Die bürgerliche Entwickelung Deutschlands und ihre Bedeutung für die Bevölkerungs-Bewegung.. Rede am 9. Januar 1897 in Saarbrücken
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[810]Editorischer Bericht

Zur Entstehung

Vermutlich im Jahre 1896 – eine genaue Datierung ist nicht möglich – erhielt Max Weber eine Einladung des Handwerkervereins St. Johann-Saarbrücken. Dieser Verein, der 1864 auf dem Höhepunkt der liberalen Arbeiter- und Handwerkervereinsbewegung gegründet worden war,1[810] „Satzungen des Handwerker-Vereins für St.Johann und Saarbrücken“, Stadtarchiv Saarbrücken, Best. Alt Sbr. 1769. hatte sich im Laufe der Zeit zu einem nicht mehr nur an einer sozialen Gruppe orientierten, allgemeinen Volksbildungsverein entwickelt,21894 hatte der Handwerkerverein den zusätzlichen Namen „Verein für Volksbildung“ angenommen. Gabel, Karl Alfred, Kämpfe und Werden der Hüttenarbeiter-Organisationen an der Saar. – Saarbrücken: Saarbrücker Druckerei und Verlag o. J. [1921], S. 94. behielt aber den Namen „Handwerkerverein“ bei. In den 1890er Jahren gewann er zunehmend Profil in der Auseinandersetzung mit dem einflußreichen saarländischen Schwerindustriellen Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg. Von Stumm, der im Saarland jegliche Opposition gegen sich mundtot zu machen suchte, ließ durch seine Presseorgane, das Saarbrücker Gewerbeblatt und, seit 1896, die Neue Saarbrücker Zeitung, den Handwerkerverein scharf angreifen.3Bellot, Josef, Hundert Jahre politisches Leben an der Saar unter preußischer Herrschaft (1815–1918). – Bonn: Ludwig Röhrscheid 1954, S. 194f. Anlaß dazu bot ihm die sozialpolitisch aufgeschlossene Haltung des Vereins, der Friedrich Naumann und Adolph Wagner zu Vorträgen einlud. Friedrich Naumann referierte zweimal im Handwerkerverein: im Oktober 1894 über „Notstand, Almosen und Hilfsorganisationen“ und im Oktober 1895 über „Aufbau und Auflösung des Familienlebens“.4Ebd., S. 194. Im April 1895 sprach Adolph Wagner über „Sozialismus, Sozialdemokratie und positive Reform“.5Ebd. Insbesondere die Einladung Wagners mußte von Stumm erbittern, da der Streit zwischen beiden, der sich an den Angriffen von [811]Stumms auf die sogenannten „Kathedersozialisten“ entzündet hatte, noch in aller Munde war. Auch Max Weber hatte sich in diese Auseinandersetzung im Frühjahr 1895 zugunsten von Adolph Wagner eingeschaltet.6[811] Siehe die beiden Artikel Webers „Die Kampfesweise des Freiherrn v. Stumm“ und „Eingesandt“ oben, S. 517–519 und S. 522f. Zum Hintergrund der Auseinandersetzung von Stumm/Wagner siehe die Editorischen Berichte zu diesen beiden Artikeln. Es lag daher ganz auf der politischen Linie des Saarbrücker Handwerkervereins, Max Weber um einen Vortrag zu bitten. Der Verein wollte ein eindeutiges Zeichen seiner andauernden Opposition gegen den absoluten Machtanspruch von Stumms setzen.

Zu welchem Zeitpunkt sich der Handwerkerverein an Max Weber wandte, ist nicht bekannt. Am 9. Dezember 1896 stand der Termin für den Vortrag jedoch fest.7Brief Max Webers an Friedrich Naumann vom 9. Dez. 1896, ZStA Potsdam, Nl. Friedrich Naumann, Nr. 106: „Anfang Januar spreche ich voraussichtlich in Saarbrücken im Handwerker-Verein.“ In seinen Erinnerungen an Max Weber berichtet Paul Honigsheim, Weber habe über seinen Aufenthalt in Saarbrücken erzählt: „Ich fuhr hin, aß in einem Restaurant zu Mittag, fühlte mich dort aber sofort von andern anwesenden Gästen – offenbar Ingenieuren und höheren Büroangestellten – umlauert; sie glaubten, ich gehörte zu Stumms Spitzelsystem.“8Honigsheim, Paul, Max Weber in Heidelberg, in: Max Weber zum Gedächtnis. Materialien und Dokumente zur Bewertung von Werk und Persönlichkeit, hg. von René König und Johannes Winckelmann. – Köln: Westdeutscher Verlag 1963 [2. Auflage 1985], S. 164.

Der Vortrag, den Weber am 9. Januar 1897 unter dem Titel „Die bürgerliche Entwickelung Deutschlands und ihre Bedeutung für die Bevölkerungs-Bewegung“9In der Presse war der Vortrag zuvor unter diesem Titel angekündigt worden; demgemäß geht der Titel mit Sicherheit auf Max Weber selbst zurück. Malstatt-Burbacher Zeitung, Nr. 7 vom 9. Jan. 1897, S. 2, und Neue Saarbrücker Zeitung, Nr. 8 vom 9. Jan. 1897, S. 3. hielt, beeindruckte den Zuhörerkreis offensichtlich sehr stark. Jedenfalls erhielt Weber wenig später10Weber, Marianne, Lebensbild1, S. 236. aus Saarbrücken das Angebot, bei den Reichstagswahlen 1898 zu kandidieren. Das Angebot kam von einer Gruppe Saarbrücker nationalliberaler Sezessionisten, die im Gegensatz zu den übrigen Nationalliberalen nicht mehr – so wie bislang üblich – bereit waren, einen von Stumm genehmen Kandidaten aufzustellen.11Bellot, Hundert Jahre, S. 197. Der Handwerkerverein und diese Gruppe standen offensichtlich in engem Kontakt miteinander;12Der Vorsitzende des Handwerkervereins, Theodor Meyer, wurde später von der nationalliberalen Minderheitsgruppe als Reichstagskandidat aufgestellt. Bellot, ebd., S. 197f.; Saarbrücker Zeitung, Nr. 130 vom 14. Mai 1897, S. 2. sie traten gemeinsam an Max Weber mit dem Vorschlag heran, er möge im Wahlkreis Saarbrücken für den Reichstag kandidieren.13Bellot, ebd., S. 197. [812]Weber, der im Begriff war, den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft in Heidelberg zu übernehmen, lehnte dies jedoch ab.14[812] Weber, Marianne, Lebensbild1, S. 236f. Laut Paul Honigsheim begründete Weber seine Ablehnung mit den Worten: „Ich war eben gerade hierher nach Heidelberg berufen worden und konnte es den Leuten wirklich nicht antun, sofort schon wieder abwesend zu sein.“ Honigsheim, Max Weber in Heidelberg, S. 163. Auch wenn Max Weber nicht von Freiburg nach Heidelberg übergewechselt wäre, hätte er das Angebot vermutlich nicht angenommen, da ihm dieses nicht eben besonders aussichtsreich erschien. Im Februar 1898 schrieb er bezüglich etwaiger Pläne seines Vetters Otto Baumgarten, seinerseits eine Reichstagskandidatur anzustreben: „Alles Entscheidende und Große schlummert vorerst im Hintergrund und ist verhüllt durch einen Wust von Kleinigkeiten. Ich dächte jetzt auch nicht daran, mich politisch zu beteiligen.“15Brief an Emmy Baumgarten vom 18. Febr. 1898, Bestand Eduard Baumgarten, Privatbesitz.

Der Entschluß der Gruppe Saarbrücker Nationalliberaler, einen Gegenkandidaten zu dem von Stumm genehmen und gefügigen offiziellen Kandidaten der Nationalliberalen aufzustellen, ist insofern folgenreich gewesen, als von Stumm erst durch diese Gegenkandidatur dazu bewogen wurde, erneut im Nachbarwahlkreis Saarburg-Merzig-Saarlouis zu kandidieren; er hatte bereits erwogen, seinen Platz für einen Kandidaten des Bundes der Landwirte freizumachen.16Hellwig, Fritz, Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg 1836–1901. – Heidelberg, Saarbrücken: Westmark-Verlag 1936, S. 554.

Dem im folgenden nach dem Bericht der St. Johanner Zeitung abgedruckten Vortrag Webers im Saarbrücker Handwerkerverein folgt die redaktionelle Bemerkung:17St. Johanner Zeitung, Nr. 10 vom 13. Jan. 1897, S. 2. „Der von tiefem wissenschaftlichen Geiste und warmer Vaterlandsliebe getragene Vortrag, den wir hier – so schreibt unser Korrespondent – nur in den Hauptgedanken wiedergeben können, wurde mit ungetheilter Aufmerksamkeit entgegengenommen und fand lebhaften Beifall.“ Dem Nachdruck in der Saarbrücker Zeitung folgt dieselbe Bemerkung ohne den Zusatz: „– so schreibt unser Korrespondent –“.18Saarbrücker Zeitung, Nr. 12 vom 13. Jan. 1897, S. 2.

[813]Zur Überlieferung und Edition

Ein Manuskript ist nicht überliefert. Der Abdruck folgt dem Bericht, der unter der Überschrift „Die bürgerliche Entwickelung Deutschlands und ihre Bedeutung für die Bevölkerungs-Bewegung“ mit dem Untertitel „Vortrag von Herrn Universitäts-Professor Dr. Max Weber aus Freiburg, gehalten im Handwerker-Verein St. Johann-Saarbrücken am 9. Januar 1897“ in der St. Johanner Zeitung, Nr. 10 vom 13. Januar 1897, S. 2, erschienen ist (A(1)). Die Saarbrücker Zeitung, Nr. 12 vom 13. Januar 1897, S. 2, A(2), veröffentlichte diesen Bericht ebenfalls. Dabei modernisierte sie die Schreibweise (z. B. Heimat statt Heimath; exportiert statt exportirt; Verhältnis statt Verhältniß) und nahm einige Hervorhebungen vor. Ansonsten ist dieser Bericht identisch mit dem der St. Johanner Zeitung. Im folgenden wird der Bericht der St. Johanner Zeitung dem Druck zugrundegelegt. Textkritisch annotiert werden die Hervorhebungen und Varianten des Berichts der Saarbrücker Zeitung mit Ausnahme der durch die Modernisierung der Orthographie bedingten Abweichungen.