Eingesandt. 1895
(in: MWG I/4, hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff)
Bände

[522][A 3]Eingesandt

Soeben kommt mir die „Post“ vom 6. d. M. zu Gesicht, in der ein anonymer Artikel über „Zweikampf und Ehrengericht“ sich auch mit mir befaßt. Ich nehme an, daß der Verfasser mit demjenigen der Stummschen „Myrmidonen“,1[522] Anspielung auf „ameisenhafte Geschäftigkeit und Vielzahligkeit“. Die Myrmidonen, bekannt als ein archaischer Volksstamm Thessaliens, wurden nach der Sage von Zeus aus Ameisen geschaffen. der in der „Post“ vom 1. d. M.2Dieser Artikel ist nicht mehr nachzuweisen. von meiner „unqualifizirbaren“ Gesinnung ebenfalls anonym sprach, nicht identisch ist. Einen der „älteren Kameraden“, deren Belehrung er mich empfiehlt, kann ich in ihm freilich auch nicht vermuthen. Ein solcher hätte schwerlich über einen Ehrenhandel öffentlich anders als unter seinem Namen sich geäußert. Ebensowenig hätte er Ansichten wie die aufgestellt: „Da die Beleidigung eine öffentliche war, so mußte die Öffentlichkeit wissen, wie der weitere Verlauf sich gestaltet habe.“ Der „Öffentlichkeit“ lag an dieser Wissenschaft gewiß nichts, und für einen Offizier in Ehrensachen ist sie niemals die zur Beurtheilung zuständige Instanz. Gerade er darf sie gar nicht anrufen. Er muß vielmehr für sich das Vertrauen in Anspruch nehmen, daß er seine Ehre zu wahren gewußt habe, ohne darüber dem Zeitungspublikum einen unerbetenen Bericht zu erstatten. Obendrein entsprach nun hier jener Bericht – die Notiz in der „Post“3Gemeint ist die Notiz „von Redaktionswegen“ in der „Post“, Nr. 26 vom 27. Januar 1895. Vgl. auch Anm. 5 im Editorischen Bericht, oben, S. 521. – nicht einmal derjenigen Darstellung, die der „Post“-Anonymus jetzt von dem Verlauf der Sache giebt, und diese Darstellung wiederum wird von Professor Wagner fast durchweg angefochten. – Danach wird niemand glauben, daß Frhr. v. Stumm durch die Herbeiführung jener Notiz etwa einer Pflicht gegen seine Offiziersqualität genügen wollte. Gegenüber meiner Deutung seiner Motive konnte er schweigen. Dann überließ er der „Öffentlichkeit“, dieses Schweigen günstig oder ungünstig für ihn zu deuten. Selbst aber zu schweigen und die Vertretung seines Verhaltens in Ehrensachen anderen, zumal [523]anonymen Artikelschreibern zu überlassen, – das war jedenfalls dann schwerlich das Richtige, wenn er wirklich Gewicht darauf legen sollte, sein Verhalten speziell mit Berücksichtigung seiner jetzt plötzlich hervorgehobenen Offiziersqualität beurtheilt zu sehen. Wenn endlich ihn, bez. seinen anonymen Preßfreund meine größere Jugend, wie es scheint, gestört hat, so muß ich daran erinnern, daß auf dem Kampfplatz, den der Frhr. v. Stumm betreten zu wollen schien, die Altersunterschiede nicht zu gelten pflegen. Mir scheint im übrigen, daß die „Öffentlichkeit“ nachgerade der weiteren Erörterung dieser Sache herzlich satt sein dürfte, und ich werde auf weitere Artikel dieser Art nicht mehr antworten. Mit der formal verantwortlichen Redaktion der „Post“ insbesondere, mich an dieser Stelle über Fragen solcher Art auseinanderzusetzen, wäre ein Mißbrauch der Gastfreundschaft, welche die „Kreuzzeitung“ in ritterlicher Weise einem sonst politisch Andersdenkenden in ihren Spalten gewährt hat.