Dritte Abteilung. Die biologische Soziologie“, S. 243–403; zu Schäffle bes. ebd., S. 352–362. sucht das gesellschaftliche Zusammenhandeln durch Ausgehen vom „Ganzen“ (z. B. einer „Volkswirtschaft“) zu erklären, innerhalb dessen dann der einzelne und sein Verhalten ähnlich gedeutet werdenm[162]A: wird, wie etwa die Physiologie die Stellung eines körperlichen „Organs“ im „Haushalt“ des Organismus (d. h. vom Standpunkt von dessen „Erhaltung“ aus) behandelt. (Vgl. das berühmte Kolleg-Diktum eines Physiologen: „§ x: Die Milz. Von der Milz wissen wir nichts, meine Herren. Soweit die Milz!“29 Das Zitat konnte nicht nachgewiesen werden. Tatsächlich „wußte“ natürlich der Betreffende von der Milz ziemlich viel: Lage, Größe, Form usw. – nur die „Funktion“ konnte er nicht angeben, und dies Unvermögen nannte er „Nichtswissen“). Inwieweit bei andren Disziplinen diese Art der funktionalen Betrachtung der „Teile“ eines „Ganzen“ (notgedrungen) definitiv sein muß, bleibe hier unerörtert: es ist bekannt, daß die biochemische und biomechanische Betrachtung sich grundsätzlich nicht damit begnügen möchte. Für eine deutende Soziologie kann eine solche Ausdrucksweise 1) praktischen Veranschaulichungs- und provisorischen Orientierungszwecken dienen (und in dieser Funktion höchst nützlich und nötig – aber freilich auch, bei Überschätzung ihres Erkenntniswerts und falschem Begriffsrealismus: höchst nachteilig – sein). Und 2): Sie allein kann uns unter Umständen dasjenige soziale Handeln herausfinden helfen, dessen deutendes Verstehen für die Erklärung eines Zusammenhangs wichtig ist. Aber an diesem Punkt beginnt erst die Arbeit der Soziologie (im hier verstandenen Wortsinn). Wir sind ja bei „sozialen [163]Gebilden“ (im Gegensatz zu „Organismen“) in der Lage: über die bloße Feststellung von funktionellen Zusammenhängen und Regeln („Gesetzen“) hinaus etwas aller „Naturwissenschaft“ (im Sinn der Aufstellung von Kausalregeln für Geschehnisse und Gebilde und der „Erklärung“ der Einzelgeschehnisse daraus) ewig Unzugängliches zu leisten: eben das „Verstehen“ des Verhaltens der beteiligten Einzelnen, während wir das Verhalten z. B. von Zellen nicht „verstehen“, sondern nur funktionell erfassen und dann nach Regeln seines Ablaufs feststellen können. Diese Mehrleistung der deutenden gegenüber der beobachtenden Erklärung ist freilich durch den wesentlich hypothetischeren und fragmentarischeren Charakter der durch Deutung zu gewinnenden Ergebnisse erkauft. Aber dennoch: sie ist gerade das dem soziologischen Erkennen Spezifische.

Inwieweit auch das Verhalten von Tieren uns sinnhaft „verständlich“ ist und umgekehrt: – beides in höchst unsicherm Sinn und problematischem Umfang, – und inwieweit also theoretisch es auch eine Soziologie der Beziehungen des Menschen zu Tieren (Haustieren, Jagdtieren) geben könne (viele Tiere „verstehen“ Befehl, Zorn, Liebe, Angriffsabsicht und reagieren darauf offenbar vielfach nicht ausschließlich mechanisch-instinktiv, sondern irgendwie auch bewußt sinnhaft und erfahrungsorientiert), bleibt hier völlig unerörtert. An sich ist das Maß unsrer Einfühlbarkeit bei dem Verhalten von „Naturmenschen“ nicht wesentlich größer. Wir haben aber sichere Mittel, den subjektiven Sachverhalt beim Tier festzustellen, teils garnicht, teils in nur sehr unzulänglicher Art: die Probleme der Tierpsychologie sind bekanntlich ebenso interessant wie dornenvoll.30[163] Bei den folgenden Ausführungen über Tiergesellschaften hält sich Max Weber vor allem an das unten (S. 164 mit Hg.-Anm. 33) zitierte Buch von Escherich, Termiten. Ein Exemplar fand sich in Webers Handbibliothek (Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München), mit Anstreichungen vor allem in der „Einleitung“ sowie im „Ersten“ und im „Zweiten Kapitel“. Zur Frage der Funktionsdifferenzierung in Tiergesellschaften heißt es dort: „Daraus erklärt sich auch, daß zwischen der Höhe der staatlichen Organisation und der systematischen Stellung der betreffenden Tiere keine direkten Relationen bestehen, so daß also im System tiefstehende Tiere höhere soziale Äußerungen erkennen lassen können, als hochstehende.“ (ebd., S. 5). Zur Tierpsychologie: „Vor allem fehlt uns noch fast jeglicher Einblick in die Termitenpsyche.“ Und weiter: „Die Termitenpsychologie ist noch völlig eine terra incognita, die der gründlichen Bearbeitung in erster Linie bedarf.“ (ebd., S. 5). Es bestehen insbesondere bekanntlich Tiervergesellschaftungen der verschiedensten Art: monogame und polygame „Familien“, Herden, Rudel, endlich funktionsteilige „Staaten“. (Das Maß der Funktionsdifferenzierung dieser Tiervergesellschaftungen geht keineswegs parallel mit dem Maß der Organ- [A 8]oder der morphologischen Entwicklungs-Differenzierung der betreffenden Tiergattung. So ist die Funktionsdifferenzierung bei den Termiten und sind infolgedessen deren Artefakte weit differenzierter als bei [164]den Ameisen und Bienen). Hier ist selbstverständlich die rein funktionale Betrachtung: die Ermittlung der für die Erhaltung[,] d. h. die Ernährung, Verteidigung, Fortpflanzung, Neubildung[,] der betreffenden Tiergesellschaften entscheidenden Funktionen der einzelnen Typen von Individuen („Könige“, „Königinnen“, „Arbeiter“, „Soldaten“, „Drohnen“, „Geschlechtstiere“, „Ersatz-Königinnen“ usw.)[,]31 [164]Zitate aus Escherich, Termiten, S. 42 ff. sehr oft mindestens für jetzt das Definitive, mit dessen Feststellung sich die Forschung begnügen muß. Was darüber hinausging, waren lange Zeit lediglich Spekulationen oder Untersuchungen über das Maß, in welchem Erbgut einerseits, Umwelt andererseits an der Entfaltung dieser „sozialen“ Anlagen beteiligt sein könnten. (So namentlich die Kontroversen zwischen Weismann – dessen „Allmacht der Naturzüchtung“ in ihrem Unterbau stark mit ganz außerempirischen Deduktionen arbeitete – und Götte).32 Weismann, Naturzüchtung, vertrat in der Auseinandersetzung mit Herbert Spencer, der ihm gegenüber die natürliche Selektion bezweifelt hatte, die These, es sei tatsächlich schwierig, „sich diesen Selectionsprocess wirklich im Einzelnen vorzustellen“ (ebd., S. 31). Man könne nur „im Allgemeinen mit Darwin sagen, daß Selection durch Häufung ,kleinster Variationenʼ arbeitet, und daraus schließen, daß diese ,kleinsten Variationenʼ Selectionswerth besitzen müssen“ (ebd., S. 35). Ein stringenter Beweis aber fehle noch, und es sei eine offene Frage, ob er sich jemals führen lasse. Dies berechtige allerdings nicht dazu, an die Stelle der natürlichen Selektion die Vererbung erworbener Eigenschaften zu setzen. Weismann behauptet, daß uns die Naturzüchtung als Erklärungsprinzip durch die „Macht der Logik“ aufgezwungen sei (ebd., S. 42). Auch Alexander Goette folgte in dieser Frage eher Darwin als Lamarck, obgleich er starke Zweifel an Darwins Erklärung der Entstehung neuer Arten hegte. Er suchte die Ursachen dafür nicht in zufälligen äußeren Einflüssen und im Nützlichkeitsprinzip, sondern „im variierenden Organismus selbst“. Dazu Goette, Alexander, Lehrbuch der Zoologie. – Leipzig: Wilhelm Engelmann 1902, S. 21. Eine Kontroverse zwischen beiden, die Weber behauptet, ließ sich nicht nachweisen. Weber diskutiert Weismanns Position bereits in seinen Vorlesungen „Allgemeine (,theoretischeʼ) Nationalökonomie“, MWG III/1 , S. 351 f. Darüber aber, daß es sich bei jener Beschränkung auf die funktionale Erkenntnis eben um ein notgedrungenes und, wie gehofft wird, nur provisorisches Sichbegnügen handelt, ist sich die ernste Forschung natürlich völlig einig. (S[iehe] z. B. für den Stand der Termiten-Forschung die Schrift von Escherich 1909).33 Escherich, Termiten. Wenn Weber davon spricht, daß sich die zeitgenössische zoologische Erforschung von Tiergesellschaften auf „funktionale“ Fragestellungen beschränke, meint er wohl dieses Buch. Ein Desiderat der zoologischen Forschung sah Escherich darin, „eine brauchbare Methode für die experimentelle Forschung“ zu finden (ebd., S. 5). Zur „funktionalen“ Analyse von Termitengesellschaften siehe ebd., S. 8–30, insbes. S. 24–30 (Kap. „Funktionen der einzelnen Kasten“). Man möchte eben nicht nur die ziemlich leicht erfaßbare „Erhaltungswichtigkeit“ der Funktionen jener einzelnen differenzierten Typen einsehen und die Art, wie, ohne Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften [165]oder umgekehrt im Falle dieser Annahme (und dann: bei welcher Art von Deutung dieser Annahme), jene Differenzierung erklärlich ist, dargelegt erhalten, sondern auch wissen: 1. was denn den Ausschlag der Differenzierung aus dem noch neutralen, undifferenzierten, Anfangsindividuum entscheidet, – 2. was das differenzierte Individuum veranlaßt, sich (im Durchschnitt) so zu verhalten[,] wie dies tatsächlich dem Erhaltungsinteresse der differenzierten Gruppe dient. Wo immer die Arbeit in dieser Hinsicht fortschritt, geschah dies durch Nachweis (oder Vermutung) von chemischen Reizen oder physiologischen Tatbeständen (Ernährungsvorgänge, parasitäre Kastration usw.)34[165] Dazu Escherich, Termiten, S. 23, der geneigt war, „der Nahrung den vornehmsten Einfluß auf die Entwicklungsrichtung zuzuschreiben“. Zur „parasitären Kastration“ – Parasiten im Darm verhindern bei Arbeiterlarven die Ausbildung der Genitalanlagen – ebd. bei den Einzelindividuen auf experimentellem Wege. Inwieweit die problematische Hoffnung besteht, experimentell auch die Existenz „psychologischer“ und „sinnhafter“ Orientierung wahrscheinlich zu machen, könnte heute wohl selbst der Fachmann kaum sagen. Ein kontrollierbares Bild der Psyche dieser sozialen Tierindividuen auf der Basis sinnhaften „Verstehens“ erscheint selbst als ideales Ziel wohl nur in engen Grenzenn[165]A: Grenze erreichbar. Jedenfalls ist nicht von da aus das „Verständnis“ menschlichen sozialen Handelns zu erwarten, sondern grade umgekehrt: mit menschlichen Analogien wird dort gearbeitet und muß gearbeitet werden.35 Escherich warnt zwar davor, Tiergesellschaften zu vermenschlichen, weil Tiergesellschaften ausschließlich instinktgesteuert seien, was für Menschengesellschaften nicht zutreffe (Escherich, Termiten, S. 42 ff. und S. 119). Dennoch benutzte er für die Beschreibung dieser Tiergesellschaften menschliche Analogien. Dazu oben, S. 164 mit Hg.-Anm. 31. Erwartet darf vielleicht werden: daß diese Analogien uns einmal für die Fragestellung nützlich werden: wie in den Frühstadien der menschlichen sozialen Differenzierung der Bereich rein mechanisch-instinktiver Differenzierung im Verhältnis zum individuell sinnhaft Verständlichen und weiter zum bewußt rational Geschaffenen einzuschätzen ist. Die verstehende Soziologie wird sich selbstverständlich klar sein müssen: daß für die Frühzeit auch der Menschen die erstere Komponente schlechthin überragend ist[,] und auch für die weiteren Entwicklungsstadien sich ihrer steten Mitwirkung (und zwar: entscheidend wichtigen Mitwirkung) bewußt bleiben. Alles „traditionale“ Handeln (§ 2)36 Kap. I, § 2, unten, S. 175. und breite Schichten des „Charisma“ (K. III)37 Kap. III, § 10 ff., unten, S. 490 ff. als des Keims psychischer „Ansteckung“38 Von „psychischer Ansteckung“ spricht Gustave Le Bon in seinen Ausführungen [166]über die Masse, Le Bon, Psychologie, bes. S. 11–22 und S. 27–37. In der Masse veränderten sich die Reaktionen des Individuums: „Dans une foule, tout sentiment, tout acte est contagieux, et contagieux à ce point que lʼindividu sacrifie très facilement son intérêt personnel à lʼintérêt collectif“ (ebd., S. 18). Für Le Bon hängt die Ansteckung auf das engste mit der „suggestibilité“ zusammen: „Je veux parler de la suggestibilité, dont la contagion mentionnée plus haut nʼest dʼailleurs quʼun effet“ (ebd.). Weber benutzte möglicherweise nicht das französische Original, sondern die deutsche Übersetzung (Le Bon, Psychologie der Massen), die 1908 in der Reihe Philosophisch-soziologische Bücherei bei Klinkhardt in Leipzig erschienen war, übrigens zusammen mit der Übersetzung von Gabriel Tardes Schrift „Die sozialen Gesetze. Skizze zu einer Soziologie“ und Emile Durkheims Schrift „Die Methode der Soziologie“. Zweck der Reihe war es u. a., Autoren aus dem Ausland in Deutschland bekannt zu machen. und dadurch Trägers soziologischer „Entwicklungsreize“ stehen [166]solchen nur biologisch begreifbaren, nicht oder nur in Bruchstücken verständlich deutbaren und motivationsmäßig erklärbaren, Hergängen mit unmerklichen Übergängen sehr nahe. Das alles entbindet aber die verstehende Soziologie nicht von der Aufgabe: im Bewußtsein der engen Schranken, in die sie gebannt ist, zu leisten, was eben wieder nur sie leisten kann.

Die verschiedenen Arbeiten von Othmar Spann, oft reich an guten Gedanken neben freilich gelegentlichen Mißverständnissen und, vor allem, Argumentationen auf Grund nicht zur empirischen Untersuchung gehöriger reiner Werturteile, haben also unzweifelhaft recht mit der freilich von niemand ernstlich bestrittenen Betonung der Bedeutung der funktionalen Vorfragestellung (er nennt dies: „universalistische Methode“) für jede Soziologie.39 Spann legt seine „universalistische Methode“ beispielsweise in dem Buch „Kurzgefaßtes System der Gesellschaftslehre“ dar, dort bes. „Erstes Buch. Einleitung. Methodische Vorfragen der Gesellschaftslehre“ (Spann, System, S. 1–20) und „Drittes Buch, II. Kapitel. Der Universalismus“ (ebd., S. 244–284). Spanns Methode ist bereits entwickelt in Spann, Wirtschaft und Gesellschaft. Dieses Buch benutzt Weber in seiner begonnenen, aber nach wenigen Seiten abgebrochenen Kritik an dem soziologischen Ansatz von Georg Simmel. Vgl. Weber, Max, Georg Simmel als Soziologe und Theoretiker der Gesellschaft, Deponat Max Weber, BSB München, Ana 446, OM 4 (MWG I/7). Im Manuskript heißt es: „Es kann dabei in manchen wesentlichen Punkten an die scharfsinnige Kritik angeknüpft werden, welche Dr O[thmar] Spann, allerdings vor Erscheinen des letzten Werkes [gemeint ist die „Soziologie“ von Simmel] an Simmelʼs Begriffen von ,Gesellschaft‘ und ,Soziologie‘ geübt hat. Ich verweise auf dessen Ausführungen in seinem Buch: Wirtschaft und Gesellschaft, Dresden 1907[,] speziell S. 192 ff.[,] und bemerke, daß ich dieselbe[n] im Folgenden nicht zu jedem einzelnen Satz erneut zitiere.“ (ebd., S. III). Dazu auch die Einleitung, oben, S. 30 ff. Wir müssen gewiß erst wissen: welches Handeln funktional, vom Standpunkt der „Erhaltung“ (aber weiter und vor allem eben doch auch: der Kultureigenart!) und: einer bestimmt gerichteten Fortbildung eines sozialen Handelnstyps wichtig ist, um dann die Frage stellen zu können: wie kommt dies Handeln zustande? welche Motive bestimmen es? Man muß erst wissen: was ein „König“, „Beamter“, „Unternehmer“, „Zuhälter“, „Magier“ leistet: – welches typische „Handeln“ (das allein ja ihn zu einer dieser Kategorien stempelt) also für die Analyse wichtig ist [167]und in Betracht kommt, ehe man an diese Analyse gehen kann („Wertbezogenheit“ im Sinn H[einrich] Rickerts).40[167] Zum Begriff der theoretischen Wertbeziehung, die sich sowohl auf die Auswahl wie auf die Konstitution des historischen Objekts („historisches Individuum“) bezieht, vgl. Rickert, Grenzen2, Viertes Kapitel, III, S. 333 ff.; zuvor schon S. 316 ff., bes. S. 325. Aber erst diese Analyse leistet ihrerseits das, was das soziologische Verstehen des Handelns von typisch [A 9]differenzierten einzelnen Menschen (und: nur bei den Menschen) leisten kann und also: soll. Das ungeheure Mißverständnis jedenfalls, als ob eine „individualistische“ Methode eine (in irgendeinem möglichen Sinn) individualistische Wertung bedeute, ist ebenso auszuschalten, wie die Meinung: der unvermeidlich (relativ) rationalistische Charakter der Begriffsbildung bedeute den Glauben an das Vorwalten rationaler Motive oder gar: eine positive Wertung des „Rationalismus“. Auch eine sozialistische Wirtschaft müßte soziologisch genau so „individualistisch“, d. h.: aus dem Handeln der Einzelnen: – der Typen von „Funktionären“, die in ihr auftreten, – heraus[,] deutend verstanden werden, wie etwa die Tauschvorgänge durch die Grenznutzlehre41 Für Weber gehört die „Grenznutzlehre“ zum Kernbestand der abstrakten Theorie in der Nationalökonomie. Er identifiziert diese hauptsächlich mit den Werken der Österreichischen Schule, insbesondere mit den Arbeiten von Carl Menger und Friedrich von Wieser. Methodisch teilt er deren individualistischen und subjektivistischen Ansatz: Der Wert einer Nutzleistung für den Wirtschaftenden hänge von dessen subjektiver Bedürfnis- und Sättigungsskala ab: Je stärker das Bedürfnis nach einer Nutzleistung, desto höher die Wertschätzung, je gesättigter das Bedürfnis, desto geringer. In den Vorlesungen über „Allgemeine (,theoretische‘) Nationalökonomie“ formuliert Weber das sich daraus ergebende subjektive Wertgesetz wie folgt: „Werthschätzung bei begrenzten Gütern nach Grenznutzen, bei vermehrbaren Gütern nach Grenznutzen u. Grenzkosten.“ Und er fügt hinzu: „nicht weil etwas kostet, werthvoll, sondern weil werthvoll, nimmt man die Kosten in Kauf.“ (MWG III/1, S. 253). Bei Wieser findet sich unter anderem folgende Formulierung: „Bei jedem teilbaren Bedürfnis wird innerhalb jedes Bedürfnisabschnittes der mit der ersten Verwendungseinheit vorzunehmende Befriedigungsakt mit der höchsten Intensität begehrt, jede Verwendung weiterer Einheiten derselben Art wird mit abnehmender Intensität begehrt, bis der Sättigungspunkt erreicht ist, darüber hinaus schlägt das Bedürfnis in Widerwillen um.“ (Wieser, Theorie, S. 148). Das Wertgesetz bildet bei Wieser die Grundlage für das Preisgesetz; vgl. dazu Schluchter, Entstehungsgeschichte, in: MWG I/24, S. 22–24. (oder eine zu findende „bessere“, aber in diesem Punkt ähnliche Methode). Denn stets beginnt auch dort die entscheidende empirisch-soziologische Arbeit erst mit der Frage: welche Motive bestimmten und bestimmen die einzelnen Funktionäre und Glieder dieser „Gemeinschaft“, sich so zu verhalten, daß sie entstand und fortbesteht? Alle funktionale (vom „Ganzen“ ausgehende) Begriffsbildung leistet nur Vorarbeit dafür, deren Nutzen und Unentbehrlichkeit – wenn sie richtig geleistet wird – natürlich unbestreitbar ist.

10. Die „Gesetze“, als welche man manche Lehrsätze der verstehenden Soziologie zu bezeichnen gewohnt ist, – etwa das Greshamsche „Gesetz“ [168]– sind durch Beobachtung erhärtete typische Chancen eines bei Vorliegen gewisser Tatbestände zu gewärtigenden Ablaufes von sozialem Handeln, welche aus typischen Motiven und typisch gemeintem Sinn der Handelnden verständlich sind.42[168] Zum Greshamschen Gesetz vgl. oben, S. 157 mit Hg.-Anm. 24. Ein soziologisches Gesetz stellt nach Max Weber nicht nur den (statistischen) Zusammenhang zwischen zwei Größen fest, sondern auch die diesem zugrundeliegenden Motive der Handelnden. Vgl. dazu die Bemerkungen zum Verhältnis von Sinnadäquanz und Kausaladäquanz in Kap. I, § 1, Nr. 7, oben, S. 159 f. An anderer Stelle beschreibt Weber den Charakter ökonomischer Gesetze wie folgt: Sie seien „Schemata rationalen Handelns […], die nicht durch psychologische Analyse der Individuen, sondern durch idealtypische Wiedergabe des Preiskampfs-Mechanismus aus der so in der Theorie hergestellten objektiven Situation deduziert werden, welche da, wo sie ,rein‘ zum Ausdruck kommt, dem in den Markt verflochtenen Individuum nur die Wahl läßt zwischen der Alternative: ,teleologische‘ Anpassung an den ,Markt‘ oder ökonomischer Untergang.“ Weber, Roscher und Knies III, S. 115 f. Verständlich und eindeutig sind sie im Höchstmaß soweit, als rein zweckrationale Motive dem typisch beobachteten Ablauf zugrunde liegen (bzw. dem methodisch konstruierten Typus aus Zweckmäßigkeitsgründen zugrunde gelegt werden), und als dabei die Beziehung zwischen Mittel und Zweck nach Erfahrungssätzen eindeutig ist (beim „unvermeidlichen“ Mittel). In diesem Fall ist die Aussage zulässig: daß, wenn streng zweckrational gehandelt würde, so und nicht anders gehandelt werden müßte (weil den Beteiligten im Dienste ihrer – eindeutig angebbaren – Zwecke aus „technischen“ Gründen nur diese und keine anderen Mittel zur Verfügung stehen). Gerade dieser Fall zeigt zugleich: wie irrig es ist, als die letzte „Grundlage“ der verstehenden Soziologie irgendeine „Psychologie“ anzusehen.43 Weber wendet sich sowohl gegen eine psychologistische Erkenntnistheorie als auch gegen eine psychologische Fundierung von Einzelwissenschaften wie Soziologie und Ökonomik. Erkenntnispsychologie und Erkenntnislogik seien scharf zu trennen, und unter den empirischen Wissenschaften gebe es keine Hierarchie. Der Neigung etwa in der Ökonomik, eine psychologische Begründung der (subjektiven) Werttheorie zu suchen, „,psychologische‘ Abstraktionen“ an die Stelle der Analyse einer „generell gegebenen (,objektiven‘) Situation“ zu setzen (vgl. Weber, Roscher und Knies III, S. 93, Fn. 5), könnten selbst Vertreter der Österreichischen Schule nicht widerstehen. Im Aufsatz über Roscher und Knies heißt es kategorisch: „Mit irgend welcher ,Psychologie‘, sei sie ,Individual‘- oder ,Sozial‘-Psychologie, hat die ,Grenznutzlehre‘ auch nicht das allergeringste zu schaffen“ (Weber, Roscher und Knies III, S. 93 f., Fn. 5). Diese Ablehnung einer Sonderrolle der Psychologie bedeutet freilich nicht, wie Weber dort bereits betont, daß man die wissenschaftlichen Erkenntnisse der empirischen Psychologie, wie auch die jeder anderen Einzelwissenschaft, für die Lösung ökonomischer und soziologischer Erklärungsprobleme nicht verwenden solle. Sie bedeutet auch keine Ablehnung des psychologischen Verstehens in Ökonomik und Soziologie. Unter „Psychologie“ versteht heute jeder etwas anderes. Ganz bestimmte methodische Zwecke rechtfertigen für eine naturwissenschaftliche Behandlung gewisser Vorgänge die Trennung [169]von „Physischem“o[169]A: vom „Physischen“ und „Psychischem“, welche in diesem Sinn den Disziplinen vom Handeln fremd ist.44[169] Weber folgt hier dem Vorschlag Heinrich Rickerts, bei der Einteilung der Wissenschaften logischen Kriterien Vorrang vor ontischen zu geben und bei den ontischen nicht nach physisch-psychisch, sondern nach sinnfrei-sinnhaft zu fragen. Entscheidend ist also nicht, ob Objekte und Vorgänge physischer oder psychischer Natur sind, sondern ob sie als Träger von Sinn betrachtet werden. Dazu insbesondere Webers Auseinandersetzung mit Rudolf Stammler, wo er vier Begriffe von ,Natur‘ unterscheidet: Natur als Komplex von Objekten, Natur als Betrachtungsweise, Natur als die Gesamtheit des Empirischen und Natur als das Sinnlose, „richtiger: ,Natur‘ wird ein Vorgang, wenn wir bei ihm nach einem ,Sinn‘ nicht fragen.“ Weber, Stammlers Überwindung, S. 119 f. und S. 127 f., Zitat: S. 128. Die Ergebnisse einer wirklich nur das im Sinn naturwissenschaftlicher Methodik „Psychische“ mit Mitteln der Naturwissenschaft erforschenden und also ihrerseits nicht – was etwas ganz andres ist – menschliches Verhalten auf seinen gemeinten Sinn hin deutenden psychologischen Wissenschaft, gleichviel wie sie methodisch geartet sein möge, können natürlich[,] genau ebenso wie diejenigen irgendeiner anderen Wissenschaft, im Einzelfall Bedeutung für eine soziologische Feststellung gewinnen und haben sie oft in hohem Maße. Aber irgendwelche generell näheren Beziehungen als zu allen anderen Disziplinen hat die Soziologie zu ihr nicht. Der Irrtum liegt im Begriff des „Psychischen“: Was nicht „physisch“ sei, sei „psychisch“. Aber der Sinn eines Rechenexempels, den jemand meint, ist doch nicht „psychisch“. Die rationale Überlegung eines Menschen: ob ein bestimmtes Handeln bestimmt gegebenen Interessen nach den zu erwartenden Folgen förderlich sei oder nicht[,] und der entsprechend dem Resultat gefaßte Entschluß werden uns nicht um ein Haar verständlicher durch „psychologische“ Erwägungen. Gerade auf solchen rationalen Voraussetzungen aber baut die Soziologie (einschließlich der Nationalökonomie) die meisten ihrer „Gesetze“ auf. Bei der soziologischen Erklärung von Irrationalitäten des Handelns dagegen kann die verstehende Psychologie in der Tat unzweifelhaft entscheidend wichtige Dienste leisten. Aber das ändert an dem methodologischen Grundsachverhalt nichts.

11. Die Soziologie bildet – wie schon mehrfach als selbstverständlich vorausgesetzt – Typen-Begriffe und sucht generelle Regeln des Geschehens. Im Gegensatz zur Geschichte, welche die kausale Analyse und Zurechnung individueller, kulturwichtiger, Handlungen, Gebilde, Persönlichkeiten erstrebt. Die Begriffsbildung der Soziologie entnimmt ihr Material, als Paradigmata, sehr wesentlich, wenn auch keineswegs ausschließlich, den auch unter den Gesichtspunkten der Geschichte relevanten Realitäten des Handelns. Sie bildet ihre Begriffe und sucht nach ihren Regeln vor allem auch unter dem Gesichtspunkt: ob sie damit der histori[170]schen kausalen Zurechnung der kulturwichtigen Erscheinungen einen Dienst leisten kann. Wie bei jeder generalisierenden Wissenschaft bedingt die Eigenart ihrer Abstraktionen es, daß ihre Begriffe gegenüber der konkreten Realität des Historischen relativ inhaltsleer sein müssen. Was sie dafür zu [A 10]bieten hat, ist gesteigerte Eindeutigkeit der Begriffe. Diese gesteigerte Eindeutigkeit ist durch ein möglichstes Optimum von Sinnadäquanz erreicht, wie es die soziologische Begriffsbildung erstrebt. Diese kann – und das ist bisher vorwiegend berücksichtigt – bei rationalen (wert- oder zweckrationalen) Begriffen und Regeln besonders vollständig erreicht werden. Aber die Soziologie sucht auch irrationale (mystische, prophetische, pneumatische, affektuelle) Erscheinungen in theoretischen und zwar sinnadäquaten Begriffen zu erfassen. In allen Fällen, rationalen wie irrationalen, entfernt sie sich von der Wirklichkeit und dient der Erkenntnis dieser in der Form: daß durch Angabe des Maßes der Annäherung einer historischen Erscheinung an einen oder mehrere dieser Begriffe diese eingeordnet werden kann. Die gleiche historische Erscheinung kann z. B. in einem Teil ihrer Bestandteile „feudal“, im anderen „patrimonial“, in noch anderen „bureaukratisch“, in wieder anderen „charismatisch“ geartet sein.45[170] Vgl. dazu Kap. III, bes. § 13, unten, S. 527 ff. Damit mit diesen Worten etwas Eindeutiges gemeint sei, muß die Soziologie ihrerseits „reine“ („Ideal“-)Typen von Gebilden jener Arten entwerfen, welche je in sich die konsequente Einheit möglichst vollständiger Sinnadäquanz zeigen, eben deshalb aber in dieser absolut idealen reinen Form vielleicht ebensowenig je in der Realität auftreten, wie eine physikalische Reaktion, die unter Voraussetzung eines absolut leeren Raums errechnet ist.46 Weber entwickelt diesen Zusammenhang bereits in Roscher und Knies III, S. 106 f. Nur vom reinen („Ideal“-)Typus her ist soziologische Kasuistik möglich. Daß die Soziologie außerdem nach Gelegenheit auch den Durchschnitts-Typus von der Art der empirisch-statistischen Typen verwendet: – ein Gebilde, welches der methodischen Erläuterung nicht besonders bedarf, versteht sich von selbst. Aber wenn sie von „typischen“ Fällen spricht, meint sie im Zweifel stets den Idealtypus, der seinerseits rational oder irrational sein kann, zumeist (in der nationalökonomischen Theorie z. B. immer) rational ist, stets aber sinnadäquat konstruiert wird.

Man muß sich klar sein, daß auf soziologischem Gebiete „Durchschnitte“ und also „Durchschnittstypen“ sich nur da einigermaßen eindeutig bilden lassen, wo es sich nur um Gradunterschiede qualitativ gleichartigen sinnhaft bestimmten Verhaltens handelt. Das kommt vor. In der Mehrzahl der Fälle ist aber das historisch oder soziologisch relevante Handeln von qualitativ heterogenen Motiven beeinflußt, zwischen denen ein „Durchschnitt“ im eigentlichen Sinn gar nicht zu ziehen ist. Jene idealtypi[171]schen Konstruktionen sozialen Handelns, welche z. B. die Wirtschaftstheorie vornimmt, sind also in dem Sinn „wirklichkeitsfremd“,47[171] Nach Weber operiert die abstrakte Wirtschaftstheorie mit einem konstruierten Wirtschaftssubjekt. Es handle sich um „einen unrealistischen Menschen, analog einer mathematischen Idealfigur.“ (Weber, Erstes Buch. Die begrifflichen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, MWG III/1 , S. 122 f.). Solche Idealtypen haben für ihn rein heuristischen Charakter und sind mehr oder weniger nützlich. In der Methode der Idealtypenbildung sind sich Nationalökonomie und Soziologie gleich. In dem Aufsatz „Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik“ heißt es lapidar: „Um die wirklichen Kausalzusammenhänge zu durchschauen, konstruieren wir unwirkliche.“ (Weber, Kritische Studien, in: AfSSp, Band 22, Heft 1, 1906, S. 143–207, Zitat: S. 204; MWG I/7). als sie – in diesem Fall – durchweg fragen: wie würde im Fall idealer und dabei rein wirtschaftlich orientierter Zweckrationalität gehandelt werden, um so das realep[171]A: reine, durch Traditionshemmungen, Affekte, Irrtümer, Hineinspielen nicht wirtschaftlicher Zwecke oder Rücksichtnahmen mindestens mitbestimmte Handeln 1. insoweit verstehen zu können, als es tatsächlich ökonomisch zweckrational im konkreten Falle mitbestimmt war, oder – bei Durchschnittsbetrachtung – zu sein pflegt, 2. aber auch: gerade durch den Abstand seines realen Verlaufes vom idealtypischen die Erkenntnis seiner wirklichen Motive zu erleichtern. Ganz entsprechend würde eine idealtypische Konstruktion einer konsequenten mystisch bedingten akosmistischen Haltung zum Leben (z. B. zur Politik und Wirtschaft) zu verfahren haben. Je schärfer und eindeutiger konstruiert die Idealtypen sind: je weltfremder sie also, in diesem Sinne, sind, desto besser leisten sie ihren Dienst, terminologisch und klassifikatorisch sowohl wie heuristisch. Die konkrete kausale Zurechnung von Einzelgeschehnissen durch die Arbeit der Geschichte verfährt der Sache nach nicht anders, wenn sie, um z. B. den Verlauf des Feldzuges von 1866 zu erklären, sowohl für Moltke wie für Benedek zunächst (gedanklich) ermittelt (wie sie es schlechthin tun muß):48 Im Jahre 1866 standen sich in der Schlacht bei Königgrätz Helmuth von Moltke als Oberbefehlshaber auf preußischer Seite und Ludwig von Benedek als Oberbefehlshaber auf österreichischer Seite gegenüber. Benedek wurde am 3. Juli vernichtend geschlagen. Während Moltkes Strategie hoch gelobt wurde, galt die Strategie Benedeks als wenig planvoll und entschlossen. Schon in dem Aufsatz „Roscher und Knies“ wählt Weber Moltkes Strategie als Beispiel für erfolgreiches Handeln. Dabei dient ihm die idealtypisch gefaßte Kriegskunstlehre nicht nur als heuristisches Mittel für die kausale Zurechnung, sondern auch als Maßstab für die Beurteilung der Entscheidungen der Heerführer. Dies ist zugleich ein Beispiel für technische Kritik (Weber, Roscher und Knies III, S. 100 f., Fn. 1). wie jeder von ihnen, bei voller Erkenntnis der eigenen und der Lage des Gegners, im Fall idealer Zweckrationalität disponiert haben würde, um damit zu vergleichen: wie tatsächlich disponiert worden ist[,] und dann gerade [172]den beobachteten (sei es durch falsche Information, tatsächlichen Irrtum, Denkfehler, persönliches Temperament oder außerstrategische Rücksichten bedingten) Abstand kausal zu erklären. Auch hier ist (latent) eine idealtypische zweckrationale Konstruktion verwendet. –

Idealtypisch sind aber die konstruktiven Begriffe der Soziologie nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Das reale Handeln verläuft in der großen Masse seiner Fälle in dumpfer Halbbewußtheit oder Unbewußtheit seines „gemeinten Sinns“. Der Handelnde „fühlt“ ihn mehr unbestimmt[,] als daß er ihn wüßte oder „sich klar machte“, handelt in der Mehrzahl der Fälle triebhaft oder gewohnheitsmäßig. Nur gelegentlich, und bei massenhaft gleichartigem Handeln oft nur von Einzelnen, wird ein (sei es rationaler[,] sei es irrationaler) Sinn des Handelns in das Bewußtsein gehoben. Wirklich effektiv, d. h. voll bewußt und klar, sinnhaftes Handeln ist in der Realität stets nur ein Grenzfall. Auf diesen Tatbestand wird jede historische und soziologische Betrachtung bei Analyse der Realität stets Rück[A 11]sicht zu nehmen haben. Aber das darf nicht hindern, daß die Soziologie ihre Begriffe durch Klassifikation des möglichen „gemeinten Sinns“ bildet, also so, als ob das Handeln tatsächlich bewußt sinnorientiert verliefe. Den Abstand gegen die Realität hat sie jederzeit, wenn es sich um die Betrachtung dieser in ihrer Konkretheit handelt, in Betracht zu ziehen und nach Maß und Art festzustellen.

Man hat eben methodisch sehr oft nur die Wahl zwischen unklaren oder klaren, aber dann irrealen und „idealtypischen“ Termini. In diesem Fall aber sind die letzteren wissenschaftlich vorzuziehen. (S[iehe] über all dies Arch[iv] f[ür] Sozialwiss[enschaft] XIX a. a. O.)49[172] Gemeint ist: Weber, Objektivität, S. 22–88; bereits oben, S. 156 mit Hg.-Anm. 21, zitiert.

II. Begriff des sozialen Handelns.

1. Soziales Handeln (einschließlich des Unterlassens oder Duldens) kann orientiert werden am vergangenen, gegenwärtigen oder für künftig erwarteten Verhalten anderer (Rache für frühere Angriffe, Abwehr gegenwärtigen Angriffs, Verteidigungsmaßregeln gegen künftige Angriffe). Die „anderen“ können Einzelne und Bekannte oder unbestimmt Viele und ganz Unbekannte sein („Geld“ z. B. bedeutet ein Tauschgut, welches der Handelnde beim Tausch deshalb annimmt, weil er sein Handeln an der Erwartung orientiert, daß sehr zahlreiche, aber unbekannte und unbestimmt viele Andre es ihrerseits künftig in Tausch zu nehmen bereit sein werden).

[173]2. Nicht jede Art von Handeln – auch von äußerlichem Handeln – ist „soziales“ Handeln im hier festgehaltenen Wortsinn. Äußeres Handeln dann nicht, wenn es sich lediglich an den Erwartungen des Verhaltens sachlicher Objekte orientiert. Das innere Sichverhalten ist soziales Handeln nur dann, wenn es sich am Verhalten anderer orientiert. Religiöses Verhalten z. B. dann nicht, wenn es Kontemplation, einsames Gebet usw. bleibt. Das Wirtschaften (eines einzelnen) erst dann und nur insofern, als es das Verhalten Dritter mit in Betracht zieht. Ganz allgemein und formal also schon: indem es auf die Respektierung der eignen faktischen Verfügungsgewalt über wirtschaftliche Güter durch Dritte reflektiert. In materialer Hinsicht: indem es z. B. beim Konsum den künftigen Begehr Dritter mitberücksichtigt und die Art des eignen „Sparens“ daran mitorientiert. Oder indem es bei der Produktion einen künftigen Begehr Dritter zur Grundlage seiner Orientierung macht usw.

3. Nicht jede Art von Berührung von Menschen ist sozialen Charakters, sondern nur ein sinnhaft am Verhalten des andern orientiertes eignes Verhalten. Ein Zusammenprall zweier Radfahrer z. B. ist ein bloßes Ereignis wie ein Naturgeschehen. Wohl aber wärenq[173]A: wäre ihr Versuch, dem andern auszuweichen[,] und die auf den Zusammenprall folgende Schimpferei, Prügelei oder friedliche Erörterung „soziales Handeln“.

4. Soziales Handeln ist weder identisch a) mit einem gleichmäßigen Handeln mehrerer noch b) mit jedem durch das Verhalten anderer beeinflußten Handeln. a) Wenn auf der Straße eine Menge Menschen beim Beginn eines Regens gleichzeitig den Regenschirm aufspannen, so ist (normalerweise) das Handeln des einen nicht an dem des andern orientiert, sondern das Handeln aller gleichartig an dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Nässe. – b) Es ist bekannt, daß das Handeln des einzelnen durch die bloße Tatsache, daß er sich innerhalb einer örtlich zusammengedrängten „Masse“ befindet, stark beeinflußt wird (Gegenstand der „massenpsychologischen“ Forschung, z. B. von der Art der Arbeiten Le Bonʼs): massenbedingtes Handeln.50[173] Le Bon, Psychologie. Vgl. dazu auch oben, S. 165 f., Hg.-Anm. 38. Und auch zerstreute Massen können durch ein simultan oder sukzessiv auf den einzelnen (z. B. durch Vermittlung der Presse) wirkendes und als solches empfundenes Verhalten Vieler das Verhalten der einzelnen massenbedingt werden lassen. Bestimmte Arten des Reagierens werden durch die bloße Tatsache, daß der Einzelne sich als Teil einer „Masse“ fühlt, erst ermöglicht, andre erschwert. Infolgedessen kann dann ein bestimmtes Ereignis oder menschliches Verhalten Empfindungen der verschiedensten Art: Heiterkeit, Wut, Begeisterung, Verzweiflung und Leidenschaften aller Art hervorrufen, welche bei Vereinzelung nicht (oder [174]nicht so leicht) als Folge eintreten würden, – ohne daß doch dabei (in vielen Fällen wenigstens) zwischen dem Verhalten des einzelnen und der Tatsache seiner Massenlage eine sinnhafte Beziehung bestände. Ein derart durch das Wirken der bloßen Tatsache der „Masse“ rein als solcher in seinem Ablauf nur reaktiv verursachtes oder mitverursachtes, nicht auch darauf sinnhaft bezogenes Handeln würde begrifflich nicht „soziales Handeln“ im hier festgehaltenen Wortsinn sein. Indessen ist der Unterschied natürlich höchst flüssig. Denn nicht nur z. B. beim Demagogen, sondern oft auch beim Massenpublikum selbst kann dabei ein verschieden großes und verschieden deutbares Maß von Sinnbeziehung zum Tatbestand der „Masse“ bestehen. – Ferner würde bloße „Nachahmung“ fremden Handelns (auf deren Bedeutung G[abriel] Tarde berechtigtes Gewicht legt)51[174] Tarde, Lʼimitation. Eine deutsche Ausgabe dieses Werks lag zu Webers Lebzeiten nicht vor. begrifflich dann nicht spezifisch „soziales Handeln“ sein, wenn sie lediglich reaktiv, ohne sinnhafte Orientierung des eigenen an dem fremden Handeln, erfolgt. Die Grenze ist derart flüssig, daß eine Unterscheidung oft kaum möglich erscheint. Die bloße Tatsache aber, daß jemand [A 12]eine ihm zweckmäßig scheinende Einrichtung, die er bei andren kennen lernte, nun auch bei sich trifft, ist nicht in unserem Sinn: soziales Handeln. Nicht am Verhalten des andern orientiert sich dies Handeln, sondern durch Beobachtung dieses Verhaltens hat der Handelnde bestimmte objektive Chancen kennen gelernt, und an diesen orientiert er sich. Sein Handeln ist kausal, nicht aber sinnhaft, durch fremdes Handeln bestimmt. Wird dagegen z. B. fremdes Handeln nachgeahmt, weil es „Mode“ ist, als traditional, mustergültig oder als ständisch „vornehm“ gilt oder aus ähnlichen Gründen, so liegt die Sinnbezogenheit – entweder: auf das Verhalten der Nachgeahmten, oder: Dritter, oder: beider – vor. Dazwischen liegen naturgemäß Übergänge. Beide Fälle: Massenbedingtheit und Nachahmung sind flüssig und Grenzfälle sozialen Handelns, wie sie noch oft, z. B. beim traditionalen Handeln (§ 2) begegnen werden. Der Grund der Flüssigkeit liegt in diesen wie andren Fällen darin, daß die Orientierung an fremdem Verhalten und der Sinn des eigenen Handelns ja keineswegs immer eindeutig feststellbar oder auch nur bewußt und noch seltener: vollständig bewußt sindr[174]A: ist. Bloße „Beeinflussung“ und sinnhafte „Orientierung“ sind schon um deswillen nicht immer sicher zu scheiden. Aber begrifflich sind sie zu trennen, obwohl, selbstredend, die nur „reaktive“ Nachahmung mindestens die gleiche soziologische Tragweite hat wie diejenige, welche „soziales Handeln“ im eigentlichen Sinn darstellt. Die Soziologie hat es eben keineswegs nur mit „sozialem Handeln“ zu tun, sondern dieses bildet nur (für die hier betriebene Art von [175]Soziologie) ihren zentralen Tatbestand, denjenigen, der für sie als Wissenschaft sozusagen konstitutiv ist. Keineswegs aber ist damit über die Wichtigkeit dieses im Verhältnis zu anderen Tatbeständen etwas ausgesagt.

§ 2. Wie jedes Handeln kann auch das soziale Handeln bestimmt sein 1. zweckrational: durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Außenwelt und von andren Menschen und unter Benutzung dieser Erwartungen als „Bedingungen“ oder als „Mittel“ für rational, als Erfolg, erstrebte und abgewogene eigne Zwecke, – 2. wertrational: durch bewußten Glauben an den – ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg, – 3. affektuell, insbesondere emotional: durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen, – 4. traditional: durch eingelebte Gewohnheit.

1. Das streng traditionale Verhalten steht – ganz ebenso wie die rein reaktive Nachahmung (s. vorigen §)52 [175]Oben, S. 172. – ganz und gar an der Grenze und oft jenseits dessen, was man ein „sinnhaft“ orientiertes Handeln überhaupt nennen kann. Denn es ist sehr oft nur ein dumpfes in der Richtung der einmal eingelebten Einstellung ablaufendes Reagieren auf gewohnte Reize. Die Masse alles eingelebten Alltagshandelns nähert sich diesem Typus, der nicht nur als Grenzfall in die Systematik gehört, sondern auch deshalb, weil (wovon später)53 Kap. III, § 6, unten, S. 468 ff. die Bindung an das Gewohnte in verschiedenem Grade und Sinne bewußt aufrecht erhalten werden kann: in diesem Fall nähert sich dieser Typus dem von Nr. 2.

2. Das streng affektuale Sichverhalten steht ebenso an der Grenze und oft jenseits dessen, was bewußt „sinnhaft“ orientiert ist; es kann hemmungsloses Reagieren auf einen außeralltäglichen Reiz sein. Eine Sublimierung ist es, wenn das affektual bedingte Handeln als bewußte Entladung der Gefühlslage auftritt: es befindet sich dann meist (nicht immer) schon auf dem Wege zur „Wertrationalisierung“ oder zum Zweckhandeln oder zu beiden.

3. Affektuelle und wertrationale Orientierung des Handelns unterscheiden sich durch die bewußte Herausarbeitung der letzten Richtpunkte des Handelns und konsequente planvolle Orientierung daran bei dem letzteren. Sonst haben sie gemeinsam: daß für sie der Sinn des Handelns nicht in dem jenseits seiner liegenden Erfolg, sondern in dem bestimmt gearte[176]ten Handeln als solchems[176]A: solchen liegt. Affektuell handelt, wer sein Bedürfnis nach aktueller Rache, aktuellem Genuß, aktueller Hingabe, aktueller kontemplativer Seligkeit oder nach Abreaktion aktueller Affekte (gleichviel wie massiver oder wie sublimer Art) befriedigt.

Rein wertrational handelt, wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen handelt im Dienst seiner Überzeugung von dem, was Pflicht, Würde, Schönheit, religiöse Weisung, Pietät, oder die Wichtigkeit einer „Sache“ gleichviel welcher Art ihm zu gebieten scheinen. Stets ist (im Sinn unserer Terminologie) wertrationales Handeln ein Handeln nach „Geboten“ oder gemäß „Forderungen“, die der Handelnde an sich gestellt glaubt. Nur soweit menschliches Handeln sich an solchen [A 13]Forderungen orientiert – was stets nur in einem sehr verschieden großen, meist ziemlich bescheidenen, Bruchteil der Fall ist –[,] wollen wir von Wertrationalität reden. Wie sich zeigen wird, kommt ihr Bedeutung genug zu, um sie als Sondertyp herauszuheben, obwohl hier im übrigen nicht eine irgendwie erschöpfende Klassifikation der Typen des Handelns zu geben versucht wird.

4. Zweckrational handelt, wer sein Handeln nach Zweck, MittelntA: Mittel und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich auch die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational abwägt: also jedenfalls weder affektuell (und insbesondere nicht emotional) noch traditional handelt. Die Entscheidung zwischen konkurrierenden und kollidierenden Zwecken und Folgen kann dabei ihrerseits wertrational orientiert sein: dann ist das Handeln nur in seinen Mitteln zweckrational. Oder es kann der Handelnde die konkurrierenden und kollidierenden Zwecke ohne wertrationale Orientierung an „Geboten“ und „Forderungen“ einfach als gegebene subjektive Bedürfnisregungen in eine Skala ihrer von ihm bewußt abgewogenen Dringlichkeit bringen und darnach sein Handeln so orientieren, daß sie in dieser Reihenfolge nach Möglichkeit befriedigt werden (Prinzip des „Grenznutzens“).54[176] Zum „Prinzip des Grenznutzens“ vgl. unten, S. 227 mit Hg.-Anm. 30. Friedrich von Wieser spricht vom „Gesetz des Grenznutzens“ (vgl. Wieser, Theorie, S. 194). Die wertrationale Orientierung des Handelns kann also zur zweckrationalen in verschiedenartigen Beziehungen stehen. Vom Standpunkt der Zweckrationalität aus aber ist Wertrationalität immer, und zwar je mehr sie den Wert, an dem das Handeln orientiert wird, zum absoluten Wert steigert, desto mehr: irrational, weil sie ja um so weniger auf die Folgen des Handelns reflektiert, je unbedingter allein dessen Eigenwert (reine Gesinnung, Schönheit, absolute Güte, absolute Pflichtmäßigkeit) für sie in Betracht kommt. Absolute Zweckrationalität des Handelns ist aber auch nur ein im wesentlichen konstruktiver Grenzfall.

[177]5. Sehr selten ist Handeln, insbesondere soziales Handeln, nur in der einen oder der andren Art orientiert. Ebenso sind diese Arten der Orientierung natürlich in gar keiner Weise erschöpfende Klassifikationen der Arten der Orientierung des Handelns, sondern für soziologische Zwecke geschaffene begrifflich reine Typen, denen sich das reale Handeln mehr oder minder annähert oder aus denen es – noch häufiger – gemischt ist. Ihre Zweckmäßigkeit für uns kann nur der Erfolg ergeben.

§ 3. Soziale „Beziehung“ soll ein seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer heißen. Die soziale Beziehung besteht also durchaus und ganz ausschließlich: in der Chance, daß in einer (sinnhaft) angebbaren Art sozial gehandelt wird, einerlei zunächst: worauf diese Chance beruht.

1. Ein Mindestmaß von Beziehung des beiderseitigen Handelns aufeinander soll also Begriffsmerkmal sein. Der Inhalt kann der allerverschiedenste sein: Kampf, Feindschaft, Geschlechtsliebe, Freundschaft, Pietät, Marktaustausch, „Erfüllung“ oder „Umgehung“ oder „Bruch“ einer Vereinbarung, ökonomische oder erotische oder andre „Konkurrenz“, ständische oder nationale oder Klassengemeinschaft (falls diese letzteren Tatbestände über bloße Gemeinsamkeiten hinaus „soziales Handeln“ erzeugen, – wovon später).55[177] Kap. IV, unten, S. 592 ff., das allerdings von Weber nicht mehr abgeschlossen werden konnte. Der Begriff besagt also nichts darüber: ob „Solidarität“ der Handelnden besteht oder das gerade Gegenteil.

2. Stets handelt es sich um den im Einzelfall wirklich oder durchschnittlich oder im konstruierten „reinen“ Typus von den Beteiligten gemeinten, empirischen, Sinngehalt, niemals um einen normativ „richtigen“ oder metaphysisch „wahren“ Sinn. Die soziale Beziehung besteht, auch wenn es sich um sogenannte „soziale Gebilde“, wie „Staat“, „Kirche“, „Genossenschaft“, „Ehe“ usw. handelt, ausschließlich und lediglich in der Chance, daß ein seinem Sinngehalt nach in angebbarer Art aufeinander eingestelltes Handeln stattfand, stattfindet oder stattfinden wird. Dies ist immer festzuhalten, um eine „substanzielle“ Auffassung dieser Begriffe zu vermeiden. Ein „Staat“ hört z. B. soziologisch zu „existieren“ dann auf, sobald die Chance, daß bestimmte Arten von sinnhaft orientiertem sozialem Handeln ablaufen, geschwunden ist. Diese Chance kann eine sehr große oder eine verschwindend geringe sein. In dem Sinn und Maße, als sie tatsächlich (schätzungsweise) bestand oder besteht, bestand oder besteht auch die [178]betreffende soziale Beziehung. Ein anderer klarer Sinn ist mit der Aussage: daß z. B. ein bestimmter „Staat“ noch oder nicht mehr „existiere“, schlechthin nicht zu verbinden.

3. Es ist in keiner Art gesagt: daß die an dem aufeinander eingestellten Handeln Beteiligten im Einzelfall den gleichen Sinngehalt in die soziale Beziehung legen oder sich sinnhaft entsprechend der Einstellung des Gegenpartners innerlich zu ihm einstellen, daß also in diesem Sinn „Gegenseitigkeit“ besteht. „Freundschaft“, „Liebe“, „Pietät“, „Vertragstreue“, „nationales Gemeinschaftsgefühl“ [A 14]von der einen Seite kann auf durchaus andersartige Einstellungen der anderen Seite stoßen. Dann verbinden eben die Beteiligten mit ihrem Handeln einen verschiedenen Sinn: die soziale Beziehung ist insoweit von beiden Seiten objektiv „einseitig“. Aufeinander bezogen ist sie aber auch dann insofern, als der Handelnde vom Partner (vielleicht ganz oder teilweise irrigerweise) eine bestimmte Einstellung dieses letzteren ihm (dem Handelnden) gegenüber voraussetzt und an diesen Erwartungen sein eignes Handeln orientiert, was für den Ablauf des Handelns und die Gestaltung der Beziehung Konsequenzen haben kann und meistu[178]Zu ergänzen wäre: haben wird. Objektiv „beiderseitig“ ist sie natürlich nur insoweit, als der Sinngehalt einander – nach den durchschnittlichen Erwartungen jedes der Beteiligten – „entspricht“, also z. B. der Vatereinstellung die Kindeseinstellung wenigstens annähernd so gegenübersteht, wie der Vater dies (im Einzelfall oder durchschnittlich oder typisch) erwartet. Eine völlig und restlos auf gegenseitiger sinnentsprechender Einstellung ruhende soziale Beziehung ist in der Realität nur ein Grenzfall. Fehlen der Beiderseitigkeit aber soll, nach unserer Terminologie, die Existenz einer „sozialen Beziehung“ nur dann ausschließen, wenn sie die Folge hat: daß ein Aufeinanderbezogensein des beiderseitigen Handelns tatsächlich fehlt. Alle Arten von Übergängen sind hier wie sonst in der Realität die Regel.

4. Eine soziale Beziehung kann ganz vorübergehenden Charakters sein oder aber auf Dauer, d. h. derart eingestellt sein: daß die Chance einer kontinuierlichen Wiederkehr eines sinnentsprechenden (d. h. dafür geltenden und demgemäß erwarteten) Verhaltens besteht. Nur das Vorliegen dieser Chance: – der mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeit also, daß ein sinnentsprechendes Handeln stattfindet[,] und nichts darüber hinaus – bedeutet der „Bestand“ der sozialen Beziehung, was zur Vermeidung falscher Vorstellungen stets gegenwärtig zu halten ist. Daß eine „Freundschaft“ oder daß ein „Staat“ besteht oder bestand, bedeutet also ausschließlich und allein: wir (die Betrachtenden) urteilen, daß eine Chance vorliegt oder vorlag: daß auf Grund einer bestimmt gearteten Einstellung bestimmter Menschen in einer einem durchschnittlich gemeinten Sinn nachvA: noch angeb[179]baren Art gehandelt wird, und sonst gar nichts (vgl. Nr. 2 a[m] E[nde]).56 [179]Oben, S. 177 f. Die für die juristische Betrachtung unvermeidliche Alternative: daß ein Rechtssatz bestimmten Sinnes entweder (im Rechtssinn) gelte oder nicht, ein Rechtsverhältnis entweder bestehe oder nicht, gilt für die soziologische Betrachtung also nicht.

5. Der Sinngehalt einer sozialen Beziehung kann wechseln: – z. B. eine politische Beziehung aus Solidarität in Interessenkollision umschlagen. Es ist dann nur eine Frage der terminologischen Zweckmäßigkeit und des Maßes von Kontinuität der Wandlung, ob man in solchen Fällen sagt: daß eine „neue“ Beziehung gestiftet sei oder: daß die fortbestehende alte einen neuen „Sinngehalt“ erhalten habe. Auch kann der Sinngehalt zum Teil perennierend, zum Teil wandelbar sein.

6. Der Sinngehalt, welcher eine soziale Beziehung perennierend konstituiert, kann in „Maximen“ formulierbar sein, deren durchschnittliche oder sinnhaft annähernde Innehaltung die Beteiligten von dem oder den Partnern erwarten und an denen sie ihrerseits (durchschnittlich und annähernd) ihr Handeln orientieren. Je rationaler – zweckrationaler oder wertrationaler – orientiert das betreffende Handeln seinem allgemeinen Charakter nach ist, desto mehr ist dies der Fall. Bei einer erotischen oder überhaupt affektuellen (z. B. einer „Pietäts“-)Beziehung ist die Möglichkeit einer rationalen Formulierung des gemeinten Sinngehalts z. B. naturgemäß weit geringer als etwa bei einem geschäftlichen Kontraktverhältnis.

7. Der Sinngehalt einer sozialen Beziehung kann durch gegenseitige Zusage vereinbart sein. Dies bedeutet: daß die daran Beteiligten für ihr künftiges Verhalten (sei es zu einander[,] sei es sonst) Versprechungen machen. Jeder daran Beteiligte zählt dann – soweit er rational erwägt – zunächst (mit verschiedener Sicherheit) normalerweise darauf, daß der andre sein Handeln an einem von ihm (dem Handelnden) selbst verstandenen Sinn der Vereinbarung orientieren werde. Er orientiert sein eignes Handeln teils zweckrational (je nachdem mehr oder minder sinnhaft „loyal“) an dieser Erwartung, teils wertrational an der „Pflicht“[,] auch seinerseits die eingegangene Vereinbarung dem von ihm gemeinten Sinn gemäß zu „halten“. Soviel hier vorweg. Im übrigen vgl. § 9 und § 13.57 Kap. I, § 9, unten, S. 194 ff., und § 13, unten, S. 207 f.

§ 4. Es lassen sich innerhalb des sozialen Handelns tatsächliche Regelmäßigkeiten beobachten, d. h. in einem typisch gleichartig gemeinten Sinn beim gleichen Handelnden sich wiederholende oder (eventuell auch: zugleich) bei zahlreichen Handelnden ver[180]breitete Abläufe von Handeln. Mit diesen Typen des Ablaufs von Handeln befaßt sich die Soziologie, im Gegensatz zur Geschichte als der kausalen Zurechnung wichtiger, d. h. schicksalhafter, Einzelzusammenhänge.

[A 15]Eine tatsächlich bestehende Chance einer Regelmäßigkeit der Einstellung sozialen Handelns soll heißen Brauch, wenn und soweit die Chance ihres Bestehens innerhalb eines Kreises von Menschen lediglich durch tatsächliche Übung gegeben ist. Brauch soll heißen Sitte, wenn die tatsächliche Übung auf langer Eingelebtheit beruht. Sie soll dagegen bezeichnet werden als „bedingt durch Interessenlage“ („interessenbedingt“), wenn und soweit die Chance ihres empirischen Bestandes lediglich durch rein zweckrationale Orientierung des Handelns der einzelnen an gleichartigen Erwartungen bedingt ist.

1. Zum Brauch gehört auch die „Mode“. „Mode“ im Gegensatz zu „Sitte“ soll Brauch dann heißen, wenn (gerade umgekehrt wie bei Sitte) die Tatsache der Neuheit des betreffenden Verhaltens Quelle der Orientierung des Handelns daran wird. Sie hat ihre Stätte in der Nachbarschaft der „Konvention“, da sie wie (meist) diese ständischen Prestigeinteressen entspringt. Hier wird sie nicht näher behandelt.

2. „Sitte“ soll uns eine im Gegensatz zu „Konvention“ und „Recht“ nicht äußerlich garantierte Regel heißen, an welche sich der Handelnde freiwillig, sei es einfach „gedankenlos“ oder aus „Bequemlichkeit“ oder aus welchen Gründen immer, tatsächlich hält und deren wahrscheinliche Innehaltung er von andren diesem Menschenkreis Angehörigen aus diesen Gründen gewärtigen kann. Sitte in diesem Sinn wäre also nichts „Geltendes“: es wird von niemandem „verlangt“, daß er sie mitmache. Der Übergang von da zur geltenden Konvention und zum Recht ist natürlich absolut flüssig. Überall ist das tatsächlich Hergebrachte der Vater des Geltenden gewesen. Es ist heute „Sitte“, daß wir am Morgen ein Frühstück ungefähr angebbarer Art zu uns nehmen; aber irgendeine „Verbindlichkeit“ dazu besteht (außer für Hotelbesucher) nicht; und es war nicht immer Sitte. Dagegen ist die Art der Bekleidung, auch wo sie aus „Sitte“ entstanden ist, heut in weitem Umfang nicht mehr nur Sitte, sondern Konvention. Über Brauch und Sitte sind die betreffenden Abschnitte aus Iherings „Zweck im Recht“ (Band II) noch heut lesenswert.58[180] Ihering, Zweck II, untersucht die Entstehung der Sitten und unterscheidet dabei zwischen Brauch, Sitte, Mode, Moral und Recht. Die Sitte grenzt er einerseits gegen [181]den Brauch, andererseits gegen die Moral ab. Als Abgrenzungskriterium dient ihm der Grad der sozialen Verpflichtung (ebd., S. 230 f.). Vgl. auch P[aul]a[180]A: K. Oertmann, [181]Rechtsregelung und Verkehrssitte (1914) und neustens: E[rnst] Weigelin, Sitte, Recht und Moral, 1919 (übereinstimmend mit mir gegen Stammler).59 Oertmann, Verkehrssitte, und Weigelin, Sitte. Oertmann und Weigelin zitieren allerdings in ihren Arbeiten Weber nicht, wie es die Formulierung nahelegen könnte. Sie kritisieren aber Stammler in ähnlicher Weise wie dieser (vgl. auch oben, S. 148, Hg.-Anm. 7, und unten, S. 184, Hg.-Anm. 64, sowie die Einleitung, oben, S. 30 ff.). Weigelin etwa diskutiert Brauch, Mode, Sitte, Recht und Moral im Gegenzug zu Stammler als zwar voneinander abgrenzbare, aber dennoch zusammengehörende Phänomene imperativen und zwingenden Charakters, die als Aspekte einer einheitlichen Lebensordnung begriffen werden müßten. Oertmann bestreitet Stammlers Behauptung, die Sittenregel lasse sich von der Rechtsregel dadurch unterscheiden, daß jene eine bloße Einladung an den Handelnden sei, die er auch ausschlagen könne, ohne Sanktionen zu erleiden. Dagegen Oertmann: die Verletzung einer Sittenregel werde häufig härter bestraft als die einer Rechtsregel. Weigelin bezieht sich übrigens auch explizit auf die von Weber weiter unten (S. 188, Hg.-Anm. 69 bzw. 71) herangezogenen rechtlichen Bestimmungen: RCPO § 888 sowie BGB §§ 157 und 242.

3. Zahlreiche höchst auffallende Regelmäßigkeiten des Ablaufs sozialen Handelns, insbesondere (aber nicht nur) des wirtschaftlichen Handelns, beruhen keineswegs auf Orientierung an irgendeiner als „geltend“ vorgestellten Norm, aber auch nicht auf Sitte, sondern lediglich darauf: daß die Art des sozialen Handelns der Beteiligten, der Natur der Sache nach, ihren normalen, subjektiv eingeschätzten, Interessen so am durchschnittlich besten entspricht und daß sie an dieser subjektiven Ansicht und Kenntnis ihr Handeln orientieren: so etwa Regelmäßigkeiten der Preisbildung bei „freiem“ Markt.60 Zum „freien“ Markt vgl. unten, S. 248 und 264. Die Marktinteressenten orientieren eben ihr Verhalten, als „Mittel“, an eignen typischen subjektiven wirtschaftlichen Interessen als „Zweck“ und an den ebenfalls typischen Erwartungen, die sie vom voraussichtlichen Verhalten der anderen hegen, als „Bedingungen“, jenen Zweck zu erreichen. Indem sie derart, je strenger zweckrational sie handeln, desto ähnlicher auf gegebene Situationen reagieren, entstehen Gleichartigkeiten, Regelmäßigkeiten und Kontinuitäten der Einstellung und des Handelns, welche sehr oft weit stabiler sind, als wenn Handeln sich an Normen und Pflichten orientiert, die einem Kreise von Menschen tatsächlich für „verbindlich“ gelten. Diese Erscheinung: daß Orientierung an der nackten eignen und fremden Interessenlage Wirkungen hervorbringt, welche jenen gleichstehen, die durch Normierung – und zwar sehr oft vergeblich – zu erzwingen gesucht werden, hat insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet große Aufmerksamkeit erregt: – sie war geradezu eine der Quellen des Entstehens der Nationalökonomie als Wissenschaft.61 In seiner Vorlesung „Geschichte der Nationalökonomie“ aus dem Sommersemester 1896 in Freiburg sieht Weber eine der Quellen der Nationalökonomie in der Ablösung des Merkantilismus durch den ökonomischen Individualismus (MWG III/1, [182]S. 689 ff., §§ 2 und 3). Als Triebkräfte gelten ihm dort der Physiokratismus in Frankreich und der Smithianismus in England. Über Adam Smith heißt es: „Dag[e]g[en] Interessenharmonie u. Concurrenzmaxime v[on] Physiokraten übernommen / Grund: Verkehr der Bevormundung entwachsen / Form der Theorie: der Eigennutz steht im Dienst der Gesamtheit“ (ebd., S. 697). Das habe verschiedene Interpretationen des Individualismus in Gestalt des Liberalismus ausgelöst und schließlich zur Kritik des ökonomischen Individualismus durch den wissenschaftlichen Sozialismus geführt. Eine anders akzentuierte Betrachtung der Entstehungsbedingungen der Nationalökonomie findet sich im Objektivitätsaufsatz (Weber, Objektivität, S. 60 f.). Sie gilt [182]aber von allen Gebieten des Handelns in ähnlicher Art. Sie bildet in ihrer Bewußtheit und inneren Ungebundenheit den polaren Gegensatz gegen jede Art von innerer Bindung durch Einfügung in bloße eingelebte „Sitte“, wie andererseits gegen Hingabe an wertrational geglaubte Normen. Eine wesentliche Komponente der „Rationalisierung“ des Handelns ist der Ersatz der inneren Einfügung in eingelebte Sitte durch die planmäßige Anpassung an Interessenlagen. Freilich erschöpft dieser Vorgang den Begriff der „Rationalisierung“ des Handelns nicht. Denn außerdem kann diese positiv in der Richtung der bewußten Wertrationalisierung, negativ aber außer auf Kosten der Sitte auch auf Kosten affektuellen Handelns, und endlich auch zugunsten eines wertungläubigen[,] rein zweckrationalenb[182]Zu ergänzen wäre: Handelns auf Kosten von wertrational gebundenem [A 16]Handeln verlaufen. Diese Vieldeutigkeit des Begriffs der „Rationalisierung“ des Handelns wird uns noch öfter beschäftigen. (Begriffliches dazu am Schluß!)62 Worauf sich der interne Verweis bezieht, ist unklar. Am Schluß von Kapitel I findet sich Begriffliches dazu nicht. In den folgenden Kapiteln II und III verwendet Weber allerdings die Unterscheidung zwischen formaler und materialer Rationalität, so zum Beispiel in Kap. II in den §§ 9 (S. 251 f.), 13 (S. 285 ff.), 30 (S. 375 f.), 35 (S. 404 ff.) und in Kap. III in § 5 (S. 448).

4. Die Stabilität der (bloßen) Sitte beruht wesentlich darauf, daß derjenige, welcher sein Handeln nicht an ihr orientiert, „unangepaßt“ handelt, d. h. kleine und große Unbequemlichkeiten und Unzuträglichkeiten mit in den Kauf nehmen muß, so lange das Handeln der Mehrzahl seiner Umwelt nun einmal mit dem Bestehen der Sitte rechnet und darauf eingestellt ist.

Die Stabilität der Interessenlage beruht, ähnlich, darauf, daß, wer sein Handeln nicht an dem Interesse der andern orientiert, – mit diesen nicht „rechnet“ – deren Widerstand herausfordert oder einen von ihm nicht gewollten und nicht vorausgesehenen Erfolg hat und also Gefahr läuft, an eignem Interesse Schaden zu nehmen.

§ 5. Handeln, insbesondre soziales Handeln und wiederum insbesondre eine soziale Beziehung, könnencZu erwarten wäre: kann von seiten der Betei[183]ligten an der Vorstellung vom Bestehen einer legitimen Ordnung orientiert werden. Die Chance, daß dies tatsächlich geschieht, soll „Geltung“ der betreffenden Ordnung heißen.

1. „Gelten“ einer Ordnung soll uns also mehr bedeuten als eine bloße, durch Sitte oder Interessenlage bedingte Regelmäßigkeit eines Ablaufs sozialen Handelns. Wenn Möbeltransportgesellschaften regelmäßig um die Zeit der Umzugstermine inserieren, so ist diese Regelmäßigkeit durch „Interessenlage“ bedingt. Wenn ein Höker63 [183]Aus dem Plattdeutschen übernommene, veraltete Bezeichnung für Kleinhändler, die auf lokalen Märkten, auf der Straße oder im Haus des Kunden ihre (in der Hucke) mit sich geführten Waren anbieten. zu bestimmten Monats- oder Wochentagen eine bestimmte Kundschaft aufsucht, so ist das entweder eingelebte Sitte oder ebenfalls Produkt seiner Interessenlage (Turnus in seinem Erwerbssprengel). Wenn ein Beamter aber täglich zur festen Stunde auf dem Büro erscheint, so ist das (auch, aber:) nicht nur durch eingelebte Gewöhnung (Sitte) und (auch, aber:) nicht nur durch eigne Interessenlage bedingt, der er nach Belieben nachleben könnte oder nicht. Sondern (in der Regel: auch) durch das „Gelten“ der Ordnung (Dienstreglement) als Gebot, dessen Verletzung nicht nur Nachteile brächte, sondern – normalerweise – auch von seinem „Pflichtgefühl“ wertrational (wenn auch in höchst verschiedenem Maße wirksam) perhorresziert wird.

2. Einen Sinngehalt einer sozialen Beziehung wollen wir a) nur dann eine „Ordnung“ nennen, wenn das Handeln an angebbaren „Maximen“ (durchschnittlich und annähernd) orientiert wird. Wir wollen b) nur dann von einem „Gelten“ dieser Ordnung sprechen, wenn diese tatsächliche Orientierung an jenen Maximen mindestens auch (also in einem praktisch ins Gewicht fallenden Maß) deshalb erfolgt, weil sie als irgendwie für das Handeln geltend: verbindlich oder vorbildlich, angesehen werden. Tatsächlich findet die Orientierung des Handelns an einer Ordnung naturgemäß bei den Beteiligten aus sehr verschiedenen Motiven statt. Aber der Umstand, daß neben den andern Motiven die Ordnung mindestens einem Teil der Handelnden auch als vorbildlich oder verbindlich und also geltensollend vorschwebt, steigert naturgemäß die Chance, daß das Handeln an ihr orientiert wird, und zwar oft in sehr bedeutendem Maße. Eine nur aus zweckrationalen Motiven innegehaltene Ordnung ist im allgemeinen weit labiler, als die lediglich kraft Sitte, infolge der Eingelebtheit eines Verhaltens, erfolgende Orientierung an dieser: die von allen häufigste Art der inneren Haltung. Aber sie ist noch ungleich labiler als eine mit dem Prestige der Vorbildlichkeit oder Verbindlichkeit, wir wollen sagen: der „Legitimität“, auftretende. Die Übergänge von der bloß traditional oder bloß [184]zweckrational motivierten Orientierung an einer Ordnung zum Legitimitäts-Glauben sind natürlich in der Realität durchaus flüssig.

3. An der Geltung einer Ordnung „orientieren“ kann man sein Handeln nicht nur durch „Befolgung“ ihres (durchschnittlich verstandenen) Sinnes. Auch im Fall der „Umgehung“ oder „Verletzung“ ihres (durchschnittlich verstandenen) Sinnes kann die Chance ihrer in irgendeinem Umfang bestehenden Geltung (als verbindliche Norm) wirken. Zunächst rein zweckrational. Der Dieb orientiert an der „Geltung“ des Strafgesetzes sein Handeln: indem er es verhehlt. Daß die Ordnung innerhalb eines Menschenkreises „gilt“, äußert sich eben darin, daß er den Verstoß verhehlen muß. Aber von diesem Grenzfall abgesehen: sehr häufig beschränkt sich die Verletzung der Ordnung auf mehr oder minder zahlreiche Partialverstöße, oder sie sucht sich, mit verschiedenem Maß von Gutgläubigkeit, als legitim hinzustellen. Oder es bestehen tatsächlich verschiedene Auffassungen des Sinnes der Ordnung nebeneinander, die dann – für die Soziologie – jede in dem Umfang „gelten“, als sie das tatsächliche Verhalten bestimmen. Es macht der Soziologie keine Schwierigkeiten, das Nebeneinandergelten verschiedener einander widersprechender Ordnungen innerhalb des gleichen Menschenkreises anzuerkennen. Denn sogar der einzelne kann sein Handeln an einander widersprechenden Ordnungen orientieren. [A 17]Nicht nur sukzessiv, wie es alltäglich geschieht, sondern auch durch die gleiche Handlung. Wer einen Zweikampf vollzieht, orientiert sein Handeln am Ehrenkodex, indem er aber dies Handeln verhehlt oder umgekehrt: sich dem Gericht stellt, am Strafgesetzbuch. Wenn freilich Umgehung oder Verletzung des (durchschnittlich geglaubten) Sinns einer Ordnung zur Regel geworden sind, so „gilt“ die Ordnung eben nur noch begrenzt oder schließlich gar nicht mehr. Zwischen Geltung und Nichtgeltung einer bestimmten Ordnung besteht also für die Soziologie nicht, wie für die Jurisprudenz (nach deren unvermeidlichem Zweck) absolute Alternative. Sondern es bestehen flüssige Übergänge zwischen beiden Fällen, und es können, wie bemerkt, einander widersprechende Ordnungen nebeneinander „gelten“, jede – heißt dies dann – in dem Umfang, als die Chance besteht, daß das Handeln tatsächlich an ihr orientiert wird.

Kenner der Literatur werden sich an die Rolle erinnern, welche der Begriff der „Ordnung“ in R[udolf] Stammlers zweifellos – wie alle seine Arbeiten – glänzend geschriebenem, aber gründlich verfehltem und die Probleme verhängnisvoll verwirrendem, in der Vorbemerkung zitiertem Buch spielt. (Vgl. dazu meine ebendort zitierte – im Verdruß über die angerichtete Verwirrung leider in der Form etwas scharf geratene – Kritik).64[184] Gemeint sind: Stammler, Wirtschaft und Recht2, und Weber, Stammlers Überwindung, bereits oben, S. 148 mit Hg.-Anm. 7 und S. 169 mit Hg.-Anm. 44, zitiert. Vgl. ferner unten, S. 186, Hg.-Anm. 67. Bei Stammler ist nicht nur das empirische und das normative [185]Gelten nicht geschieden, sondern überdies verkannt, daß das soziale Handeln sich nicht nur an „Ordnungen“ orientiert; vor allem aber ist in logisch völlig verfehlter Weise die Ordnung zur „Form“ des sozialen Handelns gemacht und dann in eine ähnliche Rolle zum „Inhalt“ gerückt, wie sie die „Form“ im erkenntnistheoretischen Sinn spielt (von andern Irrtümern ganz abgesehen). Tatsächlich orientiert sich z. B. das (primär) wirtschaftliche Handeln (K. II)65[185] Kap. II, §§ 1, 3, 4, unten, S. 216–223, 225–232, bes. aber S. 218 f. an der Vorstellung von der Knappheit bestimmter verfügbarer Mittel der Bedarfsbefriedigung im Verhältnis zum (vorgestellten) Bedarf und an dem gegenwärtigen und für künftig vorausgesehenen Handeln Dritter, die auf die gleichen Mittel reflektieren; dabei aber orientiert es sich natürlich außerdem in der Wahl seiner „wirtschaftlichen“ Maßregeln an jenen „Ordnungen“, welche der Handelnde als Gesetze und Konventionen „geltend“ weiß, d. h. von denen er weiß, daß ein bestimmtes Reagieren Dritter im Fall ihrer Verletzung eintreten wird. Diesen höchst einfachen empirischen Sachverhalt hat Stammler in der hoffnungslosesten Weise verwirrt und insbesondere ein Kausalverhältnis zwischen „Ordnung“ und realem Handeln für begrifflich unmöglich erklärt. Zwischen dem juristisch-dogmatischen, normativen Gelten der Ordnung und einem empirischen Vorgang gibt es ja in der Tat kein Kausalverhältnis, sondern nur die Frage: wird der empirische Vorgang von der (richtig interpretierten) Ordnung juristisch „betroffen“? soll sie also (normativ) für ihn gelten? und, wenn ja, was sagt sie als für ihn normativ geltensollend aus? Zwischen der Chance aber, daß an der Vorstellung vom Gelten einer durchschnittlich so und so verstandenen Ordnung das Handeln orientiert wird, und dem wirtschaftlichen Handeln besteht selbstverständlich (gegebenenfalls) ein Kausalverhältnis im ganz gewöhnlichen Sinn des Worts. Für die Soziologie aber „ist“ eben lediglich jene Chance der Orientierung an dieser Vorstellung „die“ geltende Ordnung.

§ 6. Die Legitimität einer Ordnung kann garantiert sein:

I. rein innerlich und zwar

  1. rein affektuell: durch gefühlsmäßige Hingabe;
  2. wertrational:d[185]Doppelpunkt fehlt in A. durch Glauben an ihre absolute Geltung als Ausdruck letzter verpflichtender Werte (sittlicher, ästhetischer oder irgendwelcher andrer);
  3. religiös: durch den Glauben an die Abhängigkeit eines Heilsgüterbesitzes von ihrer Innehaltung;

[186]II. auch (oder: nur) durch Erwartungen spezifischer äußerer Folgen, also: durch Interessenlage; aber: durch Erwartungen von besonderer Art.

Eine Ordnung soll heißen:

  1. Konvention, wenn ihre Geltung äußerlich garantiert ist durch die Chance, bei Abweichung innerhalb eines angebbaren Menschenkreises auf eine (relativ) allgemeine und praktisch fühlbare Mißbilligung zu stoßen, –
  2. Recht, wenn sie äußerlich garantiert ist durch die Chance einese[186]Fehlt in A; eines sinngemäß ergänzt. (physischen oder psychischen) Zwanges durch ein auf Erzwingung der Innehaltung oder Ahndung der Verletzung gerichtetes Handeln eines eigens darauf eingestellten Stabes von Menschen.

Über Konvention s. neben Ihering a. a. O. Weigelin a. a. O. und F[erdinand] Tönnies, Die Sitte (1909).66[186] Zu Ihering, Zweck, und Weigelin, Sitte, siehe oben, S. 180 mit Hg.-Anm. 58; ferner Tönnies, Sitte; ein Handexemplar mit einigen Anstreichungen befindet sich in der Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München. Vgl. dazu auch den Brief Max Webers an Ferdinand Tönnies vom 29. August 1909, MWG II/6, S. 237.

[A 18]1. Konvention soll die innerhalb eines Menschenkreises als „geltend“ gebilligte und durch Mißbilligung gegen Abweichungen garantierte „Sitte“ heißen. Im Gegensatz zum Recht (im hier gebrauchten Sinn des Worts) fehlt der speziell auf die Erzwingung eingestellte Menschenstab. Wenn Stammler die Konvention vom Recht durch die absolute „Freiwilligkeit“ der Unterwerfung scheiden will, so ist das nicht im Einklang mit dem üblichen Sprachgebrauch und auch für seine eigenen Beispiele nicht zutreffend.67 Stammler unterscheidet „zwei Klassen sozialer Regeln“, die „rechtlichen Satzungen“ oder Rechtsregeln und die „Konventionalregeln“. Die Konventionalregeln bilden ihm die „Masse jener Normen, die in den Weisungen von Anstand und Sitte, in den Forderungen der Etikette und den Formen des geselligen Verkehres im engeren Sinne, in der Mode und den vielfachen äußeren Gebräuchen, wie in dem Kodex der ritterlichen Ehre uns entgegentreten.“ (Stammler, Wirtschaft und Recht2, S. 121). Mit den beiden Regelarten seien unterschiedliche Geltungsansprüche verbunden. Während das Recht den Anspruch erhebe, „zu gebieten, ganz unabhängig von der Zustimmung des Rechtsunterworfenen“, enthalte die Konventionalregel eine „bedingungsweise Einladung“ . Sie beanspruche lediglich, „zu gelten zufolge der Einwilligung des Unterstellten“ (ebd., S. 124 f.). Die Befolgung der „Konvention“ (im üblichen Wortsinn) – etwa: des üblichen Grüßens, der als anständig geltenden Bekleidung, der Schranken des Verkehrs nach Form und Inhalt – wird dem einzelnen als verbind[187]lich oder vorbildlich durchaus ernstlich „zugemutet“ und durchaus nicht, – wie etwa die bloße „Sitte“, seine Speisen in bestimmter Art zu bereiten, – freigestellt. Ein Verstoß gegen die Konvention („Standessitte“) wird oft durch die höchst wirksame und empfindliche Folge des sozialen Boykotts der Standesgenossen stärker geahndet[,] als irgendein Rechtszwang dies vermöchte. Was fehlt, ist lediglich der besondre, auf ein spezifisches, die Innehaltung garantierendes Handeln eingestellte Stab von Menschenf[187]A: Menschen, (bei uns: Richter, Staatsanwälte, Verwaltungsbeamte, Exekutoren usw.). Aber der Übergang ist flüssig. Der Grenzfall der konventionellen Garantie einer Ordnung im Übergang zur Rechtsgarantie ist die Anwendung des förmlichen, angedrohten und organisierten, Boykotts. Dieser wäre für unsre Terminologie bereits ein Rechtszwangsmittel. Daß die Konvention außer durch die bloße Mißbilligung auch durch andre Mittel (etwa: Gebrauch des Hausrechts bei konventionswidrigem Verhalten) geschützt wird, interessiert hier nicht. Denn entscheidend ist: daß eben dann der einzelne, und zwar infolge der konventionellen Mißbilligung, diese (oft drastischen) Zwangsmittel anwendet, nicht: ein Stab von Menschen eigens dafür bereit steht.

2. Uns soll für den Begriff „Recht“ (der für andre Zwecke ganz anders abgegrenzt werden mag) die Existenz eines Erzwingungs-Stabes entscheidend sein. Dieser braucht natürlich in keiner Art dem zu gleichen, was wir heute gewohnt sind. Insbesondere ist es nicht nötig, daß eine „richterliche“ Instanz vorhanden sei. Auch die Sippe (bei der Blutrache und Fehde) ist ein solcher Stab, wenn für die Art ihres Reagierens Ordnungen irgendwelcher Art tatsächlich gelten. Allerdings steht dieser Fall auf der äußersten Grenze dessen, was gerade noch als „Rechtszwang“ anzusprechen ist. Dem „Völkerrecht“ ist bekanntlich die Qualität als „Recht“ immer wieder bestritten worden, weil es an einer überstaatlichen Zwangsgewalt fehle. Für die hier (als zweckmäßig) gewählte Terminologie würde in der Tat eine Ordnung, die äußerlich lediglich durch Erwartungen der Mißbilligung und der Repressalien des Geschädigten, also konventionell und durch Interessenlage, garantiert ist, ohne daß ein Stab von Menschen existiert, dessen Handeln eigens auf ihre Innehaltung eingestellt ist, nicht als „Recht“ zu bezeichnen sein. Für die juristische Terminologie kann dennoch sehr wohl das Gegenteil gelten. Die Mittel des Zwangs sind irrelevant. Auch die „brüderliche Vermahnung“, welche in manchen Sekten als erstes Mittel sanften Zwangs gegen Sünder üblich war, gehört – wenn durch eine Regel geordnet und durch einen Menschenstab durchgeführt – dahin. Ebenso z. B. die zensorische Rüge68 [187]Mißbilligung des Verhaltens bestimmter Personen durch einen Zensor. Das Amt [188]des Zensors gab es z. B. im alten Rom (u. a. zur Sittenaufsicht) und im kaiserlichen China (zur Beurteilung des Kaisers und der Beamten). Dazu Weber, Recht, MWG I/22-3, S. 377 bzw. Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 177 f., mit Fn. 77 und 78. als Mittel, „sittliche“ Normen des Verhaltens zu garan[188]tieren. Erst recht also der psychische Zwang durch die eigentlichen kirchlichen Zuchtmittel. Es gibt also natürlich ganz ebenso ein hierokratisch wie ein politisch oder ein durch Vereinsstatuten oder durch Hausautorität oder durch Genossenschaften und Einungen garantiertes „Recht“. Auch die Regeln eines „Komments“ gelten dieser Begriffsbestimmung als „Recht“. Der Fall des § 888 Abs. 2 RZPO. (unvollstreckbare Rechte)69 § 888 der Reichscivilprozeßordnung (RCPO) vom 30. Januar 1877 in der Fassung von 1900 lautet: „Kann eine Handlung durch einen Dritten nicht vorgenommen werden, so ist, wenn sie ausschließlich vom Willen des Schuldners abhängt, auf Antrag von dem Prozeßgericht erster Instanz zu erkennen, daß der Schuldner zur Vornahme der Handlung durch Geldstrafen bis zum Gesammtbetrage von fünfzehnhundert Mark oder durch Haft anzuhalten sei. – Diese Bestimmung kommt im Falle der Verurtheilung zur Eingehung einer Ehe, im Fall der Verurtheilung zur Herstellung des ehelichen Lebens und im Fall der Verurtheilung zur Leistung von Diensten aus einem Dienstvertrage nicht zur Anwendung.“ gehört selbstverständlich dahin. Die „leges imperfectae“ und die „Naturalobligationen“ sind Formen der Rechtssprache, in welchen indirekt Schranken oder Bedingungen der Zwangsanwendung ausgedrückt werden.70 Mit dem aus dem römischen Recht stammenden Begriff „leges imperfectae“ (lat., Pl. von lex imperfecta, unvollkommenes Gesetz) werden Rechtsvorschriften bezeichnet, an die der Gesetzgeber keine Rechtsfolgen, z. B. Strafen, geknüpft hat. Unter „Naturalobligationen“ werden Verbindlichkeiten verstanden, die nicht im Prozeßwege durchgesetzt werden können, z. B. verjährte Forderungen oder Spiel- und Wettschulden. Vgl. dazu Klingmüller, Fritz, Die Lehre von den natürlichen Verbindlichkeiten. Eine historisch-dogmatische Untersuchung. – Berlin: Guttentag 1905. Eine zwangsmäßig oktroyierte „Verkehrssitte“ ist insoweit Recht (§§ 157, 242 BGB.).71 Der juristische Begriff der „Verkehrssitte“ bezeichnet die ständige Übung eines bestimmten Verhaltens im Rechtsverkehr. Die Verkehrssitte ist im Gegensatz zum Gewohnheitsrecht keine Rechtsnorm, wird jedoch bei der nach „Treu und Glauben“ vorzunehmenden Auslegung von Verträgen herangezogen. Die von Weber zitierten §§ 157 und 242 des BGB vom 18. August 1896, 1900 in Kraft getreten, lauten: „§ 157. Verträge sind so auszulegen, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern.“ „§ 242. Der Schuldner ist verpflichtet, die Leistung so zu bewirken, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern.“ Vgl. über den Begriff der „guten Sitte“ (= billigenswerte und daher vom Recht sanktionierte Sitte) Max Rümelin in der „Schwäb[ischen] Heimatsgabe für Th[eodor] Häring“ (1918).72 Rümelin, Sittengesetz, S. 133–148.

3. Nicht jede geltende Ordnung hat notwendig generellen und abstrakten Charakter. Geltender „Rechtssatz“ und „Rechtsentscheidung“ eines konkreten Falles z. B. waren keineswegs unter allen Umständen so voneinander geschieden, wie wir dies heute als normal ansehen. Eine „Ordnung“ kann also auch als Ordnung lediglich eines konkreten Sachverhalts auftre[189]ten. Alles Nähere gehört in die Rechtssoziologie.73[189] Die Neufassung des Kapitels über Recht ist nicht überliefert. Vgl. dazu die Einleitung, oben, S. 69, und die Übersicht zum Editorischen Bericht, oben, S. 109–111. Wir werden vorerst, wo nichts andres gesagt ist, zweckmäßigerweise mit der modernen Vorstellungsweise über die Beziehung von Rechtssatz und Rechtsentscheidung arbeiten.

4. „Äußerlich“ garantierte Ordnungen können außerdem auch noch „innerlich“ garantiert sein. Die Beziehung zwischen Recht, Konvention und „Ethik“ ist für die Soziologie kein Problem. Ein „ethischer“ Maßstab ist für sie ein solcher, der eine [A 19]spezifische Art von wertrationalem Glauben von Menschen als Norm an menschliches Handeln legt, welches das Prädikat des „sittlich Guten“ in Anspruch nimmt, ebenso wie Handeln, welches das Prädikat „schön“ in Anspruch nimmt, dadurch an ästhetischen Maßstäben sich mißt. Ethische Normvorstellungen in diesem Sinn können das Handeln sehr tiefgehend beeinflussen und doch jeder äußeren Garantie entbehren. Letzteres pflegt dann der Fall zu sein, wenn durch ihre Verletzung fremde Interessen wenig berührt werden. Sie sind andrerseits sehr oft religiös garantiert. Sie können aber auch (im Sinn der hier gebrauchten Terminologie) konventionell: durch Mißbilligung der Verletzung und Boykott[,] oder auch noch rechtlich, durch strafrechtliche oder polizeiliche Reaktion oder zivilrechtliche Konsequenzen, garantiert sein. Jede tatsächlich – im Sinne der Soziologie – „geltende“ Ethik pflegt weitgehend durch die Chance der Mißbilligung ihrer Verletzung, also: konventionell, garantiert zu sein. Andrerseits beanspruchen aber nicht (mindestens: nicht notwendig) alle konventionell oder rechtlich garantierten Ordnungen den Charakter ethischer Normen, die rechtlichen – oft rein zweckrational gesatzten – im Ganzen noch weit weniger als die konventionellen. Ob eine unter Menschen verbreitete Geltungsvorstellung als dem Bereich der „Ethik“ angehörig anzusehen ist oder nicht (also „bloße“ Konvention oder „bloße“ Rechtsnorm ist), kann für die empirische Soziologie nicht anders als nach demjenigen Begriff des „Ethischen“ entschieden werden, der in dem in Frage stehenden Menschenkreise tatsächlich galt oder gilt. Allgemeines läßt sich darüber deshalb für sie nicht aussagen.

§ 7. Legitime Geltung kann einer Ordnung von den Handelnden zugeschrieben werden:

  1. kraft Tradition: Geltung des immer Gewesenen;
  2. kraft affektuellen (insbesondre: emotionalen) Glaubens: Geltung des neu Offenbarten oder des Vorbildlichen; [190]
  3. kraft wertrationalen Glaubens; Geltung des als absolut gültig Erschlossenen;
  4. kraft positiver Satzung, an deren Legalität geglaubt wird.

Diese Legalität kann als legitim gelten

  1. kraft Vereinbarung der Interessenten für diese;
  2. kraft Oktroyierung auf Grund einer als legitim geltenden Herrschaft von Menschen über Menschen und Fügsamkeit.

Alles Nähere gehört (vorbehaltlich einiger noch weiter zu definierender Begriffe) in die Herrschafts- und Rechtssoziologie.74[190] Zur Herrschaftssoziologie siehe Kap. III, bes. §§ 1–2, unten, S. 449–455; zur Rechtssoziologie vgl. die vorangehende Anm. 73, oben, S. 189. Hier sei nur bemerkt:

1. Die Geltung von Ordnungen kraft Heilighaltung der Tradition ist die universellste und ursprünglichste. Angst vor magischen Nachteilen verstärkte die psychische Hemmung gegenüber jeder Änderung eingelebter Gepflogenheiten des Handelns, und die mannigfachen Interessen, welche sich an Erhaltung der Fügsamkeit in die einmal geltende Ordnung zu knüpfen pflegen, wirkten im Sinn ihrer Erhaltung. Darüber später in Kap. III.75 Kap. III, §§ 6–9, unten, S. 468–485.

2. Bewußte Neuschöpfungen von Ordnungen waren ursprünglich fast stets prophetische Orakel oder mindestens prophetisch sanktionierte und als solche heilig geglaubte Verkündigungen, bis herab zu den Statuten der hellenischen Aisymneten.76 Aisymnet war in der griechischen Antike die Bezeichnung für einen Schiedsrichter, der zunächst bei Sportwettkämpfen und bei Rechtsstreitigkeiten, dann zunehmend auch bei sozialen und politischen Konflikten innerhalb der Stadtstaaten (Poleis) eingesetzt wurde. Die Aisymnetie galt als eine besondere Form der politischen Herrschaft, bei der, außerhalb der üblichen Verfahren, häufig ,von außen‘, aus einer befreundeten Stadt, ein Schlichter mit weitgehenden Vollmachten bestimmt wurde, um den Stadtfrieden wiederherzustellen. Weber nennt in seiner Religionssoziologie den Aisymneten einen Gesetzgeber und grenzt ihn typologisch vom Propheten und vom Tyrannen ab. Diese usurpieren die Herrschaft, während der Aisymnet von den Betroffenen auf Zeit eingesetzt wird. Weber spricht deshalb auch von dem „legalen Aisymneten“. Dazu Weber, Religiöse Gemeinschaften, MWG I/22-2, S. 185. Der Aisymnet soll aber nicht einfach die alte Ordnung wiederherstellen, sondern eine neue schaffen: Er „soll den Ständeausgleich vollziehen und ein für immer gültiges neues ,heiliges‘ Recht schaffen und göttlich beglaubigen lassen.“ Ebd., S. 182. Schon Aristoteles behandelte die Aisymnetie als eine besondere Herrschaftsform, nennt sie allerdings „eine auf Wahl beruhende Tyrannis“. Dazu Aristoteles, Politik. – Hamburg: Felix Meiner 1958, Zitat: S. 110 (1285a). Die Fügsamkeit hing dann am Glauben an die Legitimation des Propheten. Ohne Neuoffenbarung von Ordnungen war in Epochen der Geltung des strengen Traditionalismus die Entstehung neuer Ordnungen, d. h. solcher, die als „neu“ angesehen wurden, nur so [191]möglich, daß diese als in Wahrheit von jeher geltend und nur noch nicht richtig erkannt oder als zeitweise verdunkelt und nunmehr wiederentdeckt behandelt wurden.

3. Der reinste Typus der wertrationalen Geltung wird durch das „Naturrecht“ dargestellt. Wie begrenzt auch immer gegenüber seinen idealen Ansprüchen, so ist doch ein nicht ganz geringes Maß von realem Einfluß seiner logisch erschlossenen Sätze auf das Handeln nicht zu bestreiten und sind diese sowohl von dem offenbarten wie vom gesatzten wie vom traditionalen Recht zu scheiden.

4. Die heute geläufigste Legitimitätsform ist der Legalitätsglaube: die Fügsamkeit gegenüber formal korrekt und in der üblichen Form zustandegekommenen Satzungen. Der Gegensatz paktierter und oktroyierter Ordnungen ist dabei nur relativ. Denn sobald die Geltung einer paktierten Ordnung nicht auf einmütiger Vereinbarung beruht, – wie dies in der Vergangenheit oft für erforderlich zur wirklichen Legitimität gehalten wurde, – sondern innerhalb eines Kreises von Menschen auf tatsächlicher Fügsamkeit abweichend Wollender gegenüber [A 20]Majoritäten – wie es sehr oft der Fall ist, – dann liegt tatsächlich eine Oktroyierung gegenüber der Minderheit vor. Der Fall andrerseits, daß gewaltsame oder doch rücksichtslosere und zielbewußtere Minderheiten Ordnungen oktroyieren, die dann auch den ursprünglich Widerstrebenden als legitim gelten, ist überaus häufig. Soweit „Abstimmungen“ als Mittel der Schaffung oder Änderung von Ordnungen legal sind, ist es sehr häufig, daß der Minderheitswille die formale Mehrheit erlangt und die Mehrheit sich fügt, also: die Majorisierung nur Schein ist. Der Glaube an die Legalität paktierter Ordnungen reicht ziemlich weit zurück und findet sich zuweilen auch bei sog. Naturvölkern: fast stets aber ergänzt durch die Autorität von Orakeln.

5. Die Fügsamkeit gegenüber der Oktroyierung von Ordnungen durch einzelne oder mehrere setzt, soweit nicht bloße Furcht oder zweckrationale Motive dafür entscheidend sind, sondern Legalitätsvorstellungen bestehen, den Glauben an eine in irgendeinem Sinn legitime Herrschaftsgewalt des oder der Oktroyierenden voraus, wovon daher gesondert zu handeln ist (§§ 13, 16 und K. III).77[191] Kap. I, § 13, unten, S. 207 f., Kap. I, § 16, unten, S. 210 f., Kap. III, dort bes. §§ 1–2, unten, S. 449–455.

6. In aller Regel ist Fügsamkeit in Ordnungen außer durch Interessenlagen der allerverschiedensten Art durch eine Mischung von Traditionsgebundenheit und Legalitätsvorstellung bedingt, soweit es sich nicht um ganz neue Satzungen handelt. In sehr vielen Fällen ist den fügsam Handelnden dabei natürlich nicht einmal bewußt, ob es sich um Sitte, Konvention oder Recht handelt. Die Soziologie hat dann die typische Art der Geltung zu ermitteln.

[192]§ 8. Kampf soll eine soziale Beziehung insoweit heißen, als das Handeln an der Absicht der Durchsetzung des eignen Willens gegen Widerstand des oder der Partner orientiert ist. „Friedliche“ Kampfmittel sollen solche heißen, welche nicht in aktueller physischer Gewaltsamkeit bestehen. Der „friedliche“ Kampf soll „Konkurrenz“ heißen, wenn er als formal friedliche Bewerbung um eigne Verfügungsgewalt über Chancen geführt wird, die auch andre begehren. „Geregelte Konkurrenz“ soll eine Konkurrenz insoweit heißen, als sie in Zielen und Mitteln sich an einer Ordnung orientiert. Der ohne sinnhafte Kampfabsicht gegeneinander stattfindende (latente) Existenzkampf menschlicher Individuen oder Typen um Lebens- oder Überlebenschancen soll „Auslese“ heißen: „soziale Auslese“, sofern es sich um Chancen Lebender im Leben, „biologische Auslese“, sofern es sich um Überlebenschancen von Erbgut handelt.

1. Vom blutigen, auf Vernichtung des Lebens des Gegners abzielenden, jede Bindung an Kampfregeln ablehnenden Kampf bis zum konventional geregelten Ritterkampf (Heroldsruf vor der Schlacht von Fontenoy: „Messieurs les Anglais, tirez les premiers“)78[192] Der Bericht der Episode geht auf Voltaire zurück. In der Schlacht von Fontenoy im Jahre 1745, die im Rahmen des österreichischen Erbfolgekriegs ausgetragen wurde, standen sich ein französisches und ein englisch-hannoveranisches Heer gegenüber. Während eines Frontalangriffes soll Lord Charles Hay den Franzosen Comte dʼAnterroche und seine Truppen aufgefordert haben: „Messieurs des gardes-françaises, tirez“, worauf dieser geantwortet haben soll: „Messieurs, nous ne tirons jamais les premiers; tirez vous-mêmes“. Voltaire, Précis du siècle de Louis XV. – Paris: Lʼimprimerie des Frères Mame 1808, Kap. 15, S. 107–124, Zitat: S. 114. und zum geregelten Kampfspiel (Sport), von der regellosen „Konkurrenz“ etwa erotischer Bewerber um die Gunst einer Frau, dem an die Ordnung des Markts gebundenen Konkurrenzkampf um Tauschchancen, bis zu geregelten künstlerischen „Konkurrenzen“ oder zum „Wahlkampf“ gibt es die allerverschiedensten lückenlosen Übergänge. Die begriffliche Absonderung des gewaltsamen Kampfes rechtfertigt sich durch die Eigenart der ihm normalen Mittel und die daraus folgenden Besonderheiten der soziologischen Konsequenzen seines Eintretens (s. K. II und später).79 Kap. II, § 1, unten, S. 218 f., Abschnitt 2 und 3. „Später“ bezieht sich möglicherweise auf das geplante, aber nicht überlieferte Kapitel über den Staat (Staatssoziologie).

2. Jedes typisch und massenhaft stattfindende Kämpfen und Konkurrieren führt trotz noch so vieler ausschlaggebender Zufälle und Schicksale [193]doch auf die Dauer im Resultat zu einer „Auslese“ derjenigen, welche die für den Sieg im Kampf durchschnittlich wichtigen persönlichen Qualitäten in stärkerem Maße besitzen. Welches diese Qualitäten sind: ob mehr physische Kraft oder skrupelfreie Verschlagenheit, mehr Intensität geistiger Leistungs- oder Lungenkraft und Demagogentechnik, mehr Devotion gegen Vorgesetzte oder gegen umschmeichelte Massen, mehr originale Leistungsfähigkeit oder mehr soziale Anpassungsfähigkeit, mehr Qualitäten, die als außergewöhnlich oder solche, die als nicht über dem Massendurchschnitt stehend gelten: – darüber entscheiden die Kampf- und Konkurrenzbedingungen, zu denen, neben allen denkbaren individuellen und Massenqualitäten auch jene Ordnungen gehören, an denen sich, sei es traditional[,] sei es wertrational oder zweckrational, das Verhalten im Kampf orientiert. Jede von ihnen beeinflußt die Chancen der sozialen Auslese. Nicht jede soziale Auslese ist in unsrem Sinn „Kampf“. „Soziale Auslese“ bedeutet vielmehr zunächst nur: daß bestimmte Typen des Sichverhaltens und also, eventuell, der persönlichen Qualitäten, bevorzugt sind in der Möglichkeit der Gewinnung einer bestimmten sozialen Beziehung (als „Geliebter“, „Ehemann“, „Abgeordneter“, „Beamter“, „Bauleiter“, „Generaldirektor“, „erfolgreicher Unternehmer“ usw.). Ob diese soziale Vorzugschance durch „Kampf“ [A 21]realisiert wird, ferner aber: ob sie auch die biologische Überlebenschance des Typus verbessert oder das Gegenteil, darüber sagt sie an sich nichts aus.

Nur wo wirklich Konkurrenz stattfindet, wollen wir von „Kampf“ sprechen. Nur im Sinn von „Auslese“ ist der Kampf tatsächlich, nach aller bisherigen Erfahrung, und nur im Sinn von biologischer Auslese ist er prinzipiell unausschaltbar. „Ewig“ ist die Auslese deshalb, weil sich kein Mittel ersinnen läßt, sie völlig auszuschalten. Eine pazifistische Ordnung strengster Observanz kann immer nur Kampfmittel, Kampfobjekte und Kampfrichtung im Sinn der Ausschaltung bestimmter von ihnen regeln. Das bedeutet: daß andre Kampfmittel zum Siege in der (offenen) Konkurrenz oder – wenn man sich (was nur utopistisch-theoretisch möglich wäre) auch diese beseitigt denkt – dann immer noch in der (latenten) Auslese um Lebens- und Überlebenschancen führen und diejenigen begünstigen, denen sie, gleichviel ob als Erbgut oder Erziehungsprodukt, zur Verfügung stehen. Die soziale Auslese bildet empirisch, die biologische prinzipiell, die Schranke der Ausschaltung des Kampfes.

3. Zu scheiden von dem Kampf der einzelnen um Lebens- und Überlebenschancen ist natürlich „Kampf“ und „Auslese“ sozialer Beziehungen. Nur in einem übertragenen Sinn kann man hier diese Begriffe anwenden. Denn „Beziehungen“ existieren ja nur als menschliches Handeln bestimmten Sinngehalts. Und eine „Auslese“ oder ein „Kampf“ zwischen ihnen bedeutet also: daß eine bestimmte Art von Handeln durch eine andere, sei [194]es der gleichen oder anderer Menschen, im Lauf der Zeit verdrängt wird. Dies ist in verschiedener Art möglich. Menschliches Handeln kann sich a) bewußt darauf richten: bestimmte konkrete, oder: generell bestimmt geordnete, soziale Beziehungen[,] d. h. das ihrem Sinngehalt entsprechend ablaufende Handeln[,] zu stören oder im Entstehen oder Fortbestehen zu verhindern (einen „Staat“ durch Krieg oder Revolution oder eine „Verschwörung“ durch blutige Unterdrückung, „Konkubinate“ durch polizeiliche Maßnahmen, „wucherische“ Geschäftsbeziehungen durch Versagung des Rechtsschutzes und Bestrafung)g[194]In A folgt ein Komma. oder durch Prämierung des Bestehens der einen Kategorie zuungunsten der andern bewußt zu beeinflussen: Einzelne sowohl wie viele verbundene Einzelne können sich derartige Ziele setzen. Es kann aber auch b) der ungewollte Nebenerfolg des Ablaufs sozialen Handelns und der dafür maßgebenden Bedingungen aller Art sein: daß bestimmte konkrete, oder bestimmt geartete, Beziehungen (d. h. stets: das betreffende Handeln) eine abnehmende Chance haben, fortzubestehen oder neu zu entstehen. Alle natürlichen und Kultur-Bedingungen jeglicher Art wirken im Fall der Veränderung in irgendeiner Weise dahin, solche Chancen für die allerverschiedensten Arten sozialer Beziehungen zu verschieben. Es ist jedermann unbenommen, auch in solchen Fällen von einer „Auslese“ der sozialen Beziehungen – z. B. der staatlichen Verbände – zu reden, indemhA: in dem ; mögliche Lesart auch: in der der „Stärkere“ (im Sinn des „Angepaßteren“) siege. Nur ist festzuhalten, daß diese sog. „Auslese“ mit der Auslese der Menschentypen weder im sozialen noch im biologischen Sinn etwas zu tun hat, daß in jedem einzelnen Fall nach dem Grunde zu fragen ist, der die Verschiebung der Chancen für die eine oder die andere Form des sozialen Handelns und der sozialen Beziehungen bewirkt, oder eine soziale Beziehung gesprengt, oder ihr die Fortexistenz gegenüber andern gestattet hat, und daß diese Gründe so mannigfaltig sind, daß ein einheitlicher Ausdruck dafür unpassend erscheint. Es besteht dabei stets die Gefahr: unkontrollierte Wertungen in die empirische Forschung zu tragen und vor allem: Apologie des im Einzelfall oft rein individuell bedingten, also in diesem Sinn des Wortes: „zufälligen“, Erfolges zu treiben. Die letzten Jahre brachten und bringen davon mehr als zuviel. Denn das oft durch rein konkrete Gründe bedingte Ausgeschaltetwerden einer (konkreten oder qualitativ spezifizierten) sozialen Beziehung beweist ja an sich noch nicht einmal etwas gegen ihre generelle „Angepaßtheit“.

§ 9. „Vergemeinschaftung“ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns – im [195]Einzelfall oder im Durchschnitt oder im reinen Typus – auf subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht.

„Vergesellschaftung“ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns auf rational (wert- oder zweckrational) motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung beruht. Vergesellschaftung kann typisch insbesondre (aber nicht: nur) auf rationaler Vereinbarung durch gegenseitige Zusage beruhen. Dann wird das vergesellschaftete Handeln im Rationalitätsfall orientiert a) wertrational[,] [A 22]an dem Glauben an die eigne Verbindlichkeit, – b) zweckrational[,] an der Erwartung der Loyalität des Partners.

1. Die Terminologie erinnert an die von F[erdinand] Tönnies in seinem grundlegenden Werk: Gemeinschaft und Gesellschaft, vorgenommene Unterscheidung.80[195] Vgl. dazu oben, S. 148, Hg.-Anm. 6. Doch hat T[önnies] für seine Zwecke dieser Unterscheidung alsbald einen wesentlich spezifischeren Inhalt gegeben, als hier für unsre Zwecke nützlich wäre. Die reinsten Typen der Vergesellschaftung sind a) der streng zweckrationale frei paktierte Tausch auf dem Markt: – ein aktuelles Kompromiß entgegengesetzt, aber komplementär, Interessierter; – b) der reine, frei paktierte, Zweckverein, eine nach Absicht und Mitteln rein auf Verfolgung sachlicher (ökonomischer oder anderer) Interessen der Mitglieder abgestellte Vereinbarung kontinuierlichen Handelns;i[195]A: Handelns, – c) der wertrational motivierte Gesinnungsverein: die rationale Sekte, insoweit, als sie von der Pflege emotionaler und affektueller Interessen absieht und nur der „Sache“ dienen will (was freilich nur in besondern Fällen in ganz reinem Typus vorkommt).

2. Vergemeinschaftung kann auf jeder Art von affektueller oder emotionaler oder aber traditionaler Grundlage ruhen: eine pneumatische Brüdergemeinde,81 Von pneumatischen Gemeinschaften handelt Weber am Beispiel des Täufertums und der daraus hervorgegangenen Sekten der Baptisten, Mennoniten und Quäker und sieht darin eine „Renaissance urchristlicher pneumatisch-religiöser Gedanken“. Vgl. Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: GARS I, S. 150 ff., Zitat: S. 154 (MWG I/18). eine erotische Beziehung, ein Pietätsverhältnis, eine „nationale“ Gemeinschaft, eine kameradschaftlich zusammenhaltende Truppe. Den Typus gibt am bequemsten die Familiengemeinschaft ab. Die große Mehrzahl sozialer Beziehungen aber hat teils den Charakter der Ver[196]gemeinschaftung, teils den der Vergesellschaftung. Jede noch so zweckrationale und nüchtern geschaffene und abgezweckte soziale Beziehung (Kundschaft z. B.) kann Gefühlswerte stiften, welche über den gewillkürten Zweck hinausgreifen. Jede über ein aktuelles Zweckvereinshandeln hinausgehende, also auf längere Dauer eingestellte, soziale Beziehungen zwischen den gleichen Personen herstellende und nicht von vornherein auf sachliche Einzelleistungen begrenzte Vergesellschaftung – wie etwa die Vergesellschaftung im gleichen Heeresverband, in der gleichen Schulklasse, im gleichen Kontor, der gleichen Werkstatt – neigt, in freilich höchst verschiedenem Grade, irgendwie dazu. Ebenso kann umgekehrt eine soziale Beziehung, deren normaler Sinn Vergemeinschaftung ist, von allen oder einigen Beteiligten ganz oder teilweise zweckrational orientiert werden. Wie weit z. B. ein Familienverband von den Beteiligten als „Gemeinschaft“ gefühlt oder als „Vergesellschaftung“ ausgenutzt wird, ist sehr verschieden. Der Begriff der „Vergemeinschaftung“ ist hier absichtlich noch ganz allgemein und also: sehr heterogene Tatbestände umfassend, definiert.

3. Vergemeinschaftung ist dem gemeinten Sinn nach normalerweise der radikalste Gegensatz gegen „Kampf“. Dies darf nicht darüber täuschen, daß tatsächlich Vergewaltigung jeder Art innerhalb auch der intimsten Vergemeinschaftungen gegenüber dem seelisch Nachgiebigeren durchaus normal ist, und daß die „Auslese“ der Typen innerhalb der Gemeinschaften ganz ebenso stattfindet und zur Verschiedenheit der durch sie gestifteten Lebens- und Überlebenschancen führt wie irgendwo sonst. Vergesellschaftungen andrerseits sind sehr oft lediglich Kompromisse widerstreitender Interessen, welche nur einen Teil des Kampfgegenstandes oder der Kampfmittel ausschalten (oder: dies doch versuchen), den Interessengegensatz selbst und die Konkurrenz um die Chancen im übrigen aber bestehen lassen. „Kampf“ und Gemeinschaft sind relative Begriffe; der Kampf gestaltet sich eben sehr verschieden, je nach den Mitteln (gewaltsame oder „friedliche“) und der Rücksichtslosigkeit ihrer Anwendung. Und jede wie immer geartete Ordnung sozialen Handelns läßt, wie gesagt, die reine tatsächliche Auslese im Wettbewerb der verschiedenen Menschentypen um die Lebenschancen irgendwie bestehen.

4. Keineswegs jede Gemeinsamkeit der Qualitäten, der Situation oder des Verhaltens ist eine Vergemeinschaftung. Z. B. bedeutet die Gemeinsamkeit von solchem biologischen Erbgut, welches als „Rassen“-Merkmal angesehen wird, an sich natürlich noch keinerlei Vergemeinschaftung der dadurch Ausgezeichneten. Durch Beschränkung des commercium und connubium seitens der Umwelt können sie in eine gleichartige – dieser Umwelt gegenüber isolierte – Situation geraten. Aber auch wenn sie auf diese Situation gleichartig reagieren, so ist dies noch keine Vergemeinschaftung, und auch das bloße „Gefühl“ für die gemeinsame Lage und [197]deren Folgen erzeugt sie noch nicht. Erst wenn sie auf Grund dieses Gefühls ihr Verhalten irgendwie aneinander orientieren, entsteht eine soziale Beziehung zwischen ihnen – nicht nur: jedes von ihnen zur Umwelt – und erst soweit diese eine gefühlte Zusammengehörigkeit dokumentiert, „Gemeinschaft“. Bei den Juden z. B. ist dies – außerhalb der zionistisch orientierten Kreise und des Handelns einiger andrer Vergesellschaftungen für jüdische Interessen – nur in relativ sehr geringem Maße der Fall, wird von ihnen vielfach geradezu abgelehnt.82 [197]Die Emanzipation der Juden war im 19. Jahrhundert in den verschiedenen europäischen Ländern, wenn auch unterschiedlich weit, vorangekommen, erlitt aber insbesondere ab den 1870er Jahren Rückschläge. In Deutschland organisierte sich der Antisemitismus in Parteien, in Rußland gab es Pogrome, in Frankreich erschütterte die Dreyfus-Affäre die Öffentlichkeit. Nicht zuletzt Ereignisse dieser Art stärkten die zionistische Bewegung, das Streben nach einem eigenen jüdischen Staat. Diese Bewegung erfaßte aber nur eine Minderheit der Juden, war in sich nicht einheitlich und wurde von assimilationsbereiten Juden, die sich in die deutsche Gesellschaft integrieren wollten, abgelehnt. Erst durch Theodor Herzls Schrift „Der Judenstaat“ und die ab 1897 stattfindenden Zionistenkongresse in Basel gewann der Zionismus eine gewisse Einheitlichkeit. Herzl hatte postuliert, die Judenfrage sei keine soziale oder religiöse, sondern eine nationale Frage. Schließlich einigte man sich auf Palästina als Territorium für diesen Staat. Vgl. hierzu Battenberg, Friedrich, Das europäische Zeitalter der Juden. Zur Entwicklung einer Minderheit in der nichtjüdischen Umwelt Europas. – Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1990, S. 208 ff. Weber beurteilte die Erfolgsaussichten einer säkularen zionistischen Bewegung skeptisch. Dazu sein Brief an Ernst J. Lesser vom 18. August 1913, MWG II/8, S. 312–315. Gemeinsamkeit der Sprache, geschaffen durch gleichartige Tradition von seiten der Familie und [A 23]Nachbarumwelt, erleichtert das gegenseitige Verstehen, also die Stiftung aller sozialer Beziehungen, im höchsten Grade. Aber an sich bedeutet sie noch keine Vergemeinschaftung, sondern nur die Erleichterung des Verkehrs innerhalb der betreffenden Gruppen, also: der Entstehung von Vergesellschaftungen. Zunächst: zwischen den einzelnen und nicht in deren Eigenschaft als Sprachgenossen, sondern als Interessenten sonstiger Art: die Orientierung an den Regeln der gemeinsamen Sprache ist primär also nur Mittel der Verständigung, nicht Sinngehalt von sozialen Beziehungen. Erst die Entstehung bewußter Gegensätze gegen Dritte kann für die an der Sprachgemeinsamkeit Beteiligten eine gleichartige Situation, Gemeinschaftsgefühl und Vergesellschaftungen, deren bewußter Existenzgrund die gemeinsame Sprache ist, stiften. – Die Beteiligung an einem „Markt“ (Begriff s. K. II)83 Kap. II, § 8, unten, S. 248 ff. ist wiederum anders geartet. Sie stiftet Vergesellschaftung zwischen den einzelnen Tauschpartnern und eine soziale Beziehung (vor allem: „Konkurrenz“) zwischen den Tauschreflektanten, die gegenseitig ihr Verhalten aneinander orientieren müssen. Aber darüber hinaus entsteht Vergesellschaftung nur, soweit etwa einige Beteiligte zum Zweck [198]erfolgreicheren Preiskampfs, oder: sie alle zu Zwecken der Regelung und Sicherung des Verkehrs, Vereinbarungen treffen. (Der Markt und die auf ihm ruhende Verkehrswirtschaft ist im übrigen der wichtigste Typus der gegenseitigen Beeinflussung des Handelns durch nackte Interessenlage, wie sie der modernen Wirtschaft charakteristisch ist.)

§ 10. Eine soziale Beziehung (gleichviel ob Vergemeinschaftung oder Vergesellschaftung) soll nach außen „offen“ heißen, wenn und insoweit die Teilnahme an dem an ihrem Sinngehalt orientierten gegenseitigen sozialen Handeln, welches sie konstituiert, nach ihren geltenden Ordnungen niemand verwehrt wird, der dazu tatsächlich in der Lage und geneigt ist. Dagegen nach außen „geschlossen[,] dann, insoweit und in dem Grade, alsk[198]Lies: wenn, insoweit und in dem Grade als, ihr Sinngehalt oder ihre geltenden Ordnungen die Teilnahme ausschließen oder beschränken oder an Bedingungen knüpfen. Offenheit und Geschlossenheit können traditionell oder affektuell oder wert- oder zweckrational bedingt sein. Die rationale SchließunglZu ergänzen wäre: oder Öffnung insbesondere durch folgenden Sachverhalt: Eine soziale Beziehung kann den Beteiligten Chancen der Befriedigung innerer oder äußerer Interessen eröffnen, sei es dem Zweck oder dem Erfolg nach, sei es durch solidarisches Handeln oder durch Interessenausgleich. Wenn die Beteiligten von ihrer Propagierung eine Verbesserung ihrer eignen Chancen nach Maß, Art, Sicherung oder Wert erwarten, so sind sie an Offenheit, wenn umgekehrt von deren Monopolisierung, so sind sie an Schließung nach außen interessiert.

Eine geschlossene soziale Beziehung kann monopolisierte Chancen den Beteiligten a) frei oder b) nach Maß und Art reguliert oder rationiert oder c) den einzelnen oder Gruppen von ihnen dauernd und relativ oder völlig unentziehbar appropriiert garantieren (Schließung nach innen). Appropriierte Chancen sollen „Rechte“ heißen. Die Appropriation kann gemäß der Ordnung 1) an die an bestimmten Gemeinschaften und Gesellschaften – z. B. Hausgemeinschaften – Beteiligten oder 2) an Einzelne und in diesem Fall a: rein persönlich oder b: so erfolgen, daß im Todesfall ein oder mehrere durch eine soziale Bezie[199]hung oder durch Gebürtigkeit (Verwandtschaft) mit dem bisherigen Genießer der Chance Verbundenem[199]A: Verbundenen oder der oder die von ihm zu bezeichnenden Anderen in die appropriierten Chancen einrücken (erbliche Appropriation). Sie kann endlich 3) so erfolgen, daß der Genießer die Chance a): bestimmten oder endlich b): daß er sie beliebigen anderen durch Vereinbarung mehr oder minder frei abtreten kann (veräußerliche Appropriation). Der an einer geschlossenen Beziehung Beteiligte soll Genosse, im Fall der Regulierung der Beteiligung aber, sofern diese ihm Chancen appropriiert, Rechtsgenosse genannt werden. Erblich an Einzelne oder an erbliche Gemeinschaften oder Gesellschaften appropriierte Chancen sollen: Eigentum (der einzelnen oder der betreffenden Gemeinschaften oder Gesellschaften), veräußerlich appropriierte: freies Eigentum heißen.

Die scheinbar nutzlos „mühselige“ Definition dieser Tatbestände ist ein Beispiel dafür: daß gerade das „Selbstverständliche“ (weil anschaulich Eingelebte) am wenigsten „gedacht“ zu werden pflegt.

[A 24]1. a) Traditional geschlossen pflegen z. B. Gemeinschaften zu sein, deren Zugehörigkeit sich auf Familienbeziehungen gründet.

b) Affektuell geschlossen zu sein pflegen persönliche Gefühlsbeziehungen (z. B. erotische oder – oft – pietätsmäßige).

c) Wertrational (relativ) geschlossen pflegen strikte Glaubensgemeinschaften zu sein.

d) Zweckrational typisch geschlossen sind ökonomische Verbände mit monopolistischem oder plutokratischem Charakter.

Einige Beispiele beliebig herausgegriffen:

Offenheit oder Geschlossenheit einer aktuellen Sprachvergesellschaftung hängt von dem Sinngehalt ab (Konversation im Gegensatz zu intimer oder geschäftlicher Mitteilung). – Die Marktbeziehung pflegt primär wenigstens oft offen zu sein. – Bei zahlreichen Vergemeinschaftungen und Vergesellschaftungen beobachten wir einen Wechsel zwischen Propagierung und Schließung. So z. B. bei den Zünften, den demokratischen Städten der Antike und des Mittelalters, deren Mitglieder zeitweise, im Interesse der Sicherung ihrer Chancen durch Macht, die möglichste Vermehrung, zu anderen Zeiten, im Interesse des Wertes ihres Monopols, Begrenzung der Mitgliedschaft erstrebten. Ebenso nicht selten bei Mönchsgemeinschaften und Sekten, die von religiöser Propaganda zur Abschließung im Interesse der Hochhaltung des ethischen Standards oder auch aus materiellen Grün[200]den übergingen. Verbreiterung des Marktes im Interesse vermehrten Umsatzes und monopolistische Begrenzung des Marktes stehen ähnlich nebeneinander. Sprachpropaganda findet sich heute als normale Folge der Verleger- und Schriftsteller-Interessen gegenüber den früher nicht seltenen ständisch geschlossenen und Geheimsprachen.

2. Das Maß und die Mittel der Regulierung und Schließung nach außen können sehr verschieden sein, so daß der Übergang von Offenheit zu Reguliertheit und Geschlossenheit flüssig ist: Zulassungsleistungen und Noviziate oder Erwerb eines bedingt käuflichen Mitgliedsanteils, Ballotage84 [200]Aus dem Französischen stammender Begriff für ein Abstimmungsverfahren, bei dem in der Regel weiße und schwarze Kugeln verwendet werden, wobei die weiße Kugel für Zustimmung, die schwarze für Ablehnung steht. Das Verfahren wurde hauptsächlich für die Aufnahme neuer Mitglieder in exklusive Gemeinschaften verwendet. Angeblich haben dieses auch „Kugelung“ genannte Verfahren zuerst die Benediktiner im Mittelalter bei der Bestimmung ihrer Äbte praktiziert. für jede Zulassung, Zugehörigkeit oder Zulassung kraft Gebürtigkeit (Erblichkeit) oder kraft jedermann freistehender Teilnahme an bestimmten Leistungen oder – im Fall der Schließung und Appropriation nach innen – kraft Erwerbs eines appropriierten Rechts und die verschiedensten Abstufungen der Teilnahmebedingungen finden sich. „Reguliertheit“ und „Geschlossenheit“ nach außen sind also relative Begriffe. Zwischen einem vornehmen Klub, einer gegen Billet zugänglichen Theatervorstellung und einer auf Werbung ausgehenden Parteiversammlung, einem frei zugänglichen Gottesdienst, demjenigen einer Sekte und den Mysterien eines Geheimbundes bestehen alle denkbarenn[200]A: denkbare Übergänge.

3. Die Schließung nach innen – unter den Beteiligten selbst und im Verhältnis dieser zueinander – kann ebenfalls die verschiedenste Form annehmen. Z. B. kann eine nach außen geschlossene Kaste, Zunft oder etwa: Börsengemeinschaft ihren Mitgliedern die freie Konkurrenz miteinander um alle monopolisierten Chancen überlassen oder ein jedes Mitglied streng auf bestimmte, ihm lebenslang oder auch (so namentlich in Indien) erblich und veräußerlich appropriierte Chancen, so z. B. Kundschaften oder Geschäftsobjekte, beschränken, eine nach außen geschlossene Markgenossenschaft85 Markgenossenschaft, auch Markgemeinschaft oder Markverband, ist im Rahmen von Webers Verbandstheorie eine jener historischen Erscheinungsformen, die er zusammen mit Hausgemeinschaft, Nachbarschaftsverband, Dorfgemeinschaft, Sippenverband und Stamm behandelt. Sie tritt insbesondere in der Frühzeit der Besiedelung eines Gebietes auf, wenn die Siedelnden noch von ‚freiem‘ Wald und Ödland umgeben sind. Mit enger werdendem Nahrungsspielraum tendiert die Markgenossenschaft zu einer Schließung nach außen, der dann auch eine Schließung nach innen folgen kann. Die Stadien der Schließung nach außen und nach innen behandelt Weber als Stadien der Appropriation. Vgl. unten, S. 202, Z. 3 ff.; und u. a. die Vorkriegstexte [201]„Wirtschaftliche Beziehungen der Gemeinschaften im allgemeinen“, MWG I/22-1, S. 77–107, bes. S. 79 ff., und das Stichwortmanuskript „Hausverband, Sippe und Nachbarschaft“, ebd., S. 291–327. Weber stellt in den Vorkriegsmanuskripten allerdings noch Verband und Verein typologisch einander gegenüber. Diese Gegenüberstellung gibt er hier auf. Dazu auch unten, S. 213, Hg.-Anm. 18. dem Markgenossen entweder freie Nutzung oder ein [201]streng an den Einzelhaushalt gebundenes Kontingent, ein nach außen geschlossener Siedlungsverband freie Nutzung des Bodens oder dauernd appropriierte feste Hufenanteile zubilligen und garantieren, alles dies mit allen denkbaren Übergängen und Zwischenstufen. Historisch z. B. haben die Schließung der Anwartschaften auf Lehen, Pfründen und Ämter nach Innen und die Appropriation an die Inhaber höchst verschiedene Formen angenommen, und ebenso könneno[201]A: kann – wozu die Entwicklung der „Betriebsräte“ der erste Schritt sein könnte (aber nicht: sein muß) – die Anwartschaft auf und die Innehabung von Arbeitsstellen sich vom closed shop bis zum Recht an der einzelnen Stelle (Vorstufe: Verbot der Entlassung ohne Zustimmung der Vertreter der Arbeiterschaft) steigern.86 Nach heftigen Auseinandersetzungen um die Stellung der Belegschaft im Betrieb wurde am 4. Februar 1920 das „Betriebsrätegesetz“ erlassen. Es schrieb für jeden Betrieb ab einer Größe von zwanzig Beschäftigten vor, eine Betriebsvertretung in Gestalt eines Betriebsrats (Arbeiterrat und Angestelltenrat) zu bilden, der unter anderem bei Entlassungen mitwirkte (vgl. Reichs-Gesetzblatt Jg. 1920, hg. im Reichsministerium des Innern, Berlin 1920, S. 147–174 (hinfort: Betriebsrätegesetz); sowie Max Webers kritischen Kommentar zu dem Gesetz in seinem Brief an Carl Petersen vom 14. April 1920, MWG II/10, S. 985 f.). Unter „closed shop“ versteht man eine Schließung sozialer Beziehungen, die dadurch zustande kommt, daß sich Arbeitgeber und Gewerkschaft darauf einigen, nur Mitglieder der vereinbarenden Gewerkschaft in einem Betrieb zuzulassen. Diese Praxis war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in England in einigen Gewerben verbreitet, in Deutschland wurde sie erstmals 1906 von der Tarifgemeinschaft der Buchdrucker eingeführt. Das oben genannte Betriebsrätegesetz verbot solche Vereinbarungen (§ 81). Alle Einzelheiten gehören in die sachliche Einzelanalyse. Das Höchstmaß dauernder Appropriation besteht bei solchen Chancen, welche dem einzelnen (oder bestimmten Verbänden einzelner, z. B. Hausgemeinschaften, Sippen, Familien) derart garantiert sind, daß 1. im Todesfall der Übergang in bestimmte andere Hände durch die Ordnungen geregelt und garantiert ist, – 2. die Inhaber der Chance dieselbe frei an beliebige Dritte übertragen können, welche dadurch Teilhaber der sozialen Beziehung werden: diese ist also, im Fall solcher vollen Appropriation nach innen, zugleich eine nach außen (relativ) offene Beziehung (sofern sie den Mitgliedschafts-Erwerb nicht an die Zustimmung der andern Rechtsgenossen bindet).

4. Motiv der Schließung kann sein a) Hochhaltung der Qualität und (eventuell) dadurch des Prestiges und der daran haftenden Chancen der Ehre und (eventuell) des Gewinnes. Beispiele: Asketen-, Mönchs- (ins[202]besondere auch z. B. in Indien: Bettelmönchs-), Sekten- (Puritaner!), Krieger-, Ministerialen- und andere Beamten- [A 25]und politischep[202]A: politischen Bürgerverbände (z. B. in der Antike), Handwerkereinungen; b) Knappwerden der Chancen im Verhältnis zum (Konsum-)Bedarf („Nahrungsspielraum“): Konsumtionsmonopol (Archetypos: die Markgemeinschaft); c) Knappwerden der Erwerbschancen („Erwerbsspielraum“): Erwerbsmonopol (Archetypos: die Zunft- oder die alten Fischereiverbände usw.). Meist ist das Motiv a mit b oder c kombiniert.

§ 11. Eine soziale Beziehung kann für die Beteiligten nach traditionaler oder gesatzter Ordnung die Folge haben: daß bestimmte Arten des Handelns a) jedes an der Beziehung Beteiligten allen Beteiligten („Solidaritätsgenossen“) oder b) das Handeln bestimmter BeteiligterqLies: b) bestimmter Beteiligter („Vertreter“) den andern Beteiligten („Vertretenen“) zugerechnet wird, daß also sowohl die Chancen wie die Konsequenzen ihnen zugute kommen bzw. ihnen zur Last fallen. Die Vertretungsgewalt (Vollmacht) kann nach den geltenden Ordnungen – 1. in allen Arten und Graden appropriiert (Eigenvollmacht) oder aber – 2. nach Merkmalen dauernd oder zeitweise zugewiesen sein – oder 3. durch bestimmte Akte der Beteiligten oder Dritter, zeitweilig oder dauernd, übertragen werden (gesatzte Vollmacht). Über die Bedingungen, unter denen soziale Beziehungen (Gemeinschaften oder Gesellschaften) als Solidaritäts- oder als Vertretungsbeziehungen behandelt werden, läßt sich generell nur sagen, daß der Grad, in welchem ihr Handeln entweder a) auf gewaltsamen Kampf oder b) auf friedlichen Tausch als Zweck ausgerichtet ist, dafür in erster Linie entscheidend ist, daß aber im übrigen zahlreiche erst in der Einzelanalyse festzustellende Sonderumstände dafür maßgebend waren und sind. Am wenigsten pflegt naturgemäß diese Folge bei den rein ideelle Güter mit friedlichen Mitteln verfolgendenrZu ergänzen wäre: sozialen Beziehungen einzutreten. Mit dem Maß der Geschlossenheit nach außen geht die Erscheinung der Solidarität oder Vertretungsmacht zwar oft, aber nicht immer, parallel.

[203]1. Die „Zurechnung“ kann praktisch bedeuten: a) passive und aktive Solidarität: Für das Handeln des einen Beteiligten gelten alle ganz wie er selbst als verantwortlich, durch sein Handeln andrerseits alle ebenso wie er als legitimiert zur Nutzung der dadurch gesicherten Chancen. Die Verantwortlichkeit kann Geistern oder Göttern gegenüber bestehen, also religiös orientiert sein. Oder: Menschen gegenüber, und in diesem Fall konventional für und gegen Rechtsgenossen (Blutrache gegen und durch Sippengenossen, Repressalien gegen Stadtbürger und Konnationale)1[203] „Konnationale“ sind Angehörige einer Nation, die auf einem anderen Staatsgebiet leben. Zusammengehörigkeit und rechtliche Behandlung gleichnationaler Gruppen über Staatsgrenzen hinweg war zu Webers Zeit eine wichtige Frage der Politik gegenüber Minderheiten (Volksgruppen). oder rechtlich (Strafe gegen Verwandte, Hausgenossen, Gemeindegenossen, persönliche Schuldhaftung von Hausgenossen und Handelsgesellschaftern füreinander und zugunsten solcher). Auch die Solidarität den Göttern gegenüber hat historisch (für die altisraelitische, altchristliche, altpuritanische Gemeinde) sehr bedeutende Folgen gehabt. b) Sie kann andrerseits (Mindestmaß!) auch nur bedeuten: daß nach traditionaler oder gesatzter Ordnung die an einer geschlossenen Beziehung Beteiligten eine Verfügung über Chancen gleichviel welcher Art (insbesondere: ökonomische Chancen), welche ein Vertreter vornimmt, für ihr eignes Verhalten als legal gelten lassen. („Gültigkeit“ der Verfügungen des „Vorstandes“ eines „Vereins“ oder des Vertreters eines politischen oder ökonomischen Verbandes über Sachgüter, die nach der Ordnung „Verbandszwecken“ dienen sollen.)

2. Der Tatbestand der „Solidarität“ besteht typisch a) bei traditionalen Gebürtigkeits- oder Lebens-Gemeinschaften (Typus: Haus und Sippe), – b) bei geschlossenen Beziehungen, welche die monopolisierten Chancen durch eigne Gewaltsamkeit behaupten (Typus: politische Verbände, insbesondere in der Vergangenheit, aber in weitestem Umfang, namentlich im Kriege, auch noch der Gegenwart), – c) bei Erwerbs-Vergesellschaftungen mit persönlich durch die Beteiligten geführtem Betrieb (Typus: offene Handelsgesellschaft), – d) unter Umständen bei Arbeitsgesellschaften (Typus: Artjel).2 „Artjel“ (russ.) „Genossenschaft“: Assoziation von gleichberechtigten Personen, die Arbeit und Dienste übernahmen, die von Einzelnen nicht zu verrichten waren. Sie schlossen sich entweder allein mit ihrer Arbeitskraft oder auch mit Kapitaleinlagen zusammen, hafteten solidarisch und teilten den Ertrag. Dazu Apostol, Paul, Das Artjél. Eine wirtschaftsgeschichtliche Studie (Münchener Volkswirtschaftliche Studien, hg. von Lujo Brentano und Walther Lotz, Stück 25). – Stuttgart: J. G. Cotta 1898. Diese Schrift nennt Max Weber bereits im „Grundriß zu den Vorlesungen über Allgemeine (,theoretischeʼ) Nationalökonomie“, MWG III/1 , S. 98. – Der Tatbestand der „Vertretung“ besteht typisch bei Zweckvereinen und gesatzten Verbänden, insbesondere dann, wenn ein [204]„Zweckvermögen“ (darüber später in der Rechtssoziologie)3[204] Zur Rechtssoziologie vgl. die Einleitung, oben, S. 69. gesammelt und verwaltet wird.

3. Nach „Merkmalen“ zugewiesen ist eine Vertretungsgewalt z. B., wenn sie nach der Reihenfolge des Alters oder nach ähnlichen Tatbeständen zuständig wird.

4. Alles Einzelne dieses Sachverhalts läßt sich nicht generell, sondern erst bei der soziologischen Einzelanalyse darlegen. Der älteste und allgemeinste hierher gehörige Tatbestand ist die Repressalie, als Rache sowohl wie als Pfandzugriff.

[A 26]§ 12. Verband soll eine nach außen regulierend beschränkte oder geschlossene soziale Beziehung dann heißen, wenn die Innehaltung ihrer Ordnung garantiert wird durch das eigens auf deren Durchführung eingestellte Verhalten bestimmter Menschen: eines Leiters und, eventuell, eines Verwaltungsstabes, der gegebenenfalls normalerweise zugleich Vertretungsgewalt hat. Die Innehabung der Leitung oder einer Teilnahme am Handeln des Verwaltungsstabes – die „Regierungsgewalten“ – können a) appropriiert oder b) durch geltende Verbandsordnungen bestimmten oder nach bestimmten Merkmalen oder in bestimmten Formen auszulesenden Personen dauernd oder zeitweise oder für bestimmte Fälle zugewiesen sein. „Verbandshandeln“ soll a) das auf die Durchführung der Ordnung bezogene[,] kraft Regierungsgewalt oder Vertretungsmacht legitime Handeln des Verwaltungsstabs selbst, b) das von ihm durch Anordnungen geleitete Handeln der Verbandsbeteiligten heißen.

1. Ob es sich um Vergemeinschaftung oder Vergesellschaftung handelt, soll für den Begriff zunächst keinen Unterschied machen. Das Vorhandensein eines „Leiters“: Familienhaupt, Vereinsvorstand, Geschäftsführer, Fürst, Staatspräsident, Kirchenhaupt, dessen Handeln auf Durchführung der Verbandsordnung eingestellt ist, soll genügen, weil diese spezifische Art von Handeln: ein nicht bloß an der Ordnung orientiertes, sondern auf deren Erzwingung abgestelltes Handeln, soziologisch dem Tatbestand der geschlossenen „sozialen Beziehung“ ein praktisch wichtiges neues Merkmal hinzufügt. Denn nicht jede geschlossene Vergemeinschaftung oder Vergesellschaftung ist ein „Verband“: z. B. nicht eine erotische Beziehung oder eine Sippengemeinschaft ohne Leiter.

[205]2. Die „Existenz“ des Verbandes haftet ganz und gar an dem „Vorhandensein“ eines Leiters und eventuell eines Verwaltungsstabes. D. h. genauer ausgedrückt: an dem Bestehen der Chance, daß ein Handeln angebbarer Personen stattfindet, welches seinem Sinn nach die Ordnungen des Verbandes durchzuführen trachtet: daß also Personen vorhanden sind, die darauf „eingestellt“ sind, gegebenenfalls in jenem Sinn zu handeln. Worauf diese Einstellung beruht: ob auf traditonaler oder affektueller oder wertrationaler Hingabe (Lehens-, Amts-, Dienst-Pflicht) oder auf zweckrationalen Interessen (Gehaltsinteresse usw.), ist begrifflich vorerst gleichgültig. In etwas anderem als der Chance des Ablaufes jenes, in jener Weise orientierten, Handelns „besteht“, soziologisch angesehen, der Verband also für unsere Terminologie nicht. Fehlt die Chance dieses Handelns eines angebbaren Personenstabes (oder: einer angebbaren Einzelperson), so besteht für unsere Terminologie eben nur eine „soziale Beziehung“, aber kein „Verband“. So lange aber die Chance jenes Handelns besteht, so lange „besteht“, soziologisch angesehen, der Verband trotz des Wechsels der Personen, die ihr Handeln an der betreffenden Ordnung orientieren. (Die Art der Definition hat den Zweck: eben diesen Tatbestand sofort einzubeziehen).

3. a) Außer dem Handeln des Verwaltungsstabes selbst oder unter dessen Leitung kann auch ein spezifisches an der Verbandsordnung orientiertes Handeln der sonst Beteiligten typisch ablaufen, dessen Sinn die Garantie der Durchführung der Ordnung ist (z. B. Abgaben oder leiturgische persönliche Leistungen aller Art: Geschworenendienst, Militärdienst usw.). – b) Die geltende Ordnung kann auch Normen enthalten, an denen sich in andern Dingen das Handeln der Verbandsbeteiligten orientieren soll (z. B. im Staatsverband das „privatwirtschaftliche“, nicht der Erzwingung der Geltung der Verbandsordnung, sondern Einzelinteressen dienende Handeln: am „bürgerlichen“ Recht). Die Fälle a kann man „verbandsbezogenes Handeln“, diejenigen der Fälles[205]Lies: die Fälle b verbandsgeregeltes Handeln nennen. Nur das Handeln des Verwaltungsstabes selbst und außerdem alles planvoll von ihm geleitete verbandsbezogene Handeln soll „Verbandshandeln“ heißen. „Verbandshandeln“ wäre z. B. für alle Beteiligten ein Krieg, den ein Staat „führt“[,] oder eine „Eingabe“, die ein Vereinsvorstand beschließen läßt, ein „Vertrag“, den der Leiter schließt und dessen „Geltung“ den Verbandsgenossen oktroyiert und zugerechnet wird (§ 11),4[205] Oben, S. 202 f. ferner der Ablauf aller „Rechtsprechung“ und „Verwaltung“. (S[iehe] auch § 14.)5 Unten, S. 209.

[206]Ein Verband kann sein: a) autonom oder heteronom, b) autokephal oder heterokephal. Autonomie bedeutet, daß nicht, wie bei Heteronomie, die Ordnung des Verbands durch Außenstehende gesatzt wird, sondern durch Verbandsgenossen kraft dieser ihrer Qualität (gleichviel wie sie im übrigen erfolgt). Autokephalie be[A 27]deutet: daß der Leiter und der Verbandsstab nach eignen Ordnungen des Verbandes, nicht, wie bei Heterokephalie, durch Außenstehende bestellt wird (gleichviel wie sonst die Bestellung erfolgt).

Heterokephalie besteht z. B. für die Ernennung der governors der kanadischen Provinzen (durch die Zentralregierung von Kanada).6 [206]Die Provinzen von „British North America“ wurden durch den „Constitution Act“ des britischen Parlaments im Jahre 1867 zu einer Union zusammengeschlossen („An Act for the Union of Canada, Nova Scotia, and New Brunswick, and the Government thereof“). Es folgten weitere Akte, mit denen das britische Parlament die Verfassung Kanadas schuf. In Nr. 58 der so entstandenen Verfassung ist die Ernennung der Governors wie folgt geregelt: „For each Province there shall be an Officer, styled the Lieutenant Governor, appointed by the Governor General in Council by Instrument under the Great Seal of Canada“. Der „Governor General“ wiederum handelte im Namen der Königin, welche die Exekutive verkörperte. Nr. 9 lautet: „The Executive Government and Authority of and over Canada is hereby declared to continue and be vested in the Queen.“ Handschug, Stephan, Einführung in das kanadische Recht. – München: C. H. Beck 2003, Anhang A: Verfassungsdokumente im Auszug, S. 112 ff. Auch ein heterokephaler Verband kann autonom und ein autokephaler heteronom sein. Ein Verband kann auch, in beiden Hinsichten, teilweise das eine und teilweise das andre sein. Die autokephalen deutschen Bundesstaaten waren trotz der Autokephalie innerhalb der Reichskompetenz heteronom, innerhalb ihrer eignen (in Kirchen- und Schulsachen z. B.) autonom.7 Die Verfassung des Deutschen Reiches vom 16. April 1871 besiegelte den „ewigen Bund“ der Staaten, die sich „zum Schutze des Bundesgebietes“ und „zur Pflege der Wohlfahrt des Deutschen Volkes“ zusammengeschlossen hatten. Sie unterwarfen sich in bestimmten Angelegenheiten der Reichsgesetzgebung. Diese sind in Art. 4 aufgeführt. Dazu gehörten jedoch nicht Kirchen- und Schulangelegenheiten. Sie blieben der Landesgesetzgebung vorbehalten. Elsaß-Lothringen war in Deutschland in beschränktem Umfang autonom, aber heterokephal (den Statthalter setzte der Kaiser eina[206]Fehlt in A; ein sinngemäß ergänzt.).8 Elsaß-Lothringen wurde nach dem deutsch-französischen Krieg von Frankreich abgetreten und als „Reichsland“ dem Deutschen Reich eingegliedert. Als solches war es anders gestellt als die Bundesstaaten. Die Staatsgewalt übte der Kaiser aus, der sie ab 1879 einem von ihm eingesetzten Statthalter übertrug. Auch die landesgesetzliche Autonomie, der sich die Bundesstaaten erfreuten, war eingeschränkt, allerdings nicht völlig versagt. Zum Status von Elsaß-Lothringen als „Reichsland“ vgl. Bruck, Ernst, [207]Das Verfassungs- und Verwaltungsrecht von Elsaß-Lothringen, 3 Bände. – Straßburg: Trübner 1908–1910. Alle diese [207]Sachverhalte können auch teilweise vorliegen. Ein sowohl völlig heteronomer wie heterokephaler Verband wird (wie etwa ein „Regiment“ innerhalb eines Heeresverbandes) in aller Regel als „Teil“ eines umfassenderen Verbandes zu bezeichnen sein. Ob dies der Fall ist, kommt aber auf das tatsächliche Maß von Selbständigkeit der Orientierung des Handelns im Einzelfall an und ist terminologisch reine Zweckmäßigkeitsfrage.

§ 13. Die gesatzten Ordnungen einer Vergesellschaftung können entstehen a) durch freie Vereinbarung oder b) durch Oktroyierung und Fügsamkeit. Eine Regierungsgewalt in einem Verbande kann die legitime Macht zur Oktroyierung neuer Ordnungen in Anspruch nehmen. Verfassung eines Verbandes soll die tatsächliche Chance der Fügsamkeit gegenüber der Oktroyierungsmacht der bestehenden Regierungsgewalten nach Maß, Art und Voraussetzungen heißen. Zu diesen Voraussetzungen könnenb[207]A: kann nach geltender Ordnung insbesondere die Anhörung oder Zustimmung bestimmter Gruppen oder Bruchteile der Verbandsbeteiligten, außerdem natürlich die verschiedensten sonstigen Bedingungen, gehören.

Ordnungen eines Verbandes können außer den Genossen auch Ungenossen oktroyiert werden, bei denen bestimmte Tatbestände vorliegen. Insbesondere kann ein solcher Tatbestand in einer Gebietsbeziehung (Anwesenheit, Gebürtigkeit, Vornahme gewisser Handlungen innerhalb eines Gebiets) bestehen: „Gebietsgeltung“. Ein Verband, dessen Ordnungen grundsätzlich Gebietsgeltung oktroyieren, soll Gebietsverband heißen, einerlei inwieweit seine Ordnung auch nach innen: den Verbandsgenossen gegenüber, nur Gebietsgeltung in Anspruch nimmt (was möglich ist und wenigstens in begrenztem Umfang vorkommt).

1. Oktroyiert im Sinn dieser Terminologie ist jede nicht durch persönliche freie Vereinbarung aller Beteiligten zustandegekommene Ordnung. Also auch der „Mehrheitsbeschluß“, dem sich die Minderheit fügt. Die Legitimität des Mehrheitsentscheids ist daher (s. später bei der Soziologie [208]der Herrschaft und des Rechts)9[208] Kap. III, unten, S. 500 und 582; zur Soziologie des Rechts vgl. die Einleitung, oben, S. 69 und den Editorischen Bericht, oben, S. 109–111. in langen Epochen (noch im Mittelalter bei den Ständen, und bis in die Gegenwart in der russischen Obschtschina)10 Als Obschtschina oder Obščina bezeichnet man die russische Bauerngemeinde, die ihre Angelegenheiten selbst verwaltete (Landumteilung, Ordnung innerhalb des Dorfes) und bis 1903 kollektiv für die Steuerzahlung verantwortlich war. oft nicht anerkannt oder problematisch gewesen.

2. Auch die formal „freien“ Vereinbarungen sind, wie allgemein bekannt, sehr häufig tatsächlich oktroyiert (so in der Obschtschina). Dann ist für die Soziologie nur der tatsächliche Sachverhalt maßgebend.

3. Der hier gebrauchte „Verfassungs“-Begriff ist der auch von Lassalle verwendete.11 Lassalle grenzt sich von juristischen Verfassungsbegriffen ab und sieht die Verfassung eines Landes als den Ausdruck von Machtverhältnissen: „Wir haben jetzt also gesehen […], was die Verfassung eines Landes ist, nämlich: die in einem Lande bestehenden thatsächlichen Machtverhältnisse“ (Lassalle, Über Verfassungswesen, S. 481). In seinen Vorlesungen „Arbeiterfrage und Arbeiterbewegung“ von 1895 und 1898 hatte sich Weber ausführlich mit Lassalle beschäftigt, und zwar in „§ 11. Ferdinand Lassalle und die Entstehung der deutschen Sozialdemokratie“, MWG III/4, S. 203–216. Zur Rede „Über Verfassungswesen“ heißt es (ebd., S. 210): „Betonung der Bedeutung der realen Machthaltenden“. Mit der „geschriebenen“ Verfassung, überhaupt mit der Verfassung im juristischen Sinn, ist er nicht identisch. Die soziologische Frage ist lediglich die: wann, für welche Gegenstände und innerhalb welcher Grenzen und – eventuell – unter welchen besonderen Voraussetzungen (z. B. Billigung von Göttern oder Priestern oder Zustimmung von Wahlkörperschaften usw.) fügen sich dem Leiter die Verbandsbeteiligten und steht ihm der Verwaltungsstab und das Verbandshandeln zu Gebote, wenn er „Anordnungen trifft“, insbesondere Ordnungen oktroyiert.

4. Den Haupttypus der oktroyierten „Gebietsgeltung“ stellen dar: Strafrechtsnormen und manche andere „Rechtssätze“, bei denen Anwesenheit, Gebürtigkeit, Tatort, Erfüllungsort usw. innerhalb des Gebietes des Verbandes Voraussetzungen der Anwendung der Ordnung sind, in politischen Verbänden. (Vgl. den Gierke-Preußschen Begriff der „Gebietskörperschaft“.)12 Gierke, Otto, Das deutsche Genossenschaftsrecht, 4 Bände. – Berlin: Weidmann 1868–1913, insbes. Band 2: Geschichte des deutschen Körperschaftsbegriffs, 1873; sowie Preuß, Hugo, Gemeinde, Staat, Reich als Gebietskörperschaften. Versuch einer deutschen Staatskonstruktion auf Grundlage der Genossenschaftstheorie. – Berlin: Springer 1889. Hugo Preuß übertrug die Genossenschaftstheorie Otto Gierkes auf das Staatsrecht, korrigierte dessen Ansatz dabei insofern, als er die Vereinbarkeit von Genossenschafts- und Souveränitätstheorie bestritt, die Gierke behauptet hatte (Preuß, Gebietskörperschaften, Kap. V). Preuß entwickelt ein Staatsrecht ohne den Souveränitätsbegriff. Im Mittelpunkt steht die Körperschaft, in der sich nach seiner Auffassung die gegensätzlichen Prinzipien von Genossenschaft und Anstalt verbinden (ebd., [209]S. 253). Gemeinde, (Bundes-)Staat und Reich seien Körperschaften (S. 257), genauer: Gebietskörperschaften (S. 261), die „eine aufsteigende Reihe von der Ortsgemeinde bis zum Reich“ bildeten (S. 418 f.). Diese Gebietskörperschaften müsse man als Glieder eines Organismus, einer rechtlich organisierten Gesamtperson, verstehen.

[209]§ 14. Eine Ordnung, welche Verbandshandeln regelt, soll Verwaltungsordnung heißen. Eine Ordnung, welche andres soziales Handeln regelt und die durch diese Regelung eröffneten Chancen den Handelnden garantiert, soll [A 28]Regulierungsordnung heißen. Insoweit ein Verband lediglich an Ordnungen der ersten Art orientiert ist, soll er Verwaltungsverband, insoweit lediglich an solchen der letzteren, regulierender Verband heißen.

1. Selbstverständlich ist die Mehrzahl aller Verbände sowohl das eine wie das andere; ein lediglich regulierender Verband wäre etwa ein theoretisch denkbarer reiner „Rechtsstaat“ des absoluten laissez faire (was freilich auch die Überlassung der Regulierung des Geldwesens an die reine Privatwirtschaft voraussetzen würde).

2. Über den Begriff des „Verbandshandelns“ s. § 12, Nr. 3.13 Kap. I, § 12, oben, S. 205. Unter den Begriff der „Verwaltungsordnung“ fallen alle Regeln, die gelten wollen für das Verhalten sowohl des Verwaltungsstabs, wie der Mitglieder „gegenüber dem Verband“, wie man zu sagen pflegt, d. h. für jene Ziele, deren Erreichung die Ordnungen des Verbandes durch ein von ihnen positiv vorgeschriebenes planvoll eingestelltes Handeln seines Verwaltungsstabes und seiner Mitglieder zu sichern trachtenc[209]A: trachtet. Bei einer absolut kommunistischen Wirtschaftsorganisation würde annähernd alles soziale Handeln darunter fallen, bei einem absoluten Rechtsstaat andrerseits nur die Leistung der Richter, Polizeibehörden, Geschworenen, Soldaten und die Betätigung als Gesetzgeber und Wähler. Im allgemeinen – aber nicht immer im einzelnen – fällt die Grenze der Verwaltungs- und der Regulierungsordnung mit dem zusammen, was man im politischen Verband als „öffentliches“ und „Privatrecht“ scheidet. (Das Nähere darüber in der Rechtssoziologie.)14 Zur Behandlung von öffentlichem und privatem Recht vgl. Weber, Recht, MWG I/22-3, S. 274 ff.; eine Neufassung der Rechtssoziologie ist jedoch nicht überliefert, vgl. dazu die Einleitung, oben, S. 69.

§ 15. Betrieb soll ein kontinuierliches Zweckhandeln bestimmter Art, Betriebsverband eine Vergesellschaftung mit kontinuierlich zweckhandelndem Verwaltungsstab heißen.

[210]Verein soll ein vereinbarter Verband heißen, dessen gesatzte Ordnungen nur für die kraft persönlichen Eintritts Beteiligten Geltung beanspruchen.

Anstalt soll ein Verband heißen, dessen gesatzte Ordnungen innerhalb eines angebbaren Wirkungsbereiches jedem nach bestimmten Merkmalen angebbaren Handeln (relativ) erfolgreich oktroyiert werden.

1. Unter den Begriff des „Betriebs“ fällt natürlich auch der Vollzug von politischen und hierurgischen Geschäften, Vereinsgeschäften usw., soweit das Merkmal der zweckhaften Kontinuierlichkeit zutrifft.

2. „Verein“ und „Anstalt“ sind beide Verbände mit rational (planvoll) gesatzten Ordnungen. Oder richtiger: soweit ein Verband rational gesatzte Ordnungen hat, soll er Verein oder Anstalt heißen. Eine „Anstalt“ ist vor allem der Staat nebst allen seinen heterokephalen Verbänden und – soweit ihre Ordnungen rational gesatzt sind – die Kirche. Die Ordnungen einer „Anstalt“ erheben den Anspruch zu gelten für jeden, auf den bestimmte Merkmale (Gebürtigkeit, Aufenthalt, Inanspruchnahme bestimmter Einrichtungen) zutreffen, einerlei ob der Betreffende persönlich – wie beim Verein – beigetreten ist und vollends: ob er bei den Satzungen mitgewirkt hat. Sie sind also in ganz spezifischem Sinn oktroyierte Ordnungen. Die Anstalt kann insbesondere Gebietsverband sein.

3. Der Gegensatz von Verein und Anstalt ist relativ. Vereinsordnungen können die Interessen Dritter berühren, und es kann diesen dann die Anerkennung der Gültigkeit dieser Ordnungen oktroyiert werden, durch Usurpation und Eigenmacht des Vereins sowohl wie durch legal gesatzte Ordnungen (z. B. Aktienrecht).

4. Es bedarf kaum der Betonung: daß „Verein“ und „Anstalt“ nicht etwa die Gesamtheit aller denkbaren Verbände restlos unter sich aufteilen. Sie sind, ferner, nur „polare“ Gegensätze (so auf religiösem Gebiet: „Sekte“ und „Kirche“).15[210] Zur Definition von „Kirche“ und „Sekte“ vgl. unten, S. 214 f., Abschnitt 4.

§ 16. Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eignen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.

Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; Disziplin soll heißen die Chance, kraft eingeübter Einstellung für [211]einen Befehl prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit von Menschen zu finden.

1. Der Begriff „Macht“ ist soziologisch amorph. Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, [A 29]seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen. Der soziologische Begriff der „Herrschaft“ muß daher ein präziserer sein und kann nur die Chance bedeuten: für einen Befehl Fügsamkeit zu finden.

2. Der Begriff der „Disziplin“ schließt die „Eingeübtheit“ des kritik- und widerstandslosen Massengehorsams ein.

Der Tatbestand einer Herrschaft ist nur an das aktuelle Vorhandensein eines erfolgreich andern Befehlenden, aber weder unbedingt an die Existenz eines Verwaltungsstabes noch eines Verbandes geknüpft; dagegen allerdings – wenigstens in allen normalen Fällen – an die eines von beiden. Ein Verband soll insoweit, als seine Mitglieder als solche kraft geltender Ordnung Herrschaftsbeziehungen unterworfen sind, Herrschaftsverband heißen.

1. Der Hausvater herrscht ohne Verwaltungsstab. Der Beduinenhäuptling, welcher Kontributionen von Karawanen, Personen und Gütern erhebt, die seine Felsenburg passieren, herrscht über alle jene wechselnden und unbestimmten, nicht in einem Verband miteinander stehenden Personen, welche, sobald und solange sie[,] in eine bestimmte Situation geraten sind, kraft seiner Gefolgschaft, die ihm gegebenenfalls als Verwaltungsstab zur Erzwingung dient. (Theoretisch denkbar wäre eine solche Herrschaft auch seitens eines einzelnen ohne allen Verwaltungsstab.)

2. Ein Verband ist vermöge der Existenz seines Verwaltungsstabes stets in irgendeinem Grade Herrschaftsverband. Nur ist der Begriff relativ. Der normale Herrschaftsverband ist als solcher auch Verwaltungsverband. Die Art wie, der Charakter des Personenkreises, durch welchend[211]Zu ergänzen wäre: verwaltet wird, und die Objekte, welche verwaltet werden, und die Tragweite der Herrschaftsgeltung bestimmen die Eigenart des Verbandes. Die ersten beiden Tatbestände aber sind im stärksten Maß durch die Art der Legitimitätsgrundlagen der Herrschaft begründet (über diese s. u. Kap. III.).16[211] Kap. III, § 1, unten, S. 449–455

[212]§ 17. Politischer Verband soll ein Herrschaftsverband dann und insoweit heißen, als sein Bestand und die Geltung seiner Ordnungen innerhalb eines angebbaren geographischen Gebiets kontinuierlich durch Anwendung und Androhung physischen Zwangs seitens des Verwaltungsstabes garantiert werden. Staat soll ein politischer Anstaltsbetrieb heißen, wenn und insoweit sein Verwaltungsstab erfolgreich das Monopol legitimen physischen Zwanges für die Durchführung der Ordnungen in Anspruch nimmt. – „Politisch orientiert“ soll ein soziales Handeln, insbesondere auch ein Verbandshandeln, dann und insoweit heißen, als es die Beeinflussung der Leitung eines politischen Verbandes, insbesondere die Appropriation oder Expropriation oder Neuverteilung oder Zuweisung von Regierungsgewalten, bezweckt.

Hierokratischer Verband soll ein Herrschaftsverband dann und insoweit heißen, als zur Garantie seiner Ordnungen psychischer Zwang durch Spendung oder Versagung von Heilsgütern (hierokratischer Zwang) verwendet wird. Kirche soll ein hierokratischer Anstaltsbetrieb heißen, wenn und soweit sein Verwaltungsstab das Monopol legitimen hierokratischen Zwanges in Anspruch nimmt.

1. Für politische Verbände ist selbstverständlich die Gewaltsamkeit weder das einzige, noch auch nur das normale Verwaltungsmittel. Ihre Leiter haben sich vielmehr aller überhaupt möglichen Mittel für die Durchsetzung ihrer Zwecke bedient. Aber ihre Androhung und, eventuell, Anwendung ist allerdings ihr spezifisches Mittel und überall die ultima ratio, wenn andre Mittel versagen. Nicht nur politische Verbände haben Gewaltsamkeit als legitimes Mittel verwendet und verwenden sie, sondern ebenso: Sippe, Haus, Einungen, im Mittelalter unter Umständen: alle Waffenberechtigten. Den politischen Verband kennzeichnet neben dem Umstand: daß die Gewaltsamkeit (mindestens auch) zur Garantie von „Ordnungen“ angewendet wird, das Merkmal: daß er die Herrschaft seines Verwaltungsstabes und seiner Ordnungen für ein Gebiet in Anspruch nimmt und gewaltsam garantiert. Wo immer für Verbände, welche Gewaltsamkeit anwenden, jenes Merkmal zutrifft – seien es Dorfgemeinden oder selbst einzelne Hausgemeinschaften oder Verbände von Zünften oder von Arbeiterverbänden („Räten“)17[212] Vermutlich Anspielung auf das in der Zeit viel diskutierte Rätesystem als ökono[213]misch-politische Ordnung: Die Arbeiter eines Betriebs wählen ihre Repräsentanten direkt. Diese haben ein imperatives Mandat, sind also der Basis rechenschaftspflichtig und jederzeit abrufbar. Das System setzt sich fort auf der Bezirks-, Landes- und nationalen Ebene, und zwar durch Delegation von unten nach oben, so daß sich die Repräsentanten gegenüber den Repräsentierten nicht verselbständigen können. Die Gewaltenteilung ist aufgehoben. Dieses Rätesystem ließ sich nirgends dauerhaft verwirklichen. Eine Schrumpfversion überlebte in Art. 165 der Weimarer Reichsverfassung, nun aber auf das Gebiet der Wirtschaft beschränkt. – müssen sie insoweit politische Verbände heißen.

[213][A 30]2. Es ist nicht möglich, einen politischen Verband – auch nicht: den „Staat“ – durch Angeben des Zweckes seines Verbandshandelns zu definieren.18 Eine Zwecklehre des Staates war Bestandteil der überkommenen Staatslehren. So auch noch bei Georg Jellinek, dessen Allgemeine Staatslehre für Webers Herrschaftssoziologie von grundlegender Bedeutung ist. Dazu Jellinek, Georg, Allgemeine Staatslehre, 2. Aufl. – Berlin: O. Häring 1905, Achtes Kapitel (Die Lehre vom Zweck des Staates), S. 223–258 (hinfort: Jellinek, Staatslehre2). Möglicherweise folgt Weber hier Hugo Preuß, der mit seinem staatsrechtlichen Ansatz nicht nur den Souveränitätsbegriff, sondern auch den Zweckbegriff überwinden wollte (vgl. oben, S. 208 f., Hg.-Anm. 12). Anders als Preuß, stellt Weber allerdings nicht Genossenschaft und Anstalt, sondern Verein und Anstalt einander gegenüber. Beide fallen bei ihm unter die allgemeine Kategorie des Herrschaftsverbands. Von der Nahrungsfürsorge bis zur Kunstprotektion hat es keinen Zweck gegeben, den politische Verbände nicht gelegentlich, von der persönlichen Sicherheitsgarantie bis zur Rechtsprechung keinen, den alle politischen Verbände verfolgt hätten. Man kann daher den „politischen“ Charakter eines Verbandes nur durch das – unter Umständen zum Selbstzweck gesteigerte – Mittel definieren, welches nicht ihm allein eigen, aber allerdings spezifisch und für sein Wesen unentbehrlich ist: die Gewaltsamkeit. Dem Sprachgebrauch entspricht dies nicht ganz; aber er ist ohne Präzisierung unbrauchbar. Man spricht von „Devisenpolitik“ der Reichsbank, von der „Finanzpolitik“ einer Vereinsleitung, von der „Schulpolitik“ einer Gemeinde und meint damit die planvolle Behandlung und Führung einer bestimmten sachlichen Angelegenheit. In wesentlich charakteristischerer Art scheidet man die „politische“ Seite oder Tragweite einer Angelegenheite[213]A: Angelegenheit, oder den „politischen“ Beamten, die „politische“ Zeitung, die „politische“ Revolution, den „politischen“ Verein, die „politische“ Partei, die „politische“ Folge von andren: wirtschaftlichen, kulturlichen, religiösen usw. Seiten oder Arten der betreffenden Personen, Sachen, Vorgänge, – und meint damit alles das, was mit den Herrschaftsverhältnissen innerhalb des (nach unsrem Sprachgebrauch:) „politischen“ Verbandes: des Staats, zu tun hat, deren Aufrechterhaltung, Verschiebung, Umsturz herbeiführen oder hindern oder fördern kann, im Gegensatz zu Personen, Sachen, Vorgängen, die damit nichts zu schaffen haben. Es wird also auch in diesem Sprachgebrauch das Gemeinsame in dem Mittel: „Herrschaft“: in der Art [214]nämlich, wie eben staatliche Gewalten sie ausüben, unter Ausschaltung des Zwecks, dem die Herrschaft dient, gesucht. Daher läßt sich behaupten, daß die hier zugrunde gelegte Definition nur eine Präzision des Sprachgebrauchs enthält, indem sie das tatsächlich Spezifische: die Gewaltsamkeit (aktuelle oder eventuelle) scharf betont. Der Sprachgebrauch nennt freilich „politische Verbände“ nicht nur die Träger der als legitim geltenden Gewaltsamkeit selbst, sondern z. B. auch Parteien und Klubs, welche die (auch: ausgesprochen nicht gewaltsame) Beeinflussung des politischen Verbandshandelns bezwecken. Wir wollen diese Art des sozialen Handelns als „politisch orientiert“ von dem eigentlich „politischen“ Handeln (dem Verbandshandeln der politischen Verbände selbst im Sinn von § 12 Nr. 3)19[214] Kap. I, § 12, oben, S. 205 scheiden.

3. Den Staatsbegriff empfiehlt es sich, da er in seiner Vollentwicklung durchaus modern ist, auch seinem modernen Typus entsprechend – aber wiederum: unter Abstraktion von den, wie wir ja gerade jetzt erleben, wandelbaren inhaltlichen Zwecken – zu definieren. Dem heutigen Staat formal charakteristisch ist: eine Verwaltungs- und Rechtsordnung, welche durch Satzungen abänderbar istf[214]A: sind, an der der Betrieb des Verbandshandelns des (gleichfalls durch Satzung geordneten) Verwaltungsstabes sich orientiert und welche Geltung beansprucht nicht nur für die – im wesentlichen durch Geburt in den Verband hineingelangenden – Verbandsgenossen, sondern in weitem Umfang für alles auf dem beherrschten Gebiet stattfindende Handeln (also: gebietsanstaltsmäßig). Ferner aber: daß es „legitime“ Gewaltsamkeit heute nur noch insoweit gibt, als die staatliche Ordnung sie zuläßt oder vorschreibt (z. B. dem Hausvater das „Züchtigungsrecht“ beläßt, einen Rest einstmaliger eigenlegitimer, bis zur Verfügung über Tod und Leben des Kindes oder Sklaven gehender Gewaltsamkeit des Hausherren). Dieser Monopolcharakter der staatlichen Gewaltherrschaft ist ein ebenso wesentliches Merkmal ihrer Gegenwartslage wie ihr rationaler „Anstalts“- und kontinuierlicher „Betriebs“-Charakter.

4. Für den Begriff des hierokratischen Verbandes kann die Art der in Aussicht gestellten Heilsgüter – diesseitig, jenseitig, äußerlich, innerlich – kein entscheidendes Merkmal bilden, sondern die Tatsache, daß ihre Spendung die Grundlage geistlicher Herrschaft über Menschen bilden kann. Für den Begriff „Kirche“ ist dagegen nach dem üblichen (und zweckmäßigen) Sprachgebrauch ihr in der Art der Ordnungen und des Verwaltungsstabs sich äußernder (relativ) rationaler Anstalts- und Betriebscharakter und die beanspruchte monopolistische Herrschaft charakteristisch. Dem normalen Streben der kirchlichen Anstalt nach eignet ihr hierokratische Gebietsherr[215]schaft und (parochiale) territorale Gliederung, wobei im Einzelfall die Frage sich verschieden beantwortet: durch welche Mittel diesem Monopolanspruch Nachdruck verliehen wird. Aber derart wesentlich wie dem politischen Verband ist das tatsächliche Gebietsherrschaftsmonopol für die Kirchen historisch nicht gewesen und heute vollends nicht. Der „Anstalts“-Charakter, insbesondere der Umstand, daß man in die Kirche „hineingeboren“ wird, scheidet sie von der „Sekte“, deren Charakteristikum darin liegt: daß sie „Verein“ ist und nur die religiös Qualifizierten persönlich in sich aufnimmt. (Das Nähere gehört in die Religionssoziologie.)20[215] Weber wollte auch sein Vorkriegsmanuskript über religiöse Gemeinschaften (MWG I/22-2) für diese neue Fassung überarbeiten. Entsprechende Ausführungen sind nicht überliefert. Vgl. die Einleitung, oben, S. 69, und die Übersicht zum Editorischen Bericht, oben, S. 109–111.

[216][A 31]Kapitel II. Soziologische Grundkategorien des Wirtschaftens.

Vorbemerkung. Nachstehend soll keinerlei „Wirtschaftstheorie“ getrieben, sondern es sollen lediglich einige weiterhin oft gebrauchte Begriffe definiert und gewisse allereinfachste soziologische Beziehungen innerhalb der Wirtschaft festgestellt werden. Die Art der Begriffsbestimmung ist auch hier rein durch Zweckmäßigkeitsgründe bedingt. Der viel umstrittene Begriff „Wert“1[216]„Die Lehre vom Wert steht sozusagen im Mittelpunkt der gesamten nationalökonomischen Doktrin. […] Trotz unzähliger Bestrebungen war und blieb die Lehre vom Wert eine der unklarsten, verworrensten und strittigsten Partien unserer Wissenschaft. Sie ist es auch noch heute.“ Vgl. Böhm-Bawerk, Eugen von, Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwertes, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, N. F. Band 13, 1886, S. 1–82, Zitat: S. 3. Als „berüchtigten ‚Grundbegriff‘ der Nationalökonomie“ und als „Schmerzenskind unserer Disziplin“ hat Max Weber den wirtschaftlichen Wert schon 1904 bezeichnet, vgl. Weber, Objektivität, S. 70 und 83. konnte terminologisch ganz umgangen werden. – Gegenüber der Terminologie K[arl] Büchers2Max Weber schließt sich insbesondere in den §§ 15 bis 18, unten, S. 295–314, weitgehend der Terminologie Büchers an und nennt dort (unten, S. 297 mit Hg.-Anm. 35) als Referenztexte Bücher, Gewerbe3 und Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2. Büchers Werk „Die Entstehung der Volkswirtschaft“ wird hier und im Folgenden nicht nach der 1. Auflage von 1893, sondern nach der 2. Auflage von 1898 zitiert, zu der ein mit Marginalien versehenes Handexemplar Max Webers überliefert ist (Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München). sind hier in den betreffenden Partien (über die Arbeitsteilung) nur solche Abweichungen vorgenommen, welche für die hier verfolgten Zwecke wünschenswert schienen. – Jegliche „Dynamik“ bleibt vorerst noch beiseite.3Der in der seinerzeitigen Fachsprache unterschiedlich verwendete Begriff „Dynamik“ wird in Kap. II nicht erläutert. Am Schluß des Kapitels (unten, S. 448 mit Hg.-Anm. 52) findet sich ein weiterer (nicht eingelöster) Verweis auf eine spätere Behandlung der „ökonomischen Dynamik“.

§ 1. „Wirtschaftlich orientiert“ soll ein Handeln insoweit heißen, als es seinem gemeinten Sinne nach an der Fürsorge für einen Begehr nach Nutzleistungen4Max Weber definiert den von Eugen von Böhm-Bawerk geprägten Begriff „Nutzleistungen“ unten, S. 223. orientiert ist. „Wirtschaften“ soll eine friedliche Ausübung von Verfügungsgewalt heißen, welche primär, „rationales Wirtschaften“ eine solche, welche zweckrational, also planvoll, wirtschaftlich orientiert ist. „Wirtschaft“ [217]soll ein autokephal, „Wirtschaftsbetrieb“ ein betriebsmäßig geordnetes kontinuierliches Wirtschaften heißen.

1. Es wurde schon oben (zu § 1, II, 2 S. 173a[217]A: 11 unten) hervorgehoben, daß Wirtschaften an sich nicht schon soziales Handeln sein muß.

DiebIn A geht voraus: 2. 7Die Ziffer 2. ist im Erstdruck versehentlich zur Kennzeichnung dieses und des nächsten Absatzes (unten, S. 218) doppelt vergeben worden. Sachlich gehört das im ersten und zweiten Absatz Ausgeführte zusammen. Deshalb ist hier die Ziffer 2 als Mar[218]kierung eines neuen Abschnitts emendiert worden. Die folgenden Absatzziffern bleiben unverändert. Definition des Wirtschaftens hat möglichst allgemein zu sein und hat zum Ausdruck zu bringen, daß alle „wirtschaftlichen“ Vorgänge und Objekte ihr Gepräge als solche gänzlich durch den Sinn erhalten, welchen menschliches Handeln ihnen – als Zweck, Mittel, Hemmung, Nebenerfolg – gibt. – Nur darf man das doch nicht so ausdrücken, wie es gelegentlich geschieht: Wirtschaften sei eine „psychische“ Erscheinung.5[217]Dies ist von zahlreichen Ökonomen ganz unterschiedlicher Richtungen behauptet und von Max Weber mehrfach kritisiert worden, vgl. u. a. Weber, Objektivität, S. 63 ff.; Weber, Grenznutzlehre, S. 546 ff.; Weber, „Energetische“ Kulturtheorien, S. 586 ff. Als „psychologisch“ bezeichnete auch Robert Liefmann die Theorie, die er in zwei Max Weber zugeschickten Bänden seiner „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ entwickelt hat (vgl. Liefmann, Grundsätze I, S. 9). Weber hat einen großen Teil des 1. Bandes während der Drucklegung seines hier edierten Textes gelesen und sich brieflich dazu geäußert: „Unbegreiflich ist mir, daß Sie als streng rationaler Theoretiker (ein anderer als ein solcher ist gar nicht möglich) irgend etwas von der Psychologie erwarten. Die Theorie ist eine idealtypische Konstruktion, der sich die Realitäten in verschiedenfachem Grade fügen. Für die irrationalen Abweichungen vom Rationalen könnte vielleicht eine Psychologie Nutzen stiften, aber was soll ein nach Mitteln und Zweck streng determiniertes Handeln, welches wir rational verstehen, denn von irgendeiner ‚Psychologie‘ zu erwarten haben? Da stecken m. E. noch starke Rückstände (Irrtümer auch vieler Grenznutzler).“ Vgl. den Brief Max Webers an Robert Liefmann vom 9. März 1920, MWG II/10, S. 953. Es fällt ja der Güterproduktion oder dem Preis oder selbst der „subjektiven Bewertung“ von Gütern – wenn anders sie reale Vorgänge sind – gar nicht ein, „psychisch“ zu bleiben. Gemeint ist mit diesem mißverständlichen Ausdruck aber etwas Richtiges: sie haben einen besondersartigen gemeinten Sinn: dieser allein konstituiert die Einheit der betreffenden Vorgänge und macht sie allein verständlich. – Die Definition des „Wirtschaftens“ muß ferner so gestaltet werden, daß sie die moderne Erwerbswirtschaft mit umfaßt, darf also ihrerseits zunächst nicht von „Konsum-Bedürfnissen“ und deren „Befriedigung“ ausgehen,6 Insbesondere in der deutschen Nationalökonomie war eine Definition dieser Art üblich, vgl. z. B.: „W[irtschaft] nennen wir die geregelte Tätigkeit und Fürsorge des Menschen zur Beschaffung und zweckmäßigen Verwendung der Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse.“ Lexis, W[ilhelm], Wirtschaft, in: WbVW3, Band 2, 1911, S. 1373 f., Zitat: S. 1373. sondern einerseits von der – auch für das nackte [218]Geldgewinnstreben zutreffenden – Tatsache: daß Nutzleistungen begehrt werden, andrerseits von der – auch für die reine, schon die ganz primitive, Bedarfsdeckungswirtschaft zutreffenden – Tatsache: daß für diesen Begehr eben durch eine (und sei es noch so primitive und traditional eingelebte) Fürsorge Deckung zu sichern versucht wird.

2. „Wirtschaftlich orientiertes Handeln“ im Gegensatz zu „Wirtschaften“ soll jedes Handeln heißen, welches a) primär an andern Zwecken orientiert ist, aber auf den „wirtschaftlichen Sachverhalt“ (die subjektiv erkannte Notwendigkeit der wirtschaftlichen Vorsorge) in seinem Ablauf Rücksicht nimmt, oder welches b) primär daran orientiert ist, aber aktuelle Gewaltsamkeit als Mittel verwendet. Also: alles nicht primär oder nicht friedlich sich wirtschaftlich orientierende Handeln, welches durch jenen Sachverhalt mitbestimmt ist. „Wirtschaften“ soll also die [A 32] subjektive und primäre wirtschaftliche Orientierung heißen. (Subjektiv: denn auf den Glauben an die Notwendigkeit der Vorsorge, nicht auf die objektive Notwendigkeit, kommt es an.) Auf den „subjektiven“ Charakter des Begriffs: darauf, daß der gemeinte Sinn des Handelns dies zum Wirtschaften stempelt, legt R[obert] Liefmann mit Recht Gewicht, nimmt aber meines Erachtens zu Unrecht bei allen andern das Gegenteil an.8 Als „Wirtschaften“ bezeichnet Robert Liefmann im Gegensatz zu den meisten Nationalökonomen nicht die „Sachgüterbeschaffung“ oder ähnliche objektive Tätigkeiten, sondern eine spezifische Art von „Erwägungen“, insbesondere Nutzen-Kosten-Vergleiche. „Wirtschaftliche Handlungen“ nennt er solche, die von derartigen Erwägungen geleitet sind (vgl. Liefmann, Grundsätze I, u. a. S. 115). Mit diesem Ansatz beanspruchte Liefmann, eine Auffassung zu vertreten, „die von der bisher üblichen vollkommen verschieden ist und unsere Lehre zu einer völligen Neubegründung der ökonomischen Theorie macht.“ (ebd., S. 110). In zwei Briefen an Liefmann hat Max Weber die Überlastung des Werkes mit Kritik und Polemik beklagt und zahlreiche Einwände erhoben, zugleich aber Liefmanns „Streben im Kern ganz außerordentlich berechtigt“ befunden. Vgl. die Briefe Max Webers an Robert Liefmann vom 12. Dezember 1919 und 9. März 1920, MWG II/10, S. 862 und 946 ff., Zitat: S. 953 f.

3. Wirtschaftlich orientiert kann jede Art von Handeln, auch gewaltsames (z. B. kriegerisches) Handeln sein (Raubkriege, Handelskriege). Dagegen hat namentlich Franz Oppenheimer mit Recht das „ökonomische“ Mittel dem „politischen“ gegenüberstellt.9 Bei Oppenheimer heißt es: „Ich habe […] vorgeschlagen, die eigne Arbeit und den äquivalenten Tausch eigner gegen fremde Arbeit das ‚ökonomische Mittel‘, und die unentgoltene Aneignung fremder Arbeit das ‚politische Mittel‘ der Bedürfnisbefriedigung zu nennen.“ (Oppenheimer, Der Staat, S. 14; Handexemplar Max Webers in der Max Weber-Arbeitsstelle, BAdW München). Systematisch entwickelt ist die Unterscheidung in: Oppenheimer, Franz, Theorie der reinen und politischen Ökonomie. Ein Lehr- und Lesebuch für Studierende und Gebildete, 3., unveränd. Aufl. – Berlin und Leipzig: de Gruyter 1919. Max Weber ist auf Oppenheimers Unterscheidung bereits früher eingegangen, vgl. Weber, Marktgemeinschaft, MWG I/22-1, S. 199. [219]c A: Staat“ d A: mehrere In der Tat ist es zweckmäßig, [219]das letztere gegenüber der „Wirtschaft“ zu scheiden. Das Pragma der Gewaltsamkeit ist dem Geist der Wirtschaft – im üblichen Wortsinn – sehr stark entgegengesetzt. Die unmittelbare aktuelle gewaltsame Fortnahme von Gütern und die unmittelbar aktuelle Erzwingung eines fremden Verhaltens durch Kampf soll also nicht Wirtschaften heißen. Selbstverständlich ist aber der Tausch nicht das, sondern nur ein ökonomisches Mittel, wennschon eins der wichtigsten. Und selbstverständlich ist die wirtschaftlich orientierte, formal friedliche Vorsorge für die Mittel und Erfolge beabsichtigter Gewaltsamkeiten (Rüstung, Kriegswirtschaft) genau ebenso „Wirtschaft“ wie jedes andere Handeln dieser Art.

Jede rationale „Politik“ bedient sich wirtschaftlicher Orientierung in den Mitteln, und jede Politik kann im Dienst wirtschaftlicher Ziele stehen. Ebenso bedarf zwar theoretisch nicht jede Wirtschaft, wohl aber unsre moderne Wirtschaft unter unsern modernen Bedingungen der Garantie der Verfügungsgewalt durch Rechtszwang des Staates. Also: durch Androhung eventueller Gewaltsamkeit für die Erhaltung und Durchführung der Garantie formell „rechtmäßiger“ Verfügungsgewalten. Aber die derart gewaltsam geschützte Wirtschaft selbst ist nicht: Gewaltsamkeit.

Wie verkehrt es freilich ist, gerade für die (wie immer definierte) Wirtschaft in Anspruch zu nehmen, daß sie begrifflich nur „Mittel“ sei – im Gegensatz z. B. zum „Staat“c[219]A: Staat“ usw. –[,] erhellt schon daraus, daß man gerade den Staat nur durch Angeben des von ihm heute monopolistisch verwendeten Mittels (Gewaltsamkeit) definieren kann. Wenn irgend etwas, dann bedeutet, praktisch angesehen, Wirtschaft vorsorgliche Wahl grade zwischen Zwecken, allerdings: orientiert an der Knappheit der Mittel, welche für diese mehrerendA: mehrere Zwecke verfügbar oder beschaffbar erscheinen.

4. Nicht jedes in seinen Mitteln rationale Handeln soll „rationales Wirtschaften“ oder überhaupt „Wirtschaften“ heißen. Insbesondre soll der Ausdruck „Wirtschaft“ nicht identisch mit „Technik“ gebraucht werden. „Technik“ eines Handelns bedeutet uns den Inbegriff der verwendeten Mittel desselben im Gegensatz zu jenem Sinn oder Zweck, an dem es letztlich (in concreto) orientiert ist, „rationale“ Technik eine Verwendung von Mitteln, welche bewußt und planvoll orientiert ist an Erfahrungen und Nachdenken, im Höchstfall der Rationalität: an wissenschaftlichem Denken. Was in concreto als „Technik“ gilt, ist daher flüssig: der letzte Sinn eines konkreten Handelns kann, in einen Gesamtzusammenhang von Handeln gestellt, „technischer“ Art, d. h. Mittel im Sinn jenes umfassenderen Zusammenhanges sein; für das konkrete Handeln ist aber dann diese (von jenem aus gesehen:) technische Leistung der „Sinn“, und die von ihm dafür [220]angewendeten Mittel sind seine „Technik“. Technik in diesem Sinn gibt es daher für alles und jedes Handeln: Gebetstechnik, Technik der Askese, Denk- und Forschungstechnik, Mnemotechnik, Erziehungstechnik, Technik der politischen und hierokratischen Beherrschung, Verwaltungstechnik, erotische Technik, Kriegstechnik, musikalische Technik (eines Virtuosen z. B.), Technik eines Bildhauers oder Malers, juristische Technik usw., und sie alle sind eines höchst verschiedenen Rationalitätsgrades fähig. Immer bedeutet das Vorliegen einer „technischen Frage“: daß über die rationalsten Mittel bestehen. Maßstab des Rationalen ist dabei für die Technik neben andren auch das berühmte Prinzip des „kleinsten Kraftmaßes“: Optimum des Erfolges im Vergleich mit den aufzuwendenden Mitteln (nicht: „mit den – absolut – kleinsten Mitteln“). Das scheinbar gleiche Prinzip gilt nun natürlich auch für die Wirtschaft (wie für jedes rationale Handeln überhaupt). Aber: in anderem Sinn. Solange die Technik in unserem Wortsinn reine „Technik“ bleibt, fragt sie lediglich nach den für diesen Erfolg, der ihr als schlechthin und indiskutabel zu erstreben gegeben ist, geeignetsten und dabei, bei gleicher Vollkommenheit, Sicherheit, Dauerhaftigkeit des Erfolges vergleichsweise kräfteökonomischsten Mitteln. Vergleichsweise, nämlich soweit überhaupt ein unmittelbar vergleichbarer Aufwand bei Einschlagung verschiedener Wege vorliegt. Soweit sie dabei reine Technik bleibt, ignoriert sie die sonstigen Bedürfnisse. Ob z. B. ein technisch erforderlicher Bestandteil einer Maschine aus Eisen oder aus Platin herzustellen sei, würde sie – wenn [A 33]in concretofA: inconcretoe[220]e–e (S. 303, bis: das andere, –) Zu dieser Textpassage sind Korrekturfahnen überliefert; vgl. dazu den Anhang unten, S. 605–663. von dem letzteren genügende Quantitäten für die Erreichung dieses konkreten Erfolgs vorhanden sein sollten, – nur unter dem Gesichtspunkt entscheiden: wie der Erfolg am vollkommensten erreicht wird und bei welchem von beiden Wegen die sonstigen vergleichbaren Aufwendungen dafür (Arbeit z. B.) am geringsten sind. Sobald sie aber weiter auch auf den Seltenheits-Unterschied von Eisen und Platin im Verhältnis zum Gesamtbedarf reflektiert, – wie es heut jeder „Techniker“, schon im chemischen Laboratorium, zu tun gewohnt ist, – ist sie nicht mehr (im hier gebrauchten Wortsinn): „nur technisch“ orientiert, sondern daneben wirtschaftlich. Vom Standpunkt des „Wirtschaftens“ aus gesehen bedeuten „technische“ Fragen: daß die „Kosten“ erörtert werden: eine für die Wirtschaft stets grundlegend wichtige, aber: eine Frage, die ihrem Problemkreis stets in der Form angehört: wie stellt sich die Versorgung anderer (je nachdem: qualitativ verschiedener jetziger oder qualitativ gleichartiger zukünftiger) Bedürfnisse, wenn für dies Bedürfnis jetzt diese Mittel verwendet werden. (Ähnlich die Aus[221]führungen von v. Gottl, dieser Grundriß Bd. II,10[221] Gemeint ist: Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, bes. Kapitel I: Die grundsätzlichen Beziehungen zwischen Wirtschaft und Technik, S. 205–226. Dem Verleger gegenüber nannte Max Weber Gottls Beitrag für den „Grundriß der Sozialökonomik“ „eine ganz vorzügliche geschlossene Theorie der Technik“; vgl. den Brief Max Webers an Paul Siebeck vom 30. Dezember 1913, MWG II/8, S. 449. jetzt während des Druckes: – ausführlich und sehr gut – die Erörterungen von R[obert] Liefmann, Grunds[ätze] d. V[olks]W[irtschafts]L[ehre]g[221]A: Grundz. d. A. W.W.L. S. 336 f.,11 Die (fehlerhafte) Angabe bezieht sich auf Robert Liefmann, Grundsätze I, Dritter Teil; Kapitel V: Wirtschaft und Technik, S. 325–354. Liefmann zitiert Gottl-Ottlilienfeld, kann aber nicht finden, „daß die bisherigen Unterscheidungen von Wirtschaft und Technik auch nur einigermaßen dem Wesen der Sache nahe gekommen wären“ (ebd. S. 334). – Der bereits 1917 erschienene Band I von Liefmanns Grundsätzen wurde Max Weber erst Ende 1919 – zusammen mit dem 1919 erschienenen Band II: Grundlagen des Tauschverkehrs – vom Verfasser zugeschickt. Vgl. den Brief Max Webers an Robert Liefmann vom 12. Dezember 1919, MWG II/10, S. 862; darin sagt Max Weber die Lektüre „kurz nach Semesterschluß“ zu. in der Sache nicht neu gegenüber v. Gottl. Irrig ist die Reduktion aller „Mittel“ auf „letztlich Arbeitsmühe“.12 Vermutlich bezieht sich Max Weber auf Robert Liefmanns „psychischen Kostenbegriff“. Danach seien alle aufzuwendenden Mittel „letzten Endes Arbeitsmühe“. Vgl. Liefmann, Grundsätze I, S. 301. )

Denn die Frage: was, vergleichsweise, die Verwendung verschiedener Mittel für einen technischen Zweck „kostet“, ist letztlich verankert an der Verwendbarkeit von Mitteln (darunter vor allem auch: von Arbeitskraft) für verschiedene Zwecke. „Technisch“ (im hier gebrauchten Wortsinn) ist das Problem z. B.: welche Arten von Veranstaltungen getroffen werden müssen, um Lasten bestimmter Art bewegen oder um Bergwerksprodukte aus einer gewissen Tiefe fördern zu können, und welche von ihnen am „zweckmäßigsten“, d. h. u. a. auch: mit dem vergleichsweisen (zum Erfolg) Mindestmaß von aktueller Arbeit zum Ziele führen. „Wirtschaftlich“ wird das Problem bei der Frage: ob – bei Verkehrswirtschaft: –hGedankenstrich fehlt in A; sinngemäß ergänzt. sich diese Aufwendungen in Geld, durch Absatz der Güter bezahlt machen, ob – bei Planwirtschaft:13 Max Weber definiert und erläutert „Verkehrs-“ und „Planwirtschaft“ unten, S. 288. – die dafür nötigen Arbeitskräfte und Produktionsmittel ohne Schädigung von andern, für wichtiger gehaltenen Versorgungsinteressen zur Verfügung gestellt werden können? – was beide Male ein Problem der Vergleichung von Zwecken ist. Wirtschaft ist primär orientiert am Verwendungszweck, Technik am Problem der (bei gegebenem Ziel) zu verwendenden Mittel. Daß ein bestimmter Verwendungszweck überhaupt dem technischen Beginnen zugrunde liegt, ist für die Frage der technischen Rationalität rein begrifflich (nicht natürlich: tatsächlich) im Prinzip gleich[222]gültig. Rationale Technik gibt es nach der hier gebrauchten Definition auch im Dienst von Zwecken, für die keinerlei Begehr besteht. Es könnte z. B. jemand etwa, um rein „technischer“ Liebhabereien willen, mit allem Aufwand modernster Betriebsmittel atmosphärische Luft produzieren, ohne daß gegen die technische Rationalität seines Vorgehens das geringste einzuwenden wäre: wirtschaftlich wäre das Beginnen in allen normalen Verhältnissen irrational, weil irgendein Bedarf nach Vorsorge für die Versorgung mit diesem Erzeugnis nicht vorläge (vgl. zum Gesagten: v. Gottl-Ottlilienfeld im G[rundriß] [der] S[ozial-]Ö[konomik] II).14[222]Vgl. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 218–226. Die ökonomische Orientiertheit der heute sog. technologischen Entwicklung an Gewinnchancen ist eine der Grundtatsachen der Geschichte der Technik. Aber nicht ausschließlich diese wirtschaftliche Orientierung, so grundlegend wichtig sie war, hat der Technik in ihrer Entwicklung den Weg gewiesen, sondern z. T. Spiel und Grübeln weltfremder Ideologen, z. T. jenseitige oder phantastische Interessen, z. T. künstlerische Problematik und andre außerwirtschaftliche Motive. Allerdings liegt von jeher und zumal heute der Schwerpunkt auf der ökonomischen Bedingtheit der technischen Entwicklung; ohne die rationale Kalkulation als Unterlage der Wirtschaft, also ohne höchst konkrete wirtschaftsgeschichtliche Bedingungen, würde auch die rationale Technik nicht entstanden sein.

Daß hier nicht gleich in den Anfangsbegriff das für den Gegensatz gegenüber der Technik Charakteristische ausdrücklich aufgenommen ist, folgt aus dem soziologischen Ausgangspunkt. Aus der „Kontinuierlichkeit“ folgt für die Soziologie pragmatisch die Abwägung der Zwecke gegeneinander und gegen die „Kosten“ (soweit diese etwas anderes sind als Verzicht auf einen Zweck zugunsten dringlicherer). Eine Wirtschaftstheorie würde im Gegensatz dazu wohl gut tun, sofort dies Merkmal einzufügen.

5. Im soziologischen Begriff des „Wirtschaftens“ darf das Merkmal der Verfügungsgewalt nicht fehlen, schon weil wenigstens die Erwerbswirtschaft sich ganz und gar in Tauschverträgen, also planvollem Erwerb von Verfügungsgewalt, vollzieht. (Dadurch wird die Beziehung zum „Recht“ hergestellt.) Aber auch jede andre Organisation der Wirtschaft würde irgendeine tatsächliche Verteilung der Verfügungsgewalt bedeuten, nur nach ganz andern Prinzipien als die heutige Privatwirtschaft, [A 34]die sie autonomen und autokephalen Einzelwirtschaften rechtlich garantiert. Entweder die Leiter (Sozialismus)15Zu Max Webers Begriff vom (planwirtschaftlichen) Sozialismus vgl. unten, S. 291. oder die Glieder (Anarchismus) müssen auf Verfügungsgewalt über die gegebenen Arbeitskräfte und Nutzleistungen zählen können: das läßt sich nur terminologisch verschleiern, aber nicht fortinterpretieren. Wodurch – ob konventional oder rechtlich – diese Ver[223]fügung garantiert oder ob sie etwa äußerlich gar nicht garantiert ist, sondern nur kraft Sitte oder Interessenlage auf die Verfügung faktisch (relativ) sicher gezählt werden kann, ist an sich begrifflich irrelevant, so zweifellos für die moderne Wirtschaft die Unentbehrlichkeit der rechtlichen Zwangsgarantien sein mag: Die begriffliche Unentbehrlichkeit jener Kategorie für die wirtschaftliche Betrachtung sozialen Handelns bedeutet also nicht etwa eine begriffliche Unentbehrlichkeit der rechtlichen Ordnung der Verfügungsgewalten, mag man diese empirisch für noch so unentbehrlich ansehen.

6. Unter den Begriff „Verfügungsgewalt“ soll hier auch die – faktische oder irgendwie garantierte – Möglichkeit der Verfügung über die eigne Arbeitskraft gefaßt werden (sie ist – bei Sklaven – nicht selbstverständlich).

7. Eine soziologische Theorie der Wirtschaft ist genötigt, alsbald den „Güter“-Begriff in ihre Kategorien einzustellen (wie dies § 2 geschieht).16[223]Unten, S. 224. Denn sie hat es mit jenem „Handeln“ zu tun, dem das Resultat der (nur theoretisch isolierbaren) Überlegungen der Wirtschaftenden seinen spezifischen Sinn verleiht. Anders kann (vielleicht) die Wirtschaftstheorie verfahren,17Der Begriff „Gut“ gehörte in der deutschen Volkswirtschaftslehre im allgemeinen zu den Grundbegriffen (vgl. Weber, Erstes Buch. Die begrifflichen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, MWG III/1, S. 124 ff., und Wieser, Friedrich von, Gut, in: HdStW3, Band 5, 1910, S. 205–209). Es war Robert Liefmann, der die herrschende Übung als „quantitativ-materialistisch“ ablehnte und ein Lehrgebäude errichtete, in dem für eine „Güterlehre“ kein Platz war (vgl. Liefmann, Grundsätze I, S. 244–249). deren theoretische Einsichten für die Wirtschaftssoziologie – so sehr diese nötigenfalls sich eigne Gebilde schaffen müßte – die Grundlage bilden.

§ 2. Unter „Nutzleistungen“ sollen stets die von einem oder mehreren Wirtschaftenden als solche geschätzten konkreten einzelnen zum Gegenstand der Fürsorge werdenden (wirklichen oder vermeintlichen) Chancen gegenwärtiger oder künftiger Verwendungsmöglichkeiten gelten, an deren geschätzter Bedeutung als Mittel für Zwecke des (oder der) Wirtschaftenden sein (oder ihr) Wirtschaften orientiert wird.18Wie von Weber unten (S. 224) zitiert, schließt er sich im Wesentlichen an Böhm-Bawerk, Rechte, an, der den Begriff „Nutzleistungen“ geprägt und seine theoretische Funktion in der genannten Schrift ausführlich erläutert hat. Anders als Böhm-Bawerk nimmt Weber die persönlichen „Leistungen“ nicht als eine Kategorie in die Liste der Güter auf (Böhm-Bawerk, Rechte, S. 31), sondern betont die Unterscheidung zwischen (Sach-)Gütern und Leistungen.

[224]Die Nutzleistungen können Leistungen nicht menschlicher (sachlicher) Träger oder Leistungen von Menschen sein. Die im Einzelfall sprachgebräuchlich gemeinten Träger möglicher sachlicher Nutzleistungen gleichviel welcher Art sollen „Güter“, die menschlichen Nutzleistungen, sofern sie in einem aktiven Handeln bestehen, „Leistungen“ heißen. Gegenstand wirtschaftender Vorsorge sind aber auch soziale Beziehungen, welche als Quelle gegenwärtiger oder künftiger möglicher Verfügungsgewalt über Nutzleistungen geschätzt werden. Die durch Sitte, Interessenlage oder (konventionell oder rechtlich) garantierte Ordnung zugunsten einer Wirtschaft in Aussicht gestellten Chancen sollen „ökonomische Chancen“ heißen.

Vgl. v. Böhm-Bawerk, Rechte und Verhältnisse vom Standpunkt19[224]Im Originaltitel heißt es: Standpunkte. Die Literaturangabe bezieht sich auf § 2, Abs. 1, oben, S. 223. der volksw[irthschaftlichen] Güterlehre (Innsbruck 1881).

1. Sachgüter und Leistungen erschöpfen nicht den Umkreis derjenigen Verhältnisse der Außenwelt, welche für einen wirtschaftenden Menschen wichtig und Gegenstand der Vorsorge sein können. Das Verhältnis der „Kundentreue“ oder das Dulden von wirtschaftlichen Maßnahmen seitens derer, die sie hindern könnten[,] und zahlreiche andere Arten von Verhaltensweisen können ganz die gleiche Bedeutung für das Wirtschaften haben und ganz ebenso Gegenstand wirtschaftender Vorsorge und z. B. von Verträgen werden. Es ergäbe aber unpräzise Begriffe, wollte man sie mit unter eine dieser beiden Kategorien bringen. Diese Begriffsbildung ist also lediglich durch Zweckmäßigkeitsgründe bestimmt.

2. Ganz ebenso unpräzis würden die Begriffe werden (wie v. Böhm-Bawerk richtig hervorgehoben hat),20Böhm-Bawerk, Rechte, S. 28 ff. und 51 ff. wenn man alle anschaulichen Einheiten des Lebens und des Alltagssprachgebrauches unterschiedslos als „Güter“ bezeichnen und den Güterbegriff dann mit den sachlichen Nutzleistungen gleichstellen wollte. „Gut“ im Sinn von Nutzleistung im strengen Sprachgebrauch ist nicht das „Pferd“ oder etwa ein „Eisenstab“, sondern deren einzelne als begehrenswert geschätzte und geglaubte Verwendungsmöglichkeiten, z. B. als Zugkraft oder als Tragkraft oder als was immer sonst. Erst recht nicht sind für diese Terminologie die als wirtschaftliche Verkehrsobjekte (bei Kauf und Verkauf usw.) fungierenden Chancen wie: „Kundschaft“, „Hypothek“, „Eigentum“[,] Güter. Sondern die Leistungen, welche durch diese von seiten der Ordnung (traditionaler oder [225]statutarischer) in [A 35]Aussicht gestellten oder garantierten Chancen von Verfügungsgewalten einer Wirtschaft über sachliche und persönliche Nutzleistungen dargeboten werden, sollen der Einfachheit halber als „ökonomische Chancen“ (als „Chancen“ schlechtweg, wo dies unmißverständlich ist) bezeichnet werden.

3. Daß nur aktives Handeln als „Leistung“ bezeichnet werden soll (nicht ein „Dulden“, „Erlauben“, „Unterlassen“), geschieht aus Zweckmäßigkeitsgründen. Daraus folgt aber, daß „Güter“ und „Leistungen“ nicht eine erschöpfende Klassifikation aller ökonomisch geschätzten Nutzleistungen sind.

Über den Begriff „Arbeit“ s. u. § 15.21[225]Kap. II, § 15, unten, S. 296 f.

§ 3. Wirtschaftliche Orientierung kann traditional oder zweckrational vor sich gehen. Selbst bei weitgehender Rationalisierung des Handelns ist der Einschlag traditionaler Orientiertheit relativ bedeutend. Die rationale Orientierung bestimmt in aller Regel primär das leitende Handeln (s. § 15),22In Kap. II, § 15, unten, S. 296, unterscheidet Max Weber „disponierende“ von „an Dispositionen“ orientierten Leistungen. In § 16, unten, S. 303, unterscheidet er „leitende“ von „ausführenden“ Leistungen. gleichviel welcher Art die Leitung ist. Die Entfaltung des rationalen Wirtschaftens aus dem Schoße der instinktgebundenen reaktiven Nahrungssuche oder der traditionalistischen Eingelebtheit überlieferter Technik und gewohnter sozialer Beziehungen ist in starkem Maß auch durch nicht ökonomische, außeralltägliche, Ereignisse und Taten, daneben durch den Druck der Not bei zunehmender absoluter oder (regelmäßig) relativer Enge des Versorgungsspielraums bedingt gewesen.

1. Irgendeinen „wirtschaftlichen Urzustand“ gibt es für die Wissenschaft natürlich prinzipiell nicht. Man könnte etwa konventionell sich einigen, den Zustand der Wirtschaft auf einem bestimmten technischen Niveau: dem der (für uns zugänglichen) geringsten Ausstattung mit Werkzeugen, als solchen zu behandeln und zu analysieren. Aber wir haben keinerlei Recht, aus den heutigen Rudimenten Werkzeug armer Naturvölker zu schließen: daß alle im gleichen technischen Stadium befindlichen Menschengruppen der Vergangenheit ebenso (also nach Art der Weddah23Mit den australischen Aborigines verwandte Ureinwohner Ceylons (Sri Lankas). Max Weber bezieht sich wiederholt auf die Weddah und ihre instrumentenlose Musik [226](vgl. Weber, Zur Musiksoziologie, MWG I/14; zu seinen Quellen ebd., S. 180, Hg. – Anm. 97). oder [226]gewisser Stämme Innerbrasiliens)24Die primitive Wirtschaft innerbrasilianischer Stämme erwähnt Max Weber, Hinduismus, MWG I/20, S. 212 f., unter Bezugnahme auf Steinen, Karl von, Durch Central-Brasilien. Expedition zur Erforschung der Schingú im Jahre 1884. – Leipzig: F.A. Brockhaus 1886. gewirtschaftet hätten. Denn rein wirtschaftlich war in diesem Stadium sowohl die Möglichkeit starker Arbeitskumulation in großen Gruppen (s. unten § 16)25 Ohne dort den Begriff „Arbeitskumulation“ zu benützen, führt Max Weber in Kap. II, § 16, unten, S. 305, als Beispiel für „Leistungshäufung“ in Ägypten das Zusammenspannen Tausender von Zwangs-Arbeitern an Stricken für den Transport von Kolossen an. wie umgekehrt starker Vereinzelung in kleinen Gruppen gegeben. Für die Entscheidung zwischen beiden konnten aber neben naturbedingten ökonomischen auch außerökonomische (z. B. militaristische) Umstände ganz verschiedene Antriebe schaffen.

2. Krieg und Wanderung sind zwar selbst nicht wirtschaftliche (wennschon gerade in der Frühzeit vorwiegend wirtschaftlich orientierte) Vorgänge, haben aber zu allen Zeiten oft, bis in die jüngste Gegenwart, radikale Änderungen der Wirtschaft im Gefolge gehabt. Auf zunehmende (klimatisch oder durch zunehmende Versandung oder Entwaldung bedingte) absolute Enge des Nahrungsspielraums haben Menschengruppen, je nach der Struktur der Interessenlagen und der Art des Hineinspielens nichtwirtschaftlicher Interessen, sehr verschieden, typisch freilich durch Verkümmerung der Bedarfsdeckung und absoluten Rückgang der Zahl, auf zunehmende Enge des relativen (durch einen gegebenen Standard der Bedarfsversorgung und der Verteilung der Erwerbschancen – s. u. § 1126 Kap. II, § 11, unten, S. 258, wo der Begriff „Erwerben“ definiert wird als an den Chancen der Gewinnung von neuer Verfügungsgewalt über Güter orientiertes Handeln. – bedingten) Versorgungsspielraums zwar ebenfalls sehr verschieden, aber (im ganzen) häufiger als im ersten Fall durch steigende Rationalisierung der Wirtschaft geantwortet. Etwas Allgemeines läßt sich indessen selbst darüber nicht aussagen. Die (soweit der „Statistik“ dort zu trauen ist) ungeheure Volksvermehrung in China seit Anfang des 18. Jahrhunderts27Unter Hinweis auf die Unsicherheit der Quellen berichtet Max Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 217, von einem Anstieg der chinesischen Bevölkerung „von Mitte des 17. bis Ende des 19. Jahrhunderts von 60 auf etwa 350–409 Millionen“. Nach späteren, noch immer unsicheren Schätzungen ist die chinesische Bevölkerung zwischen 1700 und 1850 von ca. 150 Mio. auf ca. 430 Mio. Einwohner gestiegen. Vgl. Ping-ti Ho, Studies on the Population of China, 1368–1953. – Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1959, S. 256, 281 f. hat entgegengesetzt gewirkt als die gleiche Erscheinung gleichzeitig [227]in Europa28[227]Nach zeitgenössischen Schätzungen ist die Bevölkerung Europas von 1800 bis 1910 von 187 Mio. auf 448 Mio. angestiegen. Vgl. Elster, Ludwig, Der Bevölkerungsstand und die Bevölkerungsbewegung der neuesten Zeit bis zum Ausbruch des Weltkrieges, in: HdStW4, Band 2, 1924, S. 687–689. (aus Gründen, über die sich wenigstens einiges aussagen läßt), die chronische Enge des Nahrungsspielraumes in der arabischen Wüste nur in einzelnen Stadien die Konsequenz einer Änderung der ökonomischen und politischen Struktur gehabt, am stärksten unter der Mitwirkung außerökonomischer (religiöser) Entwicklung.

3. Der lange Zeit starke Traditionalismus der Lebensführung z. B. der Arbeiterschichten im Beginn der Neuzeit hat eine sehr starke Zunahme der Rationalisierung der Erwerbswirtschaften durch kapitalistische Leitung nicht gehindert, ebenso aber z. B. nicht: die fiskal-sozialistische Rationalisierung der Staatsfinanzen in Ägypten.29Bei Weber, Agrarverhältnisse3 (MWG I/6, S. 365) heißt es: „Abgabe- und Robotpflichten der Untertanen können bis zum fast völligen Staatssozialismus (Ägypten) führen“. Wie Jürgen Deininger (ebd., S. 405, Hg.-Anm. 16) nachweist, spricht der französische Ägyptologe Revillout im Zusammenhang mit Ägypten von „socialisme d’Etat“; vgl. Revillout, Eugène, Précis du droit égyptien, comparé aux autres droits de l’antiquité, vol. 1. – Paris: V. Giard & E. Brière 1903, S. 31. (Immerhin war jene traditionalistische Haltung im Okzident etwas, dessen wenigstens relative Überwindung die weitere Fortbildung zur spezifisch modernen kapitalistisch rationalen Wirtschaft erst ermöglichte.)

§ 4. Typische Maßregeln des rationalen Wirtschaftens sind:

1. planvolle Verteilung solcher Nutzleistungen, auf deren Verfügung der Wirtschaftende gleichviel aus welchem Grunde zählen zu können glaubt, auf Gegenwart und Zukunft (Sparen);

[A 36]2. planvolle Verteilung verfügbarer Nutzleistungen auf mehrere Verwendungsmöglichkeiten in der Rangfolge der geschätzten Bedeutung dieser: nach dem Grenznutzen.30Max Weber bezieht sich auf ein theoretisches Kalkül einzelwirtschaftlicher Nutzenmaximierung, speziell auf das sogenannte Zweite Gossensche Gesetz vom Ausgleich der Grenznutzen (vgl. Wieser, Friedrich von, Grenznutzen, in: HdStW3, Band 5, 1910, S. 56–66). Den Begriff „Grenznutzen“ und die entsprechenden Theoreme hat Weber in seinen frühen Vorlesungen „Allgemeine (‚theoretische‘) Nationalökonomie“ und in dem zugehörigen gedruckten Manuskript „Erstes Buch. Die begrifflichen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre“ behandelt (vgl. Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1, S. 234 ff. und 127 ff.). Zu Webers Verständnis der Grenznutzentheorie vgl. auch den Aufsatz von 1908: Weber, Grenznutzlehre.

[228]Diese (am strengsten: „statischen“)31[228]Die Begriffe „Statik“ bzw. „statisch“ bezeichneten in der zeitgenössischen Nationalökonomie u. a. Aussagen über wirtschaftliche Erscheinungen oder Prozesse, bei denen sich die betrachteten Variablen auf den selben Zeitpunkt oder den selben Zeitraum beziehen. Im Gegensatz zu den zuvor unter 1. genannten Entscheidungen, die sich auf verschiedene Zeiträume beziehen, ist dies hinsichtlich der unter 2. aufgeführten grenznutzentheoretischen Erwägung der Fall. Fälle kamen in Friedenszeiten in wirklich bedeutsamem Umfang, heute meist in Form von Geldeinkommensbewirtschaftung vor.32Der Sinn dieser Aussage liegt nicht offen zutage. In den überlieferten Korrekturfahnen ist dieser Satz mehrfach geändert worden; auch hat es noch weitere Änderungen im Ausdruck der 1. Lieferung gegeben, deren Urheber nicht bekannt ist. Auffällig ist eine Umkehrung des Sinnes gegenüber der Aussage in der ersten überlieferten Korrekturfahne, wo es heißt: „Diese (am strengsten „statischen“) Fälle kamen in ihrer Reinheit in wirklich bedeutsamem Umfang kaum vor, dürfen deshalb theoretisch aber nicht vernachlässigt werden.“ Vgl. Anhang, unten, S. 612, sowie den Editorischen Bericht, oben, S. 95.

3. planvolle Beschaffung – Herstellung und Herschaffung33Max Weber faßt hier und im Folgenden – ebenfalls in Wortverbindungen wie „Beschaffungsmittel“, „Beschaffungsbetrieb“ – die seit dem 19. Jahrhundert allgemein übliche Bedeutung „Her(bei)schaffung, Anschaffung“ zusammen mit der sprachgeschichtlich ursprünglichen Bedeutung „Erschaffung“, im Sinne von lat. creare (vgl. Grimm, Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, I. Band. – Leipzig: S. Hirzel 1854, Sp. 1543). In ähnlicher Weise ersetzt Franz Oppenheimer den allgemein verwendeten Begriff „Produktion“ durch „Beschaffung“; vgl. Oppenheimer, Theorie, S. 197 ff. – solcher Nutzleistungen, für welche alle Beschaffungsmittel sich in der eignen Verfügungsgewalt des Wirtschaftenden befinden. Im Rationalitätsfall erfolgt eine bestimmte Handlung dieser Art, sofern die Schätzung der Dringlichkeit des Begehrs dem erwarteten Ergebnis nach die Schätzung des Aufwands, das heißt: 1. der Mühe der etwa erforderlichen Leistungen, – 2. aber: der sonst möglichen Verwendungsarten der zu verwendenden Güter und also: ihres technisch andernfalls möglichen Endprodukts übersteigt (Produktion im weiteren Sinn, der die Transportleistungen einschließt);

4. planvoller Erwerb gesicherter Verfügungsgewalt oder Mitverfügungsgewalt über solche Nutzleistungen, welche

α. selbst oder

β. deren Beschaffungsmittel sich in fremder Verfügungsgewalt befinden oder welche

[229]γ. fremder, die eigne Versorgung gefährdender Beschaffungskonkurrenz ausgesetzt sind, –

durch Vergesellschaftung mit dem derzeitigen Inhaber der Verfügungsgewalt oder Beschaffungskonkurrenten.

Die Vergesellschaftung mit fremden derzeitigen Inhabern der Verfügungsgewalt kann erfolgen

  1. durch Herstellung eines Verbandes, an dessen Ordnung sich die Beschaffung oder Verwendung von Nutzleistungen orientieren soll;
  2. durch Tausch.

Zu a): Sinn der Verbandsordnung kann sein:

  1. Rationierung der Beschaffung oder der Benutzung oder des Verbrauchs zur Begrenzung der Beschaffungskonkurrenz (Regulierungsverband);
  2. Herstellung einer einheitlichen Verfügungsgewalt zur planmäßigen Verwaltung der bisher in getrennter Verfügung befindlichen Nutzleistungen (Verwaltungsverband).

Zu b): Tausch ist ein Interessenkompromiß der Tauschpartner, durch welches Güter oder Chancen als gegenseitiger Entgelt hingegeben werden. Der Tausch kann

1.34[229]Zu erwarten wären hier – wie zuvor bei „zu a)“ – die Gliederungsbuchstaben α und β. Wie im Editorischen Bericht, oben, S. 103 f., ausgeführt, sind Inkonsistenzen der Bezeichnung der Gliederungsebenen in Kapitel II nicht selten. Sie werden nur dann korrigiert, wenn sie das Verständnis des Texts erheblich erschweren. traditional oder konventional, also (namentlich im zweiten Fall) nicht wirtschaftlich rational, – oder

2. wirtschaftlich rational orientiert erstrebt und geschlossen werden. Jeder rational orientierte Tausch ist Abschluß eines vorhergehenden offenen oder latenten Interessenkampfes durch Kompromiß.35Zu „Interessenkampf“ und „Interessenkompromiß“ sowie „Marktkampf“ vgl. unten, S. 262 und S. 286. Der Tauschkampf der Interessenten, dessen Abschluß das Kompromiß bildet, richtet sich einerseits stets, als Preiskampf, gegen den als Tauschpartner in Betracht kommenden Tauschreflektanten (typisches Mittel: Feilschen), andrerseits gegebenenfalls, als Konkurrenzkampf, gegen wirkliche oder mögliche dritte (gegenwärtige oder für die Zukunft zu erwar[230]tende) Tauschreflektanten, mit denen Beschaffungskonkurrenz besteht (typisches Mittel: Unter- und Überbieten).

1. In der Eigenverfügung eines Wirtschaftenden befinden Nutzleistungen (Güter, Arbeit oder andre Träger von solchen) sich dann, wenn tatsächlich nach (mindestens: relativ) freiem Belieben ohne Störung durch Dritte auf ihren Gebrauch gezählt werden kann, einerlei ob diese Chance auf Rechtsordnung oder Konvention oder Sitte oder Interessenlage beruht. Keineswegs ist gerade nur die rechtliche Siche[A 37]rung der Verfügung die begrifflich (und auch nicht: die tatsächlich) ausschließliche, wennschon die heute für die sachlichen Beschaffungsmittel empirisch unentbehrliche Vorbedingung des Wirtschaftens.

2. Fehlende Genußreife kann auch in örtlicher Entferntheit genußreifer Güter vom Genußort bestehen. Der Gütertransport (zu scheiden natürlich vom Güterhandel, der Wechsel der Verfügungsgewalt bedeutet) kann hier daher als Teil der „Produktion“ behandelt werden.

3. Für die fehlende Eigenverfügung ist es prinzipiell irrelevant, ob Rechtsordnung oder Konvention oder Interessenlage oder eingelebte Sitte oder bewußt gepflegte Sittlichkeitsvorstellungen den Wirtschaftenden typisch hindern, die fremde Verfügungsgewalt gewaltsam anzutasten.

4. Beschaffungskonkurrenz kann unter den mannigfachsten Bedingungen bestehen. Insbesondere z. B. bei okkupatorischer Versorgung: Jagd, Fischfang, Holzschlag, Weide, Rodung. Sie kann auch und gerade innerhalb eines nach außen geschlossenen Verbandes bestehen. Die dagegen gerichtete Ordnung ist dann stets: Rationierung der Beschaffung, regelmäßig in Verbindung mit Appropriation der so garantierten Beschaffungschancen für eine fest begrenzte Zahl von einzelnen oder (meist) von Hausverbänden. Alle Mark- und Fischereigenossenschaften, die Regulierung der Rodungs-, Weide- und Holzungsrechte auf Allmenden und Marken, die „Stuhlung“ der Alpenweiden36[230]Bei der „Stuhlung“ wird die Alpweide in eine Zahl von „Stößen“, d. h. von Flächen, geteilt, die ein Stück Vieh im Jahr als Weideland benötigt. Vgl. Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 106. usw. haben diesen Charakter. Alle Arten erblichen „Eigentums“ an nutzbarem Grund und Boden sind dadurch propagiert worden.

5. Der Tausch kann sich auf alles erstrecken, was sich in irgendeiner Art in die Verfügung eines andern „übertragen“ läßt und wofür ein Partner Entgelt zu geben bereit ist. Nicht nur auf „Güter“ und „Leistungen“ also, sondern auf ökonomische Chancen aller Art, z. B. auf eine rein kraft Sitte oder Interessenlage zur Verfügung stehende, durch nichts garantierte „Kundschaft“. Erst recht natürlich auf alle irgendwie durch irgendeine Ordnung garantierten Chancen. Tauschobjekte sind also nicht nur aktuelle [231]Nutzleistungen. Als Tausch soll für unsre Zwecke vorläufig, im weitesten Wortsinn, jede auf formal freiwilliger Vereinbarung ruhende Darbietung von aktuellen, kontinuierlichen, gegenwärtigen, künftigen Nutzleistungen von welcher Art immer gegen gleichviel welche Art von Gegenleistungen bezeichnet werden. Also z. B. die entgeltliche Hingabe oder Zurverfügungstellung der Nutzleistung von Gütern oder Geld gegen künftige Rückgabe gleichartiger Güter ebenso wie das Erwirken irgendeiner Erlaubnis, oder einer Überlassung der „Nutzung“ eines Objekts gegen „Miete“ oder „Pacht“, oder die Vermietung von Leistungen aller Art gegen Lohn oder Gehalt.37[231]Max Weber geht hier noch von der einstmals das Gemeine Recht beherrschenden römisch-rechtlichen Vorstellung der „Dienstmiete“ aus. Ihr zufolge war der „Vermieter“ einer Dienstleistung verpflichtet, die versprochenen Dienste zu leisten, der „Mieter“ war verpflichtet, das Mietgeld bzw. den Mietlohn zu zahlen (vgl. Windscheid, Bernhard, Lehrbuch des Pandektenrechts, Band 2, 9. Aufl. bearbeitet von Theodor Kipp. – Frankfurt a. Μ.: Rütten & Loening 1906, S. 744). Das 1900 in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch spricht nicht mehr von einem Mietverhältnis, sondern von einem Dienstvertrag, allerdings noch ohne Unterscheidung zwischen Verträgen mit Selbständigen (Angehörigen freier Berufe) und Verträgen mit Abhängigen, den Arbeitsverträgen. Vgl. auch unten, S. 376: „Miete gegen Lohn“, „Arbeitsmiete“. Daß heute, soziologisch angesehen, dieser letztgenannte Vorgang für die „Arbeiter“ im Sinn des § 1538In Kap. II, § 15, unten, S. 296, wird der Begriff „Arbeit“ definiert. Der Begriff „Arbeiter“ erscheint in § 15 nur einmal beiläufig (unten, S. 301). den Eintritt in einen Herrschaftsverband bedeutet, bleibt vorläufig noch ebenso außer Betracht wie die Unterschiede von „Leihe“ und „Kauf“ usw.

6. Der Tausch kann in seinen Bedingungen traditional und, in Anlehnung daran, konventional, oder aber rational bestimmt sein. Konventionale Tauschakte waren der Geschenkaustausch unter Freunden, Helden, Häuptlingen, Fürsten (cf. den Rüstungstausch des Diomedes und Glaukos),39Max Weber bezieht sich auf das in Homers Ilias im VI. Gesang, Verse 119 ff., geschilderte Zusammentreffen von Glaukos, dem König der Lykier, und Diomedes, dem Führer der Aitolier, in der Schlacht um Troja. In Erinnerung an einen einstmals von ihren Großvätern geschlossenen Freundschaftsbund tauschten sie ihre Rüstungen, wobei Glaukos seine goldene gegen die eiserne Rüstung von Diomedes hingab, im Werte hundert Stiere gegen neun vertauschend (Verse 234–6). nicht selten übrigens (vgl. die Tell-el-Amarna-Briefe)401884 auf dem Ruinenhügel von Amarna in Mittelägypten entdecktes Tontafelarchiv, das die diplomatische Korrespondenz der Könige Amenophis III. (1402–1364 v. Chr.) und Amenophis IV-Echnaton (1364–1347 v. Chr.) enthielt. An anderer Stelle berichtet Max Weber unter Hinweis auf die Amarna-„Briefe“, daß der Handel in Ägypten lange die Form des Geschenkaustausches zwischen Staatshäuptern bewahrt habe (vgl. Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 430, mit Hg.-Anm. 77 zu Webers Quelle). schon sehr stark rational orientiert und kontrolliert. Der rationale Tausch ist nur möglich, wenn entweder beide Teile dabei Vorteil zu finden hoffen, oder eine durch ökonomische Macht oder Not bedingte Zwangslage für einen Teil [232]vorliegt. Er kann (s. § 11)41[232]Kap. II, § 11, unten, S. 258. entweder: naturalen Versorgungs- oder: Erwerbszwecken dienen, also: an der persönlichen Versorgung des oder der Eintauschenden mit einem Gut oder: an Marktgewinnchancen (s. § 11)42Kap. II, § 11, unten, S. 258 f. orientiert sein. Im ersten Fall ist er in seinen Bedingungen weitgehend individuell bestimmt und in diesem Sinn irrational: Haushaltsüberschüsse z. B. werden in ihrer Wichtigkeit nach dem individuellen Grenznutzen der Einzelwirtschaft geschätzt und eventuell billig abgetauscht, zufällige Begehrungen des Augenblicks bestimmen den Grenznutzen der zum Eintausch begehrten Güter unter Umständen sehr hoch.43Max Weber bezieht sich auf Carl Menger, der die Frage nach den „Grenzen des ökonomischen Austausches von Gütern“ zunächst am Modell des isolierten Tausches zwischen zwei Personen grenznutzentheoretisch abhandelt; vgl. Menger, Carl, Grundsätze der Volkswirthschaftslehre, Erster Allgemeiner Teil. – Wien: Wilhelm Braumüller 1871, S. 160–179. Die durch den Grenznutzen bestimmten Tauschgrenzen sind also hochgradig schwankend. Ein rationaler Tauschkampf entwickelt sich nur bei marktgängigen (über den Begriff s. § 8)44Max Weber definiert „Marktgängigkeit“ in Kap. II, § 8, unten, S. 248. und im Höchstmaß bei erwerbswirtschaftlich (Begriff s. § 11)45Kap. II, § 11, unten, S. 258. genutzten oder abgetauschten Gütern.

7. Die zu a α genannten Eingriffe eines Regulierungsverbandes sind nicht etwa die einzig möglichen eines solchen, aber diejenigen, welche, als am unmittelbarsten aus Bedrohung der Bedarfsdeckung als solcher hervorgehend, hierher gehören. Über die Absatzregulierung s. später.46Zu Absatz- und (allgemeiner) zu Marktregulierungen siehe Kap. II, § 8, unten, S. 248–250.

§ 5. Ein wirtschaftlich orientierter Verband kann, je nach seinem Verhältnis zur Wirtschaft, sein:

a)47Max Weber bezeichnet in der Mehrzahl der Paragraphen die erste Gliederungsebene mit arabischen Ziffern. Wie im Editorischen Bericht, oben, S. 104, ausgeführt, werden, wo Weber anders verfährt, in der Regel keine Angleichungen vorgenommen. wirtschaftender Verband, – wenn das an seiner Ordnung orientierte primär außerwirtschaftliche Verbandshandeln ein Wirtschaften mit umschließt;

[A 38]b) Wirtschaftsverband, – wenn das durch die Ordnung geregelte Verbandshandeln primär ein autokephales Wirtschaften bestimmter Art ist;

[233]c) wirtschaftsregulierender Verband, – wenn und insoweit als an den Ordnungen des Verbandes sich das autokephale Wirtschaften der Verbandsglieder material heteronom orientiert.

d) Ordnungsverband, – wenn seine Ordnungen das autokephale und autonome Wirtschaften der Verbandsmitglieder nur formal durch Regeln normieren und die dadurch erworbenen Chancen garantieren.

Materiale Wirtschaftsregulierungen haben ihre faktischen Schranken da, wo die Fortsetzung eines bestimmten wirtschaftlichen Verhaltens noch mit vitalem Versorgungsinteresse der regulierten Wirtschaften vereinbar ist.

1. Wirtschaftende Verbände sind der (nicht sozialistischei[233]A: nichtsozialistische oder kommunistische) „Staat“ und alle anderen Verbände (Kirchen, Vereine usw.) mit eigner Finanzwirtschaft, aber auch z. B. die Erziehungsgemeinschaften,48[233]Das Gemeinte ist nicht eindeutig zu identifizieren. In der Korrekturfahne K3 ändert Max Weber eigenhändig „Hausgemeinschaft der Familie“ in „Erziehungsgemeinschaften“ (vgl. Anhang, unten, S. 615). Zur Idee der Erziehungsgemeinschaft in der Jugend- und reformstudentischen Bewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts vgl. u. a. Bias-Engels, Sigrid, Zwischen Wandervogel und Wissenschaft. Zur Geschichte von Jugendbewegung und Studentenschaft 1896–1920. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Band 4). – Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1988, S. 108, 110 f. die nicht primär ökonomischen Genossenschaften usw.

2. Wirtschaftsverbände sind natürlich, im Sinn dieser Terminologie, nicht nur die üblicherweise so bezeichneten, wie etwa Erwerbs-(Aktien-)gesellschaften, Konsumvereine, Artjels,49Zum Ausdruck „Artjel“ vgl. oben, S. 203, Hg.-Anm. 2. Genossenschaften, Kartelle, sondern alle das Handeln mehrerer Personen umfassenden wirtschaftlichen „Betriebe“ überhaupt, von der Werkstattgemeinschaft zweier Handwerker bis zu einer denkbaren weltkommunistischen Assoziation.

3. Wirtschaftsregulierende Verbände sind z. B. Markgenossenschaften, Zünfte, Gilden, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Kartelle und alle Verbände mit einer material den Inhalt und die Zielrichtung des Wirtschaftens regulierenden: „Wirtschaftspolitik“ treibenden Leitung, also: die Dörfer und Städte des Mittelalters ebenso wie jeder eine solche Politik treibende Staat der Gegenwart.

4. Ein reiner Ordnungsverband ist z. B. der reine Rechtsstaat, welcher das Wirtschaften der Einzelhaushalte und -betriebe material gänzlich autonom läßt und nur formal im Sinne der Streitschlichtung die Erledigung der frei paktierten Tauschverpflichtungen regelt.

[234]5. Die Existenz von wirtschaftsregulierenden und Ordnungsverbänden setzt prinzipiell die (nur verschieden große) Autonomie der Wirtschaftenden voraus. Also: die prinzipielle, nur in verschiedenem Maße (durch Ordnungen, an denen sich das Handeln orientiert) begrenzte, Freiheit der Verfügungsgewalt der Wirtschaftenden. Mithin: die (mindestens relative) Appropriation von ökonomischen Chancen an sie, über welche von ihnen autonom verfügt wird. Der reinste Typus des Ordnungsverbandes besteht daher dann, wenn alles menschliche Handeln inhaltlich autonom verläuft und nur an formalen Ordnungsbestimmungen orientiert ist, alle sachlichen Träger von Nutzleistungen aber voll appropriiert sind, derart, daß darüber, insbesondere durch Tausch, beliebig verfügt werden kann, wie dies der typischen modernen Eigentumsordnung entspricht. Jede andere Art von Abgrenzung der Appropriation und Autonomie enthält eine Wirtschaftsregulierung, weil sie menschliches Handeln in seiner Orientierung bindet.

6. Der Gegensatz zwischen Wirtschaftsregulierung und bloßem Ordnungsverband ist flüssig. Denn natürlich kann (und muß) auch die Art der „formalen“ Ordnung das Handeln irgendwie material, unter Umständen tiefgehend, beeinflussen. Zahlreiche moderne gesetzliche Bestimmungen, welche sich als reine „Ordnungs“-Normen geben, sind in der Art ihrer Gestaltung darauf zugeschnitten, einen solchen Einfluß zu üben (davon in der Rechtssoziologie).50[234]Eine Neufassung der Rechtssoziologie ist nicht überliefert, vgl. dazu auch die Einleitung, oben, S. 69. In den älteren Fassungen von Webers Rechtssoziologie (vgl. Weber, „Recht“, MWG I/22-3) finden sich zum Gegensatz zwischen wirtschaftsregulierendem und bloßem Ordnungsverband noch keine systematischen Ausführungen. Außerdem aber ist eine wirklich ganz strenge Beschränkung auf reine Ordnungsbestimmungen nur in der Theorie möglich. Zahlreiche „zwingende“ Rechtssätze – und solche sind nie zu entbehren – enthalten in irgendeinem Umfang auch für die Art des materialen Wirtschaftens wichtige Schranken. Grade „Ermächtigungs“-Rechtssätze aber enthalten unter Umständen (z. B. im Aktienrecht) recht fühlbare Schranken der wirtschaftlichen Autonomie.51Gemäß Aktiengesetz von 1884 war die Ermächtigung zur Gründung einer Aktiengesellschaft, einer Gesellschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit bei nur begrenzter Haftung der Aktionäre, verbunden mit einer Fülle von Regelungen zum Schutz von Gläubigern und Anlegern. Zu den durch Ermächtigungsnormen gesetzten Schranken autonomen Handelns und zu Beispielen aus dem Aktienrecht hierfür vgl. Weber, Die Entwicklungsbedingungen des Rechts, MWG I/22-3, S. 339–343.

7. Die Begrenztheit der materialen Wirtschaftsregulierungen in ihrer Wirkung kann sich a) im Aufhören bestimmter Richtungen des Wirtschaf[235]tens (Bestellung von Land nur zum Eigenbedarf bei Preistaxen) oder b) in faktischer Umgehung (Schleichhandel) äußern.52[235]Zur prekären Wirksamkeit von behördlich angeordneten Preisen im Allgemeinen vgl. Weber, Die Wirtschaft und die Ordnungen, MWG I/22-3, S. 243 f. Für die von Weber hier geschilderten Ausweichreaktionen lieferte die Höchstpreispolitik im Ersten Weltkrieg massenhaft Beispiele. Vgl. Rohrscheidt, Kurt von, Preistaxen (Geschichtliches), in: HdStW4, Band 6, 1925, S. 1068–1074.

§ 6.53In der Entfaltung der Begrifflichkeit der formalen Aspekte des Geldwesens folgt Max Weber in diesem und den nachfolgenden Paragraphen vielfach, aber keineswegs durchgehend Georg Friedrich Knapp, Staatliche Theorie des Geldes (1. Aufl. 1905; 2., durchgesehene und vermehrte Aufl. 1918), worauf er unten, S. 239 f., ausdrücklich hinweist. Knapp erklärt den eigentümlichen Charakter der von ihm neu geprägten Begriffe wie folgt: „Für meinen Zweck, die metallistische Auffassung durch eine staatswissenschaftliche zu ersetzen, war ich genötigt, eine ausgebildete Kunstsprache zu schaffen. Ob man die neuen Ausdrücke in deutscher Sprache hätte bilden können, weiß ich nicht. Viel wichtiger schien es mir für dies Wissensgebiet, das gar nichts Nationales an sich hat, Ausdrücke zu schaffen, die leicht in jede Sprache übergehen können, weil sie, wie ich zugebe, gelehrt und nicht volkstümlich sind. Dadurch habe ich, mit einigem Bedauern, die Vorzüge einer lobenswerten Schreibart preisgegeben, hoffentlich aber den größeren Vorzug einer theoretischen Behandlung errungen.“ Knapp, Staatliche Theorie, S. VII (Hervorhebung des Hg.). Tauschmittel soll ein sachliches Tauschobjekt insoweit heißen, als dessen Annahme beim Tausch in typischer Art primär an der Chance für [A 39]den Annehmenden orientiert ist, daß dauernd – das heißt: für die in Betracht gezogene Zukunft – die Chance bestehen werde, es gegen andre Güter in einem seinem Interesse entsprechenden Austauschverhältnis in Tausch zu geben, sei es gegen alle (allgemeines Tauschmittel), sei es gegen bestimmte (spezifisches Tauschmittel).54Zu den Begriffen „Tauschmittel“ und „Zahlungsmittel“ vgl. Webers Erläuterungen unten, S. 241 f., Ziffern 1–4. Die Chance der Annahme in einem abschätzbaren Tauschverhältnis zu anderen (spezifisch angebbaren) Gütern soll materiale Geltung des Tauschmittels im Verhältnis zu diesen heißen, formale Geltung die Verwendung an sich.55Zur Unterscheidung von „formaler“ und „materialer“ Geltung vgl. auch unten, S. 388 f. und S. 404.

Zahlungsmittel soll ein typisches Objekt insoweit heißen, als für die Erfüllung bestimmter paktierter oder oktroyierter Leistungspflichten die Geltung seiner Hingabe als Erfüllung konventional oder rechtlich garantiert ist (formale Geltung des [236]Zahlungsmittels, die zugleich formale Geltung als Tauschmittel bedeuten kann).

Chartal56[236]Wie Max Weber unten, S. 243, erklärt, ist „chartal“ ein Ausdruck von Knapp. Dieser hat ihn in Anlehnung an das lateinische Wort charta (Blatt, dünne Platte) geprägt. Zu den Gründen für diese Benennung vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 27. sollen Tauschmittel oder Zahlungsmittel heißen, wenn sie Artefakte sind, kraft der ihnen gegebenen Form ein konventionelles, rechtliches, paktiertes oder oktroyiertes Ausmaß formaler Geltung innerhalb eines personalen oder regionalen Bereichsj[236]A: Gebiets haben und gestückelt sind, das heißt: auf bestimmte Nennbeträge oder Vielfache oder Bruchteile von solchen lauten, so daß rein mechanische Rechnung mit ihnen möglich ist.

Geld soll ein chartales Zahlungsmittel heißen, welches Tauschmittel ist.

Tauschmittel-, Zahlungsmittel- oder Geld-Verband soll ein Verband heißen mit Bezug auf Tauschmittel, Zahlungsmittel oder Geld, welche und soweit sie innerhalb des Geltungsbereichs seiner Ordnungen durch diese in einem relevanten Maß wirksam als konventional oder rechtlich (formal) geltend oktroyiert sind: BinnengeldkA: Binnengeld, bzw. Binnen-Tausch- bzw. -Zahlungsmittel. Im Tausch mit Ungenossen verwendete Tauschmittel sollen Außen-Tauschmittel heißen.

Naturale Tausch- oder Zahlungsmittel sollen die nicht chartalen heißen. In sich sind sie unterschieden:

a) 1. technisch: je nach dem Naturalgut, welches sie darstellt (insbesondere: Schmuck, Kleider, Nutzobjekte und Geräte) –, oder nachlFehlt in A; nach sinngemäß ergänzt

2. der Verwendung in Form der Wägung (pensatorisch)57Abgeleitet aus lat. pensare (wägen, abwiegen), sind pensatorische Zahlungsmittel solche, die bei Hingabe gewogen werden müssen, weil sie keine eindeutigen Zeichen ihrer (materialen) Geltung tragen. Vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 22–24. oder nicht;

b) ökonomisch: je nach ihrer Verwendung

1. primär für Tauschzwecke oder für ständische Zwecke (Besitzprestige),

[237]2. primär als Binnen- oder als Außentausch- bzw. Zahlungsmittel.

Zeichenmäßig heißen Tausch- und Zahlungsmittel oder Geld insoweit, als sie primär eine eigene Schätzung außerhalb ihrer Verwendung als Tausch- oder Zahlungsmittel nicht (in der Regel: nicht mehr) genießen,

stoffmäßigm[237]A: Stoffmäßig insoweit, als ihre materiale Schätzung als solche durch die Schätzung ihrer Verwendbarkeit als Nutzgüter beeinflußt wird oder doch werden kann.

Geld ist entweder:

  1. monetär: Münze, oder
  2. notal: Urkunde.58[237]Hinsichtlich der Unterscheidung der Geldarten nach ihrem stofflichen Charakter weicht Max Weber von Knapp ab. Knapp unterscheidet „bares“ und „notales“ Geld. Bares Geld waren nach seinen Definitionsmerkmalen (Knapp, Staatliche Theorie, S. 53 f.) vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland nur Goldmünzen. Die nicht-baren Geldarten nennt Knapp notal, „gleichgültig ob sie Münzen sind oder Scheine.“ (Knapp, Geldtheorie, staatliche, in: HdStW3, Band 4, 1909, S. 610–618, Zitat S. 613).

Das notale Geld pflegt durchweg in seiner Form einer monetären Stückelung angepaßt oder im Nennbetrag historisch auf eine solche bezogen zu sein.

Monetäres Geld59In Kap. II, § 32, unten, S. 393 f., bezeichnet Weber die im Folgenden aufgeführten drei (Münz-)Geldarten als „effektives Kurantgeld“ bzw. „effektives Währungsgeld“. Die zweitgenannte Geldart wird dort als „unreguliertes Verwaltungsgeld“ bezeichnet. soll heißen:

1. „freies“ oder „Verkehrsgeld“,60Auf Eigenschaften und Bedeutung des „freien Verkehrsgeldes“ geht Max Weber ausführlich in Kap. II, § 32, unten, S. 394 ff., ein. wenn von der Geldausgabestelle auf Initiative jedes Besitzers des monetären Stoffs dieser in beliebigen Mengen in chartale „Münz“-Form verwandelt wird, material also die Ausgabe an Zahlungsbedürfnissen von Tauschinteressenten orientiert ist, –

2. „gesperrtes“ oder „Verwaltungsgeld“,61Auf Eigenschaften und Bedeutung des „Sperrgelds“, das nicht von beliebigen Personen in beliebiger Menge durch Hingabe von Münzmetall frei geschaffen werden kann, geht Max Weber in Kap. II, § 33, unten, S. 397–400, ausführlich ein. Die Begriffe „Sperrgeld“ und „Verwaltungsgeld“ sind nicht dem System von Knapp entnommen. [238]Von „gesperrter Prägung“ zu sprechen, war verbreitet (vgl. Helfferich, Das Geld2, S. 79 ff.). Der von Weber gebrauchte Begriff Verwaltung meint in diesem Zusammenhang die mit der Emission des Geldes befaßten Autoritäten. – wenn die Verwandlung in chartale Form nach dem formell freien, material [238]primär an Zahlungsbedürfnissen der Verwaltungsleitungsleitung eines Verbandes orientierten, Belieben dieser erfolgt, –

3. „reguliertes“,62 Gemeint ist: reguliertes Verwaltungsgeld. wenn sien[238]Lies: die Verwandlung in chartale Form zwar gesperrt, die Art und das Ausmaß ihrer Schaffung aber durch Normen wirksam geregelt ist.

[A 40]Umlaufsmittel63 Im System Knapps gibt es den Begriff „Umlaufsmittel“ nicht. Er spielt eine erhebliche Rolle bei Ludwig von Mises. Dieser definiert: „Das Umlaufsmittel ist […] eine nicht durch Gelddepots gedeckte, jederzeit fällige Forderung auf Auszahlung eines bestimmten Geldbetrages, die vermöge ihrer rechtlichen und technischen Ausstattung geeignet ist, an Stelle des Geldes in Erfüllung von auf Geld lautenden Zahlungsverpflichtungen gegeben und genommen zu werden.“ (vgl. Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, S. 318). Anders als bei Max Weber, der auf Giralgeld nicht eingeht, gehört dieses bei Mises ebenfalls zu den Umlaufsmitteln. soll eine als notales Geld fungierende Urkunde64 Max Weber korrigierte im Prozeß der Drucklegung „Geldforderung“ in „Urkunde“ (vgl. den Anhang, unten, S. 619). Zur Bedeutung dieser Änderung vgl. Kap. II, § 34, unten, S. 402. heißen, wenn ihre Annahme als „provisorisches“ Geld65 Vgl. die Definition Max Webers in Kap. II, § 32, unten, S. 393, sowie Knapp, Staatliche Theorie, S. 92–95. sich an der Chance orientiert: daß ihre jederzeitige Einlösung in „definitives“: Münzen oder pensatorische Metalltauschmittel[,] für alle normalen Verhältnisse gesichert sei. Zertifikat dann, wenn dies durch Regulierungen bedingt ist, welche Vorratshaltung im Betrag voller Deckung in Münze oder Metall sicherstellen.

Tausch- oder Zahlungsmittelskalen sollen die innerhalb eines Verbandes konventionalen oder rechtlich oktroyierten gegenseitigen Tarifierungen der einzelnen naturalen Tausch- und Zahlungsmittel heißen.

Kurantgeld sollen die von der Ordnung eines Geld-Verbands66Während Max Weber den „politischen Verband“ oben, S. 212, definiert, wird der von ihm eingeführte Begriff „Geld-Verband“ nicht explizit definiert. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde es selbstverständlich, daß die staatliche Obrigkeit eine Geldordnung festlegte. Dies konnte aber auch – wie die Lateinische Münzunion (vgl. unten, S. 396) zeigt – eine überstaatliche sein. mit nach Art und Maß unbeschränkter Geltung als Zahlungs[239]mittel ausgestatteten Geldarten heißen, Geldmaterial das Herstellungsmaterial eines Geldes, Währungsmetall das gleiche bei Verkehrsgeld, Geldtarifierung die bei der Stückelung und Benennung zugrunde gelegte Bewertung der einzelnen untereinandero[239]A: unter einander stoffverschiedenen Verkehrs-pA: naturalen oder Verwaltungsgeldarten, Währungsrelation das gleiche zwischen stoffverschiedenen Verkehrsgeldarten.

Intervalutarisches Zahlungsmittel soll dasjenige Zahlungsmittel heißen, welches zum Ausgleich des Zahlungssaldos zwischen verschiedenen Geldverbänden jeweils letztlich – das heißt[,] wenn nicht durch Stundung die Zahlung hinausgeschoben wird – dient. –

Jede neugeschaffene Verbandsordnung des Geldwesens legt unvermeidlich die Tatsache zugrunde: daß bestimmte Zahlmittel67[239]Zur synonymen Verwendung von „Zahlungsmittel“ und „Zahlmittel“ in § 6 und §§ 32 ff. vgl. den Editorischen Bericht, oben, S. 106. für Schulden verwendet wurden. Sie begnügt sich entweder mit deren Legalisierung als Zahlungsmittel oder – bei Oktroyierung neuer Zahlungsmittel – rechnet bestimmte bisherige naturale oder pensatorische oder chartale Einheiten in die neuen Einheiten um (Prinzip der sogenannten „historischen Definition“ des Geldes als Zahlungsmittel,68Max Weber folgt Knapp. Bei Einführung neuer Zahlungsmittel müsse der Staat in Hinblick auf die Regelung von bestehenden Schulden die neue Werteinheit im Verhältnis zur alten festlegen: „Eine andere als die historische Definition der neuen Werteinheit gibt es im allgemeinen nicht.“ (Knapp, Staatliche Theorie, S. 18). Nach Knapp gilt grundsätzlich, „daß die Geltung der Zahlungsmittel nicht an den stofflichen Gehalt gebunden und daß die Werteinheit nur historisch definiert ist.“ (ebd., S. 20). von der hier völlig dahingestellt bleibt, wieweit sie auf die Austauschrelation des Geldes als Tauschmittel zu den Gütern zurückwirkt).

Es sei nachdrücklich bemerkt: daß hier nicht eine „Geldtheorie“ beabsichtigt ist, sondern eine möglichst einfache terminologische Feststellung von Ausdrücken, die später öfter gebraucht werden. Weiterhin kommt es vorerst auf gewisse ganz elementare soziologische Folgen des Geldgebrauchs an. (Die mir im ganzen annehmbarste materiale Geldtheorie ist die von Mises.69Max Weber bezieht sich auf Mises, Theorie des Geldes von 1912. Mises bezeichnete als den Kern seiner Aufgabe, die Gesetze zu entwickeln, „die das zwischen dem [240]Gelde und den übrigen wirtschaftlichen Gütern bestehende Austauschverhältnis bestimmen; dies und nichts anderes ist die Aufgabe der nationalökonomischen Theorie des Geldes“ (ebd., S. 33). Mises suchte zu erklären, wie individuelle Nutzenvorstellungen und das Geldangebot auf die Güterpreise einwirken. Dabei gab er der alten Quantitätstheorie eine neue Begründung, bewies zugleich aber auch Nichtneutralität des Geldes in Hinblick auf die relativen Preise. Seine Theorie ruht auf von Carl Menger entwickelten Einsichten hinsichtlich der Entstehung des Geldes aus an Märkten gehandelten Gütern. Daß der Staat gleichsam Geld aus dem Nichts schaffen könne, bestritt er. Geldpolitisch war er ein radikaler Verfechter der Goldwährung und – zur Vermeidung von Inflationsgefahren – der 100-Prozent-Deckung von Banknoten. Zu Mises vgl. Pallas, Carsten, Ludwig von Mises als Pionier der modernen Geld- und Konjunkturlehre. Eine Studie zu den monetären Grundlagen der Austrian Economics. – Marburg: Metropolis-Verlag 2005. Die „Staatliche Theorie“ G[eorg] F[riedrich] Knapps – das [240]großartigste Werk des Fachs – löst ihre formale Aufgabe in ihrer Art glänzend.70Gemeint ist: Knapp, Staatliche Theorie. Die in Gedankenstrichen gesetzte, lobende Formulierung ist erst nach der letztüberlieferten Korrekturfahne eingefügt worden (vgl. Anhang, unten, S. 620, sowie den Editorischen Bericht, oben, S. 89). Weber wiederholt das Lob des Werkes mehrfach (vgl. unten, S. 388, 405 und S. 415). Das Wesentliche seiner Theorie faßt Knapp zusammen in: Geldtheorie, staatliche, in: HdStW3, Band 4, 1909, S. 610–618. Im Mittelpunkt des Werkes von Knapp steht die Erfassung der Gründe, weshalb Zahlungsmittel die Chance haben, verwendet zu werden – in der Terminologie Webers: „formale Geltung“ zu gewinnen. Die Zentralthese ist: „Das Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung.“ (vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 1). Zu Knapp vgl. Trautwein, Hans-Michael, G. F. Knapp: An Economist with Institutional Complexion, in: Samuels, Warren (Ed.), European Economists of the Early 20th Century, vol. 2: Studies of Neglected Continental Thinkers of Germany and Italy. – Cheltenham: Edward Elgar 2003, S. 167–178. Angeregt durch eine im wesentlichen positive Besprechung des Werkes von James Bonar im Economic Journal, vol. 32, 1922, S. 39–47, und auf Empfehlung von John Maynard Keynes veranlaßte die Royal Economic Society die Anfertigung und Veröffentlichung einer gekürzten englischen Ausgabe der 4. Aufl. der Staatlichen Theorie auf Kosten der Gesellschaft. Vgl. Knapp, Georg Friedrich, The State Theory of Money. – London: Macmillan & Company Ltd. 1924, S. V f. Für materiale Geldprobleme ist sie unvollständig: s. später.71Dieser Satz findet sich noch nicht in der Korrekturfahne K3 (vgl. den Anhang, unten, S. 621 ). – Bereits 1906 hat Max Weber in einem Brief an Knapp neben großem Lob auch Bedenken zum Ausdruck gebracht: „[…] nur wird man vielleicht bestreiten, daß die ‚staatliche‘ Theorie des Geldes die ganze Theorie des Geldes sei.“ (Vgl. Brief Max Webers an Georg Friedrich Knapp vom 22. Juli 1906, MWG II/5, S. 117). – Entgegen seiner Absicht, keine „Geldtheorie“ betreiben zu wollen, geht Max Weber unten, S. 404 ff., und insbesondere im „Exkurs“, unten S. 415–427, auf materiale Geldprobleme ein. Ihre sehr dankenswerte und terminologisch wertvolle Kasuistik wurde hier noch beiseite gelassen).72Knapps „Kasuistik“ – Weber hatte sie in der letztüberlieferten Korrekturfahne noch als „denkenswert“ und nicht „dankenswert“ bezeichnet (vgl. Anhang, unten, S. 621) – dient Max Weber bei der Behandlung der formalen Probleme der Geld- und Währungsordnung in Kap. II, §§ 32–36, unten, S. 382–427.

[241]1. Tauschmittel und Zahlungsmittel fallen historisch zwar sehr oft, aber doch nicht immer zusammen. Namentlich nicht auf primitiven Stufen. Die Zahlungsmittel für Mitgiften, Tribute, Pflichtgeschenke, Bußen, Wergelder z. B. sind oft konventional oder rechtlich eindeutig, aber ohne Rücksicht auf das tatsächlich umlaufende Tauschmittel bestimmt. Nur bei geldwirtschaftlichem Verbandshaushalt ist die Behauptung von Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel (München 1912) richtig, daß auch der Staat die Zahlungsmittel nur als Tauschmittel begehre.73[241]Bei Mises, Theorie des Geldes, S. 56, heißt es: „Die Stellung des Staates auf dem Markte ist in keiner Weise von der der anderen am Verkehre teilnehmenden Subjekte verschieden. Wie diese schließt auch der Staat Tauschgeschäfte ab, bei denen das Austauschverhältnis dem Preisgesetze unterliegt.“ Nicht für Fälle, wo der Besitz bestimmter Zahlungsmittel primär ständisches Merkmal war. (S[iehe] dazu H[einrich]q[241]A: K. Schurtz, Grundriß einer Entstehungsgeschichte des Geldes, 1898rA: 1918).74Schurtz führt zahlreiche Beispiele dafür an, daß primitive Geldarten wie das Muschelgeld nicht unmittelbar dem Tauschverkehr, sondern vornehmlich dem Schmuck und damit der Betonung des Ranges bzw. der Geltung von Personen dienten. Vgl. Schurtz, Grundriß, S. 86–102. Das Werk war 1898 und nicht 1918 erschienen, wie es im gedruckten Text und der Korrekturfahne K3 (unten, S. 621) heißt. – Mit dem Beginn staatlicher Geldsatzungen wird Zahlungsmittel der rechtliche, Tauschmittel der ökonomische Begriff.

2. Die Grenze zwischen einer „Ware“, welche gekauft wird[,] nur weil künftige Absatzchancen in Betracht gezogen werden, und einem „Tauschmittel“ ist scheinbar flüssig. Tatsächlich pflegen aber bestimmte Objekte derart ausschließlich die Funktion als Tauschmittel zu monopolisieren, – und zwar schon unter sonst primitiven Verhältnissen –, daß ihre Stellung als solche eindeutig ist. („Terminweizen“ ist dem gemeinten Sinn nach bestimmt, einen endgültigen Käufer zu finden, also weder ein „Zahlungs-“sA: „Zahlungs“- noch gar „Tauschmittel“, noch vollends „Geld“).75„Terminweizen“ meint die Kontrakte, die an der Terminbörse für Weizen gehandelt werden. Weil die Kontrakte bis zu ihrer Fälligkeit u.U. durch viele Hände gegangen sind, konnte die Idee aufkommen, sie mit Zahlungsmitteln zu vergleichen. Max Weber hat die Vorgänge am Terminmarkt für Waren bzw. Wertpapiere und Devisen beschrieben in: Weber, Die technische Funktion des Terminhandels, MWG I/5, S. 597–613, und Weber, Die Börse. II. Der Börsenverkehr, MWG I/5, S. 619–657.

3. Die Art der Tauschmittel ist, solange chartales Geld nicht besteht, in ihrer Entstehung primär durch Sitte, Interessenlage und Konventionen aller Art bestimmt, an denen sich die Vereinbarungen der Tauschpartner orientieren. Diese hier nicht näher zu erörternden Gründe, aus denen Tauschmittel primär diese Qualität [A 41]erlangten, waren sehr verschiedene, und zwar auch nach der Art des Tausches, um den es sich typisch handelte. Nicht jedes Tauschmittel war notwendig (auch nicht innerhalb des Perso[242]nenkreises, der es als solches verwendete) universell für Tausch jeder Art anwendbar (z. B. war Muschel-„Geld“ nicht spezifisches Tauschmittel für Weiber und Vieh).76[242]Vgl. auch Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 288 f. Anders jedoch Heinrich Schurtz. Er schreibt, daß auf einer Insel in Papua-Neuguinea eine wertvollere Art Muscheln „hauptsächlich zum Kaufen von Frauen“ benützt worden sei, die wertvollste „besonders zum Kaufen von Frauen, Kanus usw.“ (vgl. Schurtz, Grundriß, S. 82 f.).

4. Auch „Zahlungsmittel“, welche nicht die üblichen „Tauschmittel“ waren, haben in der Entwicklung des Geldes zu seiner Sonderstellung eine beachtliche Rolle gespielt. Die „Tatsache“, daß Schulden existierten (G[eorg] Friedrich] Knapp):77Von „der Tatsache, daß es Schulden gibt“, spricht Knapp im Zusammenhang mit der historischen Definition der Werteinheit von Zahlungsmitteln (vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 9). – Tributschulden, Mitgift- und Brautpreisschulden, konventionale Geschenkschulden an Könige oder umgekehrt von Königen an ihresgleichen, Wergeldschulden78Vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 752, sowie ausführlicher Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 291 f. und andre – und daß diese oft (nicht immer) in spezifischen typischen Güterarten abzuleisten waren (konventional oder kraft Rechtszwangs), schuf diesen Güterarten (nicht selten: durch ihre Form spezifizierten Artefakten) eine Sonderstellung.

5. „Geld“ (im Sinne dieser Terminologie) könnten auch die „Fünftelschekelstücke“ mit dem Stempel des (Händler-)Hauses sein, die sich in babylonischen Urkunden finden.79Max Weber hat sich auf „Fünftel-S(ch)ekel-Stücke mit dem Stempel der Firma X“ in verschiedenen Zusammenhängen bezogen. In einem Brief an Georg Friedrich Knapp dienen sie ihm zum Beweis seiner Kritik an Knapps Behauptung, daß (erst) der Staat den Begriff der Werteinheit schaffe. Vgl. den Brief Max Webers an Georg Friedrich Knapp vom 22. Juli 1906, MWG II/5, S. 116 mit Hg.-Anm. zur Sache und zu Webers Quelle; vgl. auch Weber, Agrarverhältnisse12, MWG I/6, S. 165, und Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 395 f., ebenfalls mit Erläuterungen. Vorausgesetzt, daß sie Tauschmittel waren. Dagegen rein „pensatorisch“ verwendete, nicht gestückelte Barren sollen hier nicht als „Geld“, sondern als pensatorisches Tausch- und Zahlungsmittelt[242]A: Tauschmittel 80 Vgl. hierzu den Anhang, unten, S. 622, sowie den Editorischen Bericht, oben, S. 106. Wie es zur – hier emendierten – Korrektur in „Tauschmittel“ gekommen ist, ist nicht zu ermitteln. bezeichnet werden, so ungemein wichtig die Tatsache der Wägbarkeit für die Entwicklung der „Rechenhaftigkeit“ war. Die Übergänge (Annahme von Münzen nur nach Gewicht usw.) sind natürlich massenhaft.

[243]6. „Chartal“ ist ein Ausdruck, den Knapps „Staatliche Theorie des Geldes“ eingeführt hat.81[243]Vgl. hierzu oben, S. 236, Hg.-Anm. 56. Alle Arten durch Rechtsordnung oder Vereinbarung mit Geltung versehene gestempelte und gestückelte Geldsorten,82Unter „Geldsorten“ verstand man, wie heute noch, ausländische Banknoten und Münzen. In den überlieferten Korrekturfahnen ist in Übereinstimmung mit dem Sprachgebrauch bei Knapp von „Geldarten“ die Rede (vgl. Anhang, unten, S. 622). Zu derartigen Unterschieden zwischen den letzten überlieferten Korrekturfahnen und der gedruckten Fassung vgl. den Editorischen Bericht, oben, S. 100 f. metallische ebenso wie nichtmetallische, gehören nach ihm dahin. Nicht abzusehen ist, warum nur staatliche Proklamation,83„Geltung durch Proklamation“ spielt im System von Knapp als Gegensatz zur „pensatorischen Auffindung der Geltung“ für die „Chartalität“ eine entscheidende Rolle (vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 25). Knapp spricht in diesem Zusammenhang nicht ausdrücklich vom Staat als dem Proklamierenden, sondern von der „Rechtsordnung“. nicht auch Konvention oder paktierter Zwang zur Annahme für den Begriff ausreichen sollen. Ebensowenig könnte natürlich die Herstellung in Eigenregie oder unter Kontrolle der politischen Gewalt – die in China wiederholt ganz fehlte, im Mittelalter nur relativ bestand, – entscheidend sein, sofern nur Normen für die entscheidende Formung bestehen. (So auch Knapp.)84Möglicherweise bezieht sich Weber auf Aussagen von Knapp wie die folgende: „In dem Augenblicke, als durch die Entscheidung des Richters die Chartalität der Zahlungsmittel entstand […].“ (Vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 30). Die Geltung als Zahlungs- und die formale Benutzung als Tauschmittel im Verkehr innerhalb des Machtgebietes des politischen Verbandes kann durch die Rechtsordnung erzwungen werden. S[iehe] später.85Kap. II, §§ 32 ff., unten, S. 382 ff.

7. Die naturalen Tausch- und Zahlungsmittel sind primär teils das Eine, teils das Andere, teils mehr Binnen-[,] teils mehr Außen-Tausch- und Zahlungs-Mittel. Die Kasuistik gehört nicht hierher. Ebenso – noch nicht86Max Weber geht unten, S. 404 ff. und 415 ff., auf Aspekte der von Knapp nicht behandelten „materialen Geltung“ ein, behandelt jedoch dort „die Frage der materialen Geltung des Geldes“ nicht systematisch. – die Frage der materialen Geltung des Geldes.

8. Ebensowenig gehört eine materiale Theorie des Geldes in bezug auf die Preise schon an diese Stelle (soweit sie überhaupt in die Wirtschaftssoziologie gehört). Hier muß zunächst die Konstatierung der Tatsache des Geldgebrauchs (in seinen wichtigsten Formen) genügen, da es auf die ganz allgemeinen soziologischen Konsequenzen dieser an sich, ökonomisch angesehen, formalen Tatsache ankommt. Festgestellt sei vorerst nur, daß „Geld“ niemals nur eine harmlose „Anweisung“ oder eine bloß nominale „Rechnungseinheit“ sein wird und kann, solange es eben: Geld ist. Seine Wertschätzung ist (in sehr verwickelter Form) stets auch eine Seltenheits- [244](oder bei „Inflation“:87[244]Zum Begriff „Inflation“ bei Weber vgl. unten, S. 410, Hg.-Anm. 8. Häufigkeits-)Wertschätzung, wie gerade die Gegenwart,88Im Verlauf der Jahre 1919 und 1920 erhöhte sich in Deutschland der Bargeldumlauf um 51 bzw. 63 Prozent. Vgl. Deutsche Bundesbank (Hg.), Deutsches Geld- und Bankwesen in Zahlen 1876–1975. – Frankfurt a. Μ.: Fritz Knapp 1976, S. 14. aber auch jede Vergangenheit zeigt.

Eine sozialistische, etwa auf dem Grund von (als „nützlich“ anerkannter) „Arbeit“ eines bestimmten Maßes emittierte „Anweisung“ auf bestimmte Güter könnte zum Gegenstand der Thesaurierung oder des Tausches werden, würde aber den Regeln des (eventuell: indirekten) Naturaltausches folgen.89Der systematische Ort dieses Absatzes ist fraglich. In der Korrekturfahne K2 steht der Text zunächst nach Absatz 9 unter der fortlaufenden Numerierung 10. Jedoch hat Max Weber die Gliederungsziffer 10 eigenhändig gestrichen und die Verschiebung des Absatzes nach oben markiert (vgl. den Anhang, unten, S. 623).

9. Die Beziehungen zwischen monetärer und nicht monetärer Benutzung eines technischen Geldstoffes lassen sich an der chinesischen Geldgeschichte in ihren weittragenden Folgen für die Wirtschaft am deutlichsten verfolgen, weil bei Kupferwährung mit hohen Herstellungskosten und stark schwankender Ausbeute des Währungsmaterials die Bedingungen dort besonders klar lagen.90In China gehörte über Jahrhunderte hin Kupfer zu den Münzmetallen. Wann immer ein besonderer Bedarf an metallischem Kupfer, z. B. für Kriegszwecke, bestand, verminderte sich die Menge umlaufender Münzen drastisch. Nach Herstellung des Friedens wurde das Land regelmäßig mit Kupfermünzen überschwemmt. Vgl. hierzu Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 138–141; zu Webers Quellen ebd., S. 133.

§ 7. Die primären Konsequenzen typischen Geldgebrauches sind:

1. der sogenannte „indirekte Tausch“ als Mittel der Bedarfsversorgung von Konsumenten. Das heißt die Möglichkeit: a) örtlicher, b) zeitlicher, c) personaler, d) (sehr wesentlich auch:) mengenhafter Trennung der jeweils zum Abtauschen bestimmten Güter von den zum Eintausch begehrten. Dadurch: die außerordentliche Ausweitung der jeweils gegebenen Tauschmöglichkeiten, und, in Verbindung, damit:

2. die Bemessung gestundeter Leistungen, insbesondere: Gegenleistungen beim Tausch (Schulden), in Geldbeträgen;

[A 42]3. die sogenannte „Wertaufbewahrung“, das heißt: die Thesaurierung von Geld in naturau[244]A: Natura oder von jederzeit einzufordern[245]den Geldforderungen als Mittel der Sicherung von künftiger Verfügungsgewalt über Eintauschchancen;

4. die zunehmende Verwandlung ökonomischer Chancen in solche: über Geldbeträge verfügen zu können;

5. die qualitative Individualisierung und damit, indirekt, Ausweitung der Bedarfsdeckung derjenigen, die über Geld oder Geldforderungen oder die Chancen von Gelderwerb verfügen, und also: Geld für beliebige Güter und Leistungen anbieten können;

6. die heute typische Orientierung der Beschaffung von Nutzleistungen am Grenznutzen jener Geldbeträge, über welche der Leiter einer Wirtschaft in einer von ihm übersehbaren Zukunft voraussichtlich verfügen zu können annimmt. Damit:

7. Erwerbsorientierung an allen jenen Chancen, welche durch jene zeitlich, örtlich, personal und sachlich vervielfältigte Tauschmöglichkeit (Nr. 1) dargeboten werden. Dies alles auf Grund des prinzipiell wichtigsten Moments von allen, nämlich:

8. der Möglichkeit der Abschätzung aller für den Abtausch oder Eintausch in Betracht kommenden Güter und Leistungen in Geld: Geldrechnung.

Material bedeutet die Geldrechnung zunächst: daß Güter nicht nur nach ihrer derzeitigen, örtlichen und personalen, Nutzleistungsbedeutung geschätzt werden. Sondern daß bei der Art ihrer Verwendung (gleichviel zunächst ob als Konsum- oder als Beschaffungsmittel) auch alle künftigen Chancen der Verwertung und Bewertung, unter Umständen durch unbestimmt viele Dritte für deren Zwecke, insoweit mit in Betracht gezogen werden, als sie sich in einer dem Inhaber der Verfügungsgewalt zugänglichen Geldabtauschchance ausdrücken. Die Form, in welcher dies bei typischer Geldrechnung geschieht, ist: die Marktlage.

Das Vorstehende gibt nur die einfachsten und wohlbekannten Elemente jeglicher Erörterung über „Geld“ wieder und bedarf daher keines besonderen Kommentars. Die Soziologie des „Marktes“ wird an dieser Stelle noch nicht verfolgt (s. über die formalen Begriffe §§v[245]A: § 8, 10).1[245]Kap. II, § 8, unten, S. 626–628, und § 10, unten, S. 629–634.

[246]Kredit“ im allgemeinsten Sinn soll jeder Abtausch gegenwärtig innegehabter gegen Eintausch der Zusage künftig zu übertragender Verfügungsgewalt über Sachgüter gleichviel welcher Art heißen. Kreditgeben bedeutet zunächst die Orientierung an der Chance: daß diese künftige Übertragung tatsächlich erfolgen werde. Kredit in diesem Sinn bedeutet primär den Austausch gegenwärtig fehlender, aber für künftig im Überschuß erwarteter Verfügungsgewalt einer Wirtschaft über Sachgüter oder Geld – gegen derzeit vorhandene, nicht zur eignen Verwertung bestimmte Verfügungsgewalt einer andern. Wovon im Rationalitätsfall beide Wirtschaften sich günstigere Chancen (gleichviel welcher Art) versprechen, als sie die Gegenwartsverteilung ohne diesen Austausch darböte.

1. Die in Betracht gezogenen Chancen müssen keineswegs notwendig wirtschaftlicher Art sein. Kredit kann zu allen denkbaren Zwecken (karitativen, kriegerischen) gegeben und genommen werden.

2. Kredit kann in Naturalform oder in Geldform und in beiden Fällen gegen Zusage von Naturalleistungen oder von Geldleistungen gegeben und genommen werden. Die Geldform bedeutet aber die geldrechnungsmäßige Kreditgewährung und Kreditnahme mit allen ihren Konsequenzen (von denen alsbald zu reden ist).2[246]Der Ankündigung genau entsprechende Ausführungen befinden sich nicht in Kap. II. Zum aktiven und passiven Bankkredit in Geldform vgl. § 29a, unten, S. 370 ff.

3. Im übrigen entspricht auch diese Definition dem Landläufigen. Daß auch zwischen Verbänden jeder Art, insbesondere: sozialistischen oder kommunistischen Verbänden, Kredit möglich (und bei Nebeneinanderbestehen mehrerer nicht ökonomisch autarker Verbände dieser Art unumgänglich) ist, versteht sich von selbst. Ein Problem bedeutete dabei freilich im Fall völligen Fehlens des Geldgebrauches die rationale Rechnungsbasis.3Die sich aus dem Fehlen eines Rechnungssystems in der Naturaltauschwirtschaft ergebenden Probleme behandelt Max Weber ausführlich in Kap. II, § 12, unten, S. 644–652. Denn die bloße (unbestreitbare) Tatsache der Möglichkeit des „Kompensationsverkehrs“4Max Weber erweitert die Bedeutung dieses Begriffs, der zunächst nur für Abmachungen über den zwischenstaatlichen Austausch bestimmter Warenarten und Warenmengen im Verlauf des Ersten Weltkrieges verwendet wurde. Weber folgt möglicherweise Otto Neurath (vgl. unten, S. 280, Hg.-Anm.79), der den Kompensationsverkehr in den Zusammenhang seiner Theorie der Naturalwirtschaft gestellt hat; vgl. Neurath, Otto, Grundsätzliches über den Kompensationsverkehr im internationalen Warenhandel, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Band 13, 1918, S. 23–35. würde, zumal für langfristigen Kredit, für die [247]Beteiligten noch nichts über die Rationalität der gewährten Bedingungen aus[A 43]sagen. Sie wären etwa in der Lage, wie in der Vergangenheit Oikenwirtschaften (s. später),5[247]Zu Oikenwirtschaft, Oikos siehe unten, S. 273 und 312. welche ihre Überschüsse gegen Bedarfsartikel abtauschten. Mit dem Unterschied jedoch, daß in der Gegenwart ungeheure Masseninteressen und dabei: solche auf lange Sicht, im Spiel wären, während für die schwach versorgten Massen grade der Grenznutzen der aktuellen Befriedigung besonders hoch steht.6Max Weber formuliert im Sinne des sog. Ersten Gossenschen Gesetzes. Demzufolge sinkt bei steigendem Konsum eines Gutes dessen Grenznutzen. Entsprechend wäre bei einem geringen Versorgungsgrad des Individuums der Grenznutzen relativ hoch. Vgl. Wieser, Friedrich von, Grenznutzen, in: HdStW3, Band 5, 1910, S. 56–66, hier S. 57. Also: Chance ungünstigen Eintausches dringend bedurfter Güter.

4. Kredit kann zum Zweck der Befriedigung gegenwärtiger unzulänglich gedeckter Versorgungsbedürfnisse (Konsumtivkredit) genommen werden. Im ökonomischen Rationalitätsfall wird er auch dann nur gegen Einräumung von Vorteilen gewährt. Doch ist dies (bei dem geschichtlich ursprünglichen Konsumtions-, insbesondre beim Notkredit) nicht das Ursprüngliche, sondern der Appell an Brüderlichkeitspflichten (darüber bei Erörterung des Nachbarschaftsverbandes Kap. V).7Ausführungen zu Kapitel V liegen nicht vor; vgl. dazu den Anhang zum Editorischen Bericht, oben, S. 109.

5. Die allgemeinste Grundlage des entgeltlichen Sach- oder Geld-Kredits ist selbstverständlich: daß bei dem Kreditgeber infolge besserer Versorgtheit (was, wohl zu beachten, ein relativer Begriff ist) meist der Grenznutzen der Zukunftserwartung höher steht als beim Kreditnehmer.8„Grenznutzen der Zukunftserwartung“ ist eine Wortschöpfung Webers – erst in der Korrekturfahne K2 hat Weber eigenhändig von „Zukunftswertung“ in „Zukunftserwartung“ geändert (vgl. Anhang, unten, S. 625). Der genaue theoretische Sinn der Formulierung kann nur vermutet werden. Max Weber scheint auch hier – in Übereinstimmung mit dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens (vgl. oben, Hg.-Anm. 6) – zu unterstellen, daß der aktuell besser versorgte Kreditgeber typischerweise einen niedrigen und der bedürftige Kreditnehmer einen hohen Grenznutzen der aktuellen Konsumsumme hat. Zudem scheint er, in Übereinstimmung mit anderen Autoren der Zeit, anzunehmen, daß das von Eugen von Böhm-Bawerk formulierte Theorem von der „Minderschätzung künftiger Bedürfnisse“ besonders für die schlechter Versorgten gilt (vgl. Böhm-Bawerk, Eugen von, Kapital und Kapitalzins, 2. Abteilung: Positive Theorie des Kapitals, 3. Aufl. – Innsbruck: Wagner’sche Universitäts-Buchhandlung 1909, S.266– 273, 293 f.). Demgemäß schätzen diese den Nutzen der Zukunftsgüter noch geringer ein als die besser Versorgten (vgl. Wieser, Theorie, S. 32). Aus beiden Annahmen folgt, daß der Kreditgeber eine größere Veränderung seines Nutzens in der Zukunft erwartet als der Kreditnehmer. Max Weber kommt wiederholt auf die Frage zurück, warum, rationales Handeln vorausgesetzt, Darlehen gegen Zins gegeben und genommen werden, vgl. unten, S. 268 und S. 269 f.

[248]§ 8. Marktlage eines Tauschobjektes soll die Gesamtheit der jeweils für Tauschreflektanten bei der Orientierung im Preis-und Konkurrenzkampf erkennbaren Aus- und Eintauschchancen desselben gegen Geld heißen, –

Marktgängigkeit das Maß von Regelmäßigkeit, mit welcher jeweils ein Objekt marktmäßiges Tauschobjekt zu werden pflegt, –

Marktfreiheit der Grad von Autonomie der einzelnen Tauschreflektanten im Preis- und Konkurrenzkampf, –

Marktregulierung dagegen der Zustand: daß für mögliche Tauschobjekte die Marktgängigkeit oder für mögliche Tauschreflektanten die Marktfreiheit material durch Ordnungen wirksam beschränkt ist. – Marktregulierungen können bedingt sein:

1. nur traditional: durch Gewöhnung an überlieferte Schranken des Tauschs oder an überlieferte Tauschbedingungen;

2. konventional:w[248]A: konventional, durch soziale Mißbilligung der Marktgängigkeit bestimmter Nutzleistungen oder des freien Preis- oder Konkurrenzkampfs in bestimmten Tauschobjekten oder für bestimmte Personenkreise;

3. rechtlich: durch wirksame rechtliche Beschränkung des Tausches oder der Freiheit des Preis- oder Konkurrenzkampfes, allgemein oder für bestimmte Personenkreise oder für bestimmte Tauschobjekte, im Sinne: der Beeinflussung der Marktlage von Tauschobjekten (Preisregulierung) oder der Beschränkung des Besitzes oder Erwerbes oder Abtauschs von Verfügungsgewalt über Güter auf bestimmte Personenkreise (rechtlich garantierte Monopole oder rechtliche Schranken der Freiheit des Wirtschaftens);

4. voluntaristisch:9[248]Als „voluntaristisch“ bezeichnet Max Weber am anderen Ort „auf dem Boden der freien Eigeninitiative […] geschaffene Organisationen“. Vgl. Weber, Wahlrecht und Demokratie in Deutschland, MWG I/15, S. 364. durch Interessenlage: materiale Marktregulierung bei formaler Marktfreiheit. Sie hat die Tendenz zu entstehen, wenn bestimmte Tauschinteressenten kraft ihrer faktisch ganz oder annähernd ausschließlichen Chance des Besitzes [249]oder Erwerbes von Verfügungsgewalt über bestimmte Nutzleistungen (monopolistischex[249]Lies: kraft ihrer monopolistischen Lage) imstande sind: die Marktlage unter tatsächlicher Ausschaltung der Marktfreiheit für andere zu beeinflussen. Insbesondere können sie zu diesem Zweck untereinander oder (und eventuell: zugleich) mit typischen Tauschpartnern marktregulierende Vereinbarungen (voluntaristische Monopole und Preiskartelle) schaffen.

1. Von Marktlage wird zweckmäßigerweise (nicht: notwendigerweise) nur bei Geldtausch gesprochen, weil nur dann ein einheitlicher Zahlenausdruck möglich ist. Die naturalen „Tauschchancen“ werden besser mit diesem Wort bezeichnet. Marktgängig waren und sind – was hier nicht im einzelnen auszuführen ist – bei Existenz des typischen Geldtauschs die einzelnen Arten von Tauschobjekten in höchst verschiedenem und wechselndem Grade. Generell nach Sorten angebbare Massenproduktions- und -Verbrauchsgegenstände im Höchstmaß, einzigartige Objekte eines Gelegenheitsbegehrs im Mindestmaß, Versorgungsmittel mit langfristiger und wiederholter Ge- und Verbrauchsperiode und Beschaffungsmittel mit langfristiger Verwendungs- und Ertragsperiode, vor allem: land- oder vollends [A 44]forstwirtschaftlich nutzbare Grundstücke in weit geringerem Maß als Güter des Alltagsverbrauchs in genußreifem Zustand, oder Beschaffungsmittel, welche schnellem Verbrauch dienen, oder nur einer einmaligen Verwendung fähig sind oder baldigen Ertrag geben.

2. Der ökonomisch rationale Sinn der Marktregulierungen ist geschichtlich mit Zunahme der formalen Marktfreiheit und der Universalität der Marktgängigkeit im Wachsen gewesen. Die primären Marktregulierungen waren teils traditional und magisch, teils sippenmäßig, teils ständisch, teils militärisch, teils sozialpolitisch, teils endlich durch den Bedarf von Verbandsherrschern bedingt, in jedem Fall aber: beherrscht von Interessen, welche nicht an der Tendenz zum Maximum der rein zweckrationalen marktmäßigen Erwerbs- oder Güterversorgungschancen von Marktinteressenten orientiert waren, oft mit ihm kollidierten. Sie schlossen entweder 1. wie die magischen oder sippenmäßigen oder ständischen Schranken (z. B. magisch: Tabu, sippenmäßig: Erbgut, ständisch: Ritterlehn) bestimmte Objekte von der Marktgängigkeit dauernd oder, wie teuerungspolitische Regulierungen (z. B. für Getreide), zeitweise aus. Oder sie banden ihren Absatz an Vorangebote (an Verwandte, Standesgenossen, Gilde- und Zunftgenossen, Mitbürger) oder Höchstpreise (z. B. Kriegspreisregulierungen) oder umgekehrt Mindestpreise (z. B. ständische Honorartaxen von Magiern, Anwälten, Ärzten). Oder 2. sie schlossen gewisse Kategorien von [250]Personen (Adel, Bauern, unter Umständen Handwerker) von der Beteiligung an marktmäßigem Erwerb überhaupt oder für bestimmte Objekte aus. Oder 3. sie schränkten durch Konsumregulierung (ständische Verbrauchsordnungen, kriegswirtschaftliche oder teuerungspolitische Rationierungen) die Marktfreiheit der Verbraucher ein. Oder 4. sie schränkten aus ständischen (z. B. bei den freien Berufen) oder konsumpolitischen, erwerbspolitischen, sozialpolitischen („Nahrungspolitik der Zünfte“)10[250]Die auf der Zielsetzung beruhende Politik der Zünfte, daß alle Vollmeister die für den Unterhalt eines Handwerkshaushalts nötigen Erwerbseinkünfte erzielen sollten. Vgl. auch unten, S. 313. Insbesondere Werner Sombart hat behauptet, daß die „Idee der Nahrung“ aller vorkapitalistischen Wirtschaftsgestaltung ihr Gepräge gegeben habe. Vgl. Sombart, Der moderne Kapitalismus I2, S. 34 f. Gründen die Marktfreiheit der konkurrierenden Erwerbenden ein. Oder 5. sie behielten der politischen Gewalt (fürstliche Monopole) oder den von ihr Konzessionierten (typisch bei den frühkapitalistischen Monopolisten) die Ausnutzung bestimmter ökonomischer Chancen vor. Von diesen war die fünfte Kategorie von Marktregulierungen am meisten, die erste am wenigsten marktrational, d. h. der Orientierung des Wirtschaftens der einzelnen am Verkauf und Einkauf von Gütern auf dem Markt interessierten Schichten an Marktlagen förderlich, die anderny[250]Zu ergänzen wäre: waren , in absteigender Reihenfolge, hinderlich. Marktfreiheitsinteressenten waren diesen Marktregulierungen gegenüber alle jene Tauschreflektanten, welche am größtmöglichen Umfang der Marktgängigkeit der Güter, sei es als Verbrauchs-, sei es als Absatzinteressenten ein Interesse haben mußten. Voluntaristische Marktregulierungen traten zuerst und dauernd weitaus am stärksten auf seiten der Erwerbsinteressenten auf. Sie konnten im Dienst von monopolistischen Interessen sowohl nur 1. die Absatz- und Eintauschs-Chancen regulieren (typisch: die universell verbreiteten Händlermonopole), als 2. die Transporterwerbschancen (Schiffahrts- und Eisenbahnmonopole), als 3. die Güterherstellung (Produzentenmonopole), als 4. die Kreditgewährung und Finanzierung (bankmäßige Konditions-Monopole) erfassen. Die beiden letzteren bedeuteten am meisten eine Zunahme verbandsmäßiger, jedoch – im Gegensatz zu den primären, irrationalen Marktregulierungen – einer planmäßig an Marktlagen orientierten Regulierung der Wirtschaft. Die voluntaristischen Marktregulierungen gingen naturgemäß regelmäßig von solchen Interessenten aus, deren prominente tatsächliche Verfügungsgewalt über Beschaffungsmittel ihnen monopolistische Ausbeutung der formalen Marktfreiheit gestattete. Voluntaristische Verbände der Konsuminteressenten (Konsumvereine, Einkaufsgenossenschaften) gingen dagegen regelmäßig von ökonomisch schwachen Interessenten aus und ver[251]mochten daher zwar Kostenersparnisse für die Beteiligten, eine wirksame Marktregulierung aber nur vereinzelt und lokal begrenzt durchzusetzen.

§ 9. Als formale Rationalität eines Wirtschaftens soll hier das Maß der ihm technisch möglichen und von ihm wirklich angewendeten Rechnung bezeichnet werden. Als materiale Rationalität soll dagegen bezeichnet werden der Grad, in welchem die jeweilige Versorgung von gegebenen Menschengruppen (gleichviel wie abgegrenzter Art) mit Gütern durch die Art eines wirtschaftlich orientierten sozialen Handelns sich gestaltet unter dem Gesichtspunkt bestimmter (wie immer gearteter) wertender Postulate, unter welchen sie betrachtet wurde, wird oder werden könnte.11[251] Formale und materiale Rationalität stellt Max Weber auch gegenüber in: Weber, Zwischenbetrachtung, Theorie der Stufen und Richtungen religiöser Weltablehnung, MWG I/19, S. 488. Der bezügliche Satz stand noch nicht in der Erstfassung des Textes von 1915. Diese sind höchst vieldeutig.

1. Die vorgeschlagene Art der Bezeichnung (übrigens lediglich eine Präzisierung dessen, was in den Erörterungen über „Sozialisierung“[,] „Geld“- und „Natural“-[A 45]Rechnung als Problem immer wiederkehrt) möchte lediglich der größeren Eindeutigkeit in der sprachgebräuchlichen Verwendung des Wortes „rational“ auf diesem Problemgebiet dienen.

2. Formal „rational“ soll ein Wirtschaften je nach dem Maß heißen, in welchem die jeder rationalen Wirtschaft wesentliche „Vorsorge“ sich in zahlenmäßigen, „rechenhaften“, Überlegungen ausdrücken kann und ausdrückt (zunächst ganz unabhängig davon, wie diese Rechnungen technisch aussehen, ob sie also als Geld- oder als Naturalschätzungen vollzogen werden). Dieser Begriff ist also (wenn auch, wie sich zeigen wird, nur relativ) eindeutig wenigstens in dem Sinn, daß die Geldform das Maximum dieser formalen Rechenhaftigkeit darstellt (natürlich auch dies: ceteris paribus!)[.]

3. Dagegen ist der Begriff der materialen Rationalität durchaus vieldeutig. Er besagt lediglich dies Gemeinsame: daß eben die Betrachtung sich mit der rein formalen (relativ) eindeutig feststellbaren Tatsache: daß zweckrational, mit technisch tunlichst adäquaten Mitteln, gerechnet wird, nicht begnügt, sondern ethische, politische, utilitarische, hedonische, ständische, egalitäre oder irgendwelche anderen Forderungen stellt und daran die Ergebnisse des – sei es auch formal noch so „rationalen“, d. h. rechenhaften – Wirtschaftens wertrational oder material zweckrational bemißt. [252]Der möglichen, in diesem Sinn rationalen, Wertmaßstäbe sind prinzipiell schrankenlos viele, und die unter sich wiederum nicht eindeutigen sozialistischen und kommunistischen, in irgendeinem Grade stets: ethischen und egalitären, Wertmaßstäbe sind selbstverständlich nur eine Gruppe unter dieser Mannigfaltigkeit (ständische Abstufung, Leistung für politische Macht-, insbesondere aktuelle Kriegszwecke und alle denkbaren sonstigen Gesichtspunkte sind in diesem Sinn gleich „material“). – Selbständig, gegenüber auch dieser materialen Kritik des Wirtschaftsergebnisses, ist dagegen überdies eine ethische, asketische, ästhetische Kritik der Wirtschaftsgesinnung sowohl wie der Wirtschaftsmittel möglich, was wohl zu beachten ist. Ihnen allen kann die „bloß formale“ Leistung der Geldrechnung als subaltern oder geradezu als ihren Postulaten feindlich erscheinen (noch ganz abgesehen von den Konsequenzen der spezifisch modernen Rechnungsart). Hier ist nicht eine Entscheidung, sondern nur die Feststellung und Begrenzung dessen, was „formal“ heißen soll, möglich. „Material“ ist hier also auch selbst ein „formaler“, d. h. hier: ein abstrakter[,]12[252]Zum eingefügten Komma vgl. Korrekturfahne K3 im Anhang, unten, S. 629. Gattungsbegriff.

§ 10. Rein technisch angesehen, ist Geld das „vollkommenste“ wirtschaftliche Rechnungsmittel, das heißt: das formal rationalste Mittel der Orientierung wirtschaftlichen Handelns.

Geldrechnung, nicht: aktueller Geldgebrauch, ist daher das spezifische Mittel zweckrationaler Beschaffungswirtschaft.13Zu Max Webers Begriff „Beschaffung“ vgl. Kap. II, § 4, oben, S. 228 mit Hg.-Anm. 33. In Kap. II, § 32, unten, S. 381 f., spricht Weber sowohl von „Güterherstellung“ als auch von „Güterbeschaffungswirtschaften“. Geldrechnung bedeutet aber im vollen Rationalitätsfall primär:

1. Schätzung aller für einen Beschaffungszweck jetzt oder künftig als benötigt erachteten[,] wirklich oder möglicherweise verfügbaren oder aus fremder Verfügungsgewalt beschaffbaren, in Verlust geratenen oder gefährdeten, Nutzleistungen oder Beschaffungsmittel, und ebenso aller irgendwie relevanten ökonomischen Chancen überhaupt, nach der (aktuellen oder erwarteten) Marktlage;

2. zahlenmäßige Ermittelung a) der Chancen jeder beabsichtigten und b) Nachrechnung des Erfolges jeder vollzogenen Wirtschaftshandlung in Form einer die verschiedenen Möglichkeiten vergleichenden „Kosten-“ und „Ertrags“-Rechnung in [253]Geld und vergleichende Prüfung des geschätzten „Reinertrags“14[253] In Korrekturfahne K3 verbessert Weber „Nutzens“ zu „Reinertrags“ (vgl. Anhang, unten, S. 630). verschiedener möglicher Verhaltungsweisen an der Hand dieser Rechnungen;

3. periodischer Vergleich der einer Wirtschaft insgesamt verfügbaren Güter und Chancen mit den bei Beginn der Periode verfügbar gewesenen, beide Male in Geld geschätzt;

4. vorherige Abschätzung und nachträgliche Feststellung derjenigen aus Geld bestehenden oder in Geld schätzbaren Zugänge und Abgänge, welche die Wirtschaft, bei Erhaltung der Geldschätzungssumme ihrer insgesamt verfügbaren Mittel (Nr. 3), die Chance hat, während einer Periode zur Verwendung verfügbar zu haben;

5. die Orientierung der Bedarfsversorgung an diesen Daten (Nr. 1–4) durch Verwendung des (nach Nr. 4) in der Rechnungsperiode verfügbaren Geldes für die begehrten Nutzleistungen nach dem Prinzip des Grenznutzens.15 Zum Gemeinten vgl. Kap. II, § 4, oben, S. 227 mit Hg.-Anm. 30.

[A 46]Die kontinuierliche Verwendung und Beschaffung (sei es durch Produktion oder Tausch) von Gütern zum Zweck 1. der eignen Versorgung oder 2. zur Erzielung von selbst verwendeten anderen Gütern heißt Haushalt. Seine Grundlage bildet für einen einzelnen oder eine haushaltsmäßig wirtschaftende Gruppe im Rationalitätsfall der Haushaltsplan, welcher aussagt: in welcher Art die vorausgesehenen Bedürfnisse einer Haushaltsperiode (nach Nutzleistungen oder selbst zu verwendenden Beschaffungsmitteln) durch erwartetes Einkommen gedeckt werden sollen.

Einkommen eines Haushalts soll derjenige in Geld geschätzte Betrag von Gütern heißen, welcher ihma[253]A: ihr16 In der Druckfassung bezieht sich Weber mit „ihr“ vermutlich auf die „haushaltsmäßig wirtschaftende Gruppe“. Weil aber, wie ebenfalls oben ausgeführt, auch Einzelne einen Haushalt führen können, wurde hier und im folgenden die neutralere Formulierung „ihm“ bzw. „er“ für den Haushalt, sei es ein Einzelner oder eine Gruppe, gewählt. Vgl. auch textkritische Anm. a–d. bei Rechnung nach dem in Nr. 4 angegebenen Prinzip in einer vergangenen Periode [254]bei rationaler Schätzung zur Verfügung gestanden hat, oder mit dessen Verfügbarkeit erb[254]A: sie für eine laufende oder künftige Periode bei rationaler Schätzung rechnen zu können die Chance hat.

Die Gesamtschätzungssumme der in der Verfügungsgewalt eines Haushalts befindlichen, von ihmcA: ihr zur – normalerweise – dauernden unmittelbaren Benutzung oder zur Erzielung von Einkommen verwendeten Güter (abgeschätzt nach Marktchancen, Nr. 3) heißt: seindA: ihr Vermögen.17[254] Mit der Einschränkung, daß nur Haushalte Träger von Vermögen sein können, weicht Max Weber vom seinerzeit üblichen Sprachgebrauch ab, dem er auch in seinen nationalökonomischen Vorlesungen noch gefolgt ist. Vgl. Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1, S. 151, und Lexis, Wilhelm, Vermögen, in: WbVW3, Band 2, 1911, S. 1169.

Die Voraussetzung der reinen Geld-Haushalts-Rechnung ist: daß das Einkommen und Vermögen entweder in Geld oder in (prinzipiell) jederzeit durch Abtausch in Geld verwandelbaren, also im absoluten Höchstmaß marktgängigen, Gütern besteht.

Haushalt und (im Rationalitätsfall) Haushaltsplan kennt auch die weiterhin noch zu erörternde Naturalrechnung.18 Weber verweist auf das unmittelbar Folgende und auf Kap. II, § 12, unten, S. 273 285. Ein einheitliches „Vermögen“ im Sinn der Geldabschätzung kennt sie so wenig wie ein einheitliches (d. h. geldgeschätztes) „Einkommen“. Sie rechnet mit „Besitz“ von Naturalgütern und (bei Beschränkung auf friedlichen Erwerb) konkreten „Einkünften“19 Zum Unterschied von „Einkommen“ und (naturalwirtschaftlichen) „Einkünften“ vgl. unten, S. 443 f. aus dem Aufwand von verfügbaren Gütern und Arbeitskräften in Naturalform, die sie unter Abschätzung des Optimums der möglichen Bedarfsdeckung als Mittel dieser verwaltet. Bei fest gegebenen Bedürfnissen ist die Art dieser Verwendung so lange ein relativ einfaches rein technisches Problem, als die Versorgungslage nicht eine genaue rechnerische Feststellung des Optimums des Nutzens der Verwendung von Bedarfsdekkungsmitteln unter Vergleichung sehr heterogener möglicher Verwendungsarten erfordert. Andernfalls treten schon an den [255]einfachen tauschlosen Einzelhaushalt Anforderungen heran, deren (formal exakte) rechnungsmäßige Lösung enge Schranken hat und deren tatsächliche Lösung teils traditional, teils an der Hand sehr grober Schätzungen zu geschehen pflegt, welche freilich bei relativ typischen, übersehbaren, Bedürfnissen und Beschaffungsbedingungen auch völlig ausreichen. Besteht der Besitz aus heterogenen Gütern (wiee[255]Klammer fehlt in A. es im Fall tauschlosen Wirtschaftens der Fall sein muß), so ist eine rechnerische, formal exakte Vergleichung des Besitzes am Beginn und Ende einer Haushaltsperiode ebenso wie eine Vergleichung der Einkünftechancen nur innerhalb der qualitativ gleichen Arten von Gütern möglich. Zusammenstellung zu einem naturalen Gesamtbesitzstand und Auswerfung naturaler Verbrauchs-Deputate, die ohne Minderung dieses Besitzstandes voraussichtlich dauernd verfügbar sind, ist dann typisch. Jede Änderung des Versorgungsstandes (z. B. durch Ernteausfälle) oder der Bedürfnisse bedingt aber neue Dispositionen, da sie die Grenznutzen verschiebt. Unter einfachen und übersehbaren Verhältnissen vollzieht sich die Anpassung leicht. Sonst technisch schwerer als bei reiner Geldrechnung, bei welcher jede Verschiebung der Preischancen (im Prinzip) nur die mit den letzten Geldeinkommenseinheiten zu befriedigenden Grenzbedürfnisse der Dringlichkeitsskala beeinflußt.

Bei ganz rationaler (also nicht traditionsgebundener) Naturalrechnung gerät überdies die Grenznutzrechnung, welche bei Verfügung über Geldvermögen und Geldeinkommen relativ einfach – an der Hand der Dringlichkeitsskala der Bedürfnisse20[255]Im Rahmen seiner Ausführungen zum zweckrationalen Handeln führt Max Weber in Kap. I, oben, S. 176, aus, wie die subjektiven Bedürfnisregungen in eine „Skala ihrer von ihm [dem Handelnden] bewußt abgewogenen Dringlichkeit“ gebracht werden und danach das Handeln so orientiert wird, „daß sie in dieser Reihenfolge nach Möglichkeit befriedigt werden (Prinzip des ‚Grenznutzens‘).“ Das Konzept der Dringlichkeitsskala bzw. Bedürfnisskala wurde entwickelt, um dem gegen die Grenznutzentheorie erhobenen Einwand zu begegnen, daß das Bedürfnis resp. der Nutzen nicht direkt meßbar seien. Wohl aber sollen sich Intensitätsgrößen gegeneinander abschätzen lassen. Vgl. Wieser, Theorie, S. 149 ff. und 215 f. – verläuft, in eine starke Komplikation. Während dort als [256]„Grenz“-[A 47]Frage lediglich Mehrarbeit oder: die Befriedigung bzw. Opferung eines Bedürfnisses zugunsten eines (oder mehrerer) anderer auftaucht (denn darin drücken sich im reinen Geldhaushalt letztlich die „Kosten“ aus), findet sie sich hier in die Nötigung versetzt: neben der Dringlichkeitsskala der Bedürfnisse noch zu erwägen: 1. mehrdeutige Verwendbarkeit der Beschaffungsmittel einschließlich des bisherigen Maßes von Gesamtarbeit, also eine je nach der Verwendbarkeit verschiedene (und: wandelbare) Relation zwischen Bedarfsdeckung und Aufwand, also: 2. Maß und Art neuer Arbeit, zu welcher der Haushalter behufs Gewinnung neuer Einkünfte genötigt wäre, und: 3. Art der Verwendung des Sachaufwands im Fall verschiedener in Betracht kommender Güterbeschaffungen. Es ist eine der wichtigsten Angelegenheiten der ökonomischen Theorie, die rational mögliche Art dieser Erwägungen zu analysieren,21[256]Die von Weber ins Auge gefaßte Theorie ist die auf der Hypothese sinkenden Grenznutzens beruhende, im deutschen Sprachraum mit den Namen Menger, Wieser und Böhm-Bawerk verbundene neue Mikroökonomie. Sie war keineswegs die seinerzeit in Deutschland herrschende Theorie. Weber hatte sich, soweit es um die „abstrakte Theorie“ ging, schon in seinen Vorlesungen zur ‚Theoretischen Nationalökonomie‘ zu ihr bekannt. Dort hat er auch die Erwägungen in einer isolierten Wirtschaft ohne inneren und äußeren Tauschverkehr und ohne Geld skizziert (vgl. Weber, Die wirtschaftliche Wertschätzung in der isolierten Wirtschaft, in: ders., Erstes Buch, § 2. Die Wirtschaft und ihre elementaren Erscheinungen, MWG III/1, S. 127–131). In seinem Beitrag zum GdS hat Friedrich von Wieser der „Theorie der einfachen Wirtschaft“ eine umfassende Darstellung gewidmet (vgl. Wieser, Theorie, S. 17–108). Weber und Wieser meinen, daß sich die Überlegungen eines Robinson und eines „freien sozialistischen Zukunftsstaates“ (Wieser, ebd., S. 65) bzw. einer „etwaige[n] communistische[n] Zukunftsgesellschaft“ (Weber, MWG III/1, S. 127) nicht unterscheiden würden. der Wirtschaftsgeschichte: durch den Verlauf der Geschichtsepochen hindurch zu verfolgen, in welcher Art tatsächlich sich das naturale Haushalten damit abgefunden hat. Im wesentlichen läßt sich sagen: 1. daß der formale Rationalitätsgrad tatsächlich (im allgemeinen) das faktisch mögliche (vollends aber: das theoretisch zu postulierende) Niveau nicht erreichte, daß vielmehr die Naturalhaushaltsrechnungen in ihrer gewaltigen Mehrzahl notgedrungen stets weitgehend traditionsgebunden blieben, 2. also: den Großhaushaltungen, gerade weil die Steigerung und Raffinierung von Alltagsbedürfnissen unterblieb, eine außeralltägliche (vor allem: künstlerische) Verwertung ihrer [257]Überschußversorgtheit nahelag (Grundlage der künstlerischen, stilgebundenen Kultur naturalwirtschaftlicher Zeitalter).

1. Zum „Vermögen“ gehören natürlich nicht nur Sachgüter. Sondern: alle Chancen, über welche eine[,] sei es durch Sitte, Interessenlage, Konvention oder Recht oder sonstwie verläßlich gesicherte[,] Verfügungsgewalt besteht (auch „Kundschaft“ eines Erwerbsbetriebs gehört – sei dies ein ärztlicher, anwältlicher oder Detaillisten-Betrieb – zum „Vermögen“ des Inhabers, wenn sie aus gleichviel welchen Gründen stabil ist: im Fall rechtlicher Appropriation kann sie ja nach der Definition im Kap. I § 10 „Eigentum“ sein).22[257]Kap. I, § 10, oben, S. 199.

2. Die Geldrechnung ohne aktuellen Geldgebrauch oder doch mit Einschränkung desselben auf in natura unausgleichbare Überschüsse der beiderseitigen Tauschgütermengen findet man typisch in ägyptischen und babylonischen Urkunden, die Geldrechnung als Bemessung einer Naturalleistung in der z. B. sowohl im Kodex Hammurabi23Auf die 1901/02 aufgefundene Stele mit Rechtsaufzeichnungen des babylonischen Königs Hammurabi geht Max Weber mehrfach, u. a. in seinem Beitrag „Agrarverhältnisse im Altertum“ ein (vgl. Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, insbes. S. 395 mit Hg.-Anm. 32 zu Webers Quelle). wie im vulgärrömischen24 Als Vulgarrecht wird das gegenüber dem klassischen römischen Recht stark vereinfachte spätantike west-römische Recht des 3.–5. Jahrhunderts bezeichnet. und frühmittelalterlichen Recht typischen Erlaubnis an den Schuldner,f[257]A: Schuldner: den Geldrechnungsbetrag zu leisten: „in quo potuerit“.25 lat., „worin er kann“; gemeint ist: in welcher Form der Schuldner leisten kann. (Die Umrechnung kann dabei nur auf der Basis traditionaler oder oktroyierter Binnenpreise vollzogen worden sein.)

3. Im übrigen enthalten die Darlegungen nur Altbekanntes im Interesse einer eindeutigen Feststellung des Begriffs des rationalen „Haushalts“ gegenüber dem gleich zu erörternden26 Im folgenden § 11, unten S. 259, spricht Max Weber nicht von „rationaler Erwerbswirtschaft“, wohl aber vom „rationalen wirtschaftlichen Erwerben“. gegensätzlichen Begriff der rationalen Erwerbswirtschaft. Zweck ist die ausdrückliche Feststellung: daß beide in rationaler Form möglich sind, „Bedarfsdeckung“ nicht etwas, im Rationalitätsfall, „Primitiveres“ ist als: „Erwerb“, „Vermögen“ nicht eine notwendig „primitivere“ Kategorie als: „Kapital“, oder „Einkommen“ als: „Gewinn“. Geschichtlich und hingesehen auf die in der Vergangenheit vorwaltende Form der Betrachtung wirtschaftlicher Dinge geht allerdings, und selbstverständlich, „Haushalten“ voran.

[258]4. Wer Träger des „Haushalts“ ist, ist gleichgültig. Ein staatlicher „Haushaltsplan“ und das „Budget“ eines Arbeiters fallen beide unter die gleiche Kategorie.

5. Haushalten und Erwerben sind nicht exklusive Alternativen. Der Betrieb eines „Konsumvereins“ z. B. steht im Dienst (normalerweise) des Haushaltens, ist aber kein Haushalts-, sondern nach der Form seines Gebarens ein Erwerbsbetrieb ohne materialen Erwerbszweck. Haushalten und Erwerben können im Handeln des einzelnen derart ineinandergreifen (und dies ist der in der Vergangenheit typische Fall), daß nur der Schlußakt (Absatz hier, Verzehr dort) den Ausschlag für den Sinn des Vorgangs gibt (bei Kleinbauern insbesondere typisch). Der haushaltsmäßige Tausch (Konsumeintausch, Überschuß-Abtausch) ist Bestandteil des Haushalts. Ein Haushalt (eines Fürsten oder Grundherren) kann Erwerbsbetriebe im Sinn des folgenden §27[258]Kap. II, § 11, unten. einschließen und hat dies in typischer Art früher getan: ganze Industrien sind aus solchen heterokephalen und heteronomen „Nebenbetrieben“ zur Verwertung von eignen Forst- und Feldprodukten von Grundherren, Klöstern, [A 48] Fürsten entstanden. Allerhand „Betriebe“ bilden schon jetzt den Bestandteil namentlich kommunaler, aber auch staatlicher, Haushaltungen. Zum „Einkommen“ gehören natürlich bei rationaler Rechnung nur die für den Haushalt verfügbaren „Rein-Erträge“ dieser Betriebe. Ebenso können umgekehrt Erwerbsbetriebe sich, z. B. für die Ernährung ihrer Sklaven oder Lohnarbeiter, fragmentarische heteronome „Haushaltungen“ („Wohlfahrtseinrichtungen“, Wohnungen, Küchen) angliedern. „Rein-Erträge“ sind (Nr. 2) Geldüberschüsse abzüglich aller Geldkosten.28„Nr. 2“ bezieht sich auf Ziffer 2 in Kap. II, § 10, oben, S. 253. Die Definition von „Rein-Erträgen“ ist von Weber eigenhändig in die Korrekturfahnen eingefügt worden (vgl. Anhang, unten, S. 634). Inhaltlich ist sie bedenklich: Der Kostenabzug muß eigentlich erfolgt sein, bevor von einem Überschuß gesprochen werden kann.

6. Auf die Bedeutung der Naturalrechnung für die allgemeine Kulturentwicklung konnte hier nur mit den ersten Andeutungen eingegangen werden.

§ 11. Erwerben soll ein an den Chancen der (einmaligen oder regelmäßig wiederkehrenden: kontinuierlichen) Gewinnung von neuer Verfügungsgewalt über Güter orientiertes Verhalten, Erwerbstätigkeit die an Chancen des Erwerbes mitorientierte Tätigkeit, wirtschaftliches Erwerben ein an friedlichen Chancen orientiertes, marktmäßiges Erwerben ein an Marktlagen orien[259]tiertes, Erwerbsmittel solche Güter und Chancen, welche dem wirtschaftlichen Erwerben dienstbar gemacht werden, Erwerbstausch ein an Marktlagen zu Erwerbszwecken orientierter Ab- oder Eintausch im Gegensatz zum Ab- und Eintausch für Bedarfsdeckungszwecke (haushaltsmäßigem Tausch), Erwerbskredit der zur Erlangung der Verfügungsgewalt über Erwerbsmittel gegebene und genommene Kredit heißen.

Dem rationalen wirtschaftlichen Erwerben ist zugehörig eine besondre Form der Geldrechnung: die Kapitalrechnung.29[259]Der in diesem Kapitel 54 mal verwendete Begriff „Kapitalrechnung“ erscheint im Werk Max Webers sonst nur in der 1919 verfaßten „Vorbemerkung“ zu den „Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie“ und in den Aufzeichnungen zu seiner Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ (vgl. Weber, Vorbemerkung, GARS I, S. 4 f. (MWG I/18) und Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 86 f. 89, 228, 248, 301, 318 f., 322 f.). Der Begriff war zu Webers Zeit wenig gebräuchlich. In Lehrbüchern des betrieblichen Rechnungswesens betraf er, wenn er überhaupt gebraucht wurde, recht Verschiedenes: die Erstellung von Inventaren und ihren Vergleich, die Buchführung im Ganzen, die Bilanz, spezielle Abschluß-(Kapital-)konten bei der Bilanzierung u. a. Friedrich von Wieser handelt in seiner „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft“ unter der Kapitelüberschrift „Die Kapitalrechnung“ die Ermittlung des Wertes der Kapitalgüter ab und meint, es gehöre „heute zur Ordnung jeder einzelnen Unternehmung […], genaue Kapitalrechnung zu führen“ (vgl. Wieser, Theorie, S. 224–229, Zitat: S. 224). Eine große Rolle spielt der Begriff im Werk Robert Liefmanns. Kapitalrechnung ist hier Definitionsmerkmal für den Begriff Unternehmung, damit verbunden der „kapitalistischen Epoche“ und des Kapitalismus. Vgl. Liefmann, Robert, Kapital und Kapitalismus, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Band 72, 1916, S. 328–366, und Band 73, 1917, S. 45–100, bes. S. 62 und 93; Liefmann, Grundsätze I, bes. S. 588–600, und ders., Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Band II: Grundlagen des Tauschverkehrs. – Stuttgart und Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 1919, bes. S. 562–566. Kapitalrechnung ist die Schätzung und Kontrolle von Erwerbschancen und -erfolgen durch Vergleichung des Geldschätzungsbetrages einerseits der sämtlichen Erwerbsgüter (in Natur oder Geld) bei Beginn und andererseits der (noch vorhandenen und neu beschafften) Erwerbsgüter bei Abschluß des einzelnen Erwerbsunternehmens oder, im Fall eines kontinuierlichen Erwerbsbetriebes: einer Rechnungsperiode, durch Anfangs- bzw. Abschluß-Bilanz. Kapital heißt die zum Zweck der Bilanzierung bei Kapitalrechnung festgestellte Geldschätzungssumme der für die Zwecke des Unternehmens verfügbaren Erwerbsmittel,30Max Weber erläutert seinen, von dem in der Nationalökonomie seiner Zeit herrschenden Sprachgebrauch abweichenden Kapitalbegriff unten, S. 264 f. mit Hg.-Anm. 41. Ge[260]winn bzw. Verlust der durch die Abschlußbilanz ermittelte Mehr- bzw. Minderbetrag der Schätzungssumme gegenüber derjenigen der Anfangsbilanz, Kapitalrisiko die geschätzte Chance bilanzmäßigen Verlustes, wirtschaftliches Unternehmen ein an Kapitalrechnung autonom orientierbares Handeln.31[260]In den Korrekturfahnen K2 und K3 ist von einem an Kapitalrechnung „orientierte[n]“ – und noch nicht von einem „orientierbare[n]“ – Handeln die Rede (vgl. Anhang, unten, S. 635). Wie es zu der sachlich bemerkenswerten Änderung kam, ist unbekannt. Die geänderte Terminologie könnte eine Erklärung in einer späteren Bemerkung Max Webers finden: „Entscheidend ist also nicht die empirische Tatsache, sondern die prinzipielle Möglichkeit der materialen Kapitalrechnung.“ (vgl. unten, S. 365). Diese Orientierung erfolgt durch Kalkulation: Vorkalkulation des bei einer zu treffenden Maßnahme zu erwartenden Risikos und Gewinns, Nachkalkulation zur Kontrolle des tatsächlich eingetretenen Gewinn- oder Verlust-Erfolges. Rentabilität bedeutet (im Rationalitätsfall) 1. den, als möglich und durch die Maßregeln des Unternehmers zu erstrebendeng[260]A: erstrebend, durch Vorkalkulation errechneten –, 2. den laut Nachkalkulation tatsächlich erzielten und ohne Schädigung künftiger Rentabilitätschancen für den Haushalt des (oder der) Unternehmer verfügbaren Gewinn einer Periode, ausgedrückt üblicherweise im Quotienten- (heute: Prozent-) Verhältnis zum bilanzmäßigen Anfangskapital.32Der Bezug des Gewinns auf das „Anfangskapital“ (ohne Unterscheidung von Eigen- und Fremdkapital) deutet darauf hin, daß Max Weber das im Sinn hat, was der von ihm unten, S. 264, als Autor einschlägiger Texte genannte Friedrich Leitner als Rentabilität der Unternehmung, im Gegensatz zur Rentabilität des Unternehmerkapitals bezeichnet. Vgl. Leitner, Betriebslehre, S. 104.

Kapitalrechnungsmäßige Unternehmungen können an Markterwerbschancen oder an der Ausnutzung anderer – z. B. durch Gewaltverhältnisse bedingter (Steuerpacht-, Amtskauf-)33Zu Steuerpacht und Amtskauf vgl. unten, S. 379, sowie S. 444 f., und die dortigen Erläuterungen. – Erwerbschancen orientiert sein.

Alle Einzelmaßnahmen rationaler Unternehmen werden durch Kalkulation am geschätzten Rentabilitätserfolg orientiert.34In Korrekturfahne K2 heißt es statt „rationaler Unternehmen“ noch: „des Erwerbsunternehmens“ (vgl. Anhang, unten, S. 636). Nicht in Hinblick auf die Definition eines Idealtyps, sondern hinsichtlich der tatsächlichen Verbreitung systematischen Kalkulie[261]rens hat Weber an anderer Stelle ausgeführt: „Denn […] kalkuliert wird heute auch in der Industrie nur soweit, als es der Unternehmer für notwendig hält, und das hängt teils von äußeren Situationen, teils von Traditionen ab.“ Vgl. Weber, Probleme der Arbeiterpsychologie, MWG I/11, S. 409–425, Zitat: S. 418. Kapitalrechnung setzt bei Markterwerb voraus: 1. daß für [261]die Güter, welche der Erwerbsbetrieb beschafft, hinlänglich breite und gesicherte, durch Kalkulation abschätzbare, Absatzchancen bestehen, also (normalerweise): Marktgängigkeit, 2. daß ebenso die Erwerbsmittel: sachliche Beschaffungsmittel und Arbeitsleistungen, hinlänglich sicher und mit durch Kalkulation errechenbaren „Kosten“ auf dem Markt zu erwerben sind, endlich: 3. daß auch die technischen und rechtlichen Bedingungen der mit den Beschaffungsmitteln bis zur Absatzreife vorzunehmenden Maßregeln (Transport, Umformung, Lagerung usw.) prinzipiell berechenbare (Geld-)Kosten entstehen lassen. – Die außer[A 49]ordentliche Bedeutung optimaler Berechenbarkeit als Grundlage optimaler Kapitalrechnung wird uns in der Erörterung der soziologischen Bedingungen der Wirtschaft stets neu entgegentreten.35Max Weber verweist auf für später Geplantes (vgl. dazu den Anhang zum Editorischen Bericht, oben, S. 111 f.). In Kapitel II findet sich Entsprechendes noch nicht. Weit entfernt, daß hier nur wirtschaftliche Momente in Betracht kämen, werden wir sehen, daß äußere und innere Obstruktionen verschiedenster Art an dem Umstand schuld sind, daß Kapitalrechnung als eine Grundform der Wirtschaftsrechnung nur im Okzident entstand.

Die Kapitalrechnung und Kalkulation des Marktunternehmers kennt, im Gegensatz zur Haushaltsrechnung, keine Orientierung am „Grenznutzen“, sondern an der Rentabilität. Deren Chancen sind ihrerseits letztlich von den Einkommensverhältnissen und durch diese von den Grenznutzen-Konstellationen der verfügbaren Geldeinkommen bei den letzten Konsumenten der genußreifen Güter (an deren „Kaufkraft“ für Waren der betreffenden Art, wie man zu sagen pflegt) bedingt. Technisch aber sind Erwerbsbetriebsrechnung und Haushaltsrechnung ebenso grundverschieden, wie Bedarfsdeckung und Erwerb, denen sie dienen. Für die ökonomische Theorie ist der Grenzkonsument der Lenker der Richtung der Produktion. Tatsächlich, nach der Machtlage, ist dies für die Gegenwart nur bedingt richtig, da weitgehend der „Unternehmer“ die Bedürfnisse des [262]Konsumenten „weckt“ und „dirigiert“, – wenn dieser kaufen kann.36[262]Schon in seinen frühen Vorlesungen hat Max Weber dargelegt, daß zu den nicht hinterfragten Grundannahmen der Grenznutzentheorie der „gegebene Bedürfnisstand“ gehöre (vgl. u. a. Weber, Erstes Buch. Die begrifflichen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, MWG III/1, S. 128). Die Art der Umgestaltung der Bedürfnisstände zu erörtern, bezeichnete Weber als „die fundamentale Aufgabe der historischen Betrachtung.“ (Ebd., S. 141).

Jede rationale Geldrechnung und insbesondere daher jede Kapitalrechnung ist bei Markterwerb orientiert an Preischancen, die sich durch Interessenkampf (Preis- und Konkurrenzkampf) und Interessenkompromiß auf dem Markt bilden. Dies tritt in der Rentabilitätsrechnung besonders plastisch bei der technisch (bisher) höchst entwickelten Form der Buchführung (der sog. „doppelten“ Buchführung) darin hervor: daß durch ein Konten-System37Das Prinzip der in Ansätzen schon früher praktizierten doppelten Buchführung wurde erstmals in systematischer Form von dem Mathematiker Luca Pacioli (1445–1509) beschrieben. Es erfordert die Aufzeichnung aller in Geld bewerteten Geschäftsvorfälle in mindestens zwei Büchern bzw. Konten, die jeweils „belastet“ (debitiert) oder „entlastet“ (kreditiert) werden. In der modernen Buchführungslehre bedeutet es aber auch, daß „man neben den Konten für sämtliche Vermögensbestandteile noch die Konten über den Bestand, die Zu- und Abnahme des reinen Vermögens einführt.“ Vgl. Schär, Johann Friedrich, Einfache und doppelte Buchhaltung (Maier-Rothschild Bibliothek, Band 6/7), 4. Aufl. – Berlin: Verlag für Sprach- und Handelswissenschaft S. Simon 1909, S. 87. die Fiktion von Tauschvorgängen zwischen den einzelnen Betriebsabteilungen oder gesonderten Rechnungsposten zugrunde gelegt wird, welches technisch am vollkommensten die Kontrolle der Rentabilität jeder einzelnen Maßregel gestattet. Die Kapitalrechnung in ihrer formal rationalsten Gestalt setzt daher den Kampf des Menschen mit dem Menschen voraus. Und zwar unter einer weiteren sehr besondersartigen Vorbedingung. Für keine Wirtschaft kann subjektiv vorhandene „Bedarfsempfindung“ gleich effektivem, das heißt: für die Deckung durch Güterbeschaffung in Rechnung zu stellendemh[262]A: stellenden, Bedarf sein. Denn ob jene subjektive Regung befriedigt werden kann, hängt von der Dringlichkeitsskala einerseits, den (vorhandenen, oder, in aller Regel, dem Schwerpunkt nach: erst zu beschaffenden) zur Deckung schätzungsweise verfügbaren Gütern andrer[263]seits ab. Die Deckung bleibt versagt, wenn Nutzleistungen für diese Bedarfsdeckung nach Deckung der an Dringlichkeit vorgehenden nicht vorhanden und gar nicht oder nur unter solchen Opfern an Arbeitskraft oder Sachgütern zu beschaffen wären, daß künftige, aber schon in ihrer Gegenwartsschätzung dringlichere Bedürfnisse leiden würden. So in jeder Konsumwirtschaft, auch einer kommunistischen.

In einer Wirtschaft mit Kapitalrechnung, also: mit Appropriation der Beschaffungsmittel an Einzelwirtschaften, also: mit „Eigentum“ (s. Kap. I § 10)[,]38[263]Kap. I, § 10, oben, S. 199. bedeutet dies Abhängigkeit der Rentabilität von den Preisen, welche die „Konsumenten“ (nach dem Grenznutzen des Geldes gemäß ihrem Einkommen) zahlen können und wollen: es kann nur für diejenigen Konsumenten rentabel produziert werden, welche (nach eben jenem Prinzip) mit dem entsprechenden Einkommen ausgestattet sind. Nicht nur wenn dringlichere (eigne) Bedürfnisse, sondern auch wenn stärkere (fremde) Kaufkraft (zu Bedürfnissen aller Art) vorgeht, bleibt die Bedarfsdeckung aus. Die Voraussetzung des Kampfes des Menschen mit dem Menschen auf dem Markt als Bedingung der Existenz rationaler Geldrechnung setzt also weiter auch die entscheidende Beeinflussung des Resultates durch die Überbietungsmöglichkeiten reichlicher mit Geldeinkommen versorgter Konsumenten und die Unterbietungsmöglichkeit vorteilhafter für die Güterbeschaffung ausgestatteter – insbesondere: mit Verfügungsgewalt über be[A 50]schaffungswichtige Güter oder Geld ausgestatteter – Produzenten absolut voraus. Insbesondere setzt sie effektive – nicht konventionell zu irgendwelchen rein technischen Zwecken fingierte – Preise und also effektives, als begehrtes Tauschmittel umlaufendes Geld voraus (nicht bloße Zeichen für technische Betriebsabrechnungen). Die Orientierung an Geldpreischancen und Rentabilität bedingt also:i[263]Doppelpunkt fehlt in A. 1. daß die Unterschiede der Ausstattung der einzelnen Tauschreflektanten mit Besitz an Geld oder an spezifisch markt[264]gängigen Gütern maßgebend werdenj[264]A: wird für die Richtung der Güterbeschaffung, soweit sie erwerbsbetriebsmäßig erfolgt: indem nur der „kaufkräftige“ Bedarf befriedigt wird und werden kann. Sie bedingt also: 2. daß die Frage, welcher Bedarf durch die Güterbeschaffung gedeckt wird, durchaus abhängig wird von der Rentabilität der Güterbeschaffung, welche ihrerseits zwar formal eine rationale Kategorie ist, aber eben deshalb materialen Postulaten gegenüber sich indifferent verhält, falls diese nicht in Form von hinlänglicher Kaufkraft auf dem Markt zu erscheinen fähig sind.

Kapitalgüter (im Gegensatz zu Besitzobjekten oder Vermögensteilen) sollen alle solche Güter heißen, über welche und solange über sie unter Orientierung an einer Kapitalrechnung verfügt wird.39[264]Max Webers Begriff „Kapitalgut“ darf nicht verwechselt werden mit dem, was seinerzeit in der herrschenden Lehre unter „Kapital im volkswirtschaftlichen Sinne“ verstanden wurde, nämlich „produzierte Produktionsmittel“. Vgl. Böhm-Bawerk, Eugen von, Kapital, in: HdStW3, Band 5, 1910, S. 777 f.; Lexis, Wilhelm, Kapital, in: WbVW3, Band 2, 1911, S. 14–16. Weder muß das Kapitalgut Produktionsmittel noch muß es produziert sein. Nach Weber können auch Geld sowie Grund und Boden Kapitalgüter sein, vgl. unten, S. 267 zu Geld und S. 378 zu Boden. Kapitalzins soll – im Gegensatz zum Leihezins der verschiedenen möglichen Arten – 1. die in einer Rentabilitätsrechnung den sachlichen Erwerbsmitteln als normal angerechnete Mindest-Rentabilitätschance, – 2. der Zins, zu welchem Erwerbsbetriebe Geld oder Kapitalgüter beschaffen, heißen.

Die Darstellung enthält nur Selbstverständlichkeiten in einer etwas spezifischeren Fassung. Für das technische Wesen der Kapitalrechnung sind die üblichen, zum Teil vortrefflichen, Darstellungen der Kalkulationslehre (Leitner, Schär usw.)40Gemeint sind: Leitner, Selbstkosten-Berechnung; Leitner, Grundriß I und II; Leitner, Betriebslehre; sowie Schär, Buchhaltung. Friedrich Leitner und Johann Friedrich Schär waren die führenden Autoritäten im deutschen Sprachraum. Der Begriff „Kapitalrechnung“ kommt in ihren Schriften nur selten und nie in der von Weber oben, S. 259, geprägten Form vor. – Im kaufmännischen Sprachgebrauch der Zeit bedeutete „Kalkulation“ die Ermittlung der Selbstkosten eines Erzeugnisses und unter Umständen auch die Abschätzung des zu erzielenden Preises. Max Webers oben, S. 260, definierter Begriff „Kalkulation“ geht erheblich weiter. Er bezieht sich auf die Abschätzung von Erfolg und Risiken von Entscheidungen aller Art. zu vergleichen.

1. Der Kapitalbegriff ist hier streng privatwirtschaftlich und „buchmäßig“ gefaßt, wie dies zweckmäßigerweise zu geschehen hat. Mit dem übli[265]chen Sprachgebrauch kollidiert diese Terminologie weit weniger als mit dem leider mehrfach wissenschaftlich üblich gewesenen, freilich in sich bei weitem nicht einheitlichen.41[265]Wie Max Weber im Folgenden anhand von Beispielen aus dem Wortschatz der Praktiker erläutert, entspricht sein oben, S. 259 f., definierter Kapitalbegriff dem Sprachgebrauch der Kaufleute. Im Sinne der seinerzeitigen Unterscheidung von Volks- und Privatwirtschaftslehre ist er „privatwirtschaftlich“. „Buchmäßig“ ist er insofern, als in der Buchhaltung und Bilanz von Unternehmen der Begriff Kapital ausschließlich im Sinne von Geldwertsummen verwendet wird. – In der Volkswirtschaftslehre „wissenschaftlich üblich“, ja herrschend, war zu Webers Zeit der von Eugen von Böhm-Bawerk geprägte Kapitalbegriff als „produziertes Produktionsmittel“. Zu Kapital im volkswirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Sinn vgl. Lexis, Wilhelm, Kapital, in: WbVW3, Band 2, 1911, S. 14–16. Zum „Sprachbegriff des Kapitals“ im Unterschied zum „wissenschaftlichen“ vgl. auch Wieser, Theorie, S. 331 ff. Um den jetzt zunehmend wieder wissenschaftlich benutzten streng privatwirtschaftlichen Sprachgebrauch42Unter den anerkannten Theoretikern war es vor allem Joseph Schumpeter, der sich hinsichtlich des Begriffs Kapital ebenfalls auf den Sprachgebrauch des täglichen Lebens berufen hat, allerdings in einem anderen Sinne als Weber. Vgl. Schumpeter, Joseph, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. – Leipzig: Duncker & Humblot 1912, S. 236; ders., Der heutige Stand der Diskussion. Nachtrag zu: Böhm-Bawerk, Eugen von, Kapital, in: HdStW4, Band 5, 1923, S. 582–584. in seiner Verwendbarkeit zu erproben, braucht man nur etwa sich folgende einfache Fragen zu stellen: Was bedeutet es, wenn 1. eine Aktiengesellschaft ein „Grundkapital“ von 1 Million hat, wenn 2. dies „herabgesetzt“ wird, wenn 3. die Gesetze über das Grundkapital Vorschriften machen und etwa angeben: was und wie etwas darauf „eingebracht“ werden darf?43Die die Aktiengesellschaft in Deutschland betreffenden Normen enthielt das Handelsgesetzbuch vom 10. Mai 1897. Als Grundkapital bezeichnet das Gesetz das in einer Geldsumme ausgedrückte Einlagekapital der Aktiengesellschaft. Es wird von den Gründern oder – bei späteren Kapitalerhöhungen – von den jeweiligen und auch von neuen Aktionären „eingebracht“. Das Grundkapital ist die öffentlich versprochene Kreditbasis der Gesellschaft. Die Erlangung des Grundkapitals in der Gründungsphase und dessen Erhaltung werden durch eingehende Vorschriften über Gründerverantwortlichkeit und Haftung aus Erwerb der Anteile sowie durch Normen für die Erstellung der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung geregelt. Vgl. Ring, V., Aktiengesellschaften (Aktienrecht in Deutschland), in: HdStW3, Band 1, 1909, S. 256–274. Es bedeutet, daß (zu 1) bei der Gewinnverteilung so verfahren wird, daß erst derjenige durch Inventur und ordnungsmäßige Geldabschätzung ermittelte Gesamtmehrbetrag der „Aktiva“ über die „Passiva“, der über 1 Million beträgt, als „Gewinn“ gebucht und an die Beteiligten zur beliebigen Verwendung verteilt werden darf (bei einem Einzelunternehmen: daß erst dieser Überschußbetrag für den Haushalt verbraucht werden darf), daß (zu 2) bei starken Verlusten nicht gewartet werden soll, bis durch Gewinste und deren Aufspeicherung, vielleicht nach langen Jahren, wieder ein Gesamtmehrbetrag von mehr als 1 Million errechnet wird, sondern schon bei einem niedrigeren Gesamtmehrbetrag „Gewinn“ verteilt werden kann: [266]dazu muß eben das „Kapital“ herabgesetzt werden, und dies ist der Zweck der Operation,44[266]Eine von einer qualifizierten Mehrheit der Aktionäre zu beschließende Herabsetzung des Grundkapitals ist entweder eine nominelle oder eine effektive. Die nominelle dient dem bilanziellen Ausgleich von Verlusten. Die effektive erfolgt zum Zwecke der Kapitalrückzahlung an die Aktionäre oder der Umwandlung von Grundkapital in offene Rücklagen. – 3. der Zweck von Vorschriften über die Art, wie das Grundkapital durch Einbringung „gedeckt“ und wann und wie es „herabgesetzt“ oder „erhöht“ werden darf, ist: den Gläubigern und Aktienerwerbern die Garantie zu geben, daß die Gewinnverteilung nach den Regeln der rationalen Betriebsrechnung „richtig“ erfolgt: so also, daß a) die Rentabilität nachhaltig bleibt, b) sie nicht die Haftobjekte der Gläubiger schmälert. Die Vorschriften über die „Einbringung“ sind sämtlich Vorschriften über die „Anrechnung“ von Objekten als „Kapital“.45Max Weber bezieht sich u. a. auf die §§ 186 und 279 des Handelsgesetzbuchs von 1897, in denen die Einbringung von Wirtschaftsgütern im Fall der Gründung und der Kapitalerhöhung einer Aktiengesellschaft geregelt war. – 4. Was bedeutet es, wenn gesagt wird: „das Kapital wendet sich anderen Anlagen zu“ (infolge Unrentabilität)? Entweder ist hier „Vermögen“ gemeint.46Max Weber definiert „Vermögen“ oben, S. 254. Denn „Anlegen“ ist eine Kategorie der Vermögensverwaltung, nicht des Erwerbsbetriebs. Oder (selten) es heißt: daß Kapitalgüter dieser Eigenschaft teils durch Veräußerung der Bestände als Alteisen und Ramschware entkleidet werden, teils anderweit sie neu gewinnen. – 5. Was bedeutet es, wenn von „Kapitalmacht“ gesprochen wird? Daß die Inhaber der Verfügungsgewalt über Erwerbsmittel und ökonomischek[266]A: ökonomischen Chancen, welche als Kapitalgüter in einem Erwerbsbetrieb verwendbar sind, kraft dieser Verfügungsge[A 51]walt und kraft der Orientierung des Wirtschaftens an den Prinzipien kapitalistischer Erwerbsrechnung eine spezifische Machtstellung gegenüber andern einnehmen.

Schon in den frühesten Anfängen rationaler Erwerbsakte taucht das Kapital (nicht unter diesem Namen!) als Geldrechnungsbetrag auf: so in der Commenda.47Vgl. hierzu das Erstlingswerk Max Webers, Geschichte der Handelsgesellschaften, MWG I/1, S. 157 ff. et passim, sowie den Glossar-Eintrag, unten, S. 741. Güter verschiedener Art wurden einem reisenden Kaufmann zur Veräußerung auf fremdem Markt und – eventuell – Einkauf anderer für den einheimischen Markt gegeben, der Gewinn und Verlust zwischen dem reisenden und dem kapitalgebenden Interessenten des Unternehmens dann in bestimmtem Verhältnis geteilt. Damit aber dies geschehen konnte, mußten sie in Geld geschätzt – also: eine Anfangs- und eine Abschlußbilanz des Unternehmens aufgestellt – werden: das „Kapi[267]tal“ der Commenda (oder societas maris)48[267]Speziell auf die Bedürfnisse des Seehandels abgestellte mittelalterliche Form der Kapitalbeteiligung in Gesellschaftsform; vgl. Weber, Geschichte der Handelsgesellschaften, MWG I/1, S. 165–169. war dieser Schätzungsbetrag, der ganz und gar nur Abrechnungszwecken zwischen den Beteiligten und keinen anderen diente.

Was bedeutet es, wenn man von „Kapitalmarkt“ spricht? Daß Güter – insbesondre: Geld – zu dem Zwecke begehrt werden, um als Kapitalgüter Verwendung zu finden, und daß Erwerbsbetriebe (insbesondere: „Banken“ bestimmter Art) bestehen, welche aus der betriebsweisen Beschaffung dieser Güter (insbesondre: von Geld) für diesen Zweck Gewinn ziehen. Beim sog. „Leihkapital“: – Hergeben von Geld gegen Rückgabe des gleichen Nennbetrags mit oder ohne „Zinsen“l[267]A: „Zinsen“, – werden wir von „Kapital“ nur für den reden, dem das Darleihen Gegenstand seines Erwerbsbetriebes bildet, sonst aber nur von „Geldleihe“. Der vulgäre Sprachgebrauch pflegt von „Kapital“ zu reden, sofern „Zinsen“ gezahlt werden, weil diese als eine Quote des Nennbetrags berechnet zu werden pflegen: nur wegen dieser rechnerischen Funktion heißt der Geldbetrag des Darlehens oder Deposits49Englische Bezeichnung eines Depositums, hier: (Bank-)Einlage. ein „Kapital“. Freilich ist dies Ausgangspunkt des Sprachgebrauchs (capitale = Hauptsumme des Darlehens, angeblich – nicht: nachweislich – von den „Häuptern“ der Viehleihverträge). Indessen dies ist irrelevant. Schon die geschichtlichen Anfänge zeigen übrigens die Hergabe von Naturalgütern zu einem Geldrechnungsbetrag, von dem dann der Zins berechnet wurde, so daß auch hier „Kapitalgüter“ und „Kapitalrechnung“ in der seither typischen Art nebeneinander standen. Wir wollen bei einem einfachen Darlehen, welches ja einen Teil einer Vermögensverwaltung bildet, auf seiten des Darleihenden nicht von „Leihkapital“ reden, wenn es Haushaltszwecken dient. Ebensowenig natürlich beim Darlehnsempfänger51Vom „Darleihenden“ ist unmittelbar zuvor die Rede, weshalb hier zu „Darlehnsempfänger“ emendiert worden ist.mA: Darleiher. –

Der Begriff des „Unternehmens“50Max Weber bezieht sich auf die Definition des wirtschaftlichen Unternehmens oben, S. 260. entspricht dem Üblichen, nur daß die Orientierung an der Kapitalrechnung, die meist als selbstverständlich vorausgesetzt wird, ausdrücklich hervorgehoben ist, um damit anzudeuten: daß nicht jedes Aufsuchen von Erwerb als solches schon „Unternehmung“ heißen soll, sondern eben nur sofern es an Kapitalrechnung (einerlei ob groß- oder „zwerg“-kapitalistisch) orientierbar ist. Ob diese Kapitalrechnung auch tatsächlich rational vollzogen und eine Kalkulation nach ratio[268]nalen Prinzipien durchgeführt wird, soll dagegen indifferent sein.52[268]Ähnlich unten, S. 365: „Entscheidend ist also nicht die empirische Tatsache, sondern die prinzipielle Möglichkeit der materialen Kapitalrechnung.“ Von „Gewinn“ und „Verlust“ soll ebenfalls nur in Kapitalrechnungs-Unternehmungen die Rede sein. Auch der kapitallose Erwerb (des Schriftstellers, Arztes, Anwalts, Beamten, Professors, Angestellten, Technikers, Arbeiters) ist uns natürlich „Erwerb“, aber er soll nicht „Gewinn“ heißen (auch der Sprachgebrauch nennt ihn nicht so). „Rentabilität“ ist ein Begriff, der auf jeden mit den Mitteln der kaufmännischen Rechnungstechnik selbständig kalkulierbaren Erwerbsakt (Einstellung eines bestimmten Arbeiters oder einer bestimmten Maschine, Gestaltung der Arbeitspausen usw.) anwendbar ist.

Für die Bestimmung des Kapitalzins-Begriffs kann zweckmäßigerweise nicht vom bedungenen Darlehens-Zins ausgegangen werden. Wenn jemand einem Bauernn[268]A: Bauer mit Saatgetreide aushilft und sich dafür einen Zuschlag bei der Rückleistung ausbedingt, oder wenn das gleiche mit Geld geschieht, welches ein Haushalt bedarf, ein anderer hergeben kann, so wird man das zweckmäßigerweise noch nicht einen „kapitalistischen“ Vorgang nennen. Der Zuschlag (die „Zinsen“) wird – im Falle rationalen Handelns – bedungen, weil der Darlehensnehmer den Unterschied seiner Versorgungschance für den Fall des Darlehens um mehr als den zugesagten Zuschlag verbessert zu sehen erwartet, gegenüber denjenigen Chancen seiner Lage, die er für den Fall des Verzichts auf das Darlehen voraussieht, der Darlehensgeber aber diese Lage kennt und ausnutzt in dem Maße, daß der Grenznutzen der gegenwärtigen eignen Verfügung über die dargeliehenen Güter durch den geschätzten Grenznutzen des für die Zeit der Rückgabe bedungenen Zuschlags überboten wird.53Zu einer anderen grenznutzentheoretischen Erklärung Webers für das Geben und Nehmen von Darlehen gegen Zins vgl. oben, S. 247. Es handelt sich dabei noch um Kategorien des Haushaltens und der Vermögensverwaltung, nicht aber um solche der Kapitalrechnung. Auch wer von einem „Geldjuden“54Seit dem 18. Jahrhundert verwendeter Begriff zur Bezeichnung jüdischer Geldverleiher, zunehmend mit antisemitischem Unterton. Hier speziell bezogen auf die Tatsache, daß vor Aufkommen eines anstaltlich organisierten Marktes für Konsumkredit Juden am Darlehens-Geschäft mit kleinen Leuten auf dem Lande einen auffällig großen Anteil hatten. sich ein Notdarlehen für Eigenbedarfszwecke geben läßt, „zahlt“ im Sinn dieser Terminologie keinen „Kapitalzins“ und der Darleihende empfängt keinen, – sondern: Darlehensentgelt. Der betriebsmäßig Darleihende rechnet sich von seinem Geschäftskapital (bei rationaler Wirtschaft) „Zins“ an und hat mit „Verlust“ [A 52]gewirtschaftet, wenn durch Ausfälle von Darlehens-Rückzah[269]lungeno[269]A: Darlehen-Rückzahlungen dieser Rentabilitätsgrad nicht erreicht wird. Dieser Zins ist uns „Kapitalzins“, jener andre einfach: „Zins“. Kapitalzins im Sinn dieser Terminologie ist also stets Zins vom Kapital, nicht Zins für Kapital, knüpft stets an Geldschätzungen und also an die soziologische Tatsache der „privaten“, d. h. appropriierten Verfügungsgewalt über marktmäßige oder andre Erwerbsmittel an, ohne welche eine „Kapital“rechnung, also auch eine „Zins“rechnung gar nicht denkbar wäre. Im rationalen Erwerbsbetrieb ist jener Zins, mit welchem z. B. ein als „Kapital“ erscheinender Posten rechnungsmäßig belastet wird, das Rentabilitäts-Minimum, an dessen Erzielung oder Nichterreichung die Zweckmäßigkeit der betreffenden Art von Verwendung von Kapitalgütern geschätzt wird („Zweckmäßigkeit“ natürlich unter Erwerbs-[,] d. h. Rentabilitäts-Gesichtspunkten). Der Satz für dieses Rentabilitätsminimum richtet sich bekanntlich nur in einer gewissen Annäherung nach den jeweiligen Zinschancen für Kredite auf dem „Kapitalmarkt“, obwohl natürlich deren Existenz ebenso der Anlaß für diese Maßregel der Kalkulation ist, wie die Existenz des Markttausches für die Behandlung der Buchungen auf den Konten. Die Erklärung jenes Grundphänomens kapitalistischer Wirtschaft aber: daß für „Leihkapitalien“ – also von Unternehmern – dauernd Entgelt gezahlt wird, kann nur durch Beantwortung der Frage gelöst werden: warum die Unternehmer durchschnittlich dauernd hoffen dürfen, bei Zahlung dieses Entgelts an die Darleihenden dennoch Rentabilität zu erzielen, bzw. unter welchen allgemeinen Bedingungen es eben durchschnittlich zutrifft: daß der Eintausch von gegenwärtigen 100 gegen künftige 100 + x rational ist. Die ökonomische Theorie wird darauf mit der Grenznutzrelation künftiger im Verhältnis zu gegenwärtigen Gütern antworten wollen.55[269]Max Weber bezieht sich auf die aus den Grundannahmen der österreichischen Grenznutzentheorie von Eugen von Böhm-Bawerk entwickelte Agiotheorie. Sie war eine unter mehreren der seinerzeit diskutierten Zinstheorien. Vgl. Böhm-Bawerk, Eugen von, Zinstheorie, in: HdStW3, Band 8, 1911, S. 1004–1017. Schon Friedrich von Wieser hat sich Böhm-Bawerk nicht angeschlossen; vgl. Wieser, Theorie, S. 153 ff. und 224 ff. Gut! Den Soziologen würde dann interessieren: in welchem Handeln von Menschen diese angebliche Relation derart zum Ausdruck kommt: daß sie die Konsequenzen dieser Differenzialschätzung in der Form eines „Zinses“ ihren Operationen zugrunde legen können. Denn wann und wo dies der Fall ist, das wäre nichts weniger als selbstverständlich. Tatsächlich geschieht es bekanntlich in den Erwerbswirtschaften. Dafür aber ist primär die ökonomische Machtlage maßgebend zwischen einerseits den Erwerbsunternehmen und andrerseits den Haushaltungen, sowohl den die dargebotenen Güter kon[270]sumierenden, wie den gewisse Beschaffungsmittel (Arbeit vor allem) darbietenden. Nur dann werden Unternehmungen begründet und dauernd (kapitalistisch) betrieben, wenn das Minimum des „Kapitalzins“ erhofft wird. Die ökonomische Theorie – die höchst verschieden aussehen könnte – würde dann wohl sagen: daß jene Ausnutzung der Machtlagep[270]A: Machtlage: – eine Folge des Privateigentums an den Beschaffungsmitteln und Produkten – nur dieser Kategorie von Wirtschaftssubjekten ermögliche: so zu sagen „zinsgemäß“ zu wirtschaften.

2. Vermögensverwaltung und Erwerbsbetrieb können sich einander äußerlich bis zur Identität zu nähern scheinen. Die erstere ist in der Tat nur durch den konkreten letzten Sinn des Wirtschaftens von dem letzteren geschieden: Erhöhung und Nachhaltigkeit der Rentabilität und der Marktmachtstellung des Betriebes auf der einen Seite, – Sicherung und Erhöhung des Vermögens und Einkommens auf der anderen Seite. Dieser letzte Sinn muß aber keineswegs in der Realität stets in der einen oder anderen Richtung exklusiv entschieden oder auch nur entscheidbar sein. Wo das Vermögen eines Betriebsleiters z. B. mit der Verfügungsgewalt über die Betriebsmittel und das Einkommen mit dem Gewinn völlig zusammenfällt, scheint beides völlig Hand in Hand zu gehen. Aber: persönliche Verhältnisse aller Art können den Betriebsleiter veranlassen: einen, von der Orientierung an der Betriebsrationalität aus gesehen,qA: gesehen: irrationalen Weg der Betriebsführung einzuschlagen. Vor allem aber fällt Vermögen und Verfügung über den Betrieb sehr oft nicht zusammen. Ferner übt oft persönliche Überschuldung des Besitzers, persönliches Bedürfnis hoher Gegenwartseinnahmen, Erbteilung usw. einen, betriebsmäßig gewertet, höchst irrationalen Einfluß auf die Betriebsführung aus, was ja oft zur Ergreifung von Mitteln Anlaß gibt, diese Einflüsse ganz auszuschalten (Aktiengründung von Familienunternehmen z. B.).56[270]Gemeint ist die Umwandlung einer Einzelunternehmung oder einer aus Familienmitgliedern bestehenden Handelsgesellschaft in eine Aktiengesellschaft. Dies allein hat jedoch nie zur dauerhaften Ausschaltung von irrationalen Einflüssen der Familie geführt. Diese Tendenz zur Scheidung von Haushalt und Betrieb ist nicht zufällig. Sie folgt eben daraus: daß das Vermögen und seine Schicksale vom Standpunkt des Betriebs aus und die jeweiligen Einkommensinteressen der Besitzer vom Standpunkt der Rentabilität aus irrational sind. So wenig wie die Rentabilitätsrechnung eines Betriebs etwas Eindeutiges über die Versorgungschancen der als Arbeiter oder als Verbraucher interessierten Menschen aussagt, ebensowenig hegen die Vermögens- und Einkommensinteressen eines mit der Verfügungsgewalt über den Betrieb ausgestatteten Einzelnen oder Verbandes notwendig in der [271]Richtung des nachhaltigen Betriebs-Rentabilitätsoptimums und der Marktmachtlage. (Natürlich auch dann nicht – und gerade dann oft nicht –[,] wenn der Erwerbsbetrieb in der Verfügungsgewalt einer „Produktivgenossenschaft“ steht.)r[271]Klammer fehlt in A. [A 53]Die sachlichen Interessen einer modernen rationalen Betriebsführung sind mit den persönlichen Interessen des oder der Inhaber der Verfügungsgewalt keineswegs identisch, oft entgegengesetzt: dies bedeutet die prinzipielle Scheidung von „Haushalt“ und „Betrieb“ auch da, wo beide, auf die Inhaber der Verfügungsgewalt und auf die Verfügungsobjekte hin angesehen, identisch sind.

Die Scheidung von „Haushalt“ und „Erwerbsbetrieb“ sollte zweckmäßigerweise auch terminologisch scharf festgehalten und durchgeführt werden. Ein Ankauf von Wertpapieren zum Zweck des Genusses der Gelderträge seitens eines Rentners ist keine „Kapital“-, sondern eine Vermögensanlage. Ein Gelddarlehen seitens eines Privatmanns zum Zweck des Erwerbes der Zinsansprüche ist von einem Gelddarlehen einer Bank an ganz denselben Empfänger vom Standpunkt des Gebers verschieden; ein Gelddarlehen an einen Konsumenten oder an einen Unternehmer (für Erwerbszwecke) sind voneinander vom Standpunkte des Nehmers verschieden: im ersten Fall Kapitalanlage der Bank, im letzten Kapitalaufnahme des Unternehmers. Die Kapitalanlage des Gebers im ersten Fall kann aber für den Nehmer einfache haushaltsmäßige Darlehensaufnahme, die Kapitalaufnahme des Nehmers im zweiten für den Geber einfache „Vermögensanlage“ sein. Die Feststellung des Unterschieds von Vermögen und Kapital, Haushalt und Erwerbsbetrieb ist nicht unwichtig, weil insbesondre das Verständnis der antiken Entwicklung und der Grenzen des damaligen Kapitalismus ohne diese Scheidung nicht zu gewinnen ist (dafür sind die bekannten Aufsätze von Rodbertus, trotz aller seiner Irrtümer und trotz ihrer Ergänzungsbedürftigkeit, immer noch wichtig57[271]Gemeint sind: Rodbertus, Untersuchungen I und II aus den Jahren 1864 bis 1867. In diesen Aufsätzen hat Rodbertus das für die Wirtschaft der Antike Typische darin gesehen, daß Haushalt und Erwerbsbetrieb noch nicht getrennt gewesen seien. Alle Bedürfnisse seien durch Eigenproduktion im „Oikos“ befriedigt worden (vgl. auch Webers Ausführungen in § 18, unten, S. 312). An der Diskussion über diese Theorie hat sich auch Max Weber beteiligt, vgl. Weber, Die römische Agrargeschichte, MWG I/2, bes. S. 317, und Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, bes. S. 327 f., 727. und mit den zutreffenden Ausführungen K[arl] Büchers58Karl Bücher hat sich – trotz der inzwischen an Rodbertus geäußerten Kritik – diesem im wesentlichen angeschlossen. Im Rahmen seiner Stufenlehre der wirtschaftlichen Entwicklung ordnet er auch die Wirtschaft der Antike der „Stufe der geschlossenen Hauswirtschaft (reine Eigenproduktion, tauschlose Wirtschaft)“ zu. Vgl. Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2, S. 58–86. zusammenzuhalten).

[272]3. Keineswegs alle Erwerbsbetriebe mit Kapitalrechnung waren und sind „doppelseitig“ marktorientiert in dem Sinn, daß sie sowohl die Beschaffungsmittel auf dem Markt kaufen, wie die Produkte (oder Endleistungen) dort anbieten. Steuerpacht und Finanzierungen verschiedenster Art werden mit Kapitalrechnung betrieben, ohne das letztere zu tun. Die sehr wichtigen Konsequenzen sind später zu erörtern.59[272]In Kap. II, § 32, unten, S. 379, und Kap. III, § 9a, unten, S. 486, stellt Weber die Steuerpacht in den Zusammenhang seiner Überlegungen zum „politischen Kapitalismus“. Dies ist dann: nicht marktmäßiger kapitalrechnungsmäßiger Erwerb.

4. Erwerbstätigkeit und Erwerbsbetrieb sind hier, aus Zweckmäßigkeitsgründen, geschieden. Erwerbstätig ist jeder, der in einer bestimmten Art tätig ist mindestens auch, um Güter (Geld oder Naturalgüter), die er noch nicht besitzt, neu zu erwerben. Also der Beamte60Max Weber verwendet den Begriff „Beamter“ für Inhaber sehr verschiedener Ämter. Hier sind alle Arbeitnehmer von privaten Unternehmen gemeint, die nicht Lohnarbeiter sind. Das entsprach gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich der Begriff Angestellter noch nicht durchgesetzt hatte, dem Sprachgebrauch. Vgl. Potthoff, Heinz, Privatbeamte, in: HdStW3, Band 6, 1910, S. 1208–1218. und Arbeiter nicht minder als der Unternehmer. Markt-Erwerbsbetrieb aber wollen wir nur eine solche Art von Erwerbstätigkeit nennen, welche kontinuierlich an Marktchancen orientiert ist, indem sie Güter als Erwerbsmittel darauf verwendet, um a) durch Herstellung und Absatz begehrter Güter, – oder b) um durch Darbietung begehrter Leistungen Geld zu ertauschen, es sei durch freien Tausch oder durch Ausnutzung appropriierter Chancen, wie in den in der vorigen Nummer bezeichneten Fällen. Nicht „erwerbstätig“ ist im Sinn dieser Terminologie der Besitz-Rentner jeder Art, mag er noch so rational mit seinem Besitz „wirtschaften“.

5. So selbstverständlich theoretisch festzuhalten ist, daß die je nach dem Einkommen sich gestaltenden Grenznutzen-Schätzungen der letzten Konsumenten die Rentabilitätsrichtung der Güterbeschaffungs-Erwerbsbetriebe bestimmen, so ist soziologisch doch die Tatsache nicht zu ignorieren: daß die kapitalistische Bedarfsdeckung a) Bedürfnisse neu „weckt“s[272]A: „weckt“, und alte verkümmern läßt, – b) in hohem Maß, durch ihre aggressive Reklame, Art und Maß der Bedarfsdeckung der Konsumenten beeinflußt.61Max Weber bezieht sich auf das oben, S. 261 f., Ausgeführte; vgl. dort auch Hg.-Anm. 36. Es gehört dies geradezu zu ihren wesentlichen Zügen. Richtig ist: daß es sich dabei meist um Bedürfnisse nicht ersten Dringlichkeitsgrades handelt. Indessen auch die Art der Ernährung und Wohnung wird in einer kapitalistischen Wirtschaft sehr weitgehend durch die Anbieter bestimmt.

[273]§ 12. Naturalrechnung kann in den verschiedensten Kombinationen vorkommen. Man spricht von Geldwirtschaft im Sinn einer Wirtschaft mit typischem Geldgebrauch und also: Orientierung an geldgeschätzten Marktlagen, von Naturalwirtschaft im Sinn von Wirtschaft ohne Geldgebrauch, und kann darnach die historisch gegebenen Wirtschaften je nach dem Grade ihrer Geld- oder Naturalwirtschaftlichkeit scheiden.

Naturalwirtschaft aber ist nichts Eindeutiges, sondern kann sehr verschiedener Struktur sein. Sie kann

  1. absolut tauschlose Wirtschaft bedeuten oder
  2. eine Wirtschaft mit Naturaltausch ohne Gebrauch von Geld als Tauschmittel.

Im ersten Fall (a) kann sie sowohl

[A 54]α. eine 1. vollkommunistisch oder eine 2. genossenschaftlich (mit Anteilsrechnung) wirtschaftende Einzelwirtschaft und in beiden Fällen ohne alle Autonomie oder Autokephalie einzelner Teile: geschlossene Hauswirtschaft,62[273]Max Weber übernimmt den Begriff von Karl Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2, S. 58 ff. sein, wie

ß. eine Kombination verschiedener sonst autonomer und autokephaler Einzelwirtschaften, alle belastet mit naturalen Leistungen an eine (für herrschaftliche oder für genossenschaftliche Bedürfnisse bestehende) Zentralwirtschaft: Naturalleistungswirtschaft („Oikos“,63Anders als Karl Bücher unterscheidet Max Weber „geschlossene Hauswirtschaft“ und „Oikos“. Während erstere von Weber auch als „autonome ,Einheitswirtschaft‘“ bezeichnet wird (vgl. unten, S. 309, ist „Oikos“ für ihn ein aus Einzelwirtschaften bestehender, autoritär geleiteter Großhaushalt, wie z. B. der des ägyptischen Pharao. Ausführlich hierzu Weber, Hausgemeinschaften, in: MWG I/22-1, S. 155–161; auch Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 196, 198 und 203. streng leiturgischer64Zum Begriff „leiturgisch“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 746. politischer Verband).

In beiden Fällen kennt sie, im Fall der Reinheit des Typus (oder soweit dieser reicht)[,] nur Naturalrechnung.t[273]Absatz fehlt in A.

Im zweiten Fall (b) kann sie

α. Naturalwirtschaft mit reinem Naturaltausch ohne Geldgebrauch und ohne Geldrechnung (reine Naturaltauschwirtschaft) sein oder

[274]ß. Naturaltauschwirtschaft mit (gelegentlicher oder typischer) Geldrechnung (typisch im alten Orient nachweisbar,65[274]Für Beispiele im alten Orient vgl. Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 395, 402, 420. aber sehr verbreitet gewesen).

Für die Probleme der Naturalrechnung bietet nur der Fall a, α in seinen beiden Formen oder aber eine solche Gestaltung des Falles a, ß Interesse, bei welcher die Leiturgien in rationalen Betriebseinheiten abgeleistet werden, wie dies bei Aufrechterhaltung der modernen Technik bei einer sog. „Vollsozialisierung“66Max Weber definiert „Vollsozialisierung“ unten, S. 291, als „rein haushaltsmäßige Planwirtschaft“. Zu dem u. a. von Otto Neurath in der aktuellen Sozialisierungsdiskussion vertretenen Konzept der „Vollsozialisierung“ im Unterschied zu den vielen Formen von „Teilsozialisierung“ vgl. Heimann, Eduard, Die Sozialisierung, in: AfSSp, Band 45, Heft 3, 1919, S. 527–590, insbes. S. 557–563. Zu Neurath vgl. unten, S. 280. unvermeidlich wäre.

Alle Naturalrechnung ist ihrem innersten Wesen nach am Konsum: Bedarfsdeckung, orientiert. Selbstverständlich ist etwas dem „Erwerben“ ganz Entsprechendes auf naturaler Basis möglich. Entweder so, daß a) bei tauschloser Naturalwirtschaft: verfügbare naturale Beschaffungsmittel und Arbeit planvoll zur Güterherstellung oder Güterherbeischaffung verwendet werden auf Grund einer Rechnung, in welcheru[274]A: welchem der so zu erzielende Zustand der Bedarfsdeckung mit dem ohne diese oder bei einer andern Art der Verwendung bestehenden verglichen und als haushaltsmäßig vorteilhafter geschätzt wird. Oder daß b) bei Naturaltauschwirtschaft im Wege des streng naturalen Abtauschs und Eintauschs (eventuell: in wiederholten Akten) eine Güterversorgung planmäßig erstrebt wird, welche, mit der ohne diese Maßregeln vorher bestehenden verglichen, als eine ausgiebigere Versorgung von Bedürfnissen bewertet wird. Nur bei Unterschieden qualitativ gleicher Güter aber kann dabei eine ziffermäßige Vergleichung eindeutig und ohne ganz subjektive Bewertung durchgeführt werden. Natürlich kann man typische Konsum-Deputate zusammenstellen, wie sie den Naturalgehalts- und Naturalpfründen-Ordnungen besonders des Orients zugrunde [275]lagen (sogar Gegenstände des Tauschverkehrs, wie unsre Staatspapiere, wurden).67[275]Über Naturaldeputate zur Alimentierung der Beamten und Arbeiter, die u.U. – auch in Bruchteilen – handelbar und so Vorläufer moderner Staatsschuldpapiere waren, vgl. Weber, Patrimonialismus, MWG I/22-4, S. 296. Bei typisch sehr gleichartigen Gütern (Niltal-Getreide) war Lagerung mit Giroverkehr (wie in Ägypten) natürlich technisch ebenso möglich,68Ägyptische „Getreidegirobanken“ erwähnt Weber auch in der Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“. Bauern lieferten nicht nur ihre Naturalabgaben, sondern ihre gesamte Produktion an die Speicher des Pharao, um dann „Schecks“ darauf zu ziehen (vgl. Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 145). Wie dort aus einer Nachschrift hervorgeht (ebd., S. 439), hat Weber als Quelle genannt: Preisigke, Friedrich, Girowesen im griechischen Ägypten, enthaltend Korngiro, Geldgiro, Girobanknotariat mit Einschluß des Archivwesens. Ein Beitrag zur Geschichte des Verwaltungsdienstes im Altertum. – Straßburg: Schlesier & Schweikhardt 1910. wie für Silberbarren bei Bankowährungen.69Banco/Banko-Geld war in Deutschland eine bis 1873 gebräuchliche Verrechnungseinheit (Mark Banco) für den bargeldlosen Zahlungsverkehr auf der Grundlage von bei der Hamburger Girobank errichteten Edelmetalldepots. Eine entsprechend durch Umbuchungen zirkulierende Mark-Valuta gab es bis 1874 auch in Schweden. Max Weber verallgemeinert den Begriff, so daß dieser – wie in China – auch durch Edelmetall gedeckte Zertifikate von Bankiers umfaßt. Vgl. unten, S. 371 mit Hg.-Anm. 61 sowie S. 373 mit Hg.-Anm. 67. Ebenso kann (und dies ist wichtiger) ziffermäßig der technische Erfolg eines bestimmten Produktionsprozesses ermittelt und mit technischen Prozessen anderer Art verglichen werden. Entweder, bei gleichem Endprodukt, nach der Art des Beschaffungsmittelbedarfs nach Art und Maß. Oder, bei gleichen Beschaffungsmitteln, nach den – bei verschiedenem Verfahren – verschiedenen Endprodukten. Nicht immer, aber oft, ist hier ziffermäßiger Vergleich für wichtige Teilprobleme möglich. Das Problematische der bloßen „Rechnung“ beginnt aber, sobald Produktionsmittel verschiedener Art und mehrfacher Verwendbarkeit oder qualitativ verschiedene Endprodukte in Betracht kommen.

Jeder kapitalistische Betrieb vollzieht allerdings in der Kalkulation fortwährend Naturalrechnungsoperationen: Gegeben ein Webstuhl bestimmter Konstruktion, Kette und Garn70Weber meint hier das „Schuß-Garn“. Vgl. dazu die nachfolgende Erläuterung. bestimmter Qualität. Festzustellen: bei gegebener Leistungsfähigkeit der Maschinen, gegebenem Feuchtigkeitsgehalt der Luft, gegebenem Kohlen-, Schmieröl-, Schlichtmaterial- usw. Verbrauch: die [276]Schußzahl pro Stunde und Arbeiter, – und zwar für den einzelnen Arbeiter – und darnach das Maß der in der Zeiteinheit von ihm fälligen Einheiten des erstrebten Produkts.71[276]Im Webstuhl werden die längsverlaufenden Kettfäden (Kette) mit den querverlaufenden Schußfäden (Weber nennt sie „Garn“) verwoben. Die Schußzahl gibt an, wie oft der Weber in einer Zeiteinheit die Garnspule mit dem Schußfaden durch die geöffneten Fächer der Kettfäden „schießt“. – Max Weber hat einen Leinenwebereibetrieb bei seinen Verwandten in Oerlinghausen kennengelernt und die hier gewonnenen Erfahrungen in die Serie seiner 1908/09 veröffentlichten Literaturberichte über die „Psychophysik der industriellen Arbeit“ eingearbeitet. Vgl. Weber, Psychophysik, MWG I/11, S. 162 ff., und Weber, Marianne, Lebensbild, S. 397 f. Derartiges [A 55]ist für Industrien mit typischen Abfall- oder Nebenprodukten ohne jede Geldrechnung feststellbar, und wird auch so festgestellt. Ebenso kann, unter gegebenen Verhältnissen, der bestehende normale Jahresbedarf des Betriebes an Rohstoffen, bemessen nach seiner technischen Verarbeitungsfähigkeit, die Abnutzungsperiode für Gebäude und Maschinen, der typische Ausfall durch Verderb oder andern Abgang und Materialverlust naturalrechnungsmäßig festgestellt werden, und dies geschieht. Aber: die Vergleichung von Produktionsprozessen verschiedener Art und mit Beschaffungsmitteln verschiedener Art und mehrfacher Verwendbarkeit erledigt die Rentabilitätsrechnung der heutigen Betriebe für ihre Zwecke spielend an der Hand der Geldkosten, während für die Naturalrechnung hier schwierige, „objektiv“ nicht zu erledigende, Probleme liegen. Zwar – scheinbar ohne Not – nimmt die tatsächliche Kalkulation in der Kapitalrechnung eines heutigen Betriebs die Form der Geldrechnung tatsächlich schon ohne diese Schwierigkeiten an.v[276]A: an, Aber mindestens zum Teil nicht zufällig. Sondern z. B. bei den „Abschreibungen“ deshalb, weil dies diejenige Form der Vorsorge für die Zukunftsbedingungen der Produktion des Betriebes ist, welche die maximal anpassungsbereite Bewegungsfreiheit (die ja bei jeder realen Aufspeicherung von Vorräten oder gleichviel welchen anderen rein naturalen Vorsorgemaßregeln ohne dieses Kontrollmittel irrational und schwer gehemmt wäre) mit maximaler Sicherheit verbindet.72„Abschreibung“ (vom Ausgangswert) wird die rechnerische Berücksichtigung der im Laufe der Nutzungsdauer von betrieblichen Anlagegegenständen durch Verschleiß [277]oder auf andere Weise eintretenden Wertminderungen genannt. Unmittelbar dienen Abschreibungen der korrekten Ermittlung des Periodengewinns. Vorsorge für die Aufrechterhaltung der Produktionskapazität in der Zukunft kann dadurch getroffen werden, daß die Abschreibungssummen in der Bilanz einem „Erneuerungsfonds“ bzw. einer (offenen) „Rücklage“ zugeführt werden. Es ist schwer abzusehen, welche [277]Form denn bei Naturalrechnung „Rücklagen“ haben sollten, die nicht spezifiziert wären. Ferner aber ist innerhalb eines Unternehmens die Frage: ob und welche seiner Bestandteile, rein technisch-natural angesehen, irrational (= unrentabel) arbeiten und weshalb?[,] d. h. welche Bestandteile des naturalen Aufwandesw[277]A: Aufwandes, (kapitalrechnerisch: der „Kosten“)xA: „Kosten“), zweckmäßigerweise erspart oder, und vor allem: anderweit rationaler verwendet werden könnten? zwar relativ leicht und sicher aus einer Nachkalkulation der buchmäßigen „Nutzen“- und „Kosten“-Verhältnisse in Geld, – wozu als Index auch die Kapitalzinsbelastung des Kontos gehört,73Gemeint ist vermutlich, daß ein Zins auf die eingesetzten Kapitalgüter zu berechnen wäre, wie dies ebenfalls Friedrich von Wieser im Falle eines naturalwirtschaftlich organisierten „sozialen Musterstaats“ unter planwirtschaftlicher Leitung für erforderlich hält (vgl. Wieser, Theorie, S. 144 und 224 ff.). Die Bedeutung von „Index“ in diesem Zusammenhang ist unklar. – äußerst schwer aber und überhaupt nur in sehr groben Fällen und Formen durch Naturalrechnung gleichviel welcher Art zu ermitteln. (Es dürfte sich schon hierbei nicht um zufällige, durch „Verbesserungen“ der Rechnungsmethode zu lösende, sondern um prinzipielle Schranken jedes Versuchs wirklich exakter Naturalrechnung handeln. Doch könnte dies immerhin bestritten werden, wenn auch natürlich nicht mit Argumenten aus dem Taylor-System und mit der Möglichkeit, durch irgendwelche Prämien- oder Point-Rechnung „Fortschritte“ ohne Geldverwendung zu erzielen.74Der amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor, Begründer der wissenschaftlichen Betriebslehre, hat ein System der Steuerung von Arbeitsabläufen entwickelt, das unter dem Namen Taylorismus auch in Deutschland große Beachtung gefunden hat. Im Zentrum standen Zeit- und Bewegungsstudien zur Leistungsmessung und ein darauf aufbauendes Entlohnungs-, Prämien- und Kontrollsystem (vgl. Taylor, Frederick Winslow, The Principies of Scientific Management. – New York, London: Harper & Brothers 1911; dt.: Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung, übersetzt und hg. von Rudolf Roesler. – München, Berlin: Oldenbourg 1913). Max Weber bezieht sich wahrscheinlich auf Ausführungen von Otto Neurath (zu diesem unten, S. 280). Dieser hat dem Taylor-System und seinen speziellen Methoden des Leistungsanreizes [278]eine Rolle auch in einer auf Naturalrechnung gegründeten Wirtschaft zugewiesen. Vgl. Neurath, Kriegswirtschaft, S. 217 und 224. Die Frage wäre ja gerade: [278]wie man entdeckt, an welcher Stelle eines Betriebs diese Mittel eventuell in Ansatz zu bringen wären, weil gerade an dieser Stelle noch zu beseitigende Irrationalitäten stecken, – die ihrerseits exakt zu ermitteln die Naturalrechnung eben auf Schwierigkeiten stößt, welche einer Nachkalkulation durch Geldrechnung nicht erwachsen). Die Naturalrechnung als Grundlage einer Kalkulation in Betrieben (die bei ihr als heterokephale und heteronome Betriebe einer planwirtschaftlichen Leitung der Güterbeschaffung zu denken wären) findet ihre Rationalitätsgrenze am Zurechnungsproblem, welches für sie ja nicht in der einfachen Form der buchmäßigen Nachkalkulation, sondern in jener höchst umstrittenen Form auftritt, die es in der „Grenznutzlehre“ besitzt.75Im Anschluß an Carl Menger haben u. a. Eugen von Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser die von Menger nicht überzeugend behandelte Frage zu beantworten gesucht, nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich die Anteile bestimmen, die vom (grenznutzentheoretisch bestimmten) Wert der Produkte den zu ihrer Erzeugung dienenden Produktionsmitteln „zuzurechnen“ seien. Die verschiedenen vorgeschlagenen Lösungen blieben umstritten, wie auch die von einer anderen theoretischen Basis, nämlich der Grenzproduktivitätstheorie, aus entwickelten Lösungen des „Zurechnungsproblems“. Vgl. Mayer, Hans, Zurechnung: in: HdStW4, Band 8, 1928, S. 1206–1228. Die Naturalrechnung müßte ja zum Zwecke der rationalen Dauerbewirtschaftung von Beschaffungsmitteln „Wert-Indices“ für die einzelnen Objekte ermitteln, welche die Funktion der „Bilanz-Preise“ in der heutigen Kalkulation zu übernehmen hätten. Ohne daß abzusehen wäre, wie sie denn entwickelt und kontrolliert werden könnten: einerseits für jeden Betrieb (standortmäßig) verschieden, andrerseits einheitlich unter Berücksichtigung der „gesellschaftlichen Nützlichkeit“, d. h. des (jetzigen und künftigen) Konsumbedarfs?

Mit der Annahme, daß sich ein Rechnungssystem „schon finden“ bzw. erfinden lassen werde, wenn man das Problem der geldlosen Wirtschaft nur resolut anfasse, [A 56]ist hier nicht geholfen: das Problem ist ein Grundproblem aller „Vollsozialisierung“, und von einer rationalen „Planwirtschaft“ jedenfalls kann keine Rede sein, solange in dem alles entscheidenden Punkt kein Mittel zur rein rationalen Aufstellung eines „Planes“ bekannt ist.76Max Weber definiert „Planwirtschaft“ unten, S. 288.

[279]Die Schwierigkeiten der Naturalrechnung wachsen weiter, wenn ermittelt werden soll: ob ein gegebener Betrieb mit konkreter Produktionsrichtung an dieser Stelle seinen rationalen Standort habe oder – stets: vom Standpunkt der Bedarfsdeckung einer gegebenen Menschengruppe – an einer andern, möglichen, Stelle, und ob ein gegebener naturaler Wirtschaftsverband vom Standpunkt rationalster Verwendung der Arbeitskräfte und Rohmaterialien, die ihm verfügbar sind, richtiger durch „Kompensationstausch“ mit andern oder durch Eigenherstellung sich bestimmte Produkte beschafft. Zwar sind die Grundlagen der Standortsbestimmung natürlich rein naturale, und auch ihre einfachsten Prinzipien sind in Naturaldaten formulierbar (s. darüber Alfred Weber in diesem Grundriß).77[279]Gemeint ist: Weber, Alfred, Standortslehre. Aber die konkrete Feststellung: ob nach den an einem konkreten Ort gegebenen standortswichtigen Umständen ein Betrieb mit einer bestimmten Produktionsrichtung oder ein anderer mit einer modifizierten rational wäre, ist – von absoluter Ortsgebundenheit durch Monopolrohstoffvorkommen abgesehen – naturalrechnungsmäßig nur in ganz groben Schätzungen möglich, geldrechnungsmäßig aber trotz der Unbekannten, mit denen stets zu rechnen ist, eine im Prinzip stets lösbare Kalkulationsaufgabe. Die davon wiederum verschiedene Vergleichung endlich der Wichtigkeit, d. h. Begehrtheit, spezifisch verschiedener Güterarten, deren Herstellung oder Eintausch nach den gegebenen Verhältnissen gleich möglich ist: ein Problem, welches in letzter Linie in jede einzelne Betriebskalkulation mit seinen Konsequenzen hineinreicht, unter Geldrechnungsverhältnissen die Rentabilität entscheidend bestimmt und damit die Richtung der Güterbeschaffung der Erwerbsbetriebe bedingt, ist für eine Naturalrechnung prinzipiell überhaupt nur löslich in Anlehnung entweder: an die Tradition, oder: an einen diktatorischen Machtspruch, der den Konsum eindeutig (einerlei ob ständisch verschieden oder egalitär) reguliert und: Fügsamkeit findet. Auch dann aber bliebe die Tatsache bestehen: daß die Naturalrechnung das Problem der Zurechnung der Gesamtleistung eines [280]Betriebes zu den einzelnen „Faktoren“ und Maßnahmen nicht in der Art zu lösen vermag, wie dies die Rentabilitätsrechnung in Geld nun einmal leistet, daß also gerade die heutige Massenversorgung durch Massenbetriebe ihr die stärksten Widerstände entgegenstellt.

1. Die Probleme der Naturalrechnung sind anläßlich der „Sozialisierungs“ – Tendenzen in letzter Zeit,78[280]Zu einer Frage der praktischen Politik ist die Idee der Sozialisierung erst am Ende des Weltkriegs geworden. Zu den unterschiedlichen Konzepten und den konkreten Durchsetzungsversuchen vgl. Novy, Klaus, Strategien der Sozialisierung. Die Diskussion der Wirtschaftsreform in der Weimarer Republik. – Frankfurt a. Μ.: Campus 1978. besonders eindringlich von Dr. O[tto] Neurath, in seinen zahlreichen Arbeiten,79Vgl. Neurath, Kriegswirtschaft; Neurath, Vollsozialisierung, und Neurath, System der Sozialisierung. Der 1917 in Heidelberg habilitierte Privatdozent Otto Neurath war herausragender nicht-marxistischer Vertreter der Idee einer „Vollsozialisierung“. Er war vom 31. März bis 14. Mai 1919 Leiter des auf seinen Vorschlag hin in Bayern errichteten Zentralwirtschaftsamts. Über Webers Verhältnis zu Neurath und seine Einschätzung von dessen Planwirtschaftsidee vgl. Weber, Zeugenaussage im Prozeß gegen Otto Neurath, MWG I/16, S. 492–495, einschließlich des Editorischen Berichts, und den Brief Max Webers an Otto Neurath vom 4. Oktober 1919, in: MWG II/10, S. 798 ff. Vgl. auch Merz, Johannes, Zur Sozialisierungsbewegung 1918/19. Konzeption und Wirksamkeit Otto Neuraths in Österreich, Sachsen und Bayern, in: Historisches Jahrbuch, Jg. 121, 2001, S. 267–285. angeregt worden. Für eine „Vollsozialisierung“, d. h. eine solche, welche mit dem Verschwinden effektiver Preise rechnet, ist das Problem in der Tat durchaus zentral. (Seine rationale Unlösbarkeit würde, wie ausdrücklich bemerkt sei, nur besagen: was alles, auch rein ökonomisch, bei einer derartigen Sozialisierung „in den Kauf zu nehmen“ wäre, nie aber die „Berechtigung“ dieses Bestrebens, sofern es sich eben nicht auf technische, sondern, wie aller Gesinnungs-Sozialismus, auf ethische oder andre absolute Postulate stützt, „widerlegen“ können: – was keine Wissenschaft vermag. Rein technisch angesehen, wäre aber die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß auf Gebieten mit nur auf der Basis exakter Rechnung zu unterhaltender Volksdichte die Grenze der möglichen Sozialisierung nach Form und Umfang durch den Fortbestand effektiver Preise gegeben wäre. Doch gehört das nicht hierher. Nur sei bemerkt: daß die begriffliche Scheidung von „Sozialismus“ und „Sozialreform“, wenn irgendwo, dann gerade hier liegt.)80Max Weber erläutert den Unterschied unten, S. 282.

2. Es ist natürlich vollkommen zutreffend, daß „bloße“ Geldrechnungen, sei es von Einzelbetrieben, sei es noch so vieler oder selbst aller Einzelbetriebe[,] und daß auch die umfassendste Güterbewegungsstatistik usw. in Geld noch gar nichts über die Art der Versorgung einer gegebenen Menschengruppe mit dem, was sie letztlich benötigt: Naturalgütern, aussagen, [281]daß ferner die vielberedeten „Volksver[A 57]mögens“-Schätzungen in Geld81[281]Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts sind zahlreiche Schätzungen des deutschen Volksvermögens vorgelegt worden (vgl. Winkler, Wilhelm, Volksvermögen, in: HdStW4, Band 8, 1929, S. 770–786). Vielberedet waren derartige Rechnungen, seit im Friedensvertrag von Versailles in den Artikeln 231–247 die Pflicht Deutschlands zur Wiedergutmachung von Schäden festgelegt worden war und nach Kriterien für die Zahlungsfähigkeit des Reiches gesucht wurde. – Bereits in seinen frühen Vorlesungen hat Weber die Rede von einem Volks- oder Nationalvermögen kritisiert; vgl. Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1, S. 305; Weber, Erstes Buch. Die begrifflichen Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, MWG III/1, S. 152. nur soweit ernst zu nehmen sind, als sie fiskalischen Zwecken dienen (und also: nur das steuerbare Vermögen feststellen). Für Einkommensstatistiken in Geld gilt jedoch das gleiche, auch vom Standpunkt der naturalen Güterversorgung, schon bei weitem nicht in gleichem Maße, wenn die Güterpreise in Geld statistisch bekannt sind. Nur fehlt auch dann jegliche Möglichkeit einer Kontrolle unter materialen Rationalitätsgesichtspunkten. Richtig ist ferner (und an dem Beispiel der römischen Campagna von Sismondi und W[erner] Sombart vortrefflich dargelegt),y[281]A: dargelegt:), daß befriedigende Rentabilität (wie sie die höchst extensive Campagna-Wirtschaft zeigte, und zwar für alle Beteiligten) in zahlreichen Fällen nicht das mindeste mit einer, vom Standpunkt optimaler Nutzung gegebener Güterbeschaffungsmittel für einen Güterbedarf einer gegebenen Menschengruppe befriedigenden Gestaltung der Wirtschaft gemein hat;82Gemeint sind: Sismondi, Études II, S. 1–79 und 80–141 (= 11. Essay „Comment rappeler la population et la culture dans la campagne de Rome); Sombart, Römische Campagna. Die römische Campagna war ein dünn besiedeltes, größten Teils aus Weideland bestehendes Gebiet. Wie Sismondi und Sombart herausgefunden haben, war das hier entwickelte System extensiver Bewirtschaftung für die Eigentümer riesiger Ländereien und deren Großpächter rentabel. Beide Autoren haben den Gegensatz von privatwirtschaftlicher Rentabilität und ethisch-politischen Zielsetzungen betont. – Auf Sombarts Studie hat sich Weber in seiner Debattenrede auf der Tagung des Vereins für Sozialpolitik berufen, um die Problematik des Begriffs „Volkswohlstand“ zu erörtern. Vgl. Weber, Max, [Über die Produktivität der Volkswirtschaft], in: Verhandlungen des Vereins für Socialpolitik, Generalversammlung in Wien, 27., 28. und 29. September 1909 (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Band 132). – Leipzig: Duncker & Humblot 1910, S. 580–585, 603–607 (MWG I/12), hier S. 581. die Art der AppropriationaA: Appropriation, (insbesondre – wie, insoweit, F[ranz] Oppenheimer schlechthin zuzugeben ist: – der Bodenappropriation,83Im Zentrum der Lehre Franz Oppenheimers steht die Idee, daß die ursprünglich aus Gewalt erwachsenen Eigentumsrechte an Boden Quelle dauerhafter Monopol-Renten seien. Wegen der damit verbundenen Folgen für die Lage der Arbeiter sei die „Bodensperre“ das Grundübel des modernen Kapitalismus. Vgl. Oppenheimer, Großgrundeigentum; Oppenheimer, Theorie, S. 254–289. aber freilich: nicht nur dieser)bA: dieser), stiftet Renten- und Verdienstchancen mannigfacher Art, welche die Entwicklung zur [282]technisch optimalen Verwertung von Produktionsmitteln dauernd obstruieren können. (Allerdings ist dies sehr weit davon entfernt, eine Eigentümlichkeit gerade der kapitalistischen Wirtschaft zu sein: – insbesondre die vielberedeten Produktionseinschränkungen im Interesse der Rentabilität beherrschten gerade die Wirtschaftsverfassung des Mittelalters restlos,84[282]Daß es zum Wesen der mittelalterlichen Zünfte gehörte, die Produktion zu regulieren, war unumstritten. Umstritten war der Charakter des Monopolismus der Zünfte. Werner Sombart sah das Handwerk vom „Bedarfsdeckungsprinzip“, der „Idee der Nahrung“, beherrscht. Seine Kritiker (u. a. Georg von Below, Lujo Brentano, Gustav Schmoller) betonten die Evidenz von Erwerbsorientierung. Vgl. hierzu unten, S. 313 f., Hg.-Anm. 76. „Rentabilität“ hat Max Weber oben, S. 260 und 268, in einer Weise definiert, die die Verwendung des Begriffs hier problematisch erscheinen läßt. und die Machtstellung der Arbeiterschaft in der Gegenwart kann Ähnliches zeitigen. Aber unstreitig existiert der Tatbestand auch in ihrer Mitte.) – Die Tatsache der Statistik von Geldbewegungen oder in Form von Geldschätzungen hat aber doch die Entwicklung einer Naturalstatistik nicht etwa, wie man nach manchen Ausführungen glauben sollte, gehindert, man mag nun von idealen Postulaten aus deren Zustand und Leistungen im übrigen tadeln wie immer. Neun Zehntel und mehr unserer Statistik sind nicht Geld-, sondern Naturalstatistik.85Die Begriffe „Geldstatistik“ und „Naturalstatistik“ sind keine eingeführten Fachbegriffe. Die Amtsstatistik unterscheidet zwischen Angaben in Mengen und Werten bzw. Preisen. Im Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich, 35. Jg., 1914, entfallen fast 50 Prozent der Seiten auf Tabellen mit Werten bzw. Preisen. Berücksichtigt man die umfangreichen Angaben zum auswärtigen Handel nicht, verbleiben noch gut 30 Prozent für „Geldstatistik“. Im ganzen hat die Arbeit einer vollen Generation letztlich fast nichts andres getan, als eine Kritik der Leistungen der reinen Rentabilitäts-Orientiertheit der Wirtschaft für die naturale Güterversorgung (denn darauf lief alle und jede Arbeit der sog. „Kathedersozialisten“86Der Begriff „Kathedersozialismus“ ist ein 1871 von Heinrich Bernhard Oppenheim geprägter Spottname für Professoren, die sich für Eingriffe des Staates auf dem Gebiet der Sozial- und Wirtschaftspolitik aussprachen. „Kathedersozialist“ ist alsbald von den Betroffenen, die sich im Verein für Socialpolitik engagiert hatten, als ehrenvolle Selbstbezeichnung übernommen worden. Vgl. Lexis, Wilhelm, Kathedersozialismus, in: HdStW3, Band 5, 1910, S. 804–806. doch letztlich, und zwar ganz bewußt, hinaus): nur hat sie allerdings als Beurteilungsmaßstab eine sozialpolitisch – und das heißt im Gegensatz gegen die Naturalrechnungswirtschaft: eine an fortbestehenden effektiven Preisen – orientierte Sozialreform, nicht eine Vollsozialisierung, für das (sei es derzeit, sei es definitiv) in Massenwirtschaften allein mögliche angesehen. Diesen Standpunkt für eine „Halbheit“ zu halten,87Möglicherweise bezieht sich Max Weber auf Otto Neurath, der vor „Unsicherheit und Halbheit“ warnt. Vgl. Neurath, Otto, Wesen und Weg der Sozialisierung, in: Neurath, Kriegswirtschaft, S. 218. steht [283]natürlich frei; nur war er an sich nicht in sich widersinnig. Daß den Problemen der Naturalwirtschaft und insbesondre der möglichen Rationalisierung der Naturalrechnung nicht sehr viel Aufmerksamkeit, jedenfalls im ganzen nur historische, nicht aktuelle, Beachtung geschenkt worden ist, trifft zu. Der Krieg hat – wie auch in der Vergangenheit jeder Krieg – diese Probleme in Form der Kriegs- und Nachkriegs-Wirtschaftsprobleme mit gewaltiger Wucht aufgerollt. (Und unzweifelhaft gehört zu den Verdiensten des Herrn Dr. O[tto] Neurath eine besonders frühe und eindringliche, im einzelnen sowohl wie im Prinzipiellen gewiß bestreitbare, Behandlung eben dieser Probleme.88[283]Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat Otto Neurath für eine „Kriegswirtschaftslehre“ als Sonderdisziplin neben der auf die Verkehrswirtschaft konzentrierten Nationalökonomie geworben (vgl. Neurath, Otto, Die Kriegswirtschaftslehre als Sonderdisziplin, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Band 1, 1913, S. 343–348). Dieser und weitere Beiträge zur theoretischen und praktischen Behandlung der Kriegswirtschaft sind veröffentlicht in: Neurath, Kriegswirtschaft. Max Weber hatte Neurath für die Abfassung eines Artikels über die Kriegswirtschaft für den GdS ins Auge gefaßt; vgl. den Brief Max Webers an Paul Siebeck, vor dem 14. April 1916, in: MWG II/9, S. 384 f. Daß „die Wissenschaft“ zu seinen Formulierungen wenig Stellung genommen habe,89 Max Weber bezieht sich möglicherweise auf die Feststellung Neuraths: „Jedenfalls haben wir gesehen, daß eine ganze Reihe von Erscheinungen den Eindruck erweckt, die naturale Verwaltungswirtschaft sei in der Ausdehnung begriffen […]. Wenn all das heute von der Wissenschaft nicht beachtet wird, so erklärt sich dies ähnlich, wie die anfangs erwähnte Nichtverwendung der Erfahrungen der Napoleonischen Zeit. Spricht die gegenwärtige Wirtschaftslehre von Naturalwirtschaft, so tut sie dies meist nur mit einem mitleidigen Achselzucken“. Vgl. Neurath, Otto, Krieg und Naturalwirtschaft. Vortrag, gehalten am 27.3.1917 in der 243. Plenarversammlung der Gesellschaft österreichischer Volkswirte, in: Jahrbuch der Gesellschaft österreichischer Volkswirte, Wien, 1918, S. 43–51; wieder abgedruckt in: Neurath, Otto, Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften, Teil II (Gesamtausgabe, Band 5), hg. von Rudolf Haller und Ulf Höfer. – Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1998, S. 582 (Hervorhebung im Original). ist insofern nicht erstaunlich, als bisher nur höchst anregende, aber doch mehr Kapitelüberschrift-artige Prognosen vorliegen, mit denen eine eigentliche „Auseinandersetzung“ schwer ist. Das Problem beginnt da, wo seine öffentlichen Darlegungen – bisher – enden).

3. Die Leistungen und Methoden der Kriegswirtschaft können nur mit großer Vorsicht für die Kritik auch der materialen Rationalität einer Wirtschaftsverfassung verwendet werden. Kriegswirtschaft ist an einem (im Prinzip) eindeutigen Zwecke orientiert und in der Lage, Machtvollkommenheiten auszunutzen, wie sie der Friedenswirtschaft nur bei „Staatssklaverei“ der „Untertanen“ zur Verfügung stehen. Sie ist ferner „Bankerotteurswirtschaft“ ihrem innersten Wesen nach: der überragende Zweck läßt fast jede Rücksicht auf die kommende Friedenswirtschaft schwinden. Es wird nur technisch präzis, ökonomisch aber, bei allen nicht mit völligem Versiegen bedrohten Materialien und vollends mit den Arbeitskräften, nur [284]im groben „gerechnet“c[284]A: gerechnet“. Die Rechnungen haben daher vorwiegend (nicht: ausschließlich) technischen Charakter; soweit sie wirtschaftlichen Charakter haben, d. h. die Konkurrenz von Zwecken – nicht nur: von Mitteln zum gegebenen Zweck – berücksichtigen, begnügen sie sich mit (vom Standpunkt jeder genauen Geldkalkulation aus gesehen) ziemlich primitiven Erwägungen und Berechnungen nach dem Grenznutzprinzip, sind dem Typus nach „Haushalts“-Rechnungen und haben gar nicht den Sinn, dauernde Rationalität der gewählten Aufteilung von Arbeit und Beschaffungsmitteln zu garantieren. Es ist daher, – so belehrend gerade die Kriegswirtschaft und Nachkriegswirtschaft für die Erkenntnis ökonomischer „Möglichkeiten“ ist, – bedenklich, aus den ihr gemäßen naturalen Rech[A 58]nungsformen Rückschlüsse auf deren Eignung für die Nachhaltigkeits-Wirtschaft des Friedens zu ziehen.

Es ist auf das bereitwilligste zuzugestehen: 1. daß auch die Geldrechnung zu willkürlichen Annahmen genötigt ist bei solchen Beschaffungsmitteln, welche keinen Marktpreis haben (was besonders in der landwirtschaftlichen Buchführung in Betracht kommt), – 2. daß in abgemindertem Maß etwas Ähnliches für die Aufteilung der „Generalunkosten“90[284]Früher gebräuchliche Bezeichnung für Kosten, die nicht für einzelne Aufträge erfaßt werden können und bei der Kalkulation nach Schlüsseln umgelegt werden müssen. Heute: Gemeinkosten. bei der Kalkulation insbesondre von vielseitigen Betrieben gilt, – 3. daß jede, auch noch so rationale, d. h. an Marktchancen orientierte, Kartellierung sofort den Anreiz zur exakten Kalkulation schon auf dem Boden der Kapitalrechnung herabsetzt, weil nur da und soweit genau kalkuliert wird, wo und als eine Nötigung dafür vorhanden ist.91Max Weber verschärft, was er 1911 behutsamer formuliert hat: „Wenn ich in einem Kartell sitze, warum soll ich da eigentlich noch die Kosten kalkulieren? wird sich ein erheblicher Teil der kartellierten Unternehmungen fragen.“ Weber, Probleme der Arbeiterpsychologie, MWG I/11, S. 419. Bei der Naturalrechnung würde aber der Zustand zu 1 universell bestehen, zu 2 jede exakte Berechnung der „Generalunkosten“, welche immerhin von der Kapitalrechnung geleistet wird, unmöglich und, – zu 3 jeder Antrieb zu exakter Kalkulation ausgeschaltet und durch Mittel von fraglicher Wirkung (s. o.)92Kap. II, § 12, oben, S. 273 ff. künstlich neu geschaffen werden müssen. Der Gedanke einer Verwandlung des umfangreichen, mit Kalkulation befaßten Stabes „kaufmännischer Angestellter“ in ein Personal einer Universalstatistik, von der geglaubt wird, daß sie die Kalkulation bei Naturalrechnung ersetzen könne,93Otto Neurath hat mehrfach die Notwendigkeit einer „Universalstatistik“ betont. Sie sollte, als Grundlage für eine naturale Wirtschaftsplanung, jeder Einzelstatistik Sinn und Bedeutung verleihen. Vgl. u. a. Neurath, Kriegswirtschaft, S. 212 und 226 f. verkennt nicht nur die [285]grundverschiedenen Antriebe, sondern auch die grundverschiedene Funktion von „Statistik“ und „Kalkulation“. Sie unterscheiden sich wie Bureaukrat und Organisator.

4. Sowohl die Naturalrechnung wie die Geldrechnung sind rationale Techniken. Sie teilen keineswegs die Gesamtheit alles Wirtschaftens unter sich auf Vielmehr steht daneben das zwar tatsächlich wirtschaftlich orientierte, aber rechnungsfremde Handeln. Es kann traditional orientiert oder affektuell bedingt sein. Alle primitive Nahrungssuche der Menschen ist der instinktbeherrschten tierischen Nahrungssuche verwandt. Auch das voll bewußte, aber auf religiöser Hingabe, kriegerischer Erregung, Pietätsempfindungen und ähnlichen affektuellen Orientierungen ruhende Handeln ist in seinem Rechenhaftigkeitsgrad sehr wenig entwickelt. „Unter Brüdern“ (Stammes-, Gilde-, Glaubens-Brüdern) wird nicht gefeilscht,94[285]In ähnlichem Zusammenhang formuliert Max Weber: „Wo ein Tausch stattfindet, gilt der Satz: ‚Unter Brüdern feilscht man nicht‘, der das rationale ‚Marktprinzip‘ für die Preisbestimmung ausschaltet“. (Vgl. Weber, Hausgemeinschaften, MWG I/22-1, S. 123). Laut Hg.-Anm. 16, ebd., handelt es sich bei dem Zitat um eine sprichwörtliche Abwandlung von Bestimmungen in der Bibel, z. B. 3. Mose 25,14 und 1. Thessaloniker 4,6. im Familien-, Kameraden-, Jüngerkreise nicht gerechnet oder doch nur sehr elastisch, im Fall der Not, „rationiert“: ein bescheidener Ansatz von Rechenhaftigkeit. Über das Eindringen der Rechenhaftigkeit in den urwüchsigen Familienkommunismus s. unten Kap. V.95Ausführungen zu Kapitel V liegen nicht vor; vgl. dazu den Anhang zum Editorischen Bericht, oben, S. 109. Träger des Rechnens war überall das Geld, und dies erklärt es, daß in der Tat die Naturalrechnung technisch noch unentwickelter geblieben ist[,] als ihre immanente Natur dies erzwingt (insoweit dürfte O[tto] Neurath Recht zu geben sein).96Max Weber bezieht sich möglicherweise auf Aussagen Otto Neuraths wie die folgende: „Die bisherige volkswirtschaftliche Theorie steht meist in einem überengen Zusammenhang mit der Geldwirtschaft und hat bisher die Naturalwirtschaft fast ganz vernachlässigt.“ Vgl. Neurath, Otto, Die Naturalwirtschaftslehre und der Naturalkalkül, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Band 1916 II, Heft 2, S. 245–258, Zitat: S. 246.

Während des Druckes erscheint (im Archiv f[ür] Sozialwiss[enschaft] 47) die mit diesen Problemen befaßte Arbeit von L[udwig] Mises.97Gemeint ist: Mises, Wirtschaftsrechnung. Das Archiv-Heft vom April 1920 ist kurz vor Webers Tod ausgeliefert worden. Als Mitherausgeber des AfSSp hat Max Weber wahrscheinlich schon das Manuskript lesen können. Wann es eingereicht worden ist, ist nicht bekannt.

§ 13. Die formale „Rationalität“ der Geldrechnung ist also an sehr spezifische materiale Bedingungen geknüpft, welche hier soziologisch interessieren, vor allem:

[286]1. den Marktkampf1[286]Während die sich um 1900 herausbildende neoklassische Theorie das Modell der „vollkommenen Konkurrenz“ an statischen Gleichgewichts-Märkten in den Mittelpunkt stellt, unterstellt Max Weber, modelltheoretisch gesprochen, oligopolistische Strukturen mit strategischem Verhalten der Marktteilnehmer. (mindestens: relativ) autonomer Wirtschaften. Geldpreise sind Kampf- und Kompromißprodukte, also Erzeugnisse von Machtkonstellationen. „Geld“ ist keine harmlose „Anweisung auf unbestimmte Nutzleistungen“,2Friedrich Bendixen bezeichnete „Geld [als] eine Anweisung seines Besitzers auf Güter“ (vgl. Bendixen, Friedrich, Das Wesen des Geldes. Zugleich ein Beitrag zur Reform der Reichsbankgesetzgebung, 2. Aufl. – München, Leipzig: Duncker & Humblot 1918, S. 23). Ihm folgend spricht Joseph Schumpeter von „Anweisungen“, die „nicht auf bestimmte Objekte, sondern auf Anteile an einer Gütermasse lauten.“ Vgl. Schumpeter, Joseph, Das Sozialprodukt und die Rechenpfennige. Glossen und Beiträge zur Geldtheorie von heute, in: AfSSp, Band 44, Heft 3, Juli 1918, S. 627–715, Zitat: S. 648. welche man ohne grundsätzliche Ausschaltung des durch Kampf von Menschen mit Menschen geprägten Charakters der Preise beliebig umgestalten könnte, sondern primär: Kampfmittel und Kampfpreis, Rechnungsmittel aber nur in der Form des quantitativen Schätzungsausdrucks von Interessenkampfchancen.

2. Das Höchstmaß von Rationalität als rechnerisches Orientierungsmittel des Wirtschaftens erlangt die Geldrechnung in der Form der Kapitalrechnung, und dann unter der materialen Voraussetzung weitestgehender Marktfreiheit im Sinn der Abwesenheit sowohl oktroyierter und ökonomisch irrationaler wie voluntaristischer und ökonomisch rationaler (d. h. an Marktchancen orientierter) Monopole. Der mit diesem Zustand verknüpfte Konkurrenzkampf um Abnahme der Produkte erzeugt, insbesondre als Absatzorganisation und Reklame (im weitesten Sinn), eine Fülle von Aufwendungen, welche ohne jene Konkurrenz (also bei Planwirtschaft oder rationalen Vollmonopolen) fortfallen. Strenge Kapitalrechnung ist ferner sozial an „Betriebsdisziplin“ und Appropriation der sachlichen Beschaffungsmittel, also: an den Bestand eines Herrschaftsverhältnisses, gebunden.3Vgl. hierzu Weber, Erhaltung des Charisma, MWG I/22-4, S. 557 f.: „Die Betriebsdisziplin ruht, im Gegensatz zur Plantage, hier [im kapitalistischen Werkstattbetrieb, Hg.] völlig auf rationaler Basis, sie kalkuliert zunehmend, mit Hilfe geeigneter Messungsmethoden, den einzelnen Arbeiter ebenso, nach seinem Rentabilitätsoptimum, wie irgendein sachliches Produktionsmittel.“ Zur Betriebsdisziplin als Grundlage des tech[287]nischen Funktionierens im Herrschaftsverband eines kapitalistischen Betriebs vgl. Weber, Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft, MWG I/22-4, S. 727.

[287][A 59]3. Nicht „Begehr“ an sich, sondern: kaufkräftiger Begehr nach Nutzleistungen regelt durch Vermittlung der Kapitalrechnung material die erwerbsmäßige Güterbeschaffung. Es ist also die Grenznutzen-Konstellation bei der letzten jeweils nach der Art der Besitzverteilung noch für eine bestimmte Nutzleistung typisch kaufkräftigen und kaufgeneigten Einkommensschicht maßgebend für die Richtung der Güterbeschaffung. In Verbindung mit der – im Fall voller Marktfreiheit – absoluten Indifferenz gerade der formal vollkommensten Rationalität der Kapitalrechnung gegen alle, wie immer gearteten, materialen Postulate begründen diese im Wesen der Geldrechnung liegenden Umstände die prinzipielle Schranke ihrer Rationalität. Diese ist eben rein formalen Charakters. Formale und materiale (gleichviel an welchem Wertmaßstab orientierte) Rationalität fallen unter allen Umständen prinzipiell auseinander, mögen sie auch in noch so zahlreichen (der theoretischen, unter allerdings völlig irrealen Voraussetzungen zu konstruierenden, Möglichkeit nach selbst: in allen) Einzelfällen empirisch Zusammentreffen. Denn die formale Rationalität der Geldrechnung sagt an sich nichts aus über die Art der materialen Verteilung der Naturalgüter. Diese bedarf stets der besonderen Erörterung. Vom Standpunkt der Beschaffung eines gewissen materiellen Versorgungs-Minimums einer Maximal-Zahl von Menschen als Rationalitätsmaßstab treffen allerdings, nach der Erfahrung der letzten Jahrzehnte, formale und materiale Rationalität in relativ hohem Maße zusammen, aus Gründen, die in der Art der Antriebe liegen, welche die der Geldrechnung allein adäquate Art des wirtschaftlich orientierten sozialen Handelns in Bewegung setzt. Aber unter allen Umständen gilt: daß die formale Rationalität erst in Verbindung mit der Art der Einkommensverteilung etwas über die Art der materiellen Versorgung besagt.4Max Webers Kommentare zu § 13 finden sich im Anschluß an die Ausführungen zu § 14, unten, S. 290 ff.

[288]§ 14. Verkehrswirtschaftliche“ Bedarfsdeckung soll alle, rein durch Interessenlage ermöglichte, an Tauschchancen orientierte und nur durch Tausch vergesellschaftete wirtschaftliche Bedarfsdeckung heißen. „Planwirtschaftliche“ Bedarfsdeckung5[288]Max Weber erläutert die Entscheidung für diesen Begriff unten, S. 290 f. soll alle an gesatzten, paktierten oder oktroyierten, materialen Ordnungen systematisch orientierte Bedarfsdeckung innerhalb eines Verbandes heißen.

Verkehrswirtschaftliche Bedarfsdeckung setzt, normalerweise und im Rationalitätsfall, Geldrechnung und, im Fall der Kapitalrechnung, ökonomische Trennung von Haushalt und Betrieb voraus. Planwirtschaftliche Bedarfsdeckung ist (je nach ihrem Umfang in verschiedenem Sinn und Maß) auf Naturalrechnung als letzte Grundlage der materialen Orientierung der Wirtschaft, formal aber, für die Wirtschaftenden, auf Orientierung an den Anordnungen eines, für sie unentbehrlichen, Verwaltungsstabes angewiesen. In der Verkehrswirtschaft orientiert sich das Handeln der autokephalen Einzelwirtschaften autonom: beim Haushalten am Grenznutzen des Geldbesitzes und des erwarteten Geldeinkommens, beim Gelegenheitserwerben an den Marktchancen, in den Erwerbsbetrieben an der Kapitalrechnung. In der Planwirtschaft wird alles wirtschaftliche Handeln – soweit sie durchgeführt ist – streng haushaltsmäßig und heteronom an gebietenden und verbietenden Anordnungen, in Aussicht gestellten Belohnungen und Strafen orientiert. Soweit als Mittel der Weckung des Eigeninteresses in der Planwirtschaft Sonder-Einkunftchancen in Aussicht gestellt sind, bleibt mindestens die Art und Richtung des dadurch belohnten Handelns material heteronom normiert. In der Verkehrswirtschaft kann zwar, aber in formal voluntaristischer Art, weitgehend das gleiche geschehen. Überall da nämlich, wo die Vermögens-, insbesondere die Kapitalgüter-Besitzdifferenzierung die Nichtbesitzenden zwingt, sich Anweisungen zu fügen, um überhaupt Entgelt für die von ihnen angebotenen Nutzleistungen zu erhalten. Sei es dend[288] Fehlt in A; den sinngemäß ergänzt. Anweisungen eines vermögenden Hausherrn, oder den an einer [289]Kapitalrechnung orientierten Anweisungen von Kapitalgüter-Besitzenden (oder der von diesen zu deren Verwertung designierten Vertrauensmänner). [A 60]Dies ist in der rein kapitalistischen Betriebswirtschaft das Schicksal der gesamten Arbeiterschaft.

Entscheidender Antrieb für alles Wirtschaftshandeln ist unter verkehrswirtschaftlichen Bedingungen normalerweise 1. für die Nichtbesitzenden: a) der Zwang des Risikos völliger Unversorgtheit für sich selbst und für diejenigen persönlichen „Angehörigen“ (Kinder, Frauen, eventuell Eltern), deren Versorgung der einzelne typisch übernimmt, b) – in verschiedenem Maß – auch innere Eingestelltheit auf die wirtschaftliche Erwerbsarbeit als Lebensform, – 2. für die durch Besitzausstattung oder (besitzbedingte) bevorzugte Erziehungsausstattung tatsächlich Privilegierten: a) Chancen bevorzugter Erwerbseinkünfte, b) Ehrgeiz, c) die Wertung der bevorzugten (geistigen, künstlerischen, technisch fachgelernten) Arbeit als „Beruf“, – 3. für die an den Chancen von Erwerbsunternehmungen Beteiligten: a) eignes Kapitalrisiko und eigne Gewinnchancen in Verbindung mit b) der „berufsmäßigen“ Eingestelltheit auf rationalen Erwerb als α) „Bewährung“ der eignen Leistung und ß) Form autonomen Schaltens über die von den eignen Anordnungen abhängigen Menschen, daneben γ) über kultur- oder lebenswichtige Versorgungschancen einer unbestimmten Vielheit: Macht. Eine an Bedarfsdeckung orientierte Planwirtschaft muß – im Fall radikaler Durchführung – von diesen Motiven den Arbeitszwang durch das Unversorgtheits-Risiko mindestens abschwächen, da sie im Fall materialer Versorgungsrationalität jedenfalls die Angehörigen nicht beliebig stark unter der etwaigen Minderleistung des Arbeitenden leiden lassen könnte. Sie muß ferner, im gleichen Fall, die Autonomie der Leitung von Beschaffungsbetrieben sehr weitgehend, letztlich: vollkommen, ausschalten, kennt das Kapitalrisiko und die Bewährung durch formal autonomes Schalten ebenso wie die autonome Verfügung über Menschen und lebenswichtige Versorgungschancen entweder gar nicht oder nur mit sehr stark beschränkter Autonomie. Sie hat also neben (eventuell) rein materiellen Sondergewinn[290]chancen wesentlich ideale Antriebe „altruistischen“ Charakters (im weitesten Sinn) zur Verfügung, um ähnliche Leistungen in der Richtung planwirtschaftlicher Bedarfsdeckung zu erzielen, wie sie erfahrungsgemäß die autonome Orientierung an Erwerbschancen innerhalb der Erwerbswirtschaft in der Richtung der Beschaffung kaufkräftig begehrter Güter vollbringt. Sie muß dabei ferner[,] im Fall radikaler Durchführung, die Herabminderung der formalen, rechnungsmäßigen Rationalität in Kauf nehmen, wie sie (in diesem Fall) der Fortfall der Geld- und Kapitalrechnung unvermeidlich bedingt. Materiale und (im Sinn exakter Rechnung:) formale Rationalität fallen eben unvermeidlich weitgehend auseinander: diese grundlegende und letztlich unentrinnbare Irrationalität der Wirtschaft ist eine der Quellen aller „sozialen“ Problematik, vor allem: derjenigen alles Sozialismus.

Zu §§ 13 und 14:

1. Die Ausführungen geben offensichtlich nur allgemein bekannte Dinge mit einer etwas schärferen Pointierung (s. die Schlußsätze von § 14) wieder. Die Verkehrswirtschaft ist die weitaus wichtigste Art alles an „Interessenlage“ orientierten typischen und universellen sozialen Handelns. Die Art, wie sie zur Bedarfsdeckung führt, ist Gegenstand der Erörterungen der Wirtschaftstheorie und hier im Prinzip als bekannt vorauszusetzen. Daß der Ausdruck „Planwirtschaft“ verwendet wird, bedeutet natürlich keinerlei Bekenntnis zu den bekannten Entwürfen des früheren Reichswirtschaftsministers;6[290]Im Mai 1919 hat der damalige sozialdemokratische Reichswirtschaftsminister Rudolf Wissell (1869–1962) dem Reichskabinett eine Denkschrift zur wirtschaftspolitischen Lage vorgelegt. Ihr war ein „Wirtschaftsprogramm des Reichswirtschaftsministeriums“ beigefügt. Es wendete sich gegen alle Verstaatlichungspläne und empfahl eine als „Gemeinwirtschaft“ bezeichnete Organisation der Wirtschaft. In ihr sollten paritätisch besetzte Selbstverwaltungskörper der Wirtschaftszweige eine „gebundene Planwirtschaft“, jedoch ohne zentrale Lenkungsbehörde, herbeiführen (Vgl. Wissel, Rudolf und Wichard von Moellendorf, Wirtschaftliche Selbstverwaltung (Deutsche Gemeinwirtschaft, hg. von E. Schairer, Heft 10). – Jena: Eugen Diederichs 1919). Der Begriff „Planwirtschaft“ wurde insbesondere von den Gegnern gemeinwirtschaftlicher Ideen rasch in polemischer Absicht aufgenommen und von Rudolf Wissell später nicht verteidigt. der Ausdruck ist aber allerdings deshalb gewählt, weil er, an sich nicht sprachwidrig gebildet, seit diesem offiziellen Gebrauch sich [291]vielfach eingebürgert hat (statt des von O[tto] Neurath gebrauchten, an sich auch nicht unzweckmäßigen Ausdrucks „Verwaltungswirtschaft“).7[291]Bei Neurath heißt es: „Wir haben nicht einmal einen allgemeinen Namen dafür, daß nicht der Einzelne durch seine Tauscherwägungen den Ausschlag gibt, sondern eine Zentralstelle, welche unter Umständen die Willensentschließungen aller vereinigen mag. Wir bringen dafür den Ausdruck ,Verwaltungswirtschaft‘ in Vorschlag.“ Vgl. Neurath, Kriegswirtschaft, S. 148.

2. Nicht unter den Begriff „Planwirtschaft“ in diesem Sinn fällt alle Verbandswirtschaft oder verbandsregulierte Wirtschaft, die an Erwerbschancen (zunftmäßig oder kartellmäßig oder trustmäßig) orientiert ist. Sondern lediglich eine an Bedarfsdeckung orientierte Verbandswirtschaft. Eine an Erwerbschancen orientierte, sei es auch noch so straff regulierte oder durch einen Verbandsstab geleitete Wirtschaft setzt stets effektive „Preise“, gleichviel wie sie formell entstehen (im Grenzfall des Pankartellismus:8So nannte erstmals Wilhelm Neurath (1840–1901), der Vater Otto Neuraths, eine von Verbänden regulierte Wirtschaft; vgl. Neurath, Wilhelm, Gemeinverständliche nationalökonomische Vorträge. Geschichtliche und letzte eigene Forschungen, hg. v. Edmund v. Lippmann. – Braunschweig: Vieweg 1902, S. 271. durch interkartellmäßiges Kompro[A 61]miß, Lohntarife von „Arbeitsgemeinschaften“9Unter dem Eindruck der Revolution ist in Deutschland am 15. November 1918 von Industriellen und Gewerkschaftsführern die „Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands“ gegründet worden. Ihr Zweck war die Regelung bislang heftig umstrittener Fragen der Wirtschafts- und Sozialordnung, insbesondere des Verhältnisses von Gewerkschaften und Arbeitgebern, bei Aufrechterhaltung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Der abgeschlossene Vertrag sah u. a. die Gründung von branchenbezogenen, paritätisch besetzten Reichsarbeitsgemeinschaften vor. Mitte 1920 gab es 14 Reichsarbeitsgemeinschaften. Die Verabredung von Lohntarifen gehörte nicht zu ihren Aufgaben. Sie blieb der direkten Aushandlung der jeweiligen Tarifpartner vorbehalten. Vgl. Feldman, Gerald D. und Irmgard Steinisch, Industrie und Gewerkschaften 1918–1924. Die überforderte Zentralarbeitsgemeinschaft (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 50). – Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1985. usw.), also Kapitalrechnung und Orientierung an dieser voraus. „Vollsozialisierung“ im Sinn einer rein haushaltsmäßigen Planwirtschaft und Partialsozialisierung (von Beschaffungsbranchen) mit Erhaltung der Kapitalrechnung hegen trotz Identität des Ziels und trotz aller Mischformen technisch nach prinzipiell verschiedenen Richtungen. Vorstufe einer haushaltsmäßigen Planwirtschaft ist jede Rationierung des Konsums, überhaupt jede primär auf die Beeinflussung der naturalen Verteilung der Güter ausgehende Maßregel. Die planmäßige Leitung der Güterbeschaffung, einerlei ob sie durch voluntaristische oder oktroyierte Kartelle oder durch staatliche Instanzen unternommen wird, geht primär auf rationale Gestaltung der Verwendung der Beschaffungsmittel und Arbeitskräfte aus und kann eben deshalb den Preis nicht – mindestens (nach ihrem eigenen Sinn:) noch nicht – entbehren. Es ist daher kein Zufall, daß der „Rationie[292]rungs“-Sozialismus10[291] Der von Max Weber gebildete Begriff nimmt eine Idee des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Paul Lensch auf. Dieser sah in der kriegswirtschaftlichen Güterzuteilung, insbesondere der Einführung der Brotkarte, den bisher größten Schritt zu einer Durchorganisierung der Wirtschaft im sozialistischen Sinn. Vgl. Lensch, Paul, Die deutsche Sozialdemokratie und der Weltkrieg. Eine politische Studie. – Berlin: Paul Singer 1915; ders., Die Sozialdemokratie, ihr Ende und ihr Glück. – Leipzig: S. Hirzel 1916. mit dem „Betriebsrats“-Sozialismus,11Insbesondere von Arbeiter- und Soldatenräten ist in der Revolution 1918/19 die Forderung erhoben worden, Betriebs-Räten die Kontrolle, gar die Leitung von Unternehmen zu übergeben. Die vom Rat der Volksbeauftragten am 23. Dezember 1918 erlassene „Verordnung über Tarifverträge, Arbeiter- und Angestelltenausschüsse und Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten“ sah jedoch für Betriebsräte in wirtschaftlichen Angelegenheiten nur Informationsrechte vor. In der Folgezeit blieb die Rolle von Betriebsräten in Deutschland heftig umstritten. Das am 13. Januar 1920 verabschiedete Betriebsrätegesetz übertrug ihnen lediglich sozialpolitische und begrenzte tarifpolitische Aufgaben. der (gegen den Willen seiner rationalsozialistischen Führer)12 Zum Begriff „rationalsozialistisch“ vgl. die Formulierung Webers im folgenden Absatz: „heute wieder ‚kommunistisch‘ genannte rational-planwirtschaftliche Form des Sozialismus“. Max Weber bezieht sich wahrscheinlich auf Lenin und Trotzki, die bereits 1918 wegen der Versorgungslage und den katastrophalen Verhältnissen in der industriellen Produktion in Rußland die Arbeiterkomitees entmachteten und die Verstaatlichung der Industrie mit zentraler Lenkung der Betriebe und der Verteilung ihrer Produktion durchsetzten. Ihre programmatischen Reden wurden rasch in Übersetzungen bekannt. Vgl. Lenin, N., Die nächsten Aufgaben der Sowjet-Macht. – Belp-Bern: Promachos-Verlag 1918; Trotzki, L., Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die sozialistische Sowjet-Republik retten. Vortrag auf der Moskauer städtischen Konferenz der Russischen Kommunistischen Partei am 28. März 1918. – Basel: Verlag der Buchhandlung des Arbeiterbundes 1918. Diese Reden werden auch von Eduard Heimann zitiert, der sich sehr kritisch über die „Führungskompetenzen“ der Betriebsräte geäußert hat, vgl. Heimann, Eduard, Die Sozialisierung, in: AfSSp, Band 45, Heft 3, 1919, S. 527–590, hier S. 580 mit Anm. 52. an Appropriationsinteressen der Arbeiter anknüpfen muß, sich gut verträgt.

3. Die kartell-, zunft- oder gildenmäßige wirtschaftliche Verbandsbildung, also die Regulierung oder monopolistische Nutzung von Erwerbschancen, einerlei ob oktroyiert oder paktiert (regelmäßig: das erstere, auch wo formal das letztere vorliegt)[,] ist an dieser Stelle nicht besonders zu erörtern. Vgl. über sie (ganz allgemein) oben Kap. I § 1013 Kap. I, § 10, oben, S. 198 ff. und weiterhin bei Besprechung der Appropriation ökonomischer Chancen (dieses Kapitel, §§e[292]A: § 19 ff.).14 Gemeint ist Kap. II, §§ 19–24a, unten, S. 314–355. Der Gegensatz der evolutionistisch und am Produktionsproblem orientierten, vor allem: marxistischen, gegen die von der Verteilungsseite ausgehende, heute wieder „kommunistisch“ genannte ratio[293]nal-planwirtschaftliche Form des Sozialismus15[293]Der Begriff „Kommunismus“ bzw. „kommunistisch“ war im deutschsprachigen Raum um 1900 praktisch aus der politischen Diskussion verschwunden. Mit der von Lenin vorgenommenen Unterscheidung von „Sozialismus“ und „Kommunismus“ kam es zu einer unerwarteten Wiederbelebung. In diesem Zusammenhang ist als Merkmal vor allem betont worden, daß im Kommunismus nicht nur die Produktionsmittel, sondern auch die Konsumtionsmittel der Verfügung einzelner Personen entzogen wären. So formulierte Robert Liefmann: „Kommunismus ist nach der zweckmäßigsten Abgrenzung eine Wirtschaftsordnung, bei welcher der ganze Konsum einheitlich und für alle gleich geregelt ist. Das braucht beim Sozialismus [gekennzeichnet durch die Verstaatlichung der Produktionsmittel, Hg.] nicht der Fall zu sein.“ Liefmann, Robert, Bringt uns der Krieg dem Sozialismus näher? (Der Deutsche Krieg. Politische Flugschriften, hg. v. Ernst Jäckh, Heft 56). – Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlagsanstalt 1915, S. 10. Zur Begriffsgeschichte vgl. Schieder, Wolfgang, Kommunismus, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. von Otto Brunner u. a., Band 3. – Stuttgart: Klett-Cotta 1982, S. 455–529. ist seit Marx’ Misère de la philosophie (in der deutschen Volksausgabe der „Intern[ationalen] Bibl[iothek]“ vor allem S. 38 und vorher und nachher)16 Bei Marx, Elend der Philosophie, heißt es: „In einer künftigen Gesellschaft, wo der Klassengegensatz verschwunden ist, wo es keine Klassen mehr giebt, würde der Gebrauch nicht mehr von dem Minimum der Produktionszeit abhängen, sondern die Produktionszeit, die man den verschiedenen Gegenständen widmet, würde bestimmt werden durch ihre gesellschaftliche Nützlichkeit.“ (Ebd., S. 38). Weber hat Marx, „Misère de la philosophie“ von 1847 bereits in seinen frühen Vorlesungen nach der deutschen Ausgabe zitiert, vgl. Weber, Grundriß zu den Vorlesungen, MWG III/1, S. 107. nicht wieder erloschen; der Gegensatz innerhalb des russischen Sozialismus mit seinen leidenschaftlichen Kämpfen zwischen Plechanoff und Lenin17 Über die Auseinandersetzungen zwischen dem ersten Parteiführer der russischen Sozialdemokratie G. W. Plechanow (1856–1918) und W. I. Lenin (1870–1924) sowie die Spaltung der russischen Sozialdemokratie in Menschewiki und Bolschewiki vgl. Weber, Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland, MWG I/10, S. 165 ff. war letztlich ebenfalls dadurch bedingt, und die heutige Spaltung des Sozialismus ist zwar primär durch höchst massive Kämpfe um die Führerstellungen (und: -Pfründen), daneben und dahinter aber durch diese Problematik bedingt, welche durch die Kriegswirtschaft ihre spezifische Wendung zugunsten des Planwirtschaftsgedankens einerseits, der Entwicklung der Appropriationsinteressen andrerseits, erhielt. – Die Frage: ob man „Planwirtschaft“ (in gleichviel welchem Sinn und Umfang) schaffen soll, ist in dieser Form natürlich kein wissenschaftliches Problem. Es kann wissenschaftlich nur gefragt werden: welche Konsequenzen wird sie (bei gegebener Form) voraussichtlich haben, was also muß mit in den Kauf genommen werden, wenn der Versuch gemacht wird. Dabei ist es Gebot der Ehrlichkeit, von allen Seiten zuzugeben, daß zwar mit einigen bekannten, aber mit ebensoviel teilweise unbekannten Faktoren gerechnet wird. Die Einzelheiten des Pro[294]blems können in dieser Darstellung materiell entscheidend überhaupt nicht und in den hergehörigen Punkten nur stückweise und im Zusammenhang mit den Formen der Verbände (des Staates insbesondre) berührt werden.18[294]Entsprechende Ausführungen liegen nicht vor; vgl. dazu die Einleitung, oben, S. 69. An dieser Stelle konnte nur die (unvermeidliche) kurze Besprechung der elementarsten technischen Problematik in Betracht kommen. Das Phänomen der regulierten Verkehrswirtschaft ist hier, aus den eingangs dieser Nr. angegebenen Gründen, gleichfalls noch nicht behandelt.19Zur regulierten Verkehrswirtschaft finden sich im Folgenden keine systematischen Ausführungen; eine knappe Erwähnung unten, S. 443. Gründe für die aufschiebende Behandlung des Themas werden oben, S. 292, Ziffer 3, nicht genannt.

4. Verkehrswirtschaftliche Vergesellschaftung des Wirtschaftens setzt Appropriation der sachlichen Träger von Nutzleistungen einerseits, Marktfreiheit andererseits voraus. Die Marktfreiheit steigt an Tragweite 1. je vollständiger die Appropriation der sachlichen Nutzleistungsträger, insbesondre der Beschaffungs- (Produktions- und Transport-)Mittel ist. Denn das Maximum von deren Marktgängigkeit bedeutet das Maximum von Orientierung des Wirtschaftens an Marktlagen. Sie steigt aber ferner 2. je mehr die Appropriation auf sachliche Nutzleistungsträger beschränkt ist. Jede Appropriation von Menschen (Sklaverei, Hörigkeit) oder von ökonomischen Chancen (Kundschaftsmonopole) bedeutet Einschränkung des an Marktlagen orientierten menschlichen Handelns. Mit Recht hat namentlich Fichte (im „Geschlossenen Handelsstaat“) diese Einschränkung des „Eigentums“-Begriffs auf Sachgüter (bei gleichzeitiger Ausweitung des im Eigentum enthaltenen Gehalts an Autonomie der Verfügungsgewalt) als Charakteristikum der modernen verkehrswirtschaftlichen Eigentumsordnung bezeichnet.20Bezug genommen wird auf Fichte, Handelsstaat, Buch I, 7. Kapitel, S. 470 ff.: „Weitere Erörterungen der hier aufgestellten Grundsätze über das Eigentumsrecht“. In gleichem Sinne bereits Weber, Die Wirtschaft und die Ordnungen, MWG I/22-3, S. 232 f. An dieser Gestaltung des Eigentums waren alle Marktinteressenten zugunsten der Unbeengtheit ihrer Orientierung an den Gewinnchancen, welche die Marktlage ergibt, interessiert, und die Entwicklung zu dieser Ausprägung der Eigentumsordnung war daher vornehmlich das Werk ihres Einflusses.

5. Der sonst oft gebrauchte Ausdruck „Gemeinwirtschaft“21Zur Geschichte und Vielfalt der Bedeutungen des Begriffs „Gemeinwirtschaft“ in der Nationalökonomie und in der politischen Rede vgl. Ritschl, Gemeinwirtschaft, in: HdStW4, Band 4, S. 331–346. – Max Weber hat in den frühen Vorlesungen zur Nationalökonomie noch „Verkehrswirtschaft“ und „organisierte Wirtschaft: Gemeinwirtschaft“ einander gegenüber gestellt; vgl. Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1, S. 274 f. ist aus Zweckmäßigkeitsgründen vermieden, weil er ein „Gemeininteresse“ oder [295]„Gemeinschaftsgefühl“ als normal vortäuscht, welches begrifflich nicht erfordert ist: die Wirtschaft [A 62]eines Fronherren oder Großkönigs (nach Art des pharaonischen im „Neuen Reich“) gehört, im Gegensatz zur Verkehrswirtschaft, zur gleichen Kategorie wie die eines Familienhaushalts.

6. Der Begriff der „Verkehrswirtschaft“ ist indifferent dagegen, ob „kapitalistische“, d. h. an Kapitalrechnung orientierte[,] Wirtschaften und in welchem Umfang sie bestehen. Insbesondre ist dies auch der Normaltypus der Verkehrswirtschaft: die geldwirtschaftliche Bedarfsdeckung. Es wäre falsch, anzunehmen, daß die Existenz kapitalistischer Wirtschaften proportional der Entfaltung der geldwirtschaftlichen Bedarfsdeckung stiege, vollends: in der Richtung sich entwickelte, welche sie im Okzident angenommen hat. Das Gegenteil trifft zu. Steigender Umfang der Geldwirtschaft konnte 1. mit steigender Monopolisierung der mit Großprofit verwertbaren Chancen durch einen fürstlichen Oikos Hand in Hand gehen: so in Ägypten in der Ptolemäerzeit bei sehr umfassend – nach Ausweis der erhaltenen Haushaltsbücher – entwickelter Geldwirtschaft:22[295]Vgl. hierzu Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 553–556, wo Weber – gestützt auf Untersuchungen von Ulrich Wilcken – Informationen aus erhaltenen Ostraka und Fragmenten von Wirtschaftsbüchern des 3. bis 1. Jahrhunderts v. Chr. behandelt. diese blieb eben haushaltsmäßige Geldrechnung und wurde nicht: Kapitalrechnung; – 2. konnte mit steigender Geldwirtschaft „Verpfründung“23Max Weber definiert und erläutert den Begriff „Verpfründung“ unten, S. 432 und den Begriff „Pfründe“, unten, S. 481. der fiskalischen Chancen eintreten, mit dem Erfolg der traditionalistischen Stabilisierung der Wirtschaft (so in China, wie am gegebenen Ort zu besprechen sein wird);24Weber gibt einen Hinweis auf die geplante Fortsetzung des Werkes. Ausführungen hierzu finden sich in Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, u. a. S. 219–226 und 282–284. – 3. konnte die kapitalistische Verwertung von Geldvermögen Anlage in nicht an Tauschchancen eines freien Gütermarkts und also nicht an Güterbeschaffung orientierten Erwerbsgelegenheiten suchen (so, fast ausschließlich, in allen außer den modern okzidentalen Wirtschaftsgebieten, aus weiterhin zu erörternden Gründen).25Entsprechende Ausführungen liegen in Kap. II nicht vor.

§ 15.26Mit § 15 beginnt eine bis § 24, unten, S. 355, reichende Kategorisierung von Typen der technischen und sozialen Leistungsverteilung und Leistungsverbindung. Eine knappe Zusammenfassung dessen hat Max Weber in der Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ (MWG III/6, S. 87–94) vorgetragen. Jede innerhalb einer Menschengruppe typische Art von wirtschaftlich orientiertem sozialem Handeln und wirtschaftlicher Vergesellschaftung bedeutet in irgendeinem Umfang eine [296]besondere Art von Verteilung und Verbindung menschlicher Leistungen zum Zweck der Güterbeschaffung. Jeder Blick auf die Realitäten wirtschaftlichen Handelns zeigt eine Verteilung verschiedenartiger Leistungen auf verschiedene Menschen und eine Verbindung dieser zu gemeinsamen Leistungen in höchst verschiedenen Kombinationen mit den sachlichen Beschaffungsmitteln. In der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Erscheinungen lassen sich immerhin einige Typen unterscheiden.f[296] Durchschuß fehlt in A.

Menschliche Leistungen wirtschaftlicher Art können unterschieden werden als

  1. disponierende,27[296]Zur Appropriation disponierender Leistungen vgl. § 21, unten, S. 333 f. oder
  2. an Dispositionen orientierte: Arbeit (in diesem, hier weiterhin gebrauchten, Sinne des Wortes).

Disponierende Leistung ist selbstverständlich auch und zwar im stärksten denkbaren Maße Arbeit, wenn „Arbeit“ gleich Inanspruchnahme von Zeit und Anstrengung gesetzt wird. Der nachfolgend gewählte Gebrauch des Ausdrucks im Gegensatz zur disponierenden Leistung ist aber heute aus sozialen Gründen sprachgebräuchlich und wird nachstehend in diesem besonderen Sinne gebraucht. Im allgemeinen soll aber von „Leistungen“ gesprochen werden.

Die Arten, wie innerhalb einer Menschengruppe Leistung und Arbeit sich vollziehen können, unterscheiden sich in typischer Art:

1. technisch, – je nach der Art, wie für den technischen Hergang von Beschaffungsmaßnahmen die Leistungen mehrerer Mitwirkender untereinander verteilt und unter sich und mit sachlichen Beschaffungsmitteln verbunden sind;28Vgl. hierzu die Ausführungen in den folgenden §§ 16 und 17, unten, S. 303–308. Max Weber teilt den Stoff auf zwei Paragraphen auf, ohne schon hier die maßgeblichen Gliederungsbuchstaben A und B einzuführen.

2. sozial, – und zwar:

A) je nach der Art, wie die einzelnen Leistungen Gegenstand autokephaler und autonomer Wirtschaften29Vgl. hierzu die Ausführungen in § 18, unten, S. 308–314. sind oder nicht, [297]und je nach dem ökonomischen Charakter dieser Wirtschaften; – damit unmittelbar zusammenhängend:

B) je nach Maß und Art, in welchen a) die einzelnen Leistungen,30[297]Vgl. hierzu die Ausführungen in § 19, unten, S. 314–323. – b) die sachlichen Beschaffungsmittel,31Vgl. hierzu die Ausführungen in § 20, unten, S. 323–333. – c) die ökonomischen Erwerbschancen (als Erwerbsquellen oder -Mittel) appropriiert sind oder nicht[,]32Zur Expropriation des einzelnen Arbeiters von den sachlichen Beschaffungs-(Produktions-)Mitteln vgl. die Ausführungen in § 22, unten, S. 334–336; zur Expropriation aller Arbeiter vgl. § 23, unten, S. 337–339. und der dadurch bedingten Art α) der Berufsgliederung (sozial)33Vgl. zur Berufsgliederung die Ausführungen in § 24, unten, S. 339–345. und ß) der Marktbildung (ökonomisch).

Endlich

3. muß bei jeder Art der Verbindung von Leistungen unter sich und mit sachlichen Beschaffungsmitteln und bei der Art ihrer Verteilung auf [A 63]Wirtschaften und Appropriation ökonomisch gefragt werden: handelt es sich um haushaltsmäßige oder um erwerbsmäßige Verwendung?34Die Frage der haushaltsmäßigen oder erwerbswirtschaftlichen Verwendung behandelt Weber nicht in einem eigenen Paragraphen, sondern in den folgenden Paragraphen am gegebenen Ort mit.

Zu diesem und den weiter folgenden §§ ist vor allem zu vergleichen die dauernd maßgebende Darstellung von K[arl] Bücher in dem Art. „Gewerbe“ im HWB. d. Staatswiss[enschaften] und von demselben: „Die Entstehung der Volkswirtschaft“:35Gemeint sind: Bücher, Gewerbe3, und Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2; zu den Ausgaben vgl. oben, S. 216, Hg.-Anm. 2. grundlegende Arbeiten, von deren Terminologie und Schema nur aus Zweckmäßigkeitsgründen in manchem abgewichen wird. Sonstige Zitate hätten wenig Zweck, da im nachstehenden ja keine neuen Ergebnisse, sondern ein für uns zweckmäßiges Schema vorgetragen wird.

1. Es sei nachdrücklich betont, daß hier nur – wie dies in den Zusammenhang gehört – die soziologische Seite der Erscheinungen in tunlichster Kürze rekapituliert wird, die ökonomische aber nur so weit, als sie eben in formalen soziologischen Kategorien Ausdruck findet. Material ökonomisch würde die Darstellung erst durch Einbeziehung der bisher lediglich theoretisch berührten Preis- und Marktbedingungen. Es ließen sich diese mate rialen Seiten der Problematik aber nur unter sehr bedenklichen Einseitig[298]keiten in Thesenform in eine derartige allgemeine Vorbemerkung hineinarbeiten. Und die rein ökonomischen Erklärungsmethoden sind ebenso verführerisch wie anfechtbar. Beispielsweise so: Die für die Entstehung der mittelalterlichen, verbandsregulierten, aber „freien Arbeit“ entscheidende Zeit sei die „dunkle“ Epoche vom 10.–12. Jahrhundert und insbesondre die an Rentenchancen der Grund-, Leib- und Gerichtsherren – lauter partikulärer, um diese Chancen konkurrierender Gewalten – orientierte Lage der qualifizierten: bäuerlichen, bergbaulichen, gewerblichen Arbeit.36[298]Max Weber spricht mehrere Themen an, darunter die seinerzeit heftig umstrittene Frage der Entstehung freier Arbeit und der Zünfte sowie die Bedeutung des Grundrentenbezugs als Quelle der Nachfrage nach den Produkten unfreier und freier Arbeit. Speziell könnte er sich hier auf die sog. „hofrechtliche Theorie“ beziehen, deren Protagonist Karl W. Nitzsch gewesen ist und der sich u. a. Gustav Schmoller angeschlossen hat, während Georg von Below zu den entschiedensten Gegnern gehörte. Vgl. Nitzsch, K[arl] W., Ministerialität und Bürgerthum im 11. und 12. Jahrhundert. Ein Beitrag zur deutschen Städtegeschichte (Vorarbeiten zur Geschichte der staufischen Periode, Band 1). – Leipzig: B. G. Teubner 1859; Below, G[eorg] von, Zünfte, in: WbVW3, Band 2, 1911, S. 1384–1495; dazu auch Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 212–219. Die für die Entfaltung des Kapitalismus entscheidende Epoche sei die große chronische Preisrevolution des 16. Jahrhunderts.37Maßgebend hierfür Wiebe, Georg, Zur Geschichte der Preisrevolution des XVI. und XVII. Jahrhunderts (Staats- und socialwissenschaftliche Beiträge, hg. v. August von Miaskowski, 2. Band, 2. Heft). – Leipzig: Duncker & Humblot 1895. Vgl. auch Sommerlad, Theo, Preis (Mittelalter), Abschnitt 5: Preisrevolution und Geldentwertung im 16. und 17. Jahrhundert, in: HdStW3, Band 6, 1910, S. 1178–1181. In der Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ hat Max Weber das hier konjunktivisch Formulierte als eigene Auffassung vorgetragen; vgl. Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 347 f. Sie bedeute absolute und relative Preissteigerung für (fast) alle (okzidentalen) Bodenprodukte, damit – nach bekannten Grundsätzen der landwirtschaftlichen Ökonomik38Albrecht Daniel Thaers „Grundsätze der rationellen Landwirtschaft“, 4 Bände. – Berlin: Realschulbuchhandlung 1809–1812, standen in Deutschland am Anfang einer naturwissenschaftliche und ökonomische Kenntnisse verbindenden Landwirtschaftswissenschaft. In seinen Vorlesungen zur Theoretischen Nationalökonomie stützte sich Max Weber bei der Behandlung der Landwirtschaft vornehmlich auf Johann Heinrich von Thünen (vgl. Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1, S. 584–586). Die entscheidende Rolle der Preise für die Bodennutzung, insbesondere auch für die Ausbildung von Großbetrieben mit überwiegender Marktproduktion, betonte zur Zeit Webers vor allem Friedrich Aereboe (1865–1942); vgl. Aereboe, Friedrich, Die Bewirtschaftung von Landgütern und Grundstücken. Ein Lehrbuch für Landwirte, Volkswirte, Verwaltungsbeamte und Studierende, I. Teil. Allgemeine landwirtschaftliche Betriebslehre. – Berlin: Paul Parey 1917; 4. Aufl. 1919. – sowohl Anreiz wie Möglichkeit der Absatzunternehmung und damit des teils (in England) kapitalistischen, teils (in den Zwischengebieten zwischen der Elbe und Rußland) fronhofsmäßigen großen Betriebs. Andrerseits bedeute sie zwar teilweise (und zwar meist) absolute, nicht aber (im allge[299]meinen) relative Preissteigerung, sondern umgekehrt in typischer Art relative Preissenkung von wichtigen gewerblichen Produkten und damit, soweit die betriebsmäßigen und sonstigen äußeren und inneren Vorbedingungen dazu gegeben waren, – was in Deutschland, dessen „Niedergang“ ökonomisch eben deshalb damit einsetze, nicht der Fall gewesen sei: – Anreiz zur Schaffung konkurrenzfähiger Marktbetriebsformen. Weiterhin später in deren Gefolge: der kapitalistischen gewerblichen Unternehmungen. Vorbedingung dafür seig[299]A: seien die Entstehung von Massenmärkten. Dafür, daß diese im Entstehen gewesen seienhA: sei, seien vor allem bestimmte Wandlungen der englischen Handelspolitik ein Symptom (von andern Erscheinungen abgesehen). – Derartige und ähnliche Behauptungen müßten zum Beleg theoretischer Erwägungen über die materialen ökonomischen Bedingtheiten der Entwicklung der Wirtschaftsstruktur verwertet werden. Das aber geht nicht an. Diese und zahlreiche ähnliche, durchweg bestreitbare, Thesen können nicht in diese absichtlich nur soziologischen Begriffe hineingenommen werden, auch soweit sie nicht ganz falsch sein sollten. Mit dem Verzicht auf diesen Versuch in dieser Form verzichten aber die folgenden Betrachtungen dieses Kapitels auch (ganz ebenso wie die vorangegangenen durch den Verzicht auf Entwicklung der Preis- und Geldtheorie) vorerst bewußt auf wirkliche „Erklärung“ und beschränken sich (vorläufig) auf soziologische Typisierung. Dies ist sehr stark zu betonen. Denn nur ökonomische Tatbestände liefern das Fleisch und Blut für eine wirkliche Erklärung des Ganges auch der soziologisch relevanten Entwicklung. Es soll eben vorerst hier nur ein Gerippe gegeben werden, hinlänglich, um mit leidlich eindeutig bestimmten Begriffen operieren zu können.

Daß an dieser Stelle, also bei einer schematischen Systematik, nicht nur die empirisch-historische, sondern auch die typisch-genetische Aufeinanderfolge der einzelnen möglichen Formen nicht zu ihrem Recht kommt, ist selbstverständlich.

2. Es ist häufig und mit Recht beanstandet worden, daß in der nationalökonomischen Terminologie „Betrieb“ und „Unternehmung“ oft nicht getrennt werden. „Betrieb“ ist auf dem Gebiet des wirtschaftlich orientierten Handelns an sich eine technische, die Art der kontinuierlichen Verbindung bestimmter Arbeitsleistungen untereinander und mit sachlichen Beschaffungsmitteln bezeichnende Kategorie. Sein Gegensatz ist: entweder a) unstetes oder b) technisch diskontinuierliches Handeln, wie es in jedem rein empirischen Haushalt fortwährend vorkommt. Der Gegensatz zu „Unternehmen“: einer Art der wirtschaftlichen Orien[A 64]tierung (am Gewinn) ist dagegen: „Haushalt“ (Orientierung an Bedarfsdeckung). Aber der Gegensatz von „Unternehmen“ und „Haushalt“ ist nicht erschöpfend. [300]Denn es gibt Erwerbshandlungen, welche nicht unter die Kategorie des „Unternehmens“ fallen: aller nackte Arbeitserwerb, der Schriftsteller-, Künstler-, Beamten-Erwerb sind weder das eine noch das andre. Während der Bezug und Verbrauch von Renten offenkundig „Haushalt“ ist.

Vorstehend ist, trotz jener Gegensätzlichkeit, von „Erwerbsbetrieb“ überall da gesprochen worden,39[300]Oben, S. 258 f., 261, 264, 269–272. wo ein kontinuierlich zusammenhängendes dauerndes Unternehmerhandeln stattfindet: ein solches ist in der Tat ohne Konstituierung eines „Betriebes“ (eventuell: Alleinbetriebes ohne allen Gehilfenstab) nicht denkbar. Und es kam hier hauptsächlich auf die Betonung der Trennung von Haushalt und Betrieb an. Passend (weil eindeutig) ist aber – wie jetzt festzustellen ist – der Ausdruck „Erwerbsbetrieb“ statt: kontinuierliches Erwerbsunternehmen nur für den einfachsten Fall des Zusammenfallens der technischen Betriebseinheit mit der Unternehmungseinheit. Es können aber in der Verkehrswirtschaft mehrere, technisch gesonderte, „Betriebe“ zu einer „Unternehmungseinheit“ verbunden sein. Diese letztere ist dann aber natürlich nicht durch die bloße Personalunion des Unternehmers, sondern wird durch die Einheit der Ausrichtung auf eineni[300]A: einem irgendwie einheitlich gestalteten Plan der Ausnutzung zu Erwerbszwecken konstituiert (Übergänge sind daher möglich). Wo nur von „Betrieb“ die Rede ist, soll jedenfalls darunter immer jene technisch – in Anlagen, Arbeitsmitteln, Arbeitskräften und (eventuell: heterokepha1er und heteronomer) technischer Leitung – gesonderte Einheit verstanden werden, die es ja auch in der kommunistischen Wirtschaft (nach dem schon jetzt geläufigen Sprachgebrauch)40Wie oben, S. 293, Hg.-Anm. 15, erläutert, hat der Begriff „Kommunismus“ bzw. „kommunistisch“ durch Lenin eine Wiederbelebung und spezifische Deutung erfahren. Die Oktoberrevolution in Rußland und die Programmatik kommunistischer Parteien in mehreren Ländern brachten es mit sich, daß der Begriff „kommunistische Wirtschaft“ im Sinne einer zentral verwalteten Wirtschaft innerhalb kurzer Zeit geläufig wurde. gibt. Der Ausdruck „Erwerbsbetrieb“ soll fortan nur da verwendet werden, wo technische und ökonomische (Unternehmungs-)Einheit identisch sind.

Die Beziehung von „Betrieb“ und „Unternehmung“ wird terminologisch besonders akut bei solchen Kategorien wie „Fabrik“41Zu Max Webers Begriff „Fabrik“, insbesondere zu Merkmalen der ‚heutigen‘ Fabrik, vgl. unten, S. 331 ff., sowie Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 227–229. und „Hausindustrie“.42Max Weber weicht von Karl Bücher ab. Dieser hat den Begriff „Hausindustrie“ als „mißverständlich“ bezeichnet und spricht von „Verlagssystem“ (vgl. Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2, S. 151). In diesem Kapitel bevorzugt Weber durchge[301]hend den Begriff „Hausindustrie“, während er in der Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ zumeist von „Verlagssystem“ redet; vgl. Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 219–227. Die letztere ist ganz klar eine Kategorie der Unternehmung. [301]„Betriebsmäßig“ angesehen stehen ein kaufmännischer Betrieb und Betriebe als Teil der Arbeiterhaushaltungen (ohne – außer bei Zwischenmeisterorganisation43In den hausindustriellen Organisationen des 19. Jahrhunderts traten häufig, insbesondere im Bekleidungsgewerbe, zwischen den Verleger und die Heimarbeiter Personen, Zwischenmeister genannt, die die Aufträge und evtl. Rohstoffe auf die von ihnen organisierten Heimarbeiter verteilten und deren Produkte wieder einsammelten und sie gegebenenfalls vor Ablieferung beim Verleger noch in ihrer eigenen Werkstatt weiter verarbeiteten. Vgl. Bücher, Gewerbe3, S. 867 f. – Werkstattarbeit) mit spezifizierten Leistungen an den kaufmännischen Betrieb und umgekehrt dieses an jene nebeneinander; der Vorgang ist also rein betriebsmäßig gar nicht verständlich, sondern es müssen die Kategorien: Markt, Unternehmung, Haushalt (der Einzelarbeiter), erwerbsmäßige Verwertung der entgoltenen Leistungen dazutreten. „Fabrik“ könnte man an sich – wie dies oft vorgeschlagen ist44In der nationalökonomischen Fachliteratur sind derartige Vorschläge nicht nachweisbar. Max Weber bezieht sich vermutlich auf Historiker wie Hugo Blümner, Eduard Meyer, Julius Beloch und Walter Otto, welche hellenisch-byzantinische Werkstätten als „Fabrik“ bezeichnet haben. Vgl. Blümner, Hugo, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern, 4 Bände. – Leipzig: B. G. Teubner 1875–1887; Meyer, Eduard, Die Sclaverei im Altertum. Vortrag, gehalten in der Gehe-Stiftung zu Dresden am 15. Januar 1898 (Vorträge der Gehe-Stiftung, 16). – Dresden: Zahn & Jaensch 1898, S. 13; Beloch, Julius, Großindustrie im Altertum, in: Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Band 2, 1899, S. 17–26. Max Weber kritisiert dies mehrfach in: Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6 u. a. S. 329 f., 523, 528. – ökonomisch indifferent insofern definieren, als die Art der Arbeiter (frei oder unfrei), die Art der Arbeitsspezialisierung (innere technische Spezialisierung oder nicht) und der verwendeten Arbeitsmittel (Maschinen oder nicht) beiseite gelassen werden kann. Also einfach: als Werkstattarbeit. Immerhin muß aber außerdem die Art der Appropriation der Werkstätte und der Arbeitsmittel (an einen Besitzer) in die Definition aufgenommen werden, sonst zerfließt der Begriff wie der des „Ergasterion“.45Zum Begriff und zur Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen des Ergasterions (griech. Werkstätte) vgl. unten, S. 331, sowie Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 199 ff. Und geschieht einmal dies, dann scheint es prinzipiell zweckmäßiger, „Fabrik“ wie „Hausindustrie“ zu zwei streng ökonomischen Kategorien der Kapitalrechnungsunternehmung zu stempeln. Bei streng sozialistischer Ordnung würde die „Fabrik“ dann so wenig wie die „Hausindustrie“ vorkommen, sondern nur: naturale Werkstätten, Anlagen, Maschinen, Werkzeuge, Werkstatt- und Heimarbeitsleistungen aller Art.

[302]3. Es ist nachstehend über das Problem der ökonomischen „Entwicklungsstufen“46[302]Das Konzept der Entwicklungsstufen war ein zu Webers Zeit heftig umstrittener Gegenstand. Vorstellungen von einer Abfolge von Produktionsweisen oder Arten der wirtschaftlichen Vergemeinschaftung gibt es seit der Antike. Im 19. Jahrhundert, insbesondere bei Friedrich List und Karl Marx sowie Hauptvertretern der Historischen Schule der Nationalökonomie, rückte die Frage nach der zweckmäßigen Typisierung der Phasen wirtschaftlicher Entwicklung und der Gesetzmäßigkeit ihrer Abfolge in den Vordergrund. Vgl. Schönberg, Gustav von, Die Volkswirtschaft, in: Handbuch der Politischen Ökonomie, 3. Aufl., 1. Band. – Tübingen: H. Laupp’sche Buchhandlung 1890, S. 1062–1065; Below, Georg von, Wirtschaftsstufen, in: WbVW3, Band 2, 1911, S. 1382–1384; Bücher, Karl, Volkswirtschaftliche Entwicklungsstufen, in: GdS, Abt. I, 1914, S. 1–18. noch nichts bzw. nur soweit nach der Natur der Sache absolut unvermeidlich und beiläufig etwas zu sagen. Nur soviel sei hier vorweg bemerkt:

Mit Recht zwar unterscheidet man neuerdings genauer: Arten der Wirtschaft und Arten der Wirtschaftspolitik. Die von Schönberg präludierten Schmollerschen und seitdem abgewandelten Stufen: Hauswirtschaft, Dorfwirtschaft – dazu als weitere „Stufe“: grundherrliche und patrimonialfürstliche Haushalts-Wirtschaft –, Stadtwirtschaft, Territorialwirtschaft, Volkswirtschaft waren in seiner Terminologie bestimmt durch die Art des wirtschaftsregulierenden Verbandes.47Gustav Schönberg beschrieb 1867 eine Abfolge von drei „Wirtschaftszuständen“: Haus-, Stadt- und Volkswirtschaft. Hieran anknüpfend unterschied Gustav Schmoller vier „Grundstufen“: Dorf-, Stadt-, Territorial- und Volkswirtschaft. Vgl. Schönberg, Gustav, Zur wirthschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens im Mittelalter, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Band 9, 1867, S. 1–72 u. 97–169; Schmoller, Gustav, Studien über die wirthschaftliche Politik Friedrichs des Großen und Preußens überhaupt von 1680 bis 1786. II. Das Merkantil-System in seiner historischen Bedeutung: städtische, territoriale und staatliche Wirthschaftspolitik, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, N. F. 8. Jg., Heft 1, 1884, S. 15–61. Aber es ist nicht gesagt, daß auch nur die Art dieser Wirtschaftsregulierung bei Verbänden verschiedenen Umfangs verschieden wäre. So ist die deutsche „Territorialwirtschaftspolitik“ in ziemlich weitgehendem Umfang nur eine Übernahme der stadtwirtschaftlichen Regulierungen gewesen und waren ihre neuen Maßnahmen nicht spezifisch verschieden von der „merkantilistischen“48Als Merkantilsystem bzw. Merkantilismus wird einerseits ein Konglomerat nationalökonomischer Lehren des 16. bis 18. Jahrhunderts bezeichnet, andererseits die fiskal-, geld-, handels- und gewerbepolitische Praxis der absolutistisch regierten Territorialstaaten Europas in diesem Zeitraum. Vgl. Leser, Emanuel, Merkantilsystem, in: HdStW3, Band 6, 1910, S. 650–658; Lexis, Wilhelm, Merkantilsystem, WbVW3, Band 2, 1911, S. 374–377. Politik spezifisch patrimonialer, dabei aber schon relativ rationaler Staatenverbände (also insoweit „Volkswirtschaftspolitik“ nach dem üblichen, wenig glückli[303]chen Ausdruck).49[303]Konkrete Anhaltspunkte dafür, warum Weber den Begriff „Volkswirtschaftspolitik“, den er in seiner Freiburger Antrittsrede „Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik“ (MWG I/4, S. 543 ff.) ohne jede Einschränkung verwendet hat, wenig glücklich nennt, lassen sich in seinem Werk nicht nachweisen. Weil Weber häufig von „Wirtschaftspolitik“ ohne Einschränkungen spricht, ist zu vermuten, daß der Grund für seine Kritik in dem Begriffselement „Volk“ und den mit ihm verbundenen Unklarheiten liegt. Hierzu vgl. u. a. Weber, Roscher und Knies I, S. 9 ff. Vollends aber ist nicht gesagt, daß die innere Struktur der Wirtschaft: die Art der Leistungsspezifikation oder -Spezialisierung50Zu Max Webers Unterscheidung zwischen Leistungsspezifikation (auch Leistungsspezifizierung genannt) und Leistungsspezialisierung vgl. unten, S. 304 und 339. und -Verbindung, die Art der Verteilung dieser Leistungen auf selbständige Wirtschaften und die Art [A 65]der Appropriation von Arbeitsverwertung, Beschaffungsmitteln und Erwerbschancen mit demjenigen Umfang des Verbandes parallel ging, der (möglicher!) Träger einer Wirtschaftspolitik war und vollends: daß sie mit dem Umfang dieses immer gleichsinnig wechsle. Die Vergleichung des Okzidents mit Asien und des modernen mit dem antiken Okzident würde das Irrige dieser Annahme zeigen. Dennoch kann bei der ökonomischen Betrachtung niemals die Existenz oder Nicht-Existenz material wirtschaftsregulierender Verbände – aber freilich nicht nur gerade: politischer Verbände – und der prinzipielle Sinn ihrer Regulierung beiseite gelassen werden. Die Art des Erwerbs wird dadurch sehr stark bestimmt.

4. Zweck der Erörterung ist auch hier vor allem: Feststellung der optimalen Vorbedingungen formaler Rationalität der Wirtschaft und ihrer Beziehung zu materialen „Forderungen“ gleichviel welcher Art.

§ 16. I.51Zum Gliederungszusammenhang vgl. oben, S. 296 f. Technisch unterscheiden sich die Arten der Leistungs-Gliederung:

A. je nach der Verteilung und Verbindung der Leistungen. Und zwar:

1. je nach der Art der Leistungen, die ein und dieselbe Person auf sich nimmt. Nämlich:

a) entweder liegen in ein und derselben Hand

  1. zugleich leitende und ausführende, oder
  2. nur das eine oder das andere, –e[303]e(S. 220, ab: in concreto)e Zu dieser Textpassage sind Korrekturfahnen überliefert; vgl. dazu den Anhang, unten, S. 605–663.

[304]Zu a: der Gegensatz ist natürlich relativ, da gelegentliches „Mitarbeiten“ eines normalerweise nur Leitenden (großen Bauern z. B.) vorkommt. Im übrigen bildet jeder Kleinbauer oder Handwerker oder Kleinschiffer den Typus von α.

b) entwederj[304]A: Entweder vollzieht ein und dieselbe Person

α. technisch verschiedenartige und verschiedene Endergebnisse hervorbringende Leistungen (Leistungskombination) und zwar entweder

  1. wegen mangelnder Spezialisierung der Leistung in ihre technischen Teile,
  2. im Saison-Wechsel, – oder
  3. zur Verwertung von Leistungskräften, die durch eine Hauptleistung nicht in Anspruch genommen werden (Nebenleistung).

Oder es vollzieht eine und dieselbe Person

ß. nur besondersartige Leistungen, und zwar entweder

  1. besondert nach dem Endergebnis: so also, daß der gleiche Leistungsträger alle zu diesem Erfolg erforderlichen, technisch untereinander verschiedenartigen simultanen und sukzessiven Leistungen vollzieht (so daß also in diesem Sinn Leistungskombination vorliegt): Leistungsspezifizierung; – oder
  2. technisch spezialisiert nach der Art der Leistung, so daß erforderlichenfalls das Endprodukt nur durch (je nachdem) simultane oder sukzessive Leistungen mehrerer erzielt werden kann: Leistungsspezialisierung.

Der Gegensatz ist vielfach relativ, aber prinzipiell vorhanden und historisch wichtig.

Zu b, α: Der Fall αα besteht typisch in primitiven Hauswirtschaften, in welchen – vorbehaltlich der typischen Arbeitsteilung der Geschlechter (davon in Kap. V)52[304] Ein entsprechendes Kapitel liegt nicht vor; vgl. den Anhang zum Editorischen Bericht, oben, S. 109. – jeder alle Verrichtungen je nach Bedarf besorgt.

Für den Fall ßß war typisch der Saison-Wechsel zwischen Landwirtschaft und gewerblicher Winterarbeit.

[305]Für γγ der Fall ländlicher Nebenarbeit von städtischen Arbeitern und die zahlreichen „Nebenarbeiten“, die – bis in moderne Büros hinein – übernommen wurden, weil Zeit frei blieb.

Zu b, ß: Für den Fall αα ist die Art der Berufsgliederung des Mittelalters typisch: eine Unmasse von Gewerben, welche sich je auf ein Endprodukt spezifizierten, aber ohne alle Rücksicht darauf, daß technisch oft heterogene Arbeitsprozesse zu diesem hinführten, also: Leistungskombination bestand. Der Fall ßß umschließt die gesamte moderne Entwicklung der Arbeit. Doch ist vom streng psychophysischen [A 66]Standpunkt aus kaum irgendeine[,] selbst die höchstgradig „spezialisierte“ Leistung wirklich bis zum äußersten Maße isoliert; es steckt immer noch ein Stück Leistungs-Spezifikation darin, nur nicht mehr orientiert nach dem Endprodukt, wie im Mittelalter.

Die Art der Verteilung und Verbindung der Leistungen (siehe oben A)53[305]Max Weber verweist auf den Anfang von Kap. II, § 16, oben, S. 303. ist ferner verschieden:

2. Je nach der Art, wie die Leistungen mehrerer Personen zur Erzielung eines Erfolges verbunden werden. Möglich ist:

a) Leistungshäufung: technische Verbindung gleichartiger Leistungen mehrerer Personen zur Herbeiführung eines Erfolges:

α. durch geordnete, technisch unabhängig voneinander verlaufende Parallel-Leistungen, –

ß. durch technisch zu einer Gesamtleistung vergesellschaftete (gleichartige) Leistungen.

Für den Fall α können parallel arbeitende Schnitter54Auf großen Ackerflächen arbeiteten bei der Getreideernte u.U. eine größere Zahl von mit der Sense Mähenden hintereinander gestaffelt in parallelen Streifen im selben Tempo. oder Pflästerer,55Bei der Verlegung eines aus einzelnen Steinen bestehenden Straßenpflasters waren in der Regel mehrere Arbeiter gestaffelt in parallelen Bahnen tätig. für den Fall ß die, namentlich in der ägyptischen Antike im größten Maßstab (Tausende von Zwangs-Arbeitern) vorkommenden Transportleistungen von Kolossen durch Zusammenspannen zahlreicher die gleiche Leistung (Zug an Stricken) Vollbringender als Beispiele gebraucht werden.

b) Leistungsverbindung: technische Verbindung qualitativ verschiedener, also: spezialisierter (A 1 b ß, ßß) Leistungen zur Herbeiführung eines Erfolges:

[306]α. durch technisch unabhängig voneinander

  1. simultan, also: parallel –
  2. sukzessiv spezialisiert vorgenommene Leistungen, oder

ß. durch technisch vergesellschaftete spezialisierte (technisch komplementäre) Leistungen in simultanen Akten.

1. Für den Fall α, αα sind die parallel laufenden Arbeiten etwa des Spinnens an Kette und Schuß ein besondersk[306]A: besonderes einfaches Beispiel,56Zu Kette und Schuß vgl. oben, S. 276, Hg.-Anm. 71. Weil Kett- und Schußfäden beim Weben unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind, werden die grundsätzlich in verschiedenen Spinnprozessen hergestellt. dem sehr viele ähnliche, letztlich alle schließlich auf ein Gesamt-Endprodukt hinzielenden[,] nebeneinander technisch unabhängig herlaufenden Arbeitsprozesse zur Seite zu stellen sind.

2. Für den Fall α, ßß gibt die Beziehung zwischen Spinnen, Weben, Walken, Färben, Appretieren das übliche und einfachste, in allen Industrien sich wiederfindende Beispiel.

3. Für den Fall ß gibt, von dem Halten des Eisenstücks und dem Hammerschlag des Schmiedes angefangen (das sich im großen in jeder modernen Kesselschmiede wiederholt), jede Art des einander „In-die-Hand-Arbeitens“ in modernen Fabriken – für welche dies zwar nicht allein spezifisch, aber doch ein wichtiges Charakteristikum ist – den Typus. Das Ensemble eines Orchesters oder einer Schauspielertruppe sind ein außerhalb des Fabrikhaften liegender höchster Typ.

§ 17. (noch: I. vgl. § 16).57Gemeint ist die Fortsetzung des in § 16 mit I A Begonnenen, oben, S. 303. Zur Aufteilung des Stoffes zu Abschnitt I auf zwei Paragraphen vgl. oben, S. 296, Hg.-Anm. 28.

Technisch unterscheiden sich die Arten der Leistungs-Gliederung ferner:

B. je nach Maß und Art der Verbindung mit komplementären sachlichen Beschaffungsmitteln. Zunächst,

1. je nachdem sie

a) reine Dienstleistungen darbieten

Beispiele: Wäscher, Barbiere, künstlerische Darbietungen von Schauspielern usw.

[307]b) Sachgüter herstellen oder umformen, also: „Rohstoffe“ bearbeiten, oder transportieren. Näher: je nachdem sie

  1. Anbringungsleistungen, oder
  2. Güterherstellungsleistungen, oder
  3. Gütertransportleistungen sind. Der Gegensatz ist durchaus flüssig.

[A 67]Beispiele von Anbringungsleistungen: Tüncher, Dekorateure, Stukkateure usw.

Ferner:

2. je nach dem Stadium der Genußreife, in welches sie die beschafften Güter versetzen. –

Vom landwirtschaftlichen bzw. bergbaulichen Rohprodukt bis zum genußreifen und: an die Stelle des Konsums verbrachten Produkt.

3. endlich: je nachdem sie benützen:

a) „Anlagen“ und zwar:

αα) Kraftanlagen, d. h. Mittel zur Gewinnung von verwertbarer Energie und zwar

1. naturgegebener (Wasser, Wind, Feuer), – oder

2. mechanisierter (vor Allem: Dampf- oder elektrischer oder magnetischer) Energie;

ßß) gesonderte Arbeitswerkstätten,

b) Arbeitsmittel,58[307]Der Begriff „Arbeitsmittel“ ist von Karl Marx in die politische Ökonomie eingeführt und wie folgt definiert worden: „Das Arbeitsmittel ist ein Ding oder ein Komplex von Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt und die ihm als Leiter seiner Thätigkeit auf diesen Gegenstand dienen.“ Vgl. Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, 3 Bände, Band 1: Der Produktionsproceß des Capitals, 3. Aufl. – Hamburg: Otto Meissner 1883, S. 157. Die von Weber davon unterschiedenen „Anlagen“ hat Marx in seine Darstellung der Elemente des Arbeitsprozesses nicht einbezogen. und zwar

  1. Werkzeuge,
  2. Apparate,
  3. Maschinen,

eventuell: nur das eine oder andere oder keine dieser Kategorien von Beschaffungsmitteln. Reine „Werkzeuge“ sollen solche Arbeitsmittel heißen, deren Schaffung an den psychophysischen Bedingungen menschlicher Handarbeit orientiert ist, [308]„Apparate“ solche, an deren Gang menschliche Arbeit sich als „Bedienung“ orientiert, „Maschinen“: mechanisierte Apparate. Der durchaus flüssige Gegensatz hat für die Charakterisierung bestimmter Epochen der gewerblichen Technik eine gewisse Bedeutung.59[308]Dafür, daß die Besonderheit der Maschine in ihrem epocheprägenden Charakter erfaßt worden ist, gibt es zahlreiche literarische Beispiele, z. B. Suttner, Bertha von, Das Maschinenzeitalter. Zukunftsvorlesungen über unsere Zeit. – Zürich: Verlags-Union 1889; Schmoller, Gustav von, Über das Maschinenzeitalter in seinem Zusammenhang mit dem Volkswohlstand und der sozialen Verfassung der Volkswirtschaft. – Berlin: Julius Springer 1903.

Die für die heutige Großindustrie charakteristische mechanisierte Kraftanlagen- und Maschinen-Verwendung ist technisch bedingt durch a) spezifische Leistungsfähigkeit und Ersparnis an menschlichem Arbeitsaufwand, und b) spezifische Gleichmäßigkeit und Berechenbarkeit der Leistung nach Art und Maß. Sie ist daher rational nur bei hinlänglich breitem Bedarf an Erzeugnissen der betreffenden Art. Unter den Bedingungen der Verkehrswirtschaft also: bei hinlänglich breiter Kaufkraft für Güter der betreffenden Art, also: entsprechender Geldeinkommengestaltung.

Eine Theorie der Entwicklung der Werkzeug- und Maschinentechnik und -Ökonomik könnte hier natürlich nicht einmal in den bescheidensten Anfängen unternommen werden. Unter „Apparaten“ sollen Arbeitsgeräte wie etwa der durch Treten in Bewegung gesetzte Webstuhl und die zahlreichen ähnlichen verstanden werden, die immerhin schon die Eigengesetzlichkeit der mechanischen Technik gegenüber dem menschlichen (oder: in andern Fällen: tierischen) Organismus zum Ausdruck brachten und ohne deren Existenz (namentlich die verschiedenen „Förderungsanlagen“ des Bergbaues gehörten dahin) die Maschine in ihren heutigen Funktionen nicht entstanden wäre. (Lionardo’s „Erfindungen“ waren „Apparate“.)60Von Lionardo oder Leonardo da Vinci ist eine Fülle von Zeichnungen technischen Inhalts überliefert, in denen Ideen für neuartige Gerätschaften zu erkennen sind. Vgl. dazu Feldhaus, Franz Maria, Leonardo der Techniker und Erfinder. – Jena: Eugen Diederichs 1913.

§ 18. II.61Folgt Abschnitt I in den §§ 16 und 17, oben, S. 303 ff. Zum Gliederungszusammenhang vgl. oben, S. 296 f. Sozial unterscheidet sich die Art der Leistungsverteilung:

[309]A. je nach der Art, wie qualitativ verschiedene oder wie insbesondere komplementäre Leistungen auf autokephale und (mehr oder minder) autonome Wirtschaften verteilt sind und alsdann weiterhin ökonomisch, je nachdem diese sind: a) Haushaltungen, b) Erwerbsbetriebe.62[309]Entsprechend der von Max Weber oben, S. 299 f., getroffenen Unterscheidung zwischen „Betrieb“ und „Unternehmen“ würde man hier „Erwerbsunternehmen“ erwarten, wie Weber auch im Folgenden formuliert hat. Es kann bestehen:

1. Einheitswirtschaft mit rein interner, also: völlig heterokephaler und heteronomer, rein technischer, Leistungsspezialisierung (oder: -Spezifizierung) und Leistungsverbindung (einheitswirtschaftliche Leistungsverteilung). Die Einheitswirtschaft kann ökonomisch sein:

  1. ein Haushalt,
  2. ein Erwerbsunternehmen.

Ein Einheits-Haushalt wäre im größten Umfang eine kommunistische Volkswirtschaft, im kleinsten war es die primitive Familienwirtschaft, welche alle [A 68]oder die Mehrzahl aller Güterbeschaffungsleistungen umschloß (geschlossene Hauswirtschaft).63Zum Begriff „geschlossene Hauswirtschaft“ vgl. oben, S. 273. Der Typus des Erwerbsunternehmens mit interner Leistungsspezialisierung und -Verbindung ist natürlich die kombinierte Riesenunternehmung bei ausschließlich einheitlichem händlerischem Auftreten gegen Dritte. Diese beiden Gegensätze eröffnen und schließen (vorläufig) die Entwicklung der autonomen „Einheitswirtschaften“.

2. Oder es besteht Leistungsverteilung zwischen autokephalen Wirtschaften. Diese kann sein:

a) Leistungsspezialisierung oder -Spezifizierung zwischen heteronomen, aber autokephalen Einzelwirtschaften, welche sich an einer paktierten oder oktroyierten Ordnung orientieren. Diese Ordnung kann, material, ihrerseits orientiert sein:

1. an den Bedürfnissen einer beherrschenden Wirtschaft, und zwar entweder:

α. eines Herrenhaushalts (oikenmäßige Leistungsverteilung), oder

ß. einer herrschaftlichen Erwerbswirtschaft;l[309]A: Erwerbswirtschaft.

[310]2. an den Bedürfnissen der Glieder eines genossenschaftlichen Verbandes (verbandswirtschafliche Leistungsverteilung), und zwar, ökonomisch angesehen, entweder

  1. haushaltsmäßig, oder
  2. erwerbswirtschaftlich.

Der Verband seinerseits kann in allen diesen Fällen denkbarer Weise sein:

I. nur (material) wirtschaftsregulierend, oder

II. zugleich Wirtschaftsverband. – Neben allem dem steht

b) Verkehrswirtschaftliche Leistungsspezialisierung zwischen autokephalen und autonomen Wirtschaften, welche sich material lediglich an der Interessenlage, also formal lediglich an der Ordnung eines Ordnungsverbandes (II § 5m[310]A: I § 15, d)64[310]Oben, S. 233. Die Verweisangaben im Erstdruck wurden emendiert; Kap. I, § 15, d, gibt es nicht. Die Referenzstelle befindet sich in Kap. II, § 5. orientieren.

1. Typus für den Fall I: nur wirtschaftsregulierender Verband, vom Charakter 2 (Genossenverband) und α (Haushalt): das indische Dorfhandwerk („establishment“);65Zum Charakter des indischen Dorfhandwerks und der besonderen Rolle jener Handwerker, die für ihre Leistungen nicht im einzelnen entlohnt wurden, sondern kleine Landparzellen zu erblichem Besitz nutzten und darüber hinaus Ernteanteile oder Deputate erhielten (in englischer Terminologie „establishment“) vgl. Weber, Hinduismus, MWG I/20, S. 118 f., und Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 115 f. für den Fall II: Wirtschaftsverband, vom Charakter 1 (Herrenhaushalt) ist es die Umlegung fürstlicher oder grundherrlicher oder leibherrlicher Haushaltsbedürfnisse (oder auch, bei Fürsten: politischer Bedürfnisse) auf Einzelwirtschaften der Untertanen, Hintersassen, Hörigen oder Sklaven oder Dorfkötter66In Norddeutschland Bezeichnung für Dorfbewohner, die einen Kotten, d. h. ein kleines landwirtschaftliches Anwesen, bewirtschafteten, welches zu ihrem Lebensunterhalt beitrug. Vornehmlich waren sie Arbeitskräfte auf dem Herrenhof und bei Bauern, vielfach auch handwerklich tätig. oder demiurgischennA: demiurgische (s. u.)67Unten, S. 311. Dorfhandwerker, die sich in der ganzen Welt urwüchsig fand. Nur wirtschaftsregulierend (1) im Fall 1 waren oft z. B. die kraft Bannrechts des Grundherren, im Fall 2 die kraft Bannrechts der Stadt gebotenen GewerbeleistungenoA: Gewerbeleistungen, (soweit sie, wie häufig, nicht materiale, sondern lediglich fiskalische Zwecke verfolgten). Erwerbswirtschaftlich (Fall a 1 ß): Umlegung hausindustrieller Leistungen auf Einzelhaushalte.

[311]Der Typus für a 2 ß im Falle II sind alle Beispiele oktroyierter Leistungsspezialisierung in manchen sehr alten Kleinindustrien. In der Solinger Metallindustrie war ursprünglich genossenschaftlich paktierte Leistungsspezialisierung vorhanden, die erst später herrschaftlichen (Verlags-)Charakter annahm.68[311]Solingen war seit dem 13. Jahrhundert ein Zentrum der Schwert- und Messerschmiede. Bis zum 16. Jahrhundert bestand das Gewerbe aus zahlreichen horizontal und vertikal hoch spezialisierten Werkstätten von Handwerksmeistern, die in Zünften organisiert waren. Im 17. Jahrhundert vollzog sich ein Wechsel des Betriebssystems hin zur Hausindustrie, in der die Meister Lohnempfänger der Verleger wurden. Dabei entwickelte sich in Solingen eine eigentümlich-herrschaftliche Verfassung des Arbeitsmarktes. Vgl. Thun, Alphons, Die Industrie am Niederrhein und ihre Arbeiter, 2. Theil: Die Industrie des bergischen Landes (Solingen, Remscheid und Elberfeld-Barmen) (Staats- und socialwissenschaftliche Forschungen, hg. v. Gustav Schmoller, Band II, Heft 3). – Leipzig: Duncker & Humblot 1879, S. 5–105; Dransfeld, Friedrich Wilhelm, Solinger Industrie-Verhältnisse im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zum Kapitel: Kampf zwischen Kapital und Arbeit. – Solingen: Schmitz & Olbert 1914.

Für den Fall a 2 ß I (nur regulierender Verband) sind alle „dorf“- oder „stadtwirtschaftlichen“ Ordnungen des Verkehrs, soweit sie material in die Art der Güterbeschaffung eingriffen, Typen.

Der Fall 2 b ist der der modernen Verkehrswirtschaft.

Im einzelnen sei noch folgendes hinzugefügt:

2. Hauswirtschaftlich orientiert sind die Verbandsordnungen im Fall a 2 α I in besonderer Art: dadurch, daß sie am vorausgesehenen Bedarf der einzelnen Genossen orientiert sind, nicht an Haushaltszwecken des (Dorf-)Verbandes. Derartig orientierte spezifizierte Leistungspflichten sollen demiurgische Naturalleiturgien heißen, diese Art der Bedarfsvorsorge: demiurgische Bedarfsdeckung.69In „Agrarverhältnisse im Altertum“ beschreibt Max Weber den Demiurgos (griech. Handwerker) als einen auf gewerblichem Gebiet „für das Volk“, d. h. für jeden, der sein Kunde werden will, arbeitenden Berufshandwerker. Dabei greife der Ausdruck „von jeher viel weiter als unser ‚Handwerk‘, er umfaßt allen Erwerb aus Dienst für eine unbestimmte Vielheit, auch den der Ärzte, Sänger, Wahrsager usw.“ Vgl. Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 475–477, Zitate: S. 476 und 477. Über demiurgische Leistungen für einen Konsumenten-Verband vgl. auch unten, S. 349 f. Stets handelt es sich um verbandsmäßige Regulierungen der Arbeitsverteilung und – eventuell – Arbeitsverbindung.

Wenn dagegen (Fälle 2 a II) der Verband selbst (sei es ein herrschaftlicher oder genossenschaftlicher) eine eigene Wirtschaft hat, für welche Leistungen spezialisiert umgelegt werden, so soll diese Bezeichnung nicht verwendet werden. Für diese Fälle bilden die Typen die spezialisierten oder spezifizierten Naturalleistungsordnungen von Fronhöfen, Grundherrschaften70Zum Begriff vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 743; zu den Strukturmerkmalen der Grundherrschaft vgl. unten, S. 327 f. und 347. Max Weber hat Probleme der Grundherrschaft wiederholt ausführlich behandelt, vgl. Weber, Patrimonialismus, MWG I/22-[312]4, S. 235–370; Weber, Feudalismus, MWG I/22-4, S. 371–453, Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 149–157. und anderen Großhaushaltungen. Aber auch die von Fürsten, [312]politischen und kommunalen oder anderen primär außerwirtschaftlich orientierten Verbänden für den herrschaftlichen oder Verbandshaushalt umgelegten Leistungen. Derart qualitativ spezifizierend geordnete Robott- oder Lieferungs[A 69]pflichten von Bauern, Handwerkern, Händlern sollen bei persönlichen Großhaushaltungen als Empfängern oikenmäßige, bei Verbandshaushaltungen als Empfängern verbandsmäßige Naturalleiturgien heißen, das Prinzip dieser Art von Versorgung des Haushalts eines wirtschaftenden Verbandes: leiturgische Bedarfsdeckung. Diese Art von Bedarfsdeckung hat eine außerordentlich bedeutende historische Rolle gespielt, von der noch mehrfach zu sprechen sein wird.71Max Weber verweist nach unten, S. 339, 341, 433 und 438. In politischen Verbänden hat sie die Stelle der modernen Finanzen72Zu den „Finanzen“ im weiten, auch die Naturalbeschaffung einbeziehenden, und im modernen Sinn vgl. unten, S. 429 ff. vertreten, in Wirtschaftsverbänden bedeutete sie eine „Dezentralisierung“ des Großhaushalts durch Umlegung des Bedarfs desselben auf nicht mehr im gemeinsamen Haushalt unterhaltene und verwendete, sondern je ihre eignen Haushaltungen führende, aber dem Verbandshaushalt leistungspflichtige, insoweit also von ihm abhängige, Fron- und Naturalzins-Bauern, Gutshandwerker und Leistungspflichtige aller Art. Für den Großhaushalt der Antike hat Rodbertus zuerst den Ausdruck „Oikos“ verwendet, dessen Begriffsmerkmal die – prinzipielle – Autarkie der Bedarfsdeckung durch Hausangehörige oder haushörige Arbeitskräfte, welchen die sachlichen Beschaffungsmittel tauschlos zur Verfügung stehen, sein sollte.73Zum Begriff „Oikos“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 748. Auf Karl Rodbertus, dessen Leistung und zugestandene Irrtümer weist Max Weber schon oben (S. 271) hin, ohne dort den Begriff „Oikos“ zu erwähnen; zu den Quellen vgl., ebd., Hg.-Anm. 57. In der Tat stellen die grundherrlichen und noch mehr die fürstlichen Haushaltungen der Antike (vor allem: des „Neuen Reichs“ in Ägypten)74Hinsichtlich der Chronologie der ägyptischen Geschichte folgt Max Weber, Agrarverhältnisse3 (MWG I/6, S. 300–747), der Einteilung von: Erman, Adolf, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum, Band 1. – Tübingen: H. Laupp 1885, S. 63. Danach erstreckte sich das Neue Reich, die 18. bis 20. Dynastie umfassend, über den Zeitraum von etwa 1530–1050 v. Chr. (vgl. MWG I/6, S. 418, Hg.-Anm. 15). in einer allerdings sehr verschieden großen Annäherung (selten: reine) Typen solcher, die Beschaffung des Großhaushaltsbedarfs auf abhängige Leistungspflichtige (Robott- und Abgabepflichtige) umlegende Haushaltungen dar. Das gleiche findet sich zeitweise in China und Indien und, in geringerem Maß, in unserem Mittelalter, vom Kapitulare de villis angefangen:75Das „capitulare de villis vel curtis imperialibus bzw. imperii“ ist eine in Kapitel unterteilte, um 800 vermutlich von Karl dem Großen erlassene Instruktion für die Ord[313]nung und den Betrieb seiner Krongüter. Sie enthält u. a. Aufstellungen zur Ausstattung der Güter, die Aufsichtspflichten der Verwalter und die Organisation der landwirtschaftlichen und gewerblichen Arbeit. Vgl. die Landgüterordnung Kaiser Karls des Grossen. (Capitulare de villis vel curtis imperii). Textausgabe mit Einleitung und Anmerkungen hg. von Karl Gareis. – Berlin: J. Guttentag 1895. Max Weber hat das capitulare de villis bereits in seinen Vorlesungen über „Allgemeine (‚theoretische‘) Nationalökonomie“ (MWG III/1, S. 450) behandelt. Im Manuskriptbestand zu diesen Vorlesungen findet sich ein Exzerpt aus der Übersetzung und dem Kommentar von Benjamin-Edme-Charles Guérard, Explication du Capitulaire de Villis, in: Mémoires de l’Institut impérial de France, Académie des inscriptions et belles-lettres, Tome 21,I, 1857, S. 165–309. Vgl. hierzu: MWG I/22-4, S. 260 f., Hg.-Anm. 32. Tausch nach [313]außen fehlte meist dem Großhaushalt nicht, hatte aber den Charakter des haushaltsmäßigen Tausches. Geldumlagen fehlten ebenfalls oft nicht, spielten aber für die Bedarfsdeckung eine Nebenrolle und waren traditional gebunden. – Tausch nach außen fehlte auch den leiturgisch belasteten Wirtschaften oft nicht. Aber das Entscheidende war: daß dem Schwerpunkt nach die Bedarfsdeckung durch die als Entgelt der umgelegten Leistungen verliehenen Naturalgüter: Deputate oder Landpfründen erfolgte. Natürlich sind die Übergänge flüssig. Stets aber handelt es sich um eine verbandswirtschaftliche Regulierung der Leistungsorientierung hinsichtlich der Art der Arbeitsverteilung und Arbeitsverbindung.

3. Für den Fall a 2 I (wirtschaftsregulierender Verband) sind für den Fall ß (erwerbswirtschaftliche Orientierung) diejenigen Wirtschaftsregulierungen in den okzidentalen mittelalterlichen Kommunen, ebenso in den Gilden und Kasten von China und Indien ein ziemlich reiner Typus, welche die Zahl und Art der Meisterstellen und die Technik der Arbeit, also: die Art der Arbeitsorientierung in den Handwerken regulierten. Soweit der Sinn nicht: Versorgung des Konsumbedarfs mit Nutzleistungen der Handwerker, sondern, – was nicht immer, aber häufig der Fall war: – Sicherung der Erwerbschancen der Handwerker war: insbesondre Hochhaltung der Leistungsqualität und Repartierung der Kundschaft. Wie jede Wirtschaftsregulierung bedeutete selbstverständlich auch diese eine Beschränkung der Marktfreiheit und daher der autonomen erwerbswirtschaftlichen Orientierung der Handwerker: sie war orientiert an der Erhaltung der „Nahrung“ für die gegebenen Handwerksbetriebe76Es war ein wichtiges Ziel der Regelungen des Handwerksbetriebs im Mittelalter und der frühen Neuzeit, den Zunftgenossen ein standesgemäßes Einkommen und die wirtschaftliche Selbständigkeit zu sichern. Dafür stand in den Quellen häufig der Begriff „Nahrung“. Werner Sombart sah in der „Idee der Nahrung“ ein wesentliches Merkmal der „Idee des Handwerks“ überhaupt (vgl. Sombart, Werner, Der moderne Kapitalismus, Band I: Die Genesis des Kapitalismus. – Leipzig: Duncker & Humblot 1902, S. 86–88; ausführlicher Sombart, Der moderne Kapitalismus I2, S. 188). Sombarts Ansicht, daß die „Idee der Nahrung“ der vorkapitalistischen Wirtschaftsgestaltung ihr Gepräge verliehen habe, ist Gegenstand anhaltender Auseinandersetzungen gewe[314]sen, eingeleitet mit einer scharfen Kritik Georg von Belows. Vgl. Below, Georg von, Die Entstehung des modernen Kapitalismus, in: HZ, Band 41, 1903, S. 432–485. und also insoweit der haus[314]haltswirtschaftlichen Orientierung trotz ihrer erwerbswirtschaftlichen Form doch innerlich material verwandt.

4. Für den Fall a 2 II im Fall ß sind außer den schon angeführten reinen Typen der Hausindustrie vor allem die Gutswirtschaften unseres Ostens mit den an ihren Ordnungen orientierten Instmanns-Wirtschaften,77Instleute waren auf ostdeutschen Gütern kontraktlich gebundene Landarbeiter. Das Instenverhältnis beruhte auf gegenseitiger Hilfe und Interessengemeinschaft. Der Instmann stellte sich sowie u.U. weitere Personen dem Gutsherrn als Arbeitskräfte zur Verfügung. Er erhielt dafür neben einem vergleichsweise geringen Tagelohnsatz Land zur eigenen Bebauung, Viehweide, Futter sowie Anteil am Gesamtertrag des ausgedroschenen Getreides der Gutswirtschaft. Der besondere Typ der ostdeutschen Gutswirtschaft ist von Max Weber erstmals in „Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland“ behandelt worden (vgl. MWG I/3 passim). Vgl. auch Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 169–172. die des Nordwestens mit den Heuerlings-Wirtschaften78Im deutschen Nordwesten vorkommender Typ eines auf einem Bauernhof tätigen Landarbeiters und Kleinpächters. Der Heuerling pachtete gegen geringe Bezahlung Land und Unterkunft vom Bauern, der ihm mit dem Gespann bei der Bewirtschaftung half. Als Gegenleistung erbrachte der Heuerling eine bestimmte Anzahl von Arbeitstagen für den Bauern. Typen. Die Gutswirtschaft sowohl, wie die Verlagswirtschaft sind Erwerbsbetriebe des Gutsherrn bzw. Verlegers; die Wirtschaftsbetriebe der Instleute und hausindustriellen Arbeiter orientieren sich in der Art der ihnen oktroyierten Leistungsverteilung und Arbeitsleistungsverbindung sowohl wie in ihrer Erwerbswirtschaft überhaupt primär an den Leistungspflichten, welche ihnen die Arbeitsordnung des Gutsverbandes bzw. die hausindustrielle Abhängigkeit auferlegt. Im übrigen sind sie: Haushaltungen. Ihre Erwerbsleistung ist nicht autonom, sondern heteronome Erwerbsleistung für den Erwerbsbetrieb des Gutsherrn bzw. Verlegers. Je nach dem Maß der materialen Uniformierung dieser Orientierung kann der Tatbestand sich der rein technischen Leistungsverteilung innerhalb eines und desselben Betriebes annähern, wie sie bei der „Fabrik“ besteht.

§ 19. (noch: II[,] vgl. § 18).79Gemeint ist die Fortsetzung des in § 18 mit II Begonnenen, oben, S. 308. Zum Gliederungszusammenhang vgl. oben, S. 296 f. Sozial unterscheidet sich die Art der Leistungsverteilung ferner:

B. je nach der Art, wie die als Entgelte bestimmterp[314]A: bestimmten Leistungen bestehenden Chancen appropriiertqA: appropriert sind. Gegenstand der Appropriation können sein:

[315][A 70]1. Leistungsverwertungschancen, –

2. sachliche Beschaffungsmittel, –

3. Chancen von Gewinn durch disponierende Leistungen.

Über den soziologischen Begriff der „Appropriation“ s. oben Kap. I § 10.r[315]In A folgt nach einem Absatz: Erste Möglichkeit: ; es folgt ein weiterer Absatz.83 Die im Erstdruck erwähnte Angabe „Erste Möglichkeit:“ wird später, wo es entsprechend der Systematik notwendig gewesen wäre (am Beginn der §§ 20 und 21), nicht durch eine „zweite“ oder „dritte Möglichkeit“ fortgeführt. Zudem verwirrt an dieser Stelle, daß Weber die Bezeichnungen „Erste“ bis „vierte Möglichkeit“ sogleich in einer [316]anderen Gliederungsebene benutzt. Deshalb wurde die Angabe „Erste Möglichkeit“ hier emendiert.80[315]Kap. I, § 10, oben, S. 198 f.

1.81Max Weber beginnt hier die bis § 21, unten, S. 334, reichende Erörterung der zuvor genannten drei Objekte der Appropriation. Zu den nachfolgenden Punkten vgl. § 20, unten, S. 323 ff. (2. Appropriation sachlicher Beschaffungsmittel) und § 21, unten, S. 333 ff. (3. Appropriation der disponierenden Leistungen). Appropriation von Arbeitsverwertungschancen: Möglich ist dabei:

  1. daß die Leistung an einen einzelnen Empfänger (Herren) oder Verband erfolgt,
  2. daß die Leistung auf dem Markt abgesetzt wird.

In beiden Fällen bestehen folgende vier einander radikal entgegengesetztesA: entgegengesetzten Möglichkeiten:t Absatz und Durchschuß fehlen in A.

Erste MöglichkeituFehlt in A; Möglichkeit sinngemäß ergänzt. :

a) Monopolistische Appropriation der Verwertungschancen an den einzelnen Arbeitenden („zünftig freie Arbeit“), und zwar:

  1. erblich und veräußerlich, oder
  2. persönlich und unveräußerlich, oder
  3. zwar erblich, aber unveräußerlich, – in allen diesen Fällen entweder unbedingt oder an materiale Voraussetzungen geknüpft.

Für 1 a α sind für I indische Dorfhandwerker, für II mittelalterliche „Real“-Gewerberechte,82Im Unterschied zur Befugnis, die eine Person als solche zum Betrieb eines Gewerbes besaß, war das Realgewerberecht in der Regel mit dem Besitz eines Grundstücks oder Hauses verbunden (Mühle, Brauerei, Apotheke). Es war veräußerlich und erblich. für 1 a ß in dem Fall I alle „Rechte auf ein [316]Amt“,84Zur Entwicklung von „Ämtern“ sowie zur Versorgung von Amtsträgern und in diesem Zusammenhang zu persönlichen Besitz-Rechten auf ein Amt seit dem Altertum vgl. die ausführliche Darstellung in: Weber, Bürokratismus, MWG I/22-4, S. 168–182, und Weber, Patrimonialismus, MWG I/22-4, S. 285 ff. für 1 a γ I und II gewisse mittelalterliche, vor allem aber indische Gewerberechte und mittelalterliche „Ämter“ verschiedenster Art85Über das indische Gewerbe vgl. Webers Ausführungen in „Hinduismus“, MWG I/20, S. 171–181; zur Erblichkeit der Stellen vor allem S. 179. – Im Mittelalter gab es eine Vielzahl von erblichen, aber unveräußerlichen Positionen, die monopolistische Arbeitsverwertungschancen boten; u. a. vielfach als Ämter bezeichnete Meisterstellen im Handwerk und die Zunft als Zwangsverband, dessen Mitgliedschaft Voraussetzung für die Ausübung eines Gewerbes war. Zum Amtsbegriff in diesem Zusammenhang vgl. Keutgen, F[riedrich], Ämter und Zünfte. Zur Entstehung des Zunftwesens. – Jena: Gustav Fischer 1903, S. 138 f. u. 183 f. Beispiele.

Zweite Möglichkeit:86Die hier genannte „zweite Möglichkeit“ bezieht sich auf die oben, S. 315, Zeile 11 f., erwähnten vier Möglichkeiten.

b) Appropriation der Verwertung der Arbeitskraft an einen Besitzer der Arbeiter („unfreie Arbeit“)

α. frei, d. h. erblich und veräußerlich (Vollsklaverei), oder

ß. zwar erblich, aber nicht oder nicht frei veräußerlich, sondern z. B. nur mit den sachlichen Arbeitsmitteln – insbesondere Grund und Boden – zusammen (Hörigkeit, Erbuntertänigkeit).

Die Appropriation der Arbeitsverwertung an einen Herren kann material beschränkt sein (b, ß: Hörigkeit). Weder kann dann der Arbeiter seine Stelle einseitig verlassen, noch kann sie ihm einseitig genommen werden.

Diese Appropriation der Arbeitsverwertung kann vom Besitzer benutzt werden

a) haushaltsmäßig und zwar

α. als naturale oder Geld-Rentenquellev[316]A: Geld Rentenquelle, oder

ß. als Arbeitskraft im Haushalt (Haus-Sklaven oder Hörige);

b) erwerbsmäßig

a. als αα. Lieferanten von Waren oder ßß. Bearbeiter gelieferten Rohstoffes für den Absatz (unfreie Hausindustrie),wA: Hausindustrie,)

ß. als Arbeitskraft im Betrieb (Sklaven- oder Hörigenbetrieb).

[317]Unter „Besitzer“ wird hier und weiterhin stets ein (normalerweise) nicht als solcher notwendig, sei es leitend, sei es arbeitend, am Arbeitsprozeß Beteiligter bezeichnet. Er kann, als Besitzer, „Leiter“ sein; indessen ist dies nicht notwendig und sehr häufig nicht der Fall.

Die „haushaltsmäßige“ Benützung von Sklaven und Hörigen (Hintersassen jeder Art): nicht als Arbeiter in einem Erwerbsbetriebe: sondern als Rentenquelle, war typisch in der Antike und im frühen Mittelalter. Keilschriften kennen z. B. Sklaven eines persischen Prinzen, die in die Lehre gegeben werden, vielleicht, um für den Haushalt als Arbeitskraft tätig zu sein, vielleicht aber auch, um gegen Abgabe (griechisch ,,ἀποφορά“, russisch „obrok“, deutsch „Hals“- oder „Leibzins“) material frei für Kunden zu arbeiten.87[317]Wie sich aus Parallelstellen ergibt, dürfte Weber hier einen Vertrag des persischen Kronprinzen Kambyses (um 558–522 v. Chr.) meinen (vgl. Weber, Hausgemeinschaften, MWG I/22-1, S. 160 mit der direkten Erwähnung, und Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 399 mit dem Nachweis des Vertrages in Hg.-Anm.60). Zu den verschiedenen Abgabeformen vgl. die Glossar-Einträge, unten, S. 738 (Apophora), 746 (Leihzins) und 747 (obrok). Das war bei den hellenischen Sklaven geradezu die (freilich nicht ausnahmslose) Regel, in Rom hat sich die selbständige Wirtschaft mit peculium oder merx peculiaris88peculium (lat.: Viehbesitz, auch Vermögen, Eigentum), hier im Sinn von Sondervermögen: Vom Herrn dem Sklaven zur eigenen Bewirtschaftung überlassenes, jedoch im Eigentum des Herrn verbleibendes Gut. merx peculiaris (lat.: zu Eigenbesitz gehörende Ware) bezeichnet Güter, die der Besitzer einem anderen zum Gebrauch überläßt, z. B. Werkzeuge. Vgl. auch Weber, Hausgemeinschaften, MWG I/22-1, S. 160 f., Hg.-Anm. 90 und 91. (und, selbstverständlich, Abgaben an [A 71]den Herrn) zu Rechtsinstituten verdichtet. Im Mittelalter ist die Leibherr schaft vielfach, in West- und Süddeutschland z. B. ganz regelmäßig, in ein bloßes Rentenrecht an im übrigen fast unabhängigen Menschen verkümmert,89Leibherrschaft in dem von Weber gemeinten Sinn bezeichnet ein Herrschaftsverhältnis, in dem der Leibeigene einem Herren zu Diensten und/oder Abgaben verpflichtet war (vgl. dazu auch den Glossar-Eintrag, unten, S. 746). Leibeigenschaft war in der Regel erblich, sodaß noch im 18. Jahrhundert in Westdeutschland selbst hochgestellte Personen wegen der Leibeigenschaft ihrer Vorfahren zu fortgesetzten, wenn auch geringfügigen Abgaben an einen Herren verpflichtet sein konnten. in Rußland die tatsächliche Beschränkung des Herren auf obrok-Bezug von tatsächlich (wenn auch rechtlich prekär) freizügigen Leibeigenen sehr häufig (wenn auch nicht die Regel) gewesen.

Die „erwerbsmäßige“ Nutzung unfreier Arbeiter hatte insbesondre in den grundherrlichen (daneben wohl auch in manchen fürstlichen, so vermutlich den pharaonischen) Hausindustrien die Form angenommen entweder:

[318]a) des unfreien Lieferungsgewerbes: der Abgabe von Naturalien, deren Rohstoff (etwa: Flachs) die Arbeiter (hörige Bauern) selbst gewonnen und verarbeitet hatten, oder

b) des unfreien Verwertungsgewerbes: der Verarbeitung von Material, welches der Herr lieferte. Das Produkt wurde möglicherweise, wenigstens teilweise, vom Herren zu Geld gemacht. In sehr vielen Fällen (so in der Antike) hielt sich aber diese Marktverwertung in den Schranken des Gelegenheitserwerbes, – was in der beginnenden Neuzeit namentlich in den deutsch-slavischen Grenzgebieten nicht der Fall war: besonders (nicht: nur) hier sind grund- und leibherrliche Hausindustrien entstanden. – Zu einem kontinuierlichen Betrieb konnte der leibherrliche Erwerb sowohl in Form

a) der unfreien Heimarbeit wie

b) der unfreien Werkstattarbeit

werden. Beide finden sich, die letztere als eine der verschiedenen Formen des Ergasterion in der Antike, in den pharaonischen und Tempel-Werkstätten und (nach Ausweis der Grabfresken)90[318]Ein entsprechender Quellenbeleg konnte nicht gefunden werden. auch privater Leibherren, im Orient, ferner in Hellas (Athen: Demosthenes),91Max Weber bezieht sich auf die häufig zitierten Werkstätten des Vaters von Demosthenes (383–322 v. Chr.). Ausführlicher Weber, Hausgemeinschaften, MWG I/22-1, S. 157–160, sowie Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 199. in den römischen Gutsnebenbetrieben (vgl. die Darstellung von Gummerus),92Herman Gummerus wendete sich insbesondere gegen die Charakterisierung des römischen Gutsbetriebs als „geschlossene Hauswirtschaft“ (vgl. Gummerus, Römischer Gutsbetrieb, S. 1–14, bes. S. 6 f.). Auf dieses Werk stützte sich Max Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 678–680, 746. in Byzanz, im karolingischen „genitium“ (= Gynaikeion)93Im karolingischen „capitulare de villis vel curtis imperialibus“ (vgl. oben, S. 312 mit Hg.-Anm.74) sind „genitia“ erwähnt. Der Begriff ist von verschiedenen Kommentatoren als lateinische Anverwandlung des griechischen „gynaikeion“, Frauengemach, Weiberhaus, Arbeitsraum der Frauen, gedeutet worden. Dem ist Max Weber bereits 1896 in seinem Aufsatz „Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur“ (MWG I/6, S. 113) gefolgt. Frauen verrichteten damals typischerweise die Arbeit des Spinnens und auch noch des Webens, was später ein Männerhandwerk war. und in der Neuzeit z. B. in der russischen Leibeignenfabrik (vgl. v. Tugan-Baranowskis Buch über die russische Fabrik).94Gemeint ist: Tugan-Baranowsky, Russische Fabrik. Anders als Weber schreibt, hatte Michail Tugan-Baranowskij kein Adelsprädikat. – Zum Begriff „leibeigene Fabrik“ vgl. ebd. S. 97. Die von Tugan-Baranowskij „Fabrik“ genannten Betriebe waren bis weit in das 19. Jahrhundert hinein Manufakturen, d. h. (Groß-)Betriebe mit Handarbeit.

[319]Dritte Möglichkeit:

c) Fehlen jeder Appropriation (formal „freie Arbeit“ in diesem Sinn des Wortes): Arbeit kraft formal beiderseits freiwilligen Kontraktes. Der Kontrakt kann dabei jedoch material in mannigfacher Art reguliert sein durch konventional oder rechtlich oktroyierte Ordnung der Arbeitsbedingungen.

Die freie Kontraktarbeit kann verwertet werden und wird typisch verwendet

a) haushaltsmäßig:

α. als Gelegenheitsarbeit (von Bücher „Lohnwerk“ genannt);1[319]Der von Karl Bücher im Rahmen seiner Stufenlehre der gewerblichen Betriebssysteme geprägte Begriff „Lohnwerk“ bezeichnet gewerbliche Berufsarbeit, bei welcher der Rohstoff dem Kunden, das Werkzeug dem Arbeiter gehört. Vgl. Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2, S. 141–149.

αα) im eignen Haushalt des Mieters:2Zum Begriff „Mieter“ vgl. oben, S. 231, Hg.-Anm. 37. Stör;3Wie Max Weber unten, S. 342, ausführt, handelt es sich um ein reines Wanderhandwerk oder um „seßhafte, aber in einem örtlichen Kreis von Haushaltungen ambulante Arbeit.“

ßß) vom Haushalt des Arbeiters aus (von Bücher „Heimwerk“ genannt);4Vgl. Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2, S. 142.

ß. als Dauerarbeit

αα) im eignen Haushalt des Mieters (gemieteter Hausdienstbote);

ßß) vom Haushalt des Arbeiters aus (typisch: Kolone);5Zum Begriff „Kolone“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 745. Zu den wirtschaftlichen Aufgaben und Rechtsverhältnissen der römischen coloni vgl. Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 680 ff.

b) erwerbsmäßig und zwar

α. als Gelegenheits- oder

ß. als Dauerarbeit, – in beiden Fällen ebenfalls entweder

1. vom Haushalt des Arbeiters aus (Heimarbeit), oder

2. im geschlossenen Betrieb des Besitzers (Guts- oder Werkstattarbeiter, insbesondere: Fabrikarbeiter).

Im Fall a steht der Arbeiter kraft Arbeitskontrakts im Dienst eines Konsumenten, welcher die Arbeit „leitet“, im zweiten im Dienst eines Erwerbsunternehmers: ein, bei oft rechtlicher Gleichheit der Form, ökonomisch [320]grundstürzender Unterschied. Kolonen können beides sein, sind aber typisch Oiken-Arbeiter.

Vierte Möglichkeit:

d) Die Appropriation von Arbeitsverwertungschancen kann endlich erfolgen an einen Arbeiterverband ohne jede oder doch ohne freie Appropriation an die einzelnen Arbeiter, durch

α. absolute oder relative Schließung nach außen;

[A 72]ß. Ausschluß oder Beschränkung der Entziehung der Arbeitserwerbschancen durch den Leiter ohne Mitwirkung der Arbeiter.

Jede Appropriation an eine Kaste von Arbeitern oder an eine „Berggemeinde“ von solchen (wie im mittelalterlichen Bergbau)6[320]Berg- und Hüttenleute genossen im hohen Mittelalter wegen ihrer Seltenheit erhebliche Privilegien. Dazu gehörte das Recht, sich an ihren Arbeitsorten außerhalb von Grundherrschaften und bäuerlichen Gemeinden zum Zwecke des Abbaus von Erzen zu genossenschaftlichen Verbänden der Arbeiter zusammenzuschließen, den Berggemeinden. Vgl. hierzu Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 246–248; Gothein, Eberhard, Bergbau, in: GdS, Abt. VI, 1914, S. 282–349, hier S. 299. oder an einen hofrechtlichen Ministerialenverband7Zum Begriff „Ministerialen“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 747. Sie unterstanden einem besonderen, sich aus der Hausherrschaft ergebenden Hofrecht. Zu Herkunft, Stellung, Aufgaben gemäß Dienstordnungen sowie zur Bildung monopolistischer Rechtsgemeinschaften (Verbänden) der Dienstleute vgl. Weber, Patrimonialismus, MWG I/22-4, S. 286–290. oder an die „Dreschgärtner“8Bezeichnung für Landarbeiter, vornehmlich in Schlesien, die kleine Hofstellen mit Gärten und Ackerflächen besaßen, aus denen sie einen Teil ihres Unterhalts erwirtschafteten. Für ihre Beteiligung an den Ernte- und Drescharbeiten auf den Gütern erhielten sie Anteile des Rohertrags. Auf Dreschgärtner geht Max Weber u. a. ein in: Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland, MWG I/3, S. 594 ff. eines Gutsverbandes gehört hierher. In unendlichen Abstufungen zieht sich diese Form der Appropriation durch die ganze Sozialgeschichte aller Gebiete. – Die zweite, ebenfalls sehr verbreitete Form ist durch die „closed shops“ der Gewerkschaften, vor allem aber durch die „Betriebsräte“, sehr modern geworden.9Zu den „closed shops“ und den Regelungen des Betriebsrätegesetzes vom 4. Februar 1920 vgl. oben, S. 201 mit Hg.-Anm. 86.

Jede Appropriation der Arbeitsstellen von Erwerbsbetrieben an Arbeiter, ebenso aber umgekehrt die Appropriation der Verwertung von Arbeitern („Unfreien“) an Besitzer, bedeutet eine Schranke freier Rekrutierung der Arbeitskräfte, also: der Auslese nach dem technischen Leistungsoptimum der Arbeiter, und [321]also eine Schranke der formalen Rationalisierung des Wirtschaftens. Sie befördert material die Einschränkung der technischen Rationalität, sofern

I. die Erwerbsverwertung der Arbeitserzeugnisse einem Besitzer appropriiert ist:

a) durch die Tendenz zur Kontingentierung der Arbeitsleistung (traditional, konventional oder kontraktlich), –

b) durch Herabsetzung oder – bei freier Appropriation der Arbeiter an Besitzer (Vollsklaverei) – völliges Schwinden des Eigeninteresses der Arbeiter am Leistungsoptimum, –

II. bei Appropriation an die Arbeiter: durch Konflikte des Eigeninteresses der Arbeiter an der traditionalen Lebenslage mit dem Bestreben des Verwertenden a) zur Erzwingung des technischen Optimums ihrer Leistung oder b) zur Verwendung technischer Ersatzmittel für ihre Arbeit. Für den Herren wird daher stets die Verwandlung der Verwertung in eine bloße Rentenquelle naheliegen. Eine Appropriation der Erwerbsverwertung der Erzeugnisse an die Arbeiter begünstigt daher, unter sonst dafür geeigneten Umständen, die mehr oder minder vollkommene Expropriation10[321]Zum Begriff „Expropriation“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 742, sowie unten, S. 334. des Besitzers von der Leitung. Weiterhin aber regelmäßig: die Entstehung von materialen Abhängigkeiten der Arbeiter von überlegenen Tauschpartnern (Verlegern) als Leitern.11Max Weber spricht die Verhältnisse im Verlagssystem bzw. der Hausindustrie an. Die Leitung und Verwertung der dezentralisiert in den Betriebsstätten der Arbeiter stattfindenden Produktion erfolgt durch den disponierenden Kaufmann, den Verleger. Vgl. oben, S. 300 f., Hg.-Anm. 42.

1. Die beiden formal entgegengesetzten Richtungen der Appropriation: der Arbeitsstellen an Arbeiter und der Arbeiter an einen Besitzer, wirken praktisch sehr ähnlich. Dies hat nichts Auffallendes. Zunächst sind beide sehr regelmäßig schon formal miteinander verbunden. Dies dann, wenn Appropriation der Arbeiter an einen Herren mit Appropriation der Erwerbschancen der Arbeiter an einen geschlossenen Verband der Arbeiter zusammentrifft, wie z. B. im hofrechtlichen Verbände.12Nicht nur die oben, S. 320, erwähnten Ministerialen, sondern alle an Fürstenhöfen und Fronhöfen von Grundherren lebenden freien, minderfreien und unfreien Leute unterlagen einem besonderen Verbandsrecht. Es regelte die Rechtsverhältnisse des [322]Herren zu seinen Leuten sowie die Beziehungen der Leute untereinander. Vgl. Maurer, Georg Ludwig von, Geschichte der Fronhöfe, der Bauernhöfe und der Hofverfassung in Deutschland, 4 Bde. – Erlangen: Ferdinand Enke 1862–63. In diesem Fall [322]ist weitgehende Stereotypierung der Verwertbarkeit der Arbeiter, also Kontingentierung der Leistung, Herabsetzung des Eigeninteresses daran und daher erfolgreicher Widerstand der Arbeiter gegen jede Art von technischer „Neuerung“, selbstverständlich. Aber auch wo dies nicht der Fall ist, bedeutet Appropriation von Arbeitern an einen Besitzer tatsächlich auch das Hingewiesensein des Herren auf die Verwertung dieser Arbeitskräfte, die er nicht, wie etwa in einem modernen Fabrikbetrieb, durch Auslese sich beschafft, sondern auslesefrei hinnehmen muß. Dies gilt insbesondre für Sklavenarbeit. Jeder Versuch, andre als traditional eingelebte Leistungen aus appropriierten Arbeitern herauszupressen, stößt auf traditionalistische Obstruktion und könnte nur durch die rücksichtslosesten und daher, normalerweise, für das Eigeninteresse des Herren nicht ungefährlichen, weil die Traditionsgrundlage seiner Herrenstellung gefährdenden Mittel erzwungen werden. Fast überall haben daher die Leistungen appropriierter Arbeiter die Tendenz zur Kontingentierung gezeigt, und wo diese durch die Macht der Herren gebrochen wurde (wie namentlich in Osteuropa im Beginn der Neuzeit)[,]13 Im 16. und 17. Jahrhundert vollzog sich in Ostdeutschland und im weiteren Osteuropa ein grundlegender Wandel der feudalen Abhängigkeitsverhältnisse. Während im altdeutschen Gebiet die Grundherrschaft weitgehend erhalten blieb, in der die Bauern erbliche Ansprüche an den Boden hatten und zu in der Regel fixierten Abgaben verpflichtet waren, dehnte sich im Osten im Wege der Verschlechterung der Rechtsstellung der Bauern die Eigenwirtschaft der Herren auf ihren Gütern aus. Die „Gutsherren“ waren vornehmlich an der Arbeitsleistung (Fronen) ihrer bäuerlichen Untertanen interessiert. Nach Verlust ihres Rechts auf Freizügigkeit waren die Bauern als erbuntertänig der kaum kontrollierten Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und der ihrer Kinder (Gesindezwangsdienst) unterworfen. In Polen sind die Bauern im 16. Jahrhundert, in Rußland im 17. Jahrhundert in völlige Leibeigenschaft geraten. Vgl. Wittich, Werner, Gutsherrschaft (Grundherrschaft, Leibeigenschaft, Eigenbehörigkeit, Erbuntertänigkeit), in: HdStW3, Band 5, 1910, S. 209–216; Knapp, Georg Friedrich, Bauernbefreiung in den östlichen Provinzen des preußischen Staates, in: HdStW3, Band 1, 1909, S. 541–543; Simkhowitsch, Wladimir G., Die Bauernbefreiung in Rußland, in: HdStW3, Band 1, 1909, S. 602–605. hat die fehlende Auslese und das fehlende Eigeninteresse und Eigenrisiko der appropriierten Arbeiter die Entwicklung zum technischen Optimum obstruiert. – Bei formaler Appropriation der Arbeitsstellen an die Arbeiter ist der gleiche Erfolg nur noch schneller eingetreten.

[A 73]2. Der im letzten Satz bezeichnete Fall ist typisch für die Entwicklung des frühen Mittelalters (10.–13. Jahrhundert). Die „Beunden“14 Bezeichnung für ein im 8. bis 10. Jahrhundert häufig durch Rodung entstandenes, eingezäuntes Landstück des Grundherren, das außerhalb der gemeinen Mark in sei[323]nem Sondereigentum stand. Es wurde durch frondienstpflichtige Bauern bestellt. Seit dem 12. Jahrhundert waren Beunden zumeist verpachtet. der Karolingerzeit und alle andern Ansätze landwirtschaftlicher „Großbetriebe“ [323]schrumpften und verschwanden. Die Rente des Bodenbesitzers und des Leibherren stereotypierte sich, und zwar auf sehr niedrigem Niveau, das naturale Produkt ging zu steigenden Bruchteilen (Landwirtschaft, Bergbau), der Erwerbsertrag in Geld (Handwerk) fast ganz in die Hände der Arbeiter über. Die „begünstigenden Umstände“ dieser so nur im Okzident eingetretenen Entwicklung waren: 1. die durch politisch-militärische Inanspruchnahme der Besitzerschicht, und – 2. durch das Fehlen eines geeigneten Verwaltungsstabes geschaffene Unmöglichkeit: ihrerseits die Arbeiter anders denn als Rentenquelle zu nutzen, verbunden – 3. mit der schwer zu hindernden faktischen Freizügigkeit zwischen den um sie konkurrierenden partikularen Besitzinteressenten, – 4. den massenhaften Chancen der Neurodung und Neuerschließung von Bergwerken und lokalen Märkten, in Verbindung mit – 5. der antiken technischen Tradition. – Je mehr (klassische Typen: der Bergbau und die englischen Zünfte) die Appropriation der Erwerbschancen an die Arbeiter an die Stelle der Appropriation der Arbeiter an den Besitzer eintrat und dann die Expropriation der Besitzer zunächst zu reinen Rentenempfängern (schließlich auch schon damals vielfach die Ablösung oder Abschüttelung der Rentenpflicht: „Stadtluft macht frei“)15 Seit dem 12. Jahrhundert ist der Rechtssatz bezeugt, daß der leibeigene oder hörige Zuwanderer einer Stadt, der sich durch „Jahr und Tag“ dort aufhält, ohne von seinem Herren in Anspruch genommen zu werden, die persönliche Freiheit erwirbt. Die nach einem Rechtssprichwort klingende Formel „Stadtluft macht frei“ ist erst von der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts geprägt worden. Vgl. Brunner, Heinrich, Luft macht eigen. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung, in: Festgabe der Berliner juristischen Fakultät für Otto Gierke zum Doktor-Jubiläum 21. August 1910. – Breslau: Μ. & H. Marcus 1910, S. 1–46, sowie Weber, Die Stadt, MWG I/22-5, S. 104 f. mit Hg.-Anm. 13. vorschritt, desto mehr begann, fast sofort, die Differenzierung der Chancen, Marktgewinn zu machen in ihrer (der Arbeiter) eignen Mitte (und: von außen her durch Händler).

§ 20. (noch: II B[,] vgl. § 19a[323]A: §§ 18, 19).16 Fortsetzung der in § 19 (oben, S. 314) begonnenen Ausführungen zu II B, der Art, in der als Entgelte bestimmter Leistungen bestehende Chancen appropriiert sind. Es folgt der 2. der S. 315 genannten Gegenstände der Appropriation, die sachlichen Beschaffungsmittel. Die Angabe „§§ 18,19“ in der Druckfassung wurde emendiert (vgl. textkritische Anm. a). 2. Appropriation der zur Arbeit komplementären sachlichen Beschaffungsmittel. Sie kann sein Appropriation

[324]a) an Arbeiter, einzelne oder Verbände von solchen, oder

b) an Besitzer oder

c) an regulierende Verbände Dritter.b[324]A: Dritter; ; Durchschuß fehlt in A.

Zu a) Appropriation an Arbeiter. Sie ist möglich

α. an die einzelnen Arbeiter, die dann „im Besitz“ der sachlichen Beschaffungsmittel sind,

ß. an einen, völlig oder relativ, geschlossenen Verband von Arbeitenden (Genossen), so daß also zwar nicht der einzelne Arbeiter, aber ein Verband von solchen im Besitz der sachlichen Beschaffungsmittel ist.

Der Verband kann wirtschaften:

  1. als Einheitswirtschaft (kommunistisch),
  2. mit Appropriation von Anteilen (genossenschaftlich).

Die Appropriation kann in all diesen Fällen

  1. haushaltsmäßig, oder
  2. erwerbsmäßig verwertet werden.

Der Fall α bedeutet entweder volle verkehrswirtschaftliche Ungebundenheit der im Besitz ihrer sachlichen Beschaffungsmittel befindlichen Kleinbauern oder Handwerker („Preiswerker“ der Bücherschen Terminologie)17[324] Bei Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft2, S. 149, heißt es: „Man könnte es [das Handwerk, Hg.] auch Preiswerk nennen, um den Gegensatz gegen das Lohnwerk zu markieren. Denn der Handwerker unterscheidet sich von dem Lohnwerker nur dadurch, daß er im Besitze sämtlicher Produktionsmittel ist und daß er das fertige Produkt, welches aus dem von ihm gelieferten Rohstoff und der darin verkörperten Arbeit zusammengesetzt ist, um einen bestimmten Preis verkauft, während der Lohnwerker bloß Vergütung für seine Arbeit empfängt.“ Vgl. auch Bücher, Gewerbe3, S. 861 f. oder Schiffer oder Fuhrwerksbesitzer. Oder es bestehen unter ihnen wirtschaftsregulierende Verbände s. u.18 „Wirtschaftsregulierende Verbände“ definiert Max Weber Kap. II, § 5, oben, S. 233; im Fortgang von Kap. II geht er, von der Erwähnung auf dieser Seite abgesehen, nicht näher auf sie ein. – In älteren Ausführungen spricht Weber in ähnlichem Zusammenhang von „wirtschaftsregulierenden Gemeinschaften“. Vgl. Weber, Wirtschaftliche Beziehungen der Gemeinschaften im allgemeinen, MWG I/22-1, S. 80. Der Fall ß umschließt sehr heterogene Erscheinungen, je nachdem haushaltsmäßig oder erwerbsmäßig gewirtschaftet wird. Die – im Prinzip, nicht notwendig „ursprünglich“ oder tatsächlich (s. Kap. V)19 Ein entsprechendes Kapitel liegt nicht vor. Vgl. dazu den Anhang zum Editorischen Bericht, oben, S. 109. kommunistische – Hauswirtschaft kann [325]rein eigenbedarfsmäßig orientiert sein. Oder sie kann, zunächst gelegentlich, Überschüsse anc[325]A: einer durch Standortsvorzüge (Rohstoffe spezifischer Art) oder spezifisch fachgelernte Kunstübung monopolistisch von ihr hergestellten ErzeugnissendA: hergestellte Erzeugnissedurch Bedarfstausch absetzen. Weiterhin kann sie zum regelmäßigen Erwerbstausch übergehen. Dann pflegen sich „Stammesgewerbe“ mit – da die Absatzchancen auf Monopol und, meist, auf ererbtem Geheimnis ruhen – interethnischer Spezialisierung und interethnischem Tausch zu entwickeln,20[325]Max Weber definiert unten, S. 349, „Stammesgewerbe“ als Hausgewerbe mit „interethnischer Leistungsspezialisierung“. Bei Karl Bücher meint „Stammgewerbe“ die auf jeweils besondere Naturbedingungen an den Wohnorten von Stämmen zurückgehende Spezialisierung mit Austausch der Überschußproduktion. Vgl. Bücher, Gewerbe3, S. 853. die dann entweder zu Wandergewerben und Pariagewerben oder (bei Vereinigung in einem politischen Verband) zu Kasten (auf der Grundlage interethnischer ritueller Fremdheit) werden, wie in Indien. – Der Fall ββ ist der Fall der „Produktivgenossenschaft“. Hauswirtschaften können sich, bei Eindringen der Geldrechnung, ihm nähern. Sonst findet er sich, als Arbeiterverband, als Gelegenheitserscheinung. In typischer Art wesentlich in einem freilich wichtigen Fall: bei den Bergwerken des frühen Mittelalters.21Vgl. dazu oben, S. 320, Hg.-Anm. 6.

[A 74]Zu b)eA: b)23 Analog zu „Zu a)“, oben, S. 324, Zeile 4, ergänzt. Appropriation an Besitzer oder Verbände solcher kann – da die Appropriation an einen Arbeiterverband schon besprochen ist22Oben, S. 324. – hier nur bedeuten: Expropriation der Arbeiter von den Beschaffungsmitteln, nicht nur als Einzelne, sondern als Gesamtheit. Appropriiert sein können dabei

1. an Besitzer alle oder einige oder einer der folgenden Posten:

  1. der Boden (einschließlich von Gewässern)[,]
  2. die unterirdischen Bodenschätze,
  3. die Kraftquellen,
  4. die Arbeitswerkstätten,
  5. die Arbeitsmittel (Werkzeuge, Apparate, Maschinen),
  6. die Rohstoffe.

Alle können im Einzelfall in einer und derselben Hand oder sie können auch in verschiedenen Händen appropriiert sein.

[326]Die Besitzer können die ihnen appropriierten Beschaffungsmittel verwerten

α. haushaltsmäßig,

αα. als Mittel eigner Bedarfsdeckung,

ββ. als Rentenquellen, durch Verleihen und zwar

I. zu haushaltsmäßiger Verwendung,

II. zur Verwertung als Erwerbsmittel, und zwar

ααα) in einem Erwerbsbetrieb ohne Kapitalrechnung,

βββ) als Kapitalgüter (in fremder Unternehmung), endlich

β. als eigne Kapitalgüter (in eigner Unternehmung).f[326]A: Unternehmung);

Möglich ist ferner:

2. Appropriation an einen Wirtschaftsverband, für dessen Gebarung dann die gleichen Alternativen wie bei 1gA: b bestehen.hDurchschuß fehlt in A.

Zu c)iFehlt in A; Zu c) ergänzt.25 Analog zu „Zu a)“, oben, S. 324, Zeile 4, ergänzt. Endlich ist möglich:

AppropriationjIn A geht voran: 3. an einen wirtschaftsregulierenden Verband, der die Beschaffungsmittel weder selbst als Kapitalgüter verwertet noch zu einer Rentenquelle macht, sondern den Genossen darbietet.

1.24[326]Das in Ziffer 1 Ausgeführte bezieht sich auf II B, 2, b), 1 a „der Boden“, oben, S. 325. Bodenappropriation findet sich an Einzelwirtschaften primär:

a) auf die Dauer der aktuellen Bestellung bis zur Ernte,

b) soweit der Boden Artefakt war, also:

α. bei Rodung,

β. bei Bewässerung

für die Dauer der kontinuierlichen Bestellung.

Erst bei fühlbarer Bodenknappheit findet sich

c) Schließung der Zulassung zur Bodenbestellung, Weide- und Holznutzung und Kontingentierung des Maßes der Benutzung für die Genossen des Siedelungsverbandes.

Träger der dann eintretenden Appropriation kann sein

1. ein Verband, – verschieden groß je nach der Art der Nutzbarkeit (für Gärten, Wiesen, Äcker, Weiden, Holzungen: Verbände aufsteigender Größe von den Einzelhaushaltungen bis zum „Stamm“).

[327]Typisch:

a) ein Sippen- (oder: daneben)

b) ein Nachbarschaftsverband (normal: Dorfverband) für die Äcker, Wiesen und Weiden,

c) ein wesentlich umfassenderer Markverband26[327]Diesem Verband mehrerer Dörfer oblag vor allem die Regelung der gemeinsamen Nutzung der außerhalb der Dorfländereien und Dorfallmenden liegenden Wald- und Weideflächen (Mark), somit auch des Holzeinschlags. Vgl. den Glossar-Eintrag zu „Markgenossenschaft“, unten, S. 747. verschiedenen Charakters und Umfanges für die Holzungen,

d) die Haushaltungen für Gartenland und Hofstätte unter anteilsmäßiger Beteiligung an Acker und Weiden. Diese anteilsweise Beteiligung kann ihren Ausdruck finden

α. in empirischer Gleichstellung bei den Neubrüchen bei ambulantem Ackerbau (Feldgraswirtschaft),27„Ambulanten Ackerbau“ definiert Max Weber unten, S. 346, als solchen, bei dem „nach Ausnutzung des Bodens“ der Standort gewechselt wird. Bei Feldgraswirtschaft werden nicht die Hofstätten gewechselt, sondern nur die Nutzungsweisen des verfügbaren Bodens. Dabei erfolgt ein – „geregelter“ oder „wilder“ – Wechsel zwischen der Nutzung als Ackerfläche (Feld) und einer längeren Ruhephase, in der der Boden sich mit Gras und anderen Grünpflanzen überzieht. Vgl. Goltz, Theodor von der, Landwirtschaft. I. Teil, in: Handbuch der Politischen Ökonomie, Band 2, 3. Aufl. – Tübingen: H. Laupp’sche Buchhandlung 1891, S. 1–126, hier S. 16 f.

β. in rationaler systematischer Neuumteilung bei seßhaftem Ackerbau: regelmäßig erst Folge

α. fiskalischer Ansprüche mit Solidarhaft der Dorfgenossen, oder

β. der politischen Gleichheitsansprüche der Genossen.

[A 75]Träger des Betriebes sind normalerweise die Hausgemeinschaften (über deren Entwicklung Kap. V).28Ein entsprechendes Kapitel liegt nicht vor. Vgl. dazu den Anhang zum Editorischen Bericht, oben, S. 109.

2. Ein Grundherr,29Zu Grundherr und Grundherrschaft vgl. oben, S. 311 f., Hg.-Anm. 70. gleichviel ob (was später zu erörtern ist) diese Herrenlage ihre Quelle in primärer Sippenhauptsstellung oder Häuptlingswürde mit Bittarbeitsansprüchen (Kap. V)30Wie oben, Hg.-Anm. 28. oder in fiskalischen oder militärischen Oktroyierungen oder systematischen Neubrüchen oder Bewässerungen hat.

Die Grundherrschaft kann genutzt werden:

a) mit unfreier (Sklaven- oder Hörigen-)Arbeit

1. haushaltsmäßig

α. durch Abgaben

β. durch Dienstleistungen;

2. erwerbsmäßig:

[328]als Plantage[;]

b) mit freier Arbeit:

I. haushaltsmäßig als Rentengrundherrschaft

αα) durch Naturalrenten (Naturalteilbau oder Naturalabgabe) von Pächtern,

ββ) durch Geldrenten von Pächtern. Beides:

ααα) mit eignem Inventar (Erwerbspächter),

βββ) mit grundherrlichem Inventar (Kolonen);

II. erwerbsmäßig: als rationaler Großbetrieb.

Im Fall a, 1 pflegt der Grundherr in der Art der Ausnutzung traditional gebunden zu sein sowohl an die Person der Arbeiter (also: ohne Auslese) wie an ihre Leistungen. Der Fall a, 2 ist nur in den antik-karthagischen und römischen, in den kolonialen und in den nordamerikanischen Plantagen, der Fall b, II nur im modernen Okzident eingetreten. Die Art der Entwicklung der Grundherrschaft (und, vor allem, ihrer Sprengung) entschied über die Art der modernen Appropriationsverhältnisse. Diese kennen im reinen Typus nur die Figuren des a) Bodenbesitzers – b) kapitalistischen Pächters – c) besitzlosen Landarbeiters. Allein dieser reine Typus ist nur die (in England bestehende) Ausnahme.31[328]Am Ende des 19. Jahrhunderts herrschte in weiten Teilen Englands (nicht überall) die folgende Funktions-, Besitz- und Einkommensverteilung: Eine kleine Gruppe z. T. sehr reicher Landeigentümer stellte den Boden und das in den Farmen investierte Anlagekapital zur Verfügung. Sie erhielt von den Farmern bzw. Pächtern Rente. Diese bewirtschafteten den Boden, hatten das Betriebskapital (Vieh, Vorräte etc.) beizubringen und trugen das unternehmerische Risiko. Sie bezogen Unternehmerlohn und allen Gewinn. Die Masse der Arbeit wurde von landlosen Arbeitskräften verrichtet, die dafür kontraktliche Löhne erhielten.

2.32 Das in Ziffer 2 Gesagte bezieht sich auf den Ordnungsbuchstaben β in der Gliederung zu b) 1. „unterirdische Bodenschätze“, oben, S. 325. Bergbaulich nutzbare Bodenschätze sind entweder

a) dem Grundbesitzer (in der Vergangenheit meist: Grundherren) oder

b) einem politischen Herren (Regalherren)33 Das Recht, gewisse Mineralien unter Ausschluß jedes anderen, auch der Grundeigentümer, entweder selbst zu gewinnen oder – was weit überwiegend der Fall gewesen ist – ihre Gewinnung gegen Abgaben Dritten zu überlassen, stand ursprünglich dem König zu; daher der Name Regal. Seit dem 12. Jahrhundert waren Regalherren faktisch und schließlich auch förmlich zunehmend die Landesherren. Vgl. Arndt, Adolf, Zur Geschichte und Theorie des Bergregals. – Halle: Pfeffer 1879; 2. Aufl., Freiburg: J. Bielefelds Verlag 1916. appropriiert, oder

c) jedem „Finder“ abbauwürdigen Vorkommens („Bergbaufreiheit“)[,] oderk[328]Fehlt in A; oder sinngemäß ergänzt.

d) einem Arbeiterverband[,] oderlFehlt in A; oder sinngemäß ergänzt.

[329]e) einer Erwerbs-Unternehmung.

Grund- und Regalherren konnten die ihnen appropriierten Vorkommen entweder in eigner Regie abbauen (so im frühen Mittelalter gelegentlich) oder als Rentenquelle benutzen, also verleihen, und zwar entweder

α. an einen Verband von Arbeitern (Berggemeinde), – Fall d – oder

β. an jeden (oder jeden einem bestimmten Personenkreis zugehörigen) Finder (so auf den „gefreiten Bergen“ im Mittelalter,34[329]Mittelalterliche Bezeichnung für eine Gegend, in der abbauwürdige Mineralien nachgewiesen waren oder vermutet wurden und für die der Grund- oder Landesherr jedermann das Aufsuchen und Abbauen der Mineralien – gegen Abgaben – erlaubte; Vorstufe der später in Deutschland allgemein geltenden „Bergbaufreiheit“, welche den Findern von Mineralvorkommen das Recht des Abbaus einräumte, dem sich der Grundeigentümer nicht entgegenstellen konnte. Ausführlich hierzu Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 246. von wo die Bergbaufreiheit ihren Ausgang nahm).

Die Arbeiterverbände nahmen im Mittelalter typisch die Form von Anteilsgenossenschaften mit Pflicht zum Bau (gegenüber den an der Rente interessierten Bergherren oder den solidarisch haftenden Genossen) und Recht auf Ausbeuteanteil, weiterhin von reinen Besitzer-„Genossenschaften“ mit Anteilen an Ausbeute und Zubuße an. Der Bergherr wurde zunehmend zugunsten der Arbeiter expropriiert, diese selbst aber mit zunehmendem Bedarf nach Anlagen von Kapitalgüter besitzenden Gewerken, so daß als Endform der Appropriation sich die kapitalistische „Gewerkschaft“ (oder Aktiengesellschaft) ergab.35Die „kapitalistische“, mit der Aktiengesellschaft vergleichbare Unternehmungsform der bergrechtlichen Gewerkschaft ist 1865 in den §§ 94 ff. des Preußischen Allgemeinen Berggesetzes kodifiziert und anschließend auch in anderen deutschen Staaten eingeführt worden. Danach blieb die Gewerkschaft Personengesellschaft ohne festgelegtes Grundkapital, wurde aber – wie die Aktiengesellschaft – Körperschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit. Auch wurden nun die Anteile an der Gewerkschaft (Kuxe) übertragbar wie bewegliche Sachen und an Börsen gehandelt.

3.36Das in Ziffer 3 Gesagte bezieht sich auf die Ordnungsbuchstaben γ, δ und ε in der Gliederung zu b) 1., oben, S. 325. Beschaffungsmittel, welche den Charakter von „Anlagen“ hatten (Kraftanlagen, besonders Wasserkraftanlagen, „Mühlen“ aller Arten von Zweckverwendung,37Der Begriff „Mühle“ bezog sich ursprünglich auf eine Vorrichtung zum Mahlen von Getreide und anderen Materialien. Seit dem Mittelalter wurden auch Räderwerke zum Sägen, Schneiden, Schleifen, Stampfen, Bohren, Walken, Zwirnen „Mühlen“ genannt. Im Englischen bezeichnet „mill“ bis heute eine Fabrik. Über die Besitzverhältnisse und die herrschaftliche bzw. landesherrliche Regulierung der Nutzung von Mühlen sprach Max Weber in seiner Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“, MWG III/6, S. 230 f. und Werkstätten, eventuell mit stehenden Apparaten) sind in der Vergangenheit, besonders im Mittelalter, sehr regelmäßig appropriiert worden:

[330]a) an Fürsten und Grundherren (Fall 1),

b) an Städte (Fall 1 oder 2),

c) an Verbände der Arbeitenden (Zünfte, Gewerkschaften, Fall 2), ohne daß ein Einheitsbetrieb hergestellt worden wäre.

Sondern im Fall a und b findet sich dann Verwertung als Rentenquelle durch Gestattung der Benutzung gegen Entgelt und sehr oft mit Monopolbann und -Zwang zur Nutzung. Die Nutzung erfolgte im Einzelbetrieb reihum oder nach Bedarf, unter Umständen war sie ihrerseits Monopol eines geschlossenen Regulierungsverbandes. Backöfen, Mahlmühlen aller Art (für Getreide und Öl), Walkmühlen, auch Schleifwerke, Schlachthäuser, Färbekessel, Bleichanlagen (z. B. klösterliche), Hammerwerke (diese allerdings regelmäßig zur Verpachtung an Betriebe), ferner Brauereien, Brennereien und andre Anlagen, insbesondre auch Werften (in der Hansa städtischer Besitz)38[330]Zur Zeit der Deutschen Hanse (12.–17. Jahrhundert) hat es Werften als dauerhafte Werkstätten noch nicht gegeben. Wohl aber waren die „Lastadie“ genannten Bauplätze, auf denen allein die Zimmermeister die Schiffe bauen durften, städtischer Grundbesitz. Für die Nutzung hatten die Meister in den meisten Städten Abgaben bzw. Pacht zu zahlen. und Verkaufsstände aller Gattungen waren [A 76]in dieser Art präkapitalistisch durch Gestattung der Nutzung durch Arbeiter gegen Entgelt, also als Vermögen des Besitzers, nicht als Kapitalgut, von diesem (einem einzelnen oder einem Verband, insbesondre einer Stadt) genutzt. Diese Herstellung und haushaltsmäßige Ausnutzung als Rentenquelle besitzender Einzelner oder Verbände oder die produktivgenossenschaftliche Beschaffung ging der Verwandlung in „stehendes Kapital“ von Eigenbetrieben voran. Die Benutzer der Anlagen ihrerseits nutzten sie teils haushaltsmäßig (Backöfen, auch Brauanlagen und Brennanlagen) teils erwerbswirtschaftlich.

4.39 Nach der Gliederung oben, S. 325, und dem Vorhergehenden wären hier Erläuterungen zu „Arbeitswerkstätten“ zu erwarten. Über sie sowie „Anlagen“ und „Betriebsmittel“ spricht Max Weber in den folgenden Ziffern 5 und 6. Zu Webers Unterscheidung von Anlagen (Kraftanlagen, gesonderte Arbeitswerkstätten) und Betriebsmitteln (Werkzeuge, Apparate, Maschinen) vgl. oben, S. 307 f. Für die Seeschiffahrt der Vergangenheit war die Appropriation des Schiffs an eine Mehrheit von Besitzern (Schiffspartenbesitzern),40Zu „Schiffsparten“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 750. die ihrerseits zunehmend von den nautischen Arbeitern getrennt waren, typisch. Daß die Seefahrt dann zu einer Risiko-Vergesellschaftung mit den Befrachtern führtem[330]A: führte, und daß Schiffsbesitzer, nautische Leiter und Mannschaft auch als Befrachter mitbeteiligt waren, schuf keine prinzipiell abweichenden Appropriationsverhältnisse, sondern nur Besonderheiten der Abrechnung und also der Erwerbschancen.

[331]5.41[331]Max Webers Erläuterungen in den Ziffern 5 und 6 sind nicht einzelnen Buchstaben der Gliederung S. 325 zuzuordnen, sondern betreffen γ, δ und ε gemeinsam. Daß alle Beschaffungsmittel: Anlagen (jeder Art) und Werkzeuge in einer Hand appropriiert sind, wie es für die heutige Fabrik konstitutiv ist, war in der Vergangenheit die Ausnahme. Insbesondre ist das hellenisch-byzantinische Ergasterion (römisch: ergastulum) in seinem ökonomischen Sinn durchaus vieldeutig, was von Historikern beharrlich verkannt wird.42Vermutlich bezieht sich Max Weber u. a. auf die oben, S. 301 in Hg.-Anm. 44, genannten Historiker. Es war eine „Werkstatt“, welche 1. Bestandteil eines Haushalts sein konnte, in welcher a) Sklaven bestimmte Arbeiten für den Eigenbedarf (z. B. der Gutswirtschaft) des Herrn verrichteten, oder aber b) Stätte eines „Nebenbetriebes“ für den Absatz, auf Sklavenarbeit ruhend. Oder 2. die Werkstatt konnte als Rentenquelle Bestandteil des Besitzes eines Privatmanns oder eines Verbandes (Stadt – so die Ergasterien im Peiraieus)43Zu dem erwähnten Sachverhalt konnte kein Quellenbeleg gefunden werden. sein, welche gegen Entgelt vermietet wurde an einzelne oder an Arbeitergenossenschaften. – Wenn also im Ergasterion (insbesondere im städtischen) gearbeitet wurde, so fragt es sich stets: wem gehörte das E[rgasterion] selbst? wem die sonstigen Beschaffungsmittel, die bei der Arbeit verwendet wurden? Arbeiteten freie Arbeiter darin? auf eigne Rechnung? Oder: Sklaven? eventuell: wem gehörten die Sklaven, die darin arbeiteten? arbeiteten sie auf eigne Rechnung (gegen Apophora)44Zu „Apophora“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 738. oder auf Rechnung des Herrn? Jede Art von Antwort auf diese Fragen ergab ein qualitativ radikal verschiedenes wirtschaftliches Gebilde. In der Masse der Fälle scheint das Ergasterion – wie noch die byzantinischen und islamischen Stiftungen zeigen45Zum Charakter der byzantinischen Klosterstiftungen und islamischen „Wakuf“- Stiftungen vgl. Weber, Staat und Hierokratie, MWG I/22-4, S. 628 f. – als Rentenquelle gegolten zu haben, war also etwas grundsätzlich anderes als jede „Fabrik“46Zum Begriff „Fabrik“ vgl. Max Webers Ausführungen oben, S. 300 f. In den historischen Quellen bezeichnet „Fabrik“ ganz Unterschiedliches, z. B. auch gewerbliche Kleinbetriebe, wenn sie außerhalb der Zunftordnung standen. Zur seinerzeitigen Fachdiskussion über Begriff und Wesen der modernen Fabrik vgl. Stieda, Wilhelm, Fabrik, in: HdStW3, Band 4, 1909, S. 1–15, hier S. 1–6. oder selbst deren Vorläufer, an ökonomischer Vieldeutigkeit am ehesten den verschiedenen „Mühlen“-Arten des Mittelalters vergleichbar.

6. Auch wo Werkstatt und Betriebsmittel einem Besitzer appropriiert sind und er Arbeiter mietet, ist ökonomisch noch nicht jener Tatbestand erreicht, welchen wir üblicherweise heute „Fabrik“ nennen, solange 1. die mechanische Kraftquelle, 2. die Maschine, 3. die innere Arbeitsspezialisierung und Arbeitsverbindung nicht vorliegen. Die „Fabrik“ ist heute eine [332]Kategorie der kapitalistischen Wirtschaft. Es soll der Begriff auch hier nur im Sinn eines Betriebes gebraucht werden, der Gegenstand einer Unternehmung mit stehendem Kapital sein kann, welcher also die Form eines Werkstattbetriebes mit innerer Arbeitsteilung und Appropriation aller sachlichen Betriebsmittel, bei mechanisierter, also Motoren- und Maschinen-orientierter Arbeit besitzt. Die große, von Zeitdichtern besungene Werkstatt des „Jack of Newbury“ (16. Jahrhundert),47[332]Die angeblich 100 bis 200 Webstühle umfassenden Werkstätten des John Winchcombe (gest. 1519), genannt „Jack of Newbury“, sind in phantasievollen Texten aus dem 16. und 17. Jahrhundert beschrieben. In einem findet sich ein Gedicht, in dem ein angeblich mehr als tausend Personen beschäftigender Tuchmacherbetrieb in allen seinen Produktionsstufen vom Wollzupfen bis zum Färben und Walken geschildert wird. Das Gedicht ist häufiger nachgedruckt worden. Max Weber könnte es gekannt haben aus Ashley, William James, Englische Wirtschaftsgeschichte. Eine Einleitung in die Entwickelung von Wirtschaftsleben und Wirtschaftslehre, Band 2: Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (Sammlung älterer und neuerer staatswissenschaftlicher Schriften des In- und Auslandes, hg. v. Lujo Brentano und Emanuel Leser, Nr. 8). – Leipzig: Duncker & Humblot 1896, S. 241 f. und S. 270 f. in welcher angeblich hunderte von Hand-Webstühlen standen, die sein Eigentum waren, an welchen selbständig, wie zu Hause, nebeneinander gearbeitet und die Rohstoffe für den Arbeiter vom Unternehmer gekauft wurden und allerhand „Wohlfahrtseinrichtungen“ bestanden, entbehrte aller dieser Merkmale. Ein im Besitz eines Herren von (unfreien) Arbeitern befindliches ägyptisches, hellenistisches, byzantinisches, islamisches Ergasterion konnte – solche Fälle finden sich unzweifelhaft – mit innerer Arbeitsspezialisierung und Arbeitsverbindung arbeiten. Aber schon der Umstand, daß auch in diesem Fall der Herr sich gelegentlich mit Apophora (von jedem Arbeiter, vom Vorarbeiter mit erhöhter Apophora) begnügte (wie die griechischen Quellen deutlich ergeben),48Worauf sich Max Weber bezieht, ist nicht mit Sicherheit anzugeben. Für Hinweise auf griechische Quellen vgl. den Artikel „άποφορά“ in: Paulys Real-Enzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft. Neue Bearbeitung, hg. von Georg Wissowa, Bd. 1,2. – Stuttgart: J.B. Metzler 1896, Sp. 174. muß davor warnen, es einer „Fabrik“, ja selbst nur einem Werkstattbetriebe von der Art des „Jack of Newbury“, ökonomisch gleichzusetzen. Die fürstlichen Manufakturen, so die kaiserlich chinesische Porzellanmanufaktur und die ihr nachgebildeten europäischen Werkstattbetriebe für höfische Luxusbedürfnisse, vor allem aber: für Heeresbedarf, stehen der „Fabrik“ im üblichen Wortsinn am nächsten. Es kann niemand verwehrt werden, sie „Fabriken“ zu nennen. Erst recht nahe standen äußerlich der modernen Fabrik die russischen Werkstattbetriebe mit Leibeigenenarbeit. Der Appropriation der Beschaffungsmittel trat hier die Appropriation der Arbeiter hinzu. Hier soll der Begriff „Fabrik“ aus dem angegebenen Grunde nur für Werkstattbetriebe mit 1. an Besitzer voll appropriierten sachlichen Beschaffungsmitteln, [A 77]ohne Appropriation der [333]Arbeiter, – 2. mit innerer Leistungsspezialisierung, – 3. mit Verwendung mechanischer Kraftquellen und Maschinen, welche „Bedienung“ erfordern, gebraucht werden. Alle andren Arten von „Werkstattbetrieben“ werden mit diesem Namen und entsprechenden Zusätzen bezeichnet.

§ 21. (noch: II B, vgl. §§ 19, 20n[333]A: B 1, §§ 18, 19). 3.49[333]Das im Folgenden Ausgeführte wird von Max Weber in seiner Gliederung oben, S. 314 f., genannt: „Gegenstand der Appropriation können sein: […] 3. Chancen von Gewinn durch disponierende Leistungen.“ Das dort (§ 19) Begonnene wird hier fortgesetzt; die Angabe „II B 1, §§ 18, 19“ in der Druckfassung wurde emendiert. Appropriation der disponierenden Leistungen. Sie ist typisch:

1. für alle Fälle der traditionalen Haushaltsleitung;

a) zugunsten des Leiters (Familien- oder Sippenhaupt) selbst,

b) zugunsten seines für die Leitung des Haushalts bestimmten Verwaltungsstabs (Dienstlehen der Hausbeamten).50Im Lehensfeudalismus ist die verbreitete Form der Sicherung des Unterhalts des zum Dienst berufenen Verwaltungsmannes seine Ausstattung mit Rechten, insbesondere an Grund und Boden (Lehen), aus deren Nutzung der Belehnte jene Einkünfte bezieht, die ihm den Dienst ermöglichen. Vgl. hierzu Kap. III, § 8, unten, S. 481 ff., sowie Weber, Feudalismus, MWG I/22-4, S. 382.

Sie kommt vor:

2. für die Erwerbsbetriebe

a) im Falle völligen (oder annähernd völligen) Zusammenfalles von Leitung und Arbeit. Sie ist in diesem Fall typisch identisch mit der Appropriation der sachlichen Beschaffungsmittel an die Arbeiter (BoKlammer fehlt in A. , 2, a).51Siehe oben, S. 323 f. Sie kann in diesem Fall sein:

α. unbeschränkte Appropriation, also vererblich und veräußerlich garantierte Appropriation an die einzelnen,

αα) mit, oder

ββ) ohne garantierte Kundschaft, oder

β. Appropriation an einen Verband, mit nur persönlicher oder material regulierter und also nur bedingter oder an Voraussetzungen geknüpfter Appropriation an die einzelnen, mit der gleichen Alternative;

b) bei Trennung der Erwerbsleitung und der Arbeit kommt [334]sie vor als monopolistische Appropriation von Unternehmungschancen in ihren verschiedenen möglichen Formen durch

α. genossenschaftliche – gildenmäßige – oder

β. von der politischen Gewalt verliehene Monopole.

3. Im Fall des Fehlens jeder formalen Appropriation der Leitung ist die Appropriation der Beschaffungsmittel – oder der für die Beschaffung der Kapitalgüter erforderlichen Kreditmittel – praktisch, bei Kapitalrechnungsbetrieben, identisch mit Appropriation der Verfügung über die leitenden Stellen an die betreffenden Besitzer. Diese Besitzer können diese Verfügung ausüben

  1. durch Eigenbetrieb,
  2. durch Auslesep[334]A: Auslese, (eventuell, bei mehreren Besitzern: Zusammenwirken bei der Auslese) des Betriebsleiters. –

Ein Kommentar erübrigt sich wohl bei diesen Selbstverständlichkeiten.

Jede Appropriation der sachlichen komplementären Beschaffungsmittel bedeutet natürlich praktisch normalerweise auch mindestens entscheidendes Mitbestimmungsrecht auf die Auslese der Leitung und die (mindestens relative) Expropriation der Arbeiter von diesen. Aber nicht jede Expropriation der einzelnen Arbeiter bedeutet Expropriation der Arbeiter überhaupt, sofern ein Verband von Arbeitern, trotz formaler Expropriation in der Lage ist, material die Mitleitung oder Mitauslese der Leitung zu erzwingen.

§ 22. Die Expropriation des einzelnen Arbeiters vom Besitz der sachlichen Beschaffungsmittel ist rein technisch bedingt:

a) im Fall die Arbeitsmittel die simultane und sukzessive Bedienung durch zahlreiche Arbeiter bedingen,

b) bei Kraftanlagen, welche nur bei simultaner Verwendung für zahlreiche einheitlich organisierte gleichartige Arbeitsprozesse rational auszunutzen sind,52[334]Max Weber hat die seinerzeit übliche Technik zentraler Kraftanlagen vor Augen. Insbesondere Wasserräder und Dampfmaschinen haben häufig über ein System von Transmissionsapparaturen eine Vielzahl von Maschinen angetrieben.

[335]c) wenn die technisch rationale Orientierung des Arbeitsprozesses nur in Verbindung mit komplementären Arbeitsprozessen unter gemeinsamer kontinuierlicher Aufsicht erfolgen kann,

[A 78]d) wenn das Bedürfnis gesonderter fachmäßiger Schulung für die Leitung von zusammenhängenden Arbeitsprozessen besteht, welche ihrerseits nur bei Verwertung im großen rational voll auszunutzen ist,

e) durch die Möglichkeit straffer Arbeitsdisziplin und dadurch Leistungskontrolle und dadurch gleichmäßiger Produkte im Fall der einheitlichen Verfügung über Arbeitsmittel und Rohstoffe.

Diese Momente würden aber die Appropriation an einen Verband von Arbeitern (Produktivgenossenschaft) offen lassen, also nur die Trennung des einzelnen Arbeiters von den Beschaffungsmitteln bedeuten.

Die Expropriation der Gesamtheit der Arbeiter (einschließlich der kaufmännisch und technisch geschulten Kräfte) vom Besitz der Beschaffungsmittel ist ökonomisch vor allem bedingt:

a) allgemein durch die unter sonst gleichen Umständen größere Betriebsrationalität bei freier Disposition der Leitung über die Auslese und die Art der Verwendung der Arbeiter, gegenüber den durch Appropriation der Arbeitsstellen oder der Mitleitungsbefugnis entstehenden technisch irrationalen Hemmungen und ökonomischen Irrationalitäten, insbesondre: Hineinspielen von betriebsfremden Kleinhaushalts- und Nahrungs-Gesichtspunkten,

b) innerhalb der Verkehrswirtschaft durch überlegene Kreditwürdigkeit einer durch keine Eigenrechte der Arbeiter in der Verfügung beschränkten, sondern in uneingeschränkter Verfügungsgewalt über die sachlichen Kredit-(Pfand-)Unterlagen befindlichen Betriebsleitung durch geschäftlich geschulte und als „sicher“ geltende, weil durch kontinuierliche Geschäftsführung bekannte, Unternehmer.

c) Geschichtlich entstand sie innerhalb einer sich seit dem 16. Jahrhundert durch extensive und intensive Markterweiterung entwickelnden Wirtschaft durch die absolute Überlegenheit und tatsächliche Unentbehrlichkeit der individuell marktorientiert [336]disponierenden Leitung einerseits, durch reine Machtkonstellationen andererseits.

Über diese allgemeinen Umstände hinaus wirkt die an Marktchancen orientierte Unternehmung aber im Sinn jener Expropriation:

a) durch Prämiierung der rational technischq[336]Lies: rationalen, technisch nur bei Vollappropriation an Besitzer möglichen Kapitalrechnung gegenüber jeder rechnungsmäßig minder rationalen Wirtschaftsgebarung,

b) durch Prämiierung der rein händlerischen Qualitäten der Leitung gegenüber den technischen, und der Festhaltung des technischen und kommerziellen Geheimwissens,

c) durch die Begünstigung spekulativer Betriebsführung, welche jene Expropriation voraussetzt. Diese wird letztlich ohne Rücksicht auf den Grad ihrer technischen Rationalität ermöglicht:

d) durch die Überlegenheit, welche

α. auf dem Arbeitsmarkt, jede Besitzversorgtheit als solche, gegenüber den Tauschpartnern (Arbeitern),

β. auf dem Gütermarkt die mit Kapitalrechnung, Kapitalgüterausstattung und Erwerbskredit arbeitende Erwerbswirtschaft über jeden minder rational rechnenden oder minder ausgestatteten und kreditwürdigen Tauschkonkurrenten besitzt. – Daß das Höchstmaß von formaler Rationalität der Kapitalrechnung nur bei Unterwerfung der Arbeiter unter die Herrschaft von Unternehmern möglich ist, ist eine weitere spezifische materiale Irrationalität der Wirtschaftsordnung.53[336]Den Begriff „Wirtschaftsordnung“ definiert Max Weber in diesem Kapitel nicht, jedoch an anderer Stelle: „Die durch die Art des Interessenausgleichs jeweils einverständnismäßig entstandene Verteilung der faktischen Verfügungsgewalt über Güter und ökonomische Dienste und die Art, wie beide kraft jener auf Einverständnis ruhenden faktischen Verfügungsgewalt dem gemeinten Sinn nach faktisch verwendet werden, nennen wir ‚Wirtschaftsordnung‘.“ Vgl. Weber, Die Wirtschaft und die Ordnungen, in: MWG I/22-3, S. 192 f.; zur Entstehung dieser speziellen Formulierung vgl. den textkritischen Apparat ebd.

Endlich

e) ist die Disziplin bei freier Arbeit und Vollappropriation der Beschaffungsmittel optimal.

[337]§ 23. Die Expropriation aller Arbeiter von den Beschaffungsmitteln kann praktisch bedeuten:

[A 79]1. Leitung durch den Verwaltungsstab eines Verbandes: auch (und gerade) jede rational sozialistische Einheitswirtschaft würde die Expropriation aller Arbeiter beibehalten und nur durch die Expropriation der privaten Besitzer vervollständigen; –

2. Leitung kraft Appropriation der Beschaffungsmittel an Besitzer durch diese oder ihre Designatäre.54[337]Die von den Besitzern der Beschaffungsmittel für die Leitung des Unternehmens Designierten, d. h. ausgewählten und bestimmten Personen, wie nachfolgend unter b) von Max Weber erläutert.

Die Appropriation der Verfügung über die Person des Leitenden an Besitzinteressenten kann bedeuten:

a) Leitung durch einen (oder mehrere) Unternehmer, die zugleich die Besitzer sind: unmittelbare Appropriation der Unternehmerstellung. Sie schließt aber nicht aus, daß tatsächlich die Verfügung über die Art der Leitung kraft Kreditmacht oder Finanzierung (s. später!)55Auf Finanzinstitute geht Max Weber unten, S. 370 ff., auf die Finanzierung politischer Verbände unten, S. 428–437, ein. weitgehend in den Händen betriebsfremder Erwerbsinteressenten (z. B. kreditgebender Banken oder Finanzerr[337]A: Finanzen)56Gemeint sind Personen oder Personengruppen (Finanzkonsortien), die Max Weber unten, S. 373 und S. 375, explizit „Finanzer“ nennt, so daß hier „Finanzen“ im Erstdruck entsprechend geändert worden ist. Weber unterscheidet die „Finanzer“ wegen ihrer speziellen Finanzierungsgeschäfte, nämlich des Erwerbs von Unternehmensanteilen, von den Banken. liegt;

b) Trennung von UnternehmerleitungsA: Unternehmerleistung und appropriiertem Besitz, insbesondere durch Beschränkung der Besitzinteressenten auf die Designierung des Unternehmers und anteilsmäßige freie (veräußerliche) Appropriation des Besitzes nach Anteilen des Rechnungskapitals (Aktien, Kuxe). Dieser Zustand (der durch Übergänge aller Art mit der rein persönlichen Appropriation verbunden ist) ist formal rational in dem Sinn, als ertA: er, – im Gegensatz zur dauernden und erblichen Appropriation der Leitung selbst an den zufällig ererbten BesitzuA: Besitz, – die Auslese des [338](vom Rentabilitätsstandpunkt aus) qualifizierten Leiters gestattet. Aber praktisch kann dies verschiedenerlei bedeuten:

α. die Verfügung über die Unternehmerstellung liegt kraft Besitzappropriation in den Händen von betriebsfremden Vermögensinteressenten: Anteilsbesitzern, die vor allem: hohe Rente suchen,

ß. die Verfügung über die Unternehmerstellung liegt kraft temporären Markterwerbs in den Händen von betriebsfremden Spekulationsinteressenten (Aktienbesitzern, die nur Gewinn durch Veräußerung suchen),

γ. die Verfügung über die Unternehmerstellung liegt kraft Markt- oder Kreditmacht in den Händen von betriebsfremden Erwerbsinteressenten (Banken oder Einzelinteressentenv[338]A: Einzelinteressenten, – z. B. den „Finanzern“wA: „Finanzen“[,] welche ihren, oft dem Einzelbetrieb fremden, Erwerbsinteressen nachgehen).

„Betriebsfremd“ heißen hier diejenigen Interessenten, welche nicht primär an nachhaltigerxA: nachhaltige Dauer-Rentabilität des Unternehmens orientiert sind. Dies kann bei jeder Art von Vermögensinteresse eintreten. In spezifisch hohem Maß aber bei Interessenten, welche die Verfügung über ihren Besitz an Anlagen und Kapitalgütern oder eines Anteils daran (Aktie, Kux) nicht als dauernde Vermögensanlage, sondern als Mittel: einen rein aktuell spekulativen Erwerbsgewinn daraus zu ziehen, verwenden. Am relativ leichtesten sind reine Renteninteressen (α) mit den sachlichen Betriebsinteressen (das heißt hier: an aktueller und Dauer-Rentabilität) auszugleichen.

Das Hineinspielen jener „betriebsfremden“ Interessen in die Art der Verfügung über die leitenden Stellen, gerade im Höchstfall der formalen Rationalität ihrer Auslese, ist eine weitere spezifische materiale Irrationalität der modernen Wirtschaftsordnung (denn es können sowohl ganz individuelle Vermögensinteressen wie: an ganz andern, mit dem Betrieb in keinerlei Verbindung stehenden, Zielen orientierte Erwerbsinteressen, wie endlich: reine Spiel-Interessen sich der appropriierten Besitzanteile bemächtigen und über die Person des Leiters und [339]– vor allem – die ihm oktroyierte Art der Betriebsführung entscheiden). Die Beeinflussung der Marktchancen, vor allem der Kapitalgüter und damit der Orientierung der erwerbsmäßigen Güterbeschaffung durch betriebsfremde, rein spekulative Interessen ist eine der Quellen der als „Krisen“ bekannten Erscheinungen der modernen Verkehrswirtschaft (was hier nicht weiter zu verfolgen ist).

[A 80]§ 24. Beruf soll jene Spezifizierung, Spezialisierung und Kombinationy[339]A: Kombination, von Leistungen einer Person heißen, welche für sie Grundlage einer kontinuierlichen Versorgungs- oder Erwerbschance ist. Die Berufsverteilung kann

1. durch heteronome Zuteilung von Leistungen und Zuwendung von Versorgungsmitteln innerhalb eines wirtschaftsregulierenden Verbandes (unfreie Berufsteilung), oder durch autonome Orientierung an Marktlagen für Berufsleistungen (freie Berufsteilung) geschehen, –

2. auf LeistungsspezifikationaA: Leitungsspezifikation oder auf Leistungsspezialisierung beruhen, –

3. wirtschaftlich autokephale oder heterokephale Verwertung der Berufsleistungen durch ihren Träger bedeuten.

Typische Berufe und typische Arten von Einkommens-Erwerbschancen stehen im Zusammenhang miteinander, wie bei Besprechung der „ständischen“ und „Klassenlagen“ zu erörtern sein wird.

Über „Berufsstände“ und Klassen im allgemeinen s. Kap. IV.57[339]Beginn des nicht abgeschlossenen Kapitels, unten, S. 592–600.

1.58Die Ausführungen beziehen sich auf Punkt 1. (oben, Z. 12), die nachfolgenden Punkte 2. und 3. stellen ebenfalls Erläuterungen zu den oben genannten Punkten dar. Unfreie Berufsteilung: leiturgisch oder oikenmäßig durch Zwangsrekrutierung der einem Beruf Zugewiesenen innerhalb eines fürstlichen, staatlichen, fronherrlichen, kommunalen Verbandes. – Freie Berufsteilung: kraft erfolgreichen Angebots von Berufsleistungen auf dem Arbeitsmarkt oder erfolgreicher Bewerbung um freie „Stellungen“.

[340]2. Leistungsspezifikation, wie schon § 16 bemerkt:59[340]Kap. II, § 16, oben, S. 304, A.1.b. β mit Definitionen. die Berufsteilung des Gewerbes im Mittelalter, Leistungsspezialisierung: die Berufsteilung in den modernen rationalen Betrieben. Die Berufsteilung in der Verkehrswirtschaft ist, methodisch angesehen, sehr vielfach technisch irrationale Leistungsspezifikation und nicht rationale Leistungsspezialisierung schon deshalb, weil sie an Absatzchancen und deshalb an Käufer-, also Verbraucher-Interessen orientiert ist, welche das Ensemble der von einem und demselben Betrieb angebotenen Leistungen abweichend von der Leistungsspezialisierung determinieren und zu Leistungsverbindungen methodisch irrationaler Art nötigen.

3. Autokephale Berufsspezialisierung: Einzelbetrieb (eines Handwerkers, Arztes[,] Rechtsanwalts, Künstlers). Heterokephale Berufsspezialisierung: Fabrikarbeiter, Beamter.

Die Berufsgliederung gegebener Menschengruppen ist verschieden:

a) je nach dem Maß der Entwicklung von typischen und stabilen Berufen überhaupt. Entscheidend dafür ist namentlich

α. die Bedarfsentwicklung,

ß. die Entwicklung der (vor allem:) gewerblichen Technik,b[340]A: Technik.

γ.cc–c (S. 365, bis: (Bindung auch ) Zu dieser Textpassage sind Korrekturfahnen überliefert; vgl. dazu den Anhang, unten, S. 664–688. die Entwicklung entweder

αα) von Großhaushalten: – für unfreie Berufsverteilung, oder

ßß) von Marktchancen: – für freie Berufsverteilung;dA: Berufsverteilung,

b) je nach dem Grade und der Art der berufsmäßigen Spezifikation oder der Spezialisierung der Wirtschaften.

Entscheidend dafür ist vor allem

α. die durch Kaufkraft bestimmte Marktlage für die Leistungen spezialisierter Wirtschaften,

ß. die Art der Verteilung der Verfügung über Kapitalgüter;

c) je nach dem Maße und der Art der Berufskontinuität oder des Berufswechsels. Für diesen letztgenannten Umstand sind entscheidend vor allem

α. das Maß von Schulung, welches die spezialisierten Leistungen voraussetzen,

ß. das Maß von Stabilität oder Wechsel der Erwerbschancen, welches abhängig ist von dem Maß der Stabilität einerseits der Einkommensverteilung und von deren Art, andererseits von der Technik.

[341]Für alle Gestaltungen der Berufe ist schließlich wichtig: die ständische Gliederung mit den ständischen Chancen60[341]In der überlieferten Korrekturfahne K2 heißt es statt „ständischen Chancen“ noch „Prestige-Chancen“. Vgl. Anhang, unten, S. 665 mit textkrit. Anm. d. und Erziehungsformen, welche sie für bestimmte Arten gelernter Berufe schafft.

Zum Gegenstand selbständiger und stabiler Berufe werden nur Leistungen, welche ein Mindestmaß von Schulung voraussetzen und für welche kontinuierliche Erwerbschancen bestehen. Berufe können traditional (erblich) überkommen oder aus zweckrationalen (insbesondre: Erwerbs-)Erwägungen gewählt oder charismatisch eingegeben oder affektuell, insbesondere aus ständischen („Ansehens“-)Interessene[341]A: („Ansehens“)-Interessen61In der Korrekturfahne K2 heißt es statt „(,Ansehens-‘)lnteressen“ noch „Prestige-Interessen“. Vgl. Anhang, unten, S. 665 mit textkrit. Anm. e. ausgeübt werden. Die individuellen Berufe waren primär durchaus charismatischen (magischen) Charakters, der gesamte Rest der Berufsgliederung – soweit Ansätze einer solchen überhaupt bestanden – traditional bestimmt. Die nicht spezifisch persönlichen charismatischen Qualitäten wurden entweder Gegenstand von traditionaler [A 81]Anschulung in geschlossenen Verbänden oder erblicher Tradition. Individuelle Berufe nicht streng charismatischen Charakters schufen zunächst – leiturgisch – die großen Haushaltungen der Fürsten und Grundherren, dann – verkehrswirtschaftlich – die Städte. Daneben aber stets: die im Anschluß an die magische oder rituelle oder klerikale Berufsschulung entstehenden literarischen und als vornehm62In den Korrekturfahnen K2 statt „vornehm“ noch: „wissenschaftlich“. Vgl. Anhang, unten, S. 665 mit textkrit. Anm. c. geltenden ständischen Erziehungsformen.

Berufsmäßige Spezialisierung bedeutet nach dem früher Gesagten nicht notwendig: kontinuierliche Leistungen entweder 1. leiturgisch für einen Verband (z. B. einen fürstlichen Haushalt oder eine Fabrik)63Gemeint sind vermutlich die zuvor erwähnte russische „Leibeigenenfabrik“ (oben, S. 318) und die in der Literatur auch „Fabriken“ genannten Werkstätten im antiken Griechenland (oben, S. 331). In diesen Fällen hat es auch leiturgische Leistungserbringung gegeben, nicht aber in der modernen Fabrik, die nach Weber „eine Kategorie der kapitalistischen Wirtschaft“ ist. Vgl. oben, S. 331 f. oder 2. für einen völlig freien „Markt“. Es ist vielmehr möglich und häufig:

[342]1. daß besitzlose64[342]Das Adjektiv „besitzlose“ wurde von Max Weber eigenhändig in Korrekturfahne K2 eingefügt. Vgl. Anhang, unten, S. 666. berufsspezialisierte Arbeiter je nach Bedarf nur als Gelegenheitsarbeitskräfte verwendet werden, von einem relativ gleichbleibenden Kreis

a) von haushaltsmäßigenf[342]A: haushaltmäßigen Kunden (Konsumenten) oder

b) von Arbeitgeberkunden65Als Nachfrager am Arbeitsmarkt sind auch Arbeitgeber „Kunden“. Dies zu betonen, war vermutlich die Absicht von Max Weber, als er in der Korrekturfahne K2 das ursprüngliche „Abnehmer“ eigenhändig erst in „Kunden“ und dann in „Arbeitgeberkunden“ korrigierte. Vgl. Anhang, unten, S. 666. (Erwerbswirtschaften).

Zu a) In Haushaltungen: dahin gehört

α. bei Expropriation mindestens: der Rohstoffbeschaffung, also: der Verfügung über das Erzeugnis, vom Arbeiter:

I. Die „Stör

αα) als reiner Wanderbetrieb,

ββ) als seßhafte, aber in einem örtlichen Kreis von Haushaltungen ambulante Arbeit;

II. das „Lohnwerk“: seßhafte Arbeit, in eigner Werkstatt (bzw. Haushalt) für einen Haushalt arbeitend.66 Anders als oben, S. 319, „Dritte Möglichkeit“ a), weicht Max Weber hier von Büchers Begrifflichkeit ab. Oben und bei Bücher ist „Lohnwerk“ der Oberbegriff zu „Stör“ und „Heimwerk“. Vgl. auch Bücher, Karl, Gewerbe, in: WbVW3, Band 1, 1911, S. 1066–1082, hier S. 1072.

In allen Fällen liefert der Haushalt den Rohstoff; dagegen pflegen die Werkzeuge dem Arbeiter appropriiert zu sein (Sensen den Schnittern, Nähwerkzeug der Näherin, alle Arten von Werkzeugen den Handwerkern).

Das Verhältnis bedeutet in den Fällen Nr. I den temporären Eintritt in den Haushalt eines Konsumenten.

Dem gegenüber ist von K[arl] Bücher der Fall der vollen Appropriation aller Beschaffungsmittel an den Arbeiter als „Preiswerk“ bezeichnet worden.67 In der Regel spricht auch Bücher von „Handwerk“. Jedoch hat er, wo es auf die Unterscheidung zu „Lohnwerk“ ankam, das Handwerk auch als „Preiswerk“ bezeichnet. Vgl. oben, S. 324, Hg.-Anm. 17.

Zu b) Gelegenheitsarbeit berufsspezialisierter Arbeiter für Erwerbswirtschaften:

[343]bei Expropriation mindestens der Rohstoffbeschaffung, also: der Verfügung über das Erzeugnis, vom Arbeiter:

I. Wanderarbeit in wechselnden Betrieben von Arbeitgebern,

II. gelegentliche oder Saison-Heimarbeit für einen Arbeitgeber in eigner Haushaltung.

Beispiel zu I: Sachsengänger,68[343]Ursprünglich Bezeichnung für aus dem Osten kommende Landarbeiter, die in der preußischen Provinz Sachsen und im Königreich Sachsen regelmäßig im Sommer in der dort intensiv betriebenen Landwirtschaft, vor allem dem Zuckerrübenanbau, Beschäftigung fanden. Um 1900 ist „Sachsengängerei“ ein Ausdruck für alle Art saisonaler Wanderung von Landarbeitern. Über die Probleme der „Sachsengängerei“ vgl. Weber, Die Lage der Landarbeiter, MWG I/3, passim; ders., Landarbeiterfrage, MWG I/4, passim.

zug[343]A: Zu II: jede gelegentlich ergänzend zur Werkstattarbeit tretende Heimarbeit.

2. Das Gleiche bei Wirtschaften mit appropriierten Beschaffungsmitteln:

α. Bei Kapitalrechnung und partieller, insbesondere: auf die Anlagen beschränkter Appropriation der Beschaffungsmittel an Besitzer; Lohnwerkstattbetriebe (Lohnfabriken) und vor allem: verlegte Fabriken – erstere seit langem, letztere neuerdings häufig vorkommend.69„Lohnwerkstattbetriebe“ hießen Arbeitsstätten, wie sie insbesondere in der Hausindustrie (Verlagssystem) seit langem vorkamen (vgl. oben, S. 300 f., Hg.-Anm. 42 und 43). „Lohnfabriken“ hießen gewerbliche Großbetriebe, die für wechselnde Auftraggeber die von diesen gelieferten Rohstoffe bearbeiteten, ohne daran Eigentum zu erwerben und das Fertigprodukt selbst auf den Markt zu bringen. Handelte es sich immer um denselben Auftraggeber und übernahm dieser auch weitere kaufmännische Funktionen, so sprach man von „verlegten Fabriken“. Zu den Beziehungen zwischen Handel und Fabrikindustrie und dem neuen Typus des „Fabrikverlegers“ vgl. Hirsch, Julius, Organisation und Formen des Handels und der staatlichen Binnenhandelspolitik, in: GdS, Abt. V, 1. Teil, 1918, S. 39–235 (hinfort: Hirsch, Organisation), hier S. 85 f.

β. Bei voller Appropriation der Beschaffungsmittel an Arbeiter

a) kleinbetrieblich, ohne Kapitalrechnung:

αα) für Haushaltungen: Kundenpreiswerker

ββ) für Erwerbsbetriebe: Hausindustrie ohne Expropriation der Beschaffungsmittel, also formal ungebundene[,] aber tat[344]sächlich an einen monopolistischen Kreis von Abnehmern absetzende Erwerbsbetriebe,

[A 82]b) großbetrieblich mit Kapitalrechnung: Beschaffung für einen festen Abnehmerkreis: – Folge (regelmäßig, aber nicht: nur) von kartellmäßigen Absatzregulierungen.70[344]Absatzregulierungen, die sich auf die Verteilung der Produktion von Kartellmitgliedern auf bestimmte Abnehmer bezogen, waren typisches Kennzeichen der sog. Kartelle höherer Ordnung. Bekannteste Beispiele in Deutschland waren das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat und der Stahlwerksverband. Vgl. Liefmann, Robert, Kartelle und Trusts. – Stuttgart: Ernst Heinrich Moritz 1905; 3. Aufl. unter dem Titel: Kartelle und Trusts und die Weiterbildung der volkswirtschaftlichen Organisation, ebd., 1918.

Es ist schließlich noch festzustellen:71Die Ausführungen bis zum Ende von § 24, unten, S. 345, beruhen auf nachträglichen Einfügungen Max Webers in die Korrekturfahnen K2. Zum ersten Teil (bis unten, Zeile 26) ist ein handschriftliches Zusatzblatt überliefert. Vgl. den Anhang, unten, S. 668. daß weder

a) jeder Erwerbsakt Bestandteil eines berufsmäßigen Erwerbens ist, – noch

b) alle noch so häufigen Erwerbsakte begriffsnotwendig irgendeiner kontinuierlichen gleichsinnigen Spezialisierung zugehören.

Zu a: Es gibt Gelegenheitserwerb:h[344]A: Gelegenheitserwerb;

α) der Überschüsse des Hausfleißes abtauschenden Hauswirtschaft. Ebenso zahlreiche ihnen entsprechende großhaushaltungsmäßige, namentlich grundherrliche, Gelegenheits-Erwerbsabtausche. Von da führt eine kontinuierliche Reihe von möglichen „Gelegenheitserwerbsakten“ bis:

β) zur Gelegenheitsspekulation eines Rentners, dem Gelegenheitsabdruck eines Artikels, Gedichtes usw. eines Privaten und ähnlichen modernen Vorfällen. – Von da wieder bis zum „Nebenberuf“.

Zu b: Es ist ferner zu erinnern: daß es auch vollkommen wechselnde und in ihrer Art absolut unstete, zwischen allen Arten von Gelegenheitserwerb und zwar eventuell auch zwischen normalen Erwerbsakten und Bettel, Raub, Diebstahl wechselnde Formen der Existenzfristung gibt.

[345]Eine Sonderstellung nehmen ein

a) rein karitativer Erwerb,

b) nicht karitativer Anstaltsunterhalt (insbesondre: strafweiser),

c) geordneter Gewalterwerb,i[345]A: Gewalterwerb:

d) ordnungsfremder (krimineller) Erwerb durch Gewalt oder List.jAbsatz fehlt in A.

Die Rolle von b und d bietet wenig Interesse. Die Rolle von a war für die hierokratischen Verbände72[345]Zum Begriff „hierokratischer Verband“ vgl. Kap. I, oben, S. 212. (Bettelmönchtum), die Rolle von c für die politischen Verbände (Kriegsbeute) und in beiden Fällen für dieskLies: dieses Wirtschaften oft ganz ungeheuer groß. Die „Wirtschaftsfremdheit“ ist in diesen beiden Fällen das Spezifische. Deshalb ist eine nähere Klassifikation hier nicht am Platz. Die Formen werden anderwärts zu entwickeln sein.73Eine kurze Erwähnung der „Wirtschaftsfremdheit“ findet sich bei der Darstellung der charismatischen Herrschaftsformen (Kap. III, § 10, unten, S. 495). Ausführlichere Darlegungen liegen nicht vor. Aus teilweise (aber nur teilweise) ähnlichen Gründen ist der Beamtenerwerb (einschließlich des Offizierserwerbes, der dazu gehört) unten (§ 41lA: 39)74Eine entsprechende kurze Erwähnung der Beamtengehälter findet sich in Kap. II, § 41 (nicht „§ 39“, wie in der Druckfassung angegeben), unten, S. 444. nur zwecks „systematischermA: „systematische Ortsbezeichnung“ als Unterart des Arbeitserwerbes genannt, ohne vorerst näher kasuistisch erörtert zu sein. Denn dazu gehört die Erörterung der Art der Herrschaftsbeziehung,75Kap. III, unten, S. 449–539. in welcher diese Kategorien stehen.

§ 24a.76Im Druck von Korrekturfahne K1 fehlt jegliche Paragraphenangabe, hier fügte Weber handschriftlich „§ 24“ ein. Die Korrektur ist übernommen in Korrekturfahne K2 und wurde von Weber nicht neuerlich korrigiert. Vgl. Anhang, unten, S. 669 mit textkrit. Anm.5. Ob die Änderung in „§ 24a“ von Weber selbst in einem weiteren Korrekturdurchgang vorgenommen wurde oder postum erfolgt ist, ließ sich nicht ermitteln. Die Kasuistik der technischen, betriebsmäßigen Appropriations- und Marktbeziehungen ist also nach den von § 1577Kap. II, § 15, oben, S. 295. [346]angefangen bis hier entwickelten theoretischen Schemata eine höchst vielseitige.

Tatsächlich spielen von den zahlreichen Möglichkeiten nur einige eine beherrschende Rolle.78[346]Unten, S. 353–355, läßt Max Weber der im Folgenden entwickelten komprimierten Typologie ebenso knappe Hinweise auf die Verbreitung der genannten Typen in Zeit und Raum folgen.

1. Auf dem Gebiet des landwirtschaftlichen Bodens:

a) ambulanter, d. h. nach Ausnutzung des Bodens den Standort wechselnder Ackerbau: Hauswirtschaft mit Appropriation des Bodens an den Stamm und – zeitweilig oder dauernd – der Nutzung an Nachbarschaftsverbände mit nur zeitweiser Appropriation der Bodennutzung an Haushaltungen.

Die Größe der Haushaltsverbände ist regelmäßig entweder

  1. große Hauskommunion,79Eine Haus- und Familiengemeinschaft (vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 743). Sie übt ihre wirtschaftliche Tätigkeit im gemeinsamen Haushalt und zu gemeinsamem Nutzen aus. Spuren einer solchen Ordnung in der Familie sind bei vielen Völkern nachzuweisen. Typisch war sie bei den Südslawen. Vgl. Marković, Milan, Die serbische Hauskommunion (zadruga) und ihre Bedeutung in der Vergangenheit und Gegenwart. – Leipzig: Duncker & Humblot 1903. Zum Vorkommen dieses Typs vgl. unten, S. 353. oder
  2. organisierte Sippenwirtschaft, oder
  3. Großfamilienhaushalt, oder
  4. Kleinfamilienhaushalt.

„Ambulant“ ist der Ackerbau regelmäßig nur in bezug auf den bebauten Boden, weit seltener und in größeren Perioden: für Hofstätten.

[A 83]b) Seßhafter Ackerbau: mark- und dorf-genossenschaftliche Regulierung der Nutzungsrechte an Äckern, Wiesen, Weiden, Holzungen, Wasser mit (normalerweise) Kleinfamilienhaushaltungen. Appropriation von Hofgütern und Gärten an Kleinfamilien; Acker, (meist) Wiesen, Weiden an den Dorfverband; Holzungen an größere Markgemeinschaften. Bodenumteilungen sind dem Recht nach ursprünglich möglich, aber nicht systematisch organisiert und daher meist obsolet. Die Wirtschaft ist meist durch Dorfordnung reguliert (primäre Dorfwirtschaft).

[347]Die Sippengemeinschaft als Wirtschaftsgemeinschaft besteht nur ausnahmsweise (China),80[347]Vgl. Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 273 ff.; Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 135 f., dort wird die „halbkommunistische Sippenwirtschaft“ in China beschrieben: „Die Sippe besitzt innerhalb des einzelnen Dorfes Schulen und Magazine, hält die Feldbestellung aufrecht, greift in den Erbgang ein und ist dem Gerichte für die Untaten ihrer Mitglieder verantwortlich; die ganze ökonomische Existenz des einzelnen beruht auf seiner Zugehörigkeit zu ihr; Kredit ist normalerweise immer Sippenkredit“. und dann in rationalisierter Verbandsform (Sippenvergesellschaftung), fortn[347]A: (Sippenvergesellschaftung).81Der erst in die Korrekturen eingefügte Begriff „Sippenvergesellschaftung“ kommt bei Max Weber nur hier vor. Durch die handschriftliche Begriffseinfügung in Korrekturfahne K2 ist das ursprüngliche Satzende „, fort“ offenbar übersehen worden. Zu den Überarbeitungen in den Korrekturfahnen in diesem Bereich vgl. den Anhang, unten, S. 670.

c) Grundherrschaft82Über Bedingungen und die Entwicklung der Grundherrschaft ausführlich Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 150–157, und zum Begriff „Grundherrschaft“ der Glossar-Eintrag, unten, S. 743. und Leibherrschaft83Vgl. den Glossar-Eintrag „Leibherrschaft“, unten, S. 746. mit grundherrlichem Fronhof und gebundenen Naturalgüter- und Arbeits-Leistungen der abhängigen Bauernbetriebe. Gebundene Appropriation: des Bodenbesitzes und der Arbeiter an den Herren, der Bodennutzung und der Rechte auf die Arbeitsstellen an die Bauern (einfacher grundherrlicher Naturalleistungsverband).

d) α) Grundherrschaftliches oder β) fiskalisches Bodenmonopol mit Solidarhaft der Bauerngemeindeverbände für fiskalische Lasten. Daher: Feldgemeinschaft und systematisierte regelmäßige Neuverteilung des Bodens:84Max Weber verwendet den Begriff „Feldgemeinschaft“ hier wie auch an anderen Stellen zunächst im weiten Sinne, für gemeinschaftlichen Besitz der Dorfbewohner an der Ackerfläche mit den daraus folgenden, für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Landwirtschaft typischen Nutzungsregeln. Die von ihm als hinzutretend angesprochene systematisierte regelmäßige Neuverteilung des Bodens bildet den Kern eines engeren Begriffs Feldgemeinschaft, für den der russische Mir das bekannteste Beispiel ist. Vgl. Meitzen, August, Feldgemeinschaft, in: HdStW3, Band 4, 1909, S. 56–71. oktroyierte dauernde Appropriation des Bodens als Korrelat der Lasten an den Bauerngemeindeverband, nicht an die Haushaltungen, an diese nur zeitweise und vorbehaltlich der Neuumteilung zur Nutzung. Regulierung der Wirtschaft durch Ordnungen des Grundherrn [348]oder politischen Herrn (grundherrliche oder fiskalische Feldgemeinschaft).

e) Freie Grundherrschaft mit haushaltsmäßiger Nutzung der abhängigen Bauernstellen als Rentenquelle[.] Also: Appropriation des Bodens an den Grundherren, aber:

  1. Kolonen, oder
  2. Teilpacht- oder
  3. Geldzinsbauern85[348]Der ungewöhnliche Begriff „Geldzinsbauern“ faßt Pächter („Pachtzins-Bauern“) und „Erbzinsbauern“ zusammen. (Zur ursprünglichen Gestalt des Absatzes und Webers Korrekturen in K1 und K2 vgl. den Anhang, unten, S. 671.) In der Fachsprache bezeichnete man als Zinsbauern Bauern mit guten, d. h. erblichen Besitzrechten an dem ihnen überlassenen Boden, wofür sie Abgaben, den (Erb-)Zins, zu zahlen hatten.

als Träger der Wirtschaftsbetriebe.

f) Plantagenwirtschaft:86Max Weber bildet den vom seinerzeitigen Sprachgebrauch abweichenden Begriff Plantagenwirtschaft, der auf Zwangsarbeit abstellt, in Anlehnung an Karl Bücher, Die Aufstände der unfreien Arbeiter 143–129 v. Chr. – Frankfurt a.Μ.: J.C. Sauerländer 1874, S. 13 („Plantagensystem“). Ausführlich zu diesem Typ Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 161–166. freie Appropriation des Bodens und der Arbeiter (als Kaufsklaven) an den Herren als Erwerbsmittel in einem kapitalistischen Betrieb mit unfreier Arbeit.

g) Gutswirtschaft:87Indem Max Weber „Gutswirtschaft“ als landwirtschaftlichen Großbetrieb mit freien Arbeitern definiert, hat er – anders als oben, S. 314 und S. 331 – die Verhältnisse nach der Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert im Auge. (In den Korrekturfahnen heißt es hier zwischenzeitlich sogar „Freie Gutswirtschaft“, vgl. Anhang, unten, S. 671.) In der Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ nennt Weber pointiert „Gutswirtschaft“ „einen auf den Absatz eingerichteten kapitalistischen Großbetrieb“ (vgl. Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 166). In der Agrarverfassungsgeschichte werden auch die mit Unfreien betriebenen Eigenwirtschaften von Guts- und Grundherren als Gutswirtschaft bezeichnet; vgl. Wittich, W[erner], Gutsherrschaft, in: HdStW3, Band 5, 1910, S. 208–216. Appropriation des Bodens

α. an Bodenrentenbesitzer, Verleihung an Großpächterwirtschaften. Oder

β. an die Bewirtschafter als Erwerbsmittel. Beidemal mit freien Arbeitern, in

a)88Bei den Ordnungsbuchstaben a) und b) handelt es sich um die Untergliederungsebene zu „β.“, weshalb hier abweichende Ordnungsbuchstaben erforderlich gewesen wären. Zu den Mehrfachkorrekturen dieser Textpassage vgl. den Anhang, unten, S. 671. eignen oder

b) vom Herrn gestellten Haushaltungen, in beiden Fällen

[349]α. mit landwirtschaftlicher Erzeugung oder – Grenzfall – β.o[349]A: β) ohne alle eigne Gütererzeugung.

h) Fehlen der Grundherrschaft: bäuerliche Wirtschaft mit Appropriation des Bodens an die Bewirtschafter (Bauern). Die Appropriation kann praktisch bedeuten:

α. daß tatsächlich vorwiegend nur erblich erworbener Boden oder

β. umgekehrt, daß Parzellenumsatz besteht,

ersteres bei Einzelhofsiedelung und Großbauernstellen, letzteres bei Dorfsiedelung und Kleinbauernstellen typisch.

Normale Bedingung ist für den Fall e[,] γ ebenso wie für den Fall h, β die Existenz ausreichender lokaler Marktchancen für bäuerliche Bodenprodukte.

2. Auf dem Gebiet des Gewerbes (einschließlich des Bergbaues), TransportspA: Gewerbes und Transports (einschließlich des Bergbaues)90 In der Korrekturfahne K1 änderte Weber „des Gewerbes und Transports“ handschriftlich zu: „des Gewerbes (einschließlich des Bergbaues), Transports und Handels“. Durch die etwas mißverständlichen Korrekturzeichen ist daraus der in A (und K2) überlieferte Text geworden. Hier wurde nach K1 emendiert. Vgl. dazu auch den Anhang, unten, S. 672. und Handels:

a) Hausgewerbe, primär als Mittel des Gelegenheitstausches, sekundär als Erwerbsmittel mit

α. interethnischer Leistungsspezialisierung (Stammesgewerbe). Daraus erwachsen:

[A 84]β. Kastengewerbe.89[349]Zur Entstehung der dem indischen Kastenwesen eigentümlichen Berufsspezifizierung, derzufolge die Ausübung eines Gewerbes ausschließlich den Angehörigen einer Kaste oblag, vgl. oben, S. 325, sowie Weber, Hinduismus, MWG I/20, u. a. S. 185 ff.; Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 195 f. und 389.

In beiden Fällen primär: Appropriation der Rohstoffquellen und also der Rohstofferzeugung; Kauf der Rohstoffe oder Lohngewerbe erst sekundär. Im ersten Fall oft: Fehlen formaler Appropriation. Daneben, und im zweiten Fall stets: erbliche Appropriation der leistungsspezifizierten Erwerbschancen an Sippen- oder Hausverbände.

b) Gebundenes Kundengewerbe: Leistungsspezifikation für einen Konsumenten-Verband:

[350]α. einen herrschaftlichen (oikenmäßig, grundherrlich) –

β. einen genossenschaftlichen (demiurgisch).

Kein Markterwerb. Im Fall α haushaltsmäßige Leistungsverbindung, zuweilen Werkstattarbeit im Ergasterion des Herren. Im Fall β erbliche (zuweilen: veräußerliche) Appropriation der Arbeitsstellen, Leistung für appropriierte (Konsumenten-) Kundschaft – kärgliche Fortentwicklungen:

I. Erster Sonderfall: Appropriierte (formal unfreie) leistungsspezifizierte Träger des Gewerbes

α. als Rentenquelle der Herren, dabei aber als, trotz der formalen Unfreiheit, material freie (meist) Kundenproduzenten (Rentensklaven),1[350]„Rentensklave“ ist eine Wortschöpfung, die sich noch nicht in den Korrekturfahnen K1 und K2 findet (vgl. Anhang, unten, S. 674). Zum Sachverhalt vgl. oben, S. 317, sowie Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 201.

β. als unfreie Hausgewerbetreibende für Erwerbszwecke,

γ. als Werkstatt-Arbeiter in einem Ergasterion des Herren für Erwerbszwecke (unfreie Hausindustrie).

II. Zweiter Sonderfall: leiturgische Leistungsspezifikation für fiskalische Zwecke: Typus dem Kastengewerbe (a, β) gleichartig.

Entsprechend auf dem Gebiet des Bergbaues:

fürstlicher oder grundherrlicher Betrieb mit Unfreien: Sklaven oder Hörigen.

Entsprechend auf dem Gebiet des Binnentransports:

a) grundherrliche Appropriation der Transportanlagen als Rentenquelle: Umlegung demiurgischer Leistungen auf die dafür bestimmten Kleinbauernstellen;2 Im Mittelalter haben die Grundherren für die Benützung der in ihrem Besitz befindlichen Straßen und Brücken Abgaben erhoben. Die Anlage und der Unterhalt derselben gehörten zu den drückendsten Lasten der zu diesen Arbeiten verpflichteten Bauern.q

b) genossenschaftlichq[350]A: Kleinbauernstellen. Genossenschaftlich ; Absatz und Ordnungsbuchstabe fehlen in A; sinngemäß ergänzt. regulierte Kleinhändlerkarawanen.

Die Ware war ihnen appropriiert.

Auf dem Gebiet des Seetransports:

a) oikenmäßiger oder grundherrlicher oder patrizischer Schiffsbesitz mit Eigenhandel des Herren;

[351]b) genossenschaftlicher Schiffsbau und Schiffsbesitz, Schiffsführer und Mannschaft als Eigenhändler beteiligt, interlokal reisende Kleinhändler neben ihnen als Befrachter, Risikovergesellschaftung aller Interessenten, streng regulierte Schiffskarawanen. In allen Fällen war dabei „Handel“ mit interlokalem Handel, also Transport, noch identisch.

c)3[351]Der Ordnungsbuchstabe c) bindet nicht an die unmittelbar vorausgehenden a) und b) an, sondern gehört zu der oben, S. 349, beginnenden übergeordneten Gliederung „a) Hausgewerbe, b) Gebundenes Kundengewerbe“. Freies Gewerbe:

Freie Kundenproduktion als

a) Stör, oder

b) Lohnwerk4Zu Webers von Bücher abweichender Definition von „Lohnwerk“ vgl. oben, S. 342, Hg.-Anm. 66 und 67.

bei Appropriation der Rohstoffe an den Kunden (Konsumenten), der Arbeitswerkzeuge an den Arbeiter, der etwaigen Anlagen an Herren (als Rentenquelle) oder Verbände (zur Reihum-Benutzung), oder

c) „Preiswerk“, mit Appropriation der Rohstoffe und Arbeitswerkzeuge, damit auch: der Leitung, an Arbeiter, etwaiger Anlagen (meist) an einen Arbeiterverband (Zunft).

In allen diesen Fällen typisch: Erwerbsregulierung durch die Zunft.

Im Bergbau: Appropriation des Vorkommens an politische oder Grundherren als Rentenquelle; Appropriation des Abbaurechts an einen Arbeiterverband; zünftige Regelung des Abbaus als Pflicht gegen den Bergherren als Renteninteressenten und gegen die Berggemeinde als jenem solidarisch haftend und am Ertrag interessiert. –

[A 85]Auf dem Gebiet des Binnen-Transports: Schiffer- und Fracht fahrer-Zünfte mit festen Reihefahrten5Bezeichnung für eine bis in das 19. Jahrhundert von Schiffergilden organisierte konkurrenzausschließende Zuteilung von Fracht an jene Schiffer, die „an der Reihe“ waren. Ausführlich hierzu Sombart, Der moderne Kapitalismus II2, S. 350–352. und Regulierung ihrer Erwerbschancen.

[352]Auf dem Gebiet der Seeschiffahrt: Schiffspartenbesitz, Schiffskarawanen, reisende Kommendahändler.r[352]Durchschuß fehlt in A. 6[352]In den Korrekturfahnen K1 und K2 hat Max Weber sich an dieser Stelle auch zum Handel (Detail- und Fernhandel) geäußert. Zu den mannigfach überarbeiteten, am Ende aber gestrichenen Passagen vgl. den Anhang, unten, S. 676.

Entwicklung zum Kapitalismus:

α. tatsächliche Monopolisierung der Geldbetriebsmittel durch Unternehmer als Mittel der Bevorschussung der Arbeiter. Damit Leitung der Güterbeschaffung kraft Beschaffungskredits und Verfügung über das Produkt trotz formal fortbestehender Appropriation der Erwerbsmittel an7Wie auch in der Druckfassung unten in Absatz δ stand in den Korrekturfahnen K1 und K2 zunächst „Appropriation … durch die Arbeiter.“ Max Weber hat dies in K2 eigenhändig in „an“ geändert. Vgl. Anhang, unten, S. 677. die Arbeiter (so im Gewerbe und Bergbau).

β. Appropriation des Absatzrechtes von Produkten auf Grund vorangegangener tatsächlicher Monopolisierung der Marktkenntnis und damit der Marktchancen und Geldbetriebsmittel kraft oktroyierter monopolistischer (Gilden-)VerbandsordnungsA: (Gilden)-Verbandsordnung oder Privilegs der politischen Gewalt (als Rentenquelle oder gegen Darlehen).

γ. Innere Disziplinierung der hausindustriell abhängigen Arbeiter: Lieferung der Rohstoffe und Apparate durch den Unternehmer.

Sonderfall: Rationale monopolistische Organisation von Hausindustrien auf Grund von Privilegien im Finanz- und populationistischen (Erwerbsversorgungs-)InteressetA: (Erwerbsversorgungs)Interesse9 Emendation nach Korrekturfahnen K1 und K2, unten, S. 677.. Oktroyierte Regulierung der Arbeitsbedingungen mit Erwerbskonzessionierung.

δ. Schaffung von Werkstattbetrieben ohne rationale8In K1 und K2 zunächst „mit rationaler“; von Weber eigenhändig geändert in „ohne rationale“, vgl. Anhang, unten, S. 677. Arbeitsspezialisierung im Betriebe bei Appropriation sämtlicher sachlicher Beschaffungsmittel durch den Unternehmer. Im Bergbau: Appropriation der Vorkommen, Stollen und Apparate durch [353]Besitzer. Im Transportwesen: Reedereibetrieb durch Großbesitzer. Folge überall: Expropriation der Arbeiter von den Beschaffungsmitteln.

ε. Als letzter Schritt zur kapitalistischen Umwandlung der Beschaffungsbetriebe: Mechanisierung der Produktion und des Transports. Kapitalrechnung. Alle sachlichen Beschaffungsmittel werden („stehendes“ oder Betriebs-)Kapitalu[353]A: („stehendes“ oder Betriebs)-Kapital ; lies: „stehendes“ Kapital oder Betriebs-Kapital .10[353]Als „stehendes“ Kapital wurden alle Kapitalgüter bezeichnet, die im Produktionsprozeß wiederholt eingesetzt werden (Anlagen, Maschinen, Werkzeuge); „Betriebskapital“ oder „Umlaufkapital“ hießen Kapitalgüter, die bei einmaliger Verwendung in der Produktion verbraucht werden (Roh- und Hilfsstoffe), vielfach auch Halb- und Fertigerzeugnisse sowie Kassenbestände. Letztere gehen bei Verbrauch mit ihrem vollen Wert in die Kostenrechnung ein, stehendes Kapital nur mit Zinsen und Abschreibungen. Alle Arbeitskräfte: „Hände“. Durch Verwandlung der Unternehmungen in Vergesellschaftungen von Wertpapierbesitzern wird auch der Leiter expropriiert und formal zum „Beamten“,11§ 622 des Bürgerlichen Gesetzbuchs vom 1. Januar 1900 bezeichnet die „mit festen Bezügen zur Leistung von Diensten höherer Art Angestellten“ in der Privatwirtschaft als „Privatbeamte“. Vgl. auch oben, S. 272, Hg.-Anm. 60. der Besitzer material zum Vertrauensmann der Kreditgeber (Banken).vDurchschuß fehlt in A.

Von diesen verschiedenen Typen ist

1. auf dem Gebiet der Landwirtschaft der Typus a12Max Weber bezieht sich auf die oben, S. 346, beginnende Kasuistik mit den entsprechenden Gliederungsziffern- und Buchstaben. überall, aber in der Form α (Hauskommunion und Sippenwirtschaft) in Europa nur stellenweise, dagegen in Ostasien (China) typisch vertreten gewesen, – der Typus b (Dorf- und Markgemeinschaft) in Europa und Indien heimisch gewesen, – der Typus c (gebundene Grundherrschaft) überall heimisch gewesen und im Orient teilweise noch jetzt heimisch, – der Typus d in den Formen α und β (Grundherrschaft und Fiskalherrschaft mit systematischer Feldumteilung der Bauern) in mehr grundherrlicher Form russisch und (in abweichendem Sinn: Bodenrentenumteilung) indisch, in mehr fiskalischer Form ostasiatisch und vorderasiatisch-ägyptisch gewesen. Der Typus e (freie Renten-Grundherrschaft mit Kleinpächtern) ist typisch in Irland, kommt in Italien [354]und Südfrankreich, ebenso in China und im antikhellenistischen Orient vor. Der Typus f (Plantage mit unfreier Arbeit) gehörte der karthagisch-römischen Antike, den Kolonialgebieten und den Südstaaten der amerikanischen Union an, der Typus g (Gutswirtschaft) in der Form α (Trennung von Bodenbesitz und Betrieb) England, in der Form β (Betrieb des Bodenbesitzers) dem östlichen Deutschland, Teilen von Österreich, Polen, Westrußland, der Typus h (bäuerliche Besitzer-Wirtschaft) ist in Frankreich, Süd- und Westdeutschland, Teilen Italiens, Skandinavien, ferner (mit Einschränkungen) in Südwestrußland und besonders im modernen China und Indien (mit Modifikationen) heimisch.

Diese starken Verschiedenheiten der (endgültigen) Agrarverfassung sind nur zum Teil auf ökonomische Gründe (Gegensatz der Waldrodungs- und der Be[A 86]wässerungskultur), zum andern auf historische Schicksale, insbesondere die Form der öffentlichen Lasten und der Wehrverfassung, zurückzuführen.

2. Auf dem Gebiet des Gewerbes – die Transport- und Bergverfassung ist noch nicht universell genug geklärt13[354]In den Korrekturfahnen K1 und K2 stand zunächst: „Auf dem Gebiet des Gewerbes, Transport- und Bergwesens“. Weber ändert in K2 eigenhändig in die vorliegende Fassung (vgl. Anhang, unten, S. 679) und weist somit auf die Forschungsdefizite bei der Transport- und Bergverfassung hin. – Die nach Gliederungsziffer 2, oben, S. 349, zu erwartenden Beispiele zum Handel fehlen. – ist

a) der Typus a, α (Stammesgewerbe) überall verbreitet gewesen.

b) Der Typus a, β (Kastengewerbe) hat nur in Indien universelle Verbreitung erlangt, sonst nur für deklassierte („unreine“) Gewerbe.

c) Der Typus b, α (oikenmäßigew[354]Klammer fehlt in A. Gewerbe) hat in allen Fürstenhaushalten der Vergangenheit, am stärksten in Ägypten, geherrscht, daneben in den Grundherrschaften der ganzen Welt, in der Form b, β (demiurgische Gewerbe) ist er vereinzelt überall (auch im Okzident), als Typus aber nur in Indien, verbreitet gewesen. Der Sonderfall I (Leibherrschaft als Rentenquelle) herrschte in der Antike, der Sonderfall II (leiturgische Lei[355]stungsspezifikation) in Ägypten, dem Hellenismus, der römischen Spätantike und zeitweise in China und Indien.

d) Der Typus c14[355]Gemeint ist das freie Gewerbe, vgl. oben, S. 351. findet seine klassische Stätte als herrschender Typus im okzidentalen Mittelalter und nur dort, obwohl er überall vorkam und insbesondere die Zunft universell (namentlich: in China und Vorderasien) verbreitet war, – freilich gerade in der „klassischen“ Wirtschaft der Antike völlig fehlte. In Indien bestand statt der Zunft die Kaste.

e) Die Stadien der kapitalistischen Entwicklung fanden beim Gewerbe außerhalb des Okzidents nur bis zum Typus β15Vgl. oben, S. 352: „Appropriation des Absatzrechtes“. universelle Verbreitung. Dieser Unterschied ist nicht ausschließlich durch rein ökonomische Gründe zu erklären.16In der Korrekturfahne K1 lautet der Satz noch: „Diese Unterschiede der (endgültigen) Gewerbe-, Bergbau-, Transport- und Handelsverfassung sind nicht durch rein ökonomische Gründe zu erklären, sondern daneben durch gesonderte historische Schicksale, Formen der politischen Verfassung und der höchst verschieden, in starkem Maße aber religiös bedingten Lebensführungs- und Erkenntnisformen, welche die Art der Orientierung der Erwerbschancen bedingten.“ Diese Passage hat Weber in K2 eigenhändig gestrichen. Vgl. Anhang, unten, S. 680.

§ 25. I. Zur Erreichung von rechnungsmäßigen Leistungsoptima der ausführenden Arbeit (im allgemeinsten Sinn) gehört außerhalb des Gebiets der drei typisch kommunistischen Verbände,17Unten, S. 361, führt Weber drei Arten kommunistischer Leistungsvergemeinschaftung oder -vergesellschaftung auf: Hauskommunismus der Familie, Kameradschaftskommunismus des Heeres, Liebeskommunismus der (religiösen) Gemeinde. bei welchen außerökonomische Motive mitspielen:18Hinweis auf die „außer-ökonomischen Motive“ von Weber erst in Korrekturfahne K2 handschriftlich eingefügt; vgl. Anhang, unten, S. 680.

  1. Optimum der Angepaßtheit an die Leistung,
  2. Optimum der Arbeitsübung,
  3. Optimum der Arbeitsneigung.

Zu 1. Angepaßtheit (gleichviel inwieweit durch Erbgut oder Erziehungs- und Umweltseinflüsse bedingt) kann nur durch Probe festgestellt werden. Sie ist in der Verkehrswirtschaft bei [356]Erwerbsbetrieben in Form der „Anlerne“-Probe19[356]Gemeint ist die Praxis, die Einstellung einer Arbeitskraft, die für die gedachte Tätigkeit noch Fähigkeiten erlernen muß, von der Bewährung in der sog. Anlernzeit abhängig zu machen. üblich. Rational will sie das Taylor-System durchführen.

Zu 2. Arbeitsübung ist im Optimum nur durch rationale und kontinuierliche Spezialisierung erreichbar. Sie ist heute nur wesentlich empirisch, unter Kostenersparnis-Gesichtspunkten (im Rentabilitätsinteresse und durch dieses begrenzt) vorgenommene Leistungsspezialisierung. Rationale (physiologische) Spezialisierung liegt in den Anfängen (Taylor-System).20In Korrekturfahne K1 lautete der von Weber in K2 verkürzte Satz: „Eine systematische Prüfung der Eignung und rationale (physiologische) Spezialisierung liegt in den Anfängen (in Amerika: Taylor-System) und ist in ihrer Anwendung auf Rentabilitäts-Betriebe begrenzt.“ Vgl. Anhang, unten, S. 680.

Zu 3. Die Bereitwilligkeit zur Arbeit kann ganz ebenso orientiert sein wie jedes andre Handeln (s. Kap. I, § 2).21Kap. I, § 2, oben, S. 175, wo Max Weber die Typen der Bestimmungsgründe des sozialen Handelns entfaltet. Arbeitswilligkeit (im spezifischen Sinn der Ausführung von eignen Dispositionen oder von solchen anderer Leitender) ist aber stets entweder durch starkes eignes Interesse am Erfolg oder durch unmittelbaren oder mittelbaren Zwang bedingt gewesen; in besonders hohem Maß Arbeit im Sinn der Ausführung der Disposition anderer. Der Zwang kann bestehen entweder

1. in unmittelbarer Androhung von physischer Gewaltsamkeit oder anderen Nachteilen, oder

2. in der Chance der Erwerbslosigkeit im Falle ungenügender Leistung.

Da die zweite Form, welche der Verkehrswirtschaft wesentlich ist, ungleich stärker an das Eigeninteresse sich wendet und die Freiheit der Auslese nach der Leistung (in Maß und Art) erzwingt (natürlich: unter Rentabilitätsgesichtspunkten), wirkt sie formal rationaler (im Sinn des technischen Optimums) als jeder unmittel[A 87]bare Arbeitszwang. Vorbedingung ist die Expropriation der Arbeiter von den Beschaffungsmitteln und ihre Verweisung auf Bewerbung um Arbeitslohnverdienstchancen, also: gewaltsamer Schutz der Appropriation der Beschaffungsmittel an Besitzer. Gegenüber dem unmittelbaren Arbeitszwang [357]ist damit außer der Sorge für die Reproduktion (Familie) auch ein Teil der Sorge um die Auslese (nach der Art der Eignung) auf die Arbeitsuchenden selbst abgewälzt. Außerdem ist der Kapitalbedarf und das Kapitalrisiko gegenüber der Verwertung unfreier Arbeit beschränkt und kalkulierbar gemacht, endlich – durch massenhaften Geldlohn – der Markt für Massengüter verbreitert. Die positive Arbeitsneigung ist nicht dergestalt obstruiert, wie – unter sonst gleichen Verhältnissen – bei unfreier Arbeit, freilich besonders bei weitgehender technischer Spezialisierung auf einfache (taylorisierte)22[357]Zu den von Frederick Winslow Taylor (vgl. oben, S. 277) propagierten Empfehlungen an das Management gehört die Zerlegung der Arbeit in kleinste Einheiten, die keine Denkleistung fordern und sich wegen ihres geringen Umfangs rasch wiederholen lassen. monotone Verrichtungen auf die rein materiellen Lohnchancen beschränkt. Diese enthalten nur bei Lohn nach der Leistung (Akkordlohn) einen Anreiz zu deren Erhöhung. – Akkordlohnchancen und Kündigungsgefahr bedingen in der kapitalistischen Erwerbsordnung primär die Arbeitswilligkeit.

Unter der Bedingung der freien, von den Beschaffungsmitteln getrennten, Arbeit gilt im übrigen folgendes:

1. Die Chancen affektueller Arbeitswilligkeit sind – unter sonst gleichen Umständen – bei Leistungsspezifikation größer als bei Leistungsspezialisierung,23Zu Webers Unterscheidung von Leistungsspezifikation und Leistungsspezialisierung vgl. oben, S. 339. weil der individuelle Leistungserfolg dem Arbeitenden sichtbarer vor Augen liegt. Demnächst, naturgemäß, bei allen Qualitätsleistungen.

2. Traditionale Arbeitswilligkeit, wie sie namentlich innerhalb der Landwirtschaft und der Hausindustrie (unter allgemein traditionalen Lebensbedingungen) typisch ist, hat die Eigenart: daß die Arbeiter ihre Leistung entweder: an nach Maß und Art stereotypen Arbeitsergebnissen oder aber: am traditionalen Arbeitslohn orientieren (oder: beides), daher schwer rational verwertbar und in ihrer Leistung durch Leistungsprämien (Akkordlohn) nicht zu steigern sind. Dagegen können traditional patriarchale Beziehungen zum Herren (Besitzer) die affektuelle Arbeitswilligkeit erfahrungsgemäß hoch halten.

[358]3. Wertrationale Arbeitswilligkeit ist in typischer Art entweder religiös bedingt, oder durch spezifisch hohe soziale Wertung der betreffenden spezifischen Arbeit als solcher. Alle andren Anlässe dazu sind, nach allerx[358]A: alter Erfahrung, Übergangserscheinungen.

Selbstverständlich enthält die „altruistische“ Fürsorge für die eigne Familie eine typische Pflichtkomponente der Arbeitswilligkeit. –yDurchschuß fehlt in A.

II. Die Appropriation von Beschaffungsmitteln und die (sei es noch so formale) Eigenverfügung über den Arbeitshergang bedeutet eine der stärksten Quellen schrankenloser Arbeitsneigung. Dies ist der letzte Grund der außerordentlichen Bedeutung des Klein- und zwar insbesondere: des Parzellenbetriebs in der Landwirtschaft, sowohl als Kleineigentümer, wie als Kleinpächter (mit der Hoffnung künftigen Aufstiegs zum Bodeneigentümer). Das klassische Land dafür ist: China; auf dem Boden des fachgelernten leistungsspezifizierten Gewerbes vor allem: Indien; demnächst alle asiatischen Gebiete, aber auch das Mittelalter des Okzidents, dessen wesentliche Kämpfe um die (formale) Eigenverfügung geführt worden sind. Das sehr starke Arbeits-Mehr, welches der (stets, auch als Gärtner: leistungsspezifizierte, nicht: -spezialisierte) Kleinbauer in den Betrieb steckt[,] und die Einschränkung der Lebenshaltung, die er sich im Interesse der Behauptung seiner formalen Selbständigkeit auferlegt, verbunden mit der in der Landwirtschaft möglichen haushaltsmäßigen Ausnutzung von erwerbsmäßig, also im Großbetrieb, nicht verwertbaren Nebenerzeugnissen und „Abfällen“ aller Art[,] ermöglichenzA: ermöglicht seine Existenz gerade wegen des Fehlens der Kapitalrechnung und der Beibehaltung der Einheit von Haushalt und Betrieb. Der Kapitalrechnungsbetrieb in der Landwirtschaft ist – im Fall des Eigentümerbetriebs – nach allen Ermittlungen (s. meine Rechnungen in den Verh[andlungen] [359][A 88]des D[eutschen] Juristentags XXIV)24[359]Anhand der Statistik von Zwangsvollstreckungen in Preußen führt Max Weber den Nachweis, daß der landwirtschaftliche Großbetrieb als „Conjuncturen-Betrieb“ in stärkerem Maße von Zwangsvollstreckungen betroffen gewesen sei als kleinere Betriebe (vgl. Weber, Heimstättenrecht, in: MWG I/4, S. 645–666; insbes. S. 646 ff., Zitat: S. 649). Es handelte sich um ein Gutachten für den vierundzwanzigsten Deutschen Juristentag 1898. ungleich Konjunkturen empfindlichera[359]Lies: konjunkturempfindlicher als der Kleinbetrieb.

Auf dem Gebiet des Gewerbes bestand die entsprechende Erscheinung bis in die Zeit mechanisierter und streng spezialisierter arbeitsverbindender Betriebe. Betriebe, wie die des „Jack of Newbury“25Zu der legendären Wollmanufaktur des „Jack of Newbury“ vgl. oben, S. 332, Hg.-Anm. 47. konnte man noch im 16. Jahrhundert einfach, ohne Katastrophe für die Erwerbschancen der Arbeiter, verbieten (wie es in England geschah).261555 untersagte eine Parlamentsakte, daß Wollweber mehr als zwei Webstühle hielten und Weber zugleich Tücher walkten. Weitere Gesetze ähnlichen Inhalts folgten. Vgl. Ashley, Englische Wirtschaftsgeschichte (wie oben, S. 332, Hg.-Anm. 47), dort S. 244–248; sowie Lohmann, Friedrich, Die staatliche Regelung der englischen Wollindustrie vom XV. bis zum XVIII. Jahrhundert (Staats- und socialwissenschaftliche Forschungen, hg. v. Gustav Schmoller, 18. Band, 1. Heft). – Berlin: Duncker & Humblot 1900. Denn die Zusammenziehung von, dem Besitzer appropriierten, Webstühlen nebst ihren Arbeitern in einer Werkstatt ohne wesentliche Steigerung der Spezialisierung und Verbindung der Arbeit bedeutete unter den gegebenen Marktverhältnissen keineswegs eine derartige Steigerung der Chancen für den Unternehmer, daß das immerhin größere Risiko und die Werkstattkosten dadurch mit Sicherheit gedeckt worden wären. Vor allem aber ist im Gewerbe ein Betrieb mit hohem Kapital von Anlagen („stehendem“ K[apital]) nicht nur, wie auch in der Landwirtschaft, konjunkturempfindlich, sondern im Höchstmaß empfindlich gegen jede Irrationalität (Unberechenbarkeit) der Verwaltung und Rechtspflege, wie sie, außerhalb des modernen Okzidentes, überall bestand. Die dezentralisierte Heimarbeit hat hier, wie in Konkurrenz mit den russischen „Fabriken“27Auf die Konkurrenz der russischen „Sklavenfabriken“ mit den in Heimarbeit tätigen Bauern im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert geht Weber unten, S. 377 f., näher ein. Zu seiner Quelle vgl. oben, S. 318, Hg.-Anm. 94. und überall sonst, das Feld behaupten [360]können, bis – noch vor Einfügung der mechanisierten Kraftquellen und Werkzeugmaschinen – das Bedürfnis nach genauer Kostenkalkulation und Standardisierung der Produkte zum Zweck der Ausnutzung der verbreiterten Marktchancen, in Verbindung mit technisch rationalen Apparaten, zur Schaffung von Betrieben mit (Wasser- oder Pferdegöpel und) innerer Spezialisierung führte, in welche dann die mechanischen Motoren und Maschinen eingefügt wurden. Alle vorher, in der ganzen Welt, gelegentlich entstandenen großen Werkstattbetriebe konnten ohne jede nennenswerte Störung der Erwerbschancen aller Beteiligten und ohne daß die Bedarfsdeckung ernstlich gefährdet worden wäre, wieder verschwinden. Erst mit der „Fabrik“ wurde dies anders. Die Arbeitswilligkeit der Fabrikarbeiter aber war primär durch einen mit Abwälzung des Versorgungsrisikos auf sie kombinierten sehr starken indirekten Zwang (englisches Arbeitshaussystem!)28[360]Gemäß der Armengesetzgebung erhielten in England seit dem 16. Jahrhundert arbeitsfähige Arme nur als Insassen von Arbeitshäusern Unterstützung. Auch noch nach den 1834 verabschiedeten New Poor Laws stand das Arbeitshaus im Mittelpunkt der Armenfürsorge für jene, die als arbeitsfähig galten. Vgl. Webb, Sidney, und Beatrice Webb, English Poor Law Policy. – London u. a.: Longmans, Green and Co. 1910; 2. Aufl. 1913. bedingt und ist dauernd an der Zwangsgarantie der Eigentumsordnung orientiert geblieben, wie der Verfall dieser Arbeitswilligkeit in der Gegenwart im Gefolge des Zerbrechens der Zwangsgewalt in der Revolution zeigte.29In einer Rede auf der Mitgliederversammlung der Deutschen Demokratischen Partei in Heidelberg am 15. Februar 1919 hat Max Weber „das völlige Verschwinden der Arbeitsdisziplin“ als viel schlimmer bezeichnet als „Geldpanik“ und „Lohnpanik“ (vgl. Weber, Die gegenwärtige Lage der Deutschen Demokratischen Partei, in: MWG I/16, S. 475–481, Zitat: S. 480). Noch im September 1919 hat Reichswirtschaftsminister Robert Schmidt (SPD) in einer „Wirtschaftspolitischen Richtlinie“ festgestellt: „Das Kernproblem der deutschen Wirtschaft liegt in der Wiedergewinnung der Arbeitswilligkeit und Arbeitsleistung der handarbeitenden Klassen.“ Vgl. Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik, hg. für die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften von Karl Dietrich Erdmann, für das Bundesarchiv von Hans Booms: Das Kabinett Bauer. 21. Juni 1919 bis 27. März 1920, bearbeitet v. Anton Golecki. – Boppard am Rhein: Boldt 1980, Nr. 65, S. 261.

§ 26. Kommunistische und dabei rechnungsfremde Leistungsvergemeinschaftung oder -vergesellschaftung gründet sich nicht auf Errechnung von Versorgungsoptima, sondern auf unmittel[361]bar gefühlte Solidarität. Geschichtlich ist sie daher – bis zur Gegenwart – aufgetreten auf der Grundlage von primär außerwirtschaftlich orientierten Gesinnungs-Einstellungen, nämlich:

1. als Hauskommunismus der Familie, – auf traditionaler und affektueller Grundlage,

2. als Kameradschaftskommunismus des Heeres, –

3. als Liebeskommunismus der (religiösen) Gemeinde, in diesen beiden Fällen (2 und 3) primär auf spezifisch emotionaler (charismatischer) Grundlage. Stets aber entweder:

a) im Gegensatz zur traditional oder zweckrational, und dann rechenhaft, leistungsteilig wirtschaftenden Umwelt: entweder selbst arbeitend, oder grade umgekehrt: rein mäzenatisch sustentiert30[361]Von lat. sustentare abgeleitet, unterhalten, unterstüzt, ernährt. (oder beides); – oder

b) als Haushaltsverband von Privilegierten, die nicht einbezogenen Haushaltungen beherrschend und mäzenatisch oder leiturgisch durch sie erhalten, – oder

c) als Konsumentenhaushalt, getrennt von dem Erwerbsbetriebe und sein Einkommen von ihm beziehend, also mit ihm vergesellschaftet.

Der Fall a ist typisch für die religiös oder weltanschauungsmäßig kommunistischen Wirtschaften (weltflüchtige oder arbeitende Mönchsgemeinschaften, Sektengemeinschaften, ikarischer Sozialismus).31Ikarische Sozialisten bzw. Kommunisten nannten sich die Anhänger von Étienne Cabet (1788–1856), eines französischen revolutionären Publizisten. In seinem 1842 veröffentlichten Werk „Voyage en Icarie, roman philosophique et sociale“ entwarf er ein utopisches Gemeinwesen. Dieses suchten seine Anhänger 1848–1856 in Nordamerika zu realisieren, woran sie scheiterten (vgl. Lux, Heinrich, Etienne Cabet und der Ikarische Kommunismus (Internationale Bibliothek, Band 18). – Stuttgart: J.H.W. Dietz 1894). Max Weber hat den Ikarischen Kommunismus 1895 in seiner Vorlesung „Arbeiterfrage und Arbeiterbewegung“ behandelt; vgl. Weber, Arbeiterfrage, MWG III/4, S. 160 und 283 f.

[A 89]Der Fall b ist typisch für die militaristischen[,] ganz oder teilweise kommunistischen Gemeinschaften32Die folgenden Beispiele finden sich – in ähnlicher Reihenfolge – ausführlicher behandelt in Weber, Erhaltung des Charisma, MWG I/22-4, S. 551 f. (Männerhaus,33Von dem Ethnologen Heinrich Schurtz geprägter Begriff für die Form des Zusammenlebens von Kriegern in kaum oder einfach strukturierten Gesellschaften. Vgl. Schurtz, Heinrich, Altersklassen und Männerbünde. Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft. – Berlin: Georg Reimer 1902 (hinfort: Schurtz, Altersklassen), sowie Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 130 f. spartiatische Syssiti[362]en,34[362]Syssition, griech. Essensgemeinschaft. In Sparta war seit Lykurg die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft Voraussetzung für das volle Bürgerrecht. Die Mitglieder hatten Beiträge an Naturalien zu leisten. Max Weber behandelte Syssitien schon in seiner Vorlesung zur Theoretischen Nationalökonomie als Beispiel des „naturalwirtschaftl[ichen] Stadtfeudalismus“ in Griechenland. Vgl. Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1, S. 417 f. liparischeb[362]A: ligurische Räubergemeinschaft,35Die Sizilien vorgelagerten liparischen Inseln waren von ca. 575 bis 252 v. Chr. griechische Kolonie. Mit ihrer Kriegsflotte betrieben die Kolonisten auch die Kaperei. Wegen des gemeinsamen Vermögens, Bodenbesitzes, der gemeinsamen Mahlzeiten und der Teilung aller Erträge aus Landwirtschaft und Kaperei galt die Gemeinschaft zu Webers Zeit als „kommunistisch“. Vgl. das Kapitel „Der Kommunistenstaat auf Lipara“, in: Pöhlmann, Robert von, Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt, Band 1, 2. Aufl. – München: C.H. Beck 1912, S. 44–51. – Die im Text überlieferte Verschreibung „ligurische Räubergemeinschaft“ wurde emendiert. Organisation des Khalifen Omar,36Kalif Omar I. (um 592–644) organisierte die arabisch-muslimischen Truppen, indem er sie in Korps unterteilte und ihnen feste Militärlager zuwies. Entsprechend der Anweisung des Propheten Mohammed wurde die in seinen Feldzügen gemachte Beute zu vier Fünfteln unter den Kriegern verteilt und das weitere Fünftel zur Unterstützung von Armen und Waisen verwendet. Von „Beutekommunismus des Kalifen Omar“ spricht Max Weber bereits in: Der Streit um den Charakter der altgermanischen Sozialverfassung in der deutschen Literatur des letzten Jahrzehnts, MWG I/6, S. 259. Konsum- und – partieller – Requisitionskommunismus von Heereskörpern im Felde in jeder Epoche), daneben für autoritäre religiöse Verbände (Jesuitenstaat in Paraguay,37Die vom Jesuitenorden in seiner Provinz Paraguay zum Zwecke der Mission eingerichteten Guarani-Reduktionen bildeten von 1609 bis 1767 einen von Ordensangehörigen geleiteten Verband, der wegen seiner relativen Unabhängigkeit von der spanischen Oberhoheit vielfach als Jesuitenstaat bezeichnet wird. Die Siedlungen waren im wesentlichen landwirtschaftliche Großkommunen unter geistlicher Leitung. Wegen des Fehlens von Geldwirtschaft und Privateigentum an Produktionsmitteln fanden sie besonderes Interesse bei Kritikern des Kapitalismus. Vgl. Gothein, Eberhard, Der christlich-sociale Staat der Jesuiten in Paraguay (Staats- und socialwissenschaftliche Forschungen, hg. v. Gustav Schmoller, Band 4, Heft 4). – Leipzig: Duncker & Humblot 1883. indische und andre aus Bettelpfründen lebende Mönchsgemeinschaften).

Der Fall c ist der typische Fall aller familialen Haushaltungen in der Verkehrswirtschaft.

Die Leistungsbereitschaft und der rechnungsfremde Konsum innerhalb dieser Gemeinschaften ist Folge der außerwirtschaftlich orientierten Gesinnung und gründet sich in den Fällen 2 und 338Bezug ist der „Kameradschafts-“ und „Liebeskommunismus“, oben, S. 361. zum erheblichen Teil auf das Pathos des Gegensatzes und Kampfes gegen die Ordnungen der „Welt“. Alle modernen [363]kommunistischen Anläufe sind, sofern sie eine kommunistische Massenorganisation erstreben, für ihre Jüngerschaft auf wertrationale, für ihre Propaganda aber auf zweckrationale Argumentation, in beiden Fällen also: auf spezifisch rationale Erwägungen und – im Gegensatz zu den militaristischen und religiösen außeralltäglichen Vergemeinschaftungen – auf Alltags-Erwägungen angewiesen. Die Chancen für sie liegen daher unter Alltagsverhältnissen auch innerlich wesentlich anders als für jene außeralltäglichen oder primär außerwirtschaftlich orientierten Gemeinschaften.

§ 27. Kapitalgüter treten typisch im Keim zuerst auf als interlokal oder interethnisch getauschte Waren, unter der Voraussetzung (s. § 29),c[363]A: Voraussetzung, (s. § 29)39[363]Kap. II, § 29, unten, S. 367. daß der „Handel“ von der haushaltsmäßigen Güterbeschaffung getrennt auftritt[.] Denn der Eigenhandel der Hauswirtschaften (Überschuß-Absatz) kann eine gesonderte Kapitalrechnung nicht kennen. Die interethnisch abgesetzten Produkte des Haus-, Sippen-, Stammesgewerbes sind Waren, die Beschaffungsmittel, solange sie Eigenprodukte bleiben, sind Werkzeuge und Rohstoffe, nicht: Kapitalgüter. Ebenso wie die Absatzprodukte und die Beschaffungsmittel des Bauern und Fronherren, solange nicht auf Grund von Kapitalrechnung (sei es auch primitiver Form) gewirtschaftet wird (wofür z. B. bei Cato schon Vorstufen bestehen).40Der römische Geschichtsschreiber und Staatsmann Cato der Ältere hat in seinem Werk „De agricultura“ aus eigener Erfahrung gewonnene und teilweise auf exakte Geldrechnungen gestützte Ratschläge zur Führung eines landwirtschaftlichen Gutsbetriebs aufgezeichnet (vgl. Gummerus, Römischer Gutsbetrieb). In einer kritischen Bemerkung zu Ausführungen Sombarts über den Rationalismus Catos hebt Weber als charakteristisch für Cato hervor: „daß das Landgut als Objekt einer Vermögens-,Anlage‘ gewertet und beurteilt wird.“ Vgl. Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: GARS I, S. 39, Fn. 1 (MWG I/18). Daß alle internen Güterbewegungen im Kreise der Grundherrschaft und des Oikos, auch der Gelegenheits- oder der typische interne Austausch von Erzeugnissen, das Gegenteil von Kapitalrechnungswirtschaft sind, versteht sich von selbst. Auch der Handel des Oikos (z. B. [364]des Pharao) ist, selbst wenn er nicht reiner Eigenbedarfshandel, also: haushaltsmäßiger Tausch, ist, sondern teilweise Erwerbszwecken dient, im Sinn dieser Terminologie so lange nicht kapitalistisch, als er nicht an Kapitalrechnung, insbesondre an vorheriger Abschätzung der Gewinnchancen in Geld orientierbar ist.41[364]In der Korrekturfahne K1 korrigiert Max Weber „orientiert“ in „orientierbar“. Dem entspricht die den Paragraphen abschließende Bemerkung, daß es hier um „die prinzipielle Möglichkeit der materialen Kapitalrechnung“ geht, vgl. unten, S. 365. Dies war bei den reisenden Berufshändlern der Fall, gleichviel ob sie eigne oder kommendierte oder gesellschaftlich zusammengelegte Waren absetzten. Hier, in der Form der Gelegenheitsunternehmung, ist die Quelle der Kapitalrechnung und der Kapitalgüterqualität. Leibherrlich und grundherrlich als Rentenquelle benutzte Menschen (Sklaven, Hörige) oder Anlagen aller Art sind selbstverständlich nur rententragende Vermögensobjekte, nicht Kapitalgüter, ganz ebenso wie heute (für den an der Rentenchance und allenfalls einer Gelegenheitsspekulation orientierten Privatmann – im Gegensatz zur zeitweiligen Anlage von Erwerbsbetriebskapital darin –) Renten42Umgangssprachlich für sogenannte Rentenpapiere, d. h. festverzinsliche Wertpapiere (Staats- und Kommunalanleihen, Hypothekenpfandbriefe und Industrieobligationen). oder Dividenden tragende Papiere. Waren, die der Grundherr oder Leibherr von seinen Hintersassen kraft seiner Herrengewalt als Pflichtabgaben erhält und auf den Markt bringt, sind für unsre Terminologie: Waren, nicht Kapitalgüter, da die rationale Kapitalrechnung (Kosten!) prinzipiell (nicht nur: faktisch) fehlt. Dagegen sind bei Verwendung von Sklaven als Erwerbsmitteln (zumal: bei Existenz eines Sklavenmarktes und typischer Kaufsklaverei) in einem Betriebe diese: Kapitalgüter. Bei Fronbetrieben43Zum Begriff „Fron“ vgl. den Glossar-Eintrag, unten, S. 742. Max Weber bezieht sich terminologisch auf eine in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Grund- und Gutsherrschaft verbreitete Verpflichtung der Untertanen zu Arbeitsleistungen an den Herrenhöfen und in deren Wirtschaften. Wo Arbeit vornehmlich von Frondienst Leistenden erbracht wurde, wie z. B. auf den Gütern in Ostdeutschland seit dem 16. Jahrhundert, spricht Max Weber von „Fronbetrieb“ als einem speziellen Typ von „Erwerbswirtschaft.“ Vgl. Weber, Feudalismus, MWG I/22-4, S. 437. Wesentlich bleibt das Unterscheidungsmerkmal der Unfreiheit, doch waren die Hörigen keine Sklaven. Sie hatten [365]vielfach erbliche Rechte an ihren (Bauern)Stellen und Anspruch auf die Fürsorge des Herrn. mit nicht frei käuflichen und verkäuflichen (Erb-)[365]Untertanen wollen wir nicht von kapitalistischen Betrieben, sondern nur von Erwerbsbetrieben mit gebundener Arbeit sprechen (Bindung auchc[365] c(S. 340, ab: γ.)–c Zu dieser Textpassage sind Korrekturfahnen überliefert; vgl. dazu den Anhang, unten, S. 664–688. [A 90]des Herren an die Arbeiter ist das Entscheidende!), einerlei ob es sich um landwirtschaftliche Betriebe oder um unfreie Hausindustrie handelt.

Im Gewerbe ist das „Preiswerk„kleinkapitalistischer“dA: kleinkapitalistischer“ Betrieb,44Zu „Preiswerk“ vgl. Büchers Ausführungen, oben, S. 324, Hg.-Anm. 17. „Kleinkapitalistisch“ ist eine Charakterisierung Max Webers. Sie findet sich nicht bei Bücher. die Hausindustrie dezentralisierter, jede Art von wirklich kapitalistischem Werkstattbetrieb zentralisierter kapitalistischer Betrieb. Alle Arten von Stör, Lohnwerk und Heimarbeit sind bloße Arbeitsformen, die beiden ersteren im Haushalts-, die letzte im Erwerbsinteresse des Arbeitgebers.

Entscheidend ist also nicht die empirische Tatsache, sondern die prinzipielle Möglichkeit der materialen Kapitalrechnung.

§ 28. Neben allen früher besprochenen45Max Weber verweist auf seine Ausführungen in den §§ 16–18, 21 und 24–25, oben, S. 303–314, 333 f. und 339–360. Arten von spezialisierten oder spezifizierten Leistungen steht in jeder Verkehrswirtschaft (auch, normalerweise: einer material regulierten): die Vermittlung des AbtauschseA: Eintauschs46 Anders als hier versehentlich, verwendet Max Weber die Begriffe „Abtausch“ für das Hingeben eines Tauschgutes und „Eintausch“ für die Annahme eines Tauschgutes oben, S. 245 und 254, korrekt. eigner oder des EintauschsfA: Abtauschs fremder Verfügungsgewalt.

Sie kann erfolgen:

1. durch die Mitglieder eines Verwaltungsstabes von Wirtschaftsverbänden, gegen festen oder nach der Leistung abgestuften Natural- oder Geld-Entgelt;

2. durch einen eigens für die Ein- oder Abtauschbedürfnisse der Genossen geschaffenen Verband dieser (genossenschaftlich) oder

[366]3. als Erwerbsberuf gegen Gebühr ohne eignen Erwerb der Verfügungsgewalt (agentenmäßig), in sehr verschiedener rechtlicher Form;

4. als kapitalistischer Erwerbsberuf (Eigenhandel): durch gegenwärtigen Kauf in der Erwartung gewinnbringenden künftigen Wiederverkaufs oder Verkauf auf künftigen Termin in der Erwartung gewinnbringenden vorherigen Einkaufs, entweder

a) ganz frei auf dem Markt, oder

b) material reguliert;

5. durch kontinuierlich geregelte entgeltliche Expropriation von Gütern und deren entgeltlichen – freien oder oktroyierten – Abtausch seitens eines politischen Verbandes (Zwangshandel);

6. durch berufsmäßige Darbietung von Geld oder Beschaffung von Kredit zu erwerbsmäßigen Zahlungen oder Erwerb von Beschaffungsmitteln durch Kreditgewährung an:

a) Erwerbswirtschaften, oder

b) Verbände (insbesondere: politische): Kreditgeschäft. – Der ökonomische Sinn kann sein

α. Zahlungskredit, oder

β. Kredit für Beschaffung von Kapitalgütern.

Die Fälle Nr. 4 und 5, und nur sie, sollen „Handel“ heißen, der Fall 4 „freier“ Handel, der Fall 5 „zwangsmonopolistischer“ Handel.

Fall 1: a) Haushaltswirtschaften: fürstliche, grundherrliche, klösterliche „negotiatores“ und „actores“,47[366]In seiner Vorlesung „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ (MWG III/6, S. 255) bezeichnet Max Weber als negotiator (Pl. negotiatores, (lat.), Kaufmann, Händler), wie hier, denjenigen, der gegen Lehen, Deputat usw. die Erzeugnisse der klösterlichen Herrschaft auf den Markt bringt. Dort erscheint der actor (Pl. actores, (lat.), Verwalter, Vermittler, Besorger) als derjenige, der in der Antike im Namen des Grundherrn Geschäfte abschließt. An gleicher Stelle werden beide als „angestellte Kommis“ charakterisiert. – b) Erwerbswirtschaften: „Kommis“.

Fall 2: Ein- und Verkaufs-Genossenschaften (einschließlich der „Konsumvereine“).

Fall 3: Makler, Kommissionäre, Spediteure, Versicherungs- und andere „Agenten“.

Fall 4: a) moderner Handel,

[367]b) heteronom oktroyierte oder autonom paktierte Zuweisung von Einkauf oder Absatz von oder an Kunden, oder Einkauf oder Absatz von Waren bestimmter Art, oder materiale Regulierung der Tauschbedingungen durch Ordnungen eines politischen oder Genossen-Verbandes.

Fall 5: Beispiel: staatliches Getreidehandelsmonopol.48[367] Staatliche Getreidehandelsmonopole waren zu Webers Zeit nicht nur Gegenstand historischen Interesses, sondern auch akuter politischer Auseinandersetzungen. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie in Deutschland aus konservativ-agrarischer und aus sozialistischer Richtung gefordert, im Weltkrieg als Bewirtschaftungsinstrument gehandhabt. Vgl. Dietze, Constantin von, Getreidemonopol, in: HdStW4, Ergänzungsband, 1929, S. 296–308.

[A 91]§ 29. Freier Eigenhandel (Fall 4)49 Siehe oben, S. 366. – von dem zunächst allein die Rede sein soll – ist stets „Erwerbsbetrieb“, nie „Haushalt“, und also unter allen normalen Verhältnissen (wenn auch nicht unvermeidlich): Geldtauscherwerb in Form von Kauf- und Verkauf-Verträgen. Aber er kann sein:

a) „Nebenbetrieb“ eines Haushalts,

Beispiel: Abtausch von Hausgewerbe-Überschüssen durch eigens dafür bestimmte Hausgenossen auf deren Rechnung. Der bald von diesen[,] bald von jenen Genossen betriebene Abtausch ist dagegen nicht einmal „Nebenbetrieb“. Wenn die betreffenden Genossen sich auf eigene Rechnung nur dem Abtausch (oder Eintausch) widmen, liegt der Fall Nr. 4 (modifiziert) vor, wenn sie auf Rechnung der Gesamtheit handeln, der Fall Nr. 1.

b) untrennbarer Bestandteil einer Gesamtleistung, welche durch eigene Arbeit (örtliche) Genußreife herstellt.

Beispiel: Die Hausierer und die ihnen entsprechenden mit den Waren reisenden, primär die örtliche Bewegung an den Marktort besorgenden Kleinhändler, die deshalb früher unter „Transport“ miterwähnt sind.50 Siehe oben, S. 351. Die reisenden „Kommendahändler“ bilden zuweilen den Übergang zu Nr. 3. Wann die Transportleistung „primär“ ist, der „Handelsgewinn“ sekundär und wann umgekehrt, ist ganz flüssig. „Händler“ sind alle diese Kategorien in jedem Fall.

Eigenhandel (Fall 4) wird betrieben stets auf Grundlage der Appropriation der Beschaffungsmittel, mag die Verfügungsgewalt auch durch Kreditnahme beschafft sein. Stets trifft das [368]Kapitalrisiko den Eigenhändler als Eigenrisiko, und stets ist ihm die Gewinnchance, kraft Appropriation der Beschaffungsmittel, appropriiert.

Die Spezifizierung und Spezialisierung innerhalb des freien Eigenhandels (Fall 4) ist unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten möglich. Es interessieren ökonomisch vorerst nur die Arten:

a)51[368]Die auf a) folgenden Unterscheidungen des freien Handels sind ohne Gliederungsbuchstaben geblieben. Zur Erleichterung des Überblicks sind die entsprechenden Buchstaben mit Nachweis (vgl. textkritische Anm. g, h, i) hinzugefügt, nicht aber die weiteren Untergliederungen vereinheitlichend angepaßt worden. nach dem Typus der Wirtschaften, von denen und an welche der Händler tauscht.

1. Handel zwischen Überschußhaushaltungen und Konsumhaushaltungen.

2. Handel zwischen Erwerbswirtschaften („Produzenten“ oder „Händlern“) und Haushaltungen: „Konsumenten“, mit Einschluß, natürlich, aller Verbände, insbesondere: der politischen.

3. Handel zwischen Erwerbswirtschaften und anderen Erwerbswirtschaften.

Die Fälle 1 und 2 entsprechen dem Begriff „Detailhandel“, der bedeutet: Absatz an Konsumenten (einerlei: woher gekauft), der Fall 3 entspricht dem Begriff „Großhandel“ oder „Kaufmannshandel“.

b)g[368]Fehlt in A; b) sinngemäß ergänzt. Der Handel kann sich vollziehen

a) marktmäßig

α. auf dem Markt für Konsumenten, normalerweise in Anwesenheit der Ware (Marktdetailhandel),

β. auf dem Markt für Erwerbswirtschaften,

αα) in Anwesenheit der Ware (Meßhandel),52Die Anwesenheit der Ware war Kennzeichen der Messen vom 11. bis 19. Jahrhundert. Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts setzte sich nach dem Vorbild Leipzigs im internationalen Handel für Halb- und Fertigwaren der Abschluß der Geschäfte nach dem ausgestellten Produktmuster durch (Mustermesse). Vgl. Hirsch, Organisation (wie oben, S. 343, Hg.-Anm. 69), S. 99 f.

Meist, aber nicht begriffsnotwendig, saisonmäßig.

[369]ββ) in Abwesenheit der Ware (Börsenhandel);

Meist, aber nicht begriffsnotwendig, ständig.

b) kundenmäßig, bei Versorgung fester Abnehmer, und zwar entweder

α. Haushaltungen (Kundendetailhandel), oder

[A 92]β. Erwerbswirtschaften, und zwar entweder

  1. produzierende (Grossist),53[369]Abgeleitet aus „en gros“, frz., für Handel im Großen, Großhändler. oder
  2. detaillierende (Engrossortimenter)54Ein an Kleinhändler (Detaillisten) liefernder Großhändler, der durch Einkauf im Großen ein breites Warenangebot aufgebaut hat (Sortiment), aus dem der Kleinhändler das für seinen Absatz Gewünschte auswählt. Vgl. Hirsch, Organisation (wie oben, S. 343, Hg.-Anm.69), S. 89 ff. oder endlich
  3. andere grossierende: „erste“, „zweite“ usw. „Hand“ im Großhandel (Engroszwischenhandel).

c)h[369]Fehlt in A; c) sinngemäß ergänzt. Er kann sein, jeiA: e nach dem örtlichen Bezug der am Ort abgesetzten Güter:

a)55a) und b) sind Untergliederungen zu c). interlokaler Handel,

b) Platzhandel.

d)jFehlt in A; d) sinngemäß ergänzt. Der Handel kann material oktroyieren

a)56a) und b) sind Untergliederungen zu d). seinen Einkauf den an ihn kundenmäßig absetzenden Wirtschaften (Verlagshandel),

b) seinen Verkauf den von ihm kaufenden Wirtschaften (Absatzmonopolhandel).

Der Fall a steht der Verlagsform des Gewerbebetriebs nahe und ist meist mit ihr identisch.

Der Fall b ist material „regulierter“ Handel (Nr. 4 Fall b).57Vgl. Webers Schema oben, S. 366.

Der eigne Güterabsatz ist selbstverständlich Bestandteil jedes marktmäßigen Erwerbsbetriebes, auch eines primär „produzierenden“. Dieser Absatz aber ist nicht „Vermittlung“ im Sinne der Definition, solange nicht eigens dafür spezialisiert bestimmte Verwaltungsstabsmitglieder (z. B.: „Kommis“) vorhanden sind, [370]also eine eigene berufsmäßige „händlerische“ Leistung stattfindet. Alle Übergänge sind völlig flüssig.

Die Kalkulation des Handels soll „spekulativ“ in dem Grade heißen, als sie an Chancen sich orientiert, deren Realisierung als „zufällig“ und in diesem Sinn „unberechenbar“ gewertet wirdk[370]A: werden und daher die Übernahme eines „Zufalls-Risikos“lA: „Zufalls-Risiko“ bedeutet. Der Übergang von rationaler zu (in diesem Sinn) spekulativer Kalkulation ist völlig flüssig, da keine auf die Zukunft abgestellte Berechnung vor unerwarteten „Zufällen“ objektiv gesichert ist.58[370]Frank H. Knight hat 1921, im Jahr des Erscheinens der 1. Lieferung, in die ökonomische Theorie die Unterscheidung zwischen kalkulierbarem, weil mit Wahrscheinlichkeiten versehenem, Risiko und Ungewißheit eingeführt. Vgl. Knight, Frank H., Risk, Uncertainty and Profit. – Cambridge: Houghton Mifflin 1921. Der Unterschied bedeutet also nur verschiedene Grade der Rationalität.

Die technische und ökonomische Leistungs-Spezialisierung und -Spezifikation des Handels bietet keine Sondererscheinungen. Der „Fabrik“ entspricht – durch ausgiebigste Verwendung innerer Leistungsspezialisierung – das „Warenhaus“.59In Hinblick auf die Bestrebungen, die Ausbreitung von Warenhäusern gesetzlich zu verhindern, ist seinerzeit die Abgrenzung gegenüber dem „Kaufhaus“ von politischem und wissenschaftlichem Interesse gewesen. Biermer, [Magnus], Warenhäuser und Warenhaussteuer, in: HdStW3, Band 8, 1911, S. 590–615, hier S. 591, nennt Warenhäuser „solche mit großem Kapital, einem riesenhaften Angestelltenapparat betriebenen, durch alle Mittel der neuzeitlichen Reklame und Kulanz in ihrer Leistungsfähigkeit gesteigerten Großmagazine, die den ganzen Detailhandel an sich zu reißen suchen“.

§ 29a.60Zur Paragraphenbezifferung vgl. den Editorischen Bericht, oben, S. 103. Banken sollen jene Arten von erwerbsmäßigen Händlerbetrieben heißen, welche berufsmäßig Geld

a) verwalten,

b) beschaffen.

Zu a): Geld verwalten

α. für private Haushaltungen (Haushaltsdepositen, Vermögensdepots),

β. für politische Verbände (bankmäßige Kassenführung für Staaten),

[371]γ. für Erwerbswirtschaften (Depots der Unternehmungen, laufende Rechnungen derselben). –

Zu b): Geld beschaffen

α. für Haushaltungsbedürfnisse:

  1. Privater (Konsumkredit),
  2. politischer Verbände (politischer Kredit);

β. für Erwerbswirtschaften:

  1. zu Zahlungszwecken an Dritte:
  2. als Bevorschussung von künftig fälligen Zahlungen von Kunden. Hauptfall: die Wechseldiskontierung;
  3. zu Kapitalkreditzwecken.

Gleichgültig ist formal, ob sie

1. dies Geld aus eigenem Besitz vorstrecken oder vorschießen oder versprechen, [A 93]es auf Erfordern bereit zu stellen („laufende Rechnung“), ebenso ob mit oder ohne Pfand oder andere Sicherheitsleistung des Geldbedürftigen, oder ob sie

2. durch Bürgschaft oder in anderer Art andere veranlassen, es zu kreditieren.

Tatsächlich ist das Erwerbswirtschaften der Banken normalerweise darauf eingestellt: durch Kreditgabe mit Mitteln, welche ihnen selbst kreditiert worden sind, Gewinn zu machen.

Das kreditierte Geld kann die Bank beschaffen entweder:

1. aus pensatorischen Metall- oder aus den Münzvorräten der bestehenden Geldemissionsstättenm[371]A: Geldemissionstätten, die sie auf Kredit erwirbt, oder

2. durch eigene Schaffung von

a. Zertifikaten (Banko-Geld)nÖffnende Klammer fehlt in A.,61[371]Der Begriff „Zertifikat“ hat ein weites Spektrum von Bedeutungen. Die hier gemeinte definiert Max Weber oben, S. 238, und unten, S. 401. Bei dem von Girobanken in Europa im 17.–19. Jahrhundert geschaffenen „Banko-Geld“ geschah die Übertragung der Einlagen zunächst vornehmlich durch Umbuchungen auf Konten (Buch- oder Giralgeld), erst später regelmäßig durch Weitergabe der Depotbescheinigungen (Zertifikate) (vgl. Ehrenberg, Richard, Die Banken vom 11. bis zum 17. Jahrhundert, in: HdStW3, Band 2, 1909, S. 360–366, hier S. 363–365). Zertifikate spielten um 1900 im [372]europäischen Zahlungsverkehr keine Rolle mehr, wohl aber als Gold- oder Silberzertifikate in den USA. oder

ß. Umlaufsmitteln (Banknoten). Oder:

[372]3. aus Depositen anderer ihr von Privaten kreditierten Geldmittelo[372]A: Geldmitteln.

In jedem Fall, in welchem die Bank

a) selbst Kredit in Anspruch nimmt, oder

b) Umlaufsmittel schafft,

ist sie bei rationalem Betrieb darauf hingewiesen, durch „Deckung“, d. h. Bereithaltung eines hinlänglich großen Einlösungsgeldbestandes oder entsprechende Bemessung der eigenen Kreditgewährungsfristen[,] für „Liquidität“, d. h. die Fähigkeit, den normalen Zahlungsforderungen gerecht zu werden, Sorge zu tragen.

In aller Regel (nicht: immer) ist für die Innehaltung der Liquiditätsnormen bei solchen Banken, welche Geld schaffen (Notenbanken)[,] durch oktroyierte Regulierungen von Verbänden (Händlergilden oder politischen Verbänden) Sorge getragen.62Die Bestimmungen über die Notendeckung dienten vornehmlich der Begrenzung der Geldschöpfungsmacht dieser Banken, nicht der Sicherung ihrer Liquidität. Zu den im Verlauf des 19. Jahrhunderts für nahezu alle Banken mit dem Recht der Notenausgabe formulierten gesetzlichen Regeln der Notenemission vgl. Schanz, Georg von, Noten- oder Zettelbank, in: WbVW3, Band 2, 1911, S. 442–481. Diese Regulierungen pflegen zugleich orientiert zu sein an dem Zweck: die einmal gewählte Geldordnung eines Geldgebiets gegen Änderungen der materialen Geltung des Geldes tunlichst zu schützen und so die (formal) rationalen wirtschaftlichen Rechnungen der Haushaltungen, vor allem: derjenigen des politischen Verbandes, und ferner: der Erwerbswirtschaften, gegen „Störung“ durch (materiale) Irrationalitäten zu sichern; insbesondere pflegt aber ein tunlichst stabiler Preis der eigenen Geldsorten in den Geldsorten anderer Geldgebiete, mit denen Handels- und Kreditbeziehungen bestehen oder gewünscht werden („fester Kurs“, „Geldpari“),63Pari, aus dem ital., al pari, d. h. gleich, abgeleitete umgangssprachliche Bezeichnung für das den jeweiligen Edelmetallgehalten oder anderen gesetzlichen Festlegungen entsprechende Kursverhältnis von Währungen. Die Währungsordnung vor dem Ersten Weltkrieg war durch in der Regel feste Wechselkurse zwischen den verschiedenen Währungen gekennzeichnet. Zu Webers Geldbegriff vgl. oben, S. 236. angestrebt zu werden. [373]Diese gegen Irrationalitäten des Geldwesens gerichtete Politik soll „lytrische Politik“ (nach G[eorg] F[riedrich] Knapp) heißen.64[373]Ableitend aus lytron (griech. Lösegeld, Loskauf, Zahlungsmittel), definiert Knapp: „Die lytrische Politik ist die Politik, welche die Einrichtung der Zahlungsmittel betrifft; sie umfaßt alles, was darüber durch Gesetze, Verordnungen oder Verfügungen angeordnet ist und beschränkt sich keineswegs, wie die Metallisten glauben, auf die Herstellung der Zahlungsmittel.“ Vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 199. Sie ist beim reinen „Rechtsstaat“ (laissez-faire-Staat) die wichtigste überhaupt von ihm typisch übernommene wirtschaftspolitische Maßregel.65Vgl. hierzu Kap. I, § 14, oben, S. 209. Dort knüpft Max Weber den Begriff eines „theoretisch denkbare[n] reine[n] ,Rechtsstaat[es]‘ des absoluten laissez faire“ an die Voraussetzung der „Überlassung der Regulierung des Geldwesens an die reine Privatwirtschaft.“ In rationaler Form ist sie dem modernen Staat durchaus eigentümlich.

Die Maßregeln der chinesischen Kupfermünz- und Papiergeldpolitik und der antik-römischen Münzpolitik werden an gegebenem Ort erwähnt werden.66Das in Aussicht Gestellte hat Weber nicht mehr ausführen können. Vgl. aber zur Münzpolitik Roms Webers Darstellung in „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“, MWG III/6, S. 295 f.; über chinesisches Kupfer- und Papiergeld vgl. Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 132–147. Sie waren keine moderne lytrische Politik. Nur die Bankogeld-Politik der chinesischen Gilden (Muster der Hamburger Mark-Banko-Politik)67In „Konfuzianismus“ bezeichnet Weber in China gegen Metalleinlagen ausgegebene Zertifikate wiederholt als „Banko-Währung“ (vgl. Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 123 f. und 145 ff.). Daß die von chinesischen Bankiers-Gilden geschaffenen Einrichtungen und ihr „Banko-Geld“ Vorbild für die europäischen Girobanken gewesen seien, sagt Weber auch in „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“, MWG III/6, S. 300. Wahrscheinlich stützt er sich auf Edkins, J[oseph], Banking and Prices in China. – Shanghai: Presbyterian Mission Press 1905, S. 1, und Morse, Hosea Ballou, The Trade and Administration of the Chinese Empire. – Shanghai, Hongkong u. a.: Kelly and Walsh Ltd. 1908, S. 161. In „Konfuzianismus“ (vgl. oben) hat Weber ausführlich aus diesen Werken zitiert. Doch sind deren diesbezüglichen Behauptungen aus europäischen Quellen nicht zu belegen. waren in unserem Sinn rational.

Finanzierungsgeschäfte sollen alle jene – einerlei ob von „Banken“ oder von anderen (als Gelegenheits- oder privater Nebenerwerb, oder Bestandteil der Spekulationspolitik eines „Finanzers“) – betriebenen Geschäfte heißen, welche orientiert werden an dem Zweck der gewinnbringenden Verfügung über Unternehmungserwerbschancen:

[374]a) durch Verwandlung von Rechten an appropriierten Erwerbschancen in Wertpapiere („Kommerzialisierung“) und durch Erwerb von solchen, direkt oder durch im Sinn von c68[374]Gemeint ist c) δ, unten, Zeilen 19–23. „finanzierte“ Unternehmungen, –

b) durch systematisierte Darbietung (und eventuell: Verweigerung) von Erwerbskredit, –

[A 94]c) (nötigen- oder erwünschtenfalls) durch Erzwingung einer Verbindung zwischen bisher konkurrierenden Unternehmungen

α. im Sinn einer monopolistischen Regulierung von gleichstufigen Unternehmungen (Kartellierung), oder

β. im Sinn einer monopolistischen Vereinigung von bisher konkurrierenden Unternehmungen unter einer Leitung zum Zweck der Ausmerzung der mindestp[374]Lies: wenigst rentablen (Fusionierung), oder

γ. im Sinn einer (nicht notwendig monopolistischen) Vereinigung sukzessiv = stufig spezialisierter Unternehmungen in einer Kombination“,69In der Fachsprache der Zeit war „Kombination“ ein Oberbegriff 1. für den Zusammenschluß von Unternehmungen jeglicher Art und 2. für die Angliederung vor- und/ oder nachgelagerter Stufen der Produktion an ein Unternehmen wie das seinerzeit beobachtete Ausgreifen der Eisen- und Stahlindustrie einerseits in den Kohlenbergbau und andererseits in den Maschinenbau und die Werftindustrie. Auf Letzteres bezieht sich Max Weber. oderqA:Kombination“.

δ. im Sinn einer durch Wertpapieroperationen erstrebten Beherrschung massenhafter Unternehmungen von einer Stelle aus (Vertrustung)70Der aus Amerika übernommene Begriff „Vertrustung“ bezeichnet die Bildung von wirtschaftlichen Einheiten aus formal selbständig bleibenden Unternehmen. Typisch war hierfür die Errichtung einer Gesellschaft, die die Eigentumsanteile anderer Gesellschaften erwarb und auf dieser Grundlage die wirtschaftliche Kontrolle und Leitung über eine unter Umständen große Zahl von Unternehmen ausübte (vgl. Liefmann, Robert, Trust, in: HdStW3, Band 7, 1911, S. 1274–1292). Der Begriff Trust wurde in der deutschen Fachsprache abgelöst durch „Konzern“. und – erwünschtenfalls – der planmäßigen Schaffung von neuen solchen zu Gewinn- oder zu reinen Machtzwecken (Finanzierung i[m] o[bigen] S[inn]).71Siehe oben, S. 373.

[375]„Finanzierungsgeschäfte“ werden zwar oft von Banken, ganz regelmäßig, oft unvermeidlich, unter deren Mithilfe, gemacht. Aber gerade die Leitung liegt oft bei Börsenhändlern (Harriman),72[375]Zu Harriman und den nachfolgend genannten Unternehmern und Industriellen, Carnegie, Kirdorf, Gould, Rockefeller, Stinnes und Rathenau, vgl. die Eintragungen im Personenverzeichnis, unten, S. 725, 722, 726, 724, 732, 735 und 731. oder bei einzelnen Großunternehmern der Produktion (Carnegie), bei Kartellierung ebenfalls oft bei Großunternehmern (Kirdorf73Emil Kirdorf fällt insofern aus der von Weber zusammengestellten Gruppe heraus, als er zwar Unternehmen geleitet, aber nie besessen hat. usw.), bei „Vertrustung“ von besonderen „Finanzern“ (Gouldr[375]A: Graed, Rockefeller, Stinnes, Rathenau).74Die Leistungen Goulds, Rockefellers und John Pierpont Morgans (1837–1913) bezeichnete Weber in anderem Zusammenhang „nach jeder konsequenten sozialistischen Entwicklungstheorie in eminentem Sinn als ‚Vorfrüchte' des Sozialismus“. Vgl. Weber, „Energetische“ Kulturtheorien, S. 576. Dort auch die Begründung für die Emendation von „Graed“ zu „Gould“. (Näheres später.)75Auf Finanzierungsgeschäfte und damit zusammenhängende Probleme ist Max Weber in diesem Kapitel nicht mehr eingegangen.

§ 30. Das Höchstmaß von formaler Rationalität der Kapitalrechnung von Beschaffungsbetrieben ist erreichbar unter den Voraussetzungen:

1. vollständiger Appropriation aller sachlichen Beschaffungsmittel an Besitzer und vollkommenen Fehlens formaler Appropriation von Erwerbschancen76Zur Definition appropriierter Chancen als „Rechte“ am Gewerk vgl. oben, S. 198. Zu Marktfreiheit und ihren Beschränkungen vgl. oben, S. 248 f. auf dem Markt (Gütermarktfreiheit);

2. vollkommener Autonomie der Auslese der Leiter durch die Besitzer, also vollkommenen Fehlens formaler Appropriation der Leitung (Unternehmungsfreiheit);

3. völligen Fehlens der Appropriation sowohl von Arbeitsstellen und Erwerbschancen an Arbeiter wie umgekehrt der Arbeiter an Besitzer (freie Arbeit, Arbeitsmarktfreiheit und Freiheit der Arbeiterauslese);

4. völligen Fehlens von materialen Verbrauchs-, Beschaffungsoder Preisregulierungen oder anderen die freie Vereinbarung [376]der Tauschbedingungen einschränkenden Ordnungen (materiale wirtschaftliche Vertragsfreiheit);

5. völliger Berechenbarkeit der technischen Beschaffungsbedingungen (mechanisch rationale Technik);

6. völliger Berechenbarkeit des Funktionierens der Verwaltungs- und Rechtsordnung und verläßlicher rein formaler Garantie aller Vereinbarungen durch die politische Gewalt (formal rationale Verwaltung und formal rationales Recht);

7. möglichst vollkommener Trennung des Betriebs und seines Schicksals vom Haushalt und dem Schicksal des Vermögens, insbesondere der Kapitalausstattung und des Kapitalzusammenhalts der Betriebe von der Vermögensausstattung und den Erbschicksalen des Vermögens der Besitzer. Dies wäre generell für Großunternehmungen formal optimal der Fall: 1. in den Rohstoffe verarbeitenden und Transportunternehmungen und im Bergbau in der Form der Gesellschaften mit frei veräußerlichen Anteilen und garantiertem Kapital ohne Personalhaftung,77[376]Die genannten Merkmale trafen im deutschen Recht im Regelfall auf die Aktiengesellschaft zu. Doch konnte auch hier im Gesellschaftsvertrag eine Einschränkung der freien Verfügbarkeit über die Gesellschaftsanteile vorgesehen werden. 2. in der Landwirtschaft in der Form (relativ) langfristiger Großpacht;

8. möglichst formaler rationaler Ordnung des Geldwesens.

Der Erläuterung bedürfen nur wenige (übrigens schon früher berührte)78Im folgenden (bis S. 378) bezieht sich Weber in Ziffer 1 auf Ausführungen, oben, S. 316 ff., und in Ziffer 2 auf oben, S. 328. Punkte.

1. Zu Nr. 3. Unfreie Arbeit (insbesondre Vollsklaverei) gewährte eine formal schrankenlosere Verfügung über die Arbeiters[376]A: Arbeiter, als die Miete gegen Lohn.79Im römischen Recht war das vertragliche Arbeitsverhältnis eines Freien Miete, lat. locatio conductio operarum. Vgl. auch oben, S. 231, Hg.-Anm. 37. Allein a) war der erforderliche in Menschenbesitz anzulegende Kapitalbedarf für Anschaffung und Fütterung der Sklaven größer als bei Arbeitsmiete, – b) war das Menschenkapital[A 95]risiko spezifisch irrational (durch außerwirtschaftliche Umstände aller Art, insbesondere aber im höchsten Grad durch politische Momente stärker bedingt als bei Arbeitsmiete), – c) war die Bilanzierung des Sklavenkapitals infolge des schwan[377]kenden Sklavenmarkts und der darnach schwankenden Preise irrational, – d) aus dem gleichen Grund auch und vor allem: die Ergänzung und Rekrutierung (politisch bedingt), – e) war die Sklavenverwendung im Falle der Zulassung von Sklaven-Familien belastet mit Unterbringungskosten, vor allem aber mit den Kosten der Fütterung der Frauen und der Aufzucht der Kinder, für welche nicht schon an sich eine ökonomisch rationale Verwertung als Arbeitskräfte gegeben war, – f) war volle Ausnutzung der Sklavenleistung nur bei Familienlosigkeit und rücksichtsloser Disziplin möglich, welche die Tragweite des unter d angegebenen Moments noch wesentlich in ihrer Irrationalität steigerte, – g) war die Verwendung von Sklavenarbeit an Werkzeugen und Apparaten mit hohen Anforderungen an die Eigenverantwortlichkeit und das Eigeninteresse nach allen Erfahrungen nicht möglich, – h) vor allem aber fehlte die Möglichkeit der Auslese: Engagement nach Probe an der Maschine und Entlassung bei Konjunkturschwankungen oder Verbrauchtheit.

Nur bei a) der Möglichkeit sehr billiger Ernährung der Sklaven, – b) regelmäßiger Versorgung des Sklavenmarkts, – c) plantagenartigen landwirtschaftlichen Massenkulturen oder sehr einfachen gewerblichen Manipulationen hat sich der Sklavenbetrieb rentiert. Die karthagischen, römischen, einige kolonialet[377]A: kolonialen und die nordamerikanischen Plantagen und die russischen „Fabriken“80[377]Zu den russischen „Leibeigenen-Fabriken“ vgl. oben, S. 318 mit Hg.-Anm.94. sind die wichtigsten Beispiele dieser Verwertung. Das Versiegen des Sklavenmarkts (durch Befriedung des Imperium) ließ die antiken Plantagen schrumpfen; in Nordamerika führte der gleiche Umstand zur stetigen Jagd nach billigem Neuland, da neben der Sklaven- nicht noch eine Grundrente möglich war;81Die landwirtschaftliche Grundrente ist Ergebnis der absoluten und relativen Knappheit von bebaubarem Boden. Weil in Nordamerika bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein im Indianerland des Westens eine Vermehrung des Kulturbodens möglich war, schien keine absolute Rente anzufallen. Differentialrenten, die sich aus der relativen Knappheit, nämlich der unterschiedlichen Fruchtbarkeit der Böden und ihrer unterschiedlichen Lage ergeben, beachtet Max Weber hier nicht. Vgl. aber seine Behandlung der Grundrente in Weber, Theoretische Nationalökonomie, MWG III/1, S. 642–644. in Rußland konnten die Sklavenfabriken die Konkurrenz des Kustar (Hausindustrie)82Kustar (Tl. (russ.): kustar’); ein Bauer, der in Heimarbeit tätig ist. Die Kustar-Industrie war in Rußland von großer Bedeutung, vor allem in der Textil-, Metall- und Holzindustrie. Oftmals schlossen sich die kustari zu freiwilligen Kooperativ-Organisationen (Artjel) zusammen, die einen gewählten Ältesten an der Spitze hatten. nur sehr schwer und die Konkurrenz der freien Fabrikarbeit gar nicht aushalten, petitio[378]nierten schon vor der Emanzipation ständig um Erlaubnis zur Freilassung der Arbeiter und verfielen mit Einführung der freien Werkstattarbeit.83[378]Anders als in Westeuropa geriet in der Konkurrenz der Betriebsformen zunächst weniger die Hausindustrie in Schwierigkeiten als der mit Leibeigenen arbeitende Großbetrieb. Deshalb gingen schon vor Aufhebung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander II. 1861 zahlreiche Fabrikanten zu freier Lohnarbeit über.

Bei der Lohnarbeitermiete ist a) das Kapitalrisiko und der Kapitalaufwand geringer, – b) die Reproduktion und Kinderaufzucht ganz dem Arbeiter überlassen, dessen Frau und Kinder ihrerseits Arbeit „suchen“ müssen, – c) ermöglicht deshalb die Kündigungsgefahr die Herausholung des Leistungsoptimums, – d) besteht Auslese nach der Leistungsfähigkeit und -willigkeit.

2. Zu Punkt 7. Die Trennung der Pachtbetriebe mit Kapitalrechnung von dem fideikommissarisch gebundenen Grundbesitz in England84Das Institut des Fideikommisses, bei dem durch Willenserklärung des Stifters der Grundbesitz für eine Familie auf Dauer gebunden, in seiner Gesamtheit unteilbar, unveräußerlich und unverschuldbar sowie einer bestimmten Erbfolge unterworfen ist, war seit dem Mittelalter in England nicht zugelassen. Doch ließ sich durch jeweils zeitbeschränkte, aber wiederholte Stiftungen der jeweils Erbenden (strict family settlement) ein ähnlicher Bindungseffekt erzielen. Vgl. Dietze, Constantin von, Fideikommisse, in: HdStW4, Band 3, 1926, S. 996. ist nichts Zufälliges, sondern Ausdruck der dort (wegen des Fehlens des Bauernschutzes:85Anders als in England hatten die auf grundherrlichem Boden wirtschaftenden Bauern in Kontinentaleuropa vielfach Rechte, die sie davor schützten, vom Grundherren zugunsten der Erweiterung von dessen Eigenbetrieb aus ihrem Besitz vertrieben zu werden. Zudem haben Landesfürsten insbesondere im 17. und 18. Jahrhundert im Interesse der Steuer- und Wehrkraft mit gesetzlichen Maßnahmen die Zahl der Bauernstellen zu halten oder gar auszudehnen versucht. Vgl. Hötzsch, Otto, Der Bauernschutz in den deutschen Territorien vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, in: Schmollers Jb., Band 26, Heft 2, 1902, S. 239–272 (1137–1169). Folge der insularen Lage) seit Jahrhunderten sich selbst überlassenen Entwicklung. Jede Verbindung des Bodenbesitzes mit der Bodenbewirtschaftung verwandelt den Boden in ein Kapitalgut der Wirtschaft, steigert dadurch den Kapitalbedarf und das Kapitalrisiko, hemmt die Trennung von Haushalt und Betrieb (Erbabfindungen fallen dem Betrieb als Schulden zur Last), hemmt die Freiheit der Bewegung des Kapitals des Wirtschafters, belastet endlich die Kapitalrechnung mit irrationalen Posten. Formal also entspricht die Trennung von Bodenbesitz und Landwirtschaftsbetrieb der Rationalität der Kapitalrechnungsbetriebe (die materiale Bewertung des Phänomens ist eine Sache für sich und kann je nach dem maßgebenden Bewertungsstandpunkt sehr verschieden ausfallen).

[379]§ 31. Es gibt untereinander artverschiedene typische Richtungen „kapitalistischer“ (d. h. im Rationalitätsfall: kapitalrechnungsmäßiger) Orientierung des Erwerbs:

1. Orientierung a) an Rentabilitätschancen des kontinuierlichen Markterwerbs und -absatzes („Handel“) bei freiem (formal: nicht erzwungenem, material: wenigstens relativ freiwilligem) Ein- und Abtausch, – b) an Chancen der Rentabilität in kontinuierlichen Güter-Beschaffungsbetrieben mit Kapitalrechnung.

2. Orientierung an Erwerbschancen a) durch Handel und Spekulation in Geldsorten, Übernahme von Zahlungsleistungen aller Art und Schaffung von Zahlungsmitteln; b) durch berufsmäßige Kreditgewährung α) für Konsumzwecke, β) für Erwerbszwecke.

3. Orientierung an Chancen des aktuellen Beuteerwerbs von politischen oder politisch orientierten Verbänden oder Personen: Kriegsfinanzierung oder Revolutionsfinanzierung oder Finanzierung von Parteiführern durch Darlehen und Lieferungen.

[A 96]4. Orientierung an Chancen des kontinuierlichen Erwerbs kraft gewaltsamer, durch die politische Gewalt garantierter Herrschaft: a) kolonial (Erwerb durch Plantagen mit Zwangslieferung oder Zwangsarbeit, monopolistischer und Zwangshandel); b) fiskalisch (Erwerb durch Steuerpacht und Amtspacht, einerlei ob in der Heimat oder kolonial).86[379]Gegen feste Geldzahlungen (Pacht) erhielten der Steuer- oder der Amtspächter das Recht, die von der Obrigkeit festgesetzten Zwangsabgaben (Steuern) auf eigene Rechnung einzutreiben bzw. die mit der Führung des Amtes verbundenen Einnahmen (Gebühren, Sporteln etc.) für sich zu behalten. Zu den Erscheinungsweisen und Gründen dieser Form erwerbswirtschaftlicher Nutzung von Gewaltverhältnissen hat sich Max Weber wiederholt geäußert, vgl. u. a. Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, S. 338 und 352; Weber, Bürokratismus, MWG I/22-4, S. 172 f.; Weber, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, MWG III/6, S. 146, 324, 366 f., sowie Kap. III, unten, S. 480 f. Zur Geschichte der Steuerpacht in Europa vgl. Sombart, Der moderne Kapitalismus I2, S. 628–635.

5. Orientierung an Chancen des Erwerbs durch außeralltägliche Lieferungen politischer Verbände.87Der Text läßt verschiedene Deutungen zu. Dafür, daß Lieferungen der Verbände gemeint sind, könnte sprechen, daß Max Weber oben, S. 256 f., von einer „außeralltägliche[n] (vor allem: künstlerische[n]) Verwertung [der] Überschußversorgtheit“, [380]hier allerdings von Großhaushaltungen redet. Der Herausgeber der späteren Auflagen von „Wirtschaft und Gesellschaft“, Johannes Winckelmann, nimmt an, es handle sich um einen Schreib- oder Druckfehler. Er verweist darauf, das Weber häufig von „Staatsaufträgen“, „Staatslieferanten“, „Staatslieferungen“ spricht und korrigiert in: „Lieferungen [an] politische Verbände.“ Vgl. Winckelmann, Johannes, Erläuterungsband zu Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 5. Aufl. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1976, S. 42.

[380]6. Orientierung an Chancen des Erwerbs a) durch rein spekulative Transaktionen in typisierten Waren oder wertpapiermäßig verbrieften Anteilen an Unternehmungen; b) durch Besorgung kontinuierlicher Zahlungsgeschäfte der öffentlichen Verbände; c) durch Finanzierung von Unternehmungsgründungen in Form von Wertpapierabsatz an angeworbene Anleger; d) durch spekulative Finanzierung von kapitalistischen Unternehmungen und Wirtschaftsverbandsbildungen aller Art mit dem Ziel der rentablen Erwerbsregulierung oder: der Macht.

Die Fälle unter Nr. 1 und 6 sind dem Okzident weitgehend eigentümlich. Die übrigen Fälle (Nr. 2–5) haben sich in aller Welt seit Jahrtausenden überall gefunden, wo (für 2) Austauschmöglichkeit und Geldwirtschaft und (für 3–5) Geldfinanzierung stattfand. Sie haben im Okzident nur lokal und zeitweilig (besonders: in Kriegszeiten) eine so hervorragende Bedeutung als Erwerbsmittel gehabt wie in der Antike. Sie sind überall da, wo Befriedung großer Erdteile (Einheitsreich: China, Spätrom) bestand, auch ihrerseits geschrumpft, so daß dann nur Handel und Geldgeschäft (Nr. 2) als Formen kapitalistischen Erwerbs übrig blieben. Denn die kapitalistische Finanzierung der Politik war überall Produkt:

a) der Konkurrenz der Staaten untereinander um die Macht,

b) ihrer dadurch bedingten Konkurrenz um das – zwischen ihnen freizügige – Kapital.

Das endete erst mit den Einheitsreichen.

Dieser Gesichtspunkt ist, soviel ich mich entsinne, bisher am deutlichsten von J[ohann] Plenge (Von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt, Berlin 1913) beachtet.88Bei Plenge, Diskontpolitik, S. 28, heißt es: „Keines der großen Reiche der Mitte, die eine ganze Kultur zusammenfaßten, weder China noch das kaiserliche Rom ist zum Kapitalismus fortgeschritten. Der Kapitalismus braucht zu seinem Gedeihen die Konkurrenz eines festgewordenen Staatensystems auf gleichmäßiger und zusammenhän[381]gender Kulturunterlage: Gegensatz in der Gemeinschaft. Wettrüsten auf der Unterlage des Wirtschaftsverkehrs, das war der Sinn des Merkantilismus und durch den Merkantilismus ist der Kapitalismus in seinen zartesten Jahren großgezogen.“ Max Weber hatte das ihm gewidmete Buch von Plenge bereits in den Korrekturfahnen gelesen und in einem Dankbrief die Übereinstimmung mit eigenen, beim Studium der chinesischen Verhältnisse gewonnenen Überzeugungen begrüßt (vgl. die Briefe Max Webers an Johann Plenge vom 22. März 1913 und 11. Aug. 1913, MWG II/8, S. 137–139 und 303–310). Auch in der Überarbeitung der Aufsatzfolge „Konfuzianismus und Taoismus“ hat Max Weber auf Plenges Gedankengänge zum „Zusammenbruch des (politisch orientierten) Kapitalismus“ hingewiesen. Vgl. Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 283. Vgl. vorher nur meine Ausführungen [381]im Artikel „Agrargeschichte, Altertum“ H[and]W[örterbuch] d. St[aats-]W[issenschaften] 3. Aufl. Bd. I.89 Gemeint ist: Weber, Agrarverhältnisse3, MWG I/6, bes. S. 715 f.

Nur der Okzident kennt rationale kapitalistische Betriebe mit stehendem Kapital, freier Arbeit und rationaler Arbeitsspezialisierung und -verbindung und rein verkehrswirtschaftliche Leistungsverteilung auf der Grundlage kapitalistischer Erwerbswirtschaften. Also: die kapitalistische Form der formal rein voluntaristischen Organisation der Arbeit als typische und herrschende Form der Bedarfsdeckung breiter Massen, mit Expropriation der Arbeiter von den Beschaffungsmitteln, Appropriation der Unternehmungen an Wertpapierbesitzer. Nur er kennt öffentlichen Kredit in Form von Rentenpapieremissionen,90Zu „Rentenpapier“ vgl. oben, S. 364, Hg.-Anm. 42. Kommerzialisierung, Emissions- und Finanzierungsgeschäfte als Gegenstand rationaler Betriebe, den Börsenhandel in Waren und Wertpapieren, den „Geld“- und „Kapitalmarkt“, die monopolistischen Verbände als Form erwerbswirtschaftlich rationaler Organisation der unternehmungsweisen Güterherstellung (nicht nur: des Güterumsatzes).

Der Unterschied bedarf der Erklärung, die nicht aus ökonomischen Gründen allein gegeben werden kann. Die Fälle 3–5 sollen hier als politisch orientierter Kapitalismus zusammengefaßt werden. Die ganzen späteren Erörterungen gelten vor allem auch diesem Problem. Allgemein ist nur zu sagen:

1. Es ist von vornherein klar: daß jene politisch orientierten Ereignisse, welche diese Erwerbsmöglichkeiten bieten, ökonomisch: – von der Orientierung an Marktchancen (d. h. Konsum[382]bedarf von Wirtschaftshaushaltungen) her gesehen, irrational sind.

2. Ebenso ist offenbar, daß die rein spekulativen Erwerbschancen (2, a und 6, a) und der reine Konsumtivkredit (2, b, α) für die Bedarfsdeckung und für die Güter[A 97]beschaffungswirtschaften irrational, weil durch zufällige Besitz- oder Marktchancen-Konstellationen bedingt[,] sind und daß auch Gründungs- und Finanzierungschancen (6 b, c und d) es unter Umständen sein können, aber allerdings nicht: sein müssen.

Der modernen Wirtschaft eigentümlich ist neben der rationalen kapitalistischen Unternehmung an sich 1. die Art der Ordnung der Geldverfassung[,] 2. die Art der Kommerzialisierung von Unternehmungsanteilen ina[382]A: Notenrechnungsanteilen und2 Zur Emendation vgl. die kurze Erwähnung, oben, S. 374, Zeile 1 ff. Wertpapierformen. Beides ist hier noch in seiner Eigenart zu erörtern.91[382]Die angekündigte Erörterung zu Ziffer 2 hat Max Weber aus nicht erkennbaren Gründen unterlassen. Zunächst: Die Geldverfassung.

§ 32.92In diesem und den folgenden §§ 33–36 entfaltet Max Weber eine weitgehend an Georg Friedrich Knapp angelehnte Systematik des Geld- und Währungswesens, einschließlich der vielfach eigentümlichen Begrifflichkeit Knapps. Weber führt fort, was in § 6, oben, S. 235–244, begonnen worden ist. 1. Der moderne Staat hat sich zugeeignet

a) durchweg: das Monopol der Geldordnung durch Satzungen,

b) in fast ausnahmsloser Regel: das Monopol der Geldschaffung1 Wie oben, S. 236, definiert, versteht Max Weber im Anschluß an Knapp unter Geld ein chartales Zahlungsmittel, welches Tauschmittel ist. Das seinerzeit schon in großem Umfang dem Zahlungsverkehr dienende nicht-chartale Buch- oder Giralgeld war im Verständnis Knapps und der meisten Zeitgenossen nicht „Geld“. Es spielt deshalb in den Ausführungen Max Webers über die Geldordnung keine Rolle. (Geldemission), mindestens für Metallgeld.

1.bFehlt in A; 1. sinngemäß ergänzt. Für diese Monopolisierung waren zunächst rein fiskalische Gründe maßgebend (Schlagschatz und andere Münzgewinne). Daher – was hier beiseite bleibt – zuerst das Verbot fremden Geldes.

[383]2. Die Monopolisierung der Geldschaffung hat bis in die Gegenwart nicht überall bestanden (in Bremen bis zur Münzreform kursierten als Kurantgeld ausländische Goldmünzenc[383]A: Geldmünzen).3[383]Der Stadtstaat Bremen war von 1760 bis zu den Münzreformen im Zusammenhang mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871/73 der einzige deutsche Staat mit einer gesetzlich verordneten, aber nicht mit eigenen Münzen realisierten Goldwährung. Im Barzahlungsverkehr wurden bis 1873 – wie in anderen Ländern auch – Gold-, Silber- und Scheidemünzen aus deutschen und nichtdeutschen Staaten verwendet. Vgl. Helfferich, Karl, Die Reform des deutschen Geldwesens nach Gründung des Reiches, Band I: Geschichte der deutschen Geldreform. – Leipzig: Duncker & Humblot 1898, S. 192–197.

Ferner:

c) ist er, mit steigender Bedeutung seiner Steuern und Eigenwirtschaftsbetriebe, entweder durch seine eigenen oder durch die für seine Rechnung geführten Kassen4 Max Weber beachtet hier den Unterschied zwischen den Staatskassen im engeren Sinne und den Kassen von staatlichen Eigenbetrieben wie Reichspost und Telegraphenverwaltungen, Staatseisenbahnen, staatlichen Berg- und Hüttenbetrieben, Staatsforsten etc. Obwohl aus praktischen Gründen gesondert geführt, gehören sie zum „großen Kassenverband für thatsächliche Geldmanipulationen (Einnahmen und Ausgaben).“ Vgl. Wagner, Adolph, Die Ordnung der Finanzwirtschaft und der öffentliche Kredit, in: Handbuch der Politischen Ökonomie, Band 3, 3. Aufl. – Tübingen: H. Laupp’sche Buchhandlung 1891, S. 545. (beides zusammen soll: „regiminale Kassen“5 Max Weber übernimmt das von frz. régime (Ordnung, Staatsform, Verwaltung) abgeleitete Kunstwort „regiminal“ von Knapp. Gemeint sind Behörden und deren Gesetze, Verordnungen, aber auch praktische Maßnahmen. „[…] wir reden daher von regiminalen Vorschriften, um anzudeuten, daß wir nicht den staatsrechtlichen Charakter derselben unterscheiden, sondern nur die faktische Wirksamkeit im Auge haben.“ (Knapp, Staatliche Theorie, S. 85). Max Weber gebraucht im Folgenden „regiminal“ und „tatsächlich“ synonym. heißen)

  1. der größte Zahlungsempfänger,
  2. der größte Zahlungsleister.

Auch abgesehen von den Punkten a und b ist daher gemäß Punkt c für ein modernes Geldwesen das Verhalten der staatlichen Kassen zum Geld, vor allem die Frage, welches Geld sie tatsächlich („regiminal“)

1. zur Verfügung haben, also hergeben können,

2. dem Publikum, als legales Geld, aufdrängen, –

andererseits die Frage, welches Geld sie tatsächlich (regiminal)

[384]1. nehmen,

2. ganz oder teilweise repudiieren,

von entscheidender Bedeutung für das Geldwesen.

Teilweise repudiiert ist z. B. Papiergeld, wenn Zollzahlung in Goldd[384]A: Geld verlangt wird,6 Im ausgehenden 19. Jahrhundert war es nicht selten, daß Behörden, insbesondere Zollämter, das in ihren Staaten gebräuchliche Papiergeld, selbst wenn es gesetzliches Zahlungsmittel war, nicht annahmen, sondern international gültige Valuta, also Gold- oder Silbermünzen verlangten. Bekanntestes Beispiel waren die USA, wo dies bis 1927 ausdrücklich auf der Rückseite der Geldscheine vermerkt war: „This note is legal tender for all debts public and private, except duties on imports and interest on the public debts and is redeemable on payment of all Ioans made to the United States.“ französischen Revolution,7[384] frz. assignats: Anweisungen, das Papiergeld der französischen Revolution. Ab 1790 verlor es rasch an Wert und wurde noch vor seiner formalen Außerkraftsetzung (1796) vom Publikum kaum noch angenommen. Vgl. Ehrenberg, Richard, Assignaten, in: HdStW3, Band 2, 1909, S. 217–219. voll repudiiert wurden (schließlich) z. B. die Assignaten der das Geld der Sezessionsstaaten8Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) haben beide Kriegsparteien ihren Finanzbedarf zu erheblichen Teilen durch Ausgabe von Papiergeld finanziert. Die von der Union abgefallenen Südstaaten, die Sezessionsstaaten, waren wegen ihres rückständigen Finanzsystems weit mehr als die Nordstaaten auf die Papiergeldschöpfung angewiesen. Ihr Geld wurde praktisch wertlos und verschwand aus dem Verkehr, während sich das Geld der Nordstaaten (nur) um 70 Prozent entwertete. und die Emissionen der chinesischen Regierung in der Taiping-Rebellionszeit.9Die 1850 beginnende, zunächst sehr erfolgreiche, erst 1865 endgültig niedergeschlagene politisch-religiöse Rebellion unter der Führung des Sektengründers und selbsternannten Kaisers Hung Hsiu-ch’üan, der ein „Himmlisches Reich“ (T’ai-p’ing) errichten wollte, behandelt Max Weber ausführlich in „Konfuzianismus“ (MWG I/19, S. 438–446). Im Zusammenhang mit einem Überblick über die chinesische Geldgeschichte spricht Weber davon, daß die Emission von Staatsnoten in dieser Zeit „mit assignatenartiger Entwertung und Repudiation“ geendet habe (ebd., S. 146; dort auch Webers Quelle).

Legal kann das Geld nur als „gesetzliches Zahlungsmittel“, welches jedermann – also auch und vor allem die staatlichen Kassen – zu nehmen und zu geben, in bestimmtem Umfang oder unbeschränkt, „verpflichtet“ ist, definiert werden. Regiminal kann das Geld definiert werden als jenes Geld, welches Regierungskassen annehmen und aufdrängen, – legales Zwangsgeld ist insbesondere dasjenige Geld, welches sie aufdrängen.

Das „Aufdrängen“ kann

a) kraft von jeher bestehender legaler Befugnis erfolgen zu währungspolitischen Zwecken (Taler und Fünffrankenstücke [385]nach der Einstellung der Silberprägung, – ese[385]A: sie erfolgte bekanntlich nicht!).10[385] Bis zur Einführung der Goldwährung im Deutschen Reich hatte jedermann das Recht, bei der Berliner Münze Silber anzuliefern und sich zum festgelegten Kurs Silber-Taler aushändigen zu lassen. Dieses Recht hob die preußische Regierung im Juli 1871 auf. In ähnlicher Weise stellte Frankreich 1876 die bis dahin noch freie Ausprägung von Silbermünzen, insbesondere des Fünffrankenstücks, ein. Die einmal geprägten Münzen verblieben noch einige Jahrzehnte als gesetzliche Zahlungsmittel im Umlauf. In größeren Mengen wurden sie aber von den staatlichen Kassen nicht mehr aufgedrängt. Vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 313–315 und 327–330.

Oder aber es kann:

b) das Aufdrängen erfolgen kraft Zahlungsunfähigkeit in den andern Zahlmitteln,11 In diesem Kapitel spricht Weber mehrheitlich von „Zahlungsmittel“. Doch findet sich, wie gleich im Folgenden wiederholt, auch die Schreibweise „Zahlmittel“. Sie wird, weil weber-typisch, nicht korrigiert. welche dazu führt, daß entweder

α. von jener legalen Befugnis jetzt erst regiminal Gebrauch gemacht werden muß oder daß

[A 98]β. ad hoc eine formale (legale) Befugnis der Aufdrängung eines neuen Zahlmittels geschaffen wird (so fast stets bei Übergang zur Papierwährung).

Im letzten Fall (b β) ist der Verlauf regelmäßig der, daß ein bisheriges (legal oder faktisch) einlösliches Umlaufsmittel, mochte es vorher legal aufdrängbar sein, nun effektiv aufgedrängt wird und effektiv uneinlöslich bleibt.12 Max Weber beschreibt den u. a. bei der Einführung der Assignaten und des Geldes der amerikanischen Südstaaten beobachteten Vorgang.

Legal kann ein Staat beliebige Arten von Objekten als „gesetzliches Zahlungsmittel“ und jedes chartale Objekt als „Geld“ im Sinn von „Zahlungsmittel“ bestimmen. Er kann sie in beliebige Werttarifierungen, bei Verkehrsgeld:13 Vgl. Webers Definition oben, S. 237. Währungsrelationen, setzen.

Was er auch an formalen Störungen der legalen Geldverfassung nur sehr schwer oder gar nicht herbeiführen kann, ist

a) bei Verwaltungsgeld:14 Vgl. Webers Definition oben, S. 237 f. die Unterdrückung der dann fast stets sehr rentablen Nachahmung,

b) bei allem Metallgeld

[386]α. die außermonetäre Verwendung des Metalls als Rohstoff, falls die Produkte einen sehr hohen Preis haben; dies insbesondere dann nicht, wenn eine für das betreffende Metall ungünstige Währungsrelation besteht (s. γ);

β. die Ausfuhr in andere Gebiete mit günstigerer Währungsrelation (bei Verkehrsgeld);

γ. die Anbietung von legalem Währungsmetall zum Ausprägen bei einer im Verhältnis zum Marktpreis zu niedrigen Tarifierung des Metallgeldes im Verhältnis zum Kurantgeld (Metallgeld oder Papiergeld).

Beif[386]A: Zu Papiergeld wird die Tarifierung: ein Nominale Metall gleich dem gleichnamigen Nominale Papier immer dann zu ungünstig für das Metallgeld, wenn die Einlösung des Umlaufmittels eingestellt ist: denn dies geschieht bei Zahlungsunfähigkeit in Metallgeld.

Währungsrelationen mehrerer metallener Verkehrsgeldarten können festgestellt werden

1. durch Kassenkurstarifierung im Einzelfall (freie Parallelwährung),15[386]Der Begriff „Parallelwährung“ ist um 1900 in verschiedenen Bedeutungen verwendet worden. Zumeist wurde darunter eine Geldordnung verstanden, bei welcher Gold- und Silbermünzen frei ausgeprägt wurden und gleichberechtigt in Umlauf waren, ohne daß zwischen ihnen ein fest tarifiertes Wertverhältnis bestand. Der Tauschkurs mußte beim einzelnen Geschäft vereinbart werden.

2. durch periodische Tarifierung (periodisch tarifierte Parallelwährung),

3. durch legale Tarifierung für die Dauer (Plurametallismus, z. B.: Bimetallismus).16 Der Begriff „Plurametallismus“ (im Unterschied zu „Monometallismus“, bei dem es nur ein Währungsmetall gibt) ist eine Neuschöpfung Webers. Er hat sich, wohl auch weil mehr als zwei Metalle sehr selten in legal fester Tarifierung verbunden waren, in der Fachsprache nicht durchgesetzt. Zu einem solchen Fall (Kupfer, Silber und Gold) in China vgl. Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 132 f.

Bei Nr. 1 und 2 ist durchaus regelmäßig nur ein Metall das regiminale und effektive Währungsmetall (im Mittelalter: Silber), das andre: Handelsmünze (Friedrichsd’or, Dukaten)17 Friedrichsd’or, von 1740 bis 1855 in Preußen geprägte Münze von 6 gr. Feingold, auf deren Vorderseite der Kopf des Königs zu sehen war. Sie gehörte zur Familie des [387]seit 1640 in Frankreich geprägten Louisd’or. – Golddukaten mit einem Gewicht von etwa 3,5 gr. wurden seit dem 13. Jahrhundert geprägt. Die Reichsmünzordnung von 1559 erklärte den Dukaten zur Hauptgoldmünze des Reiches, doch verlor er im 17. und 18. Jahrhundert im Handelsverkehr an Bedeutung. mit Kassenkurs. Völlige Scheidung der [387]spezifischen Verwertbarkeit von Verkehrsgeld ist im modernen Geldwesen selten, war aber früher (China, Mittelalter) häufig.

2. Die Definition des Geldes als gesetzliches Zahlungsmittel und Geschöpf der „lytrischen“ (Zahlmittel-)Verwaltung ist soziologisch nicht erschöpfend. Sie geht von der „Tatsache aus, daß es Schulden gibt“ (G[eorg] F[riedrich] Knapp),18 Max Weber zitiert aus einer Formulierung von Knapp: „Der Grund dafür, daß die Werteinheit nicht immer technisch, aber ohne alle Ausnahme, bei jeder Verfassung des Zahlungsmittels, auf andere Weise, nämlich historisch definiert ist, liegt in der Tatsache, daß es Schulden gibt.“ Knapp, Staatliche Theorie, S. 9. insbesondere Steuerschulden an die Staaten und Zinsschulden der Staaten. Für deren legale Ableistung ist das gleichbleibende Geldnominale (mag auch der Geldstoff inzwischen geändert sein) oder, bei Wechsel des Nominale, die „historische Definition“19 Vgl. das Zitat aus Knapp in Hg.-Anm. 18. maßgebend. Und darüber hinaus schätzt der einzelne heute die Geldnominaleinheit als aliquoten20 Abgeleitet aus lat. aliquot: einige, ein paar; in umgangssprachlicher Bedeutung: anteilsmäßig, ohne Rest teilend. Teil seines Geldnominaleinkommens, nicht: als chartales metallisches oder notales Stück.

Der Staat kann durch seine Gesetzgebung und der Verwaltungsstab desselben durch sein tatsächliches (regiminales) Verhalten formal in der Tat die geltende „Währung“ des von ihm beherrschten Geldgebiets ebenfalls beherrschen.

Wenn er mit modernen Verwaltungsmitteln arbeitet. China z. B. konnte es nicht.21 Max Weber bezieht sich auf die Ergebnisse der Umstellung der Währung in China 1910, auf die er unten, S. 398 f., zurückkommt. Vgl. dort Hg.-Anm. 61. Weder früher: dazu waren die „apozentrischen“ und „epizentrischen“ Zahlungen22 Zu den von ihm geprägten Begriffen vgl. Knapp, Staatliche Theorie, S. 87 f. (Zahlungen „von“ und „an“ Staatskassen) zu unbedeutend im Verhältnis zum Gesamtverkehr. Noch neuerdings: es scheint, daß es Silber nicht zum [A 99]Sperrgeld23 Geld, das im Zahlungsverkehr unbeschränkt Geltung hatte, jedoch nicht frei ausgeprägt werden durfte. Zum Sperrgeld vgl. unten, S. 397–400. mit Goldreserveg[387]A: Geldreserve machen konnte, da die Machtmittel gegen die dann ganz sichere Nachprägung nicht ausreichen.

[388]Allein es gibt nicht nur (schon bestehende) Schulden, sondern auch aktuell Tausch und Neukontrahierung von Schulden für die Zukunft. Dabei aber erfolgt die Orientierung primär an der Stellung des Geldes als Tauschmittel – und das heißt: an der Chance, daß es von unbestimmt Anderenh[388]A: unbestimmten Arten27 Zur Emendation vgl. die ähnliche Formulierung oben, S. 172, Zeile 35. zu bestimmten oder unbestimmt gedachten Gütern künftig in einer (ungefähr geschätzten) Preisrelation in Abtausch werde genommen werden.

1. Zwar unter Umständen auch primär an der Chance, daß dringliche Schulden an den Staat oder Private mit dem Erlös abgetragen werden könnten. Doch darf dieser Fall hier zurückgestellt werden, denn er setzt „Notlage“ voraus.

2. An diesem Punkte beginnt die Unvollständigkeit der im übrigen völlig „richtigen“ und schlechthin glänzenden, für immer grundlegenden, „Staatlichen Theorie des Geldes“ von G[eorg] F[riedrich] Knapp.24[388]Vgl. Webers Charakterisierung des Werkes von Knapp als in Hinblick auf materiale Geldprobleme „unvollständig“, oben, S. 240 mit Hg.-Anm. 71.

Der Staat seinerseits ferner begehrt das Geld, welches er durch Steuern oder andere Maßregeln erwirbt, zwar nicht nur als Tauschmittel, sondern oft sehr stark auch zur Schuldzinsen-Zahlung. Aber seine Gläubiger wollen es dann eben doch als Tauschmittel verwenden und begehren es deshalb. Und fast stets begehrt es der Staat selbst auch, sehr oft aber: nur als Tauschmittel für künftig auf dem Markt (verkehrswirtschaftlich) zu deckende staatliche Nutzleistungsbedürfnisse. Also ist die Zahlmittelqualität, so gewiß sie begrifflich zu sondern ist, doch nicht das Definitivum.25Weil Knapp davon überzeugt ist, vermeidet dieser konsequent den Begriff „Tauschmittel“. Die Tauschchance eines Geldes zu bestimmten anderen Gütern, beruhend auf seiner Schätzung im Verhältnis zu Marktgütern, soll materiale Geltung (gegenüber 1. der formalen, legalen, als Zahlmittel und 2. dem oft bestehenden legalen Zwang zur formalen Verwendung eines Geldes als Tauschmittel) heißen.26Vgl. auch die Definition oben, S. 235. „Materiale“ Schätzung gibt es als feststellbare Einzeltatsache prinzipiell 1. nur im Verhältnis zu [389]bestimmten Arten von Gütern und 2. für jeden einzelnen, als dessen Schätzung auf Grund des Grenznutzens des Geldes (je nach seinem Einkommen) für ihn.28[389]Ohne den Begriff „Geldwert“ oder „Tauschwert“ zu benützen, folgt Max Weber im Ansatz der insbesondere von Friedrich von Wieser formulierten subjektiven Wertlehre der Grenznutzentheoretiker auch hinsichtlich des Geldes. Danach bestimmt der antizipierte Grenznutzen der für das Geld anzuschaffenden Güter den persönlichen (subjektiven) Tauschwert des Geldes und gilt das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Vgl. Wieser, Friedrich von, Der natürliche Wert. – Wien: Alfred Hölder 1889, S. 46 u. a.; Wieser, Theorie, S. 286–290. Dieser wird – wiederum für den einzelnen – natürlich durch Vermehrung des ihm verfügbaren Geldbestandes verschoben. Primär sinkt daher der Grenznutzen des Geldes für die Geldemissionsstelle (nicht nur, aber:), vor allem dann, wenn sie Verwaltungsgeld schafft und „apozentrisch“ als Tauschmittel verwendet oder als Zahlungsmittel aufdrängt. Sekundär für diejenigen Tauschpartner des Staats, in deren Händen infolge der ihnen (gemäß der gesunkenen Grenznutzenschätzung der Staatsverwaltung) bewilligten höheren Preise eine Vermehrung des Geldbestandes eintritt. Die so bei ihnen entstehende „Kaufkraft“, – das heißt: der nunmehr bei diesen Geldbesitzern sinkende Genznutzen des Geldesi[389]A: Geldes,[,] kann alsdann wiederum bei ihren Einkäufen die Bewilligung höherer Preise im Gefolge haben usw. Würde umgekehrt der Staat das bei ihm eingehende Notalgeld teilweise „einziehen“, d. h. nicht wieder verwenden (und: vernichten), so müßte er seine Ausgaben entsprechend der für ihn nunmehr gestiegenen Grenznutzenschätzung seiner gesunkenen Geldvorräte einschränken, seine Preisangebote also entsprechend herabsetzen. Dann würde die genau umgekehrte Folge eintreten. Verkehrswirtschaftlich kann also (nicht nur, aber:) vor allem Verwaltungsgeld in einem einzelnen Geldgebiet preisumgestaltend wirken.

Auf welche Güter überhaupt und in welchem Tempo, gehört nicht hierher.

3. Universell könnte eine Verbilligung und Vermehrung oder umgekehrt eine Verteuerung und Einschränkung der Währungsmetall-Beschaffung eine ähnliche Folge für alle betreffen[390]den Verkehrsgeld-Länder29[390]Gemeint sind Länder gleichen, frei ausprägbaren Metallgelds, wie es z. B. bis 1914 die Länder mit Goldwährung waren. haben. Monetäre und außermonetäre Verwendung der Metalle stehen nebeneinander. Aber nur bei Kupfer [A 100](China) war die außermonetäre Verwertung zeitweilig maßgebend für die Schätzung.30Die gewerbliche, künstlerische und militärische Verwendung von Kupfer führte häufig dazu, daß der Marktwert über dem Nominalwert der Münzen lag und diese aus dem Verkehr gezogen wurden. Vgl. Weber, Konfuzianismus, MWG I/19, S. 138–142. Bei Goldk[390]A: Geld ist die äquivalente Bewertung in der nominalen Gold-Geldeinheit abzüglich der Prägekosten so lang selbstverständlich, solange es intervalutarisches Zahlmittel und zugleich: in dem Geldgebiet führender Handelsstaaten Verkehrsgeld ist, wie heute.31Max Weber beschreibt die Verhältnisse bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Nach Aufhebung der Goldeinlösungspflicht verschwanden Goldmünzen in den meisten am Krieg beteiligten und auch in neutralen Staaten aus dem inneren Zahlungsverkehr, blieben aber (gesuchtes) internationales Zahlungsmittel. Bei Silber war und wäre es im gleichen Fall noch heute ebenso. Ein Metall, welches nicht intervalutarisches Zahlmittel, aber für einige Geldgebiete Verkehrsgeld ist, wird natürlich nominal gleich mit der dortigen nominalen Geldeinheit geschätzt, – aber diese ihrerseits hat eine je nach den Ergänzungs-Kosten und Quantitäten und je nach der sogenannten „Zahlungsbilanz“32„Zahlungsbilanz“ war zu Webers Zeit noch kein eindeutiger Begriff. Vielfach bezog er sich nur auf den vermuteten Saldo von Verpflichtungen und Forderungen eines Landes auf das Ausland, mehr und mehr auf die Abschätzung aller Wertübertragungen zwischen Inland und Ausland. Eine vollständige Zahlungsbilanz wurde für das Deutsche Reich erstmals auf das Jahr 1924 aufgestellt.(„pantopolisch“)lA: („pentapolisch“)33„pantopolisch“ (und nicht „pentopolisch“, wie es im überlieferten Text hieß), ist ein von Knapp gebildetes Kunstwort: „Das Wort soll bedeuten, daß es sich [bei den Wechselkursen, Hg.] um eine Preisbildung handelt; die valutarische Geldart des einen Landes erhält an der Börse des anderen Landes einen Preis; dieser aber bestimmt sich durch die Gesamtheit der Zahlungsverpflichtungen und durch die Stimmungen, welche jeder Preisbildung zugrunde liegen.“ Knapp, Staatliche Theorie, S. 209 f. schwankende intervalutarische Relation. Dasjenige Edelmetall schließlich, welches universell zwar für regulierte (also: begrenzte) Verwaltungsgeldprägung verwendet wird, aber nicht Verkehrsgeld (sondern: SperrgeldmA: Spargeld, s. den folgenden Paragraphen)34Kap. II, § 33, unten, S. 397. ist, wird durchaus primär nach der außermonetären Schätzung bewertet. Die Frage ist stets: ob und wieviel des [391]betreffenden Edelmetalls rentabel produziert werden kann. Bei voller Demonetisierung richtet sie sich lediglich nach der Relation der im intervalutarischen Zahlmittel geschätzten Geldkosten zu der außermonetären Verwendbarkeit. Im Fall der Verwendung als universelles Verkehrsgeld und intervalutarisches Zahlmittel natürlich nach der Relation der Kosten primär zu der monetären Verwendbarkeit. Im Fall endlich der Verwendung als partikuläres Verkehrsgeld35[391]Partikulär ist ein Verkehrsgeld, das nur in einem oder wenigen Ländern gilt. oder als Verwaltungsgeld auf die Dauer nach derjenigen „Nachfrage“, welche die Kosten, in dem intervalutarischen Zahlmittel ausgedrückt, ausgiebiger zu überbieten vermag. Dies wird bei partikulärer Verkehrsgeldverwendung auf die Dauer schwerlich die monetäre Verwendung sein, da die intervalutarische Relation des nur partikulären Verkehrsgeldgebiets sich auf die Dauer für dieses letztere zu senken die Tendenz haben wird und dies nur bei vollständiger Absperrung (China, Japan früher, jetzt: alle gegeneinander noch faktisch kriegsabgesperrten Gebiete)36Im Verlauf des Ersten Weltkriegs kam es in zahlreichen Ländern zu Ausfuhrverboten für Edelmetalle sowie zu behördlichen Einschränkungen des Devisenhandels bis hin zur Monopolisierung des Auslands-Zahlungsverkehrs in der Hand des Staates oder der von ihm hierzu befugten Organe.