Die Zukunft der deutschen Bodenverteilung.. Vortrag am 7. März 1896 in Frankfurt am Main
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[791]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Am 7. März 1896 hielt Max Weber im Christlich-sozialen Verein zu Frankfurt am Main einen Vortrag über „Die Zukunft der deutschen Bodenverteilung“. Der Verein war aus einer Abspaltung des Friedrich Naumann und der Arbeitervereinsbewegung nahestehenden Evangelisch-sozialen Vortragsvereins hervorgegangen. Auch Friedrich Naumann nahm an der Veranstaltung teil.1[791] Vgl. FZ, Nr. 68 vom 8. März 1896, 3. Mo.BI., S. 2. Thematisch lehnten sich Webers Ausführungen eng an seinen im Februar und März 1896 im Freien Deutschen Hochstift gehaltenen Vortragszyklus über „Agrarpolitik“ an.2Webers Exposé zu dieser Vortragsreihe sowie die betreffenden Zeitungsberichte sind in diesem Band abgedruckt, oben, S. 599–601 und S. 748–790. Weber hatte unmittelbar vor dem Vortrag, der für 20.30 Uhr angekündigt worden war,3Frankfurter Volksbote. Beiblatt zur „Hilfe“. Organ für christliche Vereine für Frankfurt am Main und Umgebung, Nr. 10 vom 8. März 1896, S. 1. im Hochstift den vierten Vortrag aus dieser Reihe gehalten.4In diesem Band abgedruckt, oben, S. 770–776.

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Doch können wir auf Berichte der Frankfurter Zeitung und des Frankfurter Volksboten sowie auf einen Brief Webers an den Münchener Nationalökonomen und Gegner des Anerbenrechts Lujo Brentano zurückgreifen. In diesem Brief erläuterte Weber den Bericht der Frankfurter Zeitung über seinen Vortrag und stellte ihn teilweise richtig, wobei er sich möglicherweise auch nachträglich selbst korrigiert hat.5Brief an Lujo Brentano vom 11. März 1896, BA Koblenz, Nl. Lujo Brentano, Nr. 67, BI. 176, 175. Zwei Punkte hob Weber auf Brentanos Anfrage hin als erläuterungsbedürftig hervor. Zum einen habe die Frankfurter Zeitung die von dem Freiburger Nationalökonomen Gerhart von Schulze-Gaevernitz propagierte Parole „Das Land der Masse“ irrtümlich Weber selbst zugeschrieben.6Schulze-Gaevernitz prägte die Forderung „Das Land der Masse“ offensichtlich erstmalig auf einer Ausschußsitzung des Evangelisch-sozialen Kongresses im Jahre 1895; er stieß damit bei den konservativen Kreisen um Adolf Stoecker auf schärfsten Widerspruch. Siehe dazu den Briefwechsel zwischen Stoecker und Friedrich Naumann, in: Heuß, [792]Theodor, Friedrich Naumann. – Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 1937, S. 677–680. Vgl. auch: Krüger, Dieter, Nationalökonomen im wilhelminischen Deutschland. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983, S. 265. Er, Weber, [792]habe dagegen beabsichtigt, diese Parole „als eine solche der westdeutschen Arbeiterklasse zu interpretieren.“ Zum zweiten habe er das Anerbenrecht nicht, wie die Frankfurter Zeitung berichtete, verworfen; er sei diesem gegenüber durchaus positiv eingestellt und befürworte seine Einführung unter gewissen Bedingungen, veranschlage aber die praktischen Schwierigkeiten seiner Durchsetzung sehr hoch:

„Ich selbst stehe dem Anerbenrecht in sofern doch freundlicher gegenüber, als, so viel ich sehen kann, Ihrem Standpunkt entspricht, als ich für Verhältnisse, die eine (relativ) aristokratische (großbäuerliche) Gliederung der ländlichen Gesellschaft erfordern – mangelnder Lokalabsatz, ungünstiger Boden – die gesetzliche Begünstigung des ungeteilten Erbübergangs und der Begünstigung des Übernehmers nicht nur für zulässig, sondern positiv für erwünscht halte, soweit es sich um selbständige Bauernnahrungen handelt. Nur schlage ich andrerseits die praktische Schwierigkeit der Ausscheidung 1) der geeigneten Gegenden, 2) der betreffenden Besitzschichten sehr hoch an. Was den Osten anlangt, so ist für mich das Institut, von den Gebirgs- und einigen Hochplateau-Gegenden, insbesondre gewissen national gemischten Distrikten abgesehen, nur für die durch systematische Colonisation zu schaffenden Höfe acceptabel, hier aber auch sehr erwünscht. Die private Rentengutsbildung, welche lediglich den Großgrundbesitzer in die Stellung des Güterschlächters setzt und dazu noch in seiner sozialen Position beläßt, scheint mir in ihrer jetzigen Form höchst bedenklich, und ich kann auch Ihrer kurzen Bemerkung nur beipflichten.“

Die Frankfurter Zeitung stellte ihrem Bericht die folgende Bemerkung voraus:7FZ, Nr. 68 vom 8. März 1896, 3. Mo.BI., S. 2. „Prof. Dr. Max Weber – Freiburg i. Br., bekanntlich einer der namhaftesten wissenschaftlichen Wortführer der Evangelisch-Sozialen, gibt gegenwärtig hier einen Extrakt aus seinen umfassenden agrarpolitischen Studien durch einen Lehrgang von fünf Vorträgen im Freien deutschen Hochstift, und heute Abend bot er im Christlich-sozialen Verein die Quintessenz eines Vortragscyklus durch eine Rede ,über die zukünftige Bodenvertheilung in Deutschland‘. Der Meriansaal war nur zu zwei Dritteln gefüllt. Hier draußen auf der Bornheimer Haide scheint man demnach nicht übermäßiges Vertrauen in die Thätigkeit des aus dem Evangelisch-sozialen Vortragsverein hervorgegangenen Christlich-sozialen Vereins zu setzen, der, wie der Vorsitzende, Graveur Haag, einleitend mittheilte, festhalte an Christenthum, Vaterlandsliebe und konstitutioneller Monarchie und auf religiösem, politischem, sozialem und kommunalem Gebiet wirken will.“

[793]Der Frankfurter Volksbote leitete seinen Bericht mit den Worten ein:8[793] Frankfurter Volksbote, Nr. 11 vom 15. März 1896, S. 1. „Die für den letzten Samstag Abend in den Meriansaal einberufene öffentliche Versammlung, in welcher Prof. Max Weber – Freiburg über die Zukunft der deutschen Bodenverteilung sprach, war anfangs schwach besucht, doch wurde bis zum Schluß der große Meriansaal ziemlich in allen Teilen besetzt. Der Redner, welcher gerade vorher einen einstündigen Vortrag im Freien Deutschen Hochstift gehalten hatte,9In diesem Band abgedruckt, oben, S. 770–776. gab in klarer, gemeinverständlicher Form einen höchst fesselnden und lehrreichen Auszug aus seiner Vortragsserie über ,Agrarpolitik' im hiesigen Hochstift. Da über letztere unsere Leser durch ausführliche Inhaltsangaben unterrichtet sind, so brauchen wir hier nur einige wenige Punkte aus dem öffentlichen Vortrag hervorzuheben.“ Der Frankfurter Volksbote schloß mit der Bemerkung:10Wie Anm. 8, S. 2. „Reicher anhaltender Beifall lohnte dem Redner die doppelte Anstrengung zweier Vorträge an einem Abend. Der christlich-soziale Verein aber hat allen Grund, zufrieden auf den von ihm veranstalteten Abend zurückzublicken.“

Zur Überlieferung und Edition

Manuskripte sind nicht überliefert. Über den Vortrag sind uns die folgenden Berichte überliefert:

  1. „Christlich-soziale Agrarpolitik“, Frankfurter Zeitung, Nr. 68 vom 8. März 1896, 3. Mo.Bl., S. 2;
  2. „Christlich-sozialer Verein für Frankfurt a.Μ. und Umgebung“, Frankfurter Volksbote. Beiblatt zur „Hilfe“. Organ für christliche Vereine in Frankfurt am Main und Umgebung, Nr. 11 vom 15. März 1896, S. 1f.

Webers Ausführungen – A(1) und A(2) – werden nach diesen Berichten wiedergegeben. Anders als in ihrem Bericht vom 8. März, in dem es heißt, Weber spreche „über die zukünftige Bodenvertheilung in Deutschland“, kündigte die Frankfurter Zeitung am 7. März 1896 Webers Vortrag mit dem Titel „Die Zukunft der deutschen Bodenvertheilung“ an.1FZ, Nr. 67 vom 7. März 1896, 2. Mo.BI., S. 2. Denselben Titel gab auch der Frankfurter Volksbote in seinem Bericht an. Er wird daher hier übernommen.