Zum Preßstreit über den Evangelisch-sozialen Kongreß. 1894
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[463]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Die Referate Paul Göhres und Max Webers auf dem fünften Evangelisch-sozialen Kongreß 1894 in Frankfurt am Main über die ersten Ergebnisse der vom Evangelisch-sozialen Kongreß veranstalteten Erhebung über die Lage der Landarbeiter zeigten, wie tief die Kluft zwischen den Konservativen und den fortschrittlichen Jüngeren geworden war. Paul Göhre forderte unumwunden die „Vernichtung der Vorherrschaft des östlichen Großgrundbesitzes“;1[463] Bericht über die Verhandlungen des Fünften Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten zu Frankfurt am Main am 16. und 17. Mai 1894. – Berlin: Rehtwisch & Langewort 1894, S. 59. Max Weber zeigte sich in diesem Punkt zurückhaltender, doch auch er zog aus dem Enquetematerial politische Schlußfolgerungen, die der Sache nach die Vormachtstellung des Großgrundbesitzes in den östlichen Gebieten Deutschlands in Frage stellten.2Vortrag und Diskussionsbeitrag Webers sind oben, S. 313–345, abgedruckt. Zu Verlauf und Bedeutung des fünften Evangelisch-sozialen Kongresses siehe den Editorischen Bericht hierzu, oben, S. 308–311. Weber forderte die Anerkennung des „Klassenkampfes“ als einer Realität und, demgemäß, die Aufhebung des Koalitionsverbotes für die Landarbeiterschaft: So, wie niemand ernstlich gegen den Bund der Landwirte als Vertretung der Interessen des Großgrundbesitzes Einwände machen könne, dürfe auch niemand den Anspruch der Landarbeiterschaft auf eine gewerkschaftliche Interessenvertretung in Zweifel ziehen.3Oben, S. 329–333.

Die Thesen Webers und Göhres wurden bereits auf der Tagung, insbesondere von Adolph Wagner und Adolf Stoecker, den beiden Repräsentanten des konservativen Flügels, scharf angegriffen. Wagner forderte eine Stärkung des Standes der Großgrundbesitzer durch Erhöhung der Kornzölle;4Bericht über die Verhandlungen des Fünften Evangelisch-sozialen Kongresses, S. 88f. Stoecker pries „den eigentümlichen Charakter der Söhne des Groß[464]grundbesitzerstandes in grenzenloser Hingebung fur ihren König und ihr Vaterland.“5[464] Ebd., S. 96.

Im Vergleich zu der Reaktion der konservativen Presseorgane war jedoch die Kritik Wagners und Stoeckers noch sehr zurückhaltend. Unmittelbar nach Abschluß des Evangelisch-sozialen Kongresses erschien ein Artikel in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung,6Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 227 vom 18. Mai 1894, Ab. Bl.: „Politischer Tagesbericht“. in dem Göhre und Weber in einem Atemzug mit dem radikalen Antisemiten Hermann Ahlwardt genannt wurden: „In seinem neuen, ,Bundschuh‘ betitelten Organ verficht der Rektor Ahlwardt ebenfalls die Gesichtspunkte, welche hier Herr Göhre und Dr. Weber vertreten; auch dort ist Devise: gegen Junker und Juden, und bei den Sozialdemokraten wird nur das letztere Wort durch Kapital umschrieben und werden als dritter ,Feind‘ die Pfaffen hinzugefügt.“ Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung ließ keinen Zweifel daran, daß nach ihrer Meinung der Evangelisch-soziale Kongreß eine „zusammengewürfelte, stark agitatorisch angelegte Versammlung“ sei, die eigentlich nur „Schaden stiften“ könne. Dieser Artikel bedeutete einen Angriff nicht nur auf Max Weber und Paul Göhre, sondern auch auf alle diejenigen in der Christlich-sozialen Bewegung, die versuchten, die soziale Lage der unterbürgerlichen Schichten mit mehr als bloß karitativer Hilfe zu heben. Friedrich Naumann, Führer und Integrationsfigur der Evangelischen Arbeitervereinsbewegung,7Zu Naumann und den Evangelischen Arbeitervereinen siehe Theiner, Peter, Sozialer Liberalismus und deutsche Weltpolitik. Friedrich Naumann im Wilhelminischen Deutschland (1860–1919). – Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 1983, S. 27f. verwahrte sich sogleich auf das Schärfste gegen die Anwürfe der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung. Er warf ihr vor, „in dem gravitätischen Paradeton des amtlichen Stiles“8Naumann, Friedrich, Offiziöses zum evangelisch-sozialen Kongreß, in: Die Zukunft, Band 7, 2. Juni 1894, S. 403. zu argumentieren, um so den eigentlichen interessenpolitischen Kern ihrer Kritik zu verhüllen. Solange es darum gegangen sei, von der Kanzel herab die Sozialdemokratie anzugreifen, habe man keinen Anstoß daran genommen, daß „Geistliche über soziale Dinge predigten […]. Erst jetzt, wo die Predigt auch an den Mammon rührt […], da erwacht der Wächter der guten Ordnung und ruft durch die Kirchenhallen hin: Seid still!“9Ebd., S. 406.

Zwei Tage nach Erscheinen des Artikels in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung stimmte auch die konservative Kreuzzeitung in den Chor derer ein, die in den Vorträgen Webers und Göhres den Beginn der sozialistischen Unterwanderung der christlich-sozialen Bewegung Stoeckerscher [465]und Wagnerscher Prägung sahen.10[465] Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung), Nr. 230 vom 20. Mai 1894, Mo.Bl.: „Die innere Politik der Woche“. Hatte die Kreuzzeitung noch ein Jahr zuvor Weber als einen der besten Kenner der Verhältnisse in Ostelbien und als einen derjenigen gelobt, die die Stellung des Großgrundbesitzes im Osten zu würdigen wüßten,11Dass., Nr. 56 vom 2. Febr. 1893, Ab. Bl.: „Klagen des östlichen Großgrundbesitzes“. wobei sie freilich Äußerungen Webers aus dem Zusammenhang riß,12Siehe unten, S. 471, Anm. 20. so ließ sie ihn jetzt in „Ungnade fallen“ und argumentierte, daß Webers und Göhres Schlußfolgerungen aus dem Enquetematerial sich höchstens der Form nach von den Forderungen der Sozialdemokraten unterschieden. Auch die Conservative Correspondenz, das maßgebliche Presseorgan der Deutschkonservativen Partei, scheute nicht davor zurück, sich an dem Kesseltreiben gegen Göhre und Weber zu beteiligen.13Conservative Correspondenz, Nr. 64 vom 11. Juni 1894: „Ein Versucher“. Friedrich Naumann, der kurz zuvor in der „Zukunft“ klar und deutlich Stellung bezogen hatte, wurde ebenfalls angegriffen: letzten Endes seien Geistliche wie Naumann „schlimmer“ als Sozialdemokraten, von denen man wenigstens wüßte, wo sie stünden. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schrieb am 12. Juni in verächtlichem Ton, daß sie den Verteidigungsversuch Naumanns in der „Zukunft“ als zu „schwächlich“ erachtet habe, um selber darauf zu reagieren.14Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 268 vom 12. Juni 1894, Mo. Bl. (Notiz auf S. 1 ).

Max Weber verfolgte die Auseinandersetzung in der Presse über den fünften Evangelisch-sozialen Kongreß mit wachsender Erbitterung. In einem Brief an Friedrich Naumann von Mitte Juni 1894, in dem er sich für dessen Artikel in der „Zukunft“ bedankte, kündigte er an, daß er seinerseits „gegen diese Dreistigkeiten“ loszuschlagen beabsichtige.15Brief an Friedrich Naumann vom [16.] Juni 1894, ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 106.

Nur 16 Tage später, am 12. Juli 1894, erschien Webers Antwort unter dem Titel „Zum Preßstreit über den Evangelisch-sozialen Kongreß“ in der Christlichen Welt. Kampfeslustig schrieb Weber am 15. Juli seiner Frau: „Die ,Christl[iche] Welt‘ mit meinem groben Artikel wird Euch ja nachgeschickt worden sein, ich bin begierig, ob das Schweinsvolk darauf etwas Neues grunzen wird.“16Brief an Marianne Weber vom 15. Juli 1894, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Von vielen Seiten gingen Weber zustimmende Stellungnahmen zu; er selbst erwähnt „Zustimmungskarten von Theologen“.17Brief an Marianne Weber vom [17.] Juli 1894, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446 [Datierung Webers: 16. Juli 1894]. Darüber hinaus veröffentlichte die Frankfurter Zeitung am 15. Juli einen Leitartikel, der die Angelegenheit aufgriff und Weber Schützenhilfe [466]gewährte; die Überschrift „Ein Abonnent der Kreuz-Zeitung“ bezog sich direkt auf ihn. Max Weber habe zutreffend den interessenpolitischen Kern der gegen ihn und Göhre entfachten Kampagne der konservativen Presse enthüllt.18[466] Frankfurter Zeitung, Nr. 194 vom 15. Juli 1894, 3. Mo. Bl. Die in verschiedenen konservativen Zeitungen erschienenen Stellungnahmen nahm Weber zwar noch zur Kenntnis, fand sie aber nicht einer Entgegnung wert: „Die Erwiderungen sind unerwartet schwach und kleinlaut“, schrieb er und ergänzte: „Ich brauche nicht darauf zu antworten.“19Brief an Marianne Weber vom 20. Juli 1894, Bestand Max Weber-Schäfer, Deponat BSB München, Ana 446. Weber erwähnt hier Stellungnahmen der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung und der Kreuzzeitung. Ermittelt werden konnte nur eine betreffende Notiz auf Seite 3 in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, Nr. 332 vom 19. Juli 1894, Mo. Bl.

Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Text, der unter der Überschrift „Zum Preßstreit über den Evangelisch-sozialen Kongreß“, in: Die christliche Welt. Evangelisch-Lutherisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände, Leipzig, Nr. 28 vom 12. Juli 1894, Sp. 668–673, erschienen ist (A). Der Artikel ist gezeichnet: „Max Weber“. Webers eigene Anmerkung bindet in A mit Sternchen an. Dieses wurde durch die Indizierung mit in eine offene Klammer gesetzte Ziffer ersetzt.