[1]Einleitung
1. Max Weber und die Vereinigten Staaten von Amerika
Max Weber war es trotz seiner vielen Reisen nicht vergönnt, außereuropäische Länder zu besuchen. Die einzige Ausnahme: Eine Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1904. Lange schon hatte er sich gewünscht, eine solche Reise unternehmen zu können. Denn es gab in den USA nicht nur viele Verwandte, sondern über dieses Land auch die Berichte des Vaters, der es 1883 bereist hatte. Zusammen mit Georg Siemens und James Bryce hatte Max Weber senior an der Eröffnungsfahrt der Northern Pacific Railroad nach Seattle teilgenommen. Zehn Jahre später erwog Max Weber junior, zusammen mit seinem Freund Paul Göhre in die USA aufzubrechen. Doch wegen Max Webers Heirat mit Marianne Schnitger zerschlug sich dieser Plan. Das Verlangen freilich blieb, den entfesselten amerikanischen Kapitalismus an Ort und Stelle zu studieren. Erst mehr als 10 Jahre später ergab sich die Gelegenheit dazu: mit der Einladung zu dem „Congress of Arts and Science“ in St. Louis.
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[1] Zum familiären, aber auch wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Hintergrund dieser Amerikaorientierung die Arbeiten von Guenther Roth, vor allem: Roth, Guenther, Max Webers deutsch-englische Familiengeschichte 1800–1950 mit Briefen und Dokumenten. – Tübingen: Mohr Siebeck 2001, bes. Kap. XIV, und ders., Europäisierung, Amerikanisierung und Yankeetum. Zum New Yorker Besuch von Max und Marianne Weber 1904, in: Schluchter, Wolfgang und Friedrich Wilhelm Graf (Hg.), Asketischer Protestantismus und der ‚Geist‘ des modernen Kapitalismus. – Tübingen: Mohr Siebeck 2005, S. 9–31 (hinfort: Roth, Europäisierung). Eine erweiterte Fassung dieses Aufsatzes ist erschienen unter dem Titel Transatlantic Connections: A Cosmopolitan Context for Max and Marianne Weber’s New York Visit 1904, in: Max Weber Studies, Vol. 5, No. 1, 2005, S. 83–114.
Max Webers Interesse an den USA hatte sich in der Zwischenzeit freilich erweitert. Ihn faszinierte neben den wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Zusammenhängen nun auch die religiöse Situation. Kurz vor der Amerikareise hatte er im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik die 1. Folge seines Aufsatzes „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“ erscheinen lassen. Jetzt stellte sich für ihn nicht zuletzt auch die Frage, wieviel von diesem ‚Geist‘ in Amerikas entfesseltem [2]Kapitalismus, wieviel von der alten Prägekraft seiner Sekten-Religiosität übriggeblieben war.
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[2] Max Weber reflektierte diesen Aspekt seiner Amerikaerfahrung nach seiner Rückkehr in seinen Betrachtungen über Kirchen und Sekten in Nordamerika. Dazu Weber, Max, „Kirchen“ und „Sekten“, in: Frankfurter Zeitung, 50. Jg., Nr. 102 vom 13. April 1906, 4. Morgenblatt, S. 1, und ders., „Kirchen“ und „Sekten“ (Schluß), ebd., Nr. 104 vom 15. April 1906, 6. Morgenblatt, S. 1 (MWG I/9); dann Weber, Max, „Kirchen“ und „Sekten“ in Nordamerika. Eine kirchen- und sozialpolitische Skizze 1, in: Christliche Welt, 20. Jg., Nr. 24 vom 14. Juni 1906, Sp. 558–562, und ders., „Kirchen“ und „Sekten“ in Nordamerika. Eine kirchen- und sozialpolitische Skizze 2, ebd., Nr. 25 vom 21. Juni 1906, Sp. 577–583 (MWG I/9).
Im Vorfeld des Kongresses, als unter den deutschen Professoren der Verdacht aufkam, sie sollten für ihre Teilnahme schlechter als die Professoren anderer Länder bezahlt werden, ließ Max Weber Hugo Münsterberg, der den Kongreß mit organisierte, wissen, wenn dem so wäre, würde er am Kongreß nicht teilnehmen, aber in jedem Falle, zusammen mit seiner Frau, in die USA reisen. So wichtig war ihm dieser Aufenthalt.
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Als sich die unterstellte Ungleichbehandlung als Irrtum erwies und sich die Wogen der Aufregung geglättet hatten, machten sich Max und Marianne Weber, zusammen mit anderen deutschen Gelehrten, auf die Überfahrt. Am 30. August 1904 trafen die Webers, gemeinsam mit Ernst Troeltsch, in New York ein. In einem Brief an Hugo Münsterberg kommt Max Weber auf das Gerücht von der unterschiedlichen Bezahlung der Gelehrten verschiedener Nationen zu sprechen und bittet dringend um Auskunft. Sollte das Gerücht der Wahrheit entsprechen, so Weber, werde er zwar kommen, „da ich dies ohnehin vorhatte, nach den U[nited] S[tates], aber nicht auf den Congreß“. Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 21. Juni 1904, Boston Public Library, Mss. Acc. 2077, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4). Nachdem Münsterberg für Weber offensichtlich zufriedenstellend, wenn auch nicht ohne Schärfen geantwortet hatte, reagierte dieser in einem ausführlichen Brief an Hugo Münsterberg vom 17. Juli 1904 und bekannte, daß der Kongreß in St. Louis für ihn ein willkommener Anlaß sei, endlich die Vereinigten Staaten zu besuchen, daß er aber auch gerne als Mitglied der deutschen Gelehrtendelegation an dem Kongreß teilnehme, es geradezu als eine Ehre empfinde, eingeladen worden zu sein. Wörtlich: „Wennschon der Wunsch, die Verein[igten] Staaten zu besuchen u. dazu einen Anlaß zu haben, für mich (offengestanden) im Vordergrunde stand, so war es mir doch natürlich auch eine erhebliche Ehre, zu diesem Unternehmen eingeladen zu sein.“ Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 17. Juli 1904, ebd. (MWG II/4). Max Weber war gegenüber dem, was der Kongreß ihm bieten könne, allerdings zunächst sehr skeptisch, sprach gar von dem „Kongreßschwindel“, zeigte sich aber im nachhinein von der Veranstaltung sehr angetan.
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Von hier aus verließen sie die USA wieder am [3]19. November 1904, also gut zweieinhalb Monate später, nachdem Max Weber, teilweise allein, meist aber zusammen mit seiner Frau, große Teile des Landes, einschließlich der ,frontier‘, bereist hatte. Guenther Roth prüfte die Unterlagen in Ellis Island. Bei der Einreise wurde Max Weber wie folgt registriert: First name: Max; Last name: Weber; Ethnicity: German; Last Place of Residence: Hiedelbg [sic]; Date of Arrival: August 30, 1904; Age at Arrival: 40; Gender: Μ; Marital Status: Μ; Ship of Travel: Bremen; Port of Departure: Bremen; Manifest Line Number 0027. Marianne Weber wurde die Nr. 0028, Ernst Troeltsch die Nr. 0029 zugeteilt.
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Am Ende stand ein zweiwöchiger Aufenthalt in New York. Dem waren ein Besuch in Boston und ein kurzes Zusammentreffen mit Hugo Münsterberg vorausgegangen. Am 27. Oktober schrieb Max Weber an Hugo Münsterberg aus Philadelphia: „Sie wünschten s. Z., daß ich Ihnen mitteilen sollte, wann wir in Boston eintreffen würden. Wir werden morgen (Freitag) Abend von hier aus dort ankommen und 5–6 Tage in Young’s Hotel bleiben. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir ein paar Zeilen dorthin schicken würden, die uns wissen lassen, ob wir Sie und Ihre Frau Gemahlin Sonntag Nachmittag für eine Stunde besuchen dürfen.“[3] Am 24. September schrieb Max Weber an Georg Jellinek, das Zusammensein „mit den vielen recht interessanten Leuten des Congresses“ sei „doch sehr erfreulich gewesen“, und das Land fasziniere ihn mächtig. „Sehr vieles ist sehr anders hier, als es die Reiseschriftsteller, auch Münsterberg, schildern; ich habe für meine Zwecke viel gesehen. Ich gehe jetzt vielleicht, statt zu Roosevelt, nach Oklahoma & Texas u. lasse meine Frau hier, dann gehen wir zu unseren Verwandten nach Carolina.“ Brief Max Webers an Georg Jellinek vom 24. September 1904 aus St. Louis, Bundesarchiv Koblenz, NI. Georg Jellinek, Nr. 31 (MWG II/4). Die deutsche Delegation war beim Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeladen. Weber folgte dann tatsächlich dieser Einladung nicht und bereiste statt dessen das Land.
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Und am 14. November, also kurz vor der Rückreise nach Deutschland, bedankte er sich für die Begegnung in Cambridge folgendermaßen: „Zweck dieser Zeilen ist einzig, Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin nochmals für die fast über das Maß des Erlaubten hinaus freundliche Aufnahme in Cambridge zu danken. Zugleich möchte ich nochmals aussprechen, wie sehr es mich gefreut hat, daß es Ihnen als Deutschem gelungen ist, in Harvard sich die soziale Position zu schaffen, die Sie einnehmen, und für wie überaus werthvoll ich diesen Erfolg im Interesse des Deutschthums halte. Auch der Congreß in St. Louis übertraf die Erwartungen, die ich hegte.“ Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 27. Oktober 1904 aus Philadelphia, Boston Public Library, Mss. Acc. 2077, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
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Brief Max Webers an Hugo Münsterberg vom 14. November 1904 aus New York, Boston Public Library, Mss. Acc. 2077, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4).
Hugo Münsterberg hatte nicht nur den Kongreß in St. Louis mit organisiert, er war auch – vermutlich 1904 – in den Editorenkreis einer Enzyklopädie eingetreten, für die er Autoren zu werben hatte. Es könnte sein – mit Sicherheit ließ sich dies nicht ermitteln –, daß er Max Weber noch während seines Amerikaaufenthalts, vielleicht während des oben erwähnten Besuchs in Boston, für zwei Enzyklopädieartikel gewann. Zwei Artikel jedenfalls erschienen in der Ausgabe von 1907/08 dieser amerika[4]nischen Enzyklopädie in englischer Sprache und wurden in den Ausgaben von 1909/10 und 1911/12 unverändert nachgedruckt.
Was war der Charakter dieser Enzyklopädie und welche Stellung haben diese beiden bislang in keiner Weber-Bibliographie verzeichneten Artikel im Werk des Autors? Diesen beiden Fragen wenden wir uns in der Folge zu.
2. Eine Enzyklopädie für die amerikanische Mittelklasse
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstand die Idee, auch für die USA eine Enzyklopädie vorzulegen, die dem Informations- und Wissensbedürfnis einer wachsenden Mittelklasse entgegenkäme. Vorbilder dafür waren Brockhaus’ Konversations-Lexikon für Deutschland, der Larousse für Frankreich und die Encyclopaedia Britannica für Großbritannien. Zwar hatte es bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Nachfolge der Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts, eine Encyclopaedia Americana gegeben. Doch galt um 1900 diese als veraltet, und vor allem: sie befriedigte nicht mehr „the average intelligent American and his household“, in einem Land, das inzwischen eine breite Mittelschicht besaß und zur Weltmacht aufgestiegen war. Es lag deshalb nahe, zwar an den alten Titel anzuschließen, das Projekt aber gänzlich neu zu konzipieren, was auch geschah.
In der Einführung in die neu konzipierte Encyclopedia, die Frederick Converse Beach als „editor-in-chief“
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dem mit dem Copyright 1903 versehenen „Volume I“ des auf 16 Bände angelegten Sammelwerks voranstellte, machte dieser deutlich, worauf es ihm vor allem ankam: Ein Werk vorzulegen „not alone […] to be referred to, but a work to be read.‘“[4] Frederick Converse Beach (1848–1918) wurde als Sohn von Alfred Ely Beach (1826–1896) in Brooklyn geboren. Der Vater Alfred kaufte 1846 den Scientific American, den der Sohn 1896, nach dessen Tod, übernahm. Er wurde 1902 „editor-in-chief“ von The Encyclopedia Americana, die unter der „editorial supervision of The Scientific American“ erschien.
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Dazu mußte es vor allem vier Anforderungen genügen: „accuracy, comprehen[5]siveness, attractiveness of presentation, and convenience of reference“. Außerdem sollte es mit seinen Informationen immer auf dem neuesten Stand bleiben, mit Artikeln, so geschrieben „to make the pursuit and acquirement of knowledge ,a labor to delight in‘“. Um sich die dafür erforderliche Flexibilität zu erhalten, verzichtete man auf eine interne Paginierung der Artikel, ordnete diese aber alphabetisch an. In seiner Einführung machte Beach auch deutlich, wogegen sich dieses Projekt vor allem richtete: gegen die Vorstellung nämlich, den Amerikanern sei mit der Encyclopaedia Britannica in ihrem Informations- und Wissensbedürfnis ausreichend gedient. Denn dieses Werk sei „distinctively English in character“, und es mache keinen Versuch, „to do justice to American subjects“, abgesehen davon, daß es „surprisingly local“ und wegen dieses parochialen Charakters für den größeren Teil der englischsprechenden Welt nicht interessant genug sei. Hinzu komme: Die Artikel der Britannica seien häufig „above the heads and beyond the means of the very ones for whose benefit they should have been compiled“. Die Zielgruppe des neuen Werkes aber seien die das Gemeinwesen tragenden Klassen, „the great middle classes“, der USA. The Encyclopedia Americana. A General Dictionary of the Arts and Sciences, Literature, History, Biography, Geography, etc., of the World, Editor-in-Chief: Frederick Converse Beach, Editor of The Scientific American; Managing Editor: George Edwin Rines, Editor and Translator; Assistant Editors: Nathan Haskell Dole, Editor and Translator; Edward Thomas Roe, Author and Editor; Thomas Campell Copeland, Expert Statistician. In Sixteen Volumes Illustrated, Volume I. – New York, Chicago: The Americana Company, Copyright 1903, Introductory (unpaginiert). Die Einleitung umfaßt 5 Seiten. Die folgenden englischen Zitate sind dieser Einleitung von Frederick Converse Beach [5]entnommen. Das zitierte Titelblatt, obgleich mit Copyright 1903 versehen, gibt den Stand wieder, als Morgan durch Rines bereits ersetzt worden war.
Es konnte nicht abschließend geklärt werden, bis zu welchem Band der ersten Auflage Morgan noch als „managing editor“ geführt wurde, übrigens mit derselben Mannschaft wie oben. Die Bände 1 und 2, die bereits 1903 erschienen, führten offenbar seinen Namen noch. Bei den folgenden Bänden ist er bereits durch Rines ersetzt, wobei unklar ist, ab welchem Band (vermutlich ab Band 8). Die alten Ausgaben sind heute als Ganzes praktisch nicht mehr zugänglich. Seit 1903 blieb aber auch in allen folgenden Ausgaben die Konstellation Beach-Rines erhalten. Es ist aber nicht klar, ob bis 1912 vier oder fünf Ausgaben (ohne die von 1902) gedruckt wurden. Mitunter wird zwischen 1903/04 und 1905/06 unterschieden, meist aber die erste Ausgabe unter 1903–1906 zusammengefaßt (so Library of Congress). Sicher aber ist: Der entscheidende Entwicklungsschritt ist 1906 anzusetzen. Darüber gleich mehr.
Es konnte nicht abschließend geklärt werden, bis zu welchem Band der ersten Auflage Morgan noch als „managing editor“ geführt wurde, übrigens mit derselben Mannschaft wie oben. Die Bände 1 und 2, die bereits 1903 erschienen, führten offenbar seinen Namen noch. Bei den folgenden Bänden ist er bereits durch Rines ersetzt, wobei unklar ist, ab welchem Band (vermutlich ab Band 8). Die alten Ausgaben sind heute als Ganzes praktisch nicht mehr zugänglich. Seit 1903 blieb aber auch in allen folgenden Ausgaben die Konstellation Beach-Rines erhalten. Es ist aber nicht klar, ob bis 1912 vier oder fünf Ausgaben (ohne die von 1902) gedruckt wurden. Mitunter wird zwischen 1903/04 und 1905/06 unterschieden, meist aber die erste Ausgabe unter 1903–1906 zusammengefaßt (so Library of Congress). Sicher aber ist: Der entscheidende Entwicklungsschritt ist 1906 anzusetzen. Darüber gleich mehr.
Es war wohl von vornherein geplant, zwischen der sehr angesehenen und weit verbreiteten Zeitschrift The Scientific American und der Americana eine Art Koppelungsgeschäft einzurichten, äußerlich sichtbar schon dadurch, daß Beach „editor-in-chief“ von beiden literarischen Produkten war. Wer das eine bezog, bekam zugleich das andere. Tatsächlich war die Enzyklopädie seit ihrem ersten Erscheinen ungewöhnlich erfolgreich. Von 1902 bis 1912 wurden mehrere Ausgaben dieses Sammelwerks gedruckt und abgesetzt.
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Folgt man der historischen Bibliographie von S. Padraig Walsh, so erschien zunächst 1902 eine Neuausgabe in 16 Bänden, verlegt von R. S. Pearle & Co. Dann folgte eine Ausgabe 1903/04, bei der George Edwin Rines bereits als „managing editor“ geführt wurde, obgleich er nur für die Bände 8 bis 16 verantwortlich zeichnete. Verlegt [6]wurde diese Ausgabe von der Americana Company. Daneben erschien eine weitere Ausgabe von 1903–1906, wiederum mit Rines als „managing editor“, aber jetzt mit dem Scientific American Compiling Department, Munn & Co als Verleger. In allen Fällen agierte Frederick Converse Beach als „editor-in-chief“. Die genannten Ausgaben hatten als Titel The Encyclopedia Americana. Dieser wurde dann nach Walsh in The Americana überführt. Er schreibt: „A major change took place in the edition of 1907, when the word ,Encyclopedia‘ was dropped from the title leaving the work simply entitled Americana, and all the editions from then until 1912 were so entitled.“ Walsh, S. Padraig, Anglo-American General Encyclopedias. A Historical Bibliography 1703–1967. – New York, London: R. R. Bowker Company 1968, S. 43.
[6]Es ist allerdings im Rückblick äußerst schwierig, die verschiedenen Ausgaben sauber auseinanderzuhalten. Ein Grund dafür ist, daß nicht die Auflagen, sondern nur die Copyrights verzeichnet sind. Ein anderer ist darin zu suchen, daß The Encyclopedia Americana alsbald in The Americana umbenannt wurde. Ferner wechselte der Verleger, und zwar im Zeitraum von 1902 bis 1912 insgesamt zweimal. Die erste Ausgabe von 1902, die meist nicht mitgezählt wird, verlegte noch R. S. Pearle & Co, die von 1903/04, aus der oben zitiert wurde, aber die Americana Company und die folgenden das Scientific American Compiling Department, Munn & Co. Unter dessen Ägide fand auch die Titeländerung statt. Die Absicht dazu ist für 1906 dokumentiert, und sie ist spätestens mit der Ausgabe 1907/08 auch auf dem Titelblatt vollzogen, wobei das Copyright allerdings auf 1904–1906 lautet. Aber Copyright und Ausgabe sind zweierlei. Später, 1910, weist das Impressum Copyrights für 1904–1906, 1907–1908 und 1909–1910 aus. Es folgte dann noch ein weiteres für 1911–1912, nun aber nicht mehr für 16, sondern für 22 Bände sowie für Supplementbände. Danach wurde der Titel The Americana nicht mehr benutzt. Ab 1920 erschien die Enzyklopädie wieder unter dem ursprünglichen Namen, und dies bis heute, so daß The Americana eine Art Zwischenspiel markiert.
Die Frühgeschichte der Enzyklopädie kompliziert sich auch dadurch, daß, vermutlich Mitte 1903, der „managing editor“ wechselte, auf dem die eigentliche Arbeit ruhte. Forrest Morgan wurde durch George Edwin Rines ersetzt. Dieser Wechsel war insofern wichtig, als Rines die Konzeption des bereits begonnenen Werkes änderte: Er führte den „department editor“ ein, wofür es zunächst amerikanische Gelehrte, die auf ihrem Fachgebiet anerkannt waren, zu gewinnen galt. Diese Neukonzeption, zusammen mit dem Wechsel des Verlegers, könnte erklären, weshalb man später nicht mehr zwischen den Ausgaben von 1903/04 und 1905/06 unterschied, sondern diese unter den Jahreszahlen 1904–1906, mitunter auch 1903–1906, zusammenfaßte. Für den hier diskutierten Zusammenhang ist aber nicht dies wichtig, sondern die Tatsache, daß sich [7]zwischen den Ausgaben von vor 1906 und denen danach eine entscheidende Änderung vollzog.
Vor 1906 war nämlich die Enzyklopädie in erster Linie das, was ihr Titel sagte: ein Werk, das über „American subjects“ informierte. Europa und alle weiteren Länder außerhalb des amerikanischen Kontinents wurden, mit der Ausnahme von Großbritannien, überhaupt nicht oder allenfalls am Rande behandelt. So widmete zum Beispiel eine Ausgabe von vor 1906 Deutschland einen Artikel von nur 21 Seiten, von einem amerikanischen Rechtswissenschaftler verfaßt. Auch andere Länder waren kaum berücksichtigt. Die ersten Ausgaben der Enzyklopädie erweisen sich als ausgesprochen amerikazentriert. Dies kommt auch noch in der Ankündigung zum Ausdruck, die das Scientific American Compiling Department von Munn & Co, das das Werk inzwischen verlegte, im Mai 1906 herausgab. Das jetzt The Americana betitelte Werk in 16 illustrierten Bänden preist der Verleger als „the greatest literary undertaking ever attempted in America“, „the most magnificent, scholarly, original, practical work of reference in existence“, als „absolutely without equal in the English-speaking world“. An das amerikanische Volk gewandt, suchte man das Interesse für das neue Produkt mit folgenden Worten zu wecken: „We desire to call attention to the completion of the new Americana, issued under the direct editorship and personal supervision of Mr. Frederick Converse Beach, Editor of the Scientific American, assisted by a Board of eminent Department Editors and by more than one thousand contributors – leading scholars and authorities in the United States, Canada and South America.“ Auch das Titelblatt der 1907/08 erschienenen Ausgabe spricht noch von „more than one thousand of the most eminent scholars and authorities in America“.
Dies reflektiert freilich noch nicht den Wandel, den Rines schon relativ früh eingeleitet hatte: Die Ausweitung der Gegenstände über Amerika hinaus. In den späteren Auflagen ist denn auch nicht mehr nur von „more than one thousand of the most eminent scholars and authorities in America“, sondern von „more than two thousand of the most eminent scholars and authorities in America and Europe“
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die Rede. Rines hatte nicht nur dafür gesorgt, daß man Europa und andere Weltgegenden zum Gegenstand machte, er hatte auch den Kreis der Beiträger auf Europa und darüber hinaus ausgedehnt. [7] Hierzu das Titelblatt der Ausgabe der Americana von 1909/10.
Dieser entscheidende Wandel schlägt sich in der Ausgabe von 1907/08 nieder, in der Max Webers Beiträge zum ersten Mal erschienen. Das Copyright erstreckt sich auf die Jahre 1904–1906, erfaßt also alle Beiträ[8]ge, die in dieser Zeit für die Enzyklopädie geschrieben sind. In dieser Ausgabe sind die Artikel über Europa und darüber hinaus erheblich erweitert. So nimmt die Behandlung von Großbritannien 186 Seiten, von Deutschland 96 Seiten und von Frankreich 90 Seiten ein. In einem Interview, das eine amerikanische Studentin bei der Vorbereitung ihrer Magisterarbeit über die Americana mit George Edwin Rines führte, gab dieser zu Protokoll, er habe zwar nicht in der ersten von ihm verantworteten Ausgabe, wohl aber in den folgenden neue „departments“, „foreign departments“, eingerichtet und dafür auch jeweils einen prominenten „department editor“ gewonnen, „such as Great Britain (Dr. H. J. MacKinder, editor); France (Hilaire Belloc, editor), Germany (Dr. Hugo Munsterburg [sic!], editor)“. Auch Abteilungen für Italien, Japan und Australien habe er nun vorgesehen.
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[8] Dazu Downing Douglas, Isabel, The Encyclopedia Americana. An Historical Study of its Rise and Development, 1901–1930, Magisterarbeit, Columbia University, June 1930, S. 77 (hinfort: Douglas, Americana).
Nicht in der ersten Runde, in der es vor allem um amerikanische Wissenschaftler und Autoritäten ging, wohl aber in der zweiten hatte Rines, wie das Zitat zeigt, also für das „foreign department“ Deutschland Hugo Münsterberg als „department editor“ gewonnen. Dieser, Psychologe und Philosoph, einst zusammen mit Max Weber und Heinrich Rickert an der Freiburger Universität tätig, dann an die Harvard University gewechselt, war dafür eine naheliegende und zweifellos auch glückliche Wahl. Seit seinem Wechsel in die USA hatte sich Münsterberg darum bemüht, die deutsch-amerikanischen Wissenschaftsbeziehungen zu fördern.
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Sichtbarster Ausdruck dafür war sein Eintreten für eine große deutsche Gelehrtendelegation bei dem „Congress of Arts and Science“, der 1904, aus Anlaß der Weltausstellung, in St. Louis stattfand. Angesichts Münsterbergs Kenntnis der deutschen Wissenschaftsszene lag es also nahe, daß man ihm bei der Enzyklopädie die Abteilung „Germany“ übertrug. Wann genau dies geschah, ließ sich bisher nicht ermitteln. Es dürfte aber 1904 gewesen sein. Eine zeitliche Nähe zu dem Kongreß in St. Louis jedenfalls ist unverkennbar. Es spricht, wie gesagt, vieles dafür, daß Max Webers Beiträge noch während seines USA-Aufenthalts mit Münsterberg vereinbart wurden. Dazu auch Roth, Guenther, Politische Herrschaft und persönliche Freiheit. Heidelberger Max Weber-Vorlesungen 1983. – Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987, S. 175–196.
Münsterbergs Aufgabe bestand, wie die aller „department editors“, darin, eine Disposition für sein „department“ zu entwickeln, die Autoren zu gewinnen und die eingehenden Artikel zu überarbeiten und zu edie[9]ren. Diese „were also carefully read and cross-referenced by the American editors.“
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Münsterberg stützte sich dabei auf Autoren aus Deutschland und den USA und beteiligte sich selbst mit zwei Beiträgen. Die Gliederung der Abteilung und die beteiligten Autoren sind im Editorischen Bericht, unten, S. 18 f., aufgeführt. [9] Douglas, Americana, S. 77.
Daß Hugo Münsterberg sich bei den Themen „Agriculture and Forestry“ und „Industries“ an Max Weber wandte, war also nicht zufällig. Wie bereits gesagt, kannte er Max Weber nicht nur aus der gemeinsamen Freiburger Zeit als einen ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der deutschen Agrar- und Industrieverfassung, er hatte ihn schließlich auch als Redner zu einem verwandten Thema auf dem „Congress of Arts and Science“, offenbar gegen Widerstand, durchgesetzt.
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Max Weber war zum Zeitpunkt des Kongresses in St. Louis zwar international nicht so bekannt wie manch anderer Wissenschaftler, der der deutschen Delega[10]tion angehörte, er vermochte aber mit seinem auf Deutsch gehaltenen Vortrag über die deutsche Agrarverfassung in vergleichender Perspektive den kleinen Zuhörerkreis von ausgewiesenen Experten sehr zu beeindrucken. Wie Lawrence A. Scaff berichtet, wurde Weber bei seiner auf den Kongreß folgenden Reise nach Oklahoma in Muskogee, einem der Hauptorte des Territoriums, Wie oben schon erwähnt, war es im Vorfeld des Kongresses in St. Louis zu einer Auseinandersetzung darüber gekommen, ob die Gelehrten der verschiedenen Nationen von der Kongreßleitung finanziell unterschiedlich behandelt würden, ob den Deutschen wegen ihrer Lebenshaltung weniger als den Gelehrten anderer Nationen bezahlt werden solle, wobei das Wort von der Lebenshaltung des ‚deutschen Durchschnittsprofessors‘ in Umlauf kam. Max Weber setzte sich darüber brieflich mit Hugo Münsterberg heftig auseinander, wobei er die Gleichbehandlung aller Teilnehmer forderte. Seine Erregung über eine eventuelle Ungleichbehandlung wurde vor allem durch den Verdacht genährt, das Wort vom ‚deutschen Durchschnittsprofessor‘ gehe auf Geheimrat Althoff, also auf einen Vertreter der deutschen Unterrichtsverwaltung, zurück, was eine eventuell mindere Bezahlung der Deutschen zu einer Funktion der Nationalität mache, ein Sachverhalt, der für ihn inakzeptabel war. In dieser Auseinandersetzung fiel auch Münsterbergs Bemerkung, er habe Weber als Redner durchsetzen müssen. Doch die Auseinandersetzung führte nicht zum Bruch. Weber bekannte später gegenüber Gustav Schmoller, Münsterberg sei zwar eitel, habe sich aber in dieser Angelegenheit nicht illoyal verhalten. Die Beziehung zwischen ihm und Hugo Münsterberg war zwar nicht herzlich, aber doch von großem gegenseitigem Respekt geprägt. Insbesondere Münsterbergs „Einführung in die Psychologie“, die Weber in seinen methodologischen Abhandlungen durchaus kritisch behandelte – Münsterbergs Unterscheidung zwischen subjektivierenden und objektivierenden Disziplinen hielt er für einen Irrweg –, sah er als einen wichtigen Beitrag an. Noch 1916, nach dem Tod Münsterbergs, äußerte er sich gegenüber Heinrich Rickert in diesem Sinn. Vgl. dazu die folgenden Briefe: Max Weber an Hugo Münsterberg vom 21. Juni 1904, Boston Public Library, Mss. Acc. 2077, Nl. Hugo Münsterberg (MWG II/4); Max Weber an Hugo Münsterberg vom 17. Juli 1904, ebd. (MWG II/4); Max Weber an Gustav Schmoller vom 14. Dezember 1904, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nl. Gustav Schmoller, Nr. 196b, Bl. 133–134 (MWG II/4); und Max Weber an Heinrich Rickert vom Dezember 1916 (undatiert, aber kurz vor Weihnachten), Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nl. Max Weber, Nr. 25, Bl. 94 und dass. (Abschrift), ebd., Nr. 30, Band 9, Bl.11 (MWG II/9).
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von der Lokalpresse als „distinguished visitor“ willkommen geheißen. Clarence B. Douglas, Herausgeber des Muskogee Phoenix, der zuvor bereits Heidelberg besucht hatte, stellte Weber seinen Lesern als einen deutschen Wissenschaftler vor, der „one of the most important addresses of the session on political economy“ in St. Louis gehalten habe.[10] Oklahoma war zu diesem Zeitpunkt noch Territorium, nicht Staat. Zum Staat erhoben wurde es 1905. Weber interessierte sich besonders für die Arbeit des Amtes, das für das „Indian Territory“ zuständig war. Er beschäftigte sich dabei insbesondere auch mit den Problemen der „frontier“.
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Dieses Urteil entsprach zumindest Max Webers heimischer Reputation. Scaff, Lawrence A., Remnants of Romanticism. Max Weber in Oklahoma and Indian Territory, in: Journal of Classical Sociology, Vol. 5, No. 1, 2005, S. 53–72, Zitat: S. 58.
3. Max Weber als Theoretiker und Historiker der deutschen Agrar- und Industrieverfassung
Tatsächlich war Max Weber, seit er die Untersuchung über die Lage der ostelbischen Landarbeiter für den Verein für Sozialpolitik ausgewertet und mit seinem Freund Paul Göhre für den Evangelisch-sozialen Kongreß eine Nachfolgeuntersuchung initiiert hatte, zu einem der wichtigsten Theoretiker und Historiker der deutschen Agrarverfassung, aber auch zu einem einflußreichen Agrarpolitiker aufgestiegen. Sein Interesse an dieser Sache und die erlangte Reputation wirkten über den gesundheitlichen Zusammenbruch hinaus fort. Noch 1904, nach einigermaßen wiedergewonnener Arbeitsfähigkeit, bemerkte er, er wolle „demnächst“ auf eine seit langem geplante „größere agrarstatistische Arbeit über den landwirtschaftlichen Kapitalismus“ zurückkommen, für die er „vor Jahren“ bereits Zahlenmaterial zusammengestellt und ausgewertet habe, Zahlenmaterial, das freilich noch auf den neuesten Stand zu bringen sei.
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Man kann vermuten, daß Weber dabei eine Theorie und Geschichte [11]des modernen Agrarkapitalismus in vergleichender Perspektive im Auge hatte. Den vor der Jahrhundertwende und vor dem gesundheitlichen Zusammenbruch gesponnenen Faden nahm er jedenfalls tatsächlich nach der Jahrhundertwende und nach Wiedererlangung einer allerdings von nun an immer prekären Arbeitsfähigkeit wieder auf. Vor allem zwei Studien sind hier zu nennen: zum einen seine „Agrarstatistischen und sozialpolitischen Betrachtungen zur Fideikommißfrage in Preußen“, zum anderen sein Vortrag in St. Louis, der unter dem merkwürdigen, vermutlich von den Veranstaltern verordneten Titel „The Relations of the Rural Community to Other Branches of Social Science“ im Kongreßbericht erschien. Weber, Max, Agrarstatistische und sozialpolitische Betrachtungen zur Fideikommißfrage in Preußen, in: ders., Wirtschaft, Staat und Sozialpolitik. Schriften und Reden 1900–1912, hg. von Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Peter Kurth und Birgitt Morgenbrod (MWG I/8). – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1998, S. 81–188, Zitat: S. 93 (hinfort: Weber, Fideikommißfrage).
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[11] Dazu ebd., S. 92 ff. und Weber, Max, The Relations of the Rural Community to Other Branches of Social Science, in: MWG I/8, S. 200–243, hier: S. 212 ff.
Verglichen mit seinen intensiven Studien zur deutschen Agrarverfassung hatte sich Max Weber zur deutschen Industrieverfassung weit weniger zusammenhängend, ja eher sporadisch geäußert. Seine vielleicht prononcierteste Stellungnahme dazu findet sich in seinen Diskussionsbeiträgen auf dem achten Evangelisch-sozialen Kongreß von 1897 in Leipzig zu dem Vortrag von Karl Oldenberg „Über Deutschland als Industriestaat“.
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Hier, wie auch in seinen Studien über die Agrarverhältnisse, ging es Weber um die Rolle der internationalen Arbeitsteilung im Zeitalter eines expansiven Kapitalismus, um die damit verbundenen Weltmachtansprüche, denen Deutschland zu genügen habe, um das Verhältnis von Schutzzoll- und Freihandelspolitik angesichts der unterschiedlich gelagerten wirtschaftlichen Interessen in Ost und West. Es ging ihm aber vor allem um den Unterschied zwischen einem Renten- und einem Unternehmerkapitalismus, um die Förderung eines betriebskapitalistisch fundierten großindustriellen Unternehmertums in Deutschland. Denn für Max Weber bestand die Gefahr einer „Angliederung des großindustriellen Bürgertums an die Interessen des Großgrundbesitzes“, Dazu Weber, Max, Diskussionsbeiträge zum Vortrag von Karl Oldenberg: „Über Deutschland als Industriestaat“, in: ders., Landarbeiterfrage, Nationalstaat und Volkswirtschaftspolitik. Schriften und Reden 1892–1899, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff (MWG I/4). – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1993, S. 623–640, hier: S. 626 ff.
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der für Freihandel plädiert hatte, als die Industrie noch Schutzzölle benötigt hätte, und für Schutzzoll, als für die gedeihliche Entwicklung der deutschen Industrie der Freihandel, die Öffnung gegenüber dem Weltmarkt, geboten war. Wer, so fragte Weber die Versammlung, war der wichtigste Handelspartner Deutschlands? Doch nicht der Osten, sondern England. Und dies aufgrund der unvermeidlichen internationalen Arbeitsteilung, die durch [12]keine noch so gründliche „Pflege des sogenannten ‚inneren Marktes‘“ Ebd., S. 632 f.
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zu ersetzen sei. Deutschlands ökonomische und politische Machtstellung, Deutschlands Rolle als Weltmacht, so Weber immer wieder, bleibe unausgefüllt, solange die „Feudalisierung des bürgerlichen Kapitals“[12] Ebd., S. 635.
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fortwuchere. Deutschland brauche eine Politik der Öffnung, die mit einem radikalen Mentalitätswandel insbesondere in den bürgerlichen Kreisen verbunden sein müsse. Ebd., S. 634.
Denn Deutschland hatte in seinen Augen ein zentrales Problem, das es endlich bewältigen mußte: Es war seit der Reichsgründung zwar politisch geeint, doch der politischen Einigung folgte die ökonomische nicht. Ökonomisch gesehen war Deutschland gespalten. Die Scheidelinie verlief aus seiner Sicht entlang der Elbe und teilte Deutschland ökonomisch in West und Ost. Landwirtschaftlich gesehen gehöre das westliche Deutschland zu Westeuropa, der Osten aber zu Rußland. Der Westen sei inzwischen Industriestaat mit einer ihm komplementären Agrarverfassung, im Osten bleibe Deutschland Agrarstaat, freilich inzwischen in kapitalistischer und damit in einer die alte Sozialverfassung deformierenden Form.
Max Weber stellte von Beginn an seine Studien über die deutsche Agrarverfassung in eine historische und vergleichende Perspektive. In historischer Perspektive zeigte er für Deutschland, wie sich, beginnend im Spätmittelalter, die Agrarverfassungen im Osten und Westen auseinanderentwickelt hatten, in vergleichender Perspektive zeigte er, wie uneinheitlich, ja gespalten deshalb die deutsche Agrarverfassung im Vergleich zu der von Frankreich und England war. Während in Frankreich schon früh der Landadel ein Renten- und Hofadel gewesen sei und nach der Revolution die Bodenzersplitterung mit einer Vielzahl selbständiger bäuerlicher Betriebe sich immer weiter durchgesetzt habe, sei für England charakteristisch das frühe Bauernlegen mit der Folge einer Entvölkerung ganzer Landstriche gewesen. Hier sei es zur Trennung von Besitz und Betrieb gekommen und zum Gegenüber, ja Gegeneinander von Landlord und Pächter, weitgehend ohne ein freies Bauerntum. In Deutschland dagegen, so Max Weber immer wieder, zeige die Agrarverfassung drei sehr verschiedene Konstellationen: Regionen mit alter städtischer Kultur und aufnahmefähigen lokalen Märkten für die landwirtschaftlichen Produkte von bäuerlichen Kleinbetrieben; Regionen mit großen, geschlossenen Gütern, die mit ihren Produkten die großen städtischen Zentren belieferten; und die teilweise fideikommissarisch gebundenen Rittergüter, die Gutsbezirke mit riesigen Flächen, für deren Pro[13]dukte, vor allem Getreide, letztlich ein Weltmarkt erforderlich sei. Die erste Konstellation fand sich in seinen Augen vor allem im Rheinland, die zweite in Süd- und Mitteldeutschland, die dritte östlich der Elbe. Für die östlichen Latifundien sei aber im Unterschied zu England charakteristisch, daß es hier zu keiner konsequenten Trennung von Besitz und Betrieb, zu keiner sozialen Scheidelinie zwischen Landlord und Pächter, gekommen sei. Hier seien vielmehr Besitz und Betrieb in einer Hand und das Gut der Sitz der vornehmen Familie geblieben. Die Rittergüter im Osten bildeten die ökonomische Grundlage für einen landsässigen Adel, für das preußische Junkertum, mit seiner durch das Drei-Klassen-Wahlrecht geschützten politischen Machtstellung im preußischen Abgeordnetenhaus und seiner Vorzugsstellung im preußischen Herrenhaus.
Als Hugo Münsterberg Max Weber nach St. Louis einlud und dann für die Mitarbeit an der Americana gewann, lag es nahe, daß dieser seine vergleichenden Betrachtungen, in die er bis dahin vor allem England und Frankreich einbezogen hatte, auf die USA erweiterte. Das tat er denn auch. Dafür wählte er ein Stichwort, das zunächst überraschend anmutet: Er sagte den USA Europäisierung voraus. Damit zielte er auf einen sozialstrukturellen Sachverhalt und, in Verbindung damit, auf einen kulturellen, einen Mentalitätswandel: auf die wachsende sozialstrukturelle Zerklüftung des Landes und auf den Verfall des genuinen Yankeetums. Werner Sombart faßte 1906 seine St. Louis-Erfahrung in der Frage zusammen: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?
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Max Webers Frage dagegen hätte lauten können: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten so wenig ethisch gebundenen Unternehmerkapitalismus? Warum beherrschen so viele Abenteurerkapitalisten, Spekulationskapitalisten, Beutekapitalisten, überhaupt so viele politische Kapitalisten das Land? Sein Interesse galt auch hier zum einen den begünstigenden Bedingungen – er sammelte ja auch Material für die Fortsetzung der gerade begonnenen Studien über den Wirtschaftseinfluß des asketischen Protestantismus –, zum anderen aber auch den obstruierenden: der trotz oder gerade wegen der Rekonstruktion tiefen Spaltung zwischen den Nord- und den Südstaaten, der ungelösten ,Neger‘- und auch Indianerfrage, dem Gefälle zwischen den Kernstaaten und der ,frontier‘, der Differenz zwischen der Upper und der Lower East Side in New York. Vor allem aber interessierte er sich für den Mentalitätswandel, den der entfesselte amerikanische Kapitalismus ausgelöst hatte: für die Erosion des echten Yankeetums und, im Verein damit, für die nachlassende Prägekraft der amerikanischen Sekten-Religiosität. Europäisierung heißt für Max Weber [14]deshalb auch: Säkularisierung. Die Schlußpassagen seiner Studie über den Zusammenhang von asketischem Protestantismus und ,Geist‘ des modernen Kapitalismus, im selben Zeitraum wie die beiden Artikel geschrieben, nehmen nicht zufällig ausdrücklich auf die Vereinigten Staaten Bezug,[13] Sombart, Werner, Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus? – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1906.
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wobei er zugleich an anderer Stelle betont, die Vereinigten Staaten seien „das, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ gemessen religiöseste Land bis an die Schwelle dieses Jahrhunderts“ gewesen[14] Dazu Weber, Max, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus. II. Die Berufsidee des asketischen Protestantismus, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Band 22, Heft 1, 1905, S. 1–110, hier: S. 108 f. (MWG I/9).
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– gewesen, darauf liegt der Akzent. Weber, Max, Erster Diskussionsbeitrag in der Debatte über Ernst Troeltsch: Das stoisch-christliche Naturrecht und das moderne profane Naturrecht, in: Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt a.M. – Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1911, S. 196–202, hier: S. 201 f. (MWG I/9).
Max Weber sollte in seinen Beiträgen für The Americana natürlich nicht die Agrar- und Industrieverfassung der Vereinigten Staaten untersuchen, sondern einem amerikanischen Publikum die deutsche Situation darstellen. Dafür bediente er sich allerdings hauptsächlich des deutsch-amerikanischen Vergleichs. Dadurch ließ sich auch die ein oder andere politische Botschaft an Deutschland richten, insbesondere die, daß die Vereinigten Staaten politisch und ökonomisch nicht länger unterschätzt werden dürften, daß dieses Land inzwischen zu einer politischen und ökonomischen Weltmacht, ja Kolonialmacht aufgestiegen sei.
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Max Weber besuchte die Vereinigten Staaten unter der Präsidentschaft Theodore Roosevelts (1901–1909), der eine imperialistische Expansionspolitik, eine Politik des „speak softly and carry a big stick“, betrieb. Er war vor seiner Präsidentschaft an führender Stelle am Krieg der USA gegen Spanien beteiligt. Der Sieg brachte den USA Guam, Puerto Rico und die Philippinen sowie Kuba als Protektorat. Unter seiner Präsidentschaft zettelte die USA eine Pseudorevolution in Panama an, um es aus Kolumbien herauszulösen und sich Souveränitätsrechte in der Panama-Kanal-Zone zu verschaffen, nicht zuletzt, um den amerikanischen „Hinterhof“ besser kontrollieren zu können. 1904 formulierte Roosevelt sein Corollary zur Monroe-Doktrin. Zuvor hatte der amerikanische Außenminister John Hay die Open-Door-Note formuliert, mit der er, bei Schutzzoll für die heimischen Märkte, gleichen Zugang der imperialen Mächte zu einem territorial und administrativ nicht geteilten China forderte und dafür deren Unterstützung bekam. Weber benutzt den Ausdruck „open door“ in seinem Artikel „Industries“ und spielt damit auf diesen Vorgang an; vgl. unten, S. 51.
Nun ist natürlich klar: Dabei konnte es sich allenfalls um einen Subtext handeln. Denn wer in Deutschland las schon diese Enzyklopädie? Immerhin gab es viele Deutsch-Amerikaner, die sich immer noch für die politische Entwicklung ihres Herkunftslands interessierten. Als Max Weber 1904 New York besuchte, kam er, gemessen an der Zahl der deutsch[15]stämmigen Bevölkerung von etwa 750 000, in eine der größten ‚deutschen‘ Städte überhaupt.
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Insofern war der Subtext vermutlich nicht ohne Wirkung. Doch auf den Haupttext kam es an. Hier hatte Weber Deutschland einem nichtdeutschen Publikum vorzustellen. Und hier greift er nun auf seine Analysen aus den 90er Jahren zurück. Sie hatten ergeben: die Zerstörung der patriarchalen Sozialverfassung im Osten durch das Eindringen des Kapitalismus; die dadurch bewirkte Entvölkerung der guten Böden und die Übervölkerung der schlechten; den Bevölkerungsaustausch, der auf den schlechten Böden stattfindet (die Polenfrage); den dadurch erzeugten Bevölkerungsdruck auf den Westen (Wanderung); die Notwendigkeit, als Gegenmaßnahme das Programm der inneren Kolonisation zu verwirklichen (deutsche Bauern statt polnischer Lohnarbeiter); die künstlich aufrechterhaltene Macht des preußischen Junkertums, das sich dagegen sperrt. In dem Artikel über „Industries“ fand Max Weber zu einer konzisen Darstellung des industriellen Westens, die sich bei ihm so zuvor nicht findet. Insofern verhelfen die beiden erst jetzt aufgefundenen Artikel dazu, Max Webers Sicht der deutschen Agrar- und Industrieverfassung und der ökonomischen und politischen Stellung Deutschlands im Kreis der zu Weltmächten aufgestiegenen Nationen noch klarer zu erfassen. [15] Hierzu Roth, Europäisierung (wie oben, S. 1, Anm. 1), S. 14.